ARGENTINI EN : POLITISCHE KRISE UND REVOLUTIONÄRER KAMPF +*++*+*****+*+ ***********************++++ +++++ Der neue Coup der Offiziere, die gerade Levingston durch lanusse ersetzten, überraschte in Argentinien niemanden besonders. Seit einiger Zeit hingen alle klassischen Symptome eines solchen Streiches ganz deutlich in der Luft, und die Führer der verschiedenen Tendenzen polemisierten offen miteinander. Die Ereignisse im Monat März bestätigen lediglich die Krise, die gegenwärtige politische und soziale Auflösung des Systems, das nicht in der Lage ist, irgendwelche Lösungen selbst für die dringendsten Probleme vorzuschlagen oder eine Führung mit einem Mindestmaß an Homogenität oder Stabilität zu produzieren.
Durch die Militärdiktatur von Ongani. , die 1966 an die Macht kam, glaubte die argentinische Bourgeoisie für kurze Zeit, sie sei in eine Phase relativer Stabilität eingetreten. Dank der wachsenden Ausbeutung der Arbeiterklasse und der Verarmung der Volksmassen und der Kleinbourgeoisie war es tatsächlich möglich, einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Gleichzeitig trugen die Manöver der völlig bürokratisierten Gewerkschaften, die in Wirklichkeit mit dem Regime kollaborieren, zu einer Stagnation des Kampfes der Massen bei. Das Intermezzo war jedoch kurz. Im Mai 1969 zeigten große Massendemonstrationen der Arbeiter und Studenten in Cordoba und Rosario eine plötzliche Wendung an. Die revolutionäre Krise, die den lateinamerikanischen Kontinent erschüttert, entwickelte sich auch in Argentinien.
AUF "PERUANISCHEM" KURS ?
Die Geschichte der letzten zwei Jahre ist die Geschichte der verzweifelten Versuche der argentinischen Bourgeoisie, eine Alternativlösung zu finden. Ihre Antwort auf den Aufstand im Jahre 196) bestand in verstärkter Repres-
was jedoch die Massenbewegung nicht aufhalten konnte. Deshalb wurde das Regime Levingston, welches vom sozialen Inhalt her keine Unterschiede zum Regime Ongani aufzeigie, durch dauernde fraktionelle Geplänkel schen - auf einen einfachen Nenner gebracht - den Befürwortern einer stärkeren Repression und denen einer "nationalistisch-populistischen" Taktik gekennzeichnet . Letztere wollien eine gewisse Massenbasis für das Regime gewinnen und die Kollaboration der traditionellen politischen Kräfte. Strei! die politische Orientierung ver. ischte sich außerdem mit dem Streit um die wirtschaftliche Orientierung. Die Vertreter einer " atonaleren" , mehr protektionistischen Politik stieße: mii den einer "liberalen" Politik zusammen, welche in Wirklichkeit das Eindringen ausländischen Kapitals (an erster Stelle des amerikanischen) fördern vürde.
Die Frage, ob eine Lösung à la Peru in Argentinien zu erwarten . ei, wurde in politischen Kreisen 1 n der Ta: diskutier!. Anfang März zum Beispiel machte Ex-Präsident Prondizi einen langen Besuch in Peru und gab in dessen Verlaut bezeichnende Erklärungen ab. Außerdem bestehen Strömungen in der kleinbürgerlichen linken, die offen das Regime von Velasco Alvarado (in Peru) preisen. wie z.B. die "laquierda Naciona!" (Nationale Linke) von Abelardo Ramos, welche die Artikel des Kapitulanten Ismael Frias veröffentlicht, der im Jahre 965 zusammen mit Michel Pablo die Vierte Internationale verlassen hatte.
Die argentinischen revolationären Marxisten halten ihrerseits eine peruafür ziemlich unwahrscheinlich. Und tatsächlich unterscheidet nische Lösung sich Argentinien von Peru auch strukturell, da in letzterem Land sowohl vor als auch nach dem Coup von 1968 die Agrarfrage eines der Hauptprobleme des landes bleibt and es keine industrielle Entwicklung argentinischen Ausmaßes kannte. Gleichzeitig bot die peruanische Armee - vor allem in Verbindung mit einer relativen Stagnation der Massenbewegung - gewisse Sicherheiten, eine Veränderung glatt durchzuführen. Es gab viele Möglichkeiten, den Entwicklungsprozeß wenigatens während einer ganzen Periode von oben zu kontrollieren. Dies jedoch ist in Argentinien nicht der Fall, da die Armee selbst tief gespalten ist und sich die Massen, der entscheidende Faktor in letzter Instanz, seit 1969 in der Offensive befinden. Eine Wende innerhalb der argentinischen politischen Lage wäre nur unter zwei Bedingungen möglich:
i. wenn die Regierung den Massen bedeutende wirtschaftliche Konzessionen machte und somit den Spielraum der Gewerkschaften erweiterte, damit diese ihre Glaubwürdigkeit wenigstens ein bißchen wieder herstellen könnten; 2. wenn ein Binverständnis mit den politischen Gruppierungen, von denen angenommen wird, daß sie wirklichen Binfluß auf den Wähler haben, erreicht werden könnte.
Dies stellt die Frage eines Kompromieges mit dem Peronismus. Es könnte als letzten Auser selbst die Frage der Rückkehr Perons aus dem Madrider Exil aufwerfen. In der gegenwärtigen spezifischen bage jedoch - einer Phase militanter Mobilisierungen der Arbeiterklasse, einer Radikalisierung breiler kleinbürgerlicher Schichten, der Entwicklung neuer revolutionärer Avantgarden (selbst innerhalb der peronistischen Bewegung) - würden derlei Operationen enorme Gefahren für die Bourgeoisie mit sich bringen. Ein Prozeß könnte ausgelöst werden. den niemand mehr kontrollieren kann, und das Ganze System würde in Gefahr kommen, zusammenzubrechen. Deshalb ist es für Politiker oder politisierende Offiziere leichter, über "volksnationale" , "konetitutionelle" oder "peruanische" Lösungen zu reden, als genaue Formen aufzuweisen, wie derartige Lösungen durchgeführt werden könnten. Und deshalb ist es einfacher, Wahlen als Basis zur Rückkehr zur "Normalisierung" 2u Versprechen. ale ein Datum für diese Wahlen festzusetzen und dann vor allem bei diesem Datum zu bleiben.
MASSE MOBILISIERUNG UND BEWAFFNETE PROPAGANDA
Während der letzten zwei Monate fanden ununterbrochen Studenten-, Volksund Arbeitermobilisierungen statt. Sektoren des Kleinbürgertums und selbst der freien Berufe nahmen daran teil. Das Hauptzentrum dieser Mobilisierungen war die Industriestadt Cordoba, in welcher die Arbeiter mehrere Generalstreiks und große Straßendemonstrationen abhielten, die tausende, ja zehntausende von Teilnehmern zählten. Die Arbeiterklasse der Großbetriebe dieser Stadt führte eine Bewegung an, welche sich zusehends gegen die Militärdiktatur und die kapitalistische Ausbeutung im allgemeinen richtete und durch die andauernde Verschlechterung des Lebensstandards vorangetrieben wurde (nach offiziellen Statistiken stiegen die Preise zwischen Februar 1970 und Februar 1971 um 29,9 % ). Darüberhinaus schritt gerade in Cordoba der politische Reifungsprozeß der neuen Ar itera antgarde am weitesten voran. Aktive Gewerkschaftler wie jene der automobilindustrie (SITRAC und SITRAM) wandten sich gegen die alte, feige, korrupte Bürokratie. Die Studenten nahmen an den Kämpfen der Arbeiter teil. Organisationen, die für den bewaffneten Kampf eintreten, gewannen beträchtlichen Einfluß und unternahmen spektakuläre Aktionen. Die Lehren des argentinischen Mai 1969 und der jüngsten Repressionen offenbarten tausenden und zehntausenden von Arbeitern, daß der Klassenkampf in Argentinien nun einen Punkt der bewaffneten Konfrontation erreicht hat, und daß die Militärdiktatur lediglich durch revolutionäre Gewalt bekämpft werden kann.
Während des letzten Jahres war Argentinien fraglos das lateinamerikanis he bend, in dem sich städtische Guerillaaktionen am aufsehenerregendsten entwickelt haben (in gewisser Weise erreichten sie eine höheres Niveau als jene von Uruguay). Fünf Organisationen spielten dabei • führende Rolle: - die FAP, Fuerzas Armadas Peronistas (Peronistische Bewaffnete Kräfte); - die FAR, Fuerzas Armadas Revolucionarias (Revolutionäre Bewaffnete Kräfte):
- die Montoneros; - die FAL, Frente Armada de Liberación (Bewaffnete Befreiungsfront); - die ERP, Ejército Revolucionario: del Pueblo (Revolutionäre Volksarmee) . Die ersten drei Organisationen nennen sich Peronisten. Sie unterliegen tiefgreifenden Differenzen, die ganz einfach die Differenzierung innerhalb der peronistischen Bewegung im allgemeinen widerspiegeln. Die FAL nennt sich marxistisch-leninistisch. Sie entstand zu Teil aus Mitgliedern der PCR (Partido Comunista Revolucionario - Revolutionäre Kommunistische Partei), welche ihrerseits von jungen Leuten gegründet wurde, die die KP vor einigen Jahren verlassen hatten. Die ERP wurde als Ergebnis eines Beschlusses der PRT (Partido Revolucionarict de los Trabajadores - Revolutionäre Arbeiterpartei), der argentinischen Sektion der Vierten Internationale, gegründet, welche die ERP politisch und organisatorisch leitet (siehe INPREKORR Nr. 1 vom 15.3.71). Afgrund owohl ihres eigenen Wachstums als der Schwierigkeiten, die die anderen Organisationen durchmachten, erschien die ERP in jüngster Zeit als die dyr amischste und fähigste Kraft, spektakuläre Aktionen durchzuführen, die breite Sympathien unter den Volksmassen hervorriefen.
Die strategische Perspektive, die von den argentinischen Genossen befolgt wird, ist durch den Neunten Weltkongreß der Vierten Internationale festgelegt. Sie wurde auf den beiden letzten nationalen Kongressen der PRT ausgearbeitet und präzisiert: langanhaltender bewaffneter Kampf, revolutionärer Krieg, der die Intervention der Imperialisten zur Folge haben könnte und somit nur in enger Verbindung mit den Massen und ihrer wachsenden Beteiligung ausgeführt werden kann. Die argentinischen Genossen haben nicht die Illusion, daß sie durch die Aktivität von kleinen Avantgardegruppen dem Klassenfeind einen tödlichen Schlag versetzen können, und sie haben von Anfang an Focustheorien wie jene von Régis Debray abgelehnt, die mehr oder weniger offen von vielen revolutionären Kerngruppen und Aktivisten in Argentinien und anderen Ländern aufgenommen wurden. Für die argentinischen
Revoluti. näre sind die Kämpfe der letzten Monate nur die Anfangsphase eines rerolutionärer Kampfes, der sich für die Zukunft abzeichnet. Ihre Aktionen stellten lediglich den Beginn des Kampfes dar, der gezwungenermaßen lang und schwierig sein wird. Ihr Ziel ist es, ihre Kräfte zu verstärken, Aktivisten für den Kampf auszubilden, Einfluß und Sympathie dưch bewaffnete Propaganda zu erhalten und die ersten direkten Verbindungen zwischen bewa !fnetem Kampf und der besonderen Dynamik der Arbeiterkämpfe herzustellen.
Die Aktioner, die seit Beginn des Jahres einander folgten und besonders im Februar und März rapide zunahmen, beeindruckten die bürgerlichen Tagesund Wochenzeitungen sehr stark. Sie können folgendermaßen charakterisiert werden:
A) Aktionen im Stil der alten bolschewistischen Tradition mit dem Ziel, sich finazielle Mittel zu beschaffen (die aufsehenerregendste dieser • Aktionen fand in Cordoba statt. Sie brachte gemäß der argentinischen Presse 121 Millionen Pesos = ca. 345 714 Dollar ein); B) Aktionen mit dem Ziel der Beschaffung von Waffen und Medikamenten (die spektakulärste Aktion auf diesem Ge" iet fand in einem Krankenhaus in Buenos Aires statt); C) Aktionen mit dem Ziel, die Sympathien der unterdrücktesten Bevölkerungsschichten zu erringen, indem Nahrungsmitte (Fleisch, Milch usw.) an sie verteilt werden, die man Großhandelsfirmen entwendet hat; D) Aktionen, die direkt mit den Arbeiterkämpfen verbunden sind (die bis jetzt richtigste war jene einer bewaffneten Truppe, die in die Fiatwerke in Cordoba eindrang und dort eine Versammlung abhielt). All diese Aktionen haben ihr Ziel der bewaffneten Propaganda wirksam erreicht. Die ERP ist gegenwärtig die bekannteste revolution" e Organisation und gewann breite Sympathien, auch in einigen Großbetrieben. Vom technischen Gesichtspunkt aus mußte selbst der Feind zugeben, daß die ERP einige große Erfolge hatte.
PRT UND ERP IN DER VORDERSTEN REIHE DER KÄMPFE
Jegliche Sorge, derlei bewaffnete Aktionen k"nnten die Organisation von den Massen isolieren, ist im gegenwärtigen Argentinien absolut unbegründet. Das Gegenteil ist der Fall. Die arbeitenden Massen, die aktiven Genossen der Studentenbewegung und die armen Schichten der Großstädte heissen die Initiativen der revolutionären Organisationen sehr willkommen. Während eines Generalstreiks in Cordoba wurden die Banner der ERP von tausenden Demonstranten bejubelt (selbst die bürgerliche Presse zugehen). Am selben Tag - trotz der Opposition gewisser sogenannter revolutionärer Gruppen, inklusive der Prochinesen - marschierten Tausende zum Stadtgefängnis, in dem Genossen der bewaffneten Organisationen sitzen, und hörten dort begeistert kurze Reden einiger Gefangener, die diese von ihren Zellenfenstern aus hielten (gemäß der Presse Mitglieder der Montoneros und der ERP). Einige Tage später nahmen 5000 Menschen an der Beerdigung eines durch die Polizei getöteten jungen Arbeiters teil. Der Sarg war mit der Fahne der ERP bedeckt. Und schließlich kann keine Nahrungsmittelverteilung ohne die aktive Beteiligung der Bevölkerung in den Distrikten, wo diese Operationen stattfinden, durchgeführt werden.
Nochmal: unsere Genossen sind sich darüber im klaren, daß zukünftige Entwicklungen weitgehend von ihren Fähigkeiten abhängen, die gewonnene Sympathie und den Einfluß in feste Bande mit der Massenbewegung umzuformen, von ihrer Fähigkeit, die bewaffnete Aktion in die Dyramik der Kämpfe der Arbeiterklasse und aller armen Schichten des Landes zu integrieren. Jedenfalls sind ihre Initiativen in den letzten Monaten ein Meilenstein in der Erfahrung des bewaffneten Kampfes in Lateinamerika. Deshalb lenkt das Vereinigte Sekretariat der Vierten Internationale die Aufmerksamkeit der revolutionären Marxisten auf die Bedeutung der argentinischen Ereignisse und auf die Aufgaben der internationalen Solidarität, die sich daraus ergeben. Es sendet seine wärmsten Grüße an die PRT und drückt seine brüderliche Solidarität mit den Genossen aus, die heute Opfer der Repression und der Verhaftung durch die Diktatur sind.
3i.3.1 /l Livio Maitan