WELTJUGENDFESTSPIELE (Vorbemerkung: dieser Artikel ist schon im Juli 1973 geschrieben worden, und zwar vor Beginn der weltjugendtestspiele am 28. Juli 1973 in Ostberlin. Er wurde erstmals in "informační materíaly", Nr. 8/9 vom August 1973 veröffentlicht und von uns aus dem tschechischen übersetzt, INPREKORR-Redaktion) In Ostberlin beginnen am 28. Juli die 10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Es ist wohl angebracht, anlallich dieses Ereignisses einige Bemerkungen über die Tradition und den Inhalt dieses " Treffens der Jugend der ganzen Welt ohne Unterschiede der Meinung" zu machen. Noch während des 2. Weltkrieges trafen die Vertreter der Jugend aus verschiedenen Ländern mehrmals zusammen, um die Möglichkeiten und Perspektiven eines wirksamen Kampfes gegen den Faschismus zu diskutieren. Bereits damals war allen klar, daß der gemeinsame Kampf auch nach der Niederlage des Faschismus weitergeführt werden muß, um das Entstehen ähnlicher Tendenzen in Zukunft zu verhindern, Deshalb haben die Teilnehmer dieser Treffen anläßlich der Weltkonferenz der Jugend, die vom 31. Oktober bis 10, November 1945 in London stattfand, den Weltbund der demokratischen Jugend gegründet, Damals waren in dem Bund verschiedene Jugendorganisationen vertreten, die sich -- neben ihrer antifaschistischen und antiimperialistischen Zielsetzung -- auf ein Minimalprogramm einigten: dieses Programm beinhaltete sieben Grundrechte der Jugend, für die es zu kamp• fen galt: das Recht auf Arbeit, Ausbildung, Erholung, Erziehung, ärztliche Versorgung, das Recht, eigene Organisationen zu gründen und Gleichberechtigung von Mann und Frau, Der Bund sollte zudem für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und Zusammenarbeit der Jugend in allen Bereichen des öfentlichen und kulturellen Lebens arbeiten und den Kampf gegen Rassismus und für Frieden und Demokratie unterstützen. Man einigte sich darauf, daß der Bund verschiedene internationale Aktionen veranstalten sollte, von denen die Weltfestspiele der Jugend und Studenten zweifellos die rößte Bedeutung gewannen. Bis heute fanden (ursprünglich in zweijährigen Abständen) folgende Festivals statt: Prag (1948), Budapest (1949), Ostberlin (1951, Bukarest (1953), Warschau (1955), Moskau (1957), Wien (1959), Helsinki (1962) und Sofia (1968).
Die Festivals, die stets sehr aufwendig und mit großer Sorgfalt vorbereitet wurden, verliefen bis 1962 diszipliniert und ruhig. Alle haben sich dort gut "verstanden es gab niemanden. der etwas kritisieren wollte und di‹ Sowjetunion war der große Bruder, In Ostberlin sagte 195) der Generalsekretär des Komsomols in seiner Rede u, a.: "Die sowjetische Jugend, die von dem Genossen Stalin 16-
erzogen wurde, hat schon mehrfach dem Internationalismus ihre Treue bewiesen, Niemand soll daran zweifeln, daß die sowjetische Jugend unter der Führung des Genossen Stalin auch in Zukunft ihre Pflichten im Kampf für den Frieden und das Glück der Jugend der -- der Genosse Stalin!" Kurz danach fing der große Lehrer und Freund an, der KP der Tschechoslowakei Lektionen zu erteilen und setzte sich dafür ein, daß unzählige unschuldige Menschen in Gefängnissen und am Galgen ihr Ende gefunden haben. In der zitierten Rede kommt auch das wahre Gesicht des Stalinismus zum Ausdruck -- nämlich der absolute Anspruch auf die Fühaing und die erzwungene Übernahme der sowjetischer taxi in allen Bereichen. Hier ist es einmal die sowjetische Jugend, da.sind es wiederum die sowjetischen Erdes Festivals; es ging gar nicht um die Einheit der demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Jugend, sondern um bedingungslose Identifikation und Unterwerfung unter die UdSSR.
In Helsinki wurde zwar die "herzhafte und ungestörte Atmosphäre" des Festivals - - dank der Diskussionen über Ungarn -- zum erstenmal gestört; aber erst in Sofia sem Festival gingen einige "gefährliche" Entwicklungen 196 kam der Kontikt zum Ausbruch, Denn gerade dievoraus, die in erster Linie gegen die Autorität gerichtet waren, Junge Franzosen hatten den Pariser Mai hinter sich, in der Tschechoslowakei diskutierte und praktizierte man die Demokratisierung des Sozialismus, in der BRD und Westberlin war die antiautoritäre Phase der Studentenbewegung an der Tagesordnung, verbunden mit der anhaltenden Politisierung der Studenten. In dieser Atmosphäre begann ein Festival, das kein Interesse an einer wirklichen Diskussion, sondern an der Repräsentation der bürokratischen Einheit hatte. Diskussionen über diese Aktionen hätten notwendigerweise zur Kritik an der Sowjetunion und deren Verbündeten geführt, man hätte alle möglichen Alternativen diskutieren müssen -- folglich hatte man andere Modelle als das sowjetische entdeckt. Das alles war sowohl den Funktionären aus dem Osten als auch denen aus dem Westen klar. Dieser Hintergrund macht verständlich, daß das Festival unter dem Motto der Weltkampagne für die Solidarität der Jugend mit dem Kampf des vietnameischen Volkes veranstaltet wurde, Wir wollen nicht betonen, daß auch wir die Vietnamfrage für äußerst wichtig halten; wit glauben aber auch, laß 1968 in Europa so viele wichwerden müssen, Die abetrakte Sondarität mit dem vietna- werden müssen. mesischen Volk, die sich lediglich in einigen Resolutionen manifestierte, sollte dazu dienen, die Diskussion ler Fragen -- wie z. B. die Entwicklung in der CssR oder tie Rolle der KPF in den Maikämpfen der Pariser Studenten und Arbeiter zu vermeiden.
Bereits während der Eröffnung des Festivals in Sofia kam es zai Auseinandersetzungen. Beim Betreten des Stadions wollten die bulgarischen Ordnungshüter der tchechoslovakischen Delegation ein großes Bild von Dubcek wegnehnen. Die Teilnehmer des bundesdeutschen SDS warer klüger: ihr Transparent, auf dem sie zu einer Demo vor der US-Botschaft in Sotia aufrieten, zeigten sie erst auf dem Gelände des Stadions. Außerdem wurde an der bulgarischen Grenze einer Gruppe junger Tschechoslowaken die Einreise verweigert, die zu dem Festival zu Fuß kamen, Die bulgarischen Grenzposten behaupteten, daB asten nicht die Gelegenheit entgehe diese "Schmutzinke" ordentlich zu verprügeln -- auf bulgarisch sprac man dann davon, daß man sie höflichst angewiesen hätte, sich zu waschen". Auch nach einer Intervention des CSSR-Außenministeriums konnte dieser Teil der tschechoslowakischen Delegation nicht nach Bulgarien einreisen.
An der Demonstration vor der US-Botschaft, die von den westdeutschen Studenten organisiert wurde, nahmen auch Studenten aus Frankreich, Australien und anderen Ländern teil. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß sie auf den Wiederstand der bulgarischen Polizei stießen. Nicht nur, daß die "Ordnungshüter" auf sie vorbereitet waren; ein Teil der Polizisten wurde in Arbeitskittel verkleidet -- offenbar, um die Verbundenheit der bulgarischen Arbeiterklasse mit der Volkspolizei genügend zu betonen, Obwohl die Demonstration relativ schnell auseinandergetrieben wurde, fand sie doch ein Echo bei den anderen Delegationen, da es einfach unmöglich war, sie zu verschwigen. Dem Vorsitzenden des SDS, K.D. Wolff, wurde vorgeworfen, daß er das Gastrecht verletzt habe; daraufhin erwiderte er, daß er sich als ein Sozialist überall -- also auch in Bulgarien -- wie zu Hause zu fühlen pflege.
Zeitungen der DDR und der Sowjetunion starteten selbsterständlich eine Kampagne gegen diese Störer der ange- Atmosphäre. Sie waren sich einig in der Feststellung, daß alle Aktionen desSDS und vor allem des "Großmaul" - Wolff nur dem Klassenfeind nutzen. Die Unsinnigkeit und Absurdität dieser Feststellungen muß wohl nicht hervorgehoben werden. Es ist ja in dieser Hinsicht überhaupt nicht klar, wer denn eigentlich der Klassenfeind sein soll: man demonstrierte vor der US- Botschaft unter Losungen, die von dem Festivalvorbereitunskomitee offiziell geprägt worden sind, Es zeigte sich, daß die Aktionen des SDS überhaupt nicht so überflisig waren; sie waren allerdings gefährlich -- genau wie es auch "Izvestija" und "Neues Deutschland" geschrieben haben, Sie erweckten das Interesse und zumindestens passive Sympathien anderer Delegationen. Selbstverständ lich sind alle von den Bürokraten nicht kontrollierter Aktionen gefährlich, und zwar für den Klassenfeind wie für die Bürokraten.
Weitere Konfliktsituationen entstanden während der offiziell angesetzten Diskussion zum Thema "Individuum und Gesellschaft" bei der eine spontane Diskussion mithille einer im Voraus vorbereiteten Rednerliste geschickt verhindert wurde. Als die westdeutschen Teilnehmer diese Art von Diskussion"kritisierten, haben sie von der bulgarischen Seite den absurden Vorwurf geerntet, daß sie in die Hände der Kapitalisten arbeiten. Nach einigen wenigen unappetitlichen Beschimpfungen seitens der bulgarischen und sowjetischen Delegierten verließen bis auf die Delegationen der DDR, UdSSR und Bulgarien alle anderen den Saal, Bürokraten blieben untereinander. Aus den wenigen genannten Beispielen ist der ganze Charakter des Festivals ersichtlich, InSofia ging es nicht um eine Diskussion, sondern um die Konsumtion eines im voraus festgelegten Programms, um das Wiederkäuen von bekannten Phrasen. Es zeigte sich, wer bereit und fahig war, bestimmte Aktionen zu organisieren und wer Ruhe und Ordnung bewahren wollte.
Im Kommentar einer westdeutschen Zeitschrift wurde "Hecht in Sofias Karpfenteich" bezeichnet, Es ist verständlich, daß die Veranstalter der 10. Weltfestspiele, durch Sofia belehrt, sehr aufpassen werden, damit ihnen diesmal keine Hechte zwischen ihre faulen Karpfen eindringen. Es ist deswegen kaum verwunderlich, daß man vor der Eröffnung des Festivals in Ostberlin über die Schließung der Grenzen während der ganzen Dauer des Festivals sprach, Es ist nicht verwunderlich, daß man sich bemüht, nur die "bewährten" Funktionäre einzuladen, die schon monatelang auf dieses Ereignis vorbereitet werden, Diese Elite wird durch rechtsgerichtete Jugendorganisationen ergänzt (aus der BRD z. B. die Junge Union der CDU); sogar solche Organisationen sind in der DDR willkommenere Gäste als Vertreter der Nsuen Linken, Die Angst, daß ein Teil der 100 000 eingeladenen jungen Menschen aus der DDR vielleicht darüber diskutieren dürfte, was nicht aut dem Programm steht, oder an spontanen Aktionen telinehmen könnte wird immer größer, Dieser aufwendige Zirkus muß repräsentieren. Er muß Jie Einheit repräsentieren, von der immer weniger ubrig bleibt, er muß die "Treue und Liebe" zur Sowjetunion repräsentieren, Es ist zweifellos sehr nett, daß einem Teil der Delegierten aus den Entwicklungsländern die Reise nach Europa zum Festival bezahlt wird -- aber geht es nicht auch darum, fhnen die Möglichkeit einer Diskussion zu geben, darum, daß nicht alles von vornder gin zen breit eure und neit nur funktio die unend alte Knacker?
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