Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

CSSR

5 Jahre Normalisierung

Inprekorr Nr. 28, November/Dezember 1973 · S. 29-30 · 702 Wörter

Tschechoslowakei Stalinismus und Bürokratie

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Fünf Jahre 2 Hamburg B Schlüterstr.

„Normalisierung"

21.8.1968/21.8.1973 Dokumentation ociation Mit Nochworten von R. Dutschke, J.Steffer

Herausgeber: R. Crusius, H.Kuehl, J.Skóla, M. Wilke 2 Hamburg 19, Osterstraße :126 und bleiben die Arbeiterklasse und die Intellektuellen. Die hauptsächlichen Bestandteile der Opposition waren EINE PROVISORISCHE BILANZ Die ersteren setzen ihren passiven Widerstand fort Ebenso wie die Repression unter Husak, versetzte di‹ und zeigen völliges Desinteresse am offiziellen poli- tischen Leben. Die Intellektuellen verweigern in iti- Entwicklung der internationalen Lage der Entwikclung rer überwältigenden Mehrheit die Zusammenarbeit der Oppositionsbewegung einen schweren Schlag. Nachmit dem Regime, Dies ist von enormer Wichtigkeit dem die erste "Skandalperiode" vorbei war, suchten alin einem Land wie der Ischechoslowakei, wo tradi- le, bürgerliche Regierungen wie auch stalinistische Partionell die Intellektuelien immer die privilegierten teien das vergessen zu machen, was Debre zynisch einen "Verkehrsunfall" nannte und was Marchais heuchlerisch Verbündeten der Arbeiterklasse waren und das neue verurteilte, ohne es jemals anzuprangern. Die "deuthaben» nachdem sie von den Ergebnissen eine Revo- 1348 an die Macht gekommene Regime unterstützt schen Revanchisten", die von den Sowjets als Hauptan- stifter der Konterrevolution von 1968 hingestellt worden irustrier worden waren, gingen sie in den sechziger nach der kalten Dusche der fünziger Jahre waren, wurden ein Jahr später zu privilegierten Verbün- Jahrer: zur Opposition gegen Novotny über, Ihre deten in der Entspannungspolitik und vor allem zu interessanten Handelspartnern, Im Fahrwasser der amerika- -25-

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nisch-sowjetischen Handelsverträge öffnete die tschechoslowakische Regierung weit ihre Grenzen für westliche Waren. Wenn die Tschechoslowaken auch kein Recht mehr haben, ihr politisches Schicksal selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen, so können sie sich doch zumindest besser kleiden und (dies gilt allerdings nur für bestimmte Kreise) ein westich es Auto gestattet eine Aussage darüber, wie weit diese Politik gehen können wird, aber für die Bürokraten hat sie doch zumindest den Vorteil, die sozialen und politischen Spannungen, die aus der Unterkonsumption der letzten zwanzig Jahre entstanden sind, zeitweilig zu kanalisieren. Um welchen Preis aber wurde dieser Frieden erkauft? Wenn man eine Bilanz aufstellt, so wird sie besonders schwer:

-- Liquidierung der Arbeiterräte und der Möglichkeit der freien Meinungsäußerung für die Arbeiterklasse --Säuberung der KPC von 500 000 Mitgliedern --Normalisierung oder einfache Liquidierung zahlrei• scher Massenorganisationen: Gewerkschaften, Studentenvereinigungen usw.

sc et der Gene des abes in debuer abende Her der zentralen Bürokratie und den Managern kooptiert werden.

--eine kulturelle Unterdrückung, die in der nationalen Geschichte einmalig ist: 300 Autoren wurden auf den Index gesetzt, zwei Drittel der Journalisten sind ohne Anstellung, es wurden mehr Universitätsprofessoren abgesägt als im Zeitraum 1946-1968, die Haltung zur Invasion als hauptsächliches Aufnahmekriterium an der Universität... usw...

--die Frage der nationalen, religiösen und kultureller Minderheiten wird von neuem durch Repression "geregelt". Die Zigeunerfrage liefert hierfür ein schlagendes Beispiel: die offizielle Politik besteht von neuem in der Zwangsassimilierung.

--die schwindelerregende Höhe der Kriminalität un Prostitution.

Die Beispiele sind zahlreich, Diese "Konsumgesellschaft des armen Mannes", nach einem Ausspruch von A. Lichm, die künstlich von den Krediten ai fgepäppelt wird, weiche die Sowjets nach der Invasion gewährten, ‹ann gewiss ım Augenblick den sozialer Frieden erkaufen, aber sie kann nicht auf Dauer die strukturgebundenen Ursachen der Wirtschaftskrise lösen, die die Reform von Ota Sik in Angriff zu nehmen vorgab. Da sie das Schweigen gewollt hat, steht die Bürokratie einem Land gegenüber, in dem die geringste Störung im Funktionieren der Gesellschaft ihr nur zu Ohren kommt wenn sie den Lärm einer Explosion hat, Der Bruch zwischen der Partei und den Massen ist total, In einer analogen Situation kam es seinerzeit in Polen 1970 zu den Ereignissen von Gdansk und Szczecin.

Anmerkungen:

(1) siehe dabei das ganz besondere Interesse, mit dem weite Kreise der ukrainischen Bevölkerung (deren Land eine gemeinsame Grenze mit der Tschechoslowakei hat) die Ereignisse vertolgten.

(2) Zur weiteren Information über die Strömungen der tschechoslowakischen sozialistischen Opposition siehe das ausgezeichnete Buch von Jiri Pelikan: "Ici Prague" (Hier Prag), Edition "Seuil".

(3) Die "Internationale Jury gegen die neuen Prozesse in Prag" hat zwei vollständige Dossiers über die Po zesse in der Tschechoslowakei veröffentlicht; Kontaktadresse: Robert Simon, 9 rue de Lagrey, Paris XXème. (aus ROUGE Nr. 220 vom 14, September 1973)