Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Die Arbeiterklasse ist nicht im Paradies

Inprekorr Nr. 28, November/Dezember 1973 · S. 25-29 · 3.453 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks Stalinismus und Bürokratie Tschechoslowakei

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Der VII. Kongress der polnischen Gewerkschaften, der höhung von 6, 6% vor. Dies bedeutet, daß ure für die zwei Jahre nach der Danziger und Stettiner Revolte gesamte Fünfjahresperiode 1971-1o vorgesehene Loinabgehalten wurde(vom 13. bis 16. November 1972), erhöhung von 17-18% waluscheinlich gegen Ende 1973 hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Bilanz der "neuen Poli- erreicht und überschritten sein wird. tik" im sozialen Bereich zu ziehen, und die Perspektiven für die Gewerkschaftsarbeit in den kommenden Jahren aus- Weil wir nicht an die spontane "Güte" der Bürokraten zuarbeiten. Am Tage der Eröffnung erklärte Kruczek, der glauben, tragen wir: warunı solche Lohnsteigerungen? Vorsitzende der Gewerkschaften: "Unsere Tätigkeit verwirklicht die dialektische Einheit der folgenden drei In- Weil wir das Ausmaß der Krise kennen, in die die terventionssektoren: die Steigerung der Produktion, die burokratische Verwaltung der gomulka schen Mann- Erziehung der Arbeiter, die Verhesserung ihrer materiel- schaft das Land gestürzt hat, stellen wir zugleich die len Lebensbedingungen. Im Laule der letzten beiden Frage: Ist die augenblickliche Verbesserung der Le- Jatre haben wir uns besonders auf die Verbesserung der bensbedingungen ausreichend? Lebens- und Arbeitsbedingungen konzentriert. Jetzt aber mussen wir, ohne daber diesen Punkt zu vernachlassigen, Betrachten wir die Fakten: die Arbeit auf dem Gebiet der Produktivität und der Erziehung intensivieren." DAS "PANORAMA DES ELENDS"

Soweit das Programm: laßt uns die Arbeiter erziehen, Die oben zitierten Globalangaben, die oft als beweis denn sie sind schlecht erzogen (wir werden im tolgen- für eine spürbare Erholung des Lebensniveaus herhalden noch die Gründe für dieses bürokratiscle Erzielungs- bedürfnis sehen): wir wollen sie mehr arbeiten lassen, ten sossten unbe cheen, hee immer noch in sidenn sie sind Faulpelze. die Arbeiter zu sehr verwöhnt. Soweit die Bilanz: wir haben len bestehen. In der Spezialpresse, in gewissen Ver- • für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind, findet öffentlichungen mit begrenzter Auflage, die nicht Nicht nur der Vorsitzende der Gewerkschaften zieht eine da sogar von "EJendsmilieus" oder, da es selir setwie- sichdas Bild eines armen Polen wieder, Nan spricht solche Bilanz aus den zwei Jahren des "Gierekismus". davon ein genaues Bild zu vermitteln, man Die polnische Presse, die darin von der westlichen bür- "Panorama des Elends" gerlichen Presse unterstützt wird, preist die Verdienste der neuen "realistischen und humanitären" Sozialpoli- Aus einsichtigen Gründen sind die zur Verfügung tik, die seit 1970 geführt wird. Was Polen angeht, so stehenden Daten fragmentarisch. Die zahlreichen Leugeht es für Gierek und seine Mannschaft darum, ein te, die schlecht leben, bilden keine wohldetimerte "Klima des Vertrauens" zu schaffen, was die"westli- soziale Schicht. Es sind bestimmte Berufssparten mit che Welt" angeht, darum, den Industriellen ein ver- besonders niedrigen Löhnen: Arbeiter und besonders lockendes Bild vom "polnischen Sozialismus* vorzufüh- Arbeiterinnen ohne Qualifikation, von denen etliche ren und ihnen die Augen für die möglichen Absatzmärk- frisch vom Lande kommen, Volksschullehrer, Krankente zu öftnen. Was die französischen Stalinisten betrifft, schwestern, kleine Angestellte, Studenten -- und aus die durch den "Fall Tschechoslowakei in Verlegenheit diesem Milieu kamen oft die Personen, die sich dem hingeben, was man "Gelegenheitsprostitution" nennt.

Es sind auch Leute, die keine Arbeit finden können, len diesen Fällen "vergißt" man jedoch, an die mehre- oder die keine Wohnung haben. Und da man ja irgendren hundert getöteten Ärbeiter und die mehr als tau- wo wohnen muß, geben sie den größten Teil ilires send Verletzten auf den Straßen zu erinnern, die am Gehaltes für sehr hohe Mieten aus(es fehlen augen- Anfang des'heuen Regimes" stehen. Man spricht gern blicklich fast 1 Million Wohnungen). Auch handelt uber die Lohnerhölungen, man beschreibt die veriok- es sich manchmal um Leute, die verhältnismäßig kenderen Schaufensterauslagen, aber man hat es weni- ger eilig zu berichten, was in den polnischen Fabriken gute Gehälter beziehen, die aber viele Kinder haben. tatsächlich lebt. vor sich geht und wie die breite Masse der Bevölkerung So haben, nach offiziellen Angaben, 220 000 Personen Nach den offiziellen Statistiken der Jahre 1971-72 sind während der Jahre 1971-12 keine ihrer Ausbildung entsprechende Anstellung gefunden; davon waren 100 000 die Realgehälter um mehr als 12% gegenüber lediglich Jugendliche, die für verschiedene Posten in der Verwal- -, 3% im Jahre 1970 (und 10% während der ganzen Fün!- tung ausgebildet worden waren, 80 000 Techniker, 30 000 jahresperiode 1965-70) gestiegen, Mehr als vier Mil- Volksschullehrer und ungefähr 10 000 Frauen ohne Berufslionen Polen (40% der in den verstaatlichten Sektoren ausbildung.

angestellten Personen) erhielten Gehaltserhöhungen.

Ilgemein stiegen die Einkommen der Bevölkerung al- Augenblicklich gibt es eine halbe Million Familien von Verbesserung der Sozialleistungen, Renten und diver- ein im Jahre 1972 um 10% (Erhöhung der Gehälter unc nichtqualifizierten Arbeitern mit 6 oder mehr Kindern, deren Pro-Kopf-Einkommen unter dem sen Zusatzleistungen, Einkommenserhöhung der Land- Existenzminimum liegt. Dieses Minimum ist hevølkerung). Für das Jahr 1973 sieht der Plan eine Er- offiziell auf 800 Zloty pro Monat festgesetzt, Aber in vir -21 -

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len Fallen bedeutet "unter dem Existenzminimum" 200 Der Streik von Olsztyn ist gerade wegen folgender Tatsache aufschlußreich: in den ein Kilo Butter 70 Zlotyillion Kinder, bürokratisch degenerierten Arbeiterstaaten Zloty. Eine halbe ur deren enthält jede "Arbeitsniederlegung. selbst Unterhalt allein die (ledige, geschiedene, eine anfangs begrenzte und lokal beschränkverwitwete) Mutter aufkommt, befinden te, im Keim die Möglichkeit eines allgemeisich in derselben Situation. nen Zusammenprallens der Arbeiter einer seits und der zentralen Macht und die repres- Von 3,5 Mio Rentnern leben mehr als 2, 2 Mio von Ren- siven Ordnungskräften andererseits. ten zwischen 600 und 1000 Zloty.

Deshalb gebrauchen die polnischen Arbeiter diese Waffe auch Da es keine genaue Gesetzgebung gibt, die ihren Fall re mit Vorsicht, selbst wenn sie letztens etreicht haben, daß gelt, befinden sich die Opfer von rbeitsunfällen und ihre die Streiks nicht mehr als "Verletzung der sozialistischen Familien oft in einer sehr schlechten materiellen Lage. Legalitat" denunziert werden. So bekam während der Die Statistiken jedoch schweigen sich über dieses Kapitel Jahre 1971-72 die Mobilisierung der Arbeiterschaft manchgenauso gründlich aus wie über die Lage bestimmter Bauern- mal einen "legalistischen" Anstrich, und Landarbeiterfamilien (die auf den Staatsgütern beschal tigt sind). Was die positive Erfolgsbilanz betrifft, die man Die polnischen Journalisten haben mehrmals von der Bildem "Gierekismus" zuschreibt, so gibt es sie gewiss, zu- dung "nicht-formeller" Gruppen innerhalb der offiziellen mindestens teilweise. Sie ist aber eine Frucht der Mobilı- Gewerkschaften berichtet. Einfache Gewerkschai tsmitglieder sierung der Arbeiterschaft. aber manchmal auch Betriebsratsdelegierte bilden Gruppen, die ihre Forderungen direkt an die Direktion richten, ohne DIE MOBILISIERUNG DER ARBEITERSCHAFT dennarmalen Weg über die Hierarchie zu Vom 12, 12. 1970'ấn, dem Tage, an dem brutal die nehmen. Diese Versuche eine kleine "wilde" Gewerkschaft innerhalb der sehr zahmen offiziellen, bürokratisier- Preiserhöhung, von durchschnittlich mehr als 8% bei den ten Gewerkschaft aufzubauen, haben einige Erfolge gehabt. gängigen Gebrauchsgütern angekündigt wurde, standen die In einem Chemieunternehmen bei Sochazch, in einer Pa- Kampi der abtaten meto ala se Monate gegen bere 2 ierfabrik in Jeziorno haben diese "nicht-tormellen Gruppen chaltsverbesserungen für bestimmte Kategorien von Arbei nächst der Mannschaft Gomulkas, später, vom 19. 12, an, tern erreicht. In Zyrardow, in einer großen Textilfabrik, hatder von Gierek, Der 15. Februar 1971 ist der Tag des gros- te eine solche Gruppe die Direktion dazu gezwungen, sen Siegs der Arbeiter auf nationaler Ebene: die streikenden Modernisierung des Maschinenparks beschleunigt durchzufüh- Arbeiter von Lodz haben die neue Führung gezwungen, Preis- ren, denn das den Arbeitern vorgeschriebene Soll war erhöhungen rückgängig zu machen und den Preisstop für Nal- unmöglich mit der alten Ausrüstung zu erfüllen, was sich rungsmittel für die zwei nächsten Jahre zu beschließen. Au! negativ auf ihre Löhne auswirkte. diesen Sieg folgte jedoch keineswegs eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen, Im Gegenteil, die Jahre 1971/72 wa- Die Weftarbeiter in Szczecin und die Grubenarbeiter in ren von sozialen Spannungen geprägt, die sich in zahlrei- Rybnik haben eine andere "legalistische". Form für den chen punktuellen, lokalen Aktionen niederschlugen, die Kampf um ihre Forderungen gewählt, indem sie Strafanaber genügend spektakulär waren, um die Presse oder zu- zeige gegen die Direktion ihrer Unternehmen stellte. mindest bestimmte Periodika zu zwingen, davon zu be- In Szczecin hat sich eine Gruppe von ungefähr zwanzig richten. Andererseits liegt es auf d er Hand, daß eine Personen gebildet, in Rybnik waren es anfangs zirka große Anzahl dieser Aktionen totgeschwigen wurden. fünfzig, später ungefähr dreißig "Hartnäckige", die die Schützenpanzer in Stettin:

die einzige Antwort der ver ängstigten Bürokraten

UU - 8230 uf den Zorn der Arbeiter

Im Verlaufe dieser beiden Jahre wurden zahlreiche "Ar- ihnen für geleistete Überstunden und in Form von Prämien Zahlung ziemlich beträchtlicher Summen forderten, die beitsniederlegungen" (nach der offiziellen Sprachrege- zustanden. In beiden Falien haben sie ihren Prozess gewonlung) aus fast allen großen Industriezentren Polens signa- lisiert. Alle diese Streiks waren gegen die zu niedrigen Jahre dauerte, Es ist unmöglich, hier etwa alle Verwicklun- nen, der über viele Gerichtsinstanzen hinweg Löhne gerichtet, In Rybnik in Schlesien verlangten die gen der juristischen Prozedur und alle Einschüchterungsversu - Bergarbeiter eine Lohnerhöhung von von die Textilar- che, denen sie ausgesetzt worden waren, zu beschreiben , beiter von Lodz verlangten eine Erhöhung von 20%; die überlassen wir dies der Einbildungskraft des Lesers, Streiks richteten sich auch gegen das Fehlen von Kantinen (von 6 Mio polnischen Arbeitern können nur 10% in Kantinen essen); gegen die schlechten Arbeitsbedingungen, die vielfach die Ursache für Arbeitsunfälle bilden; gegen die ungenügende Anzahl von Plätzen in den Arbei- Die Bürokratie bleibt übrigens angesichts der Mobilisieerwohnheimen: gegen die Wohnungsnot oder die ungerech- rung der Arbeiterschaft in den letzten zwei Jahren nicht te Verteilung der Wohungen, Uber die der Betrieb verfügt. untätig. Einige Bestimmungen, die kürzlich eingeführt zielen darauf ab, die Solidarität der Arbeiter Gegen Ende des Jahres 1972 haben die Arbeiter der Reifen- wurden, fabrik in Olsztvn einen Streik organisiert, der fast in ei- zu brechen und diese an ihrem Arbeitsplatz zu spalten. Hier kann man auf die Bildung von " guten Arbeitsbriga- (oder vielleicht der Ohnmacht) der Direktion waren sie nen Aufstand überging; angesichts der Unnachgiebigkeit den" und von "Disziplinarbrigaden" in den Betrieben verweisen (fur letztere gelten: Streichung der Prämien, nieauf die Straße gegangen.

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drigerer Lohn für gleiche Arbeit, Verpflichtung, verschie- beiter in Polen und sind Gegenstand heftiger Diskussio- Arbeitszeit auszutühren, Aufhebung gewisser sozialer Vorsee, in u baltedien, indem man thà in di gut - len Arbeiter, der sich zu aktiv und zu anspruch all e- der sich zu aktiv und zu beitsbrigade eingliedert, scheitern).

Die allgemeineren Versuche, sich der Gewerkschaft einfach als Transmissionsriemen der Politik des Staats- und Parteiapparates zu bedienen, sind ein anderes "klassisches" Mittel, um die Arbeiterkämpfe zu brechen. Auf diesem Gebiet aber beginnen die Arbeiter in ihrer Praxis eine gewisse Zahl von Lehren zu ziehen. Die letzte Streikwelle ist ein Beweis dafür, denn diese Streiks wurden zum gleichen Zeitpunkt organi: siert, als in Warschau der Gewerkschafts- Jaroszewicz (Vorsitzender des Ministerrats) waren genau wie vor zwei Jahren gezwungen, nach Szczecin und Gdansk zu reisen, um mit den Streikenden zu diskutieren. Die Forderungen der Arbeiter bezogen sich auf das Funktionierer der Gewerkschaften. Überall verlangten die Streikenden auch lie Aufrechterhaltung des Preisstops bei den gängigen --die Arbeitswoche von 46 bis 48 Stunden, während die Arbeiter die Fünftagewoche mit 40 Arbeitsstunden verlangen, Das ist unmöglich, sagen die Büro- kraten, denn di le Produktion wird sinken. möglich, antworten daraut die Arbeiter aber man muß lie Produktion besser organisieren und die veralteter Fabriken modernisieren.

--der bezahlte Urlaub: nach einem Arbeitsjahr, 14 Tage; nach 6 Jahren, 20 Tage; nach 10 Arbeitsjahren, 26 Tage; die Arbeiter verla ngen genauso viel Urlaub wie Lang de Latin ca tion an at tatei.

in Bezug auf den Krankheitsurlaub erreicht: die Zahl der Arbeiter, die es wagen, sich krank zu melden, ist seither spürbar angestiegen und die Bürokraten beklagen sich darüber).

--der Direktor entscheidet über Entlassungen; die Arbeiter verlangen, daß seine Entscheidung nicht ohne vorherige Zustimmung des Betriebsrats gültig ist, --die Gesetzesbestimmungen bleiben veriesem letzten Punkt erhiel- lidenrente und der infolge von Arbeitsunfal• Konsumgütern, In ten sie sofortige und vollständige Genugtuung: der Preisstop wurde noch einmal für den Zeitraum eines Jahres verlängert, Gierek im "Dialog"

mit den Bergleuten.

Volksnah beim Handeschütteln.

Distanzierter, wenn es um die Antwort auf die Forderungen der Arbeiter geht, nommen werden konnte. Gestärkt durch das, was in den Fabriken vor sich ging, drohten einige Kongressabgeordnete, den Sitzungssaal zu verlassen, wenn über das Arbeitsgesetzbuch "abgestimmt" würde (denn sie wußten genau, daß die Abstimmung immer schon im Voraus verfalscht ist.)

DAS ARBEITSGESETZBUCH UND DIE ARBEITSBEDIN- GUNGEN

Die Gesetzgebung auf diesem Gebiete, die augenblicklich in Kraft ist, stammt aus den dreißiger Jahren; es ist die gleiche wie diejenige, die die Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern im bürgerlichen Polen regelte.

Das neue Arbeitsgesetzbuch in seiner neunten überarbeiteten Fassung solite in den Augen der Bürokraten eine legale Sanktionierung der seit mehreren Jahren bestehenden tatsächlichen Verhältnisse bringen. Die folgenden Aussagen, die im Arbeitsgesetzbuch enthalten sind, beschreiben die Arbeitsbedingungen der Arlen entstehenden Ansprüche betrifft. Die Arbeiter verlangen, daß diese Modalitäten klar definiert werden.

--sie verlangen auch, daß die Falle definiert werund werkzeugschäden verantwortlich ist in denen der Arbeiter für Maschinen- (im Augenblick verpflichtet man sie die oft durch Überalterung eingetretenen Schäden an der Ausrüstung aus ihrer eigenen Tasche zu bezahlen).

--schließlich schlug das Gesetzeswerk vor, daß Konflikte zwischen den Arbeitern und der Direktion nicht mehr vor die Gerichte gebracht werden können. Aus naheliegenden Gründen haben die Arbeiter dagegen protestiert, Mit der Verhinderung des Inkrafttretens des neuen Arbeitsgesetzbuches haben die Arbeiter nur einen Teilsieg errungen. Sie haben erreicht, daß die augenblicklichen Arbeitsbedingungen nicht legal bestätigt werden, Es gilt jedoch zu unterstreichen, daß die sehr zahkeichen (und häufig siegreichen) Streiks, sowie die Aktionen "legalistischen" Typs, wenn man einmal von Jugoslawien absieht, beispiellos dastehen in der Geschichte der Volksdemokratien, Wahrend der Revolte von 1970 forderten die Arbeiter Veränderungen in den Gewerkschaften: die freie Wahl der Delegierten, mehr Autonomie gegenüber Staat und Partei. Diese Veränderungen sind nicht eingetreten und erst neulich bekräftigte die brokratische Gewerkscha ftshierarchie auf dem Kongress ihren Willen, die Gewerkschaftstätigkeiten stärker dem Druck dieser beiden Apparate zu unterwerfen. Die Antwort, die die polnischen Arbeiter darauf gestern wie heute in weder die offiziellen Gewerkschaften von ist klar, Mit dem Versuch, entinnen heraus zu überflügeln oder den Kampf schlankweg außergewerkschaftlich zu führen, zeigen sie daß sie sich folzender Augaben bewußt geworden sind:

1.) der Notwendigkeit eines organisierten Kampfes gegen die Bürokratie 2.) der Notwendigkeit, diesen Kampf autonom und unabhängig von den offiziellen Organísationen zu führen. (aus Rouge Nr. 207 vom 1. Juni 1973)

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ČSSR: 5 JAHRE

NORMALISIERUNG

Vor funf Jahren drangen die Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowaum dort das Erwachen der sozialis- Demokratie, das unter dem Namen "Prager Frühling" bekannt wurde, sticken. Drei Hauptmotive veranlaßten die Sowjetunion zum Handeln: die wachsende Unabhängigkeit von Moskau, die die Fuhrung unter Dubcek, sowohl wie auch in der Innenpolitik an der Demokratisierungsprozeß des ›olitischen Lebens, mers Millionen von Arbeitern mobilisierte, schließlich vor allem die Tschechoslowakei als Beispiel, dem andere osteuropäische Länder zu folgen drohten, ja UdSSR (1). Vom ersten Tag der Bmschlossenen Widerstand, der allerdings großen und ganzen gewaltlos blieb. waren gespannt auf das, was Dubcek von seiner erzwungenen Reise nach Moskau zurückbringen würde. Der Rundfunk sendete seinerseits pausenlos Aufrufe zur Bewahrung der Ruhe und die Parole: "Wir sind mit euch, seid ihr mit uns" Auf die benationale Einigkeit lolgte rasch die Frustration und die Desillusionierung, als Dublek und die Führung der KPČ 26. August 1968 das Moskauer Diktat unterzeichneten. Der Weg zur Normalisierung war frei.

VOM OFFENEN WIDERSTAND ...

Der zurückzulegende Weg aber wurde für die Normalisierer nicht kürzer. Da fand zunächst in den ersten Septemder Ki statt. Parallel dazu entwickelten sich diessen statt. Parallel dazu entwickelten sich die Kontakte zwischen radikalisierten Studenten und Arbeitern, die ihren Höhepunkt im großen Studentenstreik vom November 1968 fanden, Das Streikkomitee stellte enge Verbindungen mit den Gewerkschaften und den Arbeiterräten in fast allen Industriezweigen her, Die Arbeiterklasse, die lange Zeit gezögert hatte, den politischen Kampf nach zwanzig Jahren erzwungener Passivität wiederauf wurde von nun an zur Bastion des Widerstandes. Die Arbeiterräte, die im Gegensatz zu manchmal auftauchenden Vermutungen, sich erst nach der Invasion wirklich entwickelten, behaupteten ihre Vitalität den ganzen Winter 1968/69 hindurch, Die Spuren dieser Kraft sollten bis heute bestehen bleiben, wo der passive Widerstand (in Gestalt von Einzelstreiks, Fernbleiben vom Arbeitsplatz und von offiziellen politischen Veranstaltungen usw.) den offenen Widerstand abgelöst Blumen für lan Palach, der sich aus Protest gegen die Sowjetische Invasion

Dpizen des Apparates denKe und der Gewerkschaften Der Frühling 1969 war in die Tschechoslowakei selbst opferte.

die Restrukturierung schnell voranschritt (Zwangsrücktritte, Zwangspensionierung, bürokratische Kooptierungen...), nahm eine Million Menschen an der Beerdigung von lan Palach teil, der sich durch Selbstverbrennung geopiert hatte, um gegen diese Situation zu protestieren. Einige Wochen später wurde das Gebäude der und 22. August 1969 anläßlich des ersten Jahrestages der Aeroflot im Verlaufe einer spontanen Demonstration zu Invasion statt: in diesen Tagen widersetzten sich Tau- Ehren des Sieges der tschechoslowakischen Eishockey - sende von Demonstranten der tschechischen Polizei, mannschatt über die UdSSR verwüstet, Die letzten gros die mit in Westeuropa gekauften Anti-Demonstrationssei Straßendemonstrationen fanden zwischen dem 19. waffen neu ausgerüstet worden war. -24-

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... ZUM PASSIVEN WIDERSTAND politische Rolle findet ihren Gipfelpunkt in den Jahren 1968 bis 1969, in denen sie oft zum Fürsprecher der Erst im Herbst 69 wich der offene Widerstand der Massen, Bestrebungen des Volkes wurden, da andere Kanäle der durch die Repression zerschlagen worden war, auf nicht bestanden. Fünf Jahre Normalisierung hahen es neue Kampfformen aus und der passive Widerstand brei- nicht fertig gebracht, das feste Band der Einheit zwischen tete sich aus, Die innenpolitische ebenso wie die inter- inen und den Massen zu zerschneiden, Die Staatsın h nationale Lage erklären diese Wende.

nicht fertig gebracht, das feste Band der Einheit zwi- Auf innenpolitischen Gebiet waren die Jahre 68 und schen ihnen und den Massen zu zerschneiden. Die durch die Neustrukturierung des Partei- und Staats - Staatsmacht, die gerade den Inquisitor Bruzek im apparates gekennzeichnet, was zu einer Veränderune Kulturminsterium durch den als gesciumeidiger geltenden des Kräfteverhältnisses zwischen der Bürokratie und Klusak ersetzt hat, ist sich dessen bewußt. den Massen führte. Der Prozess, nachı dem bestimmte "Liberale" des Prager Frühlings im Herbst zu "Realis: DIE AKTIVE UNTERSTÜTZUNG» ten" wurden und sich schließlich in Winter zu eifrigei.

Normalisierer entwickelter, ist wollbekannt, Gustav Husak sowie Hunderte von Politikern geringeren Ranges Ab 1970 griff die Regierungsmacht direkt die organisind waltr gute Beispiele. Auf der Ebene der Führungs- sierte sozialistische Opposition an, Deren Rekrutierungs• organe der KPČ nahm das Phänomen Massencharakter basıs war die studentische und Arbeiterjugend, aber auch altere Elemente aus den Reihen der 500 000 aus der während die Ultras (vom Schlare Bilaks) zahlen- KRČ herausgesäuberten Mitglieder, Wenn auch diesc eine zu vernachläßigende Größe Jarstellen, ob- Opposition niemals einheitlich war, so findet man wohl sie nichtsdestowen alt Pressure Group sowjetischen Botschaft, in Verbindung mit der nichtsdestoweniger über die Meinungsverschiedenheiter Die große Starke der "Realisten" ist die Anzahl der in taktischen und strategischen Fragen hinaus doch ge- Mitglieder des Partei - und Staatsapparates, die dur ch meinsame Themen und Zielevor: der Rückzug der Bemeistern verstanden und die ihnen keine Sicherleit für eine Lage aufgeschreckt worden sind, die sie nicht zu satzu, ta sen, ein adi einem der britischen soiredie Zukunft garantierte. In einem solchen Klima

Hauptverbündete dieser Bürokratie war die Schicht der gedeiht die konservative Einstellung prächtig. Der Der erste Prozeß war der von Petr Uhl (der sich immer Technokraten im weitesten Sinne des Wortes. Um noch im Gefängnis befindet und auf dem neue Drolungen sich an sie zu binden, zögerte man nicht, ihr weit- zu lasten scheinen) und seiner Genossen von der Revolutiogehende Zugeständnisse zu machen: man überging nären Sozialistischen Partei. Die letzten Prozesse waren stillschwigend ihr Bündnis mit der Dubcek-Strömung die der Familie Sabata und von Jiri Müller im letzten im Jahre 1968 man leistete ihr Genugtuung auf dem Sommer. Zwischen diesen beiden kamen dutzende von Gebiet der Differenzierung der Löhne und anderer Angeklagten vor Gericht, Hunderte von Anzeklagter wirtschaftlicher Privilegien, man verschaffte ihr ohne Prozess waren vielfältigen Schikanen auszese 121, mehr Autorität in den Fabriken. Die von den Arbei- Was ail diese prozesse gemansam hanei . 151, dass 1n tern im Jahre 1968 eroberten Errungenschaften (Arbei- Gegensatz zu den jahren, in denen ebenso vollständige terräte, gestärkte Macht der Gewerkschaften, Kontrol- wie detaillierte Geständnisse die Regel waren, keine le über Arbeitsorganisation und Verteilung der Lohrei der Angeklagten seine politischen Überzeugungen ab Steigerung der Produktivitat ut? leugnete und seine imaginären Verbrechen gestand. Respektierung der Disziplin und der ilerarchie is• Ir: Gegenteil, zahlreiche Angeklagte machten daraus die aktuellste Parole in der Wirtschaft. eme politische Tribüne, um das Regime anzuprangern. ČSSR DM

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