Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Jugoslawien

Jugoslawien im Schatten des Krieges

· Inprekorr Nr. 241, November 1991 · S. 12-16 · 3.157 Wörter

Jugoslawien und Balkan Faschismus und Rassismus

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im Schatten des Krieges die gleichfalls faschistoiden Milizen der Tschetniks(2) unter ihrem Führer Seselj an der Seite der jugoslawischen Volksarmee kroatische Städte und Dörfer verwüsten. Diese Wiederkehr der Vergangenheit, diese Auferstehung diverser nationaler Mythen samt ihren immer blöderen Feindbildern und Projektionen ist keine Farce, sie ist auch nicht bloß ein ideologischer Schleier, der dahinterstehende sozioökonomische Interessen notdürftig verdeckt, sondern ein tödlicher Jugoslawien existiert nicht mehr, wohl aber ein Krieg, in dem es Ernst, für den die Menschen zu sterben bereit irgendwie auch um Jugoslawien gehen soll. Was sich da an den sind. Und so erscheint die Renaissance der diversen Fronten in Kroatien wechselseitig abschlachtet, zählte einst Konstellationen aus dem zweiten Weltkrieg nicht nur als falsches Bewußtsein: Sie wird zum süd(-jugo-)slawischen Staatsverband, und eine sich Volksartäglich praktiziert - in den Medien, in den mee nennende Truppe beweist ihre Feuer- und Kampfkraft am kroa- GORAN TOMICIC

Z ur Zeit gibt es viele, die immer schon wußten, daß es kommen mußte, wie es nun gekommen ist; die Konstellationen auf den Schlachtfeldern lassen sich leicht mit ethnischen, kulturellen und historischen Gegensätzen identifizieren. Von "Kulturkrieg" ist dann die Rede, schließlich stehen sich Kroaten und Slowenen auf der einen Seite sowie Serben und Montenegriner auf der anderen Seite gegenüber, also verschiedene Ethnien, deren gemeinsames Südslawentum von diversen Unterschieden überlagert ist:

• Kroatien und Slowenien waren bis zum Untergang der Österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie Teil dieses Herrschaftsgefüges, folglich politisch und kulturell mitteleuropäisch geprägt, während Serbien noch im 19. Jahrhundert zum osmanischen Reich gehörte; - Kroaten und Slowenen glauben an einen katholischen Gott, während die Serben und Montenegriner zur serbisch-orthodoxen Variante des Allmächtigen beten; - Slowenien wurde im 2. Weltkrieg direkt Italien bzw. dem Deutschen Reich angegliedert, Kroatien erhielt einen eigenen Staat von Hitlers Gnaden(1), zu dessen faschistischem Staatsprogramm die Auslöschung der Juden und Serben gehörte. Dieses wurde auch systematisch in die Praxis umgesetzt: die kroatischen Faschisten vernichteten serbische Dörfer im Lika, dem dalmatinischen Hinterland, und zwar samt Einwohnerschaft. Daß serbische Tschetniks die Handlungsweise der Ustaschas nachahmten, soll dabei nicht verschwiegen werden; - und schließlich sind auch die ersten Erfahrungen mit einem gemeinsamen jugoslawischen Staatsverband in der Zwischenkriegszeit durchaus unterschiedlich. Im "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" (Kraljevina Srba, Hrvate i Slovenaca=SHS), unterdrückten die serbischen Bliten die anderen Volksgruppen - und das eigene Volk.

All diese kulturellen Differenzen, all diese unterschiedlichen geschichtlichen Wirklichkeiten werden heute politisiert. Nie waren Kroatiens Kirchen (vor ihrer Zerstörung) so voll wie heute, während in Serbien die staatlichen (Gewalt-) Akte noch stets den Segen der Popen finden. 4000-5000 Menschen demonstrieren in Belgrad gegen den Krieg in Kroatien, derweil 70.000 einem der serbischen Sprache kaum mächtigen Thronfolger in der selben Stadt einen begeisterten Empfang bereiten. Dafür findet man an den Häuserwänden kroatischer Städte überall das "U" für Ustascha sowie Aufschriften, die Ante Pavelic und sein NDH feiern. Die noch vor wenigen Monaten völlig bedeutungslose und in sich zerstrittene HSP (Hrvatska stranka prava-kroatische Partei des Rechtes), eine Symbolen und in den Schützengräben. Diese Praxen prägen die Wahrnehmungsmuster und aus ihnen ergibt sich erst im Zusammenspiel mit den ökonomisch-politischen Konstellationen die blutige Wirklichkeit eines Staates, der früher Jugoslawien hieß. Rolle der HDZ

Folglich gibt es in Jugoslawien wohl auch Menschen, die gegen eine Neuauflage des Ustascha Staates, gegen einen neuen Ante Pavelic, der diesmal Franjo Tudjman heißt, gegen einen neuen Genozid an der serbischen Minderheit in Kroatien kämpfen. Anlaß genug, für solche Befürchtungen gab es im Rahmen der Wahlkampagne der HDZ (Hrvatska demokratska zajdenica = kroatische demokratische Gemeinschaft), sowie in der ersten Regierungsphase unter dem neuen kroatischen Präsidenten Tudjman. Denn in der Tat hat mit der HDZ eine Partei die ersten demokratischen Wahlen in Kroatien gewonnen, die - finanziell unterstützt von faschistoiden Auslandskroaten - die Wähler durch einen extremen Nationalismus und Antikommunismus an sich binden konnte. Da spielte man genüßlich die Anzahl der serbischen Opfer zur Zeit des NHD-Terrors herunter, da bewertete man den Ustascha-Staat - bei aller Kritik - neu als Ausdruck des kroatischen Unabhängigkeitsstrebens, da hört man gern einen Franjo Tudjman sagen, daß seine Frau "zum Glück weder Serbin noch Jüdin ist", da wünschte derselbe Tudjman - jetzt schon kroatischer Präsident - allen Kroaten und Kroatinnen (und eben nicht allen Bürgerinnen Kroatiens) ein frohes neues Jahr, da wurde der Tag der Inthronisation Tudjmans gleich zum nationalen Feiertag erhoben und der 29. November als Feiertag abge-

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schafft(3); und so demontierte man alles Jugoslawische sowie alles Antifaschistische(4), während man die kroatischen Symbole überall stolz zur Schau stellte. Großserbien

Man kann nicht behaupten, daß dies die alleinigen Ursachen für die von Serben errichteten Barrikaden im dalmatinischen Hinterland sind. Von Anbeginn an war die serbische Minderheit in Kroatien ein instrument in den Händen des serbischen Staatspräsidenten Milosevic, um die neue kroatische Regierung konzessionsbereit zu machen. Aber die neue kroatische Politik hat es den serbischen Machtgruppen leicht gemacht, die Serben in Kroatien für die (groß-) serbische Sache mit der Vision eines faschistoiden Kroatien zu mobilisieren. Es gab in Kroatien keine Verfolgung und Vertreibung der serbischen Minderheit, aber es gab eine Politik, die die bei den Serben vorhandenen Ängste schürte und eben nicht abbaute. Die im Juni dieses Jahres erlassene "Charta der Rechte der Serben und anderer Nationalitäten in der Republik Kroatien", die den Minderheiten eine weitgehende kulturelle und administrative Autonomie gewährt, kommt ein Jahr zu spät.

Tito, der "ideelle Gesamtjugoslawe* Der Zerfall Jugoslawiens fängt allerdings nicht mit dem Wahlsieg der HDZ in Kroatien an. Das Ende von "bratstvo i jedinstvo" (Bruderschaft und Einheit) beginnt cher am 4. Mai 1980, dem Todestag Titos. Denn in der Tat schein der Zusammenhang Jugoslawiens wesentlich von der charismatischen Figut Titos abgehangen zu haben, der - gestützt von Partei, Armee und Geheimdienst und ausgestattet mit einem Personenkult stalinschen Zuschnitts - die zersplitterten Interessen der südslawischen Gesellschaft im Gleichgewicht halten konnte. Diese nachgerade bonapartistische Konstellation läßt sich am besten an Titos Umgang mit dem sogenannten "kroatischen Frühling" darstellen. Zu Beginn des Jahres 1970 kam es innerhalb der kroatischen KP-Führung zu ciner offenen Kritik an den zentralen Machtapparaten in Belgrad, weil diese das Bankenkapital kontrollierten, über einen Großteil der Investitionsmittel sowie über die Masse der von der kroatischen Wirtschaft erwirtschafteten Devisen verfügten und mit ihrer Politik angeblich kroatien benachteiligten. Der Abfluß der in Kroatien erwirtschafteten (Devisen-) Einkommen vermin- JUGOSLAWIEN dere, so die kroatischen Kritiker, das Entwicklungstempo innerhalb Kroatiens, ohne daß es wirklich der Förderung geringer entwickelter Regionen Jugoslawiens diene. Stattdessen würden die Mittel zur Finanzierung unrentabler Industrien bzw. für ökonomisch unsinnige Investitionsprojekte verausgabt. Im Gefolge dieser Kritik entstand in Kroatien eine Massenbewegung, die sich immer mehr gegenüber dem Parteiapparat verselbständigte und sich zu einer eigenständigen nationalen Opposition mit eigener Presse und eigenen Organisationsstrukturen entwickelte. Den Höhepunkt des "kroatischen Frühlings" bildeten Streiks an den verschiedenen Hochschulen Kroatiens im November 1971, mit denen die Studenten die Forderung der kroatischen Parteiführung nach einer Neufestsetzung des Schlüssels bei der Devisenfestsetzung unterstützen wollten. Die Antworten Titos auf diese Vorgänge in Kroatien sind symptomatisch für seine Politik und verdeutlichen zugleich die politischen Grundstrukturen der jugoslawischen Gesellschaft. Auf der 21. Sitzung des Parteipräsidiums am 1. und 2. Dezember 1971 setzte Tito die Abdankung des oppositionellen Teils der kroatischen KP-Führung durch. Dieser gab am 12. Dezember seinen Rücktritt bekannt, zeitgleich mit jener Verhaftungswelle, die bei weitem nicht nur die Führer der Studenten- und Oppositionsbewegung traf. Die aufflammenden Demonstrationen wurden dann mit Polizeigewalt unterdrückt. Die Zerschlagung der kroatischen Oppositionsbewegung bereitete zugleich die Ausschaltung der demokratischen Kräfte innerhalb der serbischen Parteiführung vor, die im Rahmen der Diskussion um die Ereignisse in Kroatien für eine Autonomisierung der Republikparte- SITZ!

organisationen des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BKJ) und für die Schwächung zentraler Machtmechanismen eintraten. Die von Tito angegriffenen serbischen Parteiführer legten im Oktober/November 1972 ihre Ämter nieder. Zur selben Zeit setzte in den serbischen Medien eine gründliche Säuberung ein.

Tito, der ideelle Gesamtbürokrat Titos durchaus brutale Reaktion gegen die inner- (und außer-) parteiliche Opposition galt nicht deren wirtschafts- oder gesellschaftspolitischen Vorstellungen. Sie zielte vor allem auf zweierlei:

- zum einen ging es darum, alle organisierten Formen der Willensbildung und -bekundung außerhalb des BKJ zu verhindern. Das Problem des "kroatischen Frühlings" war also vor allem ein Problem der damals sich entfaltenden autonomen Massenbewegung, die das Politikmonopol der Partei praktisch in Frage stellten. Die wirtschaftspolitischen Forderungen der kroatischen Parteiopposition hielt Tito für durchaus diskussionswürdig:

- zum anderen trat Tito für einen zentralisierten BKJ ein, wenn er auf der 2. Parteikonferenz des BKJ im Januar 1972 verlangte: "Wir können nicht mehrere Parteizentren haben, die tun, was sie wollen, und das gegen die Interessen des ganzen BKJ. Wir müssen Einheit haben und einen geschlossenen BKJ."

Ein BKJ, der durchaus nicht monolithisch sein mußte, in dem man folglich kontrovers diskutieren durfte, solange man dies nicht - in welcher Form auch immer - organisiert tat, eine solche zentralisierte Partei galt Tito als Ro::

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Garant jugoslawischer Gesamtstaatlichkeit, insofern sich der Zusammenhang und -halt des Vielvölkerstaates nicht demokratisch vermitteln sollte. Eine solche Klammer war angesichts der zentrifugalen Dynamik, die von den politischen und ökonomischen Strukturen in Jugoslawien ausgeht, um so notwendiger. nicht erst die Verfassung von 1974 und das später folgende "Gesctz über die assoziierte Arbeit", zwei weitere Konsequenzen aus den oben beschriebenen Vorgängen in Kroatien und Serbien, bedingten die Partikularisierung der jugoslawischen Gesellschaft. Aber mit diesen beiden umfangreichen Gesetzeswerken wurde der neu durchgesetzte Parteizentralismus von einem vertieften Staatsföderalismus und einem erweiterten Selbstverwaltungspluralismus begleitet, in deren Logik eine weitere Dezentralisierung der staatlich-politischen und ökonomischen Entscheidungen lag. Positive "Dezentralisierung"?

Die Verfassung von 1974 bedeutete auf staatlicher Ebene eine Entwertung der Bundesorgane, die von nun ab mehr oder weniger nur noch für einen gesamtjugoslawischen Interessenausgleich insbesondere durch eine gemeinsame Beschlußfassung der Teilrepubliken zu sorgen hatten. Zudem wurde die Stellung der innerhalb Serbiens liegenden autonomen Gebiete Kosovo und Vojvodina dadurch aufgewertet, daß sie von nun ab zu den Gebieten zählen, die die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien bilden. Beide Provinzen besitzen ein Vetorecht gegenüber Entscheidungen der Republik Serbien, die ihre Belange betreffen, und sind außerdem gleichberechtigt mit den übrigen Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien- Herzegowina, Serbien, Makedonien und Montenegro durch jeweils einen Vertreter im Staatspräsidium vertreten.

Dieser radikalisierte Föderalismus im Staatsaufbau verbindet sich mit einer forcierten Dezentralisierung des Selbstverwaltungssystems, die Anfang der 70cr Jahre eingeleitet und 1976/77 auf rechtlicher Ebene abgeschlossen wurde. Die Wirtschaftsreformen begründeten eine "Verhandlungswirtschaft", in der die sog. "Grundorganisationen der vereinigten Arbeit"(5) als kleinste Einheit im Rahmen eines dichten Netzwerks von abzuschließenden Verträgen und vertraglich geregelten Zusammenschlüssen mit anderen Grundorganisationen desselben oder eines anderen Betriebes wirtschaftlich tätig werden. Diese Atomisierung der Wirtschaft in eine Vielzahl sich vernetzender kleinster Wirtschaftssubjekte verband sich mit einer JUGOSLAWIEN

Stärkung der wirtschaftlichen Kompetenzen der Republiken zu Lasten der Bundesgewalten. So mußte die Bundesregierung wichtige Kompetenzen, Steuern und umfangreiche Finanzmittel an die jeweiligen Republiken und autonomen Provinzen abtreten. Sie wird zudem in ihrer wirtschaftspolitischen Handlungsfähigkeit durch das Vetorecht der Provinzen blockiert.

Folgen der Verfassung von 1974 Es ließen sich nun anhand einer Reihe von Beispielen die dieser "Verhandlungswirtschaft" innewohnenden Funktionsschwächen aufzählen, welche in den 80cr Jahren zu massiven Reallohnrückgängen(6), zu einer CROATIA gigantischen Hyperinflation (1989:2700%), zu Massenarbeitslosigkeit(7) und zu all den anderen Anzeichen einer sich rapide verschärfenden Rezession führten. All diese ökonomischen Daten verschärften und verschärften noch weiter das derzeit eskalierende Konfliktpotential. Im Hinblick auf die Ursachen des gegenwärtigen Krieges in Kroatien ist aber folgendes schwerwiegender: Der Ausbau der föderativen Elemente im jugoslawischen Staatsaufbau hat im Zusammenspiel mit den wirtschaftlichen Veränderungen alles andere bewirkt als ein Zusammenwachsen der verschiedenen Teilrepubliken. Stattdessen verstärken sich alle ökonomischen Tendenzen zu einer regionalen Abschließung, zu ausgeprägten Gebietsmonopolen, zu einer Fragmentierung der Märkte und zu einer Verfestigung des eklatanten Entwicklungsgefilles zwischen den einzelnen Regionen samt der damit einhergehenden immensen Einkommensunterschiede. Jugoslawien hat es nicht geschafft, die Arbeits- und Lebensbedingungen seiner Teilrepubliken zu vereinheitlichen, und statt eines gemeinsamen Marktes kann man lediglich dessen Zersplitterung in acht Teilmärkte feststellen.

Eine solche auseinanderdriftende Ökonomie und Gesellschaft konnte von einem zentralisierten BKJ nicht zusammengehalten werden, schon gar nicht seit jenem Zeitpunkt, an dem sie ihre charismatische Integrationsfigur Tito verlor. In der Tat hatte sich tito bei massiver Repression gegen jede Form der organisierten Opposition stets als ideeller Gesamtjugoslawe verhalten und dadurch ein über seine Person ausbalanciertes System miteinander konkurrierender Partikularinteressen geschaffen, die keine alternativen Machtzentren ausbilden konnten. Nach seinem Tod vermehrten sich die Anzeichen einer zunehmenden Desintegration des BKJ, seine faktische Verwandlung in eine Föderation nationalkommunistisch orientierter Parteien. Damit aber waren alle Voraussetzungen dafür geschaffen, daß der auseinanderdriftende jugoslawische Staatsverband auf seinen blutigen Zusammenbruch zusteuert: auf der einen Seite die relativ entwickelten Ökonomien und Gesellschaften Kroatiens und Sloweniens, die zunächst nur eine Umwandlung der südslawischen Föderation in eine Konföderation souveräner Staaten anstrebten, um so die vollständige Verfügungsgewalt über ihre Ressourcen durchzsuetzen, ohne die noch vorhandenen Absatzmärkte in den anderen Republiken aufs Spiel zu setzen; auf der anderen Seite insbesondere Serbien und die Armec, deren (ökonomische) Existenz viel stärker - und im Falle der Armee vollständig - vom Fortbestand Jugoslawiens und seiner zentralen Machtinstanzen, die ihren Sitz in Belgrad haben, abhängig sind. Dazwischen Bosnien, das zwischen der Angst, in den in Kroatien tobenden Krieg hineingezogen, oder der Furcht, als Beutestück von Kroatien und Serbien aufgeteilt zu werden, wählen darf, sowie Makedonien, wo - nach serbischer Auffassung - ohnehin keine Makedonier, sondern eben Serben leben.

Nationalismus der Bürokratie

Tito hat sich einmal über den Nationalismus in Jugoslawien wie folgt geäußert: "Wie der Nationalismus unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft nur eine Ausdrucksform der bürgelichen Klasseninteressen ist, so ist unter den Bedingungen unserer Gesellschaft der Nationalismus hauptsächlich eine Erscheinungsform des Bürokratis-

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mus (...) Doch wenn er erst einmal auftritt, selbst unter diesem neuen Vorzeichen, tendiert er dazu, sich mit dem "klassischen" bürgerlichen Nationalismus zu verbinden und sich seiner Ideen zu bedienen." Diese durchaus richtige Beschreibung unterschlägt die Bedingungen, unter denen die Bürokratie sich ausgerechnet eine nationalistische Erscheinungsform zulegt. Die Kombination einer atomisierten Selbstverwaltungswirtschaft und ihren gegeneinander relativ abgeschotteten Wirtschaftsräumen, die damit cinhergehende Fortschreibung radikal ungleicher Lebens- und Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Teilen Jugoslawiens, die Verbindung dieser sozioökonomischen Disparitäten und Verselbständigungen und Verselb ständigungen mit einem forcierten Föderalis. mus zu Lasten aller gesamtstaatlichen Korrekturmöglichkeiten, all das konnte nur in einem permanenten (Verteilungs-) Kampf zwischen den verschiedenen Republiken einmünden. Dabei erscheint es nur logisch, wenn die vorhandenen Machteliten ihre Interessen zunächst als Interessen ihrer jeweiligen Republik und - in einem weiteren Schritt - als Interessen der dort ansässigen ethnischen Mehrheit definieren. In dieser - nationalistischen - Perspektive gerät die Geschichte Jugoslawiens zu einer Geschichte permanenter Benachteiligung der einen Ethnie zugunsten der anderen. Und so wundert es nicht, daß heutzutage in Kroatien, Slowenien und erst recht (und mit dem größten Recht) im Kosovo das Nachkriegsjugoslawien als eine serbische Veranstaltung begriffen wird, während die Serben und Montenegriner meinen, schon lange genug von den reichen Kroaten und Slowenen über den Tisch gezogen worden zu sein.

Politische und wirtschaftliche Demokratie

Dies alles funktioniert gleichsam automatisch, wenn jene "politischen und wirtschaftlichen Mechanismen" nicht gegeben sind, "die ein gegenseitiges Vertrauen, eine Kohärenz von Wahlmöglichkeiten und eine Arena für das Ausdrücken gemeinsamer Interessen fördern", so die aus Kroatien stammende Publizistin Dunja Melcic. Kurzum, es fehlte und fehlt eine Vertiefung der jugoslawischen Selbstverwaltung durch politische und wirtschaftliche Demokratie auf allen Ebenen der Gesellschaft, einschließlich demokratisch zu legitimierender Entscheidungen über die makroökonomischen Entwicklungsziele. Bine solche radikale, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende plura- JUGOSLAWIEN listische Demokratie ist im übrigen der beste Schutz für die Minderheiten in den jeweiligen Republiken. Deren Rechte auf kulturelle und administrative Autonomie sind dennoch ausdrücklich zu sichern. Damit ließe sich die Lage der serbischen Minderheit in Kroatien, aber auch die der kroatischen, slowakischen und ungarischen Minderheit in der Vojvodina absichern. Gelöst sind damit noch längst nicht die "Schwierigkeiten" der Albaner im Kosovo, denen als überwältigende Majorität noch nicht einmal die minimalsten Minderheitenrechte eingeräumt werden, und zwar von genau denen, die heute in Kroatien mit Waffengewalt die serbische Minorität zu schützen vorgeben.

Bedauerlicherweise gibt es im heutigen Jugoslawien kaum einen, der einen solchen radikaldemokratischen Ausbau des jugoslawischen Selbstverwaltungsmodells einschließlich eines optimalen Minderheitenschutzes befürwortet. Darin sind sich ausnahmsweise Serben, Kroaten, Slowenen und alle übrigen Völker Jugoslawiens einig. Plausibler scheint allemal eine Lösung zu sein, die das Land mit Leichen übersäht.

Anmerkungen 1. Dieser Staat bieß "Nezav isoa drzava Hrvatska" (Voabbãogiger Staat Kroatien/NHD), scio Staatspräsideot war Ante Pa. velic, Fobrer der faschistischen kroatischeo Ustascha-Bewegoog 2. Die beutigeo Tecbetniks in Serbico babeo ibrea Nameo von deo serbischee Freischärlem, die um die Jabrbuodertweode io deo noch voo Türken beberrschten Gebieten operiertee. Im April 1941, nach dem erfolgreicben Blitzkrieg der deutscbeo Armee io Jugoslawico, sammelten sich königstreue Offiziere und national-konservative Bürgerliche in dea Tscbetnik- Abteilungeo um Oberst Draza Mibajlovic - zunächst in Opposition zu den Nazis, später auch als Kollaborateure. 3. am 29. November 1943 wurde im bosnischen Jajce von antifaschistischen Rat die zukünftige Gestaltung eines befrei. ten Jugoslawiens beschlossco.

4. Es hat eine ganze Serie von StraBeoumbenennungen goge. ben, die u.a. auch die Straßeonameo betrafeo, die an deo antifaschistischen Kampf in Jugoslawien erinnem sollten. Am meisten für Aufregung sorgte die Umbenennung des Zagre. ber "Trg zrtava fasizma" (Platz der Opfer des Paschismus) in "Trg brvatskih velikana" (wörtlich Übersetzt: Platz der Gro. Ben Kroatiens).

S. Diese "Grundorganisation der vereinteo Arbeit" umfaßt cotweder cice Unternebmen sabteiluog, die cioco abgeecblos. scoco Produktionsvorgang organisiert, oder aber cio einzel. Des Werk eines größeren Unternebmeos. Die Wirtschaftsreformeo der 70er Jabre verlagern folglich eine Vielzabl voo Haodlungs- und Entscheiduogskompeteazee vom Gesamtunternebmeo auf desse kleinste Biobeiteo. 6. 1988 warco die Reallöboe um mebr als eio Drittel niedriger als 1979.

7. Anfang 1991 betrug die Arbeitslosenzabl ca. 1,15 Millio. beo, im Landesdurchschnitt beträgt die Arbeitaloscorate 16,8% bei einer geschätzten Oberbeschäftigung voo ca. 1,4 Millioneo, voo des 800.000 jugoslawischen Arbeitem im Ausland ciomal abgesebeo.

Nummer 10 • Ein Jahr nach der Annektion - Hilfloser Antifaschismus?

- Demo in Hoyerswerda - Rat Marxistischer Partelen - Auseinandersetzungen bei ABB • Sowjetunion/Jugoslawien

Nummer 11 - Staatsparteien und Rassismus - Die extreme Rechte - Konservatismus und Faschismus - Rassismus in Gewerkschaften - Was ist Rassismus?

- Sowjetunion/Marokko 44 Seiten für schlappe DM 2. Avanti wird herausgegeben von der Gruppe Revolutionäre Sozialistinnen (GRS, IV. Internationale). Bestellungen an B. Krüger, postlagernd PA 34.

Boxhagenerstr. 111, 0-1034 Berlin.

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