Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Südkorea

Der Seouler Frühling

· Inprekorr Nr. 239, September 1991 · S. 30-35 · 3.852 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Japan und Korea Jugend und Studenten Frauen

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Am 24. Mai setzte der südkoreanische Präsident Roh Tae Woo einen neuen Premierminister ein und bildete die Regierung um. Nach mehreren Wochen Unnachgiebigkeit gegenüber den Oppositionsbewegungen wurde der Präsident bei der Vorbereitung der Gemeindewahlen am 20. Juni, in denen seine herrschende Liberaldemokratische Partei einen überwältigenden Sieg erringen konnte, letztlich zum Nachgeben gezwungen. ENZO TRAVERSO as war seine Reaktion auf eine wach- Olympischen Spielen in Seoul 1988; der D sende Welle studentischer Mobili- zunchmende ökonomische Spielraum für ein sierungen, ausgelöst am 26. April Regime, das zuvor völlig den USA untergedurch den Foltertod von Kang Kyung Dae, ordnet war; die wachsenden Schwierigkeiten einem 20jährigen Studenten, der auf einer des nordkoreanischen Regimes nach dem Demonstration von der Polizei festgenom- Zusammenbruch der "kommunistischen" men wurde. Die Brutalität der Polizeirepres- Regimes in Osteuropa und schließlich eine sion, die Radikalisierung der StudentInnen- flexible Außenpolitik, mit der Südkorea dibewegung, die alarmierend zunehmende plomatische und intensive Handelsbezichun- Zahl der Opfer der Unnachgiebigkeit der gen mit der Sowjetunion und ihren früheren Regierung hatten das Land erneut ins Chaos Verbündeten errichtet hat. und in eine Spirale der Gewalt geführt. Wie- Roh Tae Woos Moskau-Besuch im Deder gab es in Scoul und anderen Großstädten zember 1990 führte zu einem Abkommen zehn-, vielleicht sogar hunderttausende De- über einen Kredit von 3 Mrd Dollar an die monstrantinnen, die sich blutige Schlachten Sowjetunion und brachte den südkoreanimit Sondereinsatzkommandos lieferten. schen Präsidenten in die Rolle des Gläubigers Wenn dieses länger angedauert hätte, wäre einer Großmacht. Die Beziehungen zwischen das Regime tief im Innern erschüttert worden. Nord- und Südkorea haben sich in den letzten Die Weltpresse war sich einig, daß diese drei Jahren wesentlich zugunsten Südkoreas Demonstrationen die wichtigsten seit Roh verändert. Das zeigte sich in der jüngsten Tae Woos Machtantritt vor vier Jahren in den Entscheidung Pyöngjangs, den Widerstand freien Wahlen nach dem Sturz des Militärre- gegen die gleichzeitige Zulassung beider gimes von Chun Doo Hwan darstellten.' Koreas zu den Vereinten Nationen aufzuge- Diesmal wurde die Revolte in erster Linie ben.? durch die aufeinanderfolgende Tode von acht Doch dieses internationale Prestige ist Studenten angeheizt. Sie verbrannten sich begleitet von ständiger Instahilität im Lande selbst und wollten damit gegen die fehlende selbst, wo die politischen Spannungen groß Freiheit protestieren und den Rücktritt des sind. Niemand in Südkorea hat vergessen, Premierministers verlangen, der als Haupt- daß sich Roh Tae Woh als Armeegeneral an verantwortlicher für die Polizeiunterdrük- dem Militärputsch 1980 beteiligt hatte, der kung gilt. Chun Doo Hwan - eine der verhaßtesten po- In den letzten drei Jahren ist das interna- litischen Figuren in der gesamten modernen tionale Ansehen der südkoreanischen Regie- koreanischen Geschichte - an die Macht rung und ihres Präsidenten stark gestiegen. brachte. Überdies können die Arbeiter- und Die Gründe dafür sind vielfältig: der An- StudentInnenbewegungen jederzeit anschein von Modernität, begünstigt von den schwellen und einen hohen Mobilisierungsgrad aufrechterhalten. Das Vorhaben, aus Südkorea eine Demokratie unter Militäraufsicht' zu machen (wie in Ländern Lateinamerikas geschehen), kann sich auf einen hohen Lebensstandard stützen, ist aber auch mit permanenten sozialen Spannungen konfrontiert.

Studentinnen als Bewußtsein der Nation angesehen Die Studentinnen, die beträchtliche soziale Achtung genießen und oft als das Bewußtsein einer Nation gelten, in der traditionell die "Gelehrten" (Sa) eine Kaste an der Spitze der Gesellschaft gebildet haben, standen schon immer an der Vorderfront des Kampfes für die Demokratie; angefangen 1960, als sie das Militärregime von Syng Man Rhee zum Zusammenbruch brachten, bis 1987, als ihre Aktionen eine gewaltige soziale Mobilisierung in Gang setzten, die das Ende des korrupten Regimes von Chun Doo Hwan und den Übergang zu einem demokratischeren politischen System einläuteten. In der StudentInnenbewegung findet sich das gesamte Spektrum der Linken wieder. Es reicht von SozialdemokratInnen bis zu Trotzkistinnen, diejenigen nicht zu vergessen, die vom Denken Kim Il Sungs beeinflußt werden. Aber sie scheint sich zunehmend um eine Reihe zentraler Forderungen zu sammeln, wie die Achtung der Demokratie, die Freilassung der vielen politischen Gefangenen und den Abzug der 40.000 amerikanischen Soldaten, die im Land seit Ende des Bürgerkrieges stationiert sind und vielerorts als Symbol einer ehemaligen "Kolonie" betrachtet werden, was als zunehmend unerträglicher empfunden wird. Schließlich gibt es noch die Frage der Wiedervereinigung der Halbinsel.

Obwohl nicht direkt von Pyöngyang geführt oder gesteuert, beruft sich eine wichtige Strömung der StudentInnenbewegung auf das "Juche"- ("Identitäts"-)Prinzip, das vom nordkoreanischen Regime seit 1955 verkündet wird und auf das Regime nördlich des 38. Breitengrades als ein Modell nationaler Befreiung verweist. Diese Strömung predigt eine Ideologie, in der sich Marxismus und Konfuzianismus vermischen. Sie bringt eine Form des Nationalismus mit entschieden xenophobischen Eingüssen an die Oberfläche, in denen koreanische Nationalidentität und Kim Il Sung gleichsetzt werden. Die populistische Übertreibung der Massen ("Minjung" - "das Volk") und der für diese Strömung charakteristische nationalistische Mystizismus wird begleitet von gro-

Seite 31

Bem Kampfwillen, Mut und Entschlossenheit. Das ist auch ein Faktor in ihren bevorzugten Protestformen, darunter die Selbstverbrennungen, die bis jetzt zu acht Toten geführt haben. Das ist eine Praxis aus der immer noch lebendigen buddhistischen Tradition stammt, die unter der Modernisierung und Säkularisierung der Gesellschaft überlebt hat und den Wert von Opfern hoch ansicht. Doch diese Protestform ist vor allem eine Referenz an die Geschichte der südkoreanischen ArbeiterInnenbewegung, deren Anstieg 1970 durch die Selbstverbrennung des seouler Arbeiters Chun Tae Il gekennzeichnet war, der gegen die Lebens- und Arbeitsbedingungen des südkoreanischen Proletariats protestieren wollte.

Neben dieser Strömung, die als Nationale Befreiung (NL) bekannt ist und die Wiedervereinigung zu ihrer Zentralforderung macht, gibt es eine andere, für die die Unterstützung von ArbeiterInnenkämpfen prioritär ist und die auf die Bedeutung der sozialen Widersprüche in der südkoreanischen Gesellschaft hinweist.

Diese beiden Strömungen, deren Ursprünge dreißig Jahre zurückreichen, können SÜDKOREA jederzeit einige tausende Studentinnen mobilisieren und beträchtlichen kulturellen Einfluß auszuüben. Ein Großteil der südkoreanischen Intelligenz betrachtet sich jetzt selbst als marxistisch, und die Buchläden in Seoul und Pusan sind voller marxistischer Werke. Genauso wie in Westeuropa nach 1968 ist die Bewegung pluralistisch und außerordentlich breitgefächert, orientiert sich an unterschiedlichen Traditionen und wird angespornt von einer revolutionären Kultur mit Licht- und Schattenseiten. Die Spanne reicht von Walter Benjamin bis zu Kim Il Sung.

Eine illegale Ausgabe der Schriften Kim Il Sungs wird gegenwärtig auf den Hochschulen vertrieben und ist dort leicht erhältlich. Gleichzeitig sind seit der fast völligen Einstellung der Zensur vor drei Jahren koreanische Übersetzungen von fast der gesamten marxistischen Tradition erhältlich, von Marx bis zu Trotzki, von Luxemburg bis zu Lukacs, von Gramsci bis zu Marcuse, von der Frankfurter Schule bis zum New Left Review, von Althusser bis zu Mandel.

Einer der Gründe für den hohen Grad der politischen Mobilisierung nicht nur der Studentinnen, sondern der gesamten demokratischen öffentlichen Meinung in Südkorea ist die große Anzahl Gewissensgefangener, die in den Geflingnissen des Landes einsitzen. Repression trotz Wahlversprechen fortgesetzt Wie zu erwarten war, hat Roh Tae Woos Regierung genau das Gegenteil von dem getan, was sie im Wahlkampf 1987 versprach, der sie an die Macht brachte. Damals sagte Roh, daß die "nationale Sicherheit nicht länger ein Vorwand zur Einschränkung der Freiheit und der Menschenrechte in diesem Land" sein würde. Heute sind 398 Gefangene, 32 Prozent aller Gewissensgefangenen, unter den Gesetzen zur Nationalen Sicherheit eingesperrt, die vor vierzig Jahren eingeführt wurden, um die kommunistische Bewegung zu unterdrücken und jegliche Solidarität mit Nordkorea zu verhindern.

durchschnittlich 3,7 Verhaftungen pro Tag seit Februar 1988, als die demokratische Öffnung einer neuen Repressionswelle wich.

Seite 32

SÜDKOREA

Helden machen würde. Sie wurden zu zehn Jahren verurteilt, doch massive Solidaritätsmobilisierungen konnten die Haftstrafe auf Die Plattform von Chunnohyup 1. Wir wollen kämpfen für ein annehmbares Leben, indem wir uns für Lohnerhöhungen und für die 44-Stunden-Woche einsetzen.

2. Wir wollen kämpfen für die Abschaffung der Lohndiskriminierung nach Beruf, Geschlecht und Qualifizierung. Wir verlangen ein gerechtes Lohnsystem mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit. 3. Wir wollen kämpfen für ein gesichertes Anstellungssystem, das ungerechte Entlassungen verhindert und den Erwerbslosen Arbeitslosengeld und Qualifizie. rungsmaßnahmen bietet.

4. Wir wollen kampfen für einen sicheren Arbeitsplatz, an dem es keine Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten gibt.

5. Wir wollen kämpfen für das kollektive Streik- und Verhandlungsrecht.

6. Wir wollen kampfen in einer Einheitsfront gegen Regierungsund Managementrepression gegen die Arbeitsbewegung.

7. Wir wollen kämpfen für eine garantierte Wohnung, freie Die meisten sind Studentinnen (567) und ArbeiterInnen (430). Unter ihnen gibt es viele FührerInnen und AktivistInnen der StudentInnenbewegung (Chondaehyup), der Bewegung für nationale Wiedervereinigung (Chunminryun) und vor allem der neuen Gewerkschaften, die in Chunnohyup landesweit zusammengefaßt sind.* Auch die Inhaftierung von 151 Menschen, die sich selbst als KommunistInnen bezeichnen, sollte berücksichtigt werden. Einige, die es ablehnen, sich von ihren Idealen loszusagen, sind schon seit Jahrzehnten im Gefängnis." In Wirklichkeit ist die Zahl von 1.300 Gefangenen nur die Spitze cines Eisbergs der Repression: es gibt hunderte AktivistInnen, die bei Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kurzzeitig inhaftiert werden. Im letzten Jahr wurden beispielsweise mehr als 500 Studentinnen wegen Werfens von Molotow-Cocktails Allgemeinbildung, medizinische Versorgung, Preisstabilität, Umweltschutz, Erhöhung der Sozialhilfe und Steuerreformen.

8. Wir wollen kämpfen gegen sexuelle Diskriminierung und für Mutterschaftsrechte.

9. Wir wollen kämplen für eine vernünftige Volkskultur, die der Dekadenz der ausländischen Kulturinvasion widersteht.

10. Wir wollen kämpfen für die Garantie der Freiheit der Presse, der Äußerung, der Versammlung, der Vereinigung, der Demonstration, des Denkens und anderer grundlegender Menschenrechte für das ganze koreanische Volk.

11. Wir wollen kämpfen mit den anderen Kräften des Volkes für Demokratie, Unabhängigkeit und die Wiedervereinigung unseres Landes.

12. Wir wollen kämpfen für Weitfrieden, indem wir die Solidarität mit unseren Kollegen und Kolleginnen in der ganzen Weit stärken. * verhaftet (eine Praxis, die heutzutage unter der Jugend populärer zu sein scheint als die traditionellen Kampfsportarten). Wichtig ist auch, daß das Ausmaß der Proteste zu einer Auflösung der Disziplin bei den Aufstandsbekämpfungseinheiten führte; 22 Soldaten aus diesen Einheiten weigerten sich, bei den Unterdrückungsmaßnahmen mitzumachen und wurden dafür eingesperrt. Der Kampf zur Befreiung der Gewissensgefangenen trat Ende letzten Jahres in den Mittelpunkt, als der 22jährige Student Im Su Kyung und der 61 jährige Moon Kyu Hyun verurteilt wurden weil sie nach Nordkorea gingen, um sich für die Wiedervereinigung einzusetzen. Als sie nach Seoul zurückkehrten und dort aufgrund des Gesetzes über die Nationale Sicherheit verhaftet wurden, führte ihre Festnahme zu immensen Emotionen.® Das Regime mußte sie einsperren und wußte doch gleichzeitig, daß sie das zu nationalen fünf Jahre mindern.

Auch die ArbeiterInnenbewegung ist von der Repression direkt betroffen. Anfang letzten Jahres fand der Gründungskongreß von Chunnohyup in Souwon statt, einem Industrievorort Seouls. Er wurde von der Polizei aufgelöst und mehrere Führer verhaftet. Anderthalb Jahre später kann die Gewerkschaft spüren, daß sie, trotz der schweren Verfolgungen, einen wirklichen Fortschritt erreicht hat.

Heute organisiert sie 190.000 Arbeiterinnen in 14 Regionalverbänden, die wiederum mehrere Sondergewerkschaften vereinigen. Streikende halten sich zwei Wochen lang gegen Polizei

Ihre Feuertaufe kam einige Monate nach ihrer Gründung, mit dem Streik in einer der größten südkoreanischen Betriebe, den Hyundai-Werften bei Ulsan. Dort hatten die Aktivistinnen der Gewerkschaft die Leitung. Die Organisation war so gut, daß die Arbeiterinnen zwei Wochen lang gegen 18.000 bewaffnete Polizisten aushalten konnten? Dieser Streik wurde von rund 200.000 Arbeiterinnen im ganzen Land unterstützt. Chunnohyup bleibt eine Minderheit in der Gewerkschaftsbewegung und ihre Mitgliedschaft ist nur ein kleiner Teil der gesamten ArbeiterInnenschaft von 10 Millionen. Der Hauptgewerkschaftsverband, der Verband der Koreanischen Gewerkschaften, "gemäßigı" und von der Regierung anerkannt, hat dreimal so viele Mitglieder. Doch was Chunnohyup trotz der Verhaftung fast aller Führer ermöglichte, sich weiterzuentwickeln, ist ihre Verankerung in den wichtigsten industriellen Zentren des Landes. 1990 konnten ihre Aktivistinnen in einigen wichtigen südkoreanischen Betrieben, wie den Werften und dem Autowerk Daewo, bei den Gewerkschaftswahlen die früheren Arbeitsplatzdelegierten ersetzen. Dieser Trend setzt sich in diesem Jahr fort.

Chunnohyup ist also eine Avantgarde- Gewerkschaft, die zwar nur eine Minderheit direkt organisiert, aber mittlerweile in der Lage ist, die Kämpfe der stärksten und politisch militantesten Sektoren der Arbeiterinnenbewegung zu führen. Trotz der Repression werden ihre Strukturen von den Arbeiterinnen als legitim anerkannt, und das hat die Unternehmen gezwungen, die Gewerkschaft anzuerkennen, trotz der unnachgiebigen Haltung der Regierung.

Seite 33

Chunnohyup ist das Produkt einer neuen Generation von Arbeiterinnen, entstanden durch das südkoreanischen Wirtschaftswunder, gebildet in den Kämpfen der 80cr Jahre und radikalisiert durch den Kampf gegen Chun Doo Hwans Militärdiktatur. Das Durchschnittsalter liegt bei 30. Diese junge ArbeiterInnenklasse konnte trotz der harten Repression bedeutende Siege erringen. So sind etwa die Löhne seit 1987 um 20 Prozent gestiegen. Die Arbeitswoche wurde verringert und es gab Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen: Im letzten Jahrzehnt starben 15.000 Menschen in Arbeitsunfällen, davon 1990 allein 2.236.ª Es gibt viele Frauen in Chunnohyup. Sie fordern u.a. Mutterschaftsurlaub (dh Beurlaubung nach der Geburt bei gleichzeitiger Arbeitsplatzgarantie) und die Abschaffung der Geschlechterdiskriminierung (die meisten erwerbstätigen Frauen sind unverheiratet, jung und verdienen beträchtlich weniger als Männer, die die selbe Arbeit machen). Sie sind vor allem in der Textil- und Elektronikindustrie tätig und stellen die ausgebeutetste Schicht der südkoreanischen Arbeiterinnenklasse dar. Schätzungsweise 98 Prozent aller weiblichen Erwerbstätigen arbeiten länger als erlaubt (41,5% länger als 9 Stunden und 22,5% länger als 10 Stunden täglich). Das Ergebnis sind berufsbedingte Krankheiten wie Anämie, von der 12,7 Prozent aller südkoreaFabrikarbeiterinnen betroffen sind.' Chunnohyups Zentren sind die Großbetriebe, die Schauplätze der härtesten Kämpfe in den letzten Jahren. Um nur einige Beispiele zu geben: die Gewerkschaften im Verband von Chunnohyup organisieren 20.000 Arbeiterinnen in den Stahlwerken von Pohang; 19.500 in den Hyundai-Werften bei Ulsan; 13.500 in den Daewo-Autowerken in Incheon bei Seoul; und 10.150 in den Daewo- Werften bei Geoje.'° Chunnohyup-GewerkschafterInnen aus 16 der größten Unternehmen, die 109.000 ArbeiterInnen organisieren, veranstalteten am 9. Dezember eine Konferenz, um eine nationale Koordinierung aufzustellen. Sie beschlossen, eine landesweite Kampagne mit vier Hauptachsen zu starten: a) für eine einheitliche Bewegung gegen Anti-Streik-Gesetze und Anti-Gewerkschaftsrepression; b) zur Verteidigung der Einheit und Unabhängigkeit der demokratischen Gewerkschaftsbewegung; c) zur Stärkung der Solidaritätsinitiativen zwischen den Gewerkschaften in den Großbetrieben in verschiedenen Regionen des Landes; d) für die Schaffung einer sozialen Bewegung, die sich für verbesserte Dienstleistungen und eine höhere Lebensqualität einsetzt (wie Transportwesen und SÜDKOREA soziale Sicherheit, dh nicht direkt betriebsbezogene Forderungen). Der Führer dieser neuen landesweiten Koordination ist der 31 jährige Pak Sun Hwan, der Vorsitzende der Gewerkschaft in der ulsaner Werft. Obwohl sie für illegal erklärt und von der Regierung mit Auflösung bedroht wurde, konnte die Konferenz normal durchgeführt werden. Die Bedeutung dieser neuen Koordinierung wird klar, wenn man sich die Struktur der südkoreanischen Wirtschaft ansicht, die zu den konzentriertesten der Welt gehört. Die Wirtschaft wird von einigen wenigen Riesenkonglomeraten (Chacbols) kontrolliert, die sich über mehrere Industriezweige erstrecken und praktisch in jedem produktiven Sektor zu finden sind. 1990 betrugt die Umsatzsumme der vier wichtigsten Chacbols (Samsung. Hyundai, Lucky Goldstar, Daewo) 135 Mrd Dollar, dh mehr als die Hälfte des südkoreanischen BSP."

Diese extreme Konzentration stellt eines der Hauptprobleme der Wirtschaft dar. Das extensive Entwicklungsmuster der Chaebols hat zu einer Ökonomie geführt, die der zunehmend stärkeren ausländischen Konkurrenz gegenüber verwundbar ist. Um seine Position auf dem Weltmarkt zu halten, muß Südkorea seine Produktion diversifizieren und die Qualität verbesser. Dazu ist eine Verbesserung des vorhandenen Technologiestandes nötig. • Schwerindustrie und drakonischer Protektionismus

Das südkoreanische Wirtschaftswunder beruhte auf der Schwerindustrie und anderen Branchen mit niedriger Kapitalintensität, die die Schaffung modernerer Industriezweige crlaubt haben. Dank des drakonischen Protektionismus war diesen Produkten der einheimische Markt sicher, auf dem Autos, Telefone und elektrische Güter ausschließlich aus einheimischer Produktion stammen durften. Aber auf den Weltmarkt konnten sie noch nicht vordringen.

Andererseits begünstigt die Existenz dieser massiven Industriezentren die Organisierung und schnelle Ausdehnung von ArbeiterInnenkämpfen. Die letzten Jahre haben das gezeigt. Wenn Streiks bei Hyundai oder Daewo auf Betriebe anderer Chaebols überspringen, ist sofort die gesamte Wirtschaft lahmgelegt. Das ist die Erklärung für die beeindruckenden Lohnerhöhungen in den letzten Jahren. Nach dem Sturz der Militärdiktatur und der Ausweitung des Binnenmarktes aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung, ist es nun nicht mehr möglich, mit Anzoige

BIRGITTE KIECHLE

Was kommt nach dem § 218?

Zum aktuellen Stand der Auseinandersetzung um das Abtreibungsverbot isp-pocket 48, ca. 130 Seiten, ca. DM 16,80 ISBN3-88332-186-9

Das Buch der sozialistischen Feministin Brigitte Kiechle setzt sich mit den gegenwärtigen Debatten um die staatliche Abtreibungsregelung in der BRD nach dem Anschluß der DDR auseinander. Es will Sozialistinnen und Feministinnen darauf vorbereiten, daß nach der eventuellen Aufhebung des 218 neue Gesetze und Bestimmungen erlassen werden könnten, die einem faktischen Verbot nahekommen bzw die gegenwärtig geltenden eingeschränkten und demütigenden Bedingungen fortbestehen lassen und in den neuen Bundesländern einführen würden. Es wird nicht zum soundsovielten Mal begründet, warum der 218 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden sollte - und weshalb bewußte Frauen und Männer gegen das Verbot legaler Abtreibung durch den Staat, aber nicht für Abtreibung (als Mittel zur Geburtenregelung) eintreten. Gerafft werden die Situation in der alten BRD nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1975 und die Lehren aus dem Memminger Prozeß von 1988/89 dargestellt. Ausführlicher werden die Abtreibungsregelung der DDR sowie die nach dem 3. Oktober 1990 vorgelegten Vorschläge der großen Parteien be schrieben und bewertet. Die Verständigungsschwierigkeiten der Frauen(bewegungen) in BRD West und Ost werden angesprochen.

Stets werden die Rahmenbedingungen des Kampfes gegen den reformierten "Paragraphen" und für die reale Beseitigung der Nöte der Frauen, die abtreiben wollen bzw müssen, berücksichtigt; die Zusammenhänge von Abtreibungsverbot bzw Zwangsberatung, allgemeiner Frauenunterdrückung und gesamtgesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen werden analysiert.

Seite 34

der "Arbeiterfrage" rein repressionell umzugehen.

In diesem Zusammenhang haben sich die Schwächen der Konglomerate gezeigt. Viele der Probleme waren schon aus den entwickelten kapitalistischen Ländern bekannt. Wie in den USA (bei Ford oder General Motors in Detroit) und Europa (bei Fiat in Turin) tendieren die wichtigsten Industriegruppen zur Verkleinerung der riesigen Produktionsstätten. Sie südkoreanische Regierung übt gegenwärtig starken Druck auf die Chaebols aus, um sie zu veranlassen, sich auf besondere Bereiche zu spezialisieren und ihre Konzentration zu verringern.

Die Notwendigkeit einer Umgestaltung wird immer dringender; obwohl die südkoreanischen Wachstumsraten höher als in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern sind, sind sie doch in den letzten drei Jahren zurückgegangen. Die Schätzungen liegen zwischen 3 und 7 Prozent 1991. Die Exporte, lange Zeit der Schlüssel des Booms, wuchsen 1987 um 36 Prozent und 28,4 Prozent 1988, aber fielen 1990 um 3 Prozent.' Dieses Jahr will die Regierung den Anstieg des Mindestlohns auf 12 Prozent begrenzen, während die Gewerkschaften 19 Prozent fordern." Der Entstehung von Chunnohyup folgte im November 1990 die Gründung der Volkspartei (Minjoungdang), dem politischen Ausdruck der neuen unabhängigen ArbeiterInnenbewegung, die auch von der StudentInnenbewegung unterstützt wird.

Ihr Führer Jon Ki Pyong genießt große Popularität und alle ihre FührerInnen, darunter ArbeiterInnen, StudentInnen und Intellektuelle haben schon einige Haftstrafen hinter sich. Die Feindseligkeit des Nordkoreaorientierten Flügels gegenüber Minjoungdang, die sich zur nationalen Wiedervereinigung bekennt ohne diese zum Mittelpunkt ihres Programms zu machen, ist ein Anzeichen für die Unabhängigkeit der Partei. Ihr Programm ist weitgehend identisch mit dem von Chunnohyup (siehe Kasten).

Sie ist in den Gewerkschaften verankert und bringt eine ganze Reihe politischer Ansichten zusammen, darunter auch unterschiedliche linke und sozialdemokratische Strömungen, christliche Flügel (vor allem KatholikInnen), Teile der BäuerInnenbewegung, der Frauenorganisationen und des linken Flügels der BürgerInnenbewegung, die sich gegen die Zensur einsetzt und für die Freilassung der politischen Gefangener kämpft.

Obwohl Minjoungdang erst eine in der Gründung begriffene Partei ist, diskutieren ihre Aktivistinnen bereits die Möglichkeit, ihre eigenen Kandidatinnen in den Wahlen SÜDKOREA nächstes Jahr aufzustellen. Offensichtlich hat 3) Siche Bruce Cummings im New Left Review, Februar 1989 die Partei noch zu keiner einheitlichen Hal- und Daniel B. Schirmer: "Korea and thePhilippines; a century of US Intervention", Monikly Review, Nr. 1, 1991. tung gegenüber Kim Dae Jung gefunden, dem 4) Korea Report, News and Analysis of Korean Affairs, wichtigsten Führer der liberaldemokrati- Washington, Nr. 11, 1990. 5) Ihre Lage wurde von Amnesty International in einem schen Opposition, der einzigen Op- Jahresbericht angeprangert. positionskraft im südkoreanischen 6) International Viewpoint, Nr. 180, 13. März 1990. Parlament. 7) IV. Nr. 184, 7. Mai 1990. 8) Siche den regierungsnahen East Asian review, Korea and World Affairs, Nr. 4 1990.

9) Korea Labor, KRIC Monthly Newsielter, Seoul, Nr. 4. Dezember 1990.

Anmerkung 10) Ebenda.

1) Siche International Herald Tribune, 30. April 1991 und Le 11) Financial Times, 10. April 1991. Monde, 15. Mai 1991. 12) Ebenda 2) Le Monde, 29. Mai 1991. 13) Korea Labor, op cit. Anzeige

ULRICH KÜNTZEL Sozusagen unter der Hand, aber keineswegs ohne tiefere Absicht, stellt der Verfasser die Entwicklung zweier wichtiger Institutionen Die Finanzen großer dar: der Sklaverei und des modemen Staates. Die Aktualität des letzteren ist einleuchtend, Männer die der Sklaverei liegt weniger offen zutage. Die vielfältigen Querverbindungen und Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Institutionen und den privaten Finanzen Leinen mit Schutzumschlag der großen Männer (und zahlreicher ihrer ca. 800 Seiten,ca. DM 68 Zeitgenossen) mögen zunächst erstaunlich ISBN 3-88332-185-0, isp-Verlag scheinen, sie sind jedoch geschichtliche Tatsachen, denen nur meist zu wenig Gewicht Wieviel Gold, Silber, Juwelen, Häuser, beigemessen wird. Sie enthüllen die stärksten Grundstücke, Ochsen, Schweine, Sklaven, und verborgensten Triebkräfte in der Biogra- Lohnbedienstete, Kunstwerke und sonstige phie der Großen, denn "die wirtschaftlichen wirtschaftliche Werte besaßen Odysseus, So- Tatsachen sind nicht nur die härtesten, sonkrates, Casar, Kolum- dem auch die interbus, Napolcon, Bis- essantesten". marck, Washington Ulrich Küntzel Der Leser/die Leseund Gandhi? In wel- rin wird überrascht cher Beziehung stand- sein, in welch hoen "Hamlet" und DIE hem Maße die Fi- "Faust" zu den Finan- nanzen sich als ein zen Shakespeares und Spiegel erweisen, Goethes - oder der FINANZEN der das Verhältnis Gallische Krieg und großer Männer zur der Italienfeldzug Gesellschaft ihrer 1796797 zu den Fi- GROSSER Zeit und den histonanzen Cásars und rischen Wandel Napoleons? In wel- während ihres cher Weise haben fi- MANNER Lebens reflektiert. nanzielle Überlegungen das Leben und Der Autor öffentliche Wirken Ulrich Küntzel, großer Männer beein- ED SENTES OEL geb. 1904, studierte flußt? Geschichte, Volks- In einem Rückblick 85 wirtschaftslehre auf drei Jahrtausende und Philosophie an Weltgeschichte ist deutschen und US- Ulrich Küntzel diesen amerikanischen Fragen nachgegan- Universitäten. Seigen. Nicht die Rei- ne Hauptarbeitsgechen, sondern be- biete als wissenrühmte Persönlichkei- schaftlicher Volksten aus möglichst allen wirt sind heute: die Lebenskreisen und USA und die inter- Epochen hat er ausge- nationalen Kapitalwählt, ihre Geschäfte beziehungen seit und privaten Finanzen dem Ersten Weltuntersucht und eine oft überschene, aber au- krieg. Das vorliegende Buch über die Finan- Berordentlich bedeutsame Seite im Leben zen großer Männer ist das Ergebnis seiner dieser Männer aufgedeckt. Arbeit von über drei Jahrzehnten.

Seite 35

IRAN