Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

UdSSR

Selbstverwaltung und Selbstregierung

Inprekorr Nr. 228/229, Juni/Juli 1990 · S. 9-10 · 1.368 Wörter

Sowjetunion Gewerkschaften und Streiks

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Interview mit MICHAIL MALJUTIN Michail Maljutin ist Lehrer an der zentralen Schule der KPdSU in Moskau und ein Mitglied des Koordinationskomitees der Demokratischen Plattform in der KPdSU. Er trat der KPdSU 1987 bei. Er ist auch eine führende Figur in den Vorbereitungskomitees für eine neue sozialistische Partei. Das folgende Interview mit Maljutin führten Salah Jaber und Gerry Foley am 5. April 1990 in Paris. 0 Kannst Du die Ursprünge Eurer schen Plattform in der KPdSU sowie Organisation beschreiben? linke Populisten in Moskau, Irkutsk, Kasan, Kuibyschew usw. Es gab ein • Unsere Gruppe begann 1987 auf ci- Treffen des Vorbereitungskomitees am ner legalen Basis zu arbeiten. Der erste 25. März in Irkutsk, aber ich war in Name der sowjetischen linken Gruppen Frankreich, und ich weiß nicht, wie die war Föderation Sozialistischer Klubs. Position in Sibirien, im Ural und im Fer- Diese waren kleine Gruppen, eine der nen Osten ist. größten war die Konföderation der Anar- Es gibt eine Anzahl verschiedener chosyndikalisten. Sie hatte 30 bis 40 Mit- Organisationen, die sich als Sozialdemoglieder in Moskau und etwa 300 bis 400 kraten verstehen. Die ernsthafteste davon in der ganzen UdSSR. Eine weitere wird von Oleg Rjumanzew und Leonid Gruppe, die Sozialistische Initiative - Wolkow geführt, die jetzt Mitglieder des geführt von Boris Kagarlitzki, Witali russischen Parlaments sind. Es ist eine Ponomarjow, einem Spezialisten zu Fra- Partei von jungen Intellektuellen, die gen der asiatischen Republiken, Jefim cher eine Wahl- denn eine Massenpartei Ostrowski, einem der Leiter unserer anstreben. Sie nennen sich eine Partei der Arbeit im Komsomol, und von mir -, Mittelklasse. Unsere Vorstellung ist eine verwandelte sich als Resultat ihres letz- Massenpartei mit Wurzeln in der Arbeiten Kongresses am 25. März in das Mos- terklasse. Darin liegt die Differenz zwikauer Komitee der neuen Sozialisten. schen Sozialisten und Sozialdemokraten Auch sie ist keine große Organisation - in der UdSSR. etwa 40 Mitglieder in Moskau. Es gibt einige weitere linke Gruppen, Es gibt einige andere Organisationen, aber sie stellen keine reale politische die unseren Kampf für eine neue soziali- Kraft dar. Wir haben eine gewisse Publistische Partei unterstützen. Es gibt den zität in den sowjetischen Medien gehabt, linken Flügel des Komsomol in Moskau aber diese Medien mögen die sowjetische und auch andernorts, der sich Föderation Linke nicht. Es gab in Moskowskije Noder sozialistischen Jugend nennt. Einige wosti Material über die Sozialdemokra- Provinzkomitees des Komsomol stehen ten, nicht aber über die Sozialisten. Jetzt auf dieser Position. Eine weitere Gruppe gibt es eine neue Zeitschrift, Dialog, die ist der linke Flügel der unabhängigen dreimal im Monat erscheint und deren Gewerkschaft Sozprof. Einer ihrer Füh- erste Ausgabe einen Brief von mir über rer, Lew Wolowik, ist ein Mitglied des einen Artikel von einem unserer linken Vorbereitungskomitees der neuen Sozia- Ökonomen enthielt. In ihrer sechsten listischen Partei. Es gibt Gruppen von Ausgabe sollte ein Interview mit mir Sozprof-Arbeitern mit einer sozialisti- über die Konzeption der Sozialistischen schen Position in Prokopjewsk (Kus- Partei erscheinen, aber bei der Veröfbass), in Workuta, im Donbass, in fentlichung dieses Interviews gibt es ein Narwa und in Moskau. Beteiligt sind Problem. Es besteht eine reale Blockade auch einige Mitglieder der Demokrati- der Information über unsere Organisation.

• Welches war die Beziehung zwischen der Bewegung für eine sozialistische Partei und dem Komsomol?

• Der Komsomol ist zerstört worden. Es war ein langer Prozeß. Der linke Flügel des Komsomol, die Föderation der sozialistischen Jugend, war keine Massenorganisation. Sie war ein Teil des Apparats, der sich gegen den Apparat in seiner Gesamtheit wandte. Die sowjetische Jugend hat kein großes Interesse an Politik, was ein wirkliches Problem ist. Die Führer der Föderation sind jetzt Mitglieder der Sozialistischen Partei. Bei der Veröffentlichung unseres Materials versuchten wir von dieser Basis Gebrauch zu machen.

Die Klubs existieren jetzt nicht mehr. Sie existierten 1987/88. Jetzt gehören die Mitglieder der Klubs zu den Volksfronten, oder sie sind auf verschiedenen Ebenen Angehörige der lokalen Regierung. Derzeit haben wir drei Abgeordnete im Moskauer Sowjet, Boris Kagarlitzki, Wladimir Kondratjew und Sergei Baranow. Wir haben einen Abgeordneten im russischen Parlament, Wladimir Machanow, einer der Führer der Bergleute von Prokopjewsk. Aber es gibt noch etwa dreißig weitere Mitglieder des Moskauer Sowjets, die unser Programm der Selbstregierung unterstützen.

• Wie entwickelte sich die Idee einer sozialistischen Partei?

• Die Idee war alt. Als Boris Kagarlitzki, Pawel Kuduchin und Andrei Fadin vor zehn Jahren mit der Organisierung begannen, wurden sie verhaftet. Das war 1982. Aber als die Perestroika begann, wurden sie wieder freigelassen. Somit waren wir nur vier Jahre lang in der Lage, eine legale politische Aktivität zu entfalten. Am Anfang waren es kleine Gruppen von Linksintellektuellen in Moskau, Leningrad und anderen Städten. Nach 1988 wurde die Sache ernster. In der ganzen UdSSR wurden die Volksfronten gegründet - auch von jungen Intellektuellen. Erst nach dem Bergarbeiterstreik von 1989 errichteten wir eine wirkliche Partei.

• Habt Ihr eine eigene inoffizielle Publikation?

• Dies war eines der ernstesten Probleme. Da wir nicht mit Photokopiergeräten ausgerüstet sind, müssen wir die Vervielfältigung unserer Publikation in den baltischen Republiken, insbesondere

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in Litauen, kommerziell besorgen lassen. Unsere Zeitschrift heißt Lewy Poworot [Linkswende] und wird mit einer Auflage von 300 bis 500 Exemplaren, mit einem Seitenumfang von jeweils 100 bis 200 Seiten, herausgegeben. Über zwanzig Ausgaben sind bisher erschienen. Unsere Artikel werden auch in Prokopjewsk und im Donbass von den Streikkomitees veröffentlicht, aber in diesem Fall ist eine Reihe von Kräften beteiligt.

• Kannst Du mehr über Eure Verbindungen zu diesen Streikkomitees sagen?

• Vor dem Streik hatten wir mit den Bergleuten keinen Kontakt. Aber wir waren die einzige Organisation, die sie unterstützte und versuchte, die verschiedenen Regionen miteinander zu verbinden. Unsere westlich orientierten liberalen Radikalen in der Demokratischen Union und unsere nationalistischen Radikalen in Pamjat wollten nichts mit diesen Streiks zu tun haben. Im Juli und August 1989 begannen wir die Verbindungen aufzunehmen. Jetzt sind wir am stärksten in Prokopjewsk, wo Machanow einer der Führer des regionalen Streikkomitees war.

Wir werden auch von einigen regionalen Komitees von Sozprof aus dem Donbass, aus Moskau, Workuta, Karaganda und Narwa unterstützt. Die Arbeiter sind in Sozprof in der Minderheit. Die Mehrheit besteht aus Intellektuellen und Anhängern der Kooperativen. Sie sind keine Sozialdemokraten, sondern für einen Volkskapitalismus.

Es gibt Vorbereitungen für einen neuen Streik. Die Vertreter der Arbeiter der Bergbauregionen sagen, daß die Regierung nichts von dem getan hat, was sic versprochen hat. Sie stellen Verbindungen zu Eisenbahnern und Fabrikarbeitern her. Aber es ist schwierig, über den Beginn der Streiks zu entscheiden. Ich kenne die Ergebnisse der Konferenz der offiziellen Bergarbeitergewerkschaft, die unter dem Einfluß der Streikkomitees steht, nicht. Sie begann, als ich gerade nach Paris reiste.

• Du sagst, es gibt verschiedene Kräfte in den Streikkomitees. Sind dies organisierte Kräfte oder Meinungsströmungen?

• Es gab vom Beginn des Streiks an verschiedene Kräfte. Einige wollten ihre Probleme mit der Regierung lösen, nicht gegen sie. Sie mochten die Reaktionen der lokalen Nomenklatura nicht, aber sie kannten nicht die Position der zentralen UDSSR

Nomenklatura. Jetzt gibt es alle Arten Union! Erstere wollen die Wahlen boyvon politischen Gruppen in den Streikko- kottieren, letztere an ihr teilnehmen. Sie mitees - Mitglieder der Demokratischen sind wie die frühe Kirche. Sie geben Plattform der KPdSU, Sozialdemokra- Zeugnis ab von ihren Idealen, aber sie ten, Sozialisten, Vertreter des Volkskapi- machen nicht wirklich Politik. talismus, Anhänger der unabhängigen Gewerkschaften nach dem Modell von • Wie homogen ist die Sozialistische Solidarność. Aber es ist schwierig zu Partei vom ideologischen und politisagen, was die Masse der Bergleute schen Standpunkt? denkt.

• Die Ideen, die uns einen, sind Selbst- • Was ist mit der Demokratischen regierung und Selbstverwaltung. Selbst- Union? Gibt es dort verschiedene Strö- verwaltung für die Arbeiter, Selbstregiemungen? rung in den Kommunen usw. Die Anarchisten sind für die reine Selbstverwal- • Dies ist ein Problem, das für die tung, aber wir glauben, daß die neue Massenmedien interessant ist, aber es ist Regierung innerhalb der Ubergangspekeine wirklich bedeutende Frage der so- riode im Rahmen des Staatseigentums wjetischen Politik. Es gibt Bolschewiki eine wichtige Rolle spielen müßte. Die und Menschewiki in der Demokratischen Arbeiter wollen derzeit das Staatseigen- In eigener Sache: