Der Artikel, dem die folgenden Auszüge entnommen wurden, erschien in der in New York erscheinenden revolutionär-marxistischen Zeitschrift Bulletin in Defense of Marxism, Nr. 73, April 1990.
Sowohl in der bürgerlichen als auch in der linken Presse sind die vollständigen Bankrotts des bürokratischen Staates, der mehr als vier Aussichten für die Wiedervereinigung Deutschlands heute ein wesent- Jahrzehnte im Namen des „Sozialismus" geherrscht hat, viele ostliches Thema der Diskussion. Eine Vorstellung, die noch nach dem deutsche Arbeiter jetzt Bestandteil des Systems werden wollen, das Sturz Honeckers und dem Fall der Berliner Mauer vom ostdeutschen die Wohltaten des imperialistischen Systems genießt. Aber wir kön- Regime und Gorbatschow als undenkbar betrachtet wurde, ist jetzt zu nen ihnen in diesem Wunsch nicht beipflichten und sie'nicht dabei uneiner greifbaren Möglichkeit geworden. Modrow und Gorbatschow terstützen.
haben ihre totale Opposition aufgegeben, auch wenn sie noch auf eini- Einige Individuen und Tendenzen in der Linken haben im Zusamgen Bedingungen bestehen. Und die öffentliche Meinung in der DDR menhang mit diesem überwältigenden Umschwung, der sich für die ist in dramatischer Weise auf eine überwältigende Mehrheit zugunsten deutsche Wiedervereinigung ergeben hat, erklärt, daß sie sich für sie der Wiedervereinigung umgeschwenkt. Auf imperialistischer Seite ist als legitimen Ausdruck nationaler Selbstbestimmung aussprechen. das anfängliche Zögern französischer und anderer westeuropäischer Die Losung .,Für ein vereinigtes sozialistisches Deutschland" ist als Führer, die im Aufkommen eines vereinigten Deutschland einen noch ein Weg präsentiert worden, mit dem versucht werden soll, das vorstärkeren ökonomischen (und potentiell militärischen) Konkurrenten herrschende nationalistische Gefühl einzufangen und es in eine revozu sehen neigten, von der ansteigenden Welle hinweggefegt worden. lutionäre Richtang zu beeinflussen. Solch ein Herangehen, so gut [...) gemeint es auch sein mag, ist verfehlt.
Die ostdeutschen Arbeiter, die für die Wiedervereinigung eintre- Das Problem ist ein sehr konkretes. Wenn es eine gewisse aktuelle ten, tun dies auch von einem rein pragmatischen Standpunkt, auch Basis für die Annahme gäbe, daß die westdeutsche Arbeiterklasse wenn sich dieser von dem der Bürokraten unterscheidet. Sie sehen durch einen Prozeß der deutschen Wiedervereinigung in eine revoluden Lebensstandard ihrer westdeutschen Schwestern und Brüder und tionäre Richtung angespornt werden würde - d.h., daß die Losung möchten ihn ebenfalls genießen. Aus diesem Grund sind bereits Tau- eines „vereinigten sozialistischen Deutschlands" mehr werden sende in den Westen übergesiedelt. Angesichts des Fehlens einer in könnte als bloß eine propagandistische Abstraktion -, gäbe es eine den Massen verankerten politischen Kraft im Osten, die eine wirkli- Basis dafür, daß die revolutionäre Arbeiterbewegung eine Befürworche sozialistische Alternative, einen proletarischen Standpunkt, an- terin des Vereinigungsprozesses wird. Aber ist dies wirklich heute der bieten kann, ist dieses Phänomen nicht schwer zu begreifen. [...] Fall? Leider nicht.
Es gibt jedoch einen Standpunkt, von dem aus die Wiedervereini- Im gegenwärtigen Kontext scheint es wenig Chancen dafür zu gei gung Deutschlands überhaupt keinen Sinn macht - von dem der in- ben, daß sich die reale Massenbewegung der ostdeutschen Arbeiterinternationalen Arbeiterklasse und der revolutionären marxistischen nen und Arbeiter auf den Westen ausdehnt. Ein wiedervereinigtes Bewegung. Die Verwandlung der ostdeutschen Wirtschaft in eine Deutschland wird ein wiedervereinigtes imperialistisches Deutschland weitere profiterzeugende Maschine für die imperialistische Bourgeoi- sein. Was es nach den Vorstellungen in abstrakten Losungen von Linsie wäre eine schwerer Rückschlag für die Perspektive der proletari- ken sein wird, ist unerheblich. Es gibt tatsächlich wirkliche proletarischen Revolution im internationalen Maßstab. sche Strömungen im Osten (und es erheben sich sogar einige Stimmen Der deutsche Nationalismus, der von den Kräften der Vereinigung gegen die Vereinigung), aber sie sind nicht stark genug, um beim geangestachelt wird, ist genauso wenig ein progressiver Faktor. in der genwärtigen Stand der Dinge den Ausgang der Ereignisse zu beein- Welt wie der britische, französische, US-amerikanische oder kanadi- flussen. Der internationalen Arbeiterklasse etwas anderes zu sagen sche Nationalismus. Der Jingoismus der imperialistischen Mächte hieße gefährliche Illusionen zu nähren. rechtfertigt die Ausbeutung anderer Völker auf dem gesamten Plane- [.] Die deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter haben das Recht, ten und trägt zu ihrer Verewigung bei. Der Lebensstandard, den die „demokratisch" zu beschließen, ihr Land auf kapitalistischer Basis Arbeiterklasse in den industriellen Metropolen genießt, wäre nicht wiederzuvereinen, so wie die Arbeiterinnen und Arbeiter der USA möglich ohne die Superprofite, die von den internationalen Gesell- das Recht haben, in demokratischer" Weise George Bush zum Präschaften erzielt werden, die den Arbeiterinnen und Arbeitern in sidenten zu wählen. Die revolutionären Marxistinnen und Marxisten Asien, Afrika und Lateinamerika Hungerlöhne zahlen. Die rassisti- erkennen dieses Recht in dem Sinne an, daß wir nicht die Anwendung sche und nationalistische Ideologie, die die Imperialisten dazu benut- von Zwang befürworten, um solche Entscheidungen, wenn wir nicht zen, um die Unterstützung ihrer eigenen Arbeiterklasse bei diesem mit ihnen einverstanden sind, umzustoßen — auch dann nicht, wenn Geschäft zu bewahren, ist etwas, das Revolutionäre kompromißlos wir in der Lage dazu wären, was wir nicht sind. Aber dies ist etwas bekämpfen müssen. Sie hat einen qualitativ anderen Charakter als der völlig anderes, als wenn wir Befürworter der deutschen Wiederverei- Natiorklismus unterdrückter Völker, der eine mächtige Kraft bei der nigung wären oder behaupteten, daß sie in gewisser Weise eine pro- Mobilisierung gegen ihre Unterdrückung sein kann. [...] gressive Entwicklung darstellte, nur weil sie gegenwärtig den Stand- Ein wiedervereinigter deutscher Staat wäre eine noch stärkere Fi- punkt der Mehrheit reflektiert. Die Resultate eines solchen Prozesses gur im tödlichen imperialistischen Spiel der Weltherrschaft. Dem werden den deutschen und internationalen Imperialismus stärken und . müssen sich revolutionäre Marxistinnen und Marxisten mit Leib und der deutschen und der internationalen Arbeiterklasse schaden. [...] Seele entgegenstemmen. Es ist nicht überraschend, daß angesichts des Steve Bloom
DDR
Bevölkerungsentscheid zur Wiederverei- Inıtiativen für die Abschaffung der west nigung diskutiert. Wir wollen „nein" deutschen Armee, dem schweizerischen sagen können zum Anschluß der DDR, Beispiel folgend. Es gibt in der Bevölke und wir wollen das Bestreben der Mas- rung eine tatsächliche Stimmung, diese sen, selbst über ihr Schicksal zu entschei- Situation zu nutzen, um eine neue Ord den, stärken. Wir wollen ein wirkliches nung in Europa zu erreichen, die nicht Selbstbestimmungsrecht, welches die mehr von Armeen, Atomwaffen, Natio fünf Millionen in der BRD lebenden Ein- nalstaaten, Chauvinismus und Rassismus wanderinnen und Einwanderer ein- geprägt wäre. In dieser Hinsicht hat die schließt, denen keinerlei Mitentschei- VSP dem Vereinigten Sekretariat der dungsrecht eingeräumt wird. IV. Internationale cine gemeinsame Ini- Zugleich unterstützen wir bestehende tiative vorgeschlagen, für die Abschaf- Die Lage in der DDR