CHARLES-ANDRE UDRY tig setzte die FMLN in San Miguel, der zweitgrößten Stadt des Landes, und in anderen Regionen ihren militärischen Druck fort. Am 27. November setzte sie der Armee erneut in der Hauptstadt zu und führte sie in verschiedenen Departements Aktionen durch.
Bomben nur auf Armenviertel
Über zwei Wochen lang bewies die FMLN Entschlossenheit, Kühnheit, Fähigkeit zur Koordination und zum Befehligen. Es wurde deutlich herausgestellt. daß die USA und die salvadorianische Regierung die FMLN nicht schlagen und auch nicht politisch an den Rand drängen können. Die ARENA-Regierung hat zudem einen Anschauungsunterricht über den Klasseninhalt des Krieges. wie sie ihn führt. gegeben.
.Dort wo die Hütten stehen, hatte die Luftwaffe der Regierung bedenkenlos auf Guerillas wie auf Zivilisten gefeuert. Dort, wo die Häuser der Reichen stehen. hielten sie das Feuer zurück* , als die FMLN Escalón besetzte - so stellte der Korrespondent der recht staatsmännischen und konservativen britischen Wochenzeitschrift The Economist scharfsinnig fest (Ausgabe vom 25. November 1989). Auch ein Mitarbeiter einer italienischen Tageszeitung hat bemerkt: ..Offenkundig ist Befehl erteilt worden, einen Stadtteil, in dem im wesentlichen das reiche Bürgertum wohnt und in dem sich zahlreiche diplomatische Vertretungen Am 11. November begann die Nationale Befreiungsfront Farabundo befinden. nicht zu bombardieren." (La Martí (FMLN — Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacio- Repubblica, 22. November 1989.) nal) eine Offensive, die sich fast auf das gesamte Territorium El Sal- Der Vizeminister für Kommunikation vadors erstreckte. Sie besetzte mehrere ärmere Stadtteile der Hauptin der früheren christdemokratischen stadt San Salvador. Am 13. November erklärte die Generalkomman- Regierung. Gerardo Le Chevallier, erklärte: Die Regierung will nicht, dal dantur der FMLN in cinem Manifest an die Nation" die Bevölkerung über das Ausmaß der kontrollierten Zonen in den Departements Morazán, San Miguel, La Schäden informiert wird, der durch die Unión, Usulatán, Cuscatlán, Chalatenango, San Vicente und Cabañas Bombardierungen der Luftwaffe angezu befreiten Gebieten des Volkes" (Venceremos, Nr. 2. Dezember richtet worden ist. Als im [privaten Fern- 1989). Am 20. November unternahm die Guerilla in San Salvador sch-|Kanal 12 am Samstag Iden 18. Noeinen taktischen Rückzug", wobei sie allerdings in den Vororten vember] eine 500-Pfund-Bombe gezeigt wurde, die im ersten Häuserblock von Soyapango und Apopa Stützpunkte aufrechterhielt. Die Organisierung Zacamil nicht explodiert war, war bewiedieses Rückzugs belegt die Meisterschaft der FMLN im Führen von er Generalstab der salvadoriani- D Aschen Streitkräfte, die hochgradig am nordamerikanischen Tropf hängen, erging sich noch in Prahlereien mit seinen Siegen", als die FMLN am 21. November in den schönen"" Stadtteilen Escalón und San Benito eine neue Aktion startete. Sie wurde von Ablenkungsangriffen in den Vororten Soyapango, Mejicanos und Apopa begleitet. Eine Guerillaabteilung bemächtigte sich cines Trakts des Sheraton-Hotels; dann zog sie sich vor der Nase der Elite der Streitkräfte wieder zurück. Journalisten mußten etwa ein Dutzend US-amerikanische green berets" (Marineinfanteristen) davon überzeugen, daß sie wieder aus ihren Räumen kommen können, die sie hastig in einen Fünfsterne-Bunker verwandelt hatten. Eine Posse! Gleichzeisen, daß die Regierung gelogen hatte, wenn sie erklärte, die Flugzeuge bombardierten nicht die Zivilbevölkerung. Zweifelsohne war dies der Grund, aus dem diese Tagesschau zu verschwinden hatte." (Le Monde. 24. November 1989.) Auf die ärmsten Stadtteile von San Salvador sind Phosphorbomben abgeworfen worden; für sie wurde das Wasser abgesperrt. Die Einwohnerinnen und Einwohner sind Geiseln — nicht der FMLN, die unablässig Feuerpausen verlangt hat, um ein Tätigwerden des Roten Kreuzes und anderer Verbände möglich zu machen.
sondern vielmehr eines Ausgehverbots rund um die Uhr, das von Armee und Regierung erlassen wurde (vgl. La Repubblica, 18. November 1989, und The Guardian, 22. November 1989). Entsprechend den Ratschlägen der USamerikanischer Berater hat die salvadorianische Armee von den USA Lieferungen von Gas verlangt, die von unseren Medien verharmlosend als Tränengas bezeichnet worden sind. In Wirklichkeit will sie es wie in Vietnam einsetzen, um die Guerilleros und die Bevölkerung zu vernichten, die sich zum Schutz gegen die Bomben in untreirdischen Tunnelsystemen aufhalten (vgl. Financial Times, 18./19. November 1989).
Dieser Krieg gegen die benachteiligte Mehrheit ist nichts Neues. Seit Jahren wirft die Luftwaffe im Namen des „Kampfes gegen die Guerilla" Bomben auf Dörfer ab.
Doch trotz dieses Staatsterrorismus und der gigantischen US-Hilfe (seit 1979 nach offiziellen Angaben über vier Milliarden US-Dollar [International Herald Tribune, 24. November 1989]) haben die Volksorganisationen und die FMLN sämtliche Pläne der US-Administration und ihrer lokalen Statthalter, seien es Mitglieder der Christdemokratie oder der ARENA (Alianza Republicana Nacionalista - Nationalistische Republikanische Allianz), zum Scheitern gebracht. Das ist nur dadurch möglich, daß die FMLN die historische Wiederstandserfahrung sehr breiter Sektoren zum Ausdruck bringt und organisiert und weil sie deren Forderungen und Hoffnungen verkörpert. Das ist etwas, was die Presse hier zum allergrößten Teil nicht verstehen kann oder will. Stellen wir uns nur für einen Augenblick lang einmal vor, die nicaraguanischen Contras, die als .,Freiheitskämpfer" eingestuft werden, hätten sich für ein paar Stunden in einem Stadtteil von Managua festsetzen können. Tonnen von Tinte wären geflossen, Fluten von Kommentaren wären über den Äther gekommen, um zu erklären, daß die sandinistische Regierung keinerlei Legitimität mehr hat, daß die Bevölkerung sich erhebt, daß dieses „Bravourstück" eine sehr umfangreiche Unterstützung durch die Bevölkerung erfordert usw. usf. Weshalb hat die FMLN diese Offensive gestartet? In ihrem Manifest an die Nation" erklärt sie hierzu: Die Regierung wies mit Worten und Taten unsere Verhandlungsvorschläge zurück und vertiefte gleichzeitig die Ursachen für den Krieg durch eine Verschärfung der sozialen Krise und die Schließung der Spielräume für Aktivitäten der Volkskräfte. Angesichts dieser gefährlichen Lage, in der nicht nur die Gefahr bestand, daß ein friedlicher Ausweg aus dem Krieg verei- EL SALVADOR