historischen Bankrotts sche Repression stützten. 1956 wurde der Mechanismus der sanften Entstalinisierung durch eine Reihe von Arbeiterstreiks unterbrochen. Die Parteiführung setzte Wladyslaw Gomulka, den ehemali- Zum ersten Mal seit vierzig Jahren ist der Ministerpräsident einer gen Parteisekretär, der „titoistischer „Volksdemokratie" nicht aus dem stalinistischen Stall hervorgegan- Abweichungen* beschuldigt worden gen. Die Ernennung von Tadeusz Mazowiecki, einem engen Berater war, wieder ein, verhandelte mit der kavon Lech Walesa und Leiter der Wochenzeitung von Solidarność, tholischen Hierarchie über einen Komzum Premierminister unterstreicht die Krise der bürokratischen Herrpromiß und gab die Kollektivierung der Landwirtschaft auf. Indem sie die Arbeischaft in Polen und im gesamten Sowjetblock. tervorhut isolierte und die Arbeiterräte Die polnische Bürokratie versagte bei der Bewältigung des revoluihres Inhalts beraubte, erreichte die Bürotionären Aufschwungs von 1980-1981 und der „Normalisierung" des kratie eine Stabilisierung ihres Systems. Regimes. Der Druck seitens der Bevölkerung steigt weiter an, was Doch einmal geöffnet, konnte Pandosich in den Ergebnissen der Juni-Wahlen und in der Streikwelle von ras Büchse des Pluralismus nicht ohne weiteres wieder geschlossen werden. 1968 nahm der Parteiapparat angesichts Die Regierung Mazowiecki ist somit der letzte Versuch der büroeiner Jugendradikalisierung und intellekkratischen Führung in Polen, die Entwicklung unter Kontrolle zu tueller Abweichler innerhalb der Polnibringen und gegenüber der Opposition einen Spielraum zu gewinnen. CYRIL SMUGA ie Nominierung eines Repräsen- D tanten von Solidarnosć für das höchste Amt im Land markiert einen Bruch mit der Strategie des „runden Tisches", die von den Führern der Opposition um Lech Walesa und der Jaruzelski-Führung entwickelt wurde. Die Regelung des „runden Tisches" wurde als ein bedeutendes Zugeständnis betrachtet, das den Forderungen der Massen die Spitze nehmen und dem Regime eine demokratische Fassade geben sollte. Zugleich sollte es die Verwirklichung unpopulärer Maßnahmen, die das Zurückgreifen auf Marktmechanismen beinhalten, möglich machen. Aber dies hat sich als nicht ausreichend erwiesen, um die Mobilisierungen der Bevölkerung bremsen zu können.
Nach offiziellen Angaben gab es im Jahre 1988 mehr Streiktage als in den vorangegangenen Jahren seit 1982. Im öffentlichen Dienst gab es 202 Streiks, an denen 55 000 Arbeiter und Arbeiterinnen teilnahmen. In der ersten Hälfte des Jahres 1989 hat sich sowohl die Anzahl der Streiks als auch der Streikenden verdoppelt, und zwar trotz des Aufrufs von Lech Walesa, der erklärt hatte: „Polen kann sich heute keine Streiks erlauben, und ich will nicht, daß sich die Spannungen durch Streiks weiter ausweiten. ... Die Bedingungen sind so, daß jeder einen Grund zu streiken finden kann, aber die Weisheit sagt uns, daß dieser Weg nirgendwo hinführt."
Im ersten Viertel des Jahres 1989 gab es 254 Streiks mit mehr als 100 000 Streikenden. Im April und Mai gab es 72 Streiks, aber ihre Dauer und die Zahl der betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter sind gestiegen. Schließlich erfolgte im Juni - dem Monat der Wahl - und Anfang Juli eine deutliche Steigerung der Arbeitskonflikte: 352 Streikbewegungen, von denen einige ganze Bereiche betrafen (Rzeczpospolita, 13. Juli 1989). Im Juli und vor allem im August gab es noch mehr Streiks, darunter sogar regionale Generalstreiks, von denen einige durch Solidarnosć-Strukturen ausgerufen wurden, andere jedoch erst unterstützt wurden, als sie bereits im Gang waren, und dann auch nur halbherzig.
Die Bildung einer von einem Oppositionellen geführten Regierung ist ein neues Zugeständnis an die Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Ob dies ausreicht, ist jedoch nicht klar. Die materielle Lage der Bevölkerung hat sich verschlechtert, und der Wunsch, ein für alle mal aufzuräumen mit dem, was auch nur von weitem nach der bürokratischen Herrschaft der letzten 45 Jahre aussicht, ist sehr groß.
Die Opposition hat die höchsten Ränge der politischen Szene mit Hilfe der doppelten Auswirkung des Zusammenbruchs des stalinistischen Modells und der Bewußtwerdung dieses Zusammenbruchs tei- und Staatsapparates erreicht. Die Führer der polnischen Bürokratie sind seit 25 Jahren mit aufeinanderfolgenden gesellschaftlichen Explosionen konfrontiert worden und haben wirklich schon alles ausprobiert.
Gegen Kriegsende konnten die Stalinischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) Zuflucht in eine üble antisemitische Kampagne. Darüber hinaus verlor die PZPR, abgeschnitten von der Intelligenz, ihr ideologisches Rückgrat, das sie mit gro- Ben Schwierigkeiten während der Entstalinisierungsphase errichtet hatte, versank in der Mittelmäßigkeit und wurde zu cinem Sammelbecken für Karrieristen. Konfrontiert mit den Streiks in den Ostseehäfen im Dezember 1970, entsandte der • Apparat zuerst Truppen, tauschte dann den Generalsekretär aus und kapitulierte schließlich vor den materiellen Forderungen der Streikenden. Zehn Jahre lang versuchte der neue Generalsekretär, Edward Gierek, eine Konsumideologie durchzusetzen - mit dem Trugbild eines eigenen Autos für jedermann als Antwort an eine Arbeiterklasse, die nach der Macht strebte, die ihr laut Verfassung gehörte.
Dieses Experiment mündete in eine schwere Auslandsverschuldung und eine bisher nicht dagewesene Wirtschaftskrise. Zugleich führten die geweckten, aber niemals befriedigten Konsumbedürfnisse im Sommer 1980 zur größten sozialen Explosion in der Geschichte Polens. Die Gewerkschaft Solidarnosć entstand, und der Bruch zwischen der Arbeiterklasse und der Bürokratie hatte sich endgültig vollzogen. Die Bewegung politisierte sich schnell und warf die Machtfrage auf. Im Dezember 1981 griff die Bürokratie wieder auf das Mittel der Repression zurück.
Die Verhängung des Kriegsrechts konnte die sich ausbreitende Unzufriedenheit nicht stoppen. Doch durch die Auflösung von Solidarnosć als offener Massenbewegung ermöglichte die Repression den Führungskreisen der Gewerkschaft, autonom zu werden. Sie gab
Schritt für Schritt diejenigen Elemente des Gewerkschaftsprogramms von 1981 auf, die den Weg für eine demokratische und sozialistische Alternative öffneten: das Streben nach der Vergesellschaftung sowohl der Wirtschaft als auch des Staates durch ein entwickeltes System der Selbstverwaltung der Produzenten. Eine neue Generation von Aktivisten
Der Versuch, die Wirtschaftskrise durch eine Reduzierung des Konsums der Arbeiterinnen, Arbeiter und Bauern sowie eine Überausbeutung der Lohnabhängigen zu lösen, mißlang. Die Bürokratie verlor das bißchen des wirtschaftlichen Spielraums, der ihr geblieben war, und verbrauchte ihre Reserven für das Löschen des Streikfeuers durch die Lohnzugeständnisse, die sie machte. Eine Massenradikalisierung begann und brachte eine neue Generation von Aktivisten auf die politische und gesellschaftliche Bühne. Den führenden Apparatschiks wurde klar, daß ihre einzige Hoffnung ein politischer Kompromiß mit den Solidarność-Führern war, die inzwischen Verfechter des Wirtschaftsliberalismus geworden waren. Die zweite Voraussetzung war die Annahme der Bedingungen der imperialistischen Bourgeoisie, um den Weg für ausländische Investitionen zu öffnen: als Mittel, um die Produktion wieder in Gang zu bringen und das Überleben des Staates zu sichern. Resultate dieser Bewußtseinsentwicklung waren: der Beitritt zum Internationalen Währungsfonds (IWF); die Absicht, aus der diplomatischen Isolation herauszukommen, in die Polen aufgrund der Solidaritätsaktionen mit Solidarnosć geraten war, die die imperialistischen Regierungen gezwungen hatten, auf Distanz zum Regime Jaruzelskis zu gehen; die Liberalisierung Schritt für Schritt; schließlich die Beschleunigung der politischen und Wirtschaftsreformen, nachdem Jaruzelski erst einmal den Widerstand im Apparat überwunden hatte. Konfrontiert mit der Wahl zwischen dem Ungewissen und dem sicheren Untergang, hat sich die polnische Bürokratie für den Sprung ins Ungewisse entschieden.
Dieser Sprung wurde jedoch - soweit wie möglich -— durch eine langsame, aber stetige Veränderung der Rollen der verschiedenen Apparate innerhalb des Regimes vorbereitet. So hat die Gruppe um Jaruzelski unter dem Mantel der Militarisierung den Parteiapparat aus der Führung der Alltagsarbeit entfernt, die staatliche Verwaltung reorganisiert, eine beschleunigte Umwandlung der Betriebsdirektoren in „Manager" mit bedeutenden POLEN
Entscheidungsvollmachten betrieben und sie zu dazu aufgefordert, Experimente, vor allem in den Aktiengesellschaften, zu machen.
Der staatliche Wirtschafts- und Verwaltungsapparat überließ der PZPR das ideologische Geschwätz stalinistischer Herkunft und entwickelte eine eigene pragmatische Linie, vergleichbar mit den liberalen Thesen der Oppositionsführer. Die Polizeikräfte, insbesondere die Anti-Aufruhr-Einheiten (ZOMO), sowie das Offizierskorps in Zivil, das die politische Polizei darstellt, wurden verstärkt. Die politische Polizei unter Führung von General Kiszczak spielte eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung der politischen Reformen. Schließlich erreichte die Jaruzelski-Gruppe die Zustimmung der Solidarność- Führer für eine Änderung der Verfassung, die dem Präsidenten (die Wahl General Jaruzelskis wurde von den Solidarnosć-Führern akzeptiert) weitreichende Machtbefugnisse zugesteht, so daß die Bürokratie nicht mehr gezwungen ist, sich an die führende Rolle der Partei" zu klammern.
eingeleiteten Entwicklung war die Bildung einer Regierung, die von einem Solidarnosć-Mitglied geführt wird, natürlich Teil des ursprünglichen Planes. Sicher wird eine solche Regierung versuchen, den zerbrechlichen Kompromiß, der vor sechs Monaten geschlossen wurde, zu gefährden. Außerdem werden die Männer Jaruzelskis, die der PZPR, aber auch die beiden Satellitenparteien, die die Solidarnosć- Führer als etwas völlig anderes als die PZPR dargestellt haben, obwohl sie aus ein und denselben Stall stammen, sehr genau über das Funktionieren der Regierung wachen. Dennoch ist dies in den Augen seiner Truppe die zweite Niederlage der Bürokratie nach dem Debakel der Wahlen.
„Verwässerung der grundlegenden Prinzipien unserer Bewegung"
Dies droht, die Spannungen in der PZPR zu verschärfen, und bringt möglicherweise sogar den Wechsel einiger Elemente der Nomenklatura in das „Lager der Feinde" mit sich. Nach seiner Wahl zum ersten Sekretär der PZPR betonte Mieczyslaw Rakowski diesen Punkt: Wir leben in einer Periode, in der es oft schwierig ist, zwischen dem zu trennen, was neu, notwendig und unerläßlich für den Sozialismus ist, und dem, was ein opportunistisches Zugeständnis darstellt, das die Prinzipien, auf denen unsere Bewegung gegründet wurde und aus denen Volkspolen entstanden ist, verwässert."
Schlimmer noch, die Partei hat die Tendenz, ihre neue Rolle als ein ideologisches Bindeglied zwischen den Angehörigen der Nomenklatura in den verschiedenen Apparaten aufzugeben. Rakowski hebt hervor: „In vielen Basisorganisationen hat die Aktivität aufgehört oder ist dabei aufzuhören". Und er fährt fort: „Genossen, während wir die Gründe unserer Schwäche, Schwierigkeiten und Fehler gründlich untersuchen, dürfen wir nicht bei jeder Gelegenheit vor dem politischen Gegner auf die Knie fallen. Wir sind zwei Millionen! Das ist eine große Armee. Sie stellt eine große Kraft dar. Heute ist sie weitgehend am Handeln gehindert, aber das muß nicht immer der Fall sein. Wir sollten niemandem erlauben, uns zu erdrücken oder uns durch demagogisches Geschrei oder die völlige Leugnung der historischen Resultate der vergangenen Jahrzehnte, aus denen wir hervorgegangen sind und denen wir für immer verbunden sind, zu Boden zu zwingen." (Rzeczpospolita, 31. Juli 1989.)
Aber dies hat nicht verhindert, daß in einer Partei, die zunehmend dahinschwindet, Risse zutage treten. Das Durchschnittsalter der Mitgliedschaft beträgt fast 50. Des weiteren sind laut Mariusz Gulczynski, einem Politikwissenschaftler und Ideologen der PZPR, 900 000 der 2,1 Millionen Parteimitglieder auf verschiedenen Ebenen mit Führungspositionen betraut. Der Rest - abgesehen von einer großen Zahl von Pensionären - gehört zum Apparat der offiziellen Gewerkschaften (OPZZ), die durch ihre Rolle nach der Auflösung von Solidarność diskreditiert sind und nur eine geringe Basis in den Betrieben haben. Dieser Apparat hat versucht, durch Kritik an der Regierung und die Unterstützung der spontanen Streiks sowie den Versuch, ihre Führung zu übernehmen, um dadurch gegenüber Solidarność Boden gut zu machen, an Profil zu gewinnen. Er hat auch - ohne großen Erfolg - versucht, Solidarnosć während der Gespräche am runden Tisch in der Frage der gleitenden Lohnskala zu überbieten. Es gibt objektive Interessenskonflikte: auf der einen Seite die Pensionäre, deren Biographien laut Gulczynski im „Moment der Krise des Sozialismus endeten" und für die „zuzugeben, daß das, was existiert hat, Unrecht war, hieße, die Bedeutung ihres ganzen Lebens zu leugnen"; und auf der anderen Seite die Nomenklatura, die bis zum Hals im Abenteuer der Privatisierung steckt, sowie die Apparatschiks des OPZZ. Darin liegt , eine der Wurzeln der Krise der Partei, die auf dem XIII. Parteitag im Juli offen zutage trat.
Bei seinem Rücktritt vom Posten des für Wirtschaftsfragen zuständigen ZK- Sekretärs kritisierte Wladyslaw Baka die Regierungspolitik im Kampf gegen die Inflation und für die Stabilisierung der Währung. Er erklärte, daß es eine Spaltung „in bezug auf die Konzepte und Methoden zur Lösung der sozioökonomischen Probleme des Landes" gebe. Während er mit der generellen Politik - Marktwirtschaft, Privatisierungen übereinstimmte, kritisierte er die Art und Weise, in der diese durchgeführt wird. Er prangerte insbesondere „die Schaffung parasitärer Aktiengesellschaften, die knappe Güter und Rohstoffe verkaufen und enorme Profite erzielen," an. Des weiteren bestand er auf der Notwendigkeit, der Entwicklung von Anteilsaktien der Arbeiter Priorität einzuräumen. (Rzeczpospolita, 31. Juli 1989.) Doch — und dies ist das neue, mit der sich verändernden Rolle der Partei in den bürokratischen Machtstrukturen verbundene Element —, der von manchen bekannten Repräsentanten der Partei, wie Professor Jerzy Wiatr oder ZK-Sekretär Leszek Miller, vorausgesagte Zusammenbruch konnte durch eine Veränderung der Normen ihrer Funktionsweise vermieden werden. In der vom Parteitag verabschiedeten Resolution heißt es: „Die Einheit ist nur möglich unter Bedingungen entwickelter interner Demokratie. Diese beinhaltet die Freiheit der Diskussion und die Möglichkeit der Existenz verschiedener Tendenzen und politischer Positionen, einschließlich des Rechts, alternative programmatische Plattformen zu präsentieren. Es schließt auch nicht das Recht der Minderheit aus, ihre Positionen verteidigen zu können." (Rzeczpospolita, 2. August 1989.)
Spannungen in Solidarność
Die Ernennung Tadeusz Mazowieckis zum Ministerpräsidenten wird auch die Spannungen in der Gewerkschaft Solidarnośé, auch in ihren Führungskreisen, verschärfen. Nach der Überraschung, die ihr überwältigender Wahlsieg für sie darstellte, taten die Lech Walesa nächststehenden Führer alles, um am Rahmen der Vereinbarungen vom „runden Tisch" die bereits teilweise überholt waren, festzuhalten.
Die Episode der Präsidentschaftswahl vom 19. Juli, wie sie von einem polnischen Journalisten erzählt wird, verdeutlicht dies: „Eine Analyse der Stimmen zeigt, daß die Kandidatur Wojciech Jaruzelskis erfolgreich war dank der gemeinsamen Bemühungen der Koalition und POLEN
Solimanase ≤ 33ş OPPOSITION eines Teils der Opposition. ... Die Koa- grundlegend geändert habe.... Ich prolition verlor 28 Stimmen (12 Gegenstim- testiere gegen die Bildung der neuen Remen und 16 Enthaltungen). Diese Verlu- gierung durch General Kiszczak. Die einste wurden mit Hilfe der Opposition wett- zige Lösung in der gegenwärtigen Lage gemacht durch eine Fürstimme, sieben ist die Ernennung eines Ministerrats, der ungültige Stimmen und elf nicht anwe- sich auf eine Koalition zwischen Solidarsende Abgeordnete. ••. Die ungültigen ność, der ZSL und der SD gründet.") Stimmen wurden von den Vertretern der (Rzeczpospolita, 8. August 1989.) Dar- Opposition abgegeben, die am Ende der über hinaus hatte er in einer Rede geäu- Liste der Mitglieder der Versammlung Bert, daß er eine Regierung „ohne die standen (z.B. Paszyński, Stelmachowski, Kommunisten* befürworte, etwas, das Stomma, Trzeciakowski, Wielowieyski) die parlamentarischen Führer von Soli- - mit anderen Worten: da sie als letzte darność bereitwillig vergessen zu haben zur Wahlurne schritten, wußten sie, daß schienen. ihre Stimmen entscheidend sein würden. Das individuelle Verhalten Lech Wale- Ihre Entscheidung war also eine bewußte sas ist auch Gegenstand zahlreicher öf- Entscheidung zugunsten Jaruzelskis, d.h. fentlicher Kritiken seitens anderer Soliauch die Verwirklichung der von der darność- Führer. So schrieb Maciej Pooppositionellen Elite gegebenen Garan- leski in der Wochenzeitung Tygodnik Sotien dafür, daß diese Wahl nicht gestört lidarnosć (Nr. 10, 1989): ,Das Symbol wird." (Przeglad Tygodniowy, 30. Juli der beiden Gefahren [die , Willkür der 1989.) Führer* und der ,orthodoxe Syndikalis- Als bekannt wurde, daß Jaruzelski mus*] könnte in Andrzej Machalski verseine Wahl den Stimmen von Abgeordne- körpert sein. Hier haben wir einen Mann, ten verdankte, die auf der Solidarnosé- der . . . seit Frühjahr 1989 Chef des Exc- Liste ins Parlament gewählt worden wa- kutivbüros des Bürgerkomitees ist. Und ren, ging ein Sturm der Entrüstung durch obwohl man im Wahiprogramm des Bürdie Gewerkschaft. Es ist bezeichnend, gerkomitees lesen kann, daß Solidarność daß nach diesem Ereignis Lech Walesa, gegen die Aneignung der Produktionsentgegen der Entscheidung, die Haltung mittel durch die Nomenklatura ist [die einer konstruktiven Opposition gegen- ,Privatisierung' der Bürokratie], ist Maüber der Regierung einzunehmen, mit chalski, der sich selbst , privatisiert' hat, deren Bildung General Kiszczak beauf- Mitglied von Walesas Mannschaft gewortragt worden war, seine gesamten Mitar- den. Danach wurde die ORTUS Aktienbeiter damit überraschte, daß er in einem gesellschaft vom chemaligen Sekretär des Kommuniqué vom 7. August erklärte: Bürgerkomitees, Waldemar Swirgon, „Die von der Regierung jüngst getrof- gegründet, die Kooperative fenen Entscheidungen, die die Nominie- UNICUM, deren Vorsitzender Andrzej rung des neuen Ministerpräsidenten be- Machalski ist. Ist dies nicht ein typischer treffen, zeigen, daß das gegenwärtige Fall von ,Privatisierung' der Nomenkla- Monopol aufrechterhalten werden wird. Dies verstärkt die Vertrauenskrise und Tadeusz Mazowieckis Regierung wird bestätigt in den Augen der Gesellschaft allem Anschein nach die Wirtschaftspoli- Befürchtungen, nach denen sich nichts tik der vorangegangenen Regierung von
Mieczyslaw Rakowski fortsetzen. Lech Walesa hat dies kürzlich in einem Interview mit der römischen Tageszeitung Il Messaggero (22. August 1989) bestätigt; „Bis jetzt hat niemand den Weg eingeschlagen, der vom Sozialismus zum Kapitalismus führt. Und genau das werden wir zu tun versuchen: zur Vorkriegssituation zurückkehren, nachdem wir durch eine lange Periode des Sozialismus durchgegangen sind ... Unsere wirtschaftlichen und politischen Vorbilder sind die westlichen Länder, die gute Resultate erzielt haben."
Walesas Gruppe folgt dem IWF-Diktat
Dies wird durch die Tatsache bekräftigt, daß die Führer von Walesas Gruppe noch vor der Übernahme der Regierungsverantwortung angekündigt hatten, daß sie die Auflagen des IWF respektieren würden. So hatte Solidarnosć-Senator Witold Trzeciakowski vor einigen Monaten einen Wirtschaftsplan vorgelegt, der darauf ausgerichtet war, die Zustimmung der internationalen Finanzinstitutionen zu finden. Der Plan sprach sich für die Verwandlung der Schulden in Anteile an polnischen Firmen aus und machte klar, daß es in diesen Firmen „keine Selbstverwaltung geben wird, sondern eine moderate Form der Beteiligung"
Der Plan erklärte auch, daß die Sparpolitik die einzig mögliche Sache sei, denn: wenn die Gesellschaft damit nicht einverstanden ist, laufen wir Gefahr, von der westlichen Technologie völlig abgeschnitten zu werden, was einen weiteren Zusammenbruch der polnischen Wirtschaft zur Folge haben wird." (Gazeta Wyborcza, 29. Mai 1989.) Es ist wahrscheinlich, daß in einer zukünftigen Regierung Witold Trzeciakowski einen wichtigen Wirtschaftsposten einnehmen wird Zu keiner Zeit haben die Solidarnosć- Führer die Möglichkeit in Betracht gezogen, die Zahlung der Auslandsschulden zu verweigern. Polen erhielt 48 Milliarden Dollar in verschiedenen Krediten von Anfang 1971 bis Ende 1988, während desselben Zeitraums wurden 44 Milliarden Dollar zurückgezahlt. Doch die Verschuldung beläuft sich weiterhin auf 39 Milliarden Dollar, wovon fast 12 Milliarden kapitalisierte Zinsen sind. Bis jetzt haben die Führer der parlamentarischen Bürgergruppe (OKP) ihre generelle Übereinstimmung mit der Richtung der marktwirtschaftlichen Reformen POLEN und mit der Notwendigkeit der Privatisicrung bekräftigt, während sie ihre Differenzen mit den Pathologien"' des Privatisierungsprozesses vehement betont haben.
So wies Ryszard Bugaj, ein bekannter Wirtschaftsexperte von Solidarnosć, als er im Namen des OKP die Parlamentsdebatte über die Bilanz der Rakowski-Regierung einleitete, auf die pathologischen Veränderungen des wirtschaftlichen Eigentums* und insbesondere auf die schnelle Entwicklung innerhalb des staatlichen Sektors von einer Reihe von Aktiengesellschaften, die der Wirtschaft mehr Verluste als Gewinne bringen, " hin sowie auf die bekannten Tatsachen, die eine Mißachtung des anerkannten Prinzips, nach dem die Vermietung eines Staatsbetriebes durch eine Ausschreibung erfolgt, enthüllen". Ein weiterer OKP- Abgeordneter, Adam Matuszczak, erinnerte daran, daß laut einer neueren Studie fast 13% der Aktiengesellschaften nur eine vermittelnde Rolle spielten. Diese Kritiken widerspiegeln eine gro- Ben Teil der Entrüstung unter den Arbeiterinnen und Arbeitern, die die Manifestationen der ,,Privatisierung der Nomenklatura* betreffen - Kritiken, die in jüngster Zeit auch von der PZPR aufgegriffen worden sind. Sie verbinden eine Idealisierung der Marktmechanismen mit heftigen Reaktionen gegen ihre konkreten
die