Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Livio Maitan/Antonio Moscato

Die Internationale

Inprekorr Nr. 220, Oktober 1989 · S. 24-27 · 3.257 Wörter

Sowjetunion Trotzki und Geschichte Stalinismus und Bürokratie Jugoslawien und Balkan

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schen Kampagne der II. Internationale, die die Angelegenheit aus der unmittelbaren Nähe verfolgte, da sie im September 1920 eine aus u.a. Kautsky, Vandervelde und Ramsay MacDonald bestehende Delegation nach Georgien entsandt hatte).

Aber er hat gleichzeitig auch unterstrichen, daß die für die „Sowjetisierung" Georgiens verwendete Methode in der Folgezeit zu au- Berordentlich schwerwiegenden Konsequenzen geführt hat: „In den Gebieten, in denen die arbeitenden Massen schon vor der Revolution zum Bolschewismus übergegangen waren, nahmen sie die daraus resultierenden Leiden und Schwierigkeiten, als mit ihrer eigenen Sache verbunden, auf sich. In den weniger fortgeschrittenen Gebieten, wo die Sowjetisierung von der Armee durchgeführt wurde, war dem nicht so. Dort hielten die arbeitenden Massen die Entbehrungen für das Ergebnis eines von außen aufgezwungenen Regimes. In Georgien stärkte die vorzeitige Sowjetisierung während einer gewissen Zeit die Menschewiki und führte zu dem bedeutenden Massenaufstand von 1924, nach dem, laut Stalins eigenem Eingeständnis, Georgien ,neu umgepflügt werden mußte. "* Trotzkis Besorgnis, Lenins Empfehlungen, die Vorschläge der georgischen Kommunisten (deren führende Gruppe sich auf Aktivisten von großer politischer Erfahrung stützte, die in den dreißiger Jahren fast vollständig von Stalin ausgerottet wurden) hinderten den Bevollmächtigten Stalins im Kaukasus, Ordshonikidse, nicht daran, Schäden anzurichten, deren Folgewirkungen heute noch nicht überwunden sind.

Anfänglich hatte Lenin die wirtschaftliche Einigung der drei kaukasischen Republiken gepredigt, wobei er den Aspekt der administrativen Vereinfachung unterstrich. Die Verschmelzung in einer einzigen Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik wurde erst am 12. März 1922 formell bestätigt, aber in der Praxis war sie bereits während der ersten Monate des vorangegangenen Jahres verwirklicht worden. Sie hatte die Unterwerfung der lokalen Führer unter den Vertreter Moskaus impliziert. Zum Beispiel hatte — woran das 1987 von der armenischen Bewegung von Berg Karabach verabschiedete Manifest erinnert — die Regierung am 16. März 1921 mit der Türkei einen Vertrag unterzeichnet, der nicht nur die Grenzen zwischen den Sowjetrepubliken und dem türkischen Staat festlegte, sondern auch die Grenzen zwischen den verschiedenen kaukasischen Republiken, ohne diese dazu überhaupt zu konsultieren. Es ist dieser Vertrag, der Aserbaidshan die heute so umstrittene Region zugewiesen hat, auch wenn die Verfassung der autonomen Region vom 7. Juli 1923 datiert.

Lenins letzte Schlacht

Lenins letzte Kraftanstrengungen waren dem Versuch gewidmet, die Schäden zu begrenzen, die von der groben Weise, in der die nationale Frage behandelt wurden, hervorgerufen worden waren. Moshe Lewin hat diese Episode in seinem Buch Lenins letzter Kampf° beschrieben. Der Teil von Lenins politischem Testament, der die nationale Frage behandelt, ist schon von Beginn an eindeutig: „Es scheint, ich habe mich vor den Arbeitern Rußlands sehr schuldig gemacht, weil ich mich nicht mit genügender Energie und Schärfe in die ominöse Frage der Autonomisierung eingemischt habe, die offiziell, glaube ich, als Frage der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bezeichnet wird." Lenin, der seine Informationen auch von denen bezog, die sich der Verletzung von Prinzipien schuldig gemacht hatten, wußte genau, daß die Art, an nationale Probleme heranzugehen, nur der Reflex einer allgemeineren Regression war. „Man kann sich vorstellen, in welchem Sumpf wir gelandet sind", äußerte er, als er erfuhr, daß ein Opponent Opfer von Gewalttätigkeiten geworden war. Und er fügte hinzu: ,,Man sagt, die Ein-

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heit des Apparats sei nötig gewesen. Woher stammten diese Behauptungen? Doch wohl von demselben russischen Apparat, den wir. wie ich schon in einer früheren Aufzeichnung meines Tagebuchs feststellte, vom Zarismus übernommen und nur ganz leicht mit Sowjetol gesalbt haben."

Lenin vergaß in diesem Text auch nicht die mildernden Umstände, in erster Linie die Isolation, das Fehlen von Hilfe aus entwickelteren Ländern, die vom Krieg und vom Kampf gegen die Hungersnot geschaffenen Bedingungen. Bevor er die persönliche Verantwortung Ordshonikidses, Dzierzynskis und vor allem Stalins feststellte (.,Mir scheint, hier haben Stalins Eilfertigkeit und sein Hang zum Administrieren wie auch seine Wut auf den ominösen „Sozialnationalismus" eine verhängnisvolle Rolle gespielt**) hatte Lenin folgendes diktiert: „Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, daß sich die , Freiheit des Austritts aus der Union", mit der wir uns rechtfertigen, als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der völlig ungeeignet ist, die nichtrussischen Einwohner Rußlands vor der Invasion jenes echten Russen zu schützen, des großrussischen Chauvinisten, ja im Grunde Schurken und Gewalttäters, wie es der typisch russische Bürokrat ist. 4*11 Wie bekannt ist die gesamte letzte Lebensphase Lenins von seinen Bemühungen geprägt, der bürokratischen und autoritären Degeneration des Sowjetstaates entgegenzuwirken. Im Rahmen dieses Kampfes nimmt die nationale Frage einen bedeutenden Platz ein. Man ist geneigt zu sagen, daß Lenin sich schuldig fühlte, die Gefahren lange Zeit unterschätzt zu haben und sogar Tendenzen auf eine zwangsweise Assimilation der nichtrussischen Nationalitäten in dem Maße toleriert zu haben, wie er in manchen Vorstößen nur den Aspekt der administrativen Vereinfachung gesehen hatte. Aus den in seinen letzten Schriften wiederkehrenden angsterfüllten Reflexionen zu diesem Thema ließe sich eine Anthologie zusammenstellen.

Bei seiner verzweifelten Suche nach Verbündeten in einer Schlacht, von der er wußte, daß sie schwierig sein würde, schrieb Lenin einen denkwürdigen Brief an Kamenew: „Dem großrussischen Chauvinismus erkläre ich den Kampf auf Leben und Tod.... Man muß unbedingt darauf bestehen, daß im Zentralexekutivkomitee der Union der Reihe nach ein Russe, ein Ukrainer, ein Georgier usw. den Vorsitz führı. Unbedingt!"*1z Seine letzten Briefe, die einige Stunden, bevor er endgültig durch die Krankheit außer Gefecht gesetzt wurde, diktiert wurden, enthielten einen neuen Vorschlag für ein Bündnis mit Trotzki zur georgischen Frage. Er sandte eine kurze Mitteilung für Mdiwani und andere georgische Führer, die angegriffen und ihrer Amter enthoben worden waren (diese Mitteilung ist umso wichtiger, als Lenin anfangs den Informationen gegenüber mißtrauisch war und Stellung gegen sie bezogen hatte): „Werte Genossen! Von ganzem Herzen verfolge ich Ihre Angelegenheit. Ich bin empört über die Grobheit Ordshonikidses und über die Nachsicht von Stalin und Dzierzyński. Ich bereite für Sie Briefe und eine Rede vor. **13 Dies war Lenins letztes schriftliches Dokument. Wie andere Schriften derselben Periode geht daraus hervor, daß manche aktuellen Probleme weitzurückliegenden Ursprungs sind und daß sich die Gründer des Sowjetstaates zumindest teilweise der Schwere dieser Probleme bewußt waren, wobei sie jedoch nicht in der Lage waren, dem Prozeß der Degeneration zu konterkarieren.

Die stalinistische Epoche

Was bei Lenins Lebensende als eine zu bannende Gefahr der bürokratischen Degeneration erschien, wurde in der Folge zur Norm und zum „Modell". Während Lenin seinen Abscheu vor der Grobheit des „russischen Bürokraten" und allgemeiner vor der russischen Barbarei" ausgedrückt hatte, zögerte Stalin nicht das russische Volk zu preisen, sein Wesen, sein Recht, der Führer der Völker der UdSSR (und nicht nur der UdSSR) zu sein. Die Idee der Gleichheit der Individuen wie der Nationen wurde als „kleinbürgerlich" abqualifiziert.

Doch die ersten Schäden in den Beziehungen zwischen den Völkern der UdSSR waren nicht die Folge großrussischer Schikanen, wie Lenin befürchtet hatte. Genau wie die ,, Wiedereroberung" des Kaukasus, wurde zuerst die der asiatischen Territorien, die Teil des Zarenreiches gewesen waren, mit Methoden verwirklicht, die den in den Kolonialkriegen angewandten ähnelten. Die Schwäche, ja sogar das Nichtvorhandensein der Arbeiterklasse; das Unverständnis von Seiten der wenigen Kommunisten (die fast alle russischer oder jüdischer Herkunft waren) für die Probleme einer noch in einer vorkapitalistischen Phase steckenden Gesellschaft; die Tatsache, daß es Russen waren (oft selbst Kolonisten, ehemalige zaristische Beamte und Popen), die sich auf die Seite der Sowjetmacht stellten, wobei sie die Feindseligkeit der Einheimischen hevorriefen - hier haben wir die Voraussetzungen für die kaum bekannten dramatischen Ereignisse, die bis zu Beginn der dreißiger Jahre Sowjetasien mit blutigen Wirren überzogen.

Der Preis an Menschenleben war auf beiden Seiten sehr hoch. Die Spaltung hatte nicht immer einen streng nationalen Charakter: sie verlief manchmal entlang ethnischer und sehr selten entlang sozialer Trennlinien. Ein besonders verhängnisvolle Rolle spielte die Zwangskollektivierung. Sie traf auch die russische Bevölkerung. Aber die nationalen Minderheiten, unter ihnen vor allem die Ukrainer, sahen geradezu in ihr ein gegen sie gerichtetes Völkermordprojekt. Die Verheerungen waren wirklich gigantisch. Zum Beispiel wurde in Kasachstan die einheimische Bevölkerung um 50% als Folge sowohl der Kollektivierung als auch der Zerstörung der traditionellen Wirtschaftsformen verringert. Im allgemeinen traf das gewaltsame Seßhaftmachen in Sowjetasien auf einen bewaffneten Widerstand, was kurz- und mittelfristig die Lebensbedingungen derjenigen, die man eigentlich „zivilisieren"* wollte, verschlechterte.

Die Leiden infolge der Brutalität der „Entkulakisierung" , der Unkenntnis der Probleme der Landwirtschaft seitens der mit der Leitung der neuen Kollektivfarmen beauftragten Funktionäre, der Deportation von Millionen von Bauern in unwirtliche Regionen im Norden und ihrer Heranziehung zu Zwangsarbeit für den Bau der Kanäle zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer oder dem Wolgabekken wurden oft durch antireligiöse Verfolgungen, die besonders die nichtrussischen" Kirchen trafen, verschärft.

Die plumpen Kampagnen zugunsten des Atheismus, die Schließung von Kirchen. Moscheen und Synagogen sowie die Verhaftung von Priestern und einfachen Gläubigen, die sich der Belästigung" der Jugend durch religiösen Unterricht schuldig gemacht hatten, trafen alle Konfessionen, auch die orthodoxe (insbesondere vor 194l, als angesichts der Katastrophe in der ersten Kriegsphase Stalin sich gezwungen sah, die Hilfe der Kirchenhierarchie anzufordern, die aus den Gefängnissen befreit und mit Vergünstigungen überhäuft wurde, mit dem Ziel, dadurch die Unterstützung für die Kampagne zur Verwandlung des antinazistischen Kampfes in einen großen vaterländischen Krieg des russischen Volkes" zu erhalten).

Manche Bekenntnisse wurden noch stärker heimgesucht: z.B. die „Altgläubigen" und ganz allgemein die chiliastischen Sekten, die protestantischen Gruppen, die gefährlicher schienen, weil sie keine kirchliche Hierarchie besaßen, die Kirchen, die eine Rolle bei der nationalen Einigung spielten (in Litauen und in den 1939 aus Polen herausgerissenen Gebieten die katholische Kirche und mehr noch die unierte Kirche, die 1946 gezwungen wurde, sich mit der orthodoxen Kirche wiederzuvereinigen, von der sie sich drei Jahrhunderte zuvor getrennt hatte) und schließlich der Islam.

Das Ergebnis von alldem war in letzter Instanz die Stärkung aller Religionen. Besonders hinsichtlich des Islam hat die Begrenzung der Zahl der Moscheen (von denen es in den siebziger Jahren in der Sowjetunion nur etwa zweihundert gab) kaum die Zahl der Gläubigen reduziert, die nach Millionen zählen. Tatsächlich gehört zu den brennendsten Problemen, um die sich Gorbatschow kümmern muß, das der Verbreitung eines antirussischen Nationalgefühls, das durch den Islam genährt wird und zu dessen sichtbarsten Ausdrucksformen die von den jungen Leuten in Baku oder Taschkent zur Schau getragenen grünen Fahnen sind.

Der Zweite Weltkrieg:

die „bestraften Völker"

Wenn die heutigen Führer der Sowjetunion jede Veränderung der bestehenden Struktur des komplexen Mosaiks der Völker der UdSSR ablehnen, dann nicht, weil sie die Berechtigung der Forderungen der verschiedenen Nationalitäten nicht begreifen würden. In Wirklichkeit fürchten sie, daß, wenn Ungerechtigkeiten der Vergangenheit irgendwo wiedergutgemacht werden, dann andere Bewegungen entstehen, die ihrerseits Entschädigungen erhalten wollen.

Einer der bekanntesten Fälle ist der der Krimtataren, eines in seiner Gesamtheit von Stalin unter dem Vorwand, daß einige seiner Angehörigen Verrat begangen hätten, „bestraften"* Volkes. Aber im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Völker und nicht nur die Tataren - verdächtigt, mit den Nazis kollaborieren zu wollen (u.a. die Wolgadeutschen, die Kabardiner, die Balka-

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ren, die Tschetschenen, die Inguschen, die Osseten, die Kalmücken usw.), und in entlegene Gebiete des sowjetischen Fernen Ostens deportiert. In vielen Fällen, einschließlich des der Tataren, starben mehr als die Hälfte der Deportierten während des schrecklichen Exodus. Die Wolgadeutschen, die sich bereits vor mehr als zweihundert Jahren in der Region niedergelassen hatten, hatten praktisch keine Beziehung mehr zu ihrem Ursprungsland und gleichermaßen auf das Drama der aus Polen 1939 herausgerissenen Gebiete mit der Deportation und Vernichtung von Hunderttausenden von Menschen zurückkommen.

All dies erklärt die Weigerung, das Zögern und die Wendungen der führenden gorbatschowistischen Gruppe, vor allem im Verlauf des Jahres 1988. Dies erklärt warum, trotz allem, soviele Seiten der sowjetischen Geschichte weiß bleiben.

nalen Unterdrückung zugeschrieben. Das Problem ist jedoch komplizierter. Zunächst gehören zu den für die nationale Frage gegenwärtig sensibelsten Republiken einerseits Aserbaidshan, das sich tatsächlich auf der untersten Stufe der nationalen Einkommensleiter und an der Spitze hinsichtlich der Rate der- Kindersterblichkeit befindet, und andererseits Estland, das sich in allen Statistiken im anderen Extrem befindet.

noch weniger zum Nazismus (1917 gehörten / und die Bolschewiki unterstützten, besonders während der schweren Bürgerkriegsjahre). Was die anderen Völker betrifft, so hat Alexander Nekritsch bewiesen, daß sie nicht nur nicht im größeren Ausmaß als die Russen, Ukrainer oder Bjelorussen (die nicht massiv deportiert wurden, und sei es nur wegen ihrer Anzahl) mit den Deutschen kollaboriert hatten, sondern daß sie oft entschlossener im antinazistischen Widerstand engagiert waren, ohne daß jedoch ihre Rolle dementsprechend in der offiziellen Geschichtsschreibung erwähnt wird. 14 Einige dieser Völker haben erreicht, daß ihnen teilweise Gerechtigkeit widerfahren ist. Die Überlebenden der Deportationen sind während der Ara Chruschtschow in ihre Ursprungsgebiete zurückgekehrt. Andere sind für ihre Leiden nicht entschädigt worden, und vor allem haben sie nicht das „Rückkehrrecht" erlangen können. Ein bedeutender Teil der Wolgadeutschen hat resigniert und schließlich das Angebot der BRD angenommen und ist in ein Land „zurückgekehrt", das seit vielen Generationen nicht mehr das ihre war und zu dem sie keinerlei Bindung hatten. Auf jeden Fall haben sie nie mehr ihre regionale Autonomie wiedererlangt.

Die Krimtataren haben das außerordentliche Verdienst erworben, niemals darauf verzichtet zu haben, ihre Rechte einzufordern. Repräsentanten der demokratischen Bewegung wie Pjotr Grigorenko haben dieser Sache Jahre ihres Lebens gewidmet, und auch Sacharow hat einen Meinungsstreit auf diesem Gebiet geführt.

Aber, so müssen wir wiederholen, zu viele Völker, die Deportationen, Annexionen, Verschiebungen ihrer Grenzen und andere kollektive Strafen, die tiefe Spuren hinterlassen haben, über sich ergehen lassen mußten, haben nicht einmal erreicht, was die Krimtataren ereicht haben.

In Wirklichkeit müßte man, wenn man alles Unrecht und alle Verwüstungen der stalinistischen Epoche wiedergutmachen wollte, die Struktur der Sowjetunion selbst gründlich verändern. Man müßte die Probleme der baltischen Länder angehen, die im Rahmen des Ribbentrop-Molotow-Abkommens von der UdSSR annektiert wurden, oder das Problem der Moldaurepublik, die eine „erfundene" Republik ist, sowohl in bezug auf die Sprache (die nur eine mundartliche Variante des Rumänischen ist und sich der kyrillischen Schrift bedient) als auch hinsichtlich der Grenzen (die nicht denen Bessarabiens entsprechen, denn ein enger Küstenstreifen wurde der Ukraine zugeteilt, wahrscheinlich mit dem Ziel, der moldauischen „sozialistischen Republik" den Zugang zum Meer zu versperren). Tatsächlich handelt es sich um eine wirkliche Annexion, die hier durchgesetzt worden ist. Man müßte Aktuelle Probleme

Wie wir angedeutet haben, haben die gegenwärtig existierenden Spannungen weit zurückliegende Ursprünge. Aber sie werden gleichermaßen von den gesellschaftlichen Widersprüchen bestimmt, die sich während der sogenannten Stagnationsperiode verschärft haben.

Dies wird noch deutlicher, wenn man den unmittelbaren Ausgangspunkt mancher laufender Konflikte untersucht. Zum Beispiel ist die nationale Bewegung in Eriwan, mit der ersten „antirussischen" Polemik seit einem Jahrhundert, aus einer sehr konkreten Frage hervorgegangen, d.h. aus einem Protest gegen eine chemische Fabrik, die sogar das Stadtzentrum vergiftete und die die Behörden der Republik geschlossen hatten, während die Moskauer Behörden ihre Wiederinbetriebnahme „wegen höherer Erfordernisse" durchsetzten. Das Kernkraftwerk - das wunderbarerweie vom Erdbeben verschont worden war und erst jetzt geschlossen wurde stand ebenfalls im Mittelpunkt einer sehr lebhaften Kampagne, deren Scheitern von der Bevölkerung der Passivität der Behörden der Republik gegenüber der Zentralmacht zugeschrieben wurde.

Zweites Beispiel: die Umweltfrage ist auch im Streit zwischen Moskau und den baltischen Republiken aufgetaucht. Es ist klar, daß aufgrund der starken Zentralisierung alle Entscheidungen, die mit Gefahren zu tun haben, den Behörden der Sowjetunion unterliegen und als eine Form der nationalen Unterdrükkung empfunden werden, während es sich oft nur um bürokratische Gleichgültigkeit handelt (dies wird durch die Tatsache bestätigt, daß manche der schwersten Umweltschäden z.B. die Region um den Baikalsee und Zonen Sibiriens betreffen, also Teile der russischen Föderation).

In anderen Fällen sind die Proteste durch andere Faktoren ausgelöst worden. In den baltischen Ländern hat man sich gegen die Binmischung der zentralen Ministerien in die kleinsten Entscheidungen, z.B. die Normen der Brotzubereitung, erhoben. In Baku richtete sich der Zorn dagegen, daß der Prozeß der für den antiarmenischen Pogrom von Sungait verantwortlich gemachten Personen den lokalen Behörden entzogen worden war. In Alma-Ata wurden die Reaktionen durch die Ersetzung der lokalen Führer durch vom Zentrum dorthin beorderte Führer hervorgerufen. Hier und da gibt es Reaktionen auf die politische Praxis, den Zugang zur Nomenklatura und selbst zur höheren Ausbildung auf der Basis ethnischer Quoten zu bestimmen. Die Existenz bedeutender wirtschaftlicher Ungleichgewichte zwischen den verschiedenen Republiken wird auch meistens der natio- Außerdem gibt es sehr große Ungleichgewichte innerhalb jeder Republik, z.B. zwischen einer industrialisierten Stadt wie Baku und gebirgigen Regionen mit einer primitiven Landwirtschaft in derselben Republik Aserbaidshan, um nicht von den Unterschieden zu sprechen, die in der ungeheuer großen russischen Föderation existieren.

Darüber hinaus gibt es Stimmungen, die nur zum Teil und indirekt wirtschaftlicher Herkunft sind. Es genügt daran zu denken, daß die relative Popularität der russischen chauvinistischen Gesellschaft Pamjat [Gedächtnis, Erinnerung], die unter dem Vorwand (vielleicht anfangs mit ehrlicher Absicht) gegründet wurde, historische Denkmäler und die Umwelt zu schützen, von der Unzufriedenheit der einfachsten und schlechtest bezahlten Schichten der russischen Gesellschaft herrührt, die Gefühle von Neid und Haß gegen den georgischen oder armenischen Kolchosbauern nähren, der seine Produkte zu einem hohen Preis verkauft (aber der auch sein Flugticket bezahlen und den Kontrolleuren aller Art ein Schmiergeld zukommen lassen muß). Außerdem ist die These, nach der es ,,Unruhestifter" gibt, in der sowjetischen Presse noch sehr verbreitet, und Gorbatschow selbst hat sie wieder aufgegriffen, vor allem in bezug auf die Armenier vom Karabach-Komitee und die estnische Volksfront. Die am stärksten für die Perestroika engagierte Presse denunziert ihrerseits oft die Destabilisierungsmanöver der korruptesten Teile der Bürokratie, die Ol auf das Feuer des nationalen Hasses gießen. Dies ist eine Version, für die es durchaus Gründe gibt. Aber wie die erste enthüllt sie doch in letzter Instanz eine polizeimä- Bige Auffassung der Geschichte. Die Realität ist, wie wir eingangs gesagt haben, daß die nationale Frage in der UdSSR tiefe Wurzeln hat und von nun an einen explosiven Charakter erhalten hat. Die Entwicklung einer Gesamtanalyse des Problems in der gegenwärtigen Phase und die Ausarbeitung einer entsprechenden praktischen Orientierung ist unbestreitbar eine der schwierigsten Aufgaben sowjetischer Revolutionäre. Aber sie ist gleichzeitig eine äußerst wichtige und dringende Aufgabe.

Anmerkungen:

1. W. I. Lenin, Werke [LW], Bd. 24, Berlin 1969. S. 571.

2. LW. Bd. 25, Berlin 1970, S. 82. 3. Ebd 4. LW, Bd. 30, Berlin 1964, S. 148. S. Ebd., S. 148/149 6. Ebd., S. 150.

7. Ebd., S. 151.

8. LW. Bd. 32, Berlin 1982, S. 157/158. 9. L. Trotzky, Stalin. Eine Biographie, Köln 1952, S. 388. [10. M. Lewin, Lenins letzter Kampf, Hamburg 1970.] 11. LW, Bd. 36, Berlin 1967, S. 590-591. 12. LW, Bd. 33, Berlin 1966, S. 358. 13. W. I. Lenin, Briefe, Bd. IX, Berlin 1975, S. 336. [Der Brief an Trotzki siehe ebd., S. 335.] 14. A. Nekritch, Les Peuples punis, Paris 1982. • INPREKORR 220

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