Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1985: Generalstreik in Bolivien: Knapp am Sieg vorbei

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 30-31 · 913 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Bolivien, Peru und Anden

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Generalstreik in Bolivien

Knapp am wurde dadurch nichts gelöst, weil die Inflation bei 2000% im Jahr liegt und es keine gleitende Lohnskala gibt, die die Kaufkraft wenigstens Sieg vorbei aufrechterhalten könnte.

Von Anfang des Streiks an stellte sich ein Problem in bisher nicht dagewesener Schärfe.

Auf rein gesellschaftlicher Ebene war es Am 4.März 1985 demonstrierten etwa schwieriger geworden, die Regierung zu einer 50.000 Menschen in La Paz, darunter über Annahme der Arbeiterforderungen zu zwin- 10.000 Bergarbeiter, die erst am Morgen in gen. Ein Mindestlohn mit Inflationsanpassung der Stadt eingetroffen waren. Das war das er- steht in direktem Widerspruch zur Politik des stemal seit zwanzig Jahren, daß die Bergleute IWF und zu den Interessen der Unternehmer, wieder in Massen in die Stadt gekommen wa- die eine haßerfüllte Pressekampagne gegen die ren. Doch diesmal standen sie in direkter Kon- Arbeiter führten. Deshalb setzt die unmittelfrontation zur Regierung der Union Democra- barste ökonomische Forderung eine umfastica Popular (UDP), der sie durch den Sturz sende gesellschaftliche und politische Konder Diktatur General Garcia Mezas in den Sat- frontation auf die Tagesordnung, ja, die Frage tel verholfen hatten. der Macht. Dies fand seinen Ausdruck in der Die vorherrschenden Parolen waren: Tod Forderung nach dem Rücktritt von Siles Suazo Banzer und dem Banzerismus! Wir haben ge- und in der Verhöhung der anstehenden Wahnug von Siles! Tod der Hungerregierung!" Die

Demonstration war der Auftakt zu vier Tagen Die Bergarbeiter forderten zwar den Rückununterbrochenen Märschen und Massenver- tritt von Siles Suazo, hatten aber keine Altersammlungen im Freiluftauditorium der Haupt- native vorzubringen. Der historische Führer stadt, während derer 10.000 Bergleute täglich des COB. Juan Lechin, hat diesbezüglich überdarüber diskutierten, wie der Kampt fortzuset- haupt nichts gebracht. Zwischen der Starke der zen sei. ... Ihre 14-Punkte-Plattform konzen- Massenbewegung und den Fähigkeiten der trierte sich auf die dringendsten sozialen Be- Führung um Lechin klaffte eine offene Lücke. dürfnisse: sie verlangten einen existenzsi- Dieses Vakuum ermöglichte es Lechin, die chernden Mindestlohn, eine automatische In- Mobilisierungen als Hebel zur Beseitigung von flationsanpassung sowie politische Forderun- Siles zu nutzen, um den Weg für eine alternagen: „Weg mit Siles!" tive Regierung um Paz Estenssoro und G.Gar- Am 6. März lehnte die Regierung 11 der 14 ret freizumachen. ... Ein übers andere Mal Forderungen ab. Die Bergarbeitergewerk- erklärte Lechin in pathetischem Ton: Wenn schaft FSTMB antwortete darauf, indem sic wir die Waffen hätten, würde sich die Bourden COB drängte, zum Generalstreik aufzuru- geoisie unter dem Bett verkriechen." Diese fen. Am nächsten Tag beschloß die erweiterte militant klingenden Phrasen gaben schon die Führung des COB, darunter etwa 100 Gewerk- Stimmung unter den Arbeitern wieder. Aber schaftsdelegierte, den unbegrenzten General- Lechin endete dann auch jedesmal mit den streik. ... Dies war das sechste Mal seit dem Worten: „...aber wir haben die Waffen nicht. September 1982, daß der COB einen General- und so ist die Übernahme der Macht nicht streik ausrief; der erste hatte auf genau die- möglich. Deshalb ist die einzige Lösung das selbe Weise die UDP-Regierung an die Macht kleinere Übel." Das ist die traditionelle Diagebracht. Am 15. März rief Siles Suazo die lektik aus Maximalismus in Worten und Op- Gewerkschaften zur Mitregierung portunismus in Taten. Sie widerspiegelt die Juan Lechin, den Führer des COB, in die Enge radikalen Bestrebungen der Massenbewegung. zu drängen. Aber der Dachverband hatte schon läßt sie aber ohne Perspektive hängen, um deeine COB-Mehrheitsregierung verlangt. Unter sto besser zum Vorteil prinzipienloser politidem Druck der Massenbewegung wurde die scher Manöver manipulieren zu können. ... Forderung der Regierung zurückgewiesen. ... Die (moskauorientierte) PCB rannte hinter Der Streik hielt zwei Wochen an. Am den bürgerlichen Kräften hinterher, auch hin- 23. März mußten die Bergleute ihre LKWs ter den berühmten progressiven Offizieren. wieder besteigen und in die Minen zurückkeh- Dennoch hätten die revolutionären Organisaren. Für einige hieß das, zurück an die Arbeit. tionen (die im Bündnis DRU zusammenge- Aber für sehr viele hieß es nur, zurück in die schlossen waren) sie beim Wort nehmen sol- Arbeitslosigkeit ohne Aussicht auf Besserung. len, um eine Bündnispolitik zu konkretisieren Durch die Krise im Zinn-Bergbau sind die und eine wirksame Einheitsfront der Linken" Arbeitsplätze vieler Bergleute vernichtet wor- anzubieten, die sich auf ein Programm gründen. Zinn ist die traditionelle Quelle des dete, das gar nicht erst hätte erfunden werden Reichtums dieses Landes und die Basis der müssen, weil es bereits eine historische Errun- Macht der Bergleute als gewerkschaftliche und genschaft der bolivianischen Arbeiterklasse gesellschaftliche Kraft. Formell endete der war: der Notstandsplan des COB, dem noch Streik mit einem Kompromiß. Die Beschäftig- hinzugefügt wurde, daß die Banken unter ten bekamen 400% Lohnerhöhung, zum Teil Staatsaufsicht zu stellen, ein Außenhandelsmoin Lebensmittelkarten. Aber in Wirklichkeit nopol zu errichten, das Gesetz zur Agrarre- 1985 form und die Binrichtung eines kooperativen Verteilungsnetzwerks zu realisieren sei.

Eine Front auf dieser Basis wäre ein wirksames Instrument im Kampf um die Einberufung eines Massenforums gewesen. Sie hätte die Herausbildung cines alternativen Pols gefördert. ... Da es sie nicht gab, war Lechin in der Lage, so leicht den Kampf zu manipulieren und einen Kompromiß abzuschließen, der für die Bergarbeiter einer Teilniederlage gleichkam. Die DRU ist an zwei Schwächen gescheitert. Sie besaß kein Netzwerk an Kadern, die die Verantwortlichkeiten im COB hätten ausfüllen können, die ihr durch den Sieg auf dem Kongreß des COB angetragen worden waren.

Zweitens fehlte es ihr selbst an innerer Einheit und an einem gemeinsamen Projekt.

aus: Inprekorr Nr.170, Juni 1985 LATEINAMERIKA