Der kurze wirtschaftliche Aufschwung, der 1983-1985 stattfand, war durcheinen allgemeinen Anstieg der Industrieproduktion gekennzeichnet, der von dem gewaltigen Defizit im öffentlichen Haushalt der USA angekurbelt wurde. Die Politik hoher Zinsen, mit der die Reagan-Regierung Kapital in die USA anziehen wollte, hatte eine Überbewertung des Dollar im Vergleich zu den anderen Währungen zur Folge und begünstigte den Export in die USA und einen wirklichen „Boom" von Importen, die aus anderen imperialistischen und halb-industrialisierten abhängigen Ländern in die USA strömten.
Der schwache Aufschwung hat das grundlegende Problem und die strukturelle Schwäche der kapitalistischen Wirtschaft nicht gelöst. Es gab weder eine Umstrukturierung, noch eine grundlegende Ausweitung des Weltmarktes, noch eine fundamentale Reorganisation des Arbeitsprozesses und der Produktion von Mehrwert, noch eine tiefgehende Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die es gestatten würde, die Profitrate radikal zu erhöhen. Die kurze Erholungsperiode verhinderte nicht das fortwährende Absinken der produktiven Investitionen und den Anstieg der Arbeitslosigkeit — beides Kennzeichen der langen Depressionsphase des Kapitalismus. Auch das Problem der Verschuldung der abhangıgen Staaten ist keineswegs gelost; es bleibt bestehen. Die Weltwirtschaft schwimmt auf einem Meer von 26 INPREKORR Nr. 188 Schulden, an erster Stelle die der Vereinigten Staaten.
Schließlich hat der Aufschwung 1983- 1985 auch die Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den imperialistischen Staaten auf Kosten der USA bestätigt. Alle diese allgemeinen Züge, die die Wirtschaftskrise kennzeichnen, verschärfen sich durch die sich nun abzeichnende Rezession.
In den ersten Monaten des Jahres 1986 gab es unbestreitbar eine Mini-Rezession. Im Verlauf des ersten Quartals 1986 sank die Industrieproduktion in allen großen imperialistischen Staaten. Für einige von ihnen dauerte dieser Rückschlag bis in den April und Mai an, oder gar das gesamte zweite Quartal, wenngleich er begrenzt blieb, wie klar aus der Tabelle „Industrieproduktion" hervorgeht.' Mit der Ausnahme von Mexiko, wo nach dem kurzen Aufschwung von 1985 ein deutlicher Niedergang der Industrieproduktion einsetzte, sind die wichtigsten halbindustrialisierten Länder bis jetzt an der Mini-Rezession vorbeigekommen. Brasilien erlebte gar einen wirklichen „Boom" *, mit einer Wachstumsrate von mehr als 8% im Jahre 1986. Das aber sind nicht zeitweilige Abweichungen von einer allgemeinen Tendenz, eine Ausnahme, die sich bereits während der internationalen Rezession 1980-1982 abgezeichnet hat. Da alle diese Länder für ihr Wirtschaftswachtum vom Export abhängen, sind ihre ökonomischen Aussichten davon bestimmt, was in den imperialistischen Ländern geschieht. In Südkorea zum Beispiel fiel der Export im ersten Quartal 1986 bereits um 22%, was sich natürlich auch in der Industrieproduktion niederschlagen umor allem die de karitalistische Wel lung in den Vereinigten Staaten. Ende August 1986 zeigten praktisch alle wirtschaftlichen Melsdaten ein gefahrvolles Rot an. In den beiden letzten Monaten des zweiten Quartals — Mai und Juni — verringerten sich die Haushaltseinkommen um ungefähr sechs Milliarden Dollar. Die Aufträge für dauerhafte Güter stiegen zwar noch, aber allein dank Aufträgen im Rüstungsbereich. Insgesamt wird die industrielle Produktionskapazität nur zu 78% genutzt. Mai-Juni 1986 ging auch der Verkauf von Autos zurück, und zwar von 8,2 Millionen Einheiten auf 7,4 Millionen. Der Bau neuer Wohnungen sank im Juli 1986 um 1,8% im Vergleich zum Juni. Das war der dritte Monat hintereinander, in dem ein Rückgang zu verzeichnen war, der insgesamt 9% betrug. Auch der Verkauf fertiggestellter Wohnungen ging seit März 1986 zurück.
Business Week vom 1. September 1986 befindet sich „der industrielle Bereich anscheinend in einer Rezession' *, während das Japan Economic Journal vom 6. September betont, dais „die Regierung zugibt, man gleite in eine Rezessionspe-
riode ab". Die Times vom 16. Juli stellt fest, daß in Großbritannien „die Industrieproduktion verhalten bleibt. Die verarbeitende Industrie hat in den fünf ersten Monaten des Jahres den Höhepunkt ihrer Produktion auf einem Niveau erreicht, das niedriger liegt als im ersten Halbjahr des Jahres zuvor." Trotz des anbefohlenen Optimismus, den der Jahresbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Mai 1986 verrät, erwarten mehrere Beobachter entweder bereits 1986 oder 1987 eine wirkliche Kezession der kapıtalistischen internationalen Wirtschaft, und zwar aufgrund der angeführten Daten. Stephen Morris, der einer der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler der OECD war und der jetzt das Internationale Wirtschaftsinstitut (IEI) leitet, sagt sogar einen sehr ernsthaften wirtschaftlichen Rückschlag voraus, ohne jedoch anzugeben, wann er einsetzen wird. Sinkender Dollar
Aufstieg des Yen
Der hohe Dollar-Kurs hatte in den Jahren 1983-1985 den Markt der USA weitgehend für die Exporte der restlichen kapitalistischen Welt geöffnet. Das war der hauptsächliche Motor für die wirtschaftliche Erholung in diesen Jahren. Der Umfang des Defizits der amerikanischen Zahlungsbilanz, das dadurch entstand, zwang die Reagan-Regierung, den Kurs zu wechseln. Sie setzte nun auf den sinkenden Dollar-Wechselkurs. Die „orthodoxe" liberale Doktrin der flexiblen Wechselkurse, die davon ausgeht, das Gleichgewicht werde automatisch durch die „Marktkräfte" hergestellt, wurde ebenso fallengelassen wie zuvor die „reine" monetaristische Leh- In der Woche vom 4. bis zum 8. März 1985 erreichte der Dollarkurs seinen Höhepunkt. Ein Jahr darauf war er im Verhältnis zu einem „Korb" von verschiedenen nationalen Währungen um 25% gesunken. Im gleichen Zeitraum stiegen die Deutsche Mark und der Yen im Vergleich zum Dollar um 55 Prozent'. Aber bisher ist eine Auswirkung der Dollar-Baisse auf die Zahlungsbilanz der USA noch nicht zu spüren. Im Mai 1986 betrug das Defizit 14,2 Millionen Dollar, was auf das Jahr umgerechnet 150 Milliarden Dollar bedeuten würde. Es war also höher als im Jahre 1985. Im Juli erreichte es sogar ein Jahresniveau von 170 Milliarden Dollar, während der Zahlungsbilanz-Überschuß von Japan und der BRD weiterhin steigen, wenn auch teilweise als Folge der gesunkenen Ölpreise.
Diese Lage, die einen Mißerfolg des Gipfeltreffens von Tokio im September 1985 bedeutet - ein Gipfel, der doch eine enge Abstimmung der monetären-, Handels- und Industriepolitik der gro- Ben imperialistischen Mächte beabsichtigte - könnte auf den „heiligen Egoismus" zurückgeführt werden. Dieser setze sich eben wie eh und je in Zeiten einer längeren Periode wirtschaftlichen Abschwungs durch. Diese Erklärung ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Sie neigt dazu, die Bedeutung der Rolle der bürgerlichen Wirtschaftspolitik (und des bürgerlichen Staates) für die Wirtschaftskonjunktur zu übertreiben und die entscheidende Bedeutung der unerbittlichen inneren Logik der kapitalistischen Wirtschaft zu unterschätzen. Sie verleitet dazu, die gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Elemente dieser Wirtschaft zu unterschätzen. Die augenblicklichen Erfolge der japanischen und deutschen Exportindustrie bedeuten keineswegs einen dauerhaften Triumph, sie können nur von kurzer Dauer sein. Die grundlegende Logik wirkt im Sinne einer Baisse, SOWIe eines Übergreifens der amerikanischen Rezession auf diese beiden Länder. Im Falle Japans ist diese Dynamik bereits offensichtlich. Die Hausse des Yen- Kurses beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Waren enorm. Die Profite der Großkonzerne, die auf den Export eingestellt sind, bröckeln ab'. Das Absinken der japanischen Exporte zwischen Januar und Juni 1986 sieht folgendermaßen aus:
Farbfernseher 51,6% Zement - 34,0% Spielwaren 24,0% Ferngläser - 23,0% Polyester 20,5% Tafelgeschirr 14,5% Lastwagen 5,3% Kaltwalzstahl 3,5% Personal-Computer 1,6% Werkzeugmaschinen 1,4% Nur der Export von Autos, Videokassetten, Uhren, Fotoapparaten, und Teilen für die Elektronik-Industrie ist erheblich angestiegen. Inzwischen jedoch hat sich auch die Lage für Fotoapparate und Uhren geändert (die Firma Seiko mußte 6000 Arbeiter entlassen und sie hat ihre Produktion um 10% gesenkt). Die Lage ist kaum besser für Video-Kassetten, deren Industrie 1986 von ihrer Produktion 80% exportiert hat. Dieser Wirtschaftszweig rechnet für 1986 mit Weltwirtschaft:
einem schweren Rückgang seiner Exporte. Er hofft, diesen Kückgang durch Steigerung der Verkäufe um 11% auf dem Binnenmarkt ausgleichen zu können, wobei die härtere Konkurrenz die Preise stark senken wird. Der globale Umsatz dieses Wirtschaftszweigs wird wahrscheinlich um 6 % zurückgehen' Die Elektronik-Industrie, insbesondere die Halbleiterfabrikation befindet sich voll in der Rezession. Die Financial Times vom 9. September 1986 meint, in der Automobilindustrie erwarteten die japanischen Autohersteller ein Absinken des Wertes ihrer Ausfuhren in die USA in einer Höhe, die den Gesamtprofit der Konzerne des Jahres 1985 übersteigen wird. Die japanische Industrie muß außerdem der scharfen Konkurrenz halbindustrialisierter Staaten standhalten, in denen die Löhne niedriger sind, vor allem Südkorea, Taiwan, Hongkong, deren Produkte die USA überfluten. Diese Konkurrenz bedroht nicht nur den japanischen Binnenmarkt, sondern auch einige von Japans wichtigsten Exportmärkten. So brechen zum Beispiel „die japanischen Schiffswerften unter der Flut der Konkurrenz aus Südkorea und dank dem hohen Kurs des Yen rasch zusammen"
Um diese Logik zu begreifen, muß man von einer grundlegenden Tatsache ausgehen: der Stagnation des Weltmarktes insgesamt. Laut Bericht des GATT-Sckretariats (General Accord on Tariffs and Trade - Allgemeines Abkommen über Zolltarife und Handel) vom März 1986 hat der Welthandel im Jahre 1985 nur um 3% zugenommen, das ist weniger als die Zunahme der Industrieproduktion. In konstanter Dollarwährung ausgedrückt (also nach Abzug der Preissteigerungen) lag der Welthandel unter dem Niveau der Rezession von 1981 (1910 Milliarden Dollar im Vergleich zu 1960 Milliarden 1981). Im Vergleich zu 1984 ist sogar das Volumen der Ausfuhren landwirtschaftlicher Produkte, von Mineralien und natürlichauch von Erdöl absolut zurückgegangen. Das Sinken der amerikanischen Ausfuhren im Mai Anmerkungen - 1 Quellen für diese Zahlen: The Economist vom 10. Mai, vom 14. Juni, 28. Juni und dem 13. September 1986; Neue Zürcher Zeitung vom 7. August 1986; Business Week vom gesamten Monat August 1986, sowie vom 1. September.
3 „Wirtschaftliche Perspektiven der OECD", Nr. 39 vom Mai 1986.
4 Laut Japan Economic Journal vom 26. Juli 1986 fürchten die japanischen Exportfirmen, 30% ihres Profits dank der Aufwertung des Yen zu verlieren. Für die Gesamtheit der japanischen Firmen erwartet man 1986 die niedrigste Profitrate seit 1973-1974. Die in der Tabelle angeführten Zahlen sind dem Japan Economic /ournal vom 16. August 1986 entnommen. 5 Japan Economic /ournal, 12. Juli 1986. 6 Japan Economic Journal, 26. Juli 1986.
Weltwirtschaft
Industrieproduktion 1. Quartal 1986 2. Quartal 1986 (gegenüber dem glei- (gegenüber dem 1. chen Vorjahresquartal) Quartal 1986) USA -2,9%* -2,9 % Japan -2,8% -1,0 % BRD -3,7 %** +4,6 %*0»
Frankreich -5,8 % +5,1 % Großbritannien +1,9 % +5,2 % Italien -1,9 %*** +5,5 % Kanada -0,1 % -5,1% Spanien -51,7 % +7,5 % • Februar-Mai 1986 *• Die Neue Zwrcher Zeitung vom 15.8.86 schätzt den Rückgang auf nur 0,6 %. Gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal ergibt sich eine Steigerung von nur 1,8 %. Quelle: ISTAT laut La Repubblica v. 11.6.1986. 1986 ist sogar hauptsächlich auf den Großbritannien erlebt jetzt Japan die Rückgang der landwirtschaftlichen Pro- Folgen dieses Widerspruchs. dukte zurückzuführen. Zum ersten Mal Das Defizit der amerikanischen Hanist auch die Handelsbilanz der USA für delsbilanz - und indirekt auch das diese Produkte defizitär gewesen. Das Haushaltsdefizit — wurde zu einem guerklärt die Neigung zum amerikani- ten Teil finanziert durch die Umwandschen Handelskrieg mit der Europäi- lung der Uberschüsse der japanischen schen Wirtschaftsgemeinschaft in bezug Handelsbilanz in den Jahren 1984-85 in auf landwirtschaftliche Produkte und die Bemühungen Reagans, sich den so- Dollar. Das heift also durch den Export wjetischen Getreidemarkt zu sichern. japanischen Kapitals in die USA. Der japanische Imperialismus ist auf diese Da der Weltmarkt insgesamt stagniert, Weise weltweit zur Nummer eins der bedeutet bei verschärfter internationa- Kapitalexporteure geworden. Im Jahre ler Konkurrenz der Gewinn der einen 1985 hatte dieses Land einen Netto- Seite fast automatisch Verluste für die Überschuß von 130 Milliarden Dollar andere Seite. Und die Auswirkung dieser Auslandsguthaben gegenüber den Aus- Verluste - Rezessionserscheinungen landsschulden. Der Netto-Überschuß also - verschärfen wiederum die Sta- Großbritanniens betrug 90 Milliarden gnation, oder gar einen sich verringern- Dollar, der der BRD 50 Milliarden Dolden Warenaustausch, was wiederum lar, während die USA ein Minus von 100 tendenziell zu einer Verallgemeinerung Milliarden Dollar verzeichnete'. Daaber der Rezession führt. diese Guthaben zum Großteil in öffentlichen Anleihen und Obligationen be- Niedergang der Produktivität stehen, die in Dollar gezeichnet sind, in den USA bedeutet der Fall des Dollar-Wechsel- Im Jahre 1985 wurde die BRD zur füh- kurses einen Verlust von fast 50% des renden Exportmacht für industrielle tatsächlichen Wertes dieser Gutha- Güter, dicht gefolgt von Japan; die USA ben.. falls die japanischen Eigner massiv fielen auf den dritten Platz zurück. Das ihre Guthaben verkaufen würden, was aber ist eine langfristige Tendenz. Sie sie natürlich vermeiden wollen. Der erklärt sich nicht durch monetäre Er- Schuldner — die USA — „beherrscht" scheinungen oder künstliche Wechsel- also den Gläubiger durch dessen Angst kurse, oder durch Fehler und Irrtümer vor katastrophalen Verluste. Das gilt für von Regierungen und privaten Speku- die „Dritte Welt" in bezug auf die impelanten. Das ist eine Folge des Nieder- rialistischen Staaten. Das gilt aber auch gangs der Wachstumsrate der industriel- für die Vereinigten Staaten in bezug auf len Produktivität in den USA Japan. Der Charakter der kapitalistischen Pro- Es wäre jedoch falsch hieraus zu schlieduktionsweise selbst ist es — das Geld- Ben, daß die Schuldner so eine dauerhafkapital ist darin sowohl Ausgangspunkt te „Macht" über ihre Gläubiger gewinals letztliches Endzielaller Kapitalbewe- nen. Die Antwort der japanischen Bourgungen — der einen unautlöslichen Wi- geoisie angesichts des Wertverfalls der derspruch enthält, sobald die Interessen amerikanischen Anleihen, die in ihrem der Industriellen/Exporteure und der Besitz sind, war klassisch: sie versuchte, Bankiers/Rentner auseinanderdriften. diese fast-liquiden Guthaben in „wirkli- Nach den Vereinigten Staaten und che Werte" zu verwandeln, Firmen, Ak- 28 INPREKORR Nr. 188 tien, Grundstücke in den USA und anderswo aufzukaufen. Denn wenn der Yen um 50% im Vergleich zum Dollar und zum britischen Pfund steigt, bedeutet es, daß die amerikanischen Firmen und Aktien für die Japaner sehr viel billiger werden, zumindest solange die USA nicht von einer neuen inflationären Welle erfaßt werden.
Vom März 1985 bis März 1986 sind die japanischen Direktinvestitionen in die USA um 55 % gestiegen®, wo sie vor allem kleine und mittlere Firmen aufkaufen, die auf Spitzentechnologie spezialisiert sind®. Aber auch die japanischen Banken haben im Ausland bedeutende Bankeinrichtungen erworben, wie etwa die Banca del Gottardo in der Schweiz, die Gruppe Heller undJ. Henry Schroder in London, die Banc of California in den Vereinigten Staaten usw. Im August 1986 kam das Gerücht auf,die Dai-Ichi-Bank - die zur führenden Bank in der Welt geworden ist gemessen am Wert ihrer Guthaben in Dollar — sei dabei, die Banc of America (die zweitgrößte der USA), die in schweren finanziellen Schwierigkeiten steckt, zu kaufen. Die Banc of America hat im zweiten Quartal 1986 Verluste in Höhe von 640 Millionen Dollar eingebüßt. Die japanische Gruppe Fujitsu berichtete am 25.10.1986, daß sie soeben die Kontrolle des US-Konzerns Fairchild errungen hat. Fairchild ist der wichtigste amerikanische Hersteller von Halbleitern. Die Reagan-Verwaltung reagierte sehr irritiert, weil Fairchild viele Teilchen für Raketen und andere militärische Güter produziert. Außerdem verlegen die großen japanischen Trusts wegen der gestiegenen Lohnkosten immer mehr ihre Zulieferer und sogar Produktionseinheiten nach Südkorea, Singapur, in bestimmte europäische Länder wie Spanien und Großbritannien und sogar in die USA. Die ersten Opfer des Aufschwungs des japanischen Finanzkapitals drohen die japanischen Arbeiter zu werden, die weitaus mehr als zuvor von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Der berühmte Grundsatz der „Anstellung auf Lebenszeit" in den japanischen Großbetrieben wird zunehmend infrage gestellt.
Der freie Fall des Dollar-Wechselkurses — die Papiergeld-Grundlage des internationalen Währungssystems - versetzt diesem offensichtlich einen neuen Schlag, und damit indirekt der gesamten internationalen kapitalistischen Wirtschaft. Er bedeutet vor allem eine gewaltige Abwertung des Kapitals all derer, die Dollar, oder in Dollar gezeichnete Wertpapiere oder private oder staatliche Anleihen in Dollar besitzen. Diese Mas-
se an Gläubigern gibt es nicht nur außerhalb der Vereinigten Staaten; sie gibt es vor allem im Land selber!° Folgen für die Weltwirtschaft Es ist wahr, daß die Abwertung ebenso wie der augenblickliche Zinsabfall in den USA - den am meisten verschuldeten Staaten der „Dritten Welt" ein wenig Erleichterung verschafft. Aber diese segensreiche Wirkung wird mehr als ausgeglichen durch Bewegungen, die im umgekehrten Sinn verlauten und die von der amerikanischen Rezession ausgelöst werden: eine größere Inflation der nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, eine weitere Verschlechterung der Tauschverhältnisse im Handel. Der Zusammenbruch des Zinn-Kartells und der Zinnpreise und die erneute Katastrophe, die dies in Bolivien hervorrief, veranschaulicht dies schlagartig. Nach dem Jahresbericht der Weltbank von 1986 haben die Länder der „Dritten Welt" 1985 1,1% ihrer Exporte auf Grund der Verschlechterung der „terms of trade" eingebüßt, das macht 6 Milliarden Dollar aus. In der gleichen Zeit haben sie allein für den Schuldendienst 22 Milliarden Dollar ausgegeben, das ist mehr als der gesamte Zufluß an Kapital (öffentliche und private Anleihen, auch in Form von Investitionen), den sie in diesem Jahr erhalten haben.
Für die kapitalistische Weltwirtschaft insgesamt wirkt sich die Abwertung des Geldkapitals in Dollar wie eine deflationäre Drainage aus. Das aber verschärft die Tendenz zu Preissenkungen, die grundsätzlich mit dem Vorhandensein riesiger überschüssiger Produktionskapazitäten zusammenhängen"'. Die Verschärfung der internationalen Konkurrenz infolge des Dollarsturzes zwingt die Exportfirmen, ihre Gewinnspannen zu verringern, was wiederum die Tendenz zu Preissenkungen verschärft. In die gleiche Richtung wirkte der Verfall der Erdölpreise in den imperialistischen Ländern. Da aber die Rezession bereits begonnen hat, kann jede Deflation nur die Tendenz zur Verringerung von Produktion, Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommen verschärfen.
Außerdem zieht die wachsende Verschuldung der USA, wie dies auch bei den Ländern der „Dritten Welt" der Fall ist, dieses Land ist eine wirklich erdrutschartige Studel hinein, den es nicht mehr aufhalten kann. In den Jahren 1986-1990 erwartet man in den USA ein kumuliertes Defizit der Zahlungsbilanz in Höhe von 1 Billion Dollar (zwei Billionen DM!) Dieses Land besitzt weder genug Gold noch Devisen, um diese kolossalen Schulden begleichen zu können. Es kann sich nur im Ausland Geld leihen, um sie zu bezahlen. Aber die ausländische Bourgeoisie wird angesichts der Abwertung des Dollar nur dann bereit sein, den USA Geld zu leihen, wenn die Zinsen für diese Anleihen eine wachsende Versicherungsprämie gegen den Verfall des Dollar-Wechselkurses enthalten. Je höher diese Versider uruckrdene ominalzinsinden USA desto stärker wird wieder in die Höhe zu drücken. Die Erhöhung des Zinsfußes wiederum verschärft die amerikanische Rezession, mit der Tendenz, sich auf alle kapitalistischen Länder auszuweiten und so den Welthandel abzuwürgen. Das aber verschärft wiederum das Defizit der US- Zahlungsbilanz und zwingt das Land, noch mehr im Ausland zu borgen. Schließlich verschärfen die perversen Auswirkungen der Dollar-Krise auf die amerikanische und internationale kapitalistische Wirtschaft auch die Tendenz, Kapital aus dem produktiven Bereich in den unproduktiven und rein spekulativen zu verschieben. So wird dann auch die Akkumulationskrise (die Über-Akkumulation) verschärft, denn allein das Kapital, das in der Produktion investiert wird, erlaubt es zusätzlichen Mehrwert zu erzeugen.
Die öffentliche Verschuldung der USA hat die astronomische Zahl von 2000 Milliarden Dollar (4 Billionen DM!) überschritten. Allein der Schuldendienst hierfür beträgt nahezu 200 Milliarden Dollar (400 Milliarden DM) pro Jahr. Das verschärft das Haushaltsdefizit und wird regelmäßig vom Defizit der Zahlungsbilanz weiter gespeist, was wiederum die Verschuldung weiter aufbläht. Die Netto-Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten, die Ende 1985 3% des Bruttosozialproduktes betrug, könnte im Jahre 1991 14% des Sozialproduktes (800 Milliarden Dollar) erreichen. Aber die 200 Milliarden Dollar an Zinsen, die die Gläubiger der Regierung der Vereinigten Staaten Jahr für Jahr kassieren, werden nur zu einem äu- Berst geringen Teil produktiv investiert. Um sich davon eine Vorstellung zu machen, genügt es diesen Betrag zu vergleichen mit den 5,5 Milliarden Dollar, die zur Zeit von der japanischen Bourgeoisie in den USA investiert werden. Nun könnte man aber annehmen, die „positiven" Auswirkungen des Anstiegs der Kurse für den Yen und die DM würden die deflationäre Drainage der internationalen Wirtschaft zumindest teilweise neutralisieren. Es gibt in der Tat eine Tendenz zur Internationa- Das labile Gleichgewicht der kapitalistischen Weltwirtschaft: die Krise des Dollar kann die Krise des internationalen Kreditund Handelssystems nur verschärfen, weil es kei nen Ersatz für den Dollar als Leitwäbrung gibt.
lisierung des Yen, die der schon älteren Internationalisierung der DM nachfolgt. Der Anteil an internationalen Kreditoperationen (einschließlich der Auflegung von Anleihen), die in Yen vollzogen werden, beträgt heute bereits 7,7%, 6,7% werden in DM abgewickelt. In absoluten Zahlen sind diese Operationen von 2300 Milliarden Yen im Jahre 1983 auf 5200 Milliarden im Jahre 1985 gestiegen. Zum augenblicklichen Wechselkurs sind dies etwa 33 Milliarden Dollar Der Anteil, den alle kapitalistischen Zentralbanken an Devisenreserven in Yen halten, ist im gleichen Zeitraum von 4,9 % auf 6,2 % gestiegen'. Heute dürfte er bereits 7% erreicht haben. Etwa 10% 7 Idem., 7. Juni 1986.
8 Far Eastern Economic Review, 4. September 1986. 9 Wall Street Jowrnal, 11. August 1986. 10 Man könnte natürlich das Argument anführen, daß der Kaufkraftverlust der Eigentümer von Dollar Gurhaben oder von Pfund Sterling in bezug auf japanische, westdeutsche, niederländische, Schweizer, oder französische, italienische, belgische u.a. Waren ausgeglichen wird durch die Kaufkraftgewinne der Besitzer von Yen, DM, Gulden usw. in bezug auf amerikanische und britische Waren. Die gleiche Bemerkung würde für die Aufwertung der Guthaben in Yen unc DM gelten, die eine Entwertung der Guthaben in Dollar und Pfund Sterling aufwiegen müßte. Dieses Argument hat aber keine Gültigkeit, weil der amerikanische Binnenmarkt viel größer ist als der Binnenmarkt von Japan und der Bundesrepublik zusammengenommen. Aber auch weil die Masse der Guthaben in Dollar und in Pfund Sterling noch sehr viel größer ist als die Masse der Guthaben in Yen und in DM. 11 In einem Artikel, der am 1. August 1986 in der Wochenschrift Die Zeit erschienen ist, wird die Lage auf dem Weltmarkt für elektronische Teile kurz folgendermaßen abgehandelt: _Eine falsche Einschätzung der Nachfrage führte zu gewaltigen Überschüssen an Kapazitäten." Gleichzeitig erfolgte ein schwindelerregender Preisverfall für diese Teile auf dem Markt. Um diesen katastrophalen Preis- und Profitsturz aufzuhalten, haben die japanischen und amerikanischen Großkonzerne für Halbleiter ein echtes Exportkar-
-Weltwirtschaft der japanischen Importe sind schon im Yen fakturiert.
Stellt man aber diese Zahlen in ihren Gesamtzusammenhang, dann merkt man, daß es sich hier um nur bescheidene Veränderungen handelt, ja um unbedeutende, wenn man an den Umfang der Dollarschulden und die Guthaben der japanischen Kapitalisten denkt. Am 31. März 1986 erreichte der Gesamtbetrag an Guthaben der zehn bedeutendsten japanischen Banken 250.000 Milliarden Yen. Das sind zum jetzigen Wechselkurs 1500 Milliarden Dollar. Diese Masse lag um 75 % höheralsein Jahr zuvor!' Der Anteil an ausländischen Aktiva machte davon bereits 40% aus im Vergleich zu 30% ein Jahr zuvor und 25% zwei Jahre vorher. Es wird behauptet, in London hielten bereits die großen japanischen Banken 25% des Besitzstandes aller Banken'*. Angesichtsdieser Größenordnungen erscheint die relative Bedeutung des Yen als internationale Reservewährung, oder ihr Anteil im internationalen Handel als lächerlich gering Es gibt noch keinen Ersatz für den Dollar als Leitwährung im internationalen Währungssystem, weil es letztendlich noch keine imperialistische Macht gibt (oder auch eine imperialistische Allianz), welche die Vereinigten Staaten als herrschende Macht ersetzen könnte. Genau darum kann die Krise des Dollar die Krise des internationalen kapitalistischen Kredit- und Handelssystems nur verschärfen.
Wie man sieht ist die Dynamik der Schulden und die der materiellen Produktion in der Epoche des Spätkapitalismus eng miteinander verbunden. Das ergibt sich letzten Endes aus der Verschärfung der Widersprüche, die der kapitalistischen Produktionsweise selbst innewohnen, und geht weit über die Problematik der Länder der sogenannten Dritten Welt hinaus.
Der Präsident der amerikanischen Zentralbank Paul Volcker betonte in einem Schreiben an den amerikanischen Senator Proxmire Ende 1985, daß das Eigenkapital der amerikanischen Unternehmen nur noch 51,5% ihrer Aktiva beträgt, im Vergleich zu 62% im Jahre 1981. Die Verschuldung der amerikanischen Verbraucher hat den Rekordstand von 19,2% ihrer verfügbaren Einkommen erreichte. Auf einer Tagung der Bankkontrollbehörden von achtzig Ländern Ende Oktober 1986 in Amsterdam drückte der Generaldirektor der Bank für Internationale Zahlungen in Basel, Alexander Lamfalussy, seine Sorge darüber aus, daß die interne Verschuldung der USA von 108% des BSP im 30 INPREKORR Nr. 188 Jahre 1979 auf 112% des BSP im Jahre 1984 und auf 131 % des BSP Mitte des Jahres 1986 gestiegen ist. Die Staatsschuld kannte noch eine raschere Steigerung in demselben Zeitraum: von 26 auf 33 und 39 % des BSP.« In GB wird Die interne Verschuldung in den USA ist 1986 auf 131 % des BSP gestiegen ein Drittel der Ausgaben der Verbraucher auf Kreditbasis getätigt, vor zehn Jahren waren es noch 25 %. Die Hälfte der bundesdeutschen Haushalte ist verschuldet, wobei 4 Millionen Haushalte mit der Begleichung ihrer Schulden im Rückstand sind; eine Summe von 20 Milliarden DM wird als nicht mehr eintreibbar angesehen'. Uber die Hälfte der in Verzug geratenen Haushalte ist von Arbeitslosigkeit betroffen. Würden aber die Kredite an die Verbraucher plötzlich verringert, dann würden auch Absatz und Produktion zurückgehen und die Arbeitslosigkeit noch mehr ansteigen.
Japan und die BRD als Ersatz für die USA?
Wenn man herausfinden will, ob die jetzige „Mini-Rezession" in eine „normale" Rezession von der Art der Krisen 1974-75 oder 1980-1982 übergehen wird, ist damit letzten Endes die Frage verbunden, ob die Binnenmärkte Japan und BRD den Binnenmarkt USA als Lokomotive der internationalen kapitalistischen Wirtschaft ersetzen können. Das ist umso wichtiger, als eine weitere Expansion der Exporte dieser Länder zu neuen Überschüssen in ihrer Zahlungsbilanz führen muis , was offensichtlich nachteilige Auswirkungen auf die internationale Konjunktur haben wird Der Sche, in Beziereite Anterinne gen, um Tokio und Bonn zu einer stärkeren Ankurbelung des Aufschwungs zu bewegen. Japan und die BRD sollen eine Politik der systematischen Zinssenkung betreiben (eine Politik des „billigen Geldes"), um die Nachfrage im Inneren zu erhöhen, damit mehr amerikanische Waren aufgenommen werden. So haben sich unsere Monetaristen von gestern zum Keynesianismus bekehrt, und zwar nicht nur national, sondern auch international.
Bis jetzt stellen sich Tokio und Bonn taub, was nochmals beweist, daß die amerikanische Vorherrschaft längst vorbei ist. Man hätte sich eine solche Weigerung 1955 oder sogar noch 1965 schlecht vorstellen können. Diese Weigerung ist natürlich auf Wettbewerbs-Interessen der beiden imperialistischen Staaten zurückzuführen. Aber sie kann sich auch auf solide „technische" Argumente stützen, das heißt auf Argumente bürgerlicher Wirtschaftspolitik, die theoretisch gut begründbar sind.
Würden tatsächlich niedrige Zinssätze in Japan und in der BRD sich auf den Umfang der Investitionen der Beschäftigung, der Produktion und des Volkseinkommens auswirken? Das kann man bezweifeln. Der augenblickliche Zinssatz ist bereits sehr niedrig, niedriger als in den Vereinigten Staaten. Die Masse des Geldes wächst rasch, übrigens auch in den USA, wo die jährliche Wachstumsrate 13% beträgt. Und dennoch verlangsamt sich der Kredit, der den Unternehmen gewährt wird; nicht etwa weil es am Angebot von Geldkapital mangelt, sondern weil die Nachfrage nicht nachkommt. Die Erhöhung der Geldmasse wird durch die Verringerung der Geschwindigkeit der Umlaufzeit des Geldes neutralisiert - trotz - sinkender Zinssätze!
Allen Illusionen der meisten bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftler zum Trotz ist die Masse des Geldes und der Zinssatz nur teilweise eine selbständige Variable in der kapitalistischen Ökonomie. Ihre Schwankungsbreite hängt letztenendes vom Grad der Ausnutzung der Produktionskapazität, von der Möglichkeit, die Waren abzusetzen, von der zu erwartenden Profitrate, und von der Masse der realisierten Profite ab. Wenn diese Faktoren die Kapitalisten nicht dazu veranlassen mehr zu investieren, kann keinerlei Senkung der Zinssätze ihr Verhalten ändern.
Was den Profit der japanischen Großkonzerne beeinträchtigt, sie veranlaßt ihre Investitionen zu verlangsamen — und so die Rezession zu „provozieren" das ist nicht nur der hohe Kurs des Yen und das Ende des Export-Booms, den er herbeiführt. Es sind vor allem die nicht ausgelasteten Produktionskapazitäten, sowohl in den traditionellen Wirtschaftsbereichen Stahl, Petrochemie, Werften, teils auch in der Automobilindustrie wie auch in den Spitzenindustrien. Der Japan Economic Journal vom 23. August 1986 schreibt, daß „mit den seit zwei Jahren rückläufigen Investitionen im Bereich der Halbleiter die japanische Halbleiterproduktion in eine
schwierige Lage gekommen ist. Das von den Industriellen in diesem Wirtschaftszweig investierte Kapital ist 1985 um 50% zurück gegangen". Für 1986 erwartet man ein weiteres Absinken um 28%. Ein starker Anstieg der Nachfrage in der BRD und in Japan könnte höchstens den Rückgang der Exporte und der Einnahmen aus den Ausfuhren dieser beiden Länder kompensieren. Er könnte aber schwerlich darüber hinaus Nachfrageverluste aus Nordamerika und der „Dritten Welt" ersetzen. Ohne die bleibt aber die globale internationale Nachfrage schwach oder sie geht gar zurück, so daß sie keinen wirklichen Aufschwung der kapitalistischen Wirtschaft insgesamt herbeiführen kann. Wenn es einen wirklichen Anstieg der Binnen-Nachfrage in Japan und in der BRD geben sollte, kann dies der Konjunktur nur durch eine Erhöhung des privaten Verbrauchs Auftrieb geben, da es für produktive Investitionen kaum unmittelbare Hoffnung gibt. Aber ein solcher Aufschwung des privaten Verbrauchs in diesen Ländern ist ohne einen realen Anstieg der Löhne und Beschäftigung nicht zu verwirklichen. Seit dem Beginn der langen Depression zielt jedoch die gesamte Wirtschaftspolitik der Bourgeoisie dieser Länder genau auf das Gegenteil ab, weil sie gezwungen ist, die Mehrwertrate und die Profitrate zu erhöhen. Das kann sie aber nicht, wenn sie die Löhne erhöht. Die Angriffe auf den hohen Beschäftigungsstand, die Aufrechterhaltung einer hohen Arbeitslosenrate sogar mitten im Wirtschaftsaufschwung, wie es in den Jahren 1983-1985 der Fall, war verfolgen genau dieses Ziel". . Die japanische und westdeutsche Bourgeoisie werden diese vorrangigen Ziele nicht für amerikanische Interessen aufgeben. Ihr Widerstand, der Aufforderung von Washington Folge zuleisten entspringt daher einer klaren Klassenlogik' Eine expansive Geldpolitik in Japan und in der BRD würde die Wettbewerbsvorteile, welche die Bourgeoisie dieser beiden Ländern gegenüber den USA, Frankreich und Großbritannien erreicht hat, ganz oder teilweise zunichte machen. In ihrem Interesse liegt es mittelund langfristig, sich diese Vorteile zu bewahren; sie sind deshalb kaum geneigt, sie dem kurzfristigen Ziel zu opfern, die Rezession unter allen Umständen zu vermeiden.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die unmittelbare Wirkung des Verfalls der Erdöl- und Rohstoffpreise, die in Dollar gehandelt werden, der westdeutschen Industrie einen zusätzlichen Wettbe- ISP - Verlag, Frankfurt
AKTUELL werbsvorteil verschafft, wie auch möglicherweise anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft, weil dies für sie DIETRICH SCHULZE-MARMELING unmittelbar die Auswirkungen des Dollarsturzes auf ihre Ausfuhrmöglichkei- NORDIRLAND ten, auch in die USA, ausgleicht. In die- REPUBLIKANISMUS sem Fall würde es eine Zeitverschiebung zwischen der fortgesetzten Mini-Re- UND SOZIALISMUS zession" in Nordamerika und in Japan und ihr Übergreifen auf Europa geben. Dank der bereits üblichen Zeit verschiebung und der Konjunkturwende in den meisten halbindustrialisierten Ländern, würde dies zur Entsynchronisierung der internationalen Wirtschaftskonjunktur über einige Quartale führen. Aber es ist unwahrscheinlich, daß diese Entsynchronisierung sich auf zwölf oder achtzehn Monate erstreckt.
ISP - POCKET 20 Depression und erneute Inflation stehen an 192 Seiten, DM 18,80 Der tragische Hungerstreik republikanischer Ge- Die für die kapitalistische Weltwirt- fangener im Jahre 1981, die andauernde militärischaft optimistischste Hypothese - ci- sche Kampagne der IRA, die spektakulären Wahlne anhaltende Expansion in Westeuro- erfolge der Sinn Fein-Partei und nicht zuletzt das britisch-irische Abkommen und seine Folgen ha- ›a, Südost- und Ostasien und in Brast- ben den „längsten Krieg" an der westeuropäischen ien 1987 - ist wegen des Lusammen Peripherie wieder stärker in das Bewußtsein der treffens von vier Faktoren am unwahr- kontinentalen kritischen Öffentlichkeit gerückr. scheinlichsten: Dietrich Schulze-Marmeling widmet sich in sei • die hemmenden Auswirkungen der nem Text der jüngeren und jüngsten Geschichte von IRA und Sinn Féin. Er analysiert desweiteren überschüssigen Produktionskapazitä- die Anatomie des Nordirlandkonfliktes wie die ten auf den Umfang produktiver Investi- Probleme, mit denen sich jede sozialistische Stra tionen in allen imperialistischen Staaten; tegie der Systemüberwindung in Nordirland kon- • eine Bourgeoisie, die cher dazu neigt, frontiert sicht. eine Politik der Verringerung der Beschäftigungsmöglichkeiten Kürzung der direkten und indirekten Löhne durchzuführen, insbesondere unter dem Druck der Defizite der öffentlitell geschaffen. Nach Francial Tames vom 17.10./986. wurden die Preise von Halbleitern in Japan und den USA in den letzten Wochen zwischen 10 und 20 % 12 Neue Zürcher Zeitung. 20. August 1986. Der Anteil der japanischen Banken an der Gesamtsumme der Guthaben in den zehngrößten Bankender Welt ist im Laufe von einem Jahr von 50% auf 60% Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 1986. Neue Zürcher Zeitung, 23./24. November 1985. Sunday Times, 12. Januar 1986; Der Spiegel, Nr. 12, 1986. BERND RABEHL 17 Die Arbeitslosigkeit blieb während der gesamten Auf- 16 Business Weck, 4. August 1986. MARXISMUS HEUTE schwungsperiode 1983-1985 in den imperialistischen Toter Hund oder des Pudels Kern? Staaten praktisch unverändert hoch, wenn sie nicht Vorlesungen an der Uni Zürich im Februar 1986 gar gestiegen ist. Der reaktionäre französische Minister Philippe Seguin hat der Zeitung Le Monde vom8. August 1986 rundweg erklärt, in Frankreich würde isp-Verlag / Veritas Verlag. Zürich ein _nicht verringerbarer" Rest von 2,5 Millionen Arbeitslosen bleiben. Ohne daß dies etwas mit Wirtschaftswissenschaft zu tun hat, drückt diese Erklä- 96 Seiten, DM 9,80 rung in zynischer Weise das von der französischen Die Unigruppe der Revolutionären Sozialisti- Bourgeoisie verfolgte Ziel aus. Esist wahr, daßesin Japan für öffentliche Investitionen schen Jugendorganisation Zürich organisierte in soziale Einrichtungen und Infrastruktur einen vom 11. bis 14. Februar eine Vorlesungsreihe mit Spielraum gibt, weil sie im Vergleich zu Europa weit dem Berliner Soziologen Bernd Rabehl. An vier hinterherhinken. Esgibt ebenfallseinen Spielraum für aufeinanderfolgenden Tagen hielt er vor täglich die Reduzierung der Sparrate der Mittelschichten über 200 Leuten Vorlesungen über den Politikbeund der Angestellten, die weit über der Sparrate in griff bei Marx, bei Lenin/Trotzki, der Konservatianderen imperialistischen Ländern liegt. Aber die sich häufenden Angriffe gegen „die garantierte Beschäfti- ven und der 68er Linken. gung" in den Großunternehmen und die Furcht vor Die vorliegende Broschüre stellt ein von Bernd der wachsenden Arbeitslosigkeit erklären die Vor- selbst angefertigtes Skript der Vorlesungen dar. sicht der japanischen Angestellten auf diesem Gebiet.
- Weltwirtschaft chen Haushalte, die sich überall verschärfen; • die unmittelbaren Auswirkungen der japanischen und amerikanischen Rezession, sowie der fallenden Erdölpreise auf Gewisse wirtschaftswissenschaftliche Strömungen - darunter auch in der OECD — bemühen sich, die nominellen Lohnerhöhungen, die in einigen Ländern das Ende der Aufschwungsperiode 1983-1985 begleiteten — für einen mögist deshalb eher eine beträchtliche Verlängerung der Depressionsperiode. In diesem Zusammenhang spielt auch die Robotisierung eine Rolle. Uns wurden die grandiosen Aussichten vorge- • die verheerenden Auswirkungen der • pitalistische Weltwirtschaft. Hinzufügen muls man noch den drohenden neuen Inflationsschub. Uberall schwillt die Geldmasse stärker an als die Zentralbanken dies voraussagen und die produktive Wirtschaft braucht. Die wichtigste Ursache dieser Expansion liegt in den wachsenden Defiziten der öffentlichen Haushalte und der Sozialversicherung, die eine Folge der langfristigen Depression - und in den USA des neuen Rüstungsschubs — sind. Hinzu kommt noch die wachsende Nachfrage nach Verbraucherkrediten, mit denen versucht wird, die Auswirkungen der Einkommensverluste infolge der „Sparpolitik" der bürgerlichen Regierungen abzumildern. In den Vereinigten Staaten verursachen auch die wachsenden Kosten für Importe eine Preiserhöhung- Vor allem könnte die neue „Laxheit" der Geldpolitik eine inflationäre Preissteigerung verursachen. Um ihren Absatz in Schwung zu bringen, haben die Automobilkonzerne die Kreditkosten für die Verbraucher Ende August 1986 radikal gesenkt — und das mit voller Billigung der Banken, darunter auch der Zentralbank.
Gewisse Wirtschaftswissenschaftler, vor allem auch Politiker, sehen in solch einer erneuten Inflation angesichts des niedrigen Niveaus, auf das die Preissteigerung gesunken ist, kaum Gefahren. Dieses Argument hat gewiß Gültigkeit für die Weltwirtschatt insgesamt, wenn man davon ausgeht, daf es eine erfolgreiche „Abstimmung" unter allen imperialistischen Mächten gibt. Das aber setzt eine Solidarität, ein gemeinsames Interesse voraus, das unter den Bedingungen von Wettbewerb und Privateigentum doch wohl kaum vorhanden ist. Weil es einerseits Konkurrenz zwischen den imperialistischen Staaten selber gibt, andererseits auch zwischen diesen und den abhängigen halb-industrialisierten Staaten, berechnet jede Regierung die Auswirkung der Inflation auf die Wettbewerbsfähigkeit „ihrer" Bourgeoisie, auf die Zahlungsbilanz „ihres" Landes, auf das gesellschaftliche Kräfteverhältnis in „ihrem" Staat. Nicht aus Verblendung oder Unwissenheit handelt jeder Staat so, sondern eben unter dem Druck des Wettbewerbs. Auf diese Weise wird eine erneute Inflation zu einem weiteren Faktor von Instabilität.
32 INPREKORR Nr. 188 lichen Preisanstieg verantwortlich zu machen. Dieses Argument hat überhaupt keinen wissenschaftlichen Wert. Die Lohnsteigerungen am Ende der Aufschwungsperiode haben nicht einmal die Lohnsenkungen im Laufe der vorangegangenen Rezession ausgeglichen; sie betrafen im übrigen nur wenige Länder. Insgesamt sind die Löhne, wenn sie nicht zurückgegangen sind, doch langsamer gestiegen als die Produktivität der Arbeit. Aber sogar wenn sie noch stärker gestiegen wären, hätte das angesichtsdes Umfangs der nicht genutzten Produktionskapazität keine neuen Preissteigerungen ausgelöst. Es ist offensichtlich die „Laxheit" der Banken und dermonetären Behörden in ihrem Verhalten gegenüber monopolistischen Unternehmen, die es diesen erlaubt, jede Kostensteigerung an den Markt weiterzugeben, um so ihre Profite zu verteidigen. Kräfteverhältnis zwischen Kapitel und Arbeit
Hinter dem demagogischen Argument, daß Lohnerhöhungen Inflation hervorrufen, verbirgt sich die Enttäuschung der imperialistischen Bourgeoisie über die Auswirkung der Krise auf die Lohnentwicklung. Die Löhne sind zwarinden meisten Ländern der „Dritten Welt" katastrophal gefallen — manchmal bis zu 50%, wobei Taiwan, Südkorea und Singapur eine Ausnahme bilden —, sie sind aber in den imperialistischen Staaten nur wenig zurückgegangen. Mit Ausnahme allerdings von Spanien und Portugal. Trotz des Umfangs an Arbeitslosigkeit hat sich das Kräfteverhältnis nicht grundlegend zugunsten des Kapitals verändert. Die Angriffe auf die soziale Sicherheit, die angesichts der wachsenden Defizite der öffentlichen Haushalte unvermeidlich sind, stoßen auf wütenden Widerstand, sogar in den Vereinigten Staaten selbst Unter diesen Bedingungen bleibt ein relativ rascher Ausweg aus der Depression auf Kosten der Arbeiterklasse nach Art der Periode 1940-1945 (oder 1933-1945 in Deutschland und Japan) in einer absehbaren Zukunft wenig wahrscheinlich . Das gleiche gilt für einen Ausweg aus der Depression mit Hilfe einer allgemeinen technischen Revolution, einer Umstrukturierung des Weltmarktes und dessen Erweiterung. Voraussehbar spiegelt, die sich durch diesen neuen Wirtschaftszweig eröffnen würden; er sollte eine Umwälzung in der gesamten Gesellschaft, ja sogar ein Verschwinden der menschlichen Arbeit herbeiführen. Jetzt aber macht sich unter den Unternehmern Ernüchterung breit, einschliefslich den Unternehmen aus dem Bereich der Produktion von Robotern. Die Fortschritte der Robotisierung erfolgen im Schneckentempo und nicht mit Riesenschritten, gerade weil die produktiven Investitionen insgesamt eher stagnieren. Untersuchungen, die von bürgerlichen Zeitschriften durchgeführt wurden, bestätigen das und stellen fest, daß es überschüssige Kapazitäten in diesem Wirtschaftszweig gibt, bzw. daß die Revolution der Roboter viel langsamer vorangeht als vorhergesehen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden diese mechanischen Sklaven nur wenige Prozente der Arbeitsplätze in der Industrie ersetzt haben.
Die große Unbekannte bleibt die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des internationalen Kreditsystems, die wie 1931 die jetzige Rezession begleiten würde. Wir glauben weiterhin, daß dies unwahrscheinlich ist. Die Regierung der Vereinigten Staaten kann Banken wie Citicorp, oder Morgan Guarantee Trust nicht zusammenbrechen lassen, aus dem einfachen Grund, weil die Regierung der Vereinigten Staaten Citicorp und Morgan Guarantee Trust ist! Es ist so, wie es neulich Professor Galbraith wiederholt hat: „Man kann im weiteren Sinne sagen, daß kein industrielles oder finanzielles Unternehmen von Zusammenbruch bedroht ist, wenn es nur von genügend großer Bedeutung ist"
Es gibt allerdings Grenzen für die Fähigkeit und Schnelligkeit bürgerlicher Regierungen, „zur Hilfe zu eilen" . Darum ist ein Krach nicht ausgeschlossen. Diese Möglichkeit hängt im wesentlichen von zwei Faktoren ab: Erstens dem Umfang der Kapitalentwertung, vor allem des produktiven Kapitals, in den imperialistischen Staaten selbst (insbesondere in den Vereinigten Staaten), das heißt von der Anzahl der Großfirmen, die Bankrott machen, oder nur zu einem Bruchteil des Wertes ihres festen Aktiva aufgekauft werden. Zweitens vom Umfang der nächsten Zahlungsunfähigkeit der wichtigsten Schuldenländer der „Dritten Welt"
16. September 1986
HARARE -Konferenz der Blockfreien: