Thema: 1956 - 30 Jahre danach Béla Szász gehörte zu den der Spionage und Christina-Schmidt-Häuer, Michail Gordes Landesverrats beschuldigten Angeklag- batschow, München, Pieper - erweiterte ten des berüchtigten Rajk-Prozesses im Sep- und überarbeitete Neuausgabe, 1986, 14,80 DM tember 1949. Der Rajk-Prozeß war ein klassischer stalinistischer Schauprozeß - auch verbindet die Schilderung des Aufstieg Gordarin, daß der Hauptangeklagte, der chema- batschows, der als fünfundzwanzigjährilige ungarische Aufsenminister Laszlo Rajk Jugendverbandes Komsomol begann, mit eialle Anschuldigungen auf sich nahm und - ner kenntnisreichen Darstellung der Problewie viele seiner Vorgänger in den Moskauer me, in denen die sowjetische Gesellschaft Prozessen 1936-38 - ein volles „Geständ- heute gefangen ist. Schmidt-Häuer gilt als nis" aller erfundenen Anschuldigungen ab- einer der führenden Osteuropa-Experten; als legte. Das Buch von Bela Szász liest sich Moskau-Korrespondent der ARD und der stellenweise wie eine Geschichte von Franz Zeit von 1970 bis 1979 schöpft er aus eigener Kafka — und ist dóch „mitten aus dem Le- Anschauung und aus Informationen seiner ben" gegriffen. Es liefert das notwendige sowjetischen Gesprächspartner. Im Unter- Hintergrundwissen, das die Energie und den schied zu aufgestauten Haß, der sich im Oktober 1956 schließlich entlud, in allen Einzelheiten verständlich macht. Die Nachwirkungen der Zhores Medwedjew, Der Generalsekretär, 1956er Revolution in Ungarn und die heuti- Michail Gorbatschow, Eine politische Biogen Auffassungen der ungarischen Opposi- graphie, Darmstadt, Luchterhand, 1986, tion kommen in: 39,80 DM stellt Schmidt- Hans-Henning Paetzke (Hrsg.), Anders- Häuer seine Schilderung in den breiten Rahdenkende in Ungarn, Frankfurt, Suhrkamp, men einer Darstellung sozialer und ökono- 1986, 14,- DM. mischer Veränderungen. Die immensen zur Sprache. Das Buch enthält viele Inter- strukturellen Schwierigkeiten, auf die jeder views und Gespräche, die der Herausgeber Versuch einer bürokratischen Selbstreform mit mehr als einem Dutzend „Andersden- ohne Antastung der Grundlagen der Herrkender" (u.a. mit László Rajk jun., András schaft der Bürokratie stößt, werden so deut- Hegedüs, Agnes Heller, György Dalos, Mi- lich. Medwedjews Buch versammelt Material klos Harasztj, György Konrad) in Ungarn für eine Biographie, das aus öffentlichen und geführt hat. Dabei wird deutlich, wie wenig inoffiziellen Quellen zusammengetragen viele der hier Vorgestellten in das landläufige Bild vom „Dissidenten" passen, aber auch Zhores Medwedjew wurde 1973 nach längewie sehr der Stalinismus und der „aufgeklär- rer Haft aus der Sowjetunion ausgebürgert. te" Post-Stalinismus in Ungarn, der mit Brot Über seinen in Moskau lebenden Bruder, den und Spielen seine Herrschaft verteidigt, die oppositionellen Historiker Roy, sind ihm Hoffnungen und das Vertrauen auf soziali- Informationen zugänglich, die seine Analystische Lösungen vernichtet haben. sen und Schilderungen weit über das Niveau Das Jahr 1956 ist auch in der Sowjetunion zu westlicher „Kreml-Astrologen" erheben. Er neuer Aktualität gekommen. Die Eröffnung bietet Einblicke in die Innenwelt der sowjetides 27. Parteitags,des ersten unter dem neuen schen Partei- und Staatsbürokratie, die in die Generalsekretär M. Gorbatschow, wurde auf Beurteilung eingehen müssen. Er behandelt den 25. Februar gelegt, den 30. Jahrestag von auch den ersten ernsthaften Testfall Gorbat- Chruschtschows „Geheimrede". Seither schows, die Atomkatastrophe von Tschermehren sich die Anzeichen dafür, daß diese nobyl Ende April des Jahres. „Für Gorbat schow signalisiert Tschernobyl das Ende der Anlehnung an die „ Tauwetter"-Periode nach Schonzeit: Ab jetzt wird er sich nicht mehr 1956 kein Einzelfall war. In diesen Wochen sorgt z.B. ein georgischer Film in der Sowjet- mit den Versäumnissen seiner Vorgänger union für Aufmerksamkeit, der in lange nicht entschuldigen können, sondern alle Fehler ezeigter Weise den Massenterror unter Sta- und Schwierigkeiten selbst verantworten in und zugleich die Nicht-Bewältigung die ser Vergangenheit in den fünfziger Jahren Obwohl Medwedjew Gorbatschow nicht für thematisiert. Hoffnungen und Erwartungen einen „mutigen Reformer" hält und in einer auf Reformmaßnahmen, wie sie seit mehre- ersten Bilanz der „neuen Ära" zu mageren ren Jahrzehnten innerhalb der Sowjetunion Ergebnissen kommt, richten sich seine Hoffunbekannt waren, konzentrieren sich heute nungen gleichwohl auf einen „Reformkomauf den neuen Generalsekretär. munismus" von oben. Helmut Ludwig
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Als erstes sozialistisches Land hat Ungarn in diesem Herbst ein Konkursgesetz beschlossen, durch das bankrotte Betriebe aufgelöst werden können. Es dürfen wieder Aktiengesellschaften geschaffen, Kredit- und Spezialbanken gegründet werden. Lieferung." Aber warum akzeptieren ihres Lebens, und sie arbeiten nur, um ungarische Werke von anderen ungari- das Familieneinkommen abzurunden schen Werken unakzeptable Produkte? und oft, um ein Einkommen zu haben, Ganz sicher deswegen, weil sie nicht an- über das sie frei verfügen, ja das sie sogar ders können. Ihre Partner sind sehr oft in teilweise vor dem Ehepartner verheimli- Monopolstellung. Ferner ver chen können. ›flichten die strengen Vorschriften zur Planerfüllung, und diese Bedingung Das Recht auf Faulheit führt schon von vornherein zur Annahme schadhafter Produkte. Das Band 1976 sind die Normen in der gesamten „anpassungsfähig", die Industrie stark angehoben worden. So- Takte sind notwendigerweise unregel- fort haben die Arbeiter sich massenhaft mäßig, aber da man monatlich bei Wind geweigert, Uberstunden zu machen, oder Regen den Plan erfüllen muß, häu- tolglich konnten die Produktionspläne fen sich auch die Fehlstücke. Und die nicht eingehalten werden. Schlieslich wiederum müssen repariert werden. Um haben die Leiter der Produktion zurücknun trotzdem den Plan zu erfüllen, ord- stecken müssen. Die ungarische Regienet der Direktor Überstunden an. Diese rung würde gern — wie die Regierungen sind zum Rückgrat der Arbeitsorganisa- der anderen Länder des Ostens - die tion geworden. Da der aktuell für eine Intensität der Arbeit steigern, aber das normale Arbeitsstunde zustehende verursacht ihnen echtes Kopfzerbre- Lohn zum Leben nicht reicht, wird der- chen. Tatsächlich können die Werksleijenige, der arbeiten will und qualifiziert ter ihre Macht und ihre relativ bequeme ist, bezahlte Uberstunden leisten, um Position nur bewahren, wenn sie den den Preis der maximalen Ausbeutung Direktiven von oben folgen und die Arseiner Arbeitsfähigkeit. Manche Arbei- beit zu intensivieren versuchen. Dabei ter werden die Überstunden nicht in der können sie aber nicht zu weit gehen. Fabrik machen, in der sie arbeiten, außer Wenn die Situation der Arbeiter zu unwenn diese von der Direktion angeord- günstig würde, würden diese das Werk net sind; sondern sie suchen anderswo verlassen oder keine Überstunden mehr Ergänzungsarbeiten. Aus den Untersu- akzeptieren. Dann könnte der Betrieb chungen weiß man, daß die Arbeiter we- den Plan nicht erfüllen und die Aufträge der Zeit noch Lust haben, diese Über- nicht zufriedenstellend ausführen. stunden zu machen. In Wirklichkeit „In Ungarn wird nur eines der Menbleiben Familie und Kinder Mittelpunkt schenrechte anerkannt: das Recht auf Ungarn
Faulheit", Dieses geflügelte Wort erweist sich als wahr und falsch zugleich. Wahr insofern, als einige Leute es sich erlauben können, während ihrer Arbeitszeit nichts zu tun; falsch, da andere ungeheuer viel arbeiten und auch gar nicht anders können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 10 bis 15% der Arbeiter arbeiten 170 Stunden im Monat - die Überstunden oder Schwarzarbeiten nicht mitgerechnet. Dafür erhalten sie einen Monatslohn von dreitausend Forint, was zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht ausreicht. Ein Kilogramm Fleisch kostet 80 Freine Flasche Wein 40 Ft. Damit begnügen sich junge Leute, die bei ihren Eltern wohnen und die „Spielregeln" noch nicht gut genug Kennen, oder die Frauen der qualifizierten Arbeiter. Alle anderen Arbeiter machen Überstunden, indem sie im ganzen bis zu 70 Stunden die Woche arbeiten: oder sie arbeiten in der Landwirtschaft, manche auch im Privatsektor, oder sie arbeiten schwarz.
Diese Situation führt zur Herausbildung einer „Parallel- Wirtschaft" in der ungarischen Gesellschaft. So wird z.B. die Mehrzahl der Familienhäuser am Wochenende auf private Initiative gebaut. Die Wohnungen werden sogar teilweise von Maurer-Unternehmern gebaut, mit denen „Bau-Kooperativen" die an die zehn Familien umfassen, ungesetzliche Verträge schließen. Man schätzt auferdem, daß 60% der Reparaturen und Dienstleistungen für die Bevölkerung vom gesetzlich erlaubten Privatsektor ausgeführt werden. Im Bereich der Landwirtschaft sind es die kleinen Wirtschaften der Arbeiter und anderer nicht hauptberuflich in der Landwirtschaft Arbeitenden, die eine wachsende Rolle in der Produktion spielen. Offiziell zählt man 907.000 Landarbeiter; demgegenüber widmen schätzungsweise 1,3 Mio. Arbeiter aus anderen Bereichen im Durchschnitt zwei Stunden pro Tag der Kleinlandwirtschaft. Schließlich hat die Saisonarbeit auf dem Lande eine große Bedeutung für die Arbeiter in den Städten. In den Betrieben, in denen die Abwesenheitsquote im Winter unter 12% liegt, erreicht sie in Ernte- und Weinlesezeiten 25%. Am Ende seiner Untersuchungen versichert Istvan Kemény, daß die eine Hälfte der in Ungarn ausgeführten Arbeiten offiziell ist und dem kontrollierten Markt zugehört, die andere Hälfte aber nicht über die Bücher läuft und auf dem „versteckten Markt" abgewickelt wird. Anmerkung 1 Istvan Kemény: Owvriers bongrois, 1956-198S. Übers. ins Frz. v. V. Charaire. L'Harmattan.
155.1 157.5 156.6 YEAR AGO MONTH AGO WEEK AGO 172.2 189.8 190.2 175 MONTHLY AVERAGES 170 LADING 165 160 155 PRODUCTION 150 1967 AVERAGE - 100 1985 1985 155.9 LATEST WEEK 190.0 -190 185 180 175 170 Der Business-Week- 165 Index für die US- Produktion zeigt LLL160 nach unten. Rückläu- NE DEC Koble, schwach notie lig sind Papier und 1986 ren Auto und Stahl. Keines der strukturellen Probleme der kapitalistischen Wirtschaft wurde durch den Aufschwung von 1983- 1985 gelöst: die produktiven Investitionen sinken, die Arbeitslosigkeit steigt, die Weltwirtschaft schwimmt auf einem Meer von Schulden.