Die Krise der PLO eine Bilanz von Salah Jaber
Mit dem Beitrag von Michael War- Mitglied der israelischen Sektion schawsky über die aktuelle Lage in der IV. Internationale; Salah Jaber Westjordanien und den Thesen ist Mitglied der libanesischen Sekvon Salah Jaber über die Krise der tion. Ihre verschiedene Sichtweise PLO veröffentlichen wir zwei Arti- schlägt sich auch in einer unterkel, die sich beide von einem unter- schiedlichen Haltung zur PLO nieschiedlichen Standpunkt aus mit der. Die Thesen von Salah Jaber der weiteren Perspektive des palä- wurden im Juni 1986 vom Vereistinensischen Befreiungskampfs nigten Sekretariat der IV. Internabefassen. Michael Warschawski ist tionale angenommen.
Schon vor der offiziellen Gründung des Staates Israel im Jahre 1948, insbesondere seit der Errichtung des britischen Mandats 1920, bildete der Kampf gegen die zionistische Kolonisation Palästinas ein zentrales Element des nationalen arabischen Kampfes gegen die westliche Bevormundung. Der Krieg von 1948 zwischen dem neuen Staat und seinen Nachbarn führte dazu, daß die arabischen Staaten das Ziel der Befreiung Palästinas direkt auf ihre Fahnen schrieben. Indessen rief die Niederlage dieser Staaten eine erste antiimperialistische Radikalisierung in der Region hervor, die zu nationalistischen Staatsstreichen in Ägypten, Syrien und dem Irak führten. Die neuen Regime erklärten alle ihre Entschlossenheit, die ihren Vorgängern zugeschriebene Schmach von 1948 zu rächen: um so mehr, als die Beteiligung des Staates Israel an dem französisch-britischen Angriff gegen Ägypten von 1956 voll seine Rolleals Wachhund des Imperialismus im Vorderen Orient bestätigte. Die Ohnmacht, die die nationalistischen Regierungen gegenüber den arroganten Provokationen der Zionisten an den Tag legten, bot jedoch Anlals zur Skepsis. Der siegreiche Ausgang des algerischen Befreiungskrieges 1962 verbreitete die Vorstellungen des „bewaffneten Kampfes" und des. Volkskrieges" und regte zu ihrer Nachahmung für die Befreiung Palästinas an. Die verschiedenen Strömungen der nationalistischen Bewegung organisierten sich mit diesem Ziel. Die Befreiungsorganisation Palästinas Palestinian Liberation Organization — PLO wurde unter ägyptischer Vormundschaft durch einen Beschluß des ersten arabischen Gipfeltreffens im Jahre 1964 geschaffen, mit der Absicht, die sich abzeichnende neue Radikalisierung unter der Kontrolle derarabischen Staaten zu halten. Unter den verschiedenen nichtstaatlichen Strömungen der nationalistischen Bewegung war es gerade die ideologisch rückständigste, die islamisch inspirierte Fatah mit fundamentalistischer Vergangenheit, die als erste am 1.1.1965 mit dem bewaffneten Kampf begann. Trotz ihrer rechten Ideologie, die jeden sozialen Aspekt des Kampfes leugnete, genügte dieser Schritt, damit die arabischen Regime über die Fatah den Bann verhängten — mit der einzigen Ausnahme des radikalsten unter ihnen, der linken Baath-Partei, die 1966 in Syrien die Macht ergriff.
Die vernichtende Niederlage der arabischen Armeen gegenüber der zionistischen Armee im Juni 1967 diskreditierte diese Regimeendgültig und leitete die zweite Radikalisierungswelle ein, diesmal auf der Ebene der Massenbewegung. Der Hauptdruck dieser Welle, die gemeinhin als palästinensischer Widerstand" bezeichneten Guerillaorganisationen, dehnten sich, vor allem in Jordanien, in den Jahren 1968-69 sehr stark aus. 1969 übernahmen sie die Kontrolle der völlig überholten offiziellen PLO. Diese Organisationen waren die palästinensische Variante der verschiedenen Tendenzen des kleinbürgerlichen arabischen Nationalismus; außer der bereits erwähnten Fatah handelte es sich 18 INPREKORR Nr. 187 in erster Linie um die baathistische, völlig von Syrien abhängige Saika und die People's Front for the Liberationof Palestina(PFLP) von Habache, die aus der Bewegung der nasseristischen arabischen Nationalisten hervorgegangen war. Die PFLP machte eine ideologische Radikalisierung durch, die eine Folge der Krise des Nasserismus nach der agyptischen Niederlage 1967 war. Die PFLPerklärte sich schließlich als marxistisch-leninistisch", wie vor ihr schon ihre linke Abspaltung, der Democratic People's Front forthe Liberation of Palestina - DPLFP (später DFLP) von Hawatmeh, fort. Von den antiimperialistischen Strömungen waren die Stalinisten die einzigen, die außerhalb des Lagers des palästinensischen Widerstands blieben. Dafür gibt es eine doppelte Erklärung: sie haben 1947 die Teilung Palästinas unterstützt und im November 1967 die Resolution 242 des UNO-Sicherheitsrats mit der sog. „friedlichen Regelung" — Positionen, die alle beide ausschließlich aus ihrer engen Verbindung zur UdSSR herrühren. Das plötzliche Auftreten der Organisationen des palästinensischen Widerstands nach 1967 war eine nicht rückgängig zu machende Tatsache von erheblicher politischer Bedeutung: sie bekräftigte die Existenz des palästinensischen Volkes, wo doch der zionistische Staat und sein jordanischer Nachbar zwanzig Jahre lang alle Kräfte aufgeboten hatten, seine Identität auszuradieren und sie auf der einen Seite der Grenze in israelische Araber" und auf der anderen in (West)Jordanier" umzuwandeln. Ubrigens rekrutierten die palästinensischen Organisationen das Gros ihrer Bataillone gerade im dritten Sektor dieses Volkes — unter den Flüchtlingen in den Lagern (Trans) Jordaniens, des Libanons und Syriens, die aus den vom zionistischen Staat 1947-1948 besetzten Zonen vertrieben worden waren. Von 1969 an faßte die PLO die Gesamtheit dieser Organisationen zusammen und setzte sich im Lauf der Jahre als Führung im nationalen Kampf des gesamten palästinensischen Volkes durch; sie gab ihm damit eine lange Zeit die geschmähte nationale Identität und Würde.
logischen Verschiedenheiten hinaus — zwi- 2 Uber die großen ideoschen den Organisationen, aber in der größten von ihnen, der Fatah, in der es Strömungen vom Fundamentalismus bis zum Maoismus gibt - sind ihnen zahlreiche politische und praktische Züge gemeinsam, die auch ihre natürlichen Grenzen darstellen. Sie entspringen zwei politischen Grundtatsachen: o die Maximalforderung,Befreiung Palästinas', gegenwärtig das gemeinsame Ziel aller palästinensischen Organisationen, läßt sich nicht mit der Befreiung Algeriens z.B. vergleichen. Handelte es sich im letzteren Fall um ein Ziel, das durch das Kräfteverhältnis an Ort und Stelle möglich war, so übersteigt das Ziel im Fall Palästinas die Möglichkeiten des palästinensischen Volkes bei weitem, um so mehr, als nahezu 60 % der Palästinenser außerhalb ihres historischen Vaterlandes leben und verschiedenen arabischen Regierungen unterstellt sind. Weiterhin läßt sich die Anhänglichkeit der israelisch-jüdischen Bevölkerung, die aus ihren Ursprungsländern durch rassistische Unterdrückung vertrieben und von der zionistischen Bewegung in Palästina ansässig gemacht wurde, an das „verheißene Land" nicht mit der der europäischen Kolonen in Algerien vergleichen, die über ein „Vaterland" ", Frankreich, verfügten. Auferdem wird der zionistische Staat, der eine gewaltige Militärmacht darstellt, vom amerikanischen Imperialismus als integraler Bestandteil seines eigenen Territoriums betrachtet. Unter diesen Bedingungen ist die Aufgabe, Palästina durch die Zerschlagung des zionistischen Staates zu befreien, gewaltig und kann nicht allein durch den von allen palästinensischen Organisationen gepriesenen „Volkskrieg" gelöst werden. In Ermangelung an Übergangszielen wie zum Beispiel den bedingungslosen israelischen Kückzugaus den 1967 besetzten Gebieten hatte deshalb der palästinensische Widerstand in den ersten Jahren eine Hegemonie nur unter der Bevölkerung der palästinensischen Fluchtlingslager, die durch ihre marginalisierte Situation für eine derartige Maximalforderung empfänglich waren. Sogar die Konzeption des bewaffneten Kampfes war von maximalistischen Illusionen geprägt: anstatt als Element einer revolutionären Gesamtstrategie verstanden zu werden, als ein zusätzliches Element zu verschiedenen Formen der Massenmobilisierung, wurden die bewaffneten Aktionen des Widerstands „nach algerischer Art" aufgefaßt, als das geeignete Mittel für das Ziel der Befreiung, mit dem sie zu erreichen sei. Damit war der palästinensische Widerstand zum Weg in die Sackgasse verurteilt, er führte ab 1968 zu einem immer stärkeren Rückgang der palästinensischen Organisationen, und zu Aktionen „terroristischen" Typs außerhalb des palästinensischen Territoriums und der arabischen Region. • „Die Konzentration auf Palästina" machte den palästinensischen Widerstand unfähig, sich in eine umfassende regionale revolutionäre Strategie zu integrieren. Voller Illusionen infolge ihres plötzlich einsetzenden Wachstums der Jahre 1968-1969 glaubte die Widerstandsbewegung an die Möglichkeit, ja sogar an das Herannahen eines tatsächlichen Sieges über den zionistischen Staat. Demgemäß schenkte sie der Mobilisierung der Verbündeten, ohne die ihr Kampf nicht die geringste begründete Aussicht auf einen Sieg besaß, bestenfalls zweitrangige Aufmerksamkeit, während dies ihre vorrangige Aufgabe hätte sein müssen. Mit Verbündeten sind hier in erster Linie die arbeitenden Massen in den arabischen Ländern gemeint, insbesondere aus jenen Ländern, in denen die palästinensischen Flüchtlinge konzentriert sind und sich die Basen der Guerilla befanden. Indem die PLO die unmittelbaren Interessen ihrer eigenen Aktion über alles stellte — eine Entscheidung, die sich als völlig falsch erwies - fand sie sich im Namen des heiligen Kampfes gegen den gemeinsamen nationalen Feind mit jeder bestehenden Regierung ab, anstatt
ihre Kräfte mit denen der arbeitenden Massen zum revolutionären Sturz dieser Regierungen zu verbinden und an ihre Stelle Regierungen einzusetzen, die den Kampf des palästinensischen Volkes wirklich unterstützen würden.
Zum andern sind die arbeitenden jüdischen Massen gemeint, vor allem die am meisten unterdrückten sephardischen Juden. Die „Dezionisierung" eines nennenswerten Teils der israelischen jüdischen Bevölkerung erfordert, daß zum einen der Widerspruch zwischen den Interessen der jüdischen Arbeiter und denen des bürgerlich-zionistischen Establishments, zum andern die Gemeinsamkeit ihrer historischen Interessen mit der gesamten Arbeiterschaft der Region aufgezeigt wird. Diese beiden politischen Ziele erfordern erstens ein internationalistisches programmatisches Herangehen an die israelische Frage, das das durch die israelische Kolonisation geschaffene nationale Fo rum anerkennt, und zweitens eine politische und militärische Praxis, die dieser Betrachtungsweise
Rechnung trägt. Jedoch steht das allen palästinensischen Organisationen gemeinsame militärische Verhalten und ihr überwiegendes politisches und programmatisches Herangehen — mit Ausnahme der randständigen PDFLP — genau im Gegensatz zu den obigen Erwägungen.
Die Unheilvollste Konsequenz der Konzentration des palästinensischen Widerstands auf Palästina war seine Abhängigkeit von den arabischen Regierungen. Alle palästinensischen Organisationen haben sich umstandslos an diesen oder jenen Staat der Redie oben beschriebenen Züge extrem ausge- prägt. Dank der Dehnbarkeit ihrer Ideologie. 3 In der Fatah sind all des Prestiges, das sie ihrer Vorläuferrolle verdankt, und der finanziellen Mittel, die die ihrer Konkurrenten weit übersteigen, hat sich die Fatah sehr schnell zur vorherrschenden Mehrheitsorganisation des palästinensischen Widerstands entwickelt. Bei ihrem raschen Wachstum - der enormen Aufblähung ihrer Armee von „Berufskämpfern" und ihrer Unterstützungsempfänger verschiedenster Art - machte sie einen ebenso schnellen Bürokratisierungsprozeß durch, der durch üppige Ressourcen und eine ungeheure Verschwendung stark gefördert wur- 222220 (660)
darstellte, zu „bannen". Auf diese Weise schwebte die Führung der Fatah stets in dem außerordentlich labilen Gleichgewicht zwischen dem Druck der von ihr organisierten Massen und dem ihrer arabischen Geldgeber. Letzten Endes war jedes Mal ihre bürokratische Verbürgerlichung bestimmend für ihre Beschlüsse, wenn sieaufgrund des Drucks der widersprüchlichen Lager eine Entscheidung treffen mußte.
Dies war vor allem 1969-1971 in Jordanien der Fall. Hier nahm es die Fatah auf sich, jede Einmischung ihrer linken Konkurrenten in die politischen oder sozialen Angelegenheiten des Königreiches zu unterdrücken - im Namen des absoluten Vorrangs des „Hauptwiderspruchs" zu dem zionistischen Feind. Damit entwaffnete sie moralisch den palästinensischen Widerstand gegenüber der haschemitischen Monarchie, die sich ganz offensichtlich darauf vorbereitet, eine bewaffnete Massenbewegung zu unterdrücken, die sie nur widerwillig geduldet hatte und die objektiv im Gegensatz zu ihrer eigenen Macht stand. Die Doppelherrschaft in Jordanien konnte, trotz der IIlusionen in eine Koexistenz, die sich die Fatah- Führung machte, nicht ewig Bestand haben. Von den beiden Parteien war allein die Monarchie entschlossen, diese Dualität zu beenden. Als diese 1970 ihre große Offensive gegen den palästinensischen Widerstand begann, stand ihr eine unentschlossene Fatah- Führung gegenüber, die in der Defensive und außerdem ängstlich bedacht war, sich von ihren linken Konkurrenten abzugrenzen: sie schob ihnen sogar die Verantwortung für die Zusammenstöße zu. Zur morali- „Der Sprung in die zukünftige Freiheit" gion angelehnt. Dies gilt sowohl für die Fatah, die die „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der arabischen Staaten" Zu ihrer offizielle Ideologie gemacht hat, wie für die PFLP und die DPFL.P, die sich auf die arabische Revolution berufen - ganz zu schweigen von der Saika, einer direkten Schöpfung des syrischen Staates. Die PFLP band sich an den Irak, die DPFLP an Syrien und die Fatah an alle arabischen Staaten, und insbesondere an den reaktionärsten unter ihnen, die saudiarabische Monarchie. Saudiarabien beschloß, seinen Schützling mit phantastischen Mitteln für eine angeblich revolutionäre Bewegung zu überschütten, in der klaren Absicht, sie durch die „Gewöhnung" an diesen Reichtum zu kontrollieren. In einem gewissen Grade sind alle Organisationen finanziell abhängig, trotz der Versuche einer Organisation wie der PFLP,ihre Bewaffnung selbst zu finanzieren.
von Buri de. Dieser Prozeß wurde durch die Vereinigung der Guerillaorganisationen mit der PLO 1969 noch verstärkt; sie wurden nun von der Fatah beherrscht. Die Vereinigung bedeutete die Vermählung der Fatah mit der palästinensischen Bourgeoisie, die einen Sitz Im palästinensischen Nationalrat hatte (seit seiner Gründung 1964 wurde dieser stets ernannt, niemals gewählt), und die offizielle Integration der Fatahin die Liga der arabischen Staaten; an dieser Liga nahmauch die PLO teil, die von ihr gegründet worden war.
Die gesamte arabische und palästinensische Reaktion ging sehr schnell zu der Organisation von Yasser Arafat über, um die Gefahr, die der stürmische Aufstieg der bewaffneten Bewegung der palästinensischen Flüchtlinge tan Karkutli schen Entwaffnung kam die militärische hinzu: die PLO willigte ein, daß die Milizen ihre Waffen niederlegten, sich in die Städten zurück zogen und in isolierten Regionen untergebracht wurden, von wo die Armee Husseins es 1971 nicht schwer hatte, sie zu verjagen und so mit der Anwesenheit der palästinensischen Armee im Königreich Schluß zu machen. Diese schwere Niederlage war nicht das Ergebniseines objektiven Kräfteverhältnisses, sondern das einer bestimmten Politik. Dies gilt umso mehr, als nicht nur die Minderheit der Zivilbevölkerung Jordaniens, sondern auch die Mehrheit der Soldaten der königlichen Armee palästinensischen Ursprungs sind.
Die vernichtende Niederlage der PLO in Jordanien vollendete den Prozels ihrer bürokratischen Entartung: ihre besten Kämpfer starben im Kampf, die direkte Verbindung mit ihrer wichtigsten Massenbasis wurde un-
terbrochen, auf die Niederlage folgte die Demoralisierung, sie verlegte ihre Einrichtungen in den Libanon, ein Land, in dem die bürokratischen Privilegien voll „genossen" werden konnten.
die Fatah-Führung bürgerliche) Transfor 4 Die bürokratische (für mation der palästinensischen Organisatio nen war unvermeidlich von einer programmatischen Kevision begleitet. Die jordanische Niederlage wurde dem „Linksradikalismus" und dem Maximalismus der ruhmreichen, zunehmend in Frage gestellten Jahre zugeschrieben. Das Programm wurde theoretisch durch einen Minimalismus ergänzt in Wirklichkeit wurde es durch ihn ersetzt —, der den Bestrebungen der neuen palästinensischen Bürokratie vielstärkerentgegenkam. Diese hatte den Charakter eines wirklichen Staatsapparats im Exil" angenommen und strebte nunmehr danach, sich schnellstens mit einem eigenen Gebiet auszustatten, in dem sie ungestört ihre vom Erdölmanna gespeisten Privilegien genießen könnte. Das Ziel der Befreiung Palästinas wurde als ferne Perspektive beibehalten, mehr eine offizielle Utopie als ein reales Programm. Das als realistisch und realisierbar hingestellte neue Sofortziel bestand nun in der Errichtung eines unabhängigen palastınensischen Staates" in Westjordanien und im Gazastreifen — in palästinensischen Gebieten, die 1967 von der israelischen Armee besetzt wurden. Es wurde als „realistisch" ausgegeben, weil es erreicht werden sollte, ohne den zionistischen Staat militärisch zu besiegen, will heißen mit politischen und diplomatischen Mitteln, doch in Verbindung mit dem bewaffneten Kampf, der damit allerdings seinen grundsätzlichen Charakter einbüßte und zu einem zusätzlichen Druckmittel wurde (revidiert wurde die Rolle des bewaffneten Kampfes, nicht ihre Formen: diese sind bis zum heutigen Tage die gleichen geblieben).
Die DPFLP - deren Entartung die besondere Form der Stalinisierung und der Ausrichtung auf die UdSSR angenommen hatte - rühmte sich als erste der programmatischen Revision. Die Fatah-Führung entschied sich erst nach dem israelisch-arabischen Krieg vom Oktober 1973 offen für diese Revision. Da sie zu jener Zeit die Auffassung vertrat, die neuen durch den Krieg geschaffenen Bedingungen - insbesondere die erhebliche Stärkung des diplomatischen Gewichts der arabischen Staaten infolge der gewaltigen Erhöhung der Erdöleinnahmen, und die Genfer Konferenz zwischen den kriegführenden Parteien unter der Schirmherrschaft der USA und der UdSSR - würden eine „politische Regelung" des israelischarabischen Konflikts wahrscheinlich machen, beschloß die Fatah, ihren „Anteil am Kuchen" zu verlangen und forderte die im Jahre 1967 besetzten palästinensischen Gebiete zurück; sie erkärte deren Rückgabe zur unerlällichen Voraussetzung für jede „Gesamtregelung". Ab 1974 nahm die unter 20 INPREKORR Nr. 187 der Vorherrschaft der Fatah stehende PLO das Programm eines „palästinensischen Staates" an. Dies vollzog sich indes in mehreren Etappen: von der nationalen Herrschaft über das gesamte befreite Gebiet" (1974) bis zum „unabhängigen Staat" (1977). Wie das neue Programm jedoch auch formuliert wurde — es beruhte auf einem Trugschluß: wenn das Ziel darin bestand, eine nationale palästinensische Herrschaft zu errichten, die souverän und unabhängig und partieller Ausdruck der Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes in Westjordanien und im Gazastreifen war, dann war es nicht nur völlig illusorisch, weil ein Ministaat, der gänzlich dem israelischen Druck ausgesetzt war, eingeschlossen von Jordanien, dem Meer und der Wüste (dem Gaza-Streifen) mit Israel mitten drin nicht unabhängig sein kann; es war auch absolut unmöglich, dieses Ziel durch den (vertraglich ausgehandelten) Rückzug der israelischen Armeeaus den 1967 besetzten Gebieten zu erreichen. Selbst nach der „optimistischsten" Variante würde der israelische Staat nur einem sehr begrenzten Rückzug aus Westjordanien - von demersich mittlerweile nahezu die Hälfte der Ländereien „angeeignet" hat — und aus Gaza zustimmen, und dies auch nur unter drakonischen Bedingungen, die aus diesen Gebieten reine Bantustans machen würden, und noch um den Preis einer völligen politischen Kapitulation der arabischen Staaten nach Art Sadats. Selbst das Ziel einer wirklichen palästinensischen Selbstbestimmung, die sich auf Westjordanien und den Gaza-Streifen beschränkt, kann mit dem zionistischen Staat nicht „ausgehandelt" werden: es kann ihm nur durch den Kampf aufgezwungen werden. In diesem Sinne hat dieses Ziel Übergangscharakter: es gestattet eine stärkere Mobilisierung der palästinensischen Massen in den betroffenen Gebieten und die Unterstützung eines nicht unbedeutenden Teils der jüdischen israelischen Bevölkerung. Es ergänzt die Forderung nach einem völligen und bedingungslosen Rückzug der zionistischen Armee aus den 1967 besetzten Gebieten, und muß seinerseits ergänzt werden durch den revolutionären Sturz der haschemitischen Monarchie, den zweiten Hauptunterdrücker dieses Volkes nach dem zionistischen Staat, ohne den es nicht einmal ein partielles Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes geben kann. Diese partiellen Selbstbestimmungen sind Übergangsetappen zu dem strategischen Ziel der Zerstörung des zionistischen Staates, 'das jedoch die weiter oben beschriebenen Voraussetzungen verlangt (s. Punkt 2).
Obwohl die Fatah-PLO-Führung 1974 vorgab, das neue Ziel als „Übergang" zu interpretieren, erlaubte der politische Kontext keinen Zweifel an ihren wirklichen Absichten, nämlich eine „Lösung auf dem Verhandlungswege" zu erreichen. Das betonte übrigens damals auch die PFLP, die mit der PLO brach und mit anderen kleineren Organisa tionen die Verweigerungs-Front gründete. Die PLO-Führung begünstigte ab 1974 immer mehr die diplomatische Aktion, wobei sie von den durch den Oktoberkrieg 1973 neu geschaffenen Bedingungen profitierte. Ihr neues Programm, das in den Augen Moskaus, der arabischen und der „blockfreien" Staaten und sogar von Teilen des Imperialismus sehr viel „legitimer" war, ermöglichte ihr Fortschritte auf diesem Gebiet. Die „klüger gewordene" PLO wurde daher 1974 vom islamischen Gipfel in Lahore und vom arabischen Gipfel von Rabat als „einzige legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes™ anerkannt. Im antizionistischen Kampf gab es nach 1967 niemanden, der dem palästinensischen Widerstand Konkurrenz gemacht hätte; als die PLO jedoch auf die Perspektive einer Verhandlungslösung einschwenkte, stieß sie auf die sehr reale Konkurrenz Jordaniens. Daher ihr ausschließlicher Vertretungsanspruch des palästinensischen Volkes; die verschiedenen mit ihr verbündeten arabischen, islamischen u.a. Staaten erkannten ihr diesen umso bereitwilliger zu, als sie nach Kenntnis der Lage wußten, daß nur die PLO die Palästinenser bei einer Verhandlungslösung glaubhaft vertreten könne; da nämlich nur sie allein effektiv dazu beitragen konnte, eine der gefährlichsten Situationen für die Stabilität der imperialistischen Ordnung regional und weltweit zu entschärfen. 1974 schloß die PLO auch mit der UdSSR ein Sonderbündnis ab obwohl die UdSSR nur wenige Jahre zuvor die Fatah noch als „abenteuerlich" und „trotzkistisch" (sic!) bezeichnet hatte.
Die Entscheidung der PL.O-Führung für die Strategie einer Verhandlungslösung bestimmte ihre weitere politische Entwicklung, obwohl sie damit verschiedene Formen des Kampfes verband. Das Ziel eines „unabhängigen palästinensischen Staates" kann nicht allein mit den Kräften des palästinensischen Volkes erreicht werden; zwischen der Möglichkeit eines bedingungslosen Rückzuges aus den 1967 besetzten Gebieten und der ihrer ausdrücklichen Annexion und Vertreibung eines Großteils der Bevölkerung würde das zionistische Establishment nicht zögern, die zweite zu wählen. Deshalb löst die Verwirklichung dieses Ziels eine Dynamik aus, die in Richtung des maximalen strategischer Lieles ging —. Nun war aber die Fatah-PLO Führung keineswegs bereit, sich um die Mittel für eine derartige Politik zu bemühen, da sie ihrem bürokratisch-bürgerlichen Charakter und ihrer finanziellen Abhängigkeit von Saudi-Arabien widersprach. Anstatt bei den arbeitenden Massen der arabischen Länder und Israels Unterstützung zu suchen und sich eindeutig, voll und ganz in den weltweiten Kampf gegen den Imperialismus einzureihen, suchte die Arafat-Führung die Mittel für ihre Politik bei den arabischen Reaktionären, den europäischen Imperialisten und den „gemäßigten" Zionisten, mit dem vorrangigen Ziel, vom amerikanischen Imperialismus anerkannt zu werden — der einzigen Macht, die imstande ist, dem zionistischen Staat eine „Lösung" gegen seinen Willen aufzuzwingen.
Die Zweideutigkeit der Positionen der PLO-Führung, die antiimperialistische Erklärungen mit einer Anbiederung an den Imperialismus kombinierte, spiegelte ihre soziopolitische Lage als bürgerliche Führung wider, die einen Ausgleich suchen muß zwischen der Massenbewegung, aus der sie ihre politische Kraft zieht, und den arabischen Helfershelfern des Imperialismus, vondenen sie enorme Geldmittel bezieht; sie stellte
jedoch weder den amerikanischen Imperialismus noch die zionistische Macht zufrieden. Deshalb versuchten beide unentwegt mit verschiedenen direkten oder indirekten Mitteln, den radikalsten Faktor in dieser Gleichung, die bewaffnete Bewegung der palästinensischen Massen, für die der Libanon — nach 1971 — zum wichtigsten Zufluchtsort geworden war, zu zerstören. Von 1973 an war es offensichtlich geworden, daß die reaktionäre libanesische Armee außerstande war, aus eigener Kraft mit der Aufgabe fertig zu werden. Washington glaubte, es genüge, die reaktionären christlichen Milizen hinzuzufügen. Sie wurden 1975 in die Schlacht geworfen, jedoch mit dem einzigen Ergebnis, daß dies eine nationalistisch-konfessionelle Reaktion bei der islamischen Mehrheit der libanesischen Bevölkerung auslöste, die zum Auseinanderbrechen des libanesischen Staates und zu einer beträchtlichen Stärkung der Macht der PLO im Libanon führte. Indessen unterstützte die PLO-Führung ständig die verschiedenen bürgerlich-islamischen Führungen, die Sunniten, die Schiiten (Amal) oder die Drusen; sie streckte selbst, wenn auch vergeblich, mehrere Male der äußersten christlichen Rechten die Hand entgegen, in der Hoffnung, mit ihr einen Pakt zu schließen. Als die reaktionären christlichen Truppen 1976 haarscharf einer totalen Niederlage entkamen, verhandelte Washington mit der syrischen Regierung und versprach ihr, sie bei der Suche nach einem ägyptisch-israelischen Separatfrieden nicht mehr zu übergehen - ein Vorhaben, für das sich Kissinger seit 1975 stark gemacht hatte; als Gegenleistung nun seine berühmte Friedensinitiative" , die einige Monate später, im September 1978, im Camp David-Abkommen mündete. Syrien war nun zwangsläufig wieder in das antiamerikanische Lager zurückgeworfen und stellte sein Bündnis mit der PLO und der libanesischen Linken, auf Kosten des reaktionären christlichen Lagers, wieder her. Als letzte Karte gegen den mit der libanesischen Linken und Syrien verbündeten palästinensischen Widerstand blieb nicht anders übrig als die direkte israelische Intervention. Die ersteauf den Südlibanon beschränkte israelische Invasion fand 1978 statt und führte zum Einsatz der UNO-Truppen in dieser Region. Anstatt sie zu behindern, dienten sie der PLO und ihren Verbündeten objektiv als Schutz. Eine zweite, sehr viel massivere und langwie rigere Invasion erwies sich als notwendig; sie fand im Juni 1982 statt, als folgende Umstänges, da die israelische Armee durchaus nicht unerschütterlich war, wie sich später bei ihrer Zersetzung angesichts des Widerstands der Massen im Südlibanon zeigte — und der politischen Kapitulation, dem Auszug, um die eigene Habe zu retten. Sie wählte die zweite Möglichkeit, für die sie durch ihren soziopolitischen Charakter prädestiniert war; von den ersten Tagen der Belagerung an, als die Arafat-Führung mit dem Abgesand ten Reagans Verhandlungen über die Bedingungen der Evakuierung der palästinensischen Kämpfer aus Beirut aufnahm, setzte sich diese Option durch. Nach mühseligen Verhandlungen unterwarf sich schließlich die PLO-Führung allen amerikanischen Forderungen (Habib-Plan), auch der Intervention multi-imperialistischer Truppen. Als Gegenleistung erreichte sie die Zusage, die Reagan-Regierung werde die Notwendigkeit eines israelischen Rückzugs aus Cisjordanien und dem Gaza-Streifen anerkennen, damit dort eine „eigene palästinensische Regierung" errichtet werde unter der ausdrücklichen von der Reagan-Regierung aufgezwungenen Bedingung.
daß dieses Gebilde mit Jordanien verbundensein sollte. Diese neue offiziel- 0 le amerikanische Position, die in den Vereinbarungen von Camp David nicht festgelegt war, wurde am gleichen Tag verkündet, als die Evakuierung der PLO-Truppen aus Beirut beendet war:
das war der „Reagan- Plan" (1. September 1982).
Mit der Evakuierung aus der libanesischen Hauptstadt verlor die PLO.
Führung das letzte Gebiet, in dem die palästinensischen Kämpfer autonom handeln konnten „Die Geburt eines palästinensischen Kindes" bemühte sich Damaskus, die Verbündeten des Imperialismus im Libanon zu retten und die bürgerliche Ordnung hier wiederherzustellen. Der syrische Versuch stieß jedoch auf sehr starken Widerstand der libanesischen und palästinensischen Massen; schließlich sicherte sich Syrien jedoch die Kontrolle über das gesamte libanesische Gebiet nördlich der von Israel festgelegten „roten Linie" aufgrund eines mit der Führung der PLO unter saudiarabischer Schirmherrschaft auf der Konferenz von Riad im Oktober 1976 geschlossenen Abkommens. Die arabischen Regierungen entschieden sich am Vorabend der amerikanischen Präsidentschaftswahlen für eine abwartende Haltung.
Den Umschwung brachten 1977 die Wahlen in Israel und der Aufstieg der Ultras vom Likud, mit Begin an der Spitze. Jede Perspektive einer „globalen Verhandlungslösung" war nun hinfällig geworden. Sadat startete von Burha de zusammenfielen: Reagan hatte in Washington das Kommando übernommen und der israelische Rückzug aus dem Sinai warim April 1982 beendet, so daß der ägyptisch-israelische „Frieden" nicht gefährdet war. malige Alternative: sie konnte wählen zwi- Beirut stellte die PLO-Führung vor eine ein- 5 Die Belagerung von schen einem hartnäckigen Widerstand, den offensichtlich damit verbundenen Risiken, aber auch der Möglichkeit des Erfol- • Karkutli - sie hatte sogar zugestimmt, sie in alle vier Winde derarabischen Region zu zerstreuen. Damit war das wesentliche Ziel der israelisch-amerikanischen Offensive erreicht: die destabilisierende Stärke der bewaffneten Bewegung der palästinensischen Massen zu untergraben. Sie kam dabei sogar auf ihre Kosten, da sie sich nun von dem lästigen Druck freimachte, von dem sie bis dahin abhängig gewesen war. Von nun an meinte sie , weit mehr freie Hand zu haben, um ihr politisches Ziel aus den siebziger Jahren zu erreichen; die unerbittliche Logik der Kapitulation hatte sie nun allerdings dazu geführt, auch das Programm eines „unabhängigen palästinensischen Staates" aufzugeben, das alles in allem ebenso wenig „realistisch" schien wie einst der Maximalismus, zugunsten der von Reagan diktierten „Entscheidung für Jordanien" . Als einige Tage nach Reagans Verkündung seines Plans der jordanische König
Hussein diesen aufgriff und die Errichtung eines jordanisch-palästinensischen Staatenbundes" vorschlug, nahm Arafat die Einladung ohne Zögern an. Er begab sich selbst nach Amman, um Verhandlungen über die Modalitäten seiner neuen Zusammenarbeit mit dem haschemitischen Monarchen aufzunehmen.
Selbst nach Beirut und auch im Rahmen einer bürgerlichen Politik war die Entscheidung für Jordanien nicht die einzige, die sich der Arafat-Führung bot. Es gab noch eine andere Wahl, die Entscheidung für Syrien; das aber setzte voraus, Washington wie in den Jahren vor der Invasion von 1982 die Stirn zu bieten (der Reagan-Plan führte nicht einmal namentlich die syrischen, von Israel 1967 besetzten Golanhöhen auf). Diese Entscheidung hätte für die Arafat-Führung be deutet, sich unter syrische Schirmherrschaft zu begeben und die Perspektiveeineseigenen Staates, und sei er auch im Mitbesitz von Jordanien, auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Nicht ohne eine gewisse Naivität glaubte Arafat an die Versprechungen des Reagan Plans. Er entschied sich für letzteren und brachte im April 1983 einen Vertragsentwurf mit Hussein zustande. Doch Arafat wußte, daß seine neue Entscheidung auf eine breite Opposition stoßen würde: zunächst die Syriens und Lybiens, die beide Gegner der amerikanischen Politik waren; dann die der palästinensischen Linken, unter Einschluß des nationalistischen radikalen Flügels seiner cigenen Organisation, der Fatah. Er entschied sich also bewußt, ab März 1983 die Brücken zu den entschiendsten Gegnern der Op tion für Jordanien abzubrechen, um seine Beziehungen zu Hussein zu verbessern Der folgende Streit mit Syrien und seinen palästinensischen Verbündeten führte im Dezember 1983 zur Evakuierung der Anhänger Arafats aus den libanesischen, unter syrischer Kontrolle verbliebenen Gebieten. Arafat verließ Tripolis im Nordlibanon und begab sich direkt nach Kairo, um sich dort mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak zu treffen; damit durchbrach er den offiziellen arabischen Boykott der ägyptischen Regierung, der seit der Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages herrschte. Ganz unzweideutig machte Arafat klar, daß er sich entschieden hatte, im Rahmen der US-amerikanischen Politik im Vorderen Orient zu handeln. Ihm blieb die Hoffnung, daß es den vereinten Kräften Mubaraks, Husseins und des saudiarabischen Königs Fahd gelingen werde, als Belohnung für seine Haltung die offizielle Anerkennung durch Washington zu erlangen.
nensische Opposition gegen die neue Politik der Arafat-Führung kam aus den Reihen der 6 Die radikalste palästi- Fatah selber. Die „Dissidenten", wie sie gewöhnlich bezeichnet werden, stellten tatsächlich die radikale Fortsetzung der Fatah- Linie aus den Jahren 1968-70 dar. Das will besagen, daß die Opposition die ursprüngli- 49120 Al Mitraga
Revolutionär-Kommunistische
Zeitschrift für die arabische Region che Linie der Fatah wiederaufnimmt (s. Punkt 2), aber konsequenter als diese, denn diese hatte sich an Saudi-Arabien angelehnt und Jordanien geschont, also zwei eng mit dem Imperialismus verbundene Regime, die der palästinensische Widerstand im gleichen Mais wie den zionistischen Staat als seinen Feind bezeichnete. Gleichzeitig muß man feststellen, daß die „Dissidenten" der Fatah, deren Hauptfigur Abu Mussa ist, keineswegs einen neuen Weg für den palästinensischen Widerstand aufzeigen, sondern die alten Fehler reproduzieren. Das drückt sich insbesondere in der Haltung gegenüber dem syrischen Regime aus (und seinem Werkzeug. der Saika), von dem sie sich, unter dem Vorwand des „strategischen Bündnisses" , weder politisch noch praktisch distanziert haben. Trotz des unzweifelhaften Interesses einer bewaffneten palästinensischen, vom Libanon aus operierenden Organisation, ein Bündnis mit dem syrischen Regime zu schließen, könnte dieses Bündnis im Rahmen einer Einheitsfronttaktik aufrechterhalten und trotzdem die politische Autonomie beibehalten werden, indem die Differenzen benannt und nicht verwischt werden, wie es der Fall ist. Eine solche kompromißlose Allianz hat die PLO insgesamt zwischen 1977 und 1982 sehr wohl gegenüber Syrien praktiziert, dessen Truppen damals direkt einen erheblich grö- Beren Teil des libanesischen Gebiets (einschließlich West-Beiruts und dem Gebiet um das palästinensische Hauptquartier) kontrollierten, was heute nicht der Fall ist. Für den Fall, daß Damaskus sich weigern sollte, einem solchen Bündnis zuzustimmen, und versuchen sollte, seine Hegemonie mit Ge walt durchzusetzen, könnte die palästinensi sche Linke sich immer noch trotz der syrischen Repression aufbauen. Letztere hat auch die Arafat-Strömung nicht daran hindern können, sich im Libanon wiederaufzubauen, ja sogar sich wieder als Hauptkraft in der palästinensischen Bevölkerung durchzusetzen. Da aber die „Dissidenten" allen Schwierigkeiten mit der syrischen Regierung aus dem Wege gehen, kompromittieren sie sich nicht nur in den Augen der syrischen Massen, sondern auch und vorallem in denen der Mehrheit der palästinensischen Massen, ohne deren Unterstützung sie ihre Daseinsberechtigung verlieren.
Sehen wir uns nun die traditionelle Linke des palästinensischen Widerstands an — die PFLP und die DFLP, die 1983 eine „gemeinsame Führung" gebildet haben. Sie haben zu Beginn des Konflikts zwischen Arafat und seinen Gegnern in Übereinstimmung mit der UdSSR eine vermittelnde Haltung eingenommen. Die Linke wollte die Brücken zur offiziellen Führung der PLO nicht abbrechen, in der Hoffnung, diese würde — aus Überzeugung oder aus Verdruß — die jordanisch-amerikanische Entscheidung noch rückgängig machen. Diese Haltung wurde durch das Verhalten der Arafat-Führung jedoch erschüttert: sie berief voller Arroganz einseitig den Palästinensischen Nationalrat — in dem sie wegen des Prinzips der Ernennung seit 1969 über eine sichere Mehrheit verfügt, im November 1984 zu einer Tagung nach Amman ein (die Wahl spricht für sich), und lud König Hussein, den Henker von 1970 zur Eröffnung ein. Das Bündnis zwischen PFLP und DFLP zerbrach, als die PFLP sich entschloß, ihre diskreditierte vermittelnde Haltung aufzugeben und sich den „Dissidenten" der Fatah — der Saika und anderen kleinen Organisationen — anzuschließen und eine Front zur nationalen Rettung Palästinas, ohne syrische Schirmherrschaft, zu bilden. Die DFLP, im Bündnis mit der palästinensischen KP, blieb der UdSSR treu, die, wenn sie auch immer mehr Unzufriedenheit gegenüber Arafat zeigte, nicht die Hoffnung aufgeben wollte, ihn oder zumindest die von ihm geleitete offizielle PLO zurückzugewinnen.
Die Bedeutung der PLO Arafats ergibt sich für die UdSSR nicht allein aus ihrem offiziellen Status als „legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes* ', den Moskau bei der UNO mitdurchgesetzt hat, und der es Arafat auchermöglichen kann, eine pax americana zu schlucken. Ihre Bedeutung rührt auch und vor allem aus der unzweifelhaften Tatsache, daß die Arafat- Führung die Unterstützung der Mehrheit des palästinensischen Volkes in Westjordanien und im Gaza-Streifen genießt.
Der einzige positive Aspekt an der Wende der PLO-Führung 1974 war gewesen, daß sie nun ein gesteigertes Interesse an der Mobilisierung der Massen in den 1967 besetzten Gebieten zeigte, die die palästinensische Führung für sich beanspruchte, um dort einen „unabhängigen Staat" zu errichten. Dieses Programm der PLO war trotz seines Rechtsdralls (der anfänglich nicht so ausgeprägt war) viel geeigneter, die Mehrheit der Bewohner dieser Gebiete für sich zu gewin- 22 INPREKORR Nr. 187
nen, als der frühere Maximalismus. Das unmittelbare und vorrangige Interesse dieser Bewohner ist es, sich von der israelischen Besatzung zu befreien: sie tendieren natürlicherweise zu dem scheinbar kürzesten Weg dahin, gleichgültig. ob er über Jordanien. über Palästina oder seit 1983 über ein Abkommen zwischen beiden führt. Eine Ausnahme davon bildet die kritische radikale Minderheit, die es vor allem unter den Jugendlichen gibt. Zu diesem objektiven Druck kommen soziale und materielle Faktoren hinzu: ein Teil der führenden palästinensischen Persönlichkeiten hat Beziehungen zum haschemitischen Thron, einanderer Teil zur Führung der PLO, und jede Fraktion verfügt über ihre eigene Klientel. Trotz des Abkommens zwischen Hussein und Arafar, das offiziell im Februar 1985 abgeschlossen wurde, hat die Rivalität zwischen beiden Gruppen in den 1967 besetzten Gebieten nie aufgehört. Genauer gesagt hat die haschemitische Monarchie nie daraut verzichtet, ihre Interessen autonom zu verfol. gen, und hat dabei praktisch mit ihren Partnern von einst, der zionistischen Arbeiterpartei, die 1984 unter der Führung von Peres wieder die Regierungsgeschäfte übernahm. zusammengearbeitet. Der Zusammenstoß zwischen den beiden Strömungen hat z.B. zur Ernennung des prohaschemitischen Geschäftsmannes Zafer Al-Masri zum Bürgermeister von Nablus geführt, anstelle des Nationalisten Bassam Chakaa, der von den israelischen Besatzern 1982 abgesetzt worden war. Diese politische Operation sollte allgemein in Westjordanien durchgeführt werden. Hinzukommt, daß Hussein im Februar 1986 seinen Bruch mit der PLO ankündigte. der er einen Zickzack-Kurs vorwarf. Die Ermordung Al-Masris im März hat das gemeinsame Manöver von Peres und Hussein vorübergehend verzögert, jedoch nicht aufgehalten. Beide Strömungen verantworten auch eine Spaltung unter den Palästinensern im April 1986, unter der Führung eines der korruptesten Führer der PLO, Abul-Zaim. Die Arafat-Führung hat also auf der ganzen Linie verloren, sie ist an ihremeigenen Verrat und den von ihr verbreiteten Illusionen gescheitert. Algerien hat mit dem Segen der Sowjetunion versucht, ihr aus der Patsche zu helfen, und zur Wiedervereinigung der PLO aufgerufen. Dieser Appell ist vielleicht bei einigen zögernden Mitarbeitern Arafats auf fruchtbaren Boden gestoßen; er selbst aber hat sich lieber an Mubarak und den irakischen Diktator Saddam Hussein und an König Fahd gewandt, die heute seine privilegierten Verbündeten sind; sie sollten auf Jordanien Druck machen und es zur Fortsetzung der Zusammenarbeit zwingen. Arafat weiß, daß diese reaktionären arabischen Führer ihn anders als Hussein, für den er einen direkten Widersacher darstellt, noch als politischen Verbündeten brauchen. Andersherum üben natürlich auch sie Druck auf Arafat aus, daß er seinen Weg der Kapitulationbis zum Ende geht und offiziell die UNO-Sicherheitsrats- Resolution 242 vom November 1967 anerkennt, wie Washington es fordert. Damit hätte er seine letzte Karte aus der Hand gegeben. Dafür verlangt er allerdings als Gegenleistung die formale Garantie einerameri. kanischen Anerkennung. Wie auch immer diese Verhandlungen ausgehen, die Bilanz der Arafat-Führung ist schon jetzt die des völligen Scheiterns des reaktionären Wegs. den sie gewählt hat.
ren seiner Existenz steckt der palästinensi- sche Widerstand heute in einer tiefen Krise. 8 Nach zwanzig Jah- Keine seiner offiziellen Strömungen, auch nicht die Linke, verspricht eine Lösung dieser Krise. Denn dies wäre verbunden mit einem radikalen Wechsel der Strategie und des Verhaltens. Die palästinensische Linke vertritt aber bestenfalls die Kontinuität der Vergangenheit, im Programm wie in ihrer Organisationsform. Erst die Herausbildung einer proletarisch-revolutionären Strömung innerhalb des palästinensischen Widerstands, in enger Verbindung mit der proletarisch-revolutionären Bewegung in den Ländern, in denen die Palästinenser leben, kann einen Ausweg aus der gegenwärtigen historischen Sackgasse weisen. Der nationale Kampf des palästinensischen Volkes wird erst siegen, wenn er sich kombiniert mit dem Klassenkampf in der Region und wenn er internationalistisch orientiert ist. Die Vierte Internationale hat, im Gegensatz zur stalinistischen Bewegung, das zionistische Unternehmen in Palästina immer verurteilt und das Recht des arabisch-palästinensischen Volkes auf freie Selbstbestimmung verteidigt. Sie hat immer den Kampf der palästinensischen Massen gegen den Zionismus, den Imperialismus und seine arabischen Verbündeten unterstützt, unabhängig vom Charakter ihrer jeweiligen Führung. Diese Unterstützung hindert sie nicht daran, sowohl die reaktionäre Politik der Arafat-Führung als auch den blinden, systematischen Terrorismus einer Gruppe wie der um Abu Nidal zu kritisieren. Allgemein gesprochen liegt die Überwindung der Merkmale und der Positionen der palästinensischen Organisationen im Interesse des palästinensischen Volkes selbst.
In den imperialistischen Ländern wie auch sonst verteidigt die Vierte Internationale das Recht aller palästinensischen Organisationen auf die Eröffnung eigener Vertretungsbüros und auf volle Meinungsfreiheit. Sie verteidigt die palästinensischen Kämpfer gegen die bürgerliche Repression, ohne deswegen alle Aktionen dieser Kämpfer oder alle, die ihnen zugeschrieben werden, unterstützen zu müssen. Sie kritisiert den unterschiedslosen Terrorismus, der den Interessen des palästinensischen Kampfes zutiefst schadet. Doch sie zeigt auch auf, wer die wahren, mörderischen Terroristen sind, die imperialistischen Staaten, an ihrer Spitze die USA und der israelische Staat.
Der Zyklus der Gewalt, der in Palästina mit der zionistischen Kolonisation begonnen hat, wird erst enden, wenn jede Form der nationalen Unterdrückung aufgehoben ist, jegliche nationale oder religiöse Diskriminierung abgeschafft ist. D.h. wenn der proletarische Internationalismus, zu dessen Verteidigung die Vierte Internationale gegründet wurde, gesiegt hat.
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Aus dem Inhalt: Das Godesberger Programm 1959 und seine linken Kritiker / Die wirtschaftspolitischen Konzeptionen der SPD / Ziele und Vorstellungen einer SPD-Außenpolitik / Nürnberger Parteitag 1986 / Zu Johannes Raus Rede in Nürnberg 1986/ Eine Bilanz des SPD. Parteitags in Nürnberg 1986 / SPD und Atompolitik - Einstieg, Ausstieg, Umstieg / Der Irsee SPD-Programmentwurf 1986.
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Bach
Zwar ist in den letzten Jahren die Geschichte der Arbeiterbewegung zugunsten einer (nicht zuletzt oft auch entpolitisierten) Geschichte „der" Arbeiter außer Mode gekommen. Daß es aber auf dem Gebiet der Arbeiterorganisationen noch immer viele Lücken in der historischen Führung gibt, zeigen eine Reihe neuerer Arbeiten, die sich mit der Geschichte des Kommunismus in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren beschäftigen. Sigrid Koch-Baumgarten, Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktionen der KPD 1921, Quellen und Studien zur Sozialgeschichte (hg. vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam, Bd. 6), Frankfurt 1986, Campus-Verlag. Die Arbeit von Koch-Baumgarten befaßt sich mit einem Schlüsselereignis aus der Anfangszeit der KPD, dem Versuch eines bewaffneten Aufstands im Jahre 1921, der sogenannten Märzaktion. Nachdem die KPD durch die Verschmelzung mit der linken USPD im Dezember 1920 zu einer Massenpartei mit um die 400.000 Mitgliedern geworden war, schien auch in Deutschland endlich die Hauptvoraussetzung für eine Revolution, die Partei, geschaffen zu sein. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Nachkriegskrise setzten sich schnell Auffassungen durch, die angesichts dieser Lage eine revolutionäre Situation für machbar hielten. Eine Theorie der Offensive wurde proklamiert. Auch schien eine Revolution in Deutschland die so nötige Entlastung für Sowjetrußland bringen zu können.
Als im März 1921 der (sozialdemokratische) preußische Innenminister das mitteldeutsche Industrierevier, eine Hochburg der KPD, besetzen ließ, schien dies das Signal für den Aufstand zu sein. Der proklamierte Generalstreik blieb jedoch aus; die Kämpfe blieben ohne wirkliche Massenunterstützung wegen des Fehlens einer konsequenten Einheitsfrontpolitik in den Monaten davor — aufgrund der Erwartung der bevorstehenden Offensive — auf bestimmte Hochburgen der KPD beschränkt. Der Kampf endete mit einer Niederlage, die wiederum eine schwere Krise der Partei auslöste mit Massenaustritten und dem Ausschluß einer Reihe von Funktionären um den Parteivorsitzenden Levi (der öffentliche Kritik an dieser Aktion geübt hatte). Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen in der Kommunistischen Internationale, die die Offensivtaktik schließlich verwarf. Es dauerte Monate, bis die KPD wieder Tritt gefaft hatte.
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