Tatau Godinho gab dieses Interview im Dezember 1985 in Brüssel. Sie ist Mitglied der Arbeiterpartei (PT) und der brasilianischen Sektion der IV. Internationale und seit 1980 in der Frauenbewegung Claude Sevrac: Wie ist die Lage der arbeitenden Frauen in Brasilien? Tatau Godinho: In den letzten beiden Jahrzehnten ist der Anteil der Arbeiterinnen gewaltig angestiegen; heute machen sie etwa 30 % der Beschäftigten aus. Die Zahl der Frauen, die in der Landwirtschaft arbeiten, ist parallel zum allgemeinen Niedergang dieses Sektors gesunken, und es sind mehr Frauen als Männer vom Land in die Stadt gezogen.
Besondere Betonung verdient der Masseneintritt von Frauen in die Industrie, besonders in die Branchen, in denen Frauen nicht schon traditionell arbeiteten. In der Textilbranche und im Dienstleistungssektor, wo sie traditionell die Mehrheit der Beschäftigten stellen, hat sich ihre Zahl nicht geändert. Natürlich besetzen sie in der Industrie wie überall die am wenigsten qualifizierten Arbeitsplätze.
Aber im Gegensatz zu dem, was wirin anderen Ländern sehen können, wo Frauen in der Industrie vor allem in Verkauf und Verwaltung tätig sind, sind in Brasilien drei Viertel von ihnen, besonders in so entwickelten Gegenden wie Sao Paulo, in der Produktion beschäftigt. Dieses bedeutet einen qualitativen Wandel ihrer Stellung in der Belegschaft überhaupt.
Dennoch ist im Zuge der Krise, die sich seit Ende des Aufschwungs, den Brasilien bis 1974 erlebte, beschleunigt hat, die Zahl der im informellen Bereich arbeitenden Frauen ständig gewachsen - schneller als die der Männer. Die Frauen nehmen kleine Jobs an, die auch ihren traditionellen innerfamiliären Aufgaben entsprechen (Kochen, Nähen und so), um das Familieneinkommen zu stützen.
Nach meinem Eindruck sind im Laufe der Krise nicht mehr Frauen als Männer entlassen worden, jedoch mangelt es uns an präzisen Daten zu diesem Thema. Es bleibt jedenfalls die Tatsache, daß die Krise Frauen anders trifft als Männer, da sie es sind, die den Familienhaushalt zu verwalten haben und täglich was zu essen auf den Tisch stellen müssen. Daserklärt auch, wiese so viele von ihnen sich aktiv an den Gruppen der Frauenbewegung in den armen Stadtteilen beteiligen, die nach Wegen suchen, die tägliche Ernährung der dort Lebenden sicherzustellen. C. Sevrac: Aus dem, was Du gerade gesagt hast, entnehme ich, daß die Frauenbewegung in Brasilien ein ganz anderes Erscheinungsbild hat als die in anderen Ländern.
T. Godinho: Ja, ich muß sagen, daß die Frauenbewegung, wie sie sich ab 1975 mit der Bildung einer Myriade feministischer Gruppen herausgebildet hatte, heute sehr zerstreut ist. Diese Gruppen sind extrem desorganisiert, und viele haben sich schon aufgelöst. Die teministische Bewegung im engeren Sinne hat keine nationale Koordination. Es gibt zwar noch immer Gruppen auf örtlicher Ebene, die eine gewisse Verbindung untereinander halten, aber nichts vergleichbares mit dem Niveau Ende der 70er Jahre.
Damals war die Bewegung in der Lage, Frauen zu mobilisieren, sehr breite Kundgebungen und Massenkongresse zu organisieren, die dazu beitrugen, die Frauenfragen zum wichtigen Thema der ganzen Gesellschaft zu machen. Heute suchen viele derer, die aktiv geblieben sind, nach neuen Perspektiven, denn die jetzige Zerstreuung und die Schwierigkeit, eine Achse zu finden, die diese Kräfte zusammenbringt, werden zum Hindernis für das Wachstum der Bewegung insgesamt.
Die wichtigste Entwicklung, die wir heute erleben, ist das Entstehen von Frauengruppen in den Elendsvierteln, die sich meistens um unmittelbare Sofortforderungen zur Anhebung des Lebensstandards zusammentun. Sie sind eng an die Massenbewegung im allgemeinen angeschlossen, jedoch autonom als Frauengruppen organisiert. Man kann nicht sagen, daß sie sich allzusehr der besonderen Unterdrückung von Frauen bewußt wären, und das überrascht auch nicht, da sie vor allem aus proletarischen Hausfrauen bestehen, die ihre täglichen Überlebensprobleme im Elendsdschungel der großen Städte zu lösen versuchen.
Falsch wäre daher eine Annahme, diese Bewegung sei ein Sprößling der früher existierenden feministischen Gruppen. Es gibt keine Tradition, keine Erinnerung an die autonome Bewegung, die vor fünf Jahren bestand, auch wenn sie einen diffusen Einfluß ausgeübt hat. Die Frauengruppen der Elendsquartiere entstanden völlig spontan in den meisten Agglomerationen und zu den verschiedensten Fragen. 1985 war die wichtigste die der Milch. Die dringenden Bedürfnisse ihrer Kinder vor Augen stürzten sich Frauen in vier Regionen des Landes in eine Kampagne mit der Forderung an die Regierung, in den ärmsten Siedlungen billige Milch zu verteilen. Die Frauengruppen verlangten zugleich die Übergabe der Milch in ihre Hände, um in eigener Verantwortung ein auf den Frauengruppen basierendes Verteilungssystem zu schaffen. Etwa 7000 Frauen nahmen an diesen Aktionen teil. Wo die Forderung durchgesetzt wurde, führte dies zu wichtigen organisatorischen Ergebnissen: permanente Frauenstrukturen wurden gebildet zum Zweck der Lösung der Probleme der Nahrungsmittelverteilung.
Eine der Grenzen dieser Art von Bewegung ist ihr Mangel an Koordination. Es liegt in der Natur der aufgestellten Forderungen, sich unmittelbar an den Staat zu wenden, und wenn dann die Forderung erfüllt ist, verschwinden die in der Kampagne aufgebauten Strukturen wieder. So gelingt es nicht, eine Kontinuität in den Organisationsformen herzustellen, die immer wieder hier und da entstehen. So geschah es bei zahllosen Gelegenheiten etwa mit Gruppen, die sich für Kinderkrippen zusammengetan hatten. Sobald die Behörden ihre
Forderungen erfüllt hatten, lösten sie sich auf, da sie keine weiterreichende Perspektive hatten.
Es sollte jedoch betont werden, daf eine Massenkampagne wie die für die Milch nur deshalb so wachsen konnte, weil es schon vorher Gruppen gab, die die Vorstellung besaßen, daß eine solche Mobilisierung als Anstoß zur dauerhaften Organisierung einer höheren Anzahl von Frauen genutzt werden könnte, und die selbst nicht auf nur ein Thema beschränkt bleiben wollten. Solche Gruppen werden künftig das Sprungbrett sein, von dem aus eine dauerhafte Organisierung der unterdrücktesten Frauen möglich sein könnte.
C. Sevrac: Wie haben die Gewerkschaften auf die Geburt der feministischen Bewegung reagiert? Was tun sie heute zur Verteidigung der besonderen Interessen der Arbeiterinnen?
T. Godinho: Die Organisierung von Frauen in den Gewerkschaften hinkt der in der allgemeinen Volksbewegung hinterher. Esgabeine Welle der Radikalisierung Ende der 70er Jahre unter dem Einfluß der Frauenbewegung, die ihren Niederschlag in Frauenversammlungen und inder Schaffung besonderer Frauenstrukturen in den Gewerkschaften fand Jedoch ging die Diskussion nicht über den einen damals zentralen Punkt hinaus — die Frage der Nachtarbeit. Die Regierung wollte ein Gesetz durchbringen, das Frauen Nachtarbeit gestattet, und die Gewerkschaften waren dagegen. Verschiedene Gewerkschaften, besonders die Metallarbeitergewerkschaft von Sao Bernardo (eine Vorstadt von Sao Paulo), organısierten Frauenversammlungen und -konferenzen. Dies blieb jedoch die Ausnahme, und in den fünf Jahren seither hat es keine Versammlungen dieser Art mehr gegeben. Diese Versammlungen drangen gar nicht bis zur Frage der Unterdrückung der Frauen oder der separaten Organisierung der Frauen vor, machten sie nicht zu einem zentralen Thema der Gewerkschaften. Man muß schon sagen, daß selbst die kämpferischsten Gewerkschaftsführungen keinen Draht für das Verständnis dieses Problems hatten. Jede Art separater Organisierung der Arbeiterinnen wiesen sie zurück. Nach den erwähnten Versammlungen sprachen sie offen davon, künftig keine solchen reinen Frauenversammlungen mehr durchzuführen; die einzige Art des Umgangs mit der Frauenfrage sei die Aufnahme von Frauenforderungen in die allgemeine Plattform der Gewerkschaften, das Problem auf Gewerkschaftskongressen zur Sprache zu bringen und so weiter. Unglücklicherweise geschah auch dies zu keinem Zeitpunkt. Trotz des hohen Frauenanteils in der Industrie und trotz der Tatsache, daß die Frauen keineswegs bloß Karteileichen in den Gewerkschaften sind, wurden ihre spezitischen Forderungen systematisch „übersehen" oder heruntergespielt, sowohl bei Tarifverhandlungen als auch im Alltagsleben der Gewerkschaften. Um diesen Zustand zu rechtfertigen, haben sich einige nicht gescheut zu behaupten, die Frauen seien nur Mitglied der Gewerkschaften bringt. Aber für Männer gilt das ja wohl genauso. Außerdem: gerade während der großen Streikwellen 1978 und 1979 traten mehr Frauen als Männer den Gewerkschaften bei.
Der Beitritt der Frauen zur Arbeiterbewegung drückte also keineswegs eine passive oder rein selbstsuchtige Faltung aus. Die Wahrheit ist vielmehr, dais die Gewerkschaftsführungen sich schlicht weigerten, den Frauen den Platz zuzugestehen, der ihnen zukommt. Die einzige Veränderung ist, daß eine wachsende Anzahl von Gewerkschaftspublikationen sich regelmäßig mit den Problemen der Diskriminierung von Frauen in der CAPITALISM ALSO
DEPENDS ON
DOMESTIC
LABOUR
Industrie beschäftigt. Erst 1984l kam die Notwendigkeit der Aufnahme besonderer Frauenforderungen in die Plattform der Gewerkschaften und einer besonderen Organisierung von Frauen wieder auf den Tisch.
Es fällt auf, daß es keineswegs die radikaleren Strömungen in den Gewerkschaften, sondern die konservativeren Sektoren der Bürokratie waren, die dabei die Initiative ergriffen haben. Die Wahl einer neuen Regierung 1982, bei der zugleich die bürgerliche Opposition in mehreren Bundesländern die Mehrheit gewann, hatte sicherlich einiges damit zu tun. In Sao Paulo etwa gründete die Stadtverwaltung einen Frauenrat als integralen Bestandteil der Regierung. Dieser knüpfte mit bestimmten Gewerkschaften Beziehungen, um eine gemeinsame Arbeit aufzunehmen, und half ihnen gar, Frauenkonferenzen und -versammlungen abzuhalten. Der militantere Sektor mußte reagieren — wenn auch nicht so rasch und kräftig, wie Frau es sich gewünscht hätte.
Die Central Unica dos Trabalhadores (CUT) startete 1985 zwei wichtige Initiativen. Sie führte in Sao Paulo und in Minas Gerais Konferenzen mit dem Ziel durch, die Frauenaktivitäten und die Organisierung der Frauen wiederzubele ben. Wenn sich auch die Achsen der Diskussion über die Frauen in der Industrie gegenüber 1978 und 1979 kaum verschoben haben, so bedeutete dies doch einen echten Schritt nach vorne zu einer bewußten Frauenpolitik. Diese beiden Konferenzen führten zu keinen klaren organisatorischen Ergebnissen, und die nationale Führung der CUT hat sich schon wieder gegen die Schaffung eines ständigen Gremiums für die Frauenarbeit ausgesprochen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Forderung auf dem nächsten CUT-Kongreß wieder erhoben werden wird - und ihre Durchsetzung ist dort möglich. Noch etwas wollte ich sagen. Was jüngst in der Landwirtschaft geschah, hat sicherlich Einfluß auf die Industriegewerkschaften gehabt. In den Städten sind die besonderen Forderungen der Frauen nie bei Tarifverhandlungen zur Sprache gekommen. Jedoch beim Landarbeiterstreik 1985 auf den Zuckerrohrplantagen nahe Sao Paulo war eine der drei Forderungen die nach gleicher Bezahlung für die Arbeiterinnen. Dies hat es vorher noch nie gegeben. Dais die Landfrauen den Kampf darum autgenommen haben, wird seine Wirkung auf die städtischen Gewerkschaften nicht verfehlen.
C. Sevrac: Was war die Rolleder Partido dos Trabalhadores (PI, Arbeiterpar tei) bei der Radikalisierung und Organisierung von Frauen?
T. Godinho: Wie ich schon sagte, ist eines der größten Probleme der Frauen das Fehlen einer Koordination der verschiedenen Gruppen gewesen. Dadurch wurde sowohl ihre Fähigkeit zur Intervention gehemmt als auch eine Aktionseinheit zu dem einen oder anderen Thema behindert. Es geht natürlich nicht um die Durchsetzung einer künstlichen Struktur, die dann nicht einen bestimmten Aktivitäts- und Mobilisierungsgrad widerspiegelt.
Feministinnen waren schon immer von der Furcht geplagt, daß eine solche Koordination das Entwicklungstempo der Bewegung diktieren und bestimmte autoritäre Funktionsweisen reproduzieren könnte, die in politischen Parteien bestehen. Aber darum geht es auch nicht. Das Problem ist heute, daß verschiedenste Frauengruppen in der Volksbewegung nach einer politischen Orientierung und Führung suchen, das Bedürfnis nach Koordination selbst empfinden. Die von vielen Feministinnen geteilte spontaneistische Konzep-
tion der Autonomie der Bewegung stelle ein echtes Hindernis für deren Wachstum dar.
In der Tat wäre es absolut möglich, unsere Anstrengungen zu vereinen, um bestimmte Schlachten gemeinsam zu schlagen. Daran liegt es, daß die PT, die auf die armen Volksmassen eine starke Anziehungskraft ausübt, dazu gebracht wurde, eine von der Frauenbewegung vernachlässigte Aufgabe zu erfüllen. In vielen Bundesländern sind die Frauenkommissionen der PT weit über ihren ursprünglichen Auftrag und über ihre Absichten hinausgegangen. Anstatt sich auf die Organisierung von Parteiaktivitäten und die Anleitung des Eingreifens ın der autonomen Frauenbewegung zt beschränken, sind diese Strukturen heute zu einem Anziehungspolfüralle Frauen geworden, die in ihnen den Ort erblicken, wo ihre Probleme und Aktionsvorhaben diskutiert werden können.
Dies zeigt sich immer wieder besonders um den 8. März herum. Es ist zur Tradition geworden, daß die PT einen großen Teil der Frauengruppen zu diesen Demonstrationen organisiert, allein Indien weil es niemand sonst täte, wenn nicht sie. Dieser Zustand ist ein Problem sowohl für die Autonomie der Bewegung als auch deshalb, weil viele Frauen den Frauenkommissionen der PT beitreten, bevor sie überhaupt der Partei beigetreten sind. Dieses Problem muls bald geklärt werden.
Jedenfalls gibt es keinen Zweifel, dats die PT ein Mittel ist, um eine Vielzahl von Frauen für Aktionen zu gewinnen, zu denen sie den Anstoß gab. Die Kampagnen um die Zustände in den Enklaven der Armut in den städtischen Ballungsgebieten werden auch in der nächsten Zeit entscheidendes Gewicht für das Wachstum der Frauenbewegung insgesamt haben, auch wenn ihr Ausgangspunkt nicht die besondere Unterdrückung von Frauenist. Dies liegt nicht nur an der Tiefe der wirtschaftlichen Krise, sondern auch am Charakter dieser Frauengruppen selbst, die unter den am meisten benachteiligten Schichten entstanden sind, und an der Rolle,die diese Schichten notwendigerweise beim Aufbau einer Frauenmassenbewegung spielen müssen.
Dezember 1985 Preisstopp-Komitees
Im März 1986 verfügte die Regierung des Präsidenten Sarney einen Preisstopp, um die Inflation zu dämpfen. Dies hat sich bisher immer als unwirksam erwiesen, wenn es keine Kontrollkomitees gibt.
In Brasilien jedoch haben die geschilderten Bewegungen für kostenlose Milch oder für bessere Lebensbedingungen, die von Frauen aus den Armenvierteln gebildet wurden, den Boden dafür bereitet. Hinzu kommt, daß Präsident Sarney als erster demokratisch gewählter ziviler Präsident seit einem Vierteljahrhundert trotz der krassen Verelendung weiter Bevölkerungsschichten immer noch großes Vertrauen genießt. Deshalb gehen heute Gruppen von Frauen in die Supermärkte und Läden, um anhand von Listen die Preise zu vergleichen. Zu hohe Preise werden den zuständigen Behörden gemeldet, die aufgrund des massiven Charakters dieser Aktionen bisher nichts anderes tun konnten, als dem Gesetz genüge zu tun.