Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Indien

Das Recht auf Leben

· Inprekorr Nr. 180, April 1986 · S. 31-34 · 2.772 Wörter

Indien und Südasien Frauen Gewerkschaften und Streiks

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Immer wieder geraten Fälle von „Mitgiftmorden" in Indien auch in die internationale Presse. Die Tötung von Frauen, ihre Auslese im Rahmen des „bevölkerungspolitischen" Programms des Staates führen zu dem auf der Welt einmaligen Zustand, daß die Frauen in Indien in der Minderzahl sind. Im Gegensatz zu anderen Ländern müssen Indiens Frauen also, um Selbstbestimmung zu erlangen, erst einmal das Recht auf Leben erkämpfen, bevor das Recht auf Abtreibung zum Trupti Shah gab dieses Interview im Dezember 1985. Sie ist Mitglied einer Frauengruppe im Jacqueline Heinen: Wir hörenoftvon verschiedenen typischen Formen der Diskriminierung von Frauen in Indien, die anscheinend sehr extrem sein kann und eine wesentlich höhere Kindersterblichkeit bei Mädchen als bei Jungen bewirkt. Wie steht es mit den Fakten?

Trupti Shah: Die demographischen Daten zeigen in der Tat, daß im Gegensatz zu anderen Ländern der Anteil der Frauen an der Bevölkerung geringer ist als der der Männer. Dieses Phänomen gibt es sonst nur noch in Pakistan und im Iran. Zu Beginn des Jahrhunderts kamen auf 1000 Männer 972 Frauen, und seitdem ist ihr Anteil ständig weiter gefallen, 1970 war das Verhältnis 930 zu 1000 und stagniert seither.

Nr. 180. Aoril 1986 Dieses Zahlenverhältnis spiegelt ein riesiges wirtschaftliches und soziales Problem wider - den Status der indischen Frauen. Die ganze kulturelle und soziale Tradition gebietet, daß es besser sei, einen Jungen als ein Mädchen in die Welt zu setzen. Wegen des Mitgiftsystems [1] wird die Geburt einer Tochter als eine Last aufgefaßt, während Jungen für die Kontinuität der Familie stehen, als Stütze des Alters und so weile nach ihrem Geschlecht unterschiedlich gefüttert und umsorgt. Nicht nur erhalten kleine Jungen wesentlich mehr emotionale Zuwendung, sogar die beste Milch ist für sie reserviert. Manchmal läßt man kleine Mädchen sogar langsam verhungern. Diese Diskriminierung setzt sich später bei der schulischen unc beruflichen Ausbildung fort. Das Mißverhältnis in der Anzahl von Männern und Frauen ist ein konkretes Ergebnis dieser Form der Diskriminierung. Es sollte betont werden, daß sich dieses Phänomen gerade mit der Industrialisierung und dem technischen Fortschritt verschlimmert hat - besonders aber durch das Aufkommen neuer Reproduktionstechniken (In-vitro- Fertilisation, Embryo-Transplantation). So wird die Amniozentese (Fruchtwasserpunktion) zum Aufspüren möglicher Mißbildungen systema-

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tisch zur Ausmerzung weiblicher Embryos genutzt, da hierbei auch das Geschlecht festgestellt werden kann. Seit drei Jahren ist diese Praxis in den großen Städten weit verbreitet. Wenn sich dabei herausstellt, daß das Ungeborene ein Mädchen werden wird, versuchen die Frauen in 99 % der Fälle, eine Abtreibung zu erhalten. Da die Amniozentese erst am Ende des vierten Monats durchgeführt werden kann, sind die Folgen für die Gesundheit der Frauen katastrophal, da es dann zur Abtreibung erst in der 18. oder 19. Woche kommt. Und diese Praxis wird im Namen der Gebur, tenkontrolle gerechtfertigt! Wir stehen also vor einer ganz anderen Situation als die Frauen in den europäischen Ländern, wo sie für das Recht auf Abtreibung und freie Verhütungsmittel kämpfen. In Indien müssen die Feministinnen gegen die Politik der Behörden kämpfen, die unter dem Vorwand der Kontrolle des Bevölkerungswachstums massenhaft Verhütungsmittel (wie Depo-Provera) verteilen, die in anderen Ländern verboten sind, weil sie eine Gefahr für die Gesundheit der Frauen bedeuten. Über die Nebenwirkungen wird nicht die geringste Information verbreitet. Außerdem werden die Beratungsstellen für Familienplanung ermutigt, Frauen intrauterin Spiralen einzusetzen, ohne ihnen dies zu sagen. Die Frauen stellen das erst fest, wenn sie in dem Glauben, unfruchtbar zu sein, zum Frauenarzt gehen. Wegen dieser Spiralen haben viele Frauen Krebs und andere schwere Krankheiten bekommen. Die Regierung unterstützt auch Sterılisterungskampagnen, ohne sıcherzustellen, daß die Operation unter korrekten Rahmenbedingungen stattfindet. Sehr oft wird den Frauen nicht gesagt, daß diese Operation nicht umkehrbar ist; oft lassen die beauftragten Ärzteteams die Voruntersuchungen aus, um ihre Quoten von 150 bis 200 Operationen pro Tag zu erfüllen. So starben 1985 in Rajastan mehrere Frauen im Verlauf einer solchen Kampagne. Du siehst also, daß „das Recht zu entscheiden" für Frauen in den entwickelten Ländern und in denen der Dritten Welt wie Indien zwei verschiedene Dinge darstellt. In

Indien geht es um das Recht auf Information über die Methoden der Verhütung und Abtreibung, die Frauen aufgezwungen werden, gegen Zwangssterilisierung, Zwangsabtreibung und Zwangsverhütung. Dies rungstond, die Weltbank, die niederländische nichtstaatliche und nichteligiose Organisation NOVIB und di ritische OXFAM-India allesamt Fond für das Familienplanungsprogramm der Regierung bereitstellen, ohne den sexistischen und rassistischen Charakter dieser Programme in Frage zu stellen. Die Gesundheit der Frauen ist das, wofür sie sich zuletzt interessieren. Zusätzlich zu der hohen Säuglingssterblichkeit bei Mädchen ist die Lebenserwartung einer erwachsenen Frau sehr niedrig. Es gibt nahezu nirgends lokale medizinische Zentren, die darauf eingerichtet wären, die elementaren Anfordernisse an die Behandlung von Frauen und Kindern zu erfüllen. Gedacht wird nur an die Reproduktionsfunktion von Frauen und an die enormen demographischen Probleme. Die Frauen sieht man nurals Gebärmaschinen zum Erhalt der Rasse an. So erklärt sich, daß das Netz der Familienplanung sich bis in die abgelegensten Winkel des Landes spannt, es jedoch kaum normale Krankenhäuser gibt.

Um noch einmal das Recht freier Entscheidung anzusprechen: das Zweischneidige liegt darin, daß die Existenz der Verhütungsmittel an sich einen nicht anfechtbaren Fortschritt darstellt, denn sie können den Frauen die Möglichkeit der Kontrolle des eigenen Körpers geben. Es geht also nicht darum, ihr Verbot zu fordern. Es geht darum, daf Frauen als Bürger zweiter Klasse behandelt werden und ihnen das Recht der Ausübung dieser Kontrolle gerade verweigert wird.

Wie die Amniozentese genutzt wird, ist typisch. Die Frauen werden nicht über die Risiken für sich und ihre Babies informiert. Es gibt keine Einschränkungen wie im Westen, wo die Tests nur durchgeführt werden, wenn die Mütter ein bestimmtes Alter überschritten haben und die Gefahr einer Mißbildung des Fötus' sehr hoch ist. Die rückschrittlichsten kulturellen Reflexe werden in der Haltung der Gesellschaft zu den Frauen und damit auch der Frauen zu sich selbst ermutigt. Dieser Test ist zu so einer Alltäglichkeit geworden, wird so billig gehalten, daß selbst die ärmste Frau aus der Arbeiterklasse ihn sich leisten kann. Zwischen 1978 und 1982 wurden so 78 000 weibliche Embryos nach einer Amniozentese abgetrieben. Seither ist die Zahl weiter gestiegen.

Dies alles zeigt, wie sehr die Geburt eines Mädchens als wirtschaftliche und soziale Bürde betrachtet wird. Das Mitgiftsystem bedeutet, daß eine Summe entsprechend dem Status und den Berufsaussichten des Bräutigams festgesetzt wird. Töchter sind also teuer, insbesondere da die Eltern eine gute Partie für sie abschließen wollen.

Wenn dazu die Schwiegereltern die Mitgift unangemessen finden, kann dies bis zur Folter der jungen Fraugehen, um sie in den Selbstmord zu treiben, oder gar zum direkten Mord. Allein 1984 wurden mehrere tausend Frauen von ihren Ehemännern kurz nach der Hochzeit lebendig verbrannt, nachdem diese also die Mitgift kassiert hatten.[2] J. Heinen: Wie ist die autonome Frauenbewegung Indiens, die nun schon fast zehn Jahre existiert, gegen solche Praktiken vorgegangen? Was sind überhaupt ihre Handlungsmöglichkeiten? T. Shah: Es ist nicht leicht, solche Praktiken zu bekämpfen, die alle sozialen Schichten erfassen, weil die Frauen sehr stark der Kontrolle der Familien unterstehen. Wenn sie sich über ihre Bahandlung beklagen oder bei ihren Eltern Schutz suchen, dann senden diese sie meistens wieder zurück zur Familie ihres Gatten. Jeder Vorschlag, mit dieser Familie zu brechen, ist also sehr problematisch.

Dennoch war es das Problem der Gewalt gegen Frauen, das die erste Massenkampagne der indischen feministischen Bewegung auslöste. Mehrere Fälle von Vergewaltigung von Frauen durch Polizisten waren schon an die Öffentlichkeit

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gelangt, als die Vergewaltigung eines 14 jährigen Mädchens durch zwei Polizisten 1978 das Licht auf dieses große, bisher als Tabu behandelte Übel der Gesellschaft lenkte. Auf einmal gab es Unruhe im ganzen Land.

Nachdem die beiden Polizisten zunächst von einem örtlichen Gericht für unschuldig , befunden worden waren (man hatte sich lieber auf die „mangelnde Moral" des Mädchens konzentriert), wurden sie vom Berufungsgericht in Aufhebung des ersten Urteils zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Aber der Oberste Gerichtshof griff 1979 in den Fall ein und stellte fest, das Mädchen habe dem Beischlaf zugestimmt. Dieses Urteil löste im ganzen Lande eine umfassende Auseinandersetzung aus, mit Petitionen von bekannten Persönlichkeiten Intellektuellen und so weiter. Durch diese Kampagne erzwang die Frauenbewegung schließlich von der Regierung 1980 die Revision des Paragraphen über Vergewaltigung.

J. Heinen: Was sind die besonderen Kennzeichen der indischen feministischen Bewegung verglichen mit dem, was Dir von anderen Frauenbewegungen in der Welt bekannt ist?

T.Sah: Man kann vielleicht sagen, daf die Entstehung der autonomen Frauenbewegung 1975 eine neue Phase im Kampf der indischen Frauen bezeichnete. Bis dahin waren sie an Bewegungen gegen Preissteigerungen oder gegen die Korruption beteiligt gewesen, hatten sich jedoch nie für ihre besonderen For derungen mobilisiert. Der Einfluß der feministischen Bewegung im Westen führte 1975 zur Gründung der ersten Frauengruppen an den Universitäten, aber auch unter Arbeiterinnen. Es hatte schon immer eine Vielzahl von Frauenverbänden gegeben, die mit politischen Parteien verbunden waren, von diesen jedoch nur als Transmissionsriemen der Parteipolitik betrachtet wurden, nicht jedoch als Gruppierungen, die sich mit den Fragen beschäftigen sollten, die Frauen am Herzen liegen. Weder die Selbsthilfeorganisationen noch karitative Vereine noch Verbände von Frauen in freien Berufen oder im informellen Sektor erfüllten diesen Zweck. Erst mit der Entstehung der autonomen Frauenbewegung bildeten sich solche Frauenorganisationen.

1978 wurde das Koordinationskomitee von Frauengruppen gebildet, von der Anstols zu verschiedenen Initiativen ausging: nationale Konferenzen, Feier des Frauentages, Kampagnen gegen die Vergewaltigung, Protestaktionen gegen bestimmte Filme, die zur Gewalt gegen Frauen anregen, und Aktionen anläflich des Todes mehrerer junger Frauen, die von ihren Männern gefoltert worden waren.

1981 unterstützte die Frauenbewegung den Streik der Hausangestellten für höhere Löhne, zwei Tage Urlaubpro Monat und Krankenversicherung - ein Streik, der sich insbesondere auch gegen sexuelle Übergriffe der Arbeitgeber richtete. Dieser Kampf ermöglichte es, daß sich auch die Gewerkschaften ein bißchen in Bewegung setzten. Insgesamt bleiben die Organisationen der Arbeiterbewegung reichlich unsensibel gegenüber der besonderen Unterdrückung von Frauen. Die Gewerkschaftsführer haben bislang praktisch nichts getan zu Fragen wie betriebliche Kindertagesstätten, Kantinen oder Arbeitszeiten, erst recht nichts zu Fragen der Geschlechtertrennung oder sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

In der Textilindustrie sind die Gewerkschaftsführer sogar mit den Bossen zu einer Übereinkunft gekommen, die Anzahl der Frauenarbeitsplätze einzuschränken und in Fällen von Rationalisierung und Mechanisierung Frauen durch Männer zu ersetzen. Dies hat die Arbeit der Feministinnen in den Gewerkschaften kaum erleichtert. Es entstand also die Idee einer Frauengewerkschaft. In verschiedenen Gewerkschaften haben Frauen Komitees gebildet, um wirksameren Druck auf die Führung auszuüben.

Ein neuer Fall

Nachdem dieses Interview gegeben worden war, kam es am 6. Januar 1986 im Dorf Devadib in Gujarat erneut zu einem Fall von Vergewaltigung durch die Polizei. Eine Frau aus den sogenannten rückständigen Kasten wurde, nachdem sie Anzeige wegen der Entführung eines verwandten Mädchens erstattet hatte, zusammen mit ihrem Mann verhaftet, mehrmals vergewaltigt und kam nur durch eine Bestechungssumme frei. Eine medizinische Untersuchung im örtlichen Krankenhaus wurde ihr auf Einspruch des Polizeichefs verweigert. Die Polizei versuchte stattdessen, die Frau als von „loser Moral" hinzustellen und zu zwingen, ihre Anschuldigungen zurückzunehmen.

Die Frauenorganisation von Baroda, der auch Trupti Shah angehört, verlangte daraufhin erfolgreich, daß der Fall direkt vom Obersten Gerichtshof übernommen wird. Eine Welle von Protestaktionen und Versammlungen, die auch von vielen anderen Organisationen unterstützt wurden, führte dazu, daß der Oberste Gerichtshof schon am 21. Januar die Untersuchungen aufnahm.

J. Heinen: Gibt es wie in anderen Ländern Frawenhäuser? Und wie überhaupt ist die Bewegung organisiert? T. Shah: Ja, es gibt in verschiedenen Städten Frauenhäuser. Viele Frauen sind nach einigen Jahren zu der Erkenntnis gekommen, daf es nicht reicht, in Initiativen, Kampagnen und Demonstrationen, wie breit auch immer sie sein mögen, engagiert zu sein, ohne den Opfern der Gewalt und der sexuellen Discrimierung nicht wenigstens eine mınımale konkrete Alternative beten zı können. So kam es zur Eröffnung von Zentren für geschlagene Frauen, Vergewaltigungsopfer oder Opter des Mitgiftsystems. Andere Frauengruppen, die sich um ihre soziale Isolation Sorgen machten, haben die Verindung mit breiteren sozialen Bewegungen gesucht, etwa die der Slumbewohner oder die gegen das Kastenwesen und den Kommunalismus. Viele brachten sich auch in die aktive Unterstützung von Streiks ein.

Es besteht zwar keine Föderation der Gruppen aus den verschiedenen Städten im eigentlichen Sinne, jedoch haben die Gruppen, die zu gleichen Themen arbeiten, Verbindung untereinander. Dies gilt besonders für die gegen Vergewaltigung, gegen die Mitgift und gegen die Z.wangssterilisierung. Alle unterstützen sie die Zeitschrift Manushi (Menschenwesen), die auf Englisch und auf Hindi erscheint und als Forum des Austauschs von Erfahrungen und der Diskussion unterschiedlicher Standpunkte der Gruppen dient. Darüberhinaus gibt es eine Vielzahl lokaler und regionaler Bulletins, in denen sich die Vielfalt der Frauenbewegung widerspiegelt.

Man muß jedoch sagen, daß die Entwicklung der autonomen Bewegung ziemlich ungleichmäßig verlaufen ist. In meiner Heimatstadt Baroda im Bundesland Gujarat z.B. gab es erst 1980 den ersten Versuch, eine feministische Gruppe zu gründen, die rasch wieder zerfiel. Jahrelang betanden nur die reformistischen Frauenverbände, die Schönheitswettbewerbe oder nachmittägliche Nähkränzchen organisierten. Wir begannen dann von neuem mit kleinen Diskussionszirkeln an der Universität, in denen wir über die persönlichen Probleme sprachen, die aus unserer Stellung in der Familie, aus der Diskiminierung gegenüber unseren Brüdern, aus der ständigen sexuellen Belästigung und so weiter resultierten.

Zum 8. März 1985 beschlossen wir, mit einer Initiative an die Öffentlichkeit zu treten. Wir organisierten eine Ausstellung zur sexuellen Diskiminierung der Frauen und über den in anderen Teilen des Landes dagegen schon aufgenommenen Kampf. Wir wollten einen Anfang machen, das Verständnis über die Probleme zu entwickeln, die aus dem

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Mitgiftsystem, dem Mißbrauch der Amniozentese und der Lage der Arbeiterinnen entstehen. Diese Ausstellung mußte so stark aus Photos und Zeichnungen bestehen wie möglich, da 75 % der Frauen weder lesen noch schreiben können. Es kamen etwa 500 Personen, was man als Erfolg bezeichnen darf; die Ausstellung wird seither auch an anderen Orten genutzt.

Außerdem diskutierten wir die wirtschaftlichen und ökonomischen Probleme und die Notwendigkeit, eine Verbindung zu anderen sozialen Gruppierungen herzustellen. Nicht alle Frauen waren davon überzeugt. Dann kam es jedoch in Baroda zu dem Aufruhr der Mittelschichten gegen die Quotenregelung für Angehörige der „rückständigen Kasten" (Unberührbare) in vielen sozialen Einrichtungen, besonders im Bildungswesen. Dies brachte es mit sich, daß viele Feministinnen sich die Verteidigung der Unberührbaren zur eigenen Philippinen

Sache machten und an Demonstrationen zur Verteidigung ihrer Interessen teilnahmen, obwohl die meisten von ihnen selber aus den Mittelschichten stammen.

Man muß dabei erwähnen, daß die eigene Lage den Frauen zweifellos dabei half, dieses Problem zu verstehen, denn während der Menstruation werden Frauen ebenfalls als unberührbar angesehen. Frauen können nicht einmal sagen, sie gehörten zu dieser oder jener Kaste, denn ihre Kastenzugehörigkeit wird bei ihrer Heirat neudefiniert. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Kampf der Frauen für ihre Emanzipation jetzt schon eine Rolle spielt und in Zukunft erst recht eine zentrale Rolle für eine radikale gesellschaftliche Veränderung spielen wird. Der Platz der Frauenbewegung ist an der Seite all jener, ob Männer oder Frauen, die für die Abschaffung des Klassensystems und der aus dem Kastenwesen resultierenden Vorurteile kämpfen. Zugleich ist sie jedoch der entscheidende Faktor um sicherzustellen, daß die dabei neu entstehenden sozialen Beziehungen eine wirkliche Emanzipation aller Individuen mit sich bringt. Dezember 1985 (1) Eine Mitgift umfaßt in Indien mehr als in anderen Ländern und steigt entsprechend dem Kastenstatus des Bräutigams. Ausgehandelte Geldbeträge, eventuell Land, Möbel, Kleider sind die wichtigsten Dinge dabei. Hinzu kommen die Kosten für die festliche Ausrichtung der Hochzeitsfeier.

: (2] Laut Angaben der Regierung wurden 1983 389, 1984 444 und 1985 556 Frauen verbrannt. Diese Zahlen sind mit Sicherheit zu niedrig, denn allein in Neu-Delhi gab es 1984 250 _ ungeklärte Feuertode™ Die steigende Tendenz spiegelt auch das Anwachsen des Mittelstandes wieder, der sich überhaupt eine aufwendige Mitgift leisten kann.

Vgl. Fleming / Mathur, - Vater Tochter-Beziehung bei nordindischen Hindus-, in: Die Braut. Zur Rolle der Fra u im Kulturvergleich, Textsammlung zu einer Ausstellung im Museum für Völkerkunde in Köln, Stadt Köln 1985.