Alle Frauen sind Hausfrauen - doch was folgt daraus?
Eine Auseinandersetzung mit der feministischen Hausfrauisierungsthese die Arbeitskräfte nicht in „freie" Lohnarbeiter, Steffi Engert sondern schafft abhängige, lohnlose und rechtlose Arbeitsverhältnisse nach dem Muster der Familie.
Was Claudia von Werlhof, Maria Mies, Veronika „Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau?" So Bennholdt-Thomsen und andere Wissenschaftlefaßt Claudia von Werlhof, feministische Hoch- rinnen und Autorinnen, die die Stammredaktion schullehrerin, ihre These zur Zukunft der Arbeit" der Zeitschrift Beiträge zur feministischen Theozusammen. Die „freie" Lohnarbeit wird ihrer Mei- rie und Praxis' bilden, seit Ende der 70er Jahre nung nach in der laufenden Umstrukturierung der erarbeiten, ist jedoch mehr als eine feministische kapitalistischen Weltwirtschaft und des Weltar- Sicht der heutigen Arbeitsmarktstrategien des beitsmarkts verschwinden. In der unfreien, recht- Kapitals. Ausgehend von ihrem politischen Engalosen, überausbeutbaren Hausfrau sieht sie dage- gement als Feministinnen und ihren Feldforgen das Modell, nach dem alle Arbeitsverhält- schungen besonders unter Frauen in der Dritten nisse immer mehr organisiert werden. Das, was Welt? versuchen sich nichts weniger, als eine weltsie heute in Ländern der Dritten Welt in der Land- umspannende materialistische Gesellschaftswirtschaft beobachtet, zeigt den Lohnabhängigen theorie zu entwickeln. Theorie heißt zugleich in der Ersten Welt wohin die Reise auch für sie Grundlage für Frauenkämpfe gegen Untergeht. Das Kapital, das in den letzten Winkel der drückung und Ausbeutung und zur Abschaffung Subsistenzwirtschaft vordringt, verwandelt dort von Kapitalismus und Patriarchat. Nr. 180, April 1986 Seite 21
Marxisten und Marxistinnen haben allen Grund, sich mit diesem Versuch ernsthaft auseinanderzusetzen.
Zum einen liefern diese Frauen bisher fast als einzige eine zusammenhängende feministische Theorie und gewinnen damit Einfluß auf bestimmte Strömungen innerhalb der Frauenbewegung, des linken, autonomen Spektrums in der Friedensbewegung und in der Dritte Welt"-Solidarität. Auf dem Kongreß zum Weltwirtschaftsgipfel war es Veronika Bennholdt-Thomsen, die dort in der Arbeitsgruppe zur Frauen_frage" referierte; die Blätter des IZ3W diskutieren in einem Schwerpunktheft zustimmend die Thesen der Verfechterinnen der „Hausfrauisierung" * Doch nicht nur deswegen sind diese Arbeiten für uns eine Herausforderung. . Vielmehr wurden sie ihrerseits aus einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus entwickelt, aus dem Versuch, den „blinden Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie", nämlich die Frauenarbeit, ' und die geschlechtsspezifische Einäugigkeit des Marxismus insgesamt zu überwinden. Dieses Anliegen sollten Marxistinnen und Marxisten ebenso teilen wie das Bemühen um eine den internationalen Zusammenhang von Kapital und Patriarchat begreifende Strategie. Die Tatsache, daf aus unserer Sicht vieles, und gerade auch zentrale Punkte, an dieser feministischen Theorie falsch ist - etwa die Parallelsetzung von Kolonien, Bauern und Frauen und ihre Frontstellung gegen die „weiße" Lohnarbeit - veranlaßt uns dennoch nicht, alles was hier durch den „anderen Blick" aufgedeckt worden ist, abzutun. Wir können und müssen von diesen Forschungen lernen, wenn wir selbst dazu beitragen wollen, die weißen Flecken der politischen Ökonomie zu füllen, und eine feministische materialistische Analyse der Frauenunterdrückung, ihrer Verflechtung mit der Klassenspaltung der Gesellschaft sowie eine Strategie zur Überwindung beider entfalten wollen.
„Die Dialektik von Handeln und Erkennen"
Maria Mies' methodische Postulate einer engagierten Frauenforschung
Bevor wir die Resultate, die Theorie zusammenfassen, sei auf die methodischen Grundsätze verwiesen, die die Forschung leitet, die zu diesen Resultaten führt. Mies verlangt anstelle der , Wertfreiheit" im Sinne Max Webers' die „bewußte Parteilichkeit", welcher die Sicht „von unten" entsprechen muß. Nur so wird es möglich, die „Herrschaftssituation zwischen Forschern und Erforschten" abzubauen. Die „kontemplative, uninvolvierte ,Zuschauerforschung' wird ersetzt durch aktive Teilnahme an emanzipatorischen Aktionen und die Integration von Forschung in die Aktionen". Mit Berufung auf Mao Zedongs Schriften über den Widerspruch und die Praxis bestimmt sie ihren Ansatzals „konsequent" geleitet „von einer dialektischen und materialistischen Erkenntnis- und Praxistheorie". Deren „Wahrheitskriterium" bestehe „nicht in der Befolgung bestimmter methodischer Verfahren und Prinzipien, sondern in ihrem Potential, die konkreten Praxisprozesse in die Richtung fortschreitender Emanzipation und Humanisierung voranzutreiben." Dabei werden sowohl Praxis wie Theoriebildung durch die Integration der Forschung in die soziale und politische Aktion zur Frauenbefreiung verbessert. Frauenforscherinnen haben in diesen Prozeß das Bewußtsein von ihrer eigenen Unterdrückung, ihre Betroffenheit" sowie das Erkenntnis- und Veränderungsinteresse der Frauenbewegung einzubringen und alle am Prozeß Beteiligten als Soziologinnen oder Soziologen „ohne Diplom" als gleichberechtigt anzusehen. Zu Recht unterstreicht Maria Mies besonders, daß „zur kollektiven Bewußtwerdung... die Aufbereitung der eigenen individuellen und kollektiven Geschichte" gehört. Sie merkt an, daß die weitgehende Geschichtslosigkeit der Frauen und der Frauenbewegung zu den wesentlichen Hindernissen gehört, „so etwas wie kollektives Frauenbewußtsein (in Analogie zu Klassenbewußtsein)" auszuformen." Eingelöst werden diese Ansprüche — nur einige Beispiele können genannt werden — in Frauenkämpfen hier und den Forschungsprojekten in der Dritten Welt, etwa beim Kampf um eine Frauenhausinitiative. Dieser ist dokumentiert im genannten Aufsatz von Maria Mies; - auf Kongressen, auf denen über die weiteren Möglichkeiten, die Frauenbewegung zu entfalten, diskutiert wird, z.B. der Kongreß -Zukunft der Frauenarbeit- 1983 in Bielefeld'° oder »Autonome Frauenbewegung und Organisationsfrage• 1981 in Köln;" - im Engagement gegen spezifische, Leben und Selbstbestim mung der Frauen weltweit bedrohende Erscheinungen wie die neuen Gen- und Reproduktionstechniken. Zusammen mit dem Arbeitskreis Frauenpolitik der Grünen organisierte der Verein Sozialwissen. schaftliche Forschung und Praxis für Frauen im April 1985 denersten bundesdeutschen Kongreß -Frauen gegen Gentechnik und Repro duktionstechnik-.' Von ihm ging die Initiative zu vielen Aktionsgruppen aus. Daß am 8. März 1986 in Basel die nationale schweizerische Frauendemonstration neben Südafrika und der Lage der Asylantinnen die Gentechnologie zum zentralen Thema machte, kann ebenfalls als Folge dieses Kongresses gesehen werden." - bei von ihnen für wichtigerachteten internationalen Zusammen hängen von Frauen und in einer internationalistischen Sicht nach innen und nach außen. So beteiligt sich Maria Mies an einem interna tionalen Frauennetzwerk gegen Gen- und Reproduktionstechniken Sie hielt auch ein Referat auf dem ersten gemeinsamen Kongreß ausländischer und deutscher Frauen 1984 in Frankfurt." Die Forschung und Theoriebildung im Sinne der von Maria Mies aufgestellten Postulate kann möglicherweise am genauesten anhand des Venezuela-Buchs von Claudia von Werlhof verfolgt werden. Sie formuliert dort ihre Haltung, mit der sie „Erforschten" begegnete: „Unter der Bedingung, daß wir die anderen so ernst nehmen wie uns selbst, weil wir so sein könnten wie sie, sie nur ein anderer Teil, ein anderer Aspekt von uns selbst sind, ist Betroffenheit immer möglich und nicht eine Frage der Homogenität von Forschern und Erforschten... Selbstreflexion und Selbsterfahrung kann nur durch die Aktion mit anderen, ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu anderen erfolgen." Sie spricht dann ihr Interesse aus: „Der Grund, warum ich es für notwendig gehalten habe und halte, gerade in den Kolonien und unter Frauen und Bauern zu forschen, ist also ein dreifacher: 1 Beitrage zan Joninistichen Theorie und Praxis, Hrsg. Sozialwissenschaftliche For schung und Praxis für Frauen e.V., Köln, Herwarthstr. 22. erscheint seit 1978. Bishersind 14 Hefte erschienen, darunter zwei Doppelnummern. Im folgenden zitiert als Beitrage Nr. N.
2 Alle dreigenannten Autorinnen arbeiteten unter anderem in Forschungsprojekten in der Dritten Welt.
Maria Mies, - Housew ives producefor the worldmarket. The lacemakers of Narsapur-. Genf und Den Haag 1980 Veronika Bennholdt-Thomsen, -Bauern in Mexiko. Zwischen Subsistenz und Warenproduktion-, Frankfurt und New York 1982.
Claudia von Werlhof. - Wenn die Bauern wiederkommen. Frauen, Arbeit und Agrobusiness in Venezuela-, Bremen 1985.
3 Maria Mies. -Methodische Postulate zur Frauenforschung-. Beiträge Nr. 11. 4 Blätter des iz3: Nr. 131, Februar 1986.
5 Von Werlhof. -Frauenarbeit, der blinde Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie-. Beiträge Nr. 1.
6 Zitat nach dem Titel von Claudia Opitz. -Der andere Blick der Frauen in die Geschichte-, Beitrage Nr. 11.
7. Nach Max Weber gehört die Wissenschaft streng getrennt von der Politik. In der westdeutschen Nachkriegssoziologie wurde im sogenannten Positivismusstreit von den Linken der _Frankfurter Schule" dieses Gebot der Wertfreiheit scharf angriffen. s. Theodor W. Adorno. -Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie-, Neuwied 1969.
8 Alle Zitate aus: Maria Mies, -Methodische Postulate...-. a.a.O. 9 Fbenda.
10 Zukunft der Frauenarbeit. Wir haben keine Alternative, aber wir müssen sie nutzen-. Hrsg. Arbeitsgruppe Zukunft der Frauenarbeit, clo Autonomes Frauen- und I esbenreferat des AStA der Universität Bielefeld, Bielefeld 1985. Die Idee dieses Kongresses entstand auf dem kurz vorher stattgefundenen grün-alternativen Kongreß -Zukunft der Arbeit - und aufgrund einer Kritik an diesem, weil er den Interessen der Frauen z.B. bei der Entwicklung , des „Dualwirtschaftsmodells" keine Rechnung getragen hatte. Zur Vorgeschichte des Kongresses und den Redebeiträeen vor Claudia von Werlhof. Veronika Bennholdt-Thomsen und Sabine Klenkes auf dem grünen Kongreß, siehe in der Dokumentation aut den Seiten 3 - 11. 11 Dokumentation -Autonome Frauenbewegung und Organisationsfrage-. Hrsg Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis fur Frauen c.V.. Köln 1982. 12 -Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik-. Dokumentation zum Kongreß vom 19.-21. April 1985 in Bonn. Hrsg. Die Grünen im Bundestag, AK Frauenpolitik, und Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V.. Köln 1985.
13 Aufruf zur Demonstration und mehrere Schwerpunktartikel in Emanzipation. Zeitung der Organisation für die Sache der Frauen (OFRA). Basel März 1986. Zur Diskussion in der Schweiz s.a. die Broschüre unserer Schwesterorganisation, -Geschäfte mit Genen. Der Raub der Erbmasse-, Hrsg. Sozialistische Arbeiterinnenpartei, Zürich 1986.
14 -Sind wir uns denn so fremd?-, Dokumentation des Ersten gemeinsamen Kongresses ausländischer und deutscher Frauen im März 1984, Hrsg. Arbeitsgruppe Frauenkongref. Frankfurt 1984.
— Sie sind die (angeblich) anderen, die die Breite der gesellschaftlichen Realität und Erkenntnismöglichkeit aufzeigen; sie sind, global gesehen, das gesellschaftliche Unten, der Boden des Fasses*, ohne dessen Kenntnis ein Begreifen auch aller anderen Teile und Bereiche des gegenwärtigen Gesellschaftssystems nicht möglich ist; und sie haben eine längere und intensivere Erfahrung im politischen und im Überlebenskampf, von der ich lernen kann und muß, weil meine Situation der ihren immer ähnlicher wird (Krise' in den Industrieländern) oder bereits ähnlich ist (Frausein) und ich deswe- Bra den Erfahrungsaustausch und die Gemeinsamkeit mit ihnen Das Interesse der zu „Erforschenden" ist dagegen veranlaßt durch .die ständige Verschlechterung der Produktions- und allgemeir Lebensbedingungen... die im Zuge der Agrarreform und der Ent wicklung der Agroindustrie eingetreten war." Die alle betreffende Verschlechterung ging aber einher mit einer gleichzeitigen „Differenzierung der Situation der einzelnen Gruppen", wodurch die Gegenwehr erschwert wurde. Eines der Kernprobleme war dabei die Spaltung nach Geschlechtern. Claudia von Werlhof setzt hinzu: „deren Problematisierung unsererseits anfangs von niemandem verstanden wurde"
Es handelt sich also um einen Forschungsansatz, der die gemeinsame Betroffenheit nicht romatisch verklärend, sondern aus den gemeinsamen und unterschiedlichen Interessen heraus formuliert und dabei auch auf der vom Gegenüber verschiedenen Meinung besteht. Feminismus bemüht sich in diesem Sinne um ein ganzheitliches Herangehen, in dem die traditionellen Gegensätze nicht nur von Politik und Wissenschaft, sondern auch zwischen beiden und Alltags leben aufgehoben werden. Das wird deutlich, wenn von Werlhof in ihrem Buch berichtet, wie sie sich Zugang zur „sozialen Situation am Ort von unten" eröffnete, wie sie teilnahm am Alltag der Menschen, den sie durch ihre Anwesenheit allerdings auch zu verändern begann: „der Mythos von der Natürlichkeit der öffentlichen Unhörbarkeit von Frauen litt auch durch die Tatsache, daß zwei von drei Forschungsprojektmitarbeitern Frauen waren und auch die Leitung des Projekts einer Frau oblag. Viele Frauen ließen sich dadurch ermutigen, mit uns zu sprechen.
Ganz nebenbei haben wir nun aber aus ihrer eigenen Feder schon einen der Kernpunkte der von den genannten Autorinnen geteilten Auffassung kennengelernt. Das gesellschaftliche Unten, auf das alles andere aufbaut und von wo aus erst Gesellschaft analysiert und verändert werden kann, sind die Frauen, die Bauern und die Kolonien. Da die Annäherung an die Situation der Bauern und der Kolonien in den Industriegesellschaften voranschreitet und die „weißen" Frauen trotz ihrer relativen Privilegiertheit und ihrer Teilhabe an der Ausbeutung von Kolonien und Bauern ohnehin in einer ähnlichen Situation leben, hat die Kampferfahrung der Bauern und der Frauen in den Kolonien Vorbildcharakter.
Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung
Es ist nun an der Zeit nachzuzeichnen, wie diese Sicht der Verhältnisse von von Werlhof, Mies und Bennholdt-Thomsen sowie einigen anderen zustandekommt. Wir legen deshalb das Venezuela-Buch erst einmal beiseite, denn jede historisch-materialistische Analyse der Frauenunterdrückung muß erst einmal den Ursprung suchen und die Produktionsverhältnisse und Institutionen, durch die sie erhalten und fortgesetzt wird.
Längere Zitate aus dem hierfür grundlegenden Text »Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung- können wir unseren Leserinnen und Lesern nicht ersparen, weil er ihnen wahrscheinlich nicht bekannt ist."
Maria Mies sucht nach einem materialistischen Begriff von Frauen und Männern", damit „nach der menschlichen Natur... Diese ist nichts biologisch Gegebenes, sondern Resultat der Interaktion der Menschen mit der Natur und miteinander. " Im Unterschied zu den Tieren produzieren die Menschen ihr Leben. Soweit übernimmt Mies den Ansatz von Marx. Kritik meldet sie dort an, wo es um den hieraus zu entwickelnden Arbeitsbegriff geht. Der ist bei Marx allein am Werkzeug gebrauchenden Mann abgeleitet.
Die Arbeit, die Interaktion mit der Natur - die, sagt Mies, immer Aneignung der Natur, aber nicht immer Herrschaft über die Natur ist - hat zwei Seiten: die Produktion und die Produktion neuer Menschen. Letztere wird aber auch von Marx als bloße Natur angesehen. Die kulturellen Leistungen der Frau, ihre Arbeit bei der Produktion neuer Menschen bleiben deshalb außerhalb seiner Betrachtung. Mies entwickelt nun aus ihrer Erkenntnis ihre ersten Bemerkungen zur Geschlechterdifferenz: Aneignung der Natur heißt immer auch Aneignung der eigenen Körperlichkeit. Diese ist aber für Männer und Frauen unterschiedlich, und es entsteht für Männer und Frauen ein verschiedener Gegenstandsbezug. Frauen nämlich können ihren ge samten Körper als produktiv erfahren, nicht nur Kopf und Hände Frauen bringen mit ihrem ganzen Körper neues Leben hervor, nähren es usw. Die Tätigkeit der Frauen beim Gebären, Nähren und Aufzic hen von Kindern ist Arbeit. Die Auseinandersetzung der Frauen mit diesen Tätigkeiten ermöglichte ihnen die Kulturleistung, ein umfangreiches Wissen sich anzueignen und weiterzugeben. Das Gebär- und Verhütungswissen war dabei eng verbunden mit Wissen über die Produktivkräfte der Natur insgesamt. Aus dieser Arbeit der Frauen resultierte, daß sie die ersten waren, die menschliche soziale Beziehungen, Sprache usw. entwickelten. Frauen waren als Sammlerinnen auch die ersten Beschafferinnen von Dauernahrung. Von Anbeginn also sind Frauen die Produzentinnen neuer Frauen und Männer (biologisch und sozial), diejenigen, die die Voraussetzungen für alle anderen Produktionen der Menschen schaffen. Der Gegenstandbezug von Männern, ihre Produktivität, ist dagegen immer vermittelt über Werkzeuge. Daraus ergibt sich bei ihnen eine allgemeine Tendenz zu einem instrumentellen Verhältnis zu sich selbst und zur Natur."6 Die Produktivität der Frauen ist immer die Voraussetzung der Produktivität der Männer. Das gilt nicht nur in dem Sinn, daß Menschen erst einmal geboren werden müssen, che sie arbeiten können, sondern auch für die unterschiedlichen „Sektoren", indenen Männer und Frauen arbeiten.
In Jäger- und Sammlerinnengesellschaften etwa ist die von Frauen gesammelte alltägliche Nahrung die Hauptsache, die von den Jägern erlegten Tiere bilden nur ein Zusätzliches. Ja, ohne das Sammeln der Frauen könnten die Jäger gar nicht auf die Jagd gehen. Wenn nun in der Urgesellschaft und mehr noch in den von Frauen später entwickelten Ackerbaukulturen die Produktivität der Frauen so überlegen war, wie konnte dennoch eine hierarchische und ausbeuterische Arbeitsteilung zu Ungunsten der Frauen durchgesetzt werden? Wiederum lenkt Mies unsere Aufmerksamkeit auf die Werkzeuge, die Männer und Frauen benutzen. Dabei fällt auf, daß die Jagdwerkzeuge „ambivalent" sind, sind sie doch „produktiv", indem sie töten. Die Jäger-Männer erhalten damit Macht über lebende Wesen, _die nicht aus ihrer eigenen produktiven Tätigkeit erwächst." perativen Prinzip der Sammlerinnen."
Das Privateigentum, dessen Weiterentwicklung zur Durchsetzung der Frauenunterdrückung führte, entstand nach Mies dann wohl auch nicht in erster Linie aus dem „friedlichen" ökonomischen Überschuß, sondern durch die gewaltsame Jagd und Aneignung von Sklaven und noch mehr Sklavinnen. Die permanente Unterwerfung der Frauen fand zuerst bei den Hirtenvölkern statt. Zur Jagdtechnik kam hier noch die Kenntnis der Männer über die Fortpflanzung beides zusammen ermöglichte die „Zwangsbewirtschaftung" der weiblichen Sexualität. Dies umsomehr, als für Hirten Frauen nicht in erster Linie als Arbeiterinnen und Nahrungsproduzentinnen interessant sind, sondern „als Gebärerinnen, vor allem von Söhnen". Über den Zusammenhang von geschlechtlicher und Klassenunterdrückung zieht Maria Mies dann den Schluß: „Die (von Anfang an gewaltsame) Aneignung von Produzenten und ihren Produkten durch Nichtproduzenten kann auch als Anfang der Klassengesellschaft in der Geschichte gesehen werden. Die Aneignung weiblicher Produzentinnen durch männliche Nichtproduzenten blieb das Para- 15. Maria Mies, -Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung». Beiträge Nr. 3 (Frauen und Dritte Welt), München 1980. Gekürzte Fassung in: von Werlhof/ Mies/ Bennholdt-Thomsen, -Frauen, die letzte Kolonic-, Die Zukunft der Arbeit 4, Reinbek 1983.
16 Maria Mies, -Gesellschaftliche Ursprünge für die männlichen Bezeichnungen für Penis•, die genau dieses instrumentelle Verhältnis ausdrücken, Beiträge Nr. 3.
digma aller späteren Klassenbildungen." Diese _beutemachende Aneignungsweise durch Waffenbesitzende" sicht sie dann nach einem großen Sprung durch die Geschichte bei der Entstehung des Feudalismus und der Unterwerfung der freien Bauern in die Leibeigenschaft ebenso wie bei der Entstehung des weltweiten Kapitalismus. Denn der Kapitalismus samt seinen „freien" Lohnarbeitern ist nicht denkbar ohne die gewaltsame Unterwerfung und Ausplünderung der Kolonien. Gleichzeitig muß der Kapitalismus noch einmal die Unterwerfung der Frauen, ihre Zwangsbewirtschaftung verschärfen, denn die Lohnarbeiter waren „das Menschenvieh" der neuen Produktionsweise, „wovon man viel brauchte", und die Frauen die „Zuchttiere dieses Viehs". Der Raub in den Kolonien und die Hexenverfolgungen, d.h. die Enteignung allen Verhütungswissens und des letzten Restes von Frauenautonomie, sind beide Voraussetzung für den Kapitalismus — aber auch für die Freiheit des Lohnarbeiters". Die koloniale Ausplünderung ermöglichte erst die kapitalistische Akkumulation und damit die „Befreiung der Bauern und ihre Verwandlung in Lohnarbeiter". Zumanderen wurden die Lohnarbeiter aber auch „befriedet" durch die ökonomischen und sozialen Zugeständnisse, die nur aufgrund der kolonialen Reichtümer gemacht werden konnten, und dadurch, daß ihnen der „Besitz" an einer (domestizierten Haus-) Frau gesichert wurde.
Damit hat der männliche Arbeiter teil am „Paradigma der herrschenden Klasse", es gibt „eine Kumpanei zwischen weißen Arbeitsmännern und weißen Herren" durch das gemeinsame Interesse an Frauenunterdrückung und kolonialer Ausbeutung. Wir lassen das zunächst so stehen, machen uns noch nicht an die Auseinandersetzung, sehen, wohin das alles führt. Dafür wenden wir uns nun der Hausfrau und der Hausarbeit zu — einem der haarigsten Probleme in der Debatte zwischen Marxisten und Feministinnen.' Die Hausfrau ein Stück ausbeutbare Natur
Nach Bennholdt-Thomsen ist die ,,Hausfrau als sozio-ökonomische Kategorie ziemlich jung. Sie entsteht historischerst mit dem Lohnarbeiter." Zusammen bilden sie das Paar, das die Organisation der gesamten Arbeit im Kapitalismus umfaßt. Die Autorin wendet sich entschieden dagegen, die weibliche Arbeit der früheren Jahrhunderte und Jahrtausende als Hausfrauenarbeit anzusehen. Die moderne Hausfrau ist das Endprodukt der oben schon angesprochenen Domestizierung durch die Hexenverfolgungen und ihrer völligen Abhängigkeit vom (Ehe-) Mann und dessen Einkommen. Das ist eine neue Qualität in der Entwicklung des Patriarchats. Die Frauen werden wir erinnern uns: vor allem ihre Gebärfähigkeit soll kontrolliert und Diesen Gedankengang der Autorinnen müssen wir erläutern. „Natur" und „Gesellschaft" bezeichnen ebensowenig reine Objektivität wie „Mann" und „Frau".' Es sind alles gesellschaftlich fabrizierte Begriffe mit daraus folgenden Verhaltensnormen; beide unterliegen gesellschaftlichem Wandel. Das heutige Verständnis von Natur entstand erst mit der Eroberung der Welt und der Grundlegung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Sie versteckt scheinbar grenzenlos ausbeutbare Ressourcen. Entsprechend will die gleichzeitig entstandene moderne (mechanistische) Naturwissenschaft Natur in erster Linie „beherrschen" — berechnen und ausbeuten.2° Dazu gehört auch die Natur des Menschen, vorallem der weibliche Körper und davon ausgehend die weibliche Arbeitskraft. Alle Ressourcen, Bodenschätze, Erträge und menschliche Arbeitskraft, „die gerade als input in den ökonomischen Prozeß gebraucht werden" sind im Zweifelsfall für das Kapital „Natur", um sie möglichst billig bis kostenlos anzueignen. Weil die Hausfrau, die immer zugleich als Mutter gedacht wird, zur Naturressource zugerichtet wird, erscheint weder sie, selbst noch ihre Arbeit als zur Gesellschaft (d.h. zur gesellschaftlichen Produktion) gehörig."
Was tut nun die Hausfrau? Sie arbeitet „im Bereich der unmittelbaren Subsistenz... d.h. (sie sorgt) für die Produktion des täglichen Konsums (Essen, Kleidung, Wohnung)... und (sichert) das Überleben der nächsten Generation." Dazu gehört Beziehungsarbeit im umfassenden Sinn." Da sie das alles aber aus „Liebe" oder aus Naturtrieb tut, arbeitet sie gar nicht. Hausfrauen aber sind alle Frauen, gleichgültig ob sie ansonsten noch erwerbstätig sind, und das Hausfrau-Sein, die Hausfrauisierung" grundsätzlich aller Frauen prägt umgekehrt die Erwerbstätigkeit von Frauen, angefangen vom ungleichen Lohn, von der Aneignung der ganzen Person" (Lächeln, Attraktivität, Sexualität) bis zur Art der Erwerbsarbeit, die Frauen typischerweise angeboten wird. „Hausfrauisierung" heißt hierbei eine gewalttätig aufrechterhaltene niedrige, abhängige Stellung der Frau" und nicht die Abrichtung auf ein bestimmtes Arbeitsvermögen."
Damit sind nun die fürunsere Autorinnen zentralen Begriffe gefallen. Deshalb wollen wir den Aufsatz «Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung- von Maria Mies zurateziehen, damit sie sie uns weiter erklärt."
Der Begriff Subsistenzproduktion wurde aus einer Kritik an der marxistischen Rede von der „Reproduktion der Arbeitskraft" entwickelt. Denn: , Wieso sollte die Produktion von Leben lediglich die Reproduktion von Arbeitskraft sein?* Zur Subsistenzproduktion gehört demnach „alle Arbeit, die bei der Herstellung und Erhaltung des unmittelbaren Lebens verausgabt wird und auch diesen unmittelbaren Zweck hat. Das ist vor allem die Arbeit der Mütter, die die Kinder gebären, nähren, aufziehen, die Arbeit der Hausfrauen und Ehefrauen, die Männer und Kinder physisch, psychisch, sexuell versorgen. Doch die Arbeit der Hausfrau umfaßt nur einen Teil der Subsistenzproduktion. Zu ihr gehört auch die Arbeit der Kleinbauern in unterentwickelten Ländern."
Einbezogen wird schließlich auch noch die Arbeit der Marginalisierten (Slumbewohner, Kleinbauern, Kleinhandwerker), die nicht in die „eigentliche Lohnarbeit" eingegliedert werden. Maria Mies betont ausdrücklich, daß es sich hierbei nicht darum handelt, Kleinbauern und Frauen gleichzusetzen, sondern einen gemeinsamen strukturellen Kern" festzuhalten, nämlich den, „daß trotz aller Entwicklung der Produktivkräfte, trotz aller Anhäufung von Geld und Warenreichtum nur Frauen Kinder aus ihrem Körper hervorbringen und nur Bauern die Nahrung aus der Erde hervorbringen." Eine Bedeutung des sehr vielschichtig verwandten Begriffs Hausfravisierung haben wir schon kennengelernt — das war der Prozeß, durch den bürgerliche Frauen in der Frühzeit des westeuropäischen Kapıtalismus gezähmt und abhängig gemacht wurden, und die spätere Ausweitung dieser Zustände auf die proletarische Frau. Maria Mies hatte andererseits in ihrer Arbeit über die Spitzenmacherinnen in Narsapur als erste diesen Begriff verwandt, jedoch in einem anderen Sinn, nämlich zur Kennzeichnung von auf unbezahlter Hausarbeit beruhender Heimarbeit, die als „Freizeitbeschäftigung" gilt und deswegen niedrig bezahlt wird. Die südindischen Spitzenmacherinnen sind dabei keineswegs die einzigen, denen es in den unterentwickelt gehaltenen Ländern so geht. Vielmehr ist eine Offensive der Weltbank im Gange, um über „Hausfrauenkredite" bisherige Subsistenzbäuerinnen in die kapitalistische Produktion und den Weltmarkt einzubeziehen. Mit Hilfe der Kredite sollen sie eine Produktion, etwa Kleintierhaltung oder Handarbeiten für die groindustrie bzw. den Export aufziehen. Die Folge ist zumeist di etztendliche Zerstörung der Subsistenzproduktion — und dami auch häufig der Subsistenz, d.h. der Nahrungsgrundlage der Familie sowie die heillose Abhängigkeit der Frauen durch Verschuldung. Die Selbstständigigkeit der Frauen wird nicht, wie vorgegaukelt, erhöht, sondern im Gegenteil eingeschränkt. Selbst in ihre Haushaltsführung reden „Sozialarbeiterinnen" hinein."
Diese Frauen, die niemals einen männlichen „Ernährer" haben werden, werden zu Hausfrauen erklärt, weil nur so ihre Überausbeu- 17 s. Debatte in Die Internationale Nr. 7,8 und 10, Frankfurt 1975 und 1976. 18 Bennholdt-Thomsen, Mies, von Werlhof, -Frauen, die letzte Kolonie-, Reinbek 1983. S. 169.
19 Zur Stereotypisierung von Mann und Frau s. Robin Morgan, -Anatomie der Freiheit-. München 1983.
20 s.a. die Aufsätze von Christa Wunderlich und Sarah Jansen in Beiträge Nr. 12. Von Werlhof. -Zum Natur- und Gesellschaftsbegriffim Kapitalismus-, in: -Frauen, die letzte Kolonie-. a.a.o.. S. 141 ff.
Bennholdt-Thomsen, -Zur Bestimmung der geschlechtlichen Arbeitsteilung im Kapitalismus-, ebenda S. 195.
23 dies.. -Die Zukunft der Frauenarbeit und die Gewalt gegen Frauen-, Beiträge Nr. 9/10. S. 207 ff.
24 In Beiträge Nr. 9/10.
tung noch unter dem Lohnniveau ihrer Länder möglich ist. Die Kapitaldurchdringung dieser ländlichen Sektoren setzt also nicht Arbeitskräfte „frei" für die vertraglich gebundene Lohnarbeit. Vielmehr zielt das Kapital immer mehr darauf, lohnlose, scheinbar selbständige, unorganisierte Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Das gilt tendenziell auch für die Männer.
Weiter diskutiert Mies den Zusammenhang zwischen Kolonisie rung und Hausfrauisierung. Den historischen Zusammenhang sahen wir schon weiter oben. Beide, Frauen und Kolonien, wurden und werden einer besonders schweren Form von Ausbeutung unterworfen. Hier greift vor allem Claudia von Werlhof (ebenso wie Christel Neusüß) auf Rosa Luxemburg zurück, derzufolge der Kapitalismus in einem fortdauernden Prozeß ursprünglicher Akkumulation von nichtkapitalistischen Formationen abhängig ist. Luxemburg hatte hierbei lediglich die Kolonien vor Augen. Von Werlhof und andere beziehen dabei die Frauen mit ein.2 Der Zusammenhang und zugleich die Trennung von Frauen und Kolonien vermittelt sich über den Weltmarkt und die Arbeitsteilung Der Weltmarkt bringt beide zusammen, aber die Betroffenen wissen nicht voneinander. „Weiße" Frauen werden so zu Mittäterinnen, heute über den Konsum und Überkonsum, während der Kolonialgeschichte als Teilhaberinnen an den Privilegien der „Herrenrasse"?" Hausfrauisierung gilt aber nicht nur historisch, nicht nur für Frauen oder Subsistenzbauern. In der Ausweitung ungeschützter Arbeitsverhältnisse* 28 sieht von Werlhof? eine Tendenz des Kapitalismus, in der gegenwärtigen Phase allgemein hausfrauisierte Arbeit an die Stelle der „freien" Lohnarbeit zu setzen. Vertragslosigkeit, Unterbezahlung, Unorganisiertheit und umfassende Flexibilität nähern diese Arbeit der Situation der Hausfrauen an. Da diese Arbeitsverhältnisse von den Kosten und der mangelnden Gegenwehr her für die Unternehmer die günstigsten sind, verschwindet die freie Lohnarbeit schließlich völlig und damit auch das Fundament für die revolutionären Strategien der Arbeiterbewegung.
Kommen wir nun zu den praktischen Schlußfolgerungen, die die Autorinnen hieraus ziehen. Strategisch ergibt sich erst einmal, in den Worten von Maria Mies, eine andere ,Frontlinie' zwischen Kapital und Menschen als die üblich angenommene zwischen Lohnarbeit und Kapital. Was dem Kapital gegenübersteht, von ihm permanent ausgebeutet, ausgesaugt, unterminiert und zerstört wird, ist nicht eigentlich die Lohnarbeit, sondern die Subsistenzproduktion, ist nicht die Arbeit als solche, sondern das Leben der Arbeitenden. Nur die Subsistenzproduzenten (Frauen, Bauern) können nämlich Leben schaffen (Menschen, Nahrung, ,Glück').** Von den organisierten Lohnarbeitern ist daher nichts zu erwarten. Frauen müssen deshalb sich für sich, autonom organisieren, um dem überall existierenden Männerbund entgegenzutreten. Der Widerstand der Frauen setzt dabei am Alltag an, wo schon heute Frauen sich in den vielfältigsten Formen widersetzen. So wie diese Frauen in der Männergesellschaft Widerstand leisten, muß auch die Frauengesellschaft innerhalb dieser Zusammenhänge aufgebaut werden. Die Utopie des „Frauenlandes" funktioniert nicht. Frauen müssen zugleich im Ghetto „männerfreier Zonen" wie in den Zusammenhängen der Männergesellschaft kämpfen, auch in der Gewerkschaft, denn Frauen kommen ohne Erwerbsarbeit heute nicht aus.
Die Frauenbewegung braucht keine formale Organisation, sondern lebt von den Aktionen, die Frauen aus gemeinsamem Interesse heraus machen, und von der Politik des Alltags. Das zusammenfassende Ziel ist: Autonomie für Frauen. Das reicht vom „freien Raum" bis hin zur Verfügung über den eigenen Körper und zu Produktionsmitteln für Frauen."
Der Zusammenhang mit der „Dritten Welt", die Mittäterschaft der „weißen" Frauen an ihrer Ausplünderung sind allgegenwärtig Weil fortschreitende technologische Entwicklung, stetigausgedehnter Konsum in der Ersten Welt die Ausbeutung in der Dritten Welt verschärfen, tritt vor allem Maria Mies für Konsumboykott, für eine „Konsumbefreiungsbewegung" ein. Ebenso sollen die Frauen und Männer in der Dritten Welt die Produktion für den Export verweigern. Um ein Überleben ohne Ausbeuten zu sichern, liegt daher das Ziel in einer Form verallgemeinerter Subsistenzproduktion. Zur Konsumverweigerung gehört an herausragender Stelle die Ablehnung der neuen Technologien."
II.
Uberprütung der marxıstıschen Analyse aus feministischer Sicht
Gehen wir also über zur Auseinandersetzung mit diesen Thesen. Vorweg aber noch will ich erklären, was meine Einstellung zu dieser Debatte ist, die zu teilen ich meine Leserinnen und vor allem Leser auffordern möchte. Ich betone, daß ich mit den Autorinnen das Ziel teile, Frauenunterdrückung aufzudecken, zu analysieren, um sie abzuschaffen. Frauenunterdrückung ist dabei nicht ein Sektor für sich, wie es die linke Rede von der „Frauenfrage" nahelegt. Vielmehr ist unsere gesamte Wirklichkeit, unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, aber auch jede soziale Beziehung und selbst Psyche und Emotion jedes Individuums von Frauenunterdrückung, vom Patriarchat geprägt — sie sind patriarchal organisiert und ausgerichtet.
Auch der Marxismus geht von einer geschlechtsneutralen und damit männlich bestimmten Sicht des Kapitalismus und auch der Arbeiterklasse aus. Deswegen hat die marxistische „Orthodoxie" und Tradition erst einmal schlechte Karten für dieses Unterfangen. Auf der anderen Seite ist aber der Marxismus bisher die einzige Theorie, die wissenschaftlich den Kampf um die Freiheit des Menschen begründet und eine materialistische und historische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse liefert. Letzteres ist der Grund, warum auch Feministinnen wie unsere Autorinnen, sich erst einmal auf den Marxismus beziehen. Die geschlechtsspezifische Einäugigkeit des überkommenen historischen Materialismus macht es nun aus, daf nicht so ohne weiteres „die Frauenfrage" eingeschrieben werden kann. Vielmehr betreten alle diejenigen, die ernsthaft das Bemühen von Bennholdt-Thomsen, Mies und von Werlhof teilen, gewisserma- Ben ein Nebelland, in dem auch den Wegweisern nicht ohne weiteres getraut werden kann. Denn Begriffe, die von Marx und den Marxisten und — ja, auch Marxistinnen gedacht und verwendet worden sind, tragen als geschlechtsneutrale die patriarchale Sicht. Neue Begritte müssen erst entwickelt oder alte bestätigt werden. Doch dic Uberprüfung mit feministischem Blick ist noch nicht sehr weit gediehen, wird erst seit einigen Jahren gesucht. Die Auseinandersetzung mit von Werlhof, Mies, Bennholdt- Thomsen und anderen kann deshalb nicht darauf aus sein, ihnen diese oder jene Abweichung von der marxistischen Orthodoxie nachzuweisen. Sie behaupten ja gar nicht, sich in ihrem Rahmen zu bewegen. Ich stoße mich nicht von vornherein an der Verwendung bestimmter Begriffe oder bestimmter Ergebnisse, und ich versuche nicht, die „kategorialen Ableitungen" der Politökonomie gegen sie ins Feld zu führen, um für mich meinen Ziehvater zu retten, mit demauchandere Frauen zunehmend in Konflikt geraten sind."
Mir geht es einzig und allein um die Frage: ist Frauenunterdrückung, und darin der zentrale Punkt der Hausarbeit, „richtig" beschrieben, stimmt die Sicht der Autorinnen mit der überein, die ich bisher akzeptiert und gedacht habe oder werde ich überzeugt, meine Ansicht zu ändern? Trägt das, was Bennholdt-Thomsen, Mies und von Werlhof schreiben, dazu bei, daß wir besser und klarer als bisher gegen unsere Unterdrückung kämpfen können?
25 Bennholdt-Thomsen, -Investitionen in die Armen. Zur Entwicklungspolitik der Weltbank-, in: Lateinamerika. Analysen und Berichte Nr. 4. Berlin 1978, und: von Werlhof, -Auf dem Wege zu einer neuen Zwangsarbeit? Frauenarbeit im Agrarsektor Venezuelas-, Beiträge Nr. 9/10, S. 135 ff.
26 Von Werlhof. -Frauenarbeit, der blinde Fleck...- a.a.O., und: dies., -Lohn ist ein „Wert" — Leben nicht-, Prokla Nr. 50, Berlin 1983, und: Christel Neusüß, - Kopfgeburten der Arbeiterbewegung-. Hamburg 1985.
27 Siche Anmerkung 24.
28 Carola Möller. - Ungeschützte Arbeitsverhältnisse. Verstärkte Spaltung der abhängig Arbeitenden-, Beiträge Nr. 9/10 29 Von Werlhof, -Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau!-, in: dies., Bennholdt- Thomsen, Mies, -Frauen, die letzte Kolonie-, a.a.O. 30 Siche Anmerkung 24.
32 AG Frauenbund, Kongreß -Zukunft der Frauenarbeit-, S. 289 ff. 33 Jüngstens Maria Mies, -Frauenarbeit, Befreiung der Dritten Welt" und Frieden hier — wie hängt das zusammen?-, und: dies., -Neue Technologien - wozu brauchen wir das alles? Aufforderung zur Verweigerung-, in: Huber Bussfeld (Hrsg.). - Blick nach vorn im Zorn. Die Zukunft der Frauenarbeit-, Weinheim und Basel 1985. 34 Christel Neusüß, -Kopfgeburten...., a.a.O., S. 8.
Die Neufassung des Arbeitsbegriffs:
ein Fortschritt
Ich werde deshalb jetzt auf die einzelnen oben referierten Gedanken gänge unter diesen Fragestellungen eingehen.
Die strikte Anwendung des materialistischen Arbeitsbegriffs aut die Tätigkeiten der Frauen, wie wir sie Maria Mies " verdanken, ist in meinen Augen ein wirklicher theoretischer fortschritt. Damit ist ein großes Stück der promännlichen Optik, die sich hinter dem scheinbar Allgemeinen verbirgt, aufgebrochen und die nachträglich patriarchal verordnete Unsichtbarkeit der Frau an einer entscheidenden Stelle rückgängig gemacht. Die Reaktion, die durch das Ungewohnte. Fremdartige an dieser Sicht provoziert wird, zeigt in unserem Innern. wie weit wir selbst unseren Blick durch „das Allgemeine" verstellen. Denn bei Mies geht es ja nicht nur um die „Rehabilitierung" der Kulturleistungen der Frau bei der Entwicklung einer soliden Nabrungsgrundlage und der ersten „Handwerke"." - nein, die anschei nend natürlichste, am wenigsten „zivilisierte" oder kultivierte Aktivität von Frauen, das, was direkt mit ihrer biologischen Natur, mit ihrem Körper zusammenhängt, das Gebären von Kindern, den Gebrauch ihres Uterus, ihrer Brüste usw. bezieht sie in den Arbeitsbegriff ein.
Aber ist das nicht biologistisch? Führt das nicht in bedenkliche Nähe zur „neuen Mütterlichkeit", die uns in den letzten Jahren innerhalb der Frauenbewegung so zu schaffen machte? Nun, ich denke, wir müssen uns auch umgekehrt hüten, das, was mit dem unterschiedlichen Leib und dem — wie Maria Mies daraus entwickelt - ünterschiedlichen Bezug männlicher und weiblicher Menschen zu ihrem Körper und der übrigen Natur zusammenhängt. zu leugnen. Wirsind nicht nur Kopf und Hände: solange wir annehmen, das wäre so. kann die Verachtung von Frauen und ihrer Arbeit bei der Produktion neuer Menschen nicht überwunden werden. Solange werden Menstruation, Schwangerschaft und die Existenz von Kindern nur als Behinderung angesehen, die bestenfalls durch Vergesellschattung" im Sinne von Kinderbewahranstalten behoben werden kann. Die Formen der Vergesellschaftung von Hausarbeit, die Linke — und auch ich — als Lösung für die heutige geschlechtshierarchische Arbeitsteilung anschen, hängen aber nicht zuletzt auch davon ab. welche Einstellung wir zu der Arbeit haben, die allein Frauen leisten" können und die in vorpatriarchalischen Zeiten eine Quelle der gesellschaftlichen Anerkennung. ja Macht" gewesen ist. Auch wenn Maria Mies betont, daß die Produktion von Frauen, sowohl die neuer Menschen als auch die von Nahrung. bei den „Primitiven" oder heute in Form der Hausarbeit immer erst die Voraussetzungen schafft für die Produktion der Männer, trägt sic dazu bei. uns weiter die Augen zu öffnen. War denn nicht das Bewußtsein hiervon ein weiterer Grund für die gleiche oder gar bevorrechtigte Stellung von Frauen in den nichtpatriarchalen Kulturen? Maria Mies erinnert uns daran, daß das Mitspracherecht deralten Irokesenfrauen bei Jagd und Krieg genau darauf beruhte, daß sie die Ausstattung der Expedition mit Proviant ablehnen konnten. Kommen wir zum unterschiedlichen Gegenstandsbezug von Frauen und Männern. Weil Männernicht ihrenganzen Körperalsproduktiv erfahren können und sich vermittels Werkzeugen mit der Natur auseinandersetzen, tendieren sie insgesamt zueinem instrumentellen Verhältnis zu ihrer Umwelt. Also doch eine biologische Grundlage für den „Männerwahn". der heute droht, alles Leben auszulöschen? Nein, das sagt und meint Maria Mies nicht; sie redet von einer Neigung bei den Männern. Unter Umständen wird diese Neigung in /aum gehalten. Noch heute gibt es Jägervölker, z.B. die Pygmäen, die außerst friedlich sind und bei der Jagd Mitleid für die Tiere bekunden."
Mies hält in jedem Fall daran fest, daß die Menschen selbst ihr Leben und ihre Geschichte produzieren. Aber unter bestimmten historischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen waren die Männer aufgrund dieses Hangs zum Instrumentellen und aufgrund ihrer Verfügung über Waffeneher dazu prädestiniert, sichals Herrschende durchzusetzen, als die Frauen.
Bevor ich nun meinerseits bestimmte blinde Flecken in dieser Sicht der Geschichte thematisiere, will ich festhalten, daß es notwendig wäre zu diskutieren, wie denn mit diesem Gegenstandsbezug der Männer umgegangen werden soll, vor allem wie sie selbst damit und mit sich umgehen sollen. da er doch offensichtlich einer nicht auf Beutemachen, nicht auf Hierarchien beruhenden Gesellschaft hinderlich wäre. Aber das sollen die Männer anfangen zu erarbeiten. Also zu den „weißen Flecken"!
Da ist cinmal die Frage der Werkzeuge und ihrer Anwendung. Zu krass scheint mir die Unterscheidung: Frauen haben „sanfte" Werk zeuge und kooperieren mit der Natur, Männer machen nur Beute Schlieblich jagten auch Frauen Tiere. Mies selbst verweist auf den Faustkeil als allgemeines Instrument, mit dem beide Geschlechter gearbeitet und gejagt haben. Kooperation mit der Natur etwa im Sinne der Beachtung des ökologischen Gleichgewichts gilt auch für Wichtiger noch: ausgeblendet aus der Analyse - wenn auch am Rande erwähnt — bleibt die Tatsache, daß nicht alle Männer gleichermaßen über Waffen verfügten, nicht alle in gleicher Weise zum Herrscher wurden. Mies sicht die erste Akkumulation von Privateigentum in der gewaltsamen Aneignung von Sklaven und vor allem von Sklavinnen. Die Jagdführer, diejenigen, die „das Kommando" führten, diejenigen, die bei der Jagd und bei der Organisierung der Expedition die Geschicktesten waren, konnten auch die meiste Beute machen oder über deren Verteilung bestimmen. Daraus entwickelte sich zum einen eine Gefolgschaft des Häuptlings — stärker, vertestig ter noch bei den Fürsten der Hirtenvölker — die ihm zwar unterstellt. aber doch auch waffentragend war, also teilhatte an Herrschaft und Beute. Auf der anderen Seite existierten — vorallem in den unterworfenen Stämmen und Völkern — versklavte und eigentumslose Männer. die auch nicht automatisch eine Frau „unter sich" zur Verfügung hatten. So war z.B. über weite Strecken der Antikedie Eheschlielung unter Sklaven nicht erlaubt.
Wir haben es also nicht mit einer Unterdrückung aller Frauen durch alle Männer allein zu tun, sondern mit weiteren sozialen Spaltungen, die sich mit der Unterwerfung der Frauen oder kurz danach auftun. Es entsteht ein kompliziertes Geflecht von sich überkreuzenden Unterdrückungsverhältnissen nach Klassen und Geschlecht. Unterschiedliche Klassenzugehörigkeit machen eine Geschlechtersolidarität der Frauen untereinander schwierig, während die gemeinsame Klassenzugehörigkeit von Männern und Frauen gemeinsame Interessen entstehen läßt, obwohl der Geschlechterkonflikt auf der Grundlage der Unterwerfung der Frau weiterhin besteht und wirkt.
Für die vorkapitalistischen Gesellschaften deutet Mies ein solches Gemeinsames der Klassen an, z.B. wenn sie von Bauern spricht, die vom Feudaladel abhängig gemacht werden. Eine andere Frontstellung" (Mies) ergibt sich erklärtermaßen für sie erst mit dem Kapitalismus. Hier ist der „weiße" Lohnarbeiter nur noch im Komplott, in der „Kumpanei" mit den Kapitalisten, nimmt er als im Weltmaßstab Privilegierter teil an der Ausbeutung von Frauen und Kolonien, hat er eine Hausfrau als ganz persönliche Naturressource. An dieser Stelle müssen wir aber ganz genau hinsehen. Zum einen entstand das Paar Lohnarbeiter - Hausfrau nicht parallel im Proletariat. Dies sagt Mies eigentlich auch nicht explizit; sie weiß, daß die Hausfrau erst nur im Bürgertum existierte. Die Geschichte des Proletariats (männlich und weiblich) zeigt vielmehr, daß der „weiße" Lohnarbeiter keineswegs von Anfang an männlich war, oft sogar eher weiblich. Seine/ ihre Freiheit" bestand zunächst in der Getrenntheit von Produktionsmitteln, also im Zwang, ihre/ seine Arbeitskraft zu verkaufen, um die allernotwendigsten Lebensmittel zu erwerben und manchmal kaum das.' Die Arbeiterinnen und Arbeiter wurden in der Frühzeit tatsächlich im gleichen Raubbau ausgebeutet wie eine Naturressource; die proletarische Familie als Ort der Reproduktion der Arbeitskraft war noch kaum vorhanden.
Die Unterwerfung von Kolonien und Frauen (Hexenverfolgungen) war dem vorausgegangen. Gerade ein Teil der enteigneten, vorher selbständig gewerbetreibenden Frauen gehörte nun zu den ersten Lohnarbeiterinnen. Die Zähmung der bürgerlichen Hausfrau verlief parallel. Es gibt aber keinen automatischen Zusammenhang zwischen der Bereicherung des Kapitals aus den Kolonien und der Verbesserung der Lage der Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen.*° Wäre es nach den Unternehmern gegangen, hätten sie die Lohnarbei. 35 -Gesellschaftliche Ursachen...-, a.a.O.
36 Das arbeitet gut heraus z.B. Evelyn Reed, -Woman's ecolution-, New York 1975. 37 Beitrige Nr. 3. S.68.
38 Ebenda. S. 70.
39 Engels, - Lage der arbeitenden Klassen in England-, MEW Bd. 2 40 Ich lasse Verbesserung hier so stehen, s.w.u. den komplexen Zusammenhang von Fortschritt und Rückschritt für die Frauen im Kapitalismus. Mir ist klar. daß manche _Verbesserung" für die Arbeitsmänner eine Verschlechterung für die Frauen war.
ter und Lohnarbeiterinnen weiterhin soweit wie möglich ausgebeutet. Die organisierte Gegenwehr vor allem der Gewerkschaften war das erste, das ihnen ein wenig Einhalt gebot.
Nun ist sicher richtig, daß die kolonialen Extraprofite die Unternehmer dazu veranlaßten, namentlich in Perioden wirtschaftlichen Aufschwungs lieber nachgiebig zu sein, als Produktionsstopps in kauf zu nehmen, und daß es solche „Spielräume" in den unterent wickelt gehaltenen Ländern weder gab noch gibt. Kichtig ist terner, daß das Ideal der bürgerlichen Hausfrau auch in der Arbeiterklasse durchgesetzt wurde. Der Köder war dabei die Aussicht der Männer auf billige und qualitativ bessere Reproduktion und der Frauen auf Entrinnen aus der Fabrikhölle und der Mehrfachbelastung. Vorallem die Männer fielen darauf herein. In der Arbeiterbewegung entstand der „proletarische Antifeminismus", die Arbeiterinnen wurden als „Schmutzkonkurrentinnen" diffamiert. Das Kapital hat das doppelte Interesse der Befriedung der Arbeiter und ehemaligen Arbeiterinnen und der unbezahlten Reproduktionsarbeit, wozu die Produktion des Lebens durch die Frauen gehört.
Die Bedeutung der weiblichen Lohnarbeit
Dennoch gerät das Bild zu eindimensional, wenn die weibliche Lohnarbeit nicht berücksichtigt wird. Die weibliche Lohnarbeit ist nie wieder ganz ausgeschaltet worden — und damit konnte auch die Domestizierung der (Haus-) Frauen nicht vollständig durchgesetzt werden. Dieeigene Erwerbsarbeit von Frauen, wiewohl unterbezahlt, ist und bleibt eine, wenn auch immer unzulängliche Basis für Selbstbewußtsein und Selbständigkeit der Frauen — zumindest ihrem eigenen Verständnis nach. Im Vorgriff auf die später noch zu führende Debatte über Frauenkämpfe sei hier nur festgestellt, daf Lohnarbeit und die Bemühung um Lohnarbeit Frauen dazu veranlalst hat, militant zu kämpfen, sich zu politisieren in der Reibungszone zwischen Klassensolidarität und Geschlechterunterdrückung. Diesen Teil der Geschichte sollte keine Feministin ignorieren. Die Frage wird gestellt, ob der Kapitalismus für Frauen ein Fortschritt oder ein Rückschritt war. Die traditionelle Antwort insistiert auf dem Fortschritt, die feministische eher auf dem Rückschritt. Neuere Forschungen, vor allem Frauenforschungen, erweisen, daß in puncto Frauenautonomie, Verfügungsgewalt über sich selbst, den eigenen Körper, der Rückschritt einschneidend gewesen ist. Nicht aufrechterhalten werden kann die Ansicht von Engels"', daß erst durch die Industrie Frauen nach ihrer welthistorischen Niederlage in der Vorzeit wiedererstmals in die gesellschaftliche Produktioneinbe zogen worden wären. Das stimmt noch nicht einmal, wenn wir die Hausarbeit als außerhalb der gesellschaftlichen Produktion ansehen wollten. In den mittelalterlichen Städten spielten Frauen wirtschaftlich eine wichtige Rolle. Ihnen fehlte aber die eigenständige politische Vertretung"', um ihre wirtschaftliche Stellung auch behaupten zu können. Vor und während der kapitalistischen Entwicklung ist wiederum die Lage der Frau widersprüchlich. Der Begrenzung von Frauenautonomie, der „Zerschlagung" der weiblichen sozialen Gruppe und der durchgängigen Zwangsbewirtschaftung ihrer Sexualität und Gebärfähigkeit (Abtreibungsverbote, Zerstörung des Verhütungswissens, staatliche Familienpolitik und Geburtenförderung) steht ein Stück, wenn auch teuer durch Kampf erkaufter Selb ständigkeit und politischer Einfluß von Frauen gegenüber. Letzteres war sowenig vom Kapital vorgesehen und gewünscht wie die politi sche und gewerkschaftliche Organisierung der Lohnarbeiterklasse überhaupt. Insoweit Frauen (bürgerliche wie proletarische) etwas für sich durchgesetzt haben — ob Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeitsplätze , gewerkschaftliche, politische oder eigenständige Organisierung oder das Wahlrecht — mußten sie sich gegen den Widerstand mindestens aber die Verachtung der Männer gerade auch in der Arbeiterbewegung behaupten. Immer erst spät, wenn überhaupt übernehmen die männlichen Mehrheiten Frauenforderungen (z.B.die SPD das Frauenwahlrecht).
In den letzten 15 Jahren gelang es Frauen, ihren Einfluß, ihre Forderungen stärker zur Geltung zu bringen. Das ist wesentlich der autonomen Bewegung der Frauen zu verdanken. Und doch wäre andererseits die autonome Frauenbewegung nicht in der sozialen Breite entstanden, wären Frauen nichts als Hausfrauen gemäß dem bürgerlichen Ideal, wären sie nicht einbezogen in Lohnarbeitsverhältnisse.
Die „ursprüngliche ,Hausfrauisierung'" erfaßtealso nach und nach alle Frauen, aber nicht alle in der gleichen Weise. Lassen wir dasaußer acht, nehmen wir uns selbst Möglichkeiten, Frauenwiderstand zu organisieren. Ich stimme zu, daß das Hausfrau-Sein aller Frauen ihre Erwerbsarbeit bestimmt, durch die Hausfrauisierung, die arbeitsmä- Bige Überlastung können Frauen in ihrem Widerstand gehindert werden. Doch gilt auch umgekehrt, daß die Erwerbsarbeit die Hausfrauisierung begrenzt."
Wie fassen wir nun die Hausarbeit und wie halten wir es mit der These von der Hausfrauisierung in ihren verschiedenen Dimensionen? Götz Rohwer hat recht," wenn er schreibt, daß die politökonomische Bestimmung der Hausarbeit stark vom politischen Interesse derjenigen abhängt, die sich damit beschäftigen. Von Werlhof, Mies und Bennholdt-Thomsen wollen als Feministinnen die gesellschaftliche Anerkennung der von Frauen unsichtbar und unbezahlt geleisteten Arbeit, mehr noch, sie sind überzeugt, die Hausarbeit bzw. die Subsistenzproduktion, so wie sie sie verstehen, sei das eigentliche Grundarbeitsverhälenis im Kapitalismus, deshalb müsse von dort, „vom Boden des Fasses aus" (von Werlhof) die gesamte Analyse aufeerollt werden. Das bedeutet in der praktischen Konsequenz dann auch, daß dort der Ausgangspunkt für Freiheit und Autonomie der Frauen gesucht werden muß In der Debatte in den 70er Jahren um Lohn für Hausarbeit bemühten sich Frauen, Hausarbeit als produktiv im Rahmen der Marxschen Werttheorie zu fassen oder im Gegenteil zu beweisen, daß Hausarbeit außerhalb der kapitalistischen Okonomie stattfindet. Die Diskussion unserer Autorinnen sprengt von vornherein diesen Rahmen. Sie bilden einen neuen Begriff von -produktiver Arbeit", der dem Marxschen genau entgegengesetzt ist. Wirklich produktiv ist demnach nur die Produktion, die Leben schafft und erhält, die „Subsistenzproduktion", die mehrwertschaffende Warenproduktion ist dagegen tot. Damit wird nun spiegelverkehrt zu Marx der andere. als bisher dominant angesehene Faktor der kapitalistischen Arbeit, die Lohnarbeit, von dem wiederum ein nicht unerheblicher Teil von Frauen geleistet wird, quasi weganalysiert, mindestens aus einer Strategie der Frauenbefreiung ausgeschlossen.* Das kann nur durchgehalten werden, wenn frau die Vorstellung hat, eine „befreite" Ökonomie könne auf der Grundlage der heutigen Hausarbeit und der Arbeit der Kleinbauern hinreichend organisiert werden. Daran habe ich erhebliche Zweifel, nicht nur weil die ursprüngliche Subsistenzproduktion weitgehend ruiniert ist, sondern auch weil nicht die gesamte Industrieproduktion als zerstörerisch oder nur dem „Überkonsum" dienend abgeschafft werden kann oder sollte.
Ich zweifle umso mehr — und das ist auch einer meiner Haupteinwände gegen den Begriff Subsistenzproduktion in diesem Zusammenhang - als ja die Hausfrau in den hochindustrialisierten Ländern zwar durch das Gebären und Aufziehen von Kindern Leben produziert, aber ansonsten ja gerade nicht die Rohstoffe für die Subsistenz selber schafft, sondern sie vielmehr als Waren kauft. Helga Grubitzsch liegt deshalb mit ihrem Begriff „Konsumarbeit" für diesen Teil der Hausarbeit besser."
Das Verdienst der Autorinnen besteht darin, uns zu zwingen, zur Hausarbeit Stellung zu beziehen, indem sie radikal die Hausfrau und die Hausarbeit in den Mittelpunkt und in Parallele zu den Kolonien stellen. Wir müssen einen Arbeitsbegriff suchen, der umfassend ist und nicht ausgrenzt und der Tatsache Rechnung trägt, daß der Kapitalismus die Hausarbeit, die Produktion neuen Lebens und die 41 Engels. -Urprung der Familie, des Privateigentums und des Staates-, MEW Bd. 21 42 Anke Wolf-Graaf, -Frauenarbeit im Abseits-, München 1981, und: Edith Ennen. -Frauen im Mittelalter-, München 1984.
43 Von Werlhof in Prokla Nr. 50.
+ Zur Selbsteinschätzung erwerbstätiger Frauen s. Zitate in: Pust/ Reichert/ Wenzel. -Frauen in der BRD-, Hanburg 1983, S. 23.
45 Götz Rohwer, - Zur politischen Ökonomie der Hausarbeit-, Leviathan, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Nr. 2, Opladen 1985.
46 Bennholdt-Thomsen vertritt in Beiträge Nr. 9/10, daß Frauen Erwerbsarbeitsplätze brauchen, doch hat das keine Folgen für den zentralen Strang ihrer Überlegungen. 47 Helga Grubitzsch, -Konsumarbeiterinnen und Lockvögel-, Beiträge Nr. 15/16.
Nahrungsmittelproduktion voraussetzt. Produktion von Lebenund Lebensmitteln sind darüber hinaus Voraussetzung jeder Gesellschaft. Wichtig für unsere Befreiungsstrategien ist deshalb eine Vorstellung, wie in einer Gesellschaft frei von Unterdrückung diese in einer nicht ausbeuterischen Weise organisiert werden können. Das Bild von Werlhofs von der russischen Puppe in der Puppe, mit dem sie zu illustrieren versucht, daß formal unterschiedliche Arbeitsund Ausbeutungsverhältnisse voneinander abhängig in einer Wirtschaft zusammengefalt sind, führt uns vor Augen, daß das Ganze auch zusammen analysiert werden muß, weil die Veränderung jedes Teils Rückwirkungen auf das Ganze hat. Deshalb müssen wir die Mechanismen der Abhängigkeit, die Ähnlichkeiten und die Unterschiede analysieren. Wollen wir die Solidarität, das gemeinsame und nicht gegencinander gerichtete Handeln der Unterdrückten, vor allem der Frauen, aberauch der Arbeiter, der Bauern, der Slumbewohner schaffen helfen, müssen wir uns den existierenden Unterschieden, die allemal Quelle von Spaltungen sein können, stellen. sic aufarbeiten, um durch sie das Gemeinsame zu finden. Genau das versucht Claudia von Werlhof bei ihrer forschenden und aktiven Teilnahme an der „neuen sozialen Bewegung" auf dem Lande in Venezuela. Sie definiert jedoch die Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen aus der „Front" der Unterdrückten heraus und kommt deswegen au/erhalb einer solchen ländlichen Situation zu keiner umfassenden und wirksamen Strategie.
Die Vielschichtigkeit der sehr global verwendeten Begriffe Subsistenzproduktion und Hausfrauisierung macht diese nicht besonders tauglich. Sie können uns nur auf bestimmte strukturelle Ähnlichkeiten zwischen im Kapitalismus besonders ausgebeureten und unterdrückten Menschen und Wirtschaftsstrukturen hinweisen.diese sichtbar machen in ihrer lebensnotwendigen Bedeutung für den Kapitalismus.
Für eine präzisere Analyse der Abhängigkeiten sind sie wenig geeignet. So „paßt" die Analogie zwischen Hausfrau und Kolonie als schrankenlos ausgebeutete Naturressourcenganz ausgezeichnet für die Zeit, in der nach der Hexenverfolgung die Geburten sprunghaft anstiegen und aus den Kolonien Rohstoffe geplündert wurden. Für die heutigen Verhältnisse ist die Analogie noch immer in ihrer allgemeinsten Aussage gültig. dab nämlichen Frauen und Kolonien überausgebeutet werden, doch der Wandel, daß nämlich heute die formal unabhängigen unterentwickelt gehaltenen Länder über ungleichen Tausch ausgesauge werden, kann damit nicht erfaßt werden. Ein Dreh- und Angelpunkt für die Hausfrauisierungsthese und die darauf aufbauende Bündnispolitik" oder „Frontstellung" ist die Frage der Lohnarbeit. Weiter oben habe ich schon dargelegt, dats ich darin einen „blinden Fleck" dieser Theorie sehe. Zum einen blenden die Autorinnen die weibliche Lohnarbeit fast völlig aus, zum anderen schen sie in der männlichen Lohnarbeit nicht so sehr ein Ausbeutungsverhältnis als vielmehr die Teilhabe an den Privilegien der Herrschenden. Tatsächlich aber ist es beides — denn wir bestreiten nicht, daß Männer einen Nutzen aus der Frauenunterdrückung und der unbezahlten Hausarbeit ziehen und, solange sie daran festhalten, ihre eigene Radikalität ein stückweit hemmen — in Analorie zum dem Engelsschen Satz. daß eine Nation nicht frei sein kann. solange sie andere unterdrückt. Jedoch zu leugnen. daß Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen ausgebeutet werden und beide — zu großen Strecken um gemeinsame Forderungen - gegen diese Ausbeutung als Lohnarbeiter kämpfen, heißt nicht nur. sich von einem großen Teil der Frauen abzuwenden, die für sich und ein Stück Selbständigkeit kämpfen, sondern auch. theoretisch und praktisch aus der kapitalistischen Gesellschaft auszusteigen und damit den Kampf für eine freie Gesellschaft aufzugeben: denn dieser wird immer noch zu einem entscheidenden Teil in den Fabriken geführt werden, in denen in einem gewaltsam durchgesetzten System von Zwangsarbeit den Arbeitern* und Arbeiterinnen der Mehrwert abgepreßt wird, der immer noch die Hauptquelle des Profits bleibt.
Wir müssen uns also für die Entwicklung einer Utopie und des Wegs dahin in dem Geflecht sich überkreuzender Klassen-. Geschlechter-, nationaler und kolonialer Verhältnisse bewegen. Von Werlhof erwartet, daß die „freie" Lohnarbeit ganz verschwindet und nur noch „hausfrauisierte" Arbeit auf der ganzen Welt übrig bleibt. Das wird so nicht werden. Iher werden japanische Verhältnisse entstehen mit einer Aufteilung in kleine privilegierte männliche Stammbelegschaften und großen Kreisen flexibel ungeschützter weiblicher, aber auch männlicher Beschäftigter. Diese Entwicklung ist im Gange, aber noch nicht durchgesetzt. Kann es für Frauen ein Ausweg sein. die Sache einfach laufen zulassen, oder müssen wirnicht alle Mittel nutzen, dem entgegenzutreten, und gehören dazu heute nicht gewerkschaftliche Kämpfe wie der um die 35-Stundenwoche? Diesen Kampf als Verteidigung der Privilegien der weißen Arbeitsmänner abzutun, unterschiebt arrogant den aktiven Gewerkschafte rinnen, von denen heute viele „feministisch" geworden sind, von „falschem Bewußtsein" geleitet zu sein.
Es wird darüberhinaus verkannt, daß Widerstand immer nuran den unmittelbaren Interessen der direkt Betroffenen anknüpfen kann. Und es handelt sich um eine eindimensionale, innere Widersprüche leugnende Sicht der Gewerkschaften.
Zu den Perspektiven der Frauenbewegung
Die Idee vom Frauenbund ist schon eine richtige Beschreibung der Frauenbewegung. die am Alltag ansetzt und die Vielfalt der Frauen- „betroffenheit" nicht einebnen will und kann. Darin liegt Stärke und Schwäche zugleich. Die Schwäche besteht darin, daß ein hochzentralisierter Gegner, das kapitalistisch-patriarchale Unternehmertum und seine staatliche Organisation, nicht allein durch dezentrale Subversion zum Verschwinden gebracht werden kann. Die Frauenbewegung braucht deswegen erstens Kampagnen, in denen die Vielfalt gebündelt werden kann, zweitens eine Bündnispolitik mit anderen sozialen Bewegungen, einschließlich der Arbeiterbewegung, dort wo gemeinsame Interessen bestehen (diese schafft zudem eine wichtige Voraussetzung, um Trennendes zu diskutieren und voneinander zu lernen) und drittens die Übersetzung der Anliegen auf die politische Ebene.
Wenn der Frauenbund das nicht entwickelt, wird schließlich nur der Widerstand im privaten Alltag bleiben. Der internationale praktische Zusammenhang, namentlich mit der Dritten Welt, ist über Netzwerke und Solidaritätskampagnen hinaus nicht ohne weiteres durch ein oder zwei übergreifende Forderungen herzustellen. Die Konsumverweigerung ist nicht nur fast nicht zu organisieren, sondern trifft auch das Kapital an keiner empfindlichen Stelle, fördert nicht die Selbständigkeit der Dritten Welt. Das Kapital kann sich, um seinen Profit zu machen, auf andere Sektoren wie Destruktionsmittel konzentrieren. Das verweist wieder darauf zurück, daß es in der Warenproduktion selbst geschlagen werden muß.
Veronika Bennholdt-Thomsen, Maria Mies und Claudia von Werl hof haben somit mehr Fragen aufgeworfen, als sie Antworten zurückließen. Die Auseinandersetzung mit ihnen erfordert noch die Untersuchung einiger weiterer Fragen, unsere Arbeit ist somit mit dieser Kritik nicht beendet, sondern hat gerade erst begonnen. Zu dieser Arbeit gehört, daß wir eine Vision davon entwickeln, wie die Gesellschaft aussehen soll, die wir wollen, wie wir selbst unsere Arbeit, die Produktion" von Leben und Gebrauchsgü tern ohne Ausbeutung und Unterdrückung — im Weltmaßstab organisieren wollen und wie wir uns „vergesellschaften" wollen kurz: wie wir zusammen leben wollen. Diese Vision und den Weg dahin müssen Frauen aus ihren unterschiedlichen und gemeinsamen Erfahrungen entwickeln. Von dort aus werden wir auch neu über Hausarbeit und Lohnarbeit nachdenken können und Forderungen und Aktionen entwickeln.
Wir brauchen dazu auch, ganz im Sinne der Überwindung unserer eigenen Geschichtslosigkeit, ° eine Aufarbeitung der Frauenkämpfe in ihren verschiedenen Situationen auf der Welt und eine Auseinandersetzung über das Verhältnis von Frauenkämpfen, Arbeiterkämpfen und nationalen Kämpfen, um eine übergreifende Frauenpolitik und schließlich eine unhierarchische Politik des breiten Bündnisses von sozialen Bewegungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu entwickeln.
48 Adelheid Biesecker. - Nichtkapitalistisches Milieu und Hausarbeit-, Beitrage 15/16. 49 Wir können im Rahmen dieses Artikels nicht ausführlich auf die Auswirkungen der neuen Technologien, die Umstrukturierung des weltweiten Arbeitsmarkts und die parallele, teilweise damit verknüpfte Entwicklung der Gen-und Reproduktionstechnolo gien eingehen; letztere machen auch die «grundlegende Umstrukturierung der Produk tion des i ebens" möglich. Siche die Diskussion in den Beiträgen Nr. 9/10 und 14. 50 Mies. -Methodische Postulate...., a.a.O. und eben Darstellung hier im Text weiter oben.
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