Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

100 Jahre 'Die neue Zeit

· Inprekorr Nr. 178, Februar 1986 · S. 22-23 · 2.248 Wörter

Trotzki und Geschichte Benelux Sowjetunion IV. Internationale

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Auf den Seiten von Die Neue Zeit finden sich die ersten marxisti- Ernest Mandel schen Analysen der Revolution im Orient, vor allem der iranischen Revolution von 1909, der chinesischen von 1911 und des heraufzie henden Untergangs des Osmanischen Reiches. Man könnte die 1885 wurde Die Neue Zeit gegründet, das theoretische Organ der Aufzählung noch fortsetzen. Jedenfalls wird deutlich, daß Die Neue deutschen Sozialdemokratie. Ihr Chefredakteur war Karl Kautsky; Zeit ein Instrument des kämpferischen Marxismus, eines im internadie Leitartikel schrieb Franz Mehring. Zunächst erschien sie als tionalen Klassenkampf engagierten Marxismus war, der sich nicht auf Monatszeitschrift, ab 1891 als Wochenzeitung. die „reine theoretische Forschung" zurückzog, wenngleich er die Ein Vierteljahrhundert lang war sie das theoretische und politische kompliziertesten Fragen und schwierigsten theoretischen Aufgaben Organ des internationalen Marxismus. Überall wo die sozialistische Bewegung sich ausbreitete, in Europa und in der übrigen Welt, wurde Die Neue Zeit hatte diese doppelte Funktion seit ihrer Umstellung Die Neue Zeit als das Sprachrohr von Friedrich Engels und de: auf eine Wochenzeitschrift. Engels stand dem Plan einer Wochenmarxistischen Flügels der II. Internationale betrachtet. Dieser wurde zeitschrift zuerst skeptisch gegenüber. Er hatte zuviele Enttäuschunvon der deutschen Sozialdemokratie angeführt, vor allem von Bebel gen mit solchen Organenerfahren, die den ersten Sturm nicht überleb und Kautsky, die Mitarbeiter und Freunde von Engels waren. In der und er stellte Kontinuität über alles andere. Schließlich aber gesamten Geschichte der Arbeiterbewegung hat kein anderes Presse- unterstützte er es leidenschaftlich; er schrieb, er warte jede Woche organ dem Weltproletariat und seiner revolutionären Avantgarde ungeduldig auf die neue Ausgabe, um den Leitartikel von Franz einen solch wertvollen Dienst erwiesen wie Die Neue Zeit. Mehring zu lesen.

In erster Linie diente sie der theoretischen Debatte. Die Briefe von Die Umstellung auf wöchentliches Erscheinen drückte aber auch Marx und Engels, die später unter dem Titel -Kritik des Gothaer das organisatorische Wachstumder deutschen Sozialdemokratieaus, Programms- zusammengefaßt wurden, erschienen zuerst in Die Neue das Wachstum ihrer Kampfkraft, ihrer finanziellen und politischen Zeit. Der Beitrag der Zeitschrift zur Entwicklung des Marxismus Stärke. Die Zeitschrift entsprach einem konkreten politischen Beging aber noch weit darüber hinaus. dürfnis: jede Woche mußten mehrere tausend politische Kader, die Die Neue Zeit veröffentlichte die ersten Beiträge zu einer marxisti- im Tageskampf standen, orientiert und geschult werden. Darüberschen Krisentheorie (nebenbei gesagt: auch zur Theorie der „langen hinaus hatte sie noch eine weitere Funktion, die ihre Gründer nicht Wellen"), zur Imperialismustheorie, zur Geldtheorie (hier sei an die vorausgesehen hatten: sie lieferte der marxistischen Strömung in den berühmte Dreiecksdebatte zwischen Kautsky, Hilferding und Eugen Ländern, wo es bereits Sektionen der II. Internationale gab, eine Varga erinnert). In Heften und Beiheften von Die Neue Zeit erschie. Grundlage der gemeinsamen theoretischen Reflexion und half bei nen die ersten bemerkenswerten Versuche, den historischen Materia- ihrer Vereinheitlichung. Lenin hat niemals einen Hehl daraus gelismus auf die Ethnologie, die Literatur- und Kunstgeschichte und macht, wieviel er diesbezüglich Kautsky und Die Neue Zeit schuldig -kritik, auf die Militärgeschichte, die Geschichte der bürgerlichen war, obwohl es diese Zeitschrift war, die die schärfste Kritik an » Was Revolutionen und der Entstehungsphase des Kapitalismus anzuwen- tun? veröffentlichte: Rosa Luxemburgs -Organisationsprobleme der russischen Sozialdemokratie».

Allein in der Blütezeit kommt Die Neue Zeit auf über 1000 Hefte, Die Neue Zeit war eng mit dem politischen und organisatorischen und die Reichhaltigkeit des Inhalts findet ihresgleichen nicht mehr. Projekt des Aufbaus der SPD und der II. Internationale verbunden, Größtenteils ist er für die Leser, die der deutschen Sprache nicht die vom Führungskreis um Bebel geleitet wurde und deren bedeumächtig sind, unbekannt geblieben, da das meiste davon nicht über- tendster Theoretiker Kautsky war. Ihre Geschichte deckt sich dessetzt worden ist. halb mit der des „marxistischen Zentrums" in der SPD und durchlie!

Die Neue Zeit hat auch eine unmittelbar politische Rolle gespielt.

Auf ihren Seiten wurde ein großer Teil der Debatte zwischen der von Die erste, von der Gründung bis 1908, erreichte ihren Höhepunk Bernstein geführten reformistischen Rechten der Il. Internationale unmittelbar nach der russischen Revolution und dem Generalstreik und der damals noch vereinten Linken um Kautsky, Bebel und Rosa für das Wahlrecht, der in ihrem Gefolge in Österreich ausbrach. Das Luxemburg ausgetragen. In dieser Zeitschrift führte Rosa Luxem- waren die goldenen Jahre von Die Neue Zeit, ihre Belle Epoque. Sie burg den Kampf gegen den „Millerandismus" • gegen die Regierungs- endete mit der zentristischen Stellungnahme Kautskys zur Frage der beteiligung der Sozialdemokratie in Frankreich und gegen die refor Machteroberung in Deutschland (er hatte eine Kontroverse mit der mistische Abweichung der Belgischen Arbeiterpartei (POB). In Die Parteileitung über seine Broschüre Der Weg zur Macht-, die er Neue Zeit gab es die tiefgehende Diskussion über die russische bereit war, selbst zu zensieren), und der Agitation Rosa Luxemburgs Revolution von 1905, die Kautsky und Luxemburg um Haaresbreite für den politischen Massenstreik.

an Trotzkis Strategie der permanenten Revolution heranführte. In

Die Neue Zeit wurden die großen politisch-theoretischen Kämpfe Die zweite Phase geht von 1908 bis 1914/15. In dieser Periode gegen den „legalen Marxismus" der Russen Struwe und Tugan nimmt Die Neue Zeiteine Position der Mitte zwischen den reformisti Baranowski ausgetragen, bei denen Plechanow, Lenin und Martow schen Rechten um Ebert und Scheidemann und der revolutionären federführend waren. Um Die Neue Zeit herum bildete sich ein erster Linken um Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Clara Zetkin ein Kreis belgischer Linker in der POB, geführt von Louis de Bruckerès Die Linke hatte dabei immer noch einen Fuß in der Tür, denn Franz und Henri de Man. Es war Die Neue Zeit, die den Kampf gegen die Mehring verfaßte weiterhin die Leitartikel für Die Neue Zeit. Rosa schändliche prokolonialistische Position des Niederländers van Kol Luxemburgs Artikel wurden weiter veröffentlicht, wenn auch gefolgt und des Deutschen Schippel führte. Es war Die Neue Zeit, die das von einer Antwort Kautskys. Die zu dem Zeitpunkt von Die Neue Problem der kleinen unterdrückten Nationalitäten in Österreich. Zeit veröffentlichten Debatten zeigen, daß Kautsky in so gut wie Ungarn und des polnischen Nationalismus kritisch analysierte. jeder politischen und theoretischen Frage schwankte. Seite 22 Nr. 178, Februar 1986

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Er verlor Boden in der Debatte über den Imperialismus. Dabei ging er sogar so weit, in einem Artikel, der am Vorabend des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erschien, zu prophezeien, der „Ultraimperialismus" mache den Krieg unmöglich. Er verlor Boden in der Kriegsfrage, da er weitgehend passiv auf die schändliche Kapitulation der reformistischen Rechten, angefangen bei der Führungsmehrheit der SPD, vor dem imperialistischen Krieg reagierte — eine Kapitulation, die sich in der Billigung der Kriegskredite ausdrückte. Es stimmt, daf Kautsky auch Sympathie für die Opposition zeigte: von 1915 an hing er der zentristischen Minderheit um Hugo Haase an, der 1916 mit der SPD brach und die USPD gründete. Die Parteiführung ergriff diese Gelegenheit und entließ Kautsky als Chefredakteur von Die Neue Zeit. An seine Stelle trat Cunow, der Cheftheoretiker der reformistischen Rechten.

Damit beginnt die dritte Periode von Die Neue Zeit, die nur noch vier Jahre dauern sollte. Nach der Revolution von 1918/19 wird sie eingestellt. Eine Regierungspartei (in Koalition mit der Bourgeoisie), eine Partei, die am Wiederaufbau des Kapitalismus arbeitet, weiß mit einem theoretischen Organ mit marxistischem Anspruch, und sei es noch so revisionistisch, nichts anzufangen.

Später gibt die SPD noch ein Jahrzehnt lang Die Gesellschaft heraus, ein schwacher Ersatz für Die Neue Zeit, selbst in deren revisionistischer Phase. Ihr Chefredakteur ist Rudoolf Hilferding Nach dem Sieg des Faschismus wird ihr Erscheinen eingestellt. (Hilferding hat übrigens Kautskys Leistung von 1914 wiederholt und noch ein paar Tage vor dem Geschehen vorhergesagt, Hitler könne nicht an die Macht kommen.)

Mit dem Niedergang von Die Neue Zeit war mehr verbunden als nur der Niedergang der SPD als objektiv sozialistische Kraft. Denn die Bemühungen der deutschen marxistischen Linken, Die Neue Zeit zu durch Die Internationale zu ersetzen, die von Rosa Luxemburg 1915 gegründet und 1919 zum offiziellen theoretischen Organ der KPD wurde, trugen nur wenige Jahre Früchte. Obwohl die KPD brilliante theoretische Köpfe in ihren Reihen zählte — Levi, Thalheimer, Korsch - hat Die Internationale der Die Neue Zeit nicht das Wasser reichen können. Dies lag nur zum Teil an dem enormen Druck, der durch die revolutionäre Reife der deutschen Lage erzeugt wurde, daß taktische Probleme nunmehr Vorrang hatten und heftige Fraktionskämpfe geführt wurden. Die Geschichte war auch an einen Wendepunkt gelangt. Das Zentrum der revolutionär-marxistischen Strömung lag nicht mehr in Deutschland. Vielleicht spielten auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und ihrer engsten Mitarbeiter Liebknecht, Jogiches und Leviné und der baldige Tod von Mehring und Levi eine Rolle.

Von Februar 1917 an verlagerte sich das Zentrum derrevolutionärmarxistischen Strömung nach Rußland. Der Aufschwung der Revolution, der Aufstieg der bolschewistischen Partei, der Oktober-Sieg, die Gründung der III. Internationale, die ihren Sitz in Moskau hatte, ihre Veränderung nach dem II. Weltkongreß von 1920, nach dem sich Massenparteien aus zehn Ländern ihr anschlossen, ihre Ausdehnung nach Asien, vor allem China und Indien - dies alles machte aus den russischen Marxisten einige Jahre lang die wichtigsten Träger der Kontinuität und der Weiterentwicklung des Marxismus. Die Zeitschrift Kommunistische Internationale, gefolgt von der Russischen Korrespondenz und später Inprekorr spielten eine ähnliche Rolle wie Die Neue Zeit. Die Presse der Internationale wurde im wesentlichen von Sinowjew und Radek herausgegeben; Lenin und Trotzki veröffentlichten zahlreiche Artikel darin, auch wichtige Mitarbeiter aus dem Ausland wie Souvarine ( der zudem das Bulletin Communiste herausgab, das die Moskauer Veröffentlichungen ergänzte), Victor Serge sowie die führenden italienischen und deutschen Kommunisten. So richtete die Presse der III. Internationale erhebliche Anstrengungen auf die marxistische Analyse und Schulung. Diese Fülle währte jedoch nur zehn Jahre. Der Rückgang der internationalen Revolution, die Bürokratisierung der bolschewistischen Partei, die sich rasch auch auf die anderen Parteien der Kommunistischen Internationale ausdehnte, machten die Presseorgane zu einem Instrument in den Händen der Fraktion Stalins; sie dienten der theoretischen Deformation und der politischen Desinformation. Ihr Schicksal wurde endgültig durch das tragische Ende der zweiten chinesischen Revolution 1927 und die noch tragischere Niederlage der deutschen Arbeiterklasse 1933 besiegelt.

Leo Trotzki und die Linke Opposition versuchten vergeblich, mit dem Bjuletin Oppositij (dem Bulletin der Opposition) die revolutio när-marxistische Tradition aufrechtzuerhalten. Die allzu dünne or- Nr. 178. Februar 1986 ganisatorische Grundlage und die Ermordung der Kader der Opposition zerstörten, was von der leninistischen Kontinuität in der Sowjetunion übrig geblieben war.

Einen kurzen Augenblick lang hatte es den Anschein, als verlagere sich das Zentrum der marxistischen Strömung in die Vereinigten Staaten. Die Zeitschrift New International, dann Fourth International, konnte fast zwanzig Jahre lang die marxistische Kontinuität aufrechterhalten, wenn nicht auf dem Niveau von Die Neue Zeit, so doch auf dem von Die Internationale, Bulletin Communiste und Bjuletin Oppostij. Auch diese Verlagerung über den Atlantik war nicht nur Ausdruck deş politisch-organisatorischen Projekts von James P. Cannon, dem Gründer der trotzkistischen Bewegung in den USA. Sie spiegelte auch den Aufstieg des US-amerikanischen Proletariats in den großen Streiks von 1934 - 1937 und dann 1945 - 1946. Dieser Aufschwung war zeitlich begrenzt und wurde durch den Mangel an politischer Perspektive gebrochen.

Danach folgte eine lange Periode des Niedergangs, angetangen mit dem Taft-Hartley-Gesetz, dann mit dem Kalten Krieg und der Ara McCarthy. Die Spaltung der IV. Internationale 1953 war davon ein Nebenprodukt und unterminierte die Kreativität, wenn nicht die Kontinuität dieses Zweigs unserer Strömung.

Die einzige marxistische Zeitschrift, die länger als zwanzig Jahre zu überleben und reichhaltige Beiträge zu liefern wußte, war New Left Review in London. Vom theoretischen Standpunkt aus ist sie das Wertvollste, was es seit dem Erscheinen von Die Neue Zeit gibt, aber nur vom theoretischen Standpunkt aus. Ihre politischen Defizite sind offensichtlich, sie rühren daher, daß sie anders als Die Neue Zeit und deren verschiedene Nachfolger nicht an ein politisch-organisatorisches Projekt gebunden ist: den Aufbau einer Avantgardepartei der Arbeiterklasse.

Die revolutionär-marxistische Tradition hat daher in französischer Sprache die größte Kontinuität erwiesen: vom Bulletin Communiste über das Organ der Linken Opposition Lutte de classe (Klassenkampf) bis zu den ersten Ausgaben von Quatrième Internationale, die zuerst während der Nazi-Besetzung im Untergrund herausgegeben wurde und ab 1946 dann legal.

Das ist seit der Herausgabe von Lutte de classe 1929 gerechnet mehr als ein halbes Jahrhundert, ein halbes Jahrhundert, das manchmal unterbrochen wurde durch Rückschläge der trotzkistischen Bewe gung in Frankreich, von den Auswirkungen der Niederlagen der Arbeiterbewegung, von finanziellen und organisatorischen Schwierigkeiten. Die theoretische Produktion ist gemessen an Die Neue Zeit bescheiden. Die politische Analyse ist schon beeindruckender, vor allem dank der Beiträge Leo Trotzkis in den 30er Jahren. Aber die objektive Bilanz ergibt, daß die Kontinuität der marxistischen Analyse angesichts zahlreicher neuer und unvorhergesehener Ereignisse und Entwicklungen gewahrt werden konnte - insbesondere bei einem Vergleich mit dem spröden und kümmerlichen Beitrag der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien. Dies gilt für die Analyse des Faschismus und des Stalinismus, der Kolonialrevolution, der antibürokratischen Revolution in den Ländern des Ostens, des Aufschwungs der Arbeiterbewegung und der revolutionären Bewegung in Lateinamerika oder die Vorhersage und Analyse der Krise des Mai 1968 und der heutigen Krise des Kapitalismus. 1. 12. 1985 Ernest Mandel

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Liebman und der Leninismus C Rosa Luxemburg und die deutsche Sozialdemokratie C Die chinesische Kulturrevolution - Versuch einer Deutung O Die tschechoslowakische Krise - gesellschaftliche.

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Die gegenwärtige Phase der Weltrevolution.

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