Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Restnationalisten

· Inprekorr Nr. 178, Februar 1986 · S. 24-25 · 1.108 Wörter

Sowjetunion Polen Stalinismus und Bürokratie

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Ukrainische Dissidenten kommen schneller zu Tode als alle anderen in der UdSSR. Arthur Wilkins

Bereits vor einigen Monatenerreichten Nachrichten den Westen, daß der 45jährige Wassyl Stus ineinem sowjetischen Konzentrationslager in Perm gestorben ist. Damit starb das vierte Mitglied der ukrainischen Helsinki-Gruppe in einem Lager ,nach Olexi Tychi, 53 Jahre, gestorben am 24. April 1984, Juri Lytwyn, 50 Jahre, im Herbst 1984, beide in Perm, und Waleri Martschenko, 36 Jahre, umgekommen im Hospital des KGB in Leningrad

Diese Gruppe, eine der aktivsten Menschenrechtsgruppen, bestand von 1976 bis Anfang 1980 und war das Opfer einer besonders gnadenlosen Verfolgung. Alle Mitglieder der Gruppe," schrieb Victor Haynes in der französischen Zeitschrift l'Alternative (Nr. 27/28, 1984), „teilten die elementaren Idee, daß die Bevölkerung der grundlegenden Bürgerrechte beraubt sei, und waren vor allem der Meinung, daß die Ukraine eine russische Kolonie ist. Folglichforderte die Gruppe in ihren Erklärungen das Recht, für die Lostrennung der Ukraine zu kämpfen, da diese Losung vom Kampf für die allgemeinen Bürgerrechte untrennbar sei."

Wassyl Stus, ein Dichter und unermüdlicher Verteidiger der nationalen Rechte der von der chauvinistischen Kremlbürokratie unterdrückten Ukrainer, der schon acht Jahre in Gefängnis und Verbannung hinter sich hatte, wurde im Herbst 1980 erneut zu fünf Jahren Lager verurteilt. Sehr beeindruckt vom Ausbruch der polnischen Revolution erklärte er voll Enthusiasmus seine Unterstützung für den Kampf der Gewerkschaft Solidarnośé. Die polnische Erfahrung brachte ihn dazu, die Menschenrechtsbewegung hart wegen ihres elitären und legalistischen Verhaltens zu kritisieren. In seinen Lageraufzeichnungen hielt Stus fest: _Der gewerkschaftliche Weg zur Befreiung könnte in der Sowjetunion eine außerordentliche Wirksamkeit entfalten. [...] Die Bewegung der Helsinki-Gruppen verläuft alles in allem über die Köpfe der Bevölkerung dieses Landes hinweg. [...] Bei genauerem Nachdenken sind die polnischen Ereignisse voller Lehren für die Helsinki-Bewegung, die eine furchtsame und fast unterwürfige Erscheinung ist. Dagegen ist die polnische eine Bewewegung mit Ursprung im Volk und mit einem breiten Programm sozialer und politischer Forderungen, die die Perspektive eröffnete, die Macht zu ergreifen."

Die aktuelle Häufung von Todesfällen ukrainischer Dissidenten in den Konzentrationslagern begann im Frühjahr 1984 mit Olexi Nikitin, einem Bergarbeiter aus dem Industrierevieram Don, der 1978 mit Wladimir Klebanow an der ersten Initiative zur Bildung einer freien Arbeitergewerkschaft in der Sowjetunion teilgenommen hatte. Diese Todeswelle verstärkt die Überzeugung, daß die Bürokratie die ukrainischen Dissidenten mit besonderer Wut verfolgt. Dies zeigt sich am Beispiel von Danylo Schumuk, der von amnesty international heute als der politische Gefangene auf der ganzen Welt bezeichnet wird, der die längste Zeit absitzen mußte.

Die Verhärtung der Repression gegen die ukrainischen Patrioten falle mit den wachsenden Schwierigkeiten zusammen, denen die bürokratische Macht heute in den westlichen Regionen dieser Republik, nördlich und südlich der Karpathen, begegnet. Dort bildete sich die erste Helsinki-Bewegung mit einer nennenswerten sozialen Basis, die „Initiativgruppe zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen und der Kirche der Ukraine™ Die griechisch-katholische Kirche, die stark die nationale Identität in den westlichen Teilen der Ukraine verkörpert, dem orthodoxen Ritus anhängt, aber mit Rom uniert ist, wurde von Stalin gewaltsam der Moskauer (russisch-) orthodoxen Kirche einverleibt. Die Priester und die Gläubigen, die nicht die drakonischen Maßnahmen nationaler und religiöser Unterdrückung akzeptierten, wurden im Untergrund sehr aktiv und geben eine der heute interessantesten Samizdat- Publikationen der UdSSR heraus, die ,Chronik der Katholischen Kirche der Ukraine". An der Spitze der Bewegung befindet sich Ossyp Terelia.

Bevor Terelia, der schon achtzehn Jahre in verschiedenen Lagern, Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten verbracht hatte, im Februar 1985 erneut verhaftet und zu sieben Jahren Lager mit anschließender Verbannung verurteilt wurde, richtete er einen Ap pell an die Völkerder Ukraine, Polens, Litauens und der Slowakei, der Moskauer Herrschaft bewaffnet Widerstand zu leisten, und erklärte zugleich seine Bewunderung für Solidarność: „Der Kampf, den Sie mit dem ganzen polnischen Volk führen, repräsentiert die Hoffnung, die auch uns die Kräfte für den Widerstand gibt," sagte er in einem offenen Brief an Lech Walesa.

Die Bewegung widersetzt sich der Invasion Afghanistans, in der die Verlängerung der Politik der nationalen Unterdrückung im Inneren der UdSSR nach außen gesehen wird. „Als Christen und Angehörige der ukrainischen Nation und als Klerus der Ukrainischen Katholi schen Kirche drücken wir unseren Protest gegen die gewaltsame und illegale Verwendung junger Ukrainer im ungerechten Krieg aus, den die Regierung der UdSSR in Afghanistan führt," liest man in einer Erklärung vom Juni 1984. Die schon erwähnte Samizdat-Schrift der Gruppe veröffentlichte detaillierte Informationen über die ukrainischen Verluste in diesem Krieg, die sich als ungewöhnlich hoch In denselben Karpathen-Regionen, die zu Beginn der 50er Jahre die Bastion der UPA-Guerilla waren (vgl. Inprekorr Nr. 171, Juli 1985), sind bis heute mehrmals bewaffnete Gruppen in Erscheinung getre ten. Nach sowjetischen Quellen haben sich „Uberreste bewaffneter nationalistischer Banden" in der Region während der polnischen Revolution reaktiviert.

Die aktivste war und bleibt anscheinend die Gruppe des Kommandanten Tschorny (Der Schwarze), „Am 24. Mai 1981 hat die terrori stische Bande Tschornys einen Militärkonvoi, der ein Radargerät der Militärbasis von Wilokska transportierte, entgleisen lassen; das hat die ‚polnische Aktion' (den Putsch Jaruzelskis) um neun Monate verzögert," gestehen die regionalen Machthaber in einer vertraulichen Information.

Im Juni 1982 fand Borys Terelia, Bruder von Ossyp und Kämpfer der Gruppe Tschornys, in einem bewaffneten Zusammenstoß mit Einheiten des KGB den Tod. Leider, so beklagen sich dieselben Machthaber, unterbrach der Tod des „Banditen" die Verbindung, die den KGB zu anderen nationalistischen Überbleibseln" in einer Nachbarregion geführt hätten. Die vom KGB in den Karpathen 1982 durchgeführte Operation hat nicht zur Liquidierung der Tschorny Gruppe seführt, erfahren wir aus diesem Geheimdokument, das die „Chronik" enthüllte und von Le Monde am 7. und 8. Juli 1984 vollständig nachgedruckt wurde. 1983 wurden vier Personen in Wolhynien, dem nördlichen Teil der Westukraine, wegen Zugehörigkeit zu „Resten" der UPA zum Tode durch Erschießen verurteilt. Nach denselben sowjetischen Quellen gehören diese bewaffneten Gruppen zur Ukrainischen Nationalen Front (UNF), die - so in einer Deklaration vom Januar 1984 — „die Ukrainisierung aller Machtorgane, die Errichtung von Zollschranken zwischen unseren verschiedenen Republiken, die Ausgabe unseres eigenen Geldes und die Bildung unserer eigenen Armee" verlangt. Mychailo Diak, ein Aktivist dieser Organisation, erklärte: „Unsere Aktivität verfolgtein einziges Ziel: die Lostrennung der Ukraine." Die UNF hat eine Allianz mit der „Gruppe der Rumänischen Wiedergeburt", einer illegalen Organisation in der Moldawischen SSR, geschlossen, die für die Wiedervereinigung dieser Sowjetrepublik mit Rumänien eintritt. Die Dissidenten und Patrioten sterben im „ArchipelGuLag", aber es rührt sich etwas in der Ükraine, vor allem in ihrem Westen, und die bürokratische Macht hat gute Gründe, eine Verbindung zwischen diesem wachsenden nationalen Widerstand und dem noch immer lebendigen Widerstand von Solidarhośé auf der anderen Seite der Grenze zu fürchten.

Nr. 178. Februar 1986

Seite 25

SÜDJEMEN