Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dialog

Solidarnosc-Sandinisten?

Inprekorr Nr. 175, Januar 1986 · S. 15-17 · 1.210 Wörter

Mittelamerika Polen Kuba und Karibik USA und Kanada

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Auf Anregung von Günter Graß veröffentlichte ein Mitglied von Solidarnosć im Wall Street Journal vom 16.6.85 einen offenen Brief an die FSLN. Ernesto Cardenal antwortete ebendort. Sie haben mir einige spezifische Fragen gestellt — einige lesen sich eher wie spezifische Statements — und bitten mich, sie zu beantworten. Ich werde eine nach der anderen beantworten, indem ich aus Rücksicht auf die Leser die Fragen wiederhole.

1. Warum habt Ihr linksgerichtete Sandinisten, die mit Euch gekämpft haben, aus Eurem Land gewiesen? Und warum habt Ihr die Pressezensur eingeführt? Kein Nicaraguaner, sei er für oder gegen die Sandinisten, ist unter dieser Regierung aus Nicaragua gewiesen worden. Die es verlassen haben, taten es, weil sie es wollten (darunter befinden sich nur wenige Sandinisten). Sie gingen aus vielen und verschiedensten Gründen. Der Hauptgrund: Es gab regelmäßige Flüge von Managua nach Miami (bis diese wegen Präsident Reagans Embargo aufgehoben wurden), und es gibt weiterhin Flüge nach Mexiko und ins übrige Mittelamerika.

Es gibt eine Pressezensur, weil sich Nicaragua im Krieg befindet. Alle Länder, die sich im Krieg befinden, üben Pressezensur aus. Aber in Nicaragua ist diese Pressezensur auf Verteidigungsangelegenheiten beschränkt. Opposition und Angriffe gegen die Regierungspolitik sind in der Presse erlaubt. 2. Warum. kämpft Eden Pastora, ein Held Eurer Bewegung, gegen Euch, und warum sagt er, er wolle die neuen Notabeln aus ihren Limousinen werfen? Unsere Revolution hat größere Helden mit gewichtigerem revolutionären Hintergrund als Eden Pastora. Seine persönlichen Ambitionen ließen ihn zuerst um die Alleinführerschaft und dann gegen die sandinistische Revolûtion kämpten. Was die Limousinen betrifft — es gibt keine solchen in Nicaragua.

3. Warum zerstört Ihr die Indio-Kultur der Miskitos mit solchem Eifer, daß diese jetzt ein Teil der sozialen Basis der Guerillakräfte sind, die gegen Euch kämpfen? Warum habt Ihr in deren Dörfern Befriedungsaktionen durchgeführt? Die Revolution hat alle kulturellen Ausdrucksformen unserer Eingeborenenbevölkerung, die unter dem von den USA aufgezwungenen Somoza-Regime unterdrückt wurde, gefördert. Die Alphabetisierungskampagne wurde in den Sprachen der Indios durchgeführt, und die Weiterbildung wird in diesen Sprachen tortgesetzt. Vorher war Miskito auf den mündlichen Ausdruck beschränkt. Inzwischen wird ein Autonomiegesetz. ausgearbeitet. Dieses Geset: wird das erste auf dem amerikanischer Kontinent sein, das einer ethnischen Minderheit Autonomie gewährt. Es gibt Miskitos, die gegen die Revolution sind, genauso wie es Nichtmiskitos gibt, die dagegen sind. In unserem Parlament gibt es Miskito-Vertreter, während es im US-Kongreß keinen einzigen Indianer gibt. Wenn sie über Völkermorde an Indianern besorgt sind, dann rate ich Ihnen, sich über die Situation der Indianer in den USA zu informieren, wo die wenigen, die nicht ausgerottet wurden, in Reservaten leben und nicht als Bürger angeschaut werden. 4. Wie kommt es dazu, daß Teenager, die gegen Euch kämpfen, offen das Kreuz tragen?

Das Tragen eines Kreuzes macht niemanden zum Christen. Die Contras instrumentalisieren die Religion, um den Eindruck zu erwecken, ihr Kampf seiein christlicher Kreuzzug. In Wirklichkeit sind sie Vergewaltiger, Kidnapper, Folterer der schlimmsten Sorte und Mörder auch von Frauen, Kindern und Alten. Viele Sandinisten tragen ein Kreuz, und auch Priester nehmen an der Revolution teil. Aber sie manipulieren die Religion nicht für propagandistische Zwecke. S. Warum mußte Alfonso Robelo, ein früheres Mitglied der sandinistischen Regierung, auswandern?

Niemand zwang ihn zum Gehen. Erging aus freien Stücken weg. Nachdem er von der Regierung zurückgetreten war, begann er eine zivile Oppositionskampagne. Später gab er diese auf und verliels das Land, um sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen, dank dessen er unverhüllt Geld vom CIA bekommt.

6. Warum habt Ihr einen früheren Dissidenten aus Somozas Nationalgarde, der dann Minister in Eurer Regierung wurde, verhaftet?

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Er organisierte eine Verschwörung, um die Macht zu ergreifen. Er wurde vor ein öffentliches Gericht gebracht; die Anklagen konnten bewiesen werden, nachdem er selbst die meisten zugegeben hatte. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, aber aufgrund der Großzü- Buseit unserer Revolution bald freige- 7. Weshalb stützt Ihr Euch auf die Hilfe von kubanischen Experten, auf Vertreter eines Landes, wo Arbeiter für den Versuch, freie Gewerkschaften zu bilden, schwer bestraft werden?

Meiner Meinung nach wird die kubanische Revolution von der Mehrheit der kubanischen Bevölkerung, die Arbeiter eingeschlossen, unterstützt, und die Stabilität der Regierung fufst auf diesem Faktor. Es gibt keine ausländischen Besatzungstruppen in Kuba. Aber was ich betonen möchte, ist, daß es bei uns zusätzlich zu den kubanischen Fachkräften auch solche aus Frankreich, Italien, Spanien, Westdeutschland, Schweden, den USA und vielen anderen Ländern gibt.

8. Stimmt es, daß die Sowjets in Esteli eine Marinebasis bauen?

Es wäre ziemlich schwierig, selbst für die russische Technologie, in Esteli eine Schiffsbasis zu bauen, da Esteli keine Hafenstadt ist, sondern im Landesinnern liegt. Aufjedenfall gibt es keine sowjetischen Stützpunkte in Nicaragua, weder auf der See noch zu Lande. Andererseits gibt es in ganz. Zentralamerika und der Karibik - selbst auf Kuba viele US-Basen.

9. Rechtfertigt die Befreiungstheologie, welche die Gewaltanwendung zwecks Schaffung sozialer Gleichheit akzeptiert, all diese Tatsachen? Sind Sie sicher, daß Sie auf dem richtigen Weg sind? Die Befreiungstheologie akzeptiert keine einzige der „Tatsachen" , die Sie auf zählen — Tatsachen, die nicht stimmen. Allerdings unterstützt die Befreiungstheologie die nicaraguanische Revolution, weil es eine Revolution zugunsten der Armen ist, weil sie die Befreiung der Armen bedeutet. Als Priester bin ich mit der Revolution, weil die Revolution mit den Armen ist. Und viele Christen gehen mit mir einig.

Abschließend möchte ich beifügen, daf der von unserem guten Freund Günther Grass vorgeschlagene Dialog keiner ist, wenn dessen einziger Zweck ist, Angriffe zu starten, die auf falschen Tatsachen beruhen. Dies ist kein Dialog. sondern Polemik.

NICARAGUA

Ein Traum der unzerstörbar ist 1986 Kalender '86 Lesen und sehen sind zweierlei. Die Fotos von Cornelia Dilg, die drei Jahre lang als Fotografin Nicaragua kennen lernte, zeigen meist Menschen. Es sind die Menschen, die ihren Gesundheitsdienst, ihre Schulen, ihren Feldzug, auch Erwachsenen Lesen und Schreiben beizubringen, verteidigen — vor allem aber ihren Boden, das Land. Sie haben all das durch ihren Befreiungskampf unter Führung der Sandinisten gegen die blutige Diktatur Somozas erobert, die das Volk 40 Jahre lang ausplünderte und unterdrückte.

Dieses Volk weiß, warum es sich mit der Waffe in der Hand gegen die von der Reagan-Regierung ausgebildeten, ausgerüsteten, finanzierten terroristischen Mörderbanden der „Contras" zur Wehr setzt. Wer diese Bilder sieht, wer liest, was sie aussagen, muß sich sehnlichst wünschen, an der Seite dieses Volkes zu stehen im Kampf für seine Freiheit, seine Demokratie und die sozialen Erfolge, um zu verhindern, daß all dies zerschlagen wird! 14 Seiten, DIN A 3, DM 14,80 Wenn Du jemandem den Kalender oder Bücher schenken willst, übernehmen wir den Versand gerne für Dich (den meisten fehlt es ja an geeignetem Packmaterial für den Kalender). Überweise den entsprechenden Betrag auf unser Konto und gib. auf der Rückseite des Empfängerabschnitts an für wen der Kalender ist. isp-Verlag. Postfach 11 10 17, 6000 Frankfurt/M. 1. Postgiroamt Ffm. 333 86-606

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Nr. 22/III - 1/86 die Internationale

Wie notwendig ist die Atomrüstung der UdSSR?