Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Interview mit Thomas Borge

Militärisch, siegreich, ideologisch in der Defensive

Inprekorr Nr. 175, Januar 1986 · S. 11-15 · 3.712 Wörter

Mittelamerika USA und Kanada

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In der Ausgabe Juni/Juli des in Managua erscheinenden Magazins Pensamiento Propio gab Innenminister Tomas Borge Antwort auf Fragen zu den jüngsten Problemen der Revolution. Die Gründe für die Verschärfung des Notstands P.P.: Wie würdest Du das Nivean der rein sektoriellen Schwerpunkt nur unter Beteiligung des Volkes amrevolutionärer politischer Anleitung überwinden. Prozel charakterisierens In jedem Fall müssen die Fehler oder Borge: Ich glaube, wir müssen diese Verkürzungen, die in gewissen Maße zu Frage erstmal richtigrum stellen. Die einer Ebbe der Beteiligung des Volkes Revolution ist nicht etwas, an dem das bei vielen Angelegenheiten geführt ha- Volk von außen mehr oder weniger teil- ben, der revolutionären Führung angelanimmt. Die Revolution ist vielmehr das, stet werden. Wir müssen aber auch verwas sie ist, weil das Volk sie so gemacht stehen, daß Fehler dieser Art in einer Lage, wie der, in der unsere Revolution Wenn das Volk nicht integraler Be- sich befindet, nahezu unvermeidlich standteil des gesamten revolutionären sind, in einer Lage, wo sie von einer Prozesses ist, dann hat nicht es dafür die besonders aggressiven US-Regierung Verantwortung. Dies ist die Verantwur- gejagt wird, deren Aggressivität nicht tung seiner Avantgarde, seiner Füh- nur aus der reinen Natur des Imperialisrungsgremien, die dann wohl nicht die mus herrührt, sondern auch aus Präsi- Sensibilität hatten, sich selbst in der dent Reagans besonders tief eingefres- Volksbewegung zu verwurzeln, um so senem Haß gegen Nicaragua. die Ziele der großen Mehrheit der Gesellschaft zu verankern. P.P.: Es ist verschiedentlich gesagt wor- Wir müssen nämlich im Auge behal- den, die Grundprinzipien der sandinistiten, daß zum Zeitpunkt des Sieges die schen Revolution - gemischte Wirt- Sandinistische Front keine Erfahrung mit der Macht hatte. Ja sie war nichtmal schaft, politischer Pluralismus — seien als politische Partei konzipiert gewesen. nur taktische Prinzipien. Stimmt das? Sie war nur eine Gruppe mit politisch- Wie beeinflußt dieser Rahmen die Entmilitärischem Charakter, die zunächst wicklung der politischen Teilnahme des Volkes?

gar nicht fähig war, sich inmitten der Massen zu beweren und sie zu führen. Borge: Die sandinistische Revolution Anfangs äußerten die Massen nur Erwar- ist in einem bestimmten geopolitischen tungen, die eng auf spezifische Protest- Raum dieses Kontinents, dem sogethemen bezogen waren. Das ist normal. nannten „Hinterhof" der USA, entstan- Die Massen können diesen begrenzten, den. Nicaragua ist nicht wie Kuba eine Nr. 175. Januar 7986 Insel. Unsere Entwicklung wird sehr viel stärker von der Lage in der Region beeinflußt.

Strategischer

Pluralismus

Dieser geopolitische Faktor hat uns, egal was wir wollten, zur Entwicklung des politischen Pluralismus und zur gemischten Wirtschaft gezwungen. Aus dieser Taktik ist jedoch eine Strategie geworden. Heute ist z.B. die gemischte Wirtschaft keine operationale Entscheidung oder ein Trick mehr. Sie ist eine Strategie.

Dadurch gestaltet sich die revolutionäre Führung der Massen viel schwieriger. Der politische Pluralismus, die gemischte Wirtschaft und die allgemeinen Züge der Revolution erzeugen auch Verwirrung unter den Massen. Wir haben nicht eine so klar definierte ideologische Vision wie damals in Kuba und können es auch nicht.

Unsere ideologische Perspektive ist verwickelt und komplex; und Undurchsichtigkeiten verwirren die Massen. Wir waren bisher nicht in der Lage und sind es wohl auch heute nicht ausreichend, das Volk zu einem Verständnis dieser verschiedenen Elemente zu bringen.

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Manchmal sind unsere Antennen auch nicht empfangsbereit gewesen, um 4 spüren, welche dem Volk Sorgen machen. Und manchmal haben wir auch selber die komplizierte Natur des Prozesses nicht verstanden.

P.P.: Könntest Du ein konkretes Beispiel geben, dasden Widerspruch zwischen dem popularen Charakter des revolutionären Prozesses und dem Rahmen des politischen Pluralismus und der gemischten Wirtschaft - der „nationalen Einheit" — geben?

Borge: Ein deutlicher Fall liegt in der Meinungsfreiheit. Wir mußten mit diesem Prinzip koexistieren, ohne je in der Lage zu sein, ausreichend zu erklären, was das heißt. Und so wurde dann das in diesem Lande institutionalisiert, was man in Lateinamerika gemeinhin darunter versteht, ebenso wie in den übrigen kapitalistischen Ländern. Und in gewissem Maße haben wir auch diese Betrachtungsweise angenommen.

Wenn wir das Problem jedoch etwas tiefer analysieren — über welche Meinungsfreiheit reden wir eigentlich? La Prensa ist nicht nur unserer Zensur unterworfen. Sie übt auch Selbstzensur aus, sprich, sie zensiert die Revolution, berichtet nicht von ihr, denn sie ist anein bestimmtes Klasseninteresse gebunden. Gleichzeitig hat das nicaraguanische Volk, haben die Massen noch niemals so viel Meinungsfreiheit gehabt wie heutzutage: auf den Strafsen, in den Radiound Fernsehprogrammen, in denen sich die Führungen der Diskussion mit dem Volk stellen), in der Freiheit des schrittlichen Ausdrucks, im Kadio und im Fernsehen. Zum erstenmal überhaupt können die Leute sagen, was sie denken. Natürlich gibt es Grenzen, in erster Linie aus bürokratischen Gründen und weil wir keine völlig klare Vorstellung in unseren Köpfen von der Rolle der Kommunikationsmittel haben. Aber trotz diesen Einschränkungen, findet die Meinung der Leute ihren Ausdruck. In Nica ragua gibt es eine echte Meinungsfreiheit.

Jedoch müssen wir auch mit jener anderen Meinungsfreiheit in Koexistenz leben, die La Prensa nutzt, um die Revolution anzugreifen. Und dann müssen wir auch noch diese Meinungsfreiheit vor Mitgliedern des US-Kongresses, vor unseren europäischen Freunden und vor den Regierungen Lateinamerikas verteidigen und rechtfertigen. Und wir tun dies, obwohl wir wissen, daß es einen nahezu unauflösbaren Widerspruch gibt zwischen dieser Art von Meinungsfrei heit und der Verteidigung einer politischen Strategie, der revolutionären Vision, die überleben muf, ihren Platz behalten muß und die auf die konkreten Forderungen der Massen Rücksicht nehmen muß.

P.P.: Wie weit läßt sich das Fehlen von Kritik und Selbstkritik innerhalb des revolutionären Prozesses damit rechtfertigen, daß so die Revolution besser verteidigt werden kann? Wie findet man da die Balance? Auch, welche Wirkung hat die reaktionäre Propaganda dazu bei den Massen?

Borge: Wir müßten zunächst einmal schauen, von welcher Kritik wir denn sprechen. Würden wir etwa sagen, La Prensa „engagiere sich kritisch"? Das heißt doch nicht Kritischsein. Man darf die Freiheit der Kritik nicht mit der Revolution zu hetzen.

Wir müssen uns vielmehrfragen: Welche Art von Kritik üben die Zeitungen Barricada oder Nuevo Diario und die Sender SST, Radio Sandino oder Voz de Nicaragua? und dann sollten wir die Fehler benennen, die wir begangen haben; denn wir begehen welche.

Die Kritik sollte konstruktiv sein. Aber das Ziel der Kritik von La Prensa, Radio Católica und die Propaganda, die sich von außerhalb des Landes auf uns ergießt, haben den Zweck der Destruktion. Im Rahmen eines revolutionären Prozesses ist konstruktive Kritik die einzige, die man akzeptieren kann. Dennoch gelingt es der Kritik derOppositionsparteien in unserem Lande zwar nicht, die Massen organisatorisch an sich zu binden, wohl jedoch ihr Bewußtsein zu beeinflussen. Andersausgedrückt, diese Propaganda beeinflußt die Massen nicht genug, um sie anzulocken aber es reicht aus, um Verwirrung zu stiften. Die Propaganda der Reaktionäre zu den Themen Versorgungslage, Krieg. Wehrdienst wird nicht zur Bekehrung der Massen zu Christlich-Sozialen führen — als Beispiel gesagt - aber Unmut schaffen.

Meiner Meinung nach gibt es heute einen Mittelsektor im Volke, der auf der Ebene politischer Parteien keine unterstützt. Er ist in der Lage, in diesen Fragen mit der Revolution zu gehen, sie in jenen aber anzuzweifeln.

Es gibt zum Beispiel Teile des Volkes die ehrlich meinen, dal man einen Dialog mit den Konterrevolutionären führen sollte. Wir haben versucht zu erklären, warum es diesen Dialog lieber nicht geben sollte, warum ein Dialog dieser Art schon die Autgabe des Bestehens der Revolution bedeutet. Und ich glaube, wir haben alle Argumente geliefert, aber manchmal haben wir sie auch nicht geradezu aufdringlich vorgetragen. Tatsache bleibt, daß die reaktionäre Propaganda, die in vieler Hinsicht mit der unmittelbar konterrevolutionären Propaganda identischist, einen Teil des Vol kes - nicht eine Mehrheit, aber einer wichtigen Teil - veranlaßt hat, einen Dialog mit der Konterrevolution in positivem Licht zu sehen. Einige sagen, die Lage würde dadurch verbessert. Andere sagen, so käme der Frieden zustande. Weitere beschränken sich darauf zu sagen, die Regierung solle allein entscheiden.

P.P.: Würdest Du der Aussage zustimmen, daß die gesunkene Anteilnahme des Volkes aufgrund dieser ideologischen Verwirrung in erster Linie in den Städten zu beobachten ist? Ist es nicht schwieriger, die Menschen in den Kriegsgebieten an der Nase herumzutuhren, da dort leichter die Botschaft mit der Wirklichkeit verglichen werden kann?

Borge: Es gibt angeschlagene Teile der Bevölkerung in den städtischen Gebieten.. Aber die religiöse und reaktionäre Propaganda reicht auch aufs Land. Wir sollten die Arbeit nicht unterschätzen, die die Kirchen in den Landgebieten der Pazifik-Küste durchführen.

Ich würde sagen, daß die bewaffnete Konterrevolution den Norden und die Mitte des Landes bevorzugt, der religiös-reaktionäre Sektor aber die Region VI, angrenzend an Managua, und vor allem Masaya. Sie sind dort. Sie kommen nicht mit Maschinengewehren. Sie feuern keine Geschosse ab; sie schießen mit Ideen. Aber aus einem mächtigen Arsenal.

Auf dem Lande läßt der Krieg einen die Dinge in der Tat klarer sehen. Aberes gibt auch viel Rückständigkeit. Wir müssen im Kopf behalten, daß in den Kampfgebieten die Streitmacht und das Symbol militärischer Stärke sehr wichtig sind. Das heißt auch, daß, wenn eine feindliche Einheit gut bewaffnet und mit einer demagogischen Rede auftritt, dies die Bevölkerung ernsthaft in Verwirrung stürzen kann. Wenn nun unsere Einheiten diesen Faktor nicht im Auge behalten, können sie schwere Fehler begehen. Wenn unsere Leute ideologisch etwas abgeschlafft dort auftauchen, die Jungs denken, ihre Sache sei sowieso die gerechte und meinen, die Bauern müßten dies von sich aus anerkennen, dann handeln sie nur wie Soldaten, die zwar eine gerechte Sache verteidigen, aber nicht als politische Botschafter. So kann man das nicht machen. Und so ist es meistens auch nicht.

P.P.: In den drei Monaten Grundausbildung, die die jungen Leute im Rahmen ihres Wehrdienstes erhalten, bekommen sie da wenigstens ein Minimum an politischer Schulung mit und eine Orientierung. wie sie sich der Bevölkerung gegenüber verhalten sollen?

Borge: Ich glaube, anfangs wurde dieser Aspekt an der Militärakademie nicht besonders betont. Seither hat uns die Erfahrung die Bedeutung dieser Sache nähergebracht. Jedoch scheinen mir drei Monate reichlich wenig Zeit zu sein. Die Betonung liegt immer noch auf der militärischen Ausbildung, nicht auf der poli- Nr. 175. Januar 1986

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tischen Vorbereitung. Meiner Meinung sollte eine Erziehung in menschlichen Umgangsformen in diese politische Schulung mit integriert werden. Oft ist ein Lächeln an der richtigen Stelle mehr wert als ein wissenschaftliches Handbuch.

P.P.: Würdest Du sagen, daß sich die FSLN des Problems klarer geworden ist und den Kampf an der ideologischen Front nun verstärkt aufnimmt, beispielsweise mit der Wahlkampagne von Haus zu Haus oder mit der Bildung von Sonderbrigaden, wie der zum Fünften Jahrestag, die in die rückständigsten Gebiete gehen, um dort politische Arbeit zu leisten? Borge: Gewiß, aber unsere Probleme liegen tiefer. Tatsächlich ist uns die ideologische Organisation des Feindes von der Struktur her wie auch technisch überlegen. Wir müssen alles tun: Krieg führen, die wirtschaftlichen Probleme lösen, den Kampf auf internationaler Ebene austragen. Unsere Kader stehen in der Infrastruktur, in den Bezirksverwaltungen, in der Armee oder im Innenministerium und schließlich in den Parteistrukturen, wo sie organisatorische Funktionen wahrnehmen.

Der Feind dagegen kümmert sich ausschließlich um die ideologische Konfrontation. Dort haben sie ihre besten Kader. Die Kirche ist eine starke Organisation. Ihre Generale, thre Einsatzchets, ihre besten Kader — alles theologische Wörtern — sind für den ideologischen Kampf freigestellt.

Wir haben dagen nur wenige Kader für den ideologischen Kampf zur Vertügung, und es sind nicht die besten. Wir mufsten die Kampagne von Türzu für durchführen mit Genossinnen und Genossen, die selber erst lernen. Man stelle sich vor, daß die Kommandanten Joaquin Cuadra, Omar Cabezas, Hugo Torres, William Ramirez, Mónica Baltodano, Lenin Cerna oder Pater Miguel d'Escoto von Haus zu Haus gegangen wären, denn genau das macht die Kirche. hierarchie so darauf erpicht, daß die zehn Priester, ihre zehn ideologischen Einsatzleiter, die wir ausgewiesen haben. wider zurückkehren können [im Juli 1984 wurden zehn ausländische Priester, die mit CIA-gestützen Instituten zusammenarbeiteten, des Landes verwiesen, d.Red. J Stell Dir vor, was passieren würde, wenn zehn unserer Kommandanten übernacht getötet würden? So bemißt sich die Größe des Schlages, den wir ihnen damit versetzt haben.

Ideologische

Front

Es ist nur folgerichtig, daß sie die Rückkehr dieser Priester zu einer Vorbedingung für die Wiederaufnahme des Dialogs mit der Regierung machen. Und was tun sie unterdessen? Sie richten schnell neue Seminare ein, um neue Kader zu produzieren.

Für die Kampagne von Haus zu Haus können wir uns nur auf die Jugendlichen von der Juventud Sandinista stützen und einige Arbeiter in den Sandinistischen Verteidigungskomitees (CDS). Sie machen es; aber ihre Argumente stehen schon unter dem Einfluß der Contra-Propaganda. Sie sind keine voll entwickelten Kader. Sie haben ihre eigenen Zweifel.

Unser großer Vorteil besteht darin, daß wir auf dem Pferd der Geschichte sitzen. Das ist der große Vorteil. Und das Pferd der Geschichte hat ein Auge, das nach vorne schaut, während es mit höchster Geschwindigkeit galoppiert. Manchmal wird es müde. Manchmal weiß es nicht weiter. Aber es geht niemals rückwärts. Der Feind dagegen hat den Nachteil, sich gegen den Strom der Geschichte stellen zu müssen. Außerdem haben wir die Regierungsgewalt, und das gibt uns mehr Mittel, um dem Einfluf des Feindes auf die Massen zu begegnen.

Wenn wir eine ideologische Armee hätten, wäre es leicht, den Feind auf diesem Felde zu schlagen. Aber da wir über keine starken Kader in diesem Bereich verfügen, müssen wir staatliche Zwangsmittel einsetzen, um diese Schwäche zu kompensieren.

Es ist nicht alles verloren. Bei weitem nicht. Die Hauptaufgabe besteht jetzt darin, den Krieg zugewinnen, eine direkte Invasion der USA zu verhindern. Da- Begrabnis eines Milizionärs nach werden wir unsere Anstrengungen auf den ideologischen Kampf konzentrieren können, der strategisch der wichtigere ist.

P.P.: Könnten wir nicht gerade den militärischen Krieg deshalb verlieren, weil wir den ideologischen nicht gewinnen? Borge: Wenn man den ideologischen Krieg aufgibt schon. Nur geben wir dem militärischen Krieg jetzt Priorität, ohne den ideologischen aufzugeben. Wir haben einige Kräfte abgestellt, deren Aufgabe es ist, die ideologische Offensive des Feindes hinzuhalten, während unsere Hauptstreitmacht den Feind militärisch schlagen soll. Sobald wir an der ideologischen Front bessere Kräfte einsetzen können, wird sich die Lage auch dort qualitativ verändern.

Im Moment versetzen wir der logistischen Rückhut des Feindes, allen möglichen Nachschubzentren Schläge. Dies kann den Charakter des Krieges qualitativ und in kurzer Zeit verändern. Historisch gesehen ist der konterrevolutionäre Krieg zum Scheitern verurteilt und zwar schon über kurze, auch historisch kurze, Sicht. Ich spreche von ein oder zwei Jahren.

P.P.: Wir stehen in diesem Zeitrahmen die Chancen des Abnutzungskrieges? Welche Chancen haben die konterrevolutionären Kräfte, die innere Instabilität zu steigern und eine innere Front zu schaffen? Borge: Der Imperialismus wollte uns ausbluten. Der Imperialismus glaubt, daß die wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen und der konterrevolutionäre Krieg die Lage im Inland verschlechtern würden.

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Aber dies zeigt einen Mangel an Realitätsverständnis. Es handelt sich um einen strategischen, historischen Irrtum auf Seiten der US-Regierung, denn sie müßte wissen, daß echte Revolutionen, diejenigen, die den Charakter der Macht veränderten, indem eine andere Klasse die Führung des Staates übernahm, irreversibel sind Nicht einmal die Irrtümer der Revolutionäre machen sie reversibel, außer wenn die Revolutionäre anfangen, untereinander um die Macht zu kämpfen, weil die Machtstrukturen in diesem internen Streit verfallen wie es in Grenada geschah. Es waren die grenadischen Revolutionäre, die die Revolution töteten. Keineswegs war es der Imperialismus, der sie zerstört hat. Was in Grenada geschah, könnte sich hier nur wiederholen, wenn die Revolutionäre hier anfangen würden, sich selbst zu zerfleischen, um Machtanteile zu ringen oder persönliche Machtgelüste zu entwickeln. So nur könnte der Wunschtraum der Feinde der Revolution erfüllt werden. P.P.: Wir erfuhren, daß Du inzwischen jur die Spezialzonen / und Il verantwortlich bist und Vorsitzender der Nationalen Kommission über die Autonomie der Atlantikküste. Kannst Du uns sagen, was dieser Plan für Nicaragria bedeutet?

Borge: Bei dem Autonomieplan handelt es sich nicht um eine konjunkturelle Antwort. Esist eine Antwort von großer Bedeutung. Es ist ein Beitrag Nicaraguas zur Menschheit.

Der Plan drückt in Gesetzesform die Anerkennung der Marginalisierung und Unterdrückung durch die Revolution aus, die die Eingeborenengemeinden und ethnischen Minderheiten seit ewigen Zeiten erdulden mufsten. Die Revo lution hat sich diese historischen Forde. rungen zu eigen gemacht und verspricht, ihnen auf allen Ebenen nachzukommen. Der Autonomieplan der Republik Nicaragua ist keine akademische Diskussucht nicht, für jemanden einen Wohlfahrtsstaat zu schaffen. Der Plan fern solche Kader Feldarbeit in der Region auf wirtschaftlichem, politischem, kulturellem und sozialem Gebiet leisten.

Die Ministerien diskutieren jetzt ihre Arbeitspläne, soweit sie direkt die Atlantik-Küste betreffen. Man denkt an eine Regionalisierung der Unternehmen. Gleichzeitig finden die Treffen der regionalen und der nationalen Autonomickommission statt. Diese Kommissionen werden Prinzipien ausarbeiten. die für die Autonomie anwendbar sind und sorgfältig darauf achten, daß überall die Selbstbeteiligung der Bevölkerung berücksichtigt ist.

Der Autonomieplan hat nationale Bedeutung; die ganze Nation wird durch ihn bereichert. Die Atlantik-Küste profitiert von ihm, weil sie die direkte Nutznießerin der Autonomie ist. Die Pazifik- Region profitiert davon, weil sie das kulturelle Erbe des Atlantiks empfängt. Beide profitieren davon, weil Vorurteile und Mißverständnisse beseitigt werden. P.P.: Comandante, wie pajst denn der Autonomieplan in die sich entfaltender militärischen Aktionen in der Atlantik- Region?

Borge: Der Autonomieplan ist ein politischer Plan. Das Problem der Atlantik-Küste verlangt eine politische Lösung. Wir haben niemals an eine militärische Lösung gedacht und Fehler korrigiert, die in diese Richtung zu deuten schienen. Wir halten die Forderungen der nicaraguanischen Indianer und der nicaraguanischen ethnischen Gemeinschaften nicht für ungerechtfertigt. Wir unterscheiden zwischen den gerechten Forderungen der Habenichtse und den ungerechten Forderungen der Feinde unserer Heimat. Wir habeneine Linie in den Sand gezogen, und wir sehen zu, daß die Indianer auf unserer Seite der Linie stehen.

Nicaragua ist das erste Land Lateinamerikas, das den multiethnischen Charakter unserer Nationen anerkennt. P.P.: Wie, meinst Du, wird sich angesichts der Verlängerung des Krieges und der Wirtschaftskrise die politische Einstellung des Volkes, der Bevölkerung, verschieben?

Borge: Nun, zunächst einmal glaube ich nicht, wie schon gesagt, daß der Krieg noch sehr viel länger dauern wird oder sich gar endlos hinziehen wird. Aber falls es zu einer Invasion der USA kommt, werden ideologischer Krieg und Verschwörungen im Vordergrund stehen. Wir werden dann unsere ganze Kraft darauf verwenden müssen, unsere Gegenspionage zuentwickeln und uns noch mehr auf die Massen zu stützen, um die Situation zu durchstehen.

Die Folgen des Wirtschaftsboykotts

Jedenfalls glaube ich, daß innerhalb der Massen drei politische Tendenzen auftreten werden. Einerseits zwei aktive Sektoren: der konterrevolutionäre und der revolutionäre. Der zweite ist der stärkere, denn der Teil, der die inländischen Reaktionäre und die Konterrevolution unterstützt, ist schon immer eine Minderheit gewesen. Und dann gibt es, wie schon gesagt, einen dritten, einen Zwischensektor, der entweder weiterhin verwirrt bleiben wird oder von der Revolution angezogen wird. Manchmal wird dies von so simplen Dingen wie einem kleinen Sozialprogramm abhängen, von einer Kindertagesstätte oder etwas ähnlichem; auf diese Art kann die Unterstützung der rückständigeren Teile zurückgewonnen werden. P.P.: Glaubst Du, daß der Wirtschaftsboykott der USA in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen Nicaraguas bedeutende Veränderungen verursachen wird? Ein weitergehendes Bündnis mit den sozialistischen Ländern oder mit Lateinamerika?

Borge: Ich glaube, wir werden bedeutende Hilfe aus vielen Ländern erhalten, besonders aus den sozialistischen Ländern, aber diese Hilfe wird unsere wirtschaftlichen Probleme nicht lösen können. Einen großen Einfluß wird dies heute auf das nicaraguanische Modell nicht haben.

Vielleicht wird es im Verlauf der Zeit einen natürlichen Wechsel in der Entwicklung des Prozesses geben — keinen erzwungenen — wenn wir eine neue politische Etappe erreichen, deren Eintritt wir nicht durch Dekret bestimmen können. Dies muß ganz natürlich kommen, so wie die Bäume nach Regenfall auf einmal blühen.

Unser politischer Wunsch ist es, uns enger mit Lateinamerika zu verbinden. Dies wird jedoch von den Veränderungen abhängen, die dort stattfinden und weiter stattfinden werden; die nicaraguanische Revolution hat darauf selber einen Einfluß.

Die lateinamerikanischen Eliten empfinden einen Horror vor revolutionären Veränderungen und optieren daher für demokratische Transformationen. Diese Länder haben ein Interesse daran, ne Rese daran daß die nicaraguanische Revolution nicht zerschlagen wird, aber auch daran, daß sie gewisse Grenzen nicht überschreitet.

Was würde geschehen, wenn die Revolution zerstört würde? Das Regiment der „Gorillas" würde in Lateinamerika wieder einkehren, in Brasilien und Uruguay käme das Militär zurück. Wenn dies geschähe, könnte die nächste Runde von Veränderungen wirklich nur noch auf revolutionärem Wege zustande kommen.

Darum sind alle diese Länder daran interessiert, daß die Contadora weiterbesteht, denn sie stellt ein Bollwerk gegen die direkte Intervention dar und ist darüberhinaus ein Mittel, um auf Nicaragua politisch Einfluf zu nehmen. Als wir das Contadora-Dokument unterzeichneten, bedeutete das für uns gewisse zwar notwendige, jedoch immerhin Konzessionen zu machen. Die Contadora ist also eine Waffe, um politisch Einfluß zu nehmen zugunsten eines demokratischen Modells, wie es die Regieren-

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den der Contadora-Staaten und der Mehrzahl der Länder Lateinamerikas verstehen.

Wenn die Contadora gelegentlich eine kämpferischere Haltung gegenüber den USA einnimmt, müssen wir uns doch darüber im klaren sein, daß der Widerspruch zwischen Contadora und USA nichtantagonistisch ist. Dagegen steht die Entwicklung revolutionärer Prozesse in Lateinamerika zum Imperialismus in antagonistischem Widerspruch..

Jedoch obwohl nicht antagonistisch bleiben die Widersprüche zwischen der Contadora und den USA bestehen, weil es objektive Gründe dafür gibt. Die Contadora versucht für die Krise in Mittelamerika eine gewaltfreie Lösung zu finden, aber auch für jedes andere lateinamerikanische Land, auch wenn dies in ihren Reden oder Geschäftsordnungen nicht durchschimmert. Die Contadora wird sich nicht auflösen. Sie steht für ein objektives Bedürfnis, und darum wird sie nicht aufgelöst werden.