Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Jetzt haben wir Arbeitermacht

· Inprekorr Nr. 175, Januar 1986 · S. 10-11 · 582 Wörter

Gewerkschaften und Streiks

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Im Chemiewerk Solka wurde der Verwaltungsdirektor von der Belegschaft gegen den Willen der Betriebsleitung entlassen. Heinz Liechti

Solka ist die größte, wichtigste und als einzige staatliche pharmazeutische Fabrik Nicaraguas. Sie ist zugleich mit 320 Beschäftigten einer der wenigen „Großbetriebe" . Ihr kommt imrevolutionären Aufbau vor allem seit der Erweiterung ihrer Kapazitäten eine strategische Bedeutung zu. Alle Beschäftigten sind Mitglied der Gewerkschaft „ Basilio Calix" Zu den Versammlungen kommen zwischen 30 und 70 % - an der letzten beteiligten sich 70 %.

Ein Macho

Alle wußten, daß es „heiß" wird. Vor acht Monaten war ein neuer Verwaltungsdirektor eingestellt worden. Seit Beginn gab es Reibereien mit ihm. Erwar ein arroganter Macho-Typ mit einem arbeiterfeindlichen Verhalten. Von Monat zu Monat wurde er unerträglicher. Er „kaufte" die große Menge von 16 Zentner gutem Reis aus der Kantine für seinen persönlichen Gebrauch - also für den Schwarzmarkt. Den schlechten konnten dann die Arbeiterinnen und Arbeiter essen. In zwei Notfällen verweigerte er die Benutzung seines Dienswagens (Volkseigentum!); der Transport der betroffenen Arbeiterinnen ins Krankenhaus mufte anderweitig organisiert werden. Seine salopp-arrogante • Haltung verletzte mehr als eine Arbeiterin. Auf der entsprechenden Versammlung war der Solka-Direktor, nicht aber sein Verwaltungsdirektor anwesend. Ahnte er, was auf ihn zukommen würde? Tatsächlich wurden deutliche Töne angeschlagen. Die Arbeiterin Ana-Luz meinte: ,Wir machten keine Revolution, um sechs Jahre danach immer noch solche arbeiterfeindlichen Direktoren ertragen zu müssen. Wenn ein Arbeiter seine Sache schlecht macht, muß er gehen. Dies soll auch für den Direktor gelten. Jetzt haben wir Arbeitermacht. Im Namen der hier anwesenden Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, der Mehrheit, sage ich, wir haben die Nase voll. Delgado soll das Werkstor ab jetzt von außen betrachten." Der Direktor war in einer unbequemen Lage, ging es doch auch um seine Autorität. Er bezweifelte, daf die Gewerkschaft das Recht habe, über die Entlassung zu entscheiden. Darauf konterte das FSLN-Mitglied Adolfo: „Ich nahm am Kampf gegen Somoza teil, und ich war im Norden, genau deshalb, damit jetzt die Arbeiterinnen und Arbeiter das Sagen haben. Wenn diese Gewerkschaft hier nicht die Macht hat, diesen Direktor zu entlassen, wäre es Zeit für den nächsten Aufstand."

„Das ist die organisierte Macht"

Auf den Einwand des Direktors, ganz so anarchisch gehe es doch nicht, meinte Daniel, der Organisationssekretär: „Ich glaube, sie haben sich versprochen. Was sie hier vor sich haben, ist nicht die Anarchie. Dies ist die organisierte Macht der Arbeiterinnen und Arbeiter von Solka. Wir haben Verantwortungsbewußtsein. Wir wissen, was wir entscheiden. Anarchie gibteszur Zeit nurin einigen arbeiterfeindlichen Verwaltungsbüros."

Gewerkschaftssekretär Denis faßte zusammen: „ Wir haben ein anständiges Untersuchungsverfahren gemacht und zu diesem Zweck eine Kommission gebildet. Wir können nicht nochmals zuwarten, nochmals eine Kommission bilden, wie es der Direktor will. Jetzt ist es genug. Dies ist der Beschluß der Gewerkschaft. Und gegen einen Gewerkschaftsbeschluß wird sich wohl niemand wenden, das ist ganz klar."

Schlieflich wurden die Vorwürfe schriftlich festgehalten und der Kommission übergeben. Diese wird den Ge. werkschaftsbeschluß ratifizieren müssen.

Außerdem wurde ein neuer Arbeitsvertrag vorgestellt, der zwischen Gewerkschaft einerseits und Direktion und Arbeitsministerium andererseits abgeschlossen werden soll. Er sicht vor allem grundlegende Verbesserungen und Begünstigungen der unteren Lohngruppen vor. Zielist die Verminderung der Lohnspanne. Dieser Vertrag wird nun in allen. Abteilungen diskutiert und in einer späteren Gewerkschaftsversammlung wird über ihn entschieden.

Nr. 175. Januar 1986

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Interview mit Tomas Borge Militärisch