Obwohl in der Öffentlichkeit nicht so sichtbar wie vor Jahren und deshalb totgesagt, erreichte die Opposition bei den Gewerkschaftswahlen in diesem Jahr vor Ort Verschiebungen zu ihren Gunsten. Kjell Pettersson
In den vergangenen Jahren haben wir es immer wieder erleben können. Die sozialdemokratische Bürokratie hat ihre eherne Kontrolle über die Gewerkschaftsbewegung ständig gesteigert, indem sie die Organisation in größere und größere Einheiten strukturierte und den Manöverspielraum breiter Oppositionsströmungen zu Gewerkschaftswahlen einengte. Je weiter dieser Prozeß voranschritt, desto schwieriger fand es die Linke, auf den höheren Ebenen der Gewerkschaftsbewegung Wirkung zu erzielen.
Dies verlockte viele Leute in der schwedischen Gewerkschaftsbewegung und in den Massenmedien, immer wieder den Tod der linken Opposition zur sozialdemokratischen Führung zu verkünden. Natürlich, sagen sie, da gibt es noch ein paar Fabriken, die als Ausnahmen die Regel bestätigen. Anscheinend haben diese Leute völlig verschlafen, was an der Basis sich vielerorts abspielt. Weniger Spektakuläres, aber mehr In einer Vielzahl von Arbeitsstätten in ganz Schweden ist die Linke heute in der Tat so stark wie lange nicht mehr. Dies zeigte sich bei einigen Gewerkschaftswahlen im Frühling und Frühsommer dieses Jahres.
Die, die für eine kämpferische und demokratische Gewerkschaftsbewegung kämpfen, bleiben eine ausgesprochene Minderheit. Aber sowohl in der Industrie als auch bei den Dienstleistunken, so im Nahverkehr und in den Krankenhäusern, haben linke Oppositions- Strömungen bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Diese erklären sich aus drei Faktoren:
• Es klafft eine wachsende Lücke zwischen dem, was die Spitzen der Landsorganisation (LO, Gewerkschaftsverband) sagen und was viele arbeitende Menschen empfinden, was getan werden sollte. Arbeitslosigkeit, mehr die verdeckte als die offene, ist weiterhin verbreitet. Die Regierung hat eine „Antiinflationsdecke" eingeführt, die die Löhne nicht durchstoßen dürfen. Ein weiteres Thema ist die Stillegung der Werft von Uddevalla mit 2000 Beschäftigten, die modernste des Landes. Die Unzufriedenheit wächst also, und der Vertrauensschwund für die sozialdemokratische Regierung wächst mit. Heute finden Gegner der Sparpolitik in den Gewerkschaften deshalb leichter Gehör. • In einer Phase der Wirtschaftskrise ist es besonders wichtig, daß die Arbeitenden eine Organisation haben, die ihre Interessen verteidigen kann. Immer mehr Leute sehen, daß die Gewerkschaft von oben nach unten geführt wird, daß das einfache Mitglied weniger und weniger zu sagen hat. Dieses Gefühl vermehrt die Chancen, demokratische Forderunfen vorzutragen, das Recht auf Mitsprache bei Tarifverhandlungen und der Annahme von Verträgen, sowie die Forderung, daß die sogenannten Repräsentanten der Arbeitenden das gleiche Einkommensniveau haben sollten, wie die von ihnen Vertretenen.
• Da wo es Gewerkschaftsaktivisten gibt, die Jahr um Jahr konsequent für ihre Arbeitskolleg/inn/en in örtlichen Tarifkämpfen, gegen Betriebschließungen und für mehr Gewerkschaftsdemo. kratie gekämpft haben, da öffnet sich eine Bahn für eine Gesamtalternative. Genau das geschah im Frühling. Obwohl dieses Jahr Wahljahr ist und die Sozialdemokratie alles tut, um für Ruhe an den Arbeitsplätzen zu sorgen, sind so viele Anhänger einer radikalen Gewerkschaftspolitik aufgetreten wie noch nie.
Bei den lokalen Tarifverhandlungen im Autowerk Saab-Scania in Göteborg verlangten die Mitglieder des Gewerkschaftsclubs 5 Kronen (etwa 2,10 DM) die Stunde mehr. Daß die Clubführung diese Forderung unterstützte, kann man als Resultat der Arbeit der Gewerkschaftsopposition ansehen. In diesem Jahr stellte sie zwei radikale Kandidaten auf. Beide wurden mit einem klaren Vorsprung gewählt. Die Opposition hat jetzt drei der sechs Sitze in der Clubführung.
Ende 1984 entdeckte man, daß der Kassenwart des Werksclubs bei der Aluminiumfabrik Graenges Metall in Sundsvall etwa 140 000 Kronen veruntreut hatte. Im Gefolge wurde die gesamte Führung ausgewechselt. Bis zu den Wahlen im Februar wurde eine Interimführung eingesetzt. Zum erstenmal in der Geschichte von Graenges wurden die Wahlen im Werk selbst durchgeführt. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten nahm diesesmal daran teil, früher immer nur ein Drittel. Und sechs der sieben Sitze der Clubführung gingen an Kandidaten, die in den vergangenen Jahren in der Gewerkschaftsopposition aktiv gewesen waren.
Bei der Gewerkschaft der Stockholmer Kommunalarbeiter, worunter die Nahverkehrsbeschäftigten von Groß- Stockholm fallen, gab es im Frühjahr auch in eingen Distrikten (Sektionen) Wahlen. In den Sektionen 5 und 8 haben die Radikalen schon länger die Mehrheit in der Führung, die sie auch diesmal hielten. Am erfreulichsten waren ihre Gewinne in der Sektion 6. Unter dem Namen „Gewerkschaftserneuerung" kandidierte eine Gruppe von Bahnern mit folgenden Forderungen : Keine Reduzierung des Nahverkehrs! Keine Reduzierung des Reallohns! Für eine höhere Beteiligung der Mitgliedschaft durch eine offenere Informationspolitik und mehr Gewerkschaftsdemokratie! „Gewerkschaftserneuerung" kandidierte sowohl für die Sektionsführung. als auch für die Stadtführung und für das
Herausgebergremium der Gewerkschaftszeitung Raka Spaaret (Gerade Schiene). Alle Kandidierenden bis auf einen wurden mit hohen Mehrheiten gewählt.
Für eine unabhängige Gewerkschaft, mehr Mitsprache der Basis und deren bessere Information stand die „Gewerkschaftsalternative" bei der Sektion 1 der selben Gewerkschaft in der Stadt Uppsala.
Der Gewerkschaftsclub der Sozialistischen Partei (Sektion der IV. Internationale) stellte sechs Personen an der dortigen Uniklinik für die Orts-(Avdelnings-)Führung auf. Zwei wurden als Voll- und zwei als stellvertretende Mitglieder gewählt. Auf der Sektionsebene wurde eine Person von „Gewerkschaftsalternative" gewählt.
Darüberhinaus wurden zum erstenmal in einer Reihe von Betrieben einzelne Sozialist/inn/en auf Werks-oder Abteilungsebene in die Führungen gewählt, so bei Saab-Scania in Soedertälje, im Stahlwerk SSAB in Borlaenge, bei Atlas Avoswerken in Orebro, die Bergwerksmaschinen herstellen, und bei der Sweden Boots Gummifabrik in Helsingborg- Und diese Liste wird mit Sicherheit demnächst noch weiter wachsen.