Gewerkschaftsopposition bei Volvo gestärkt Göte Kilden erläutert gegenüber Inprekorr, wieso das von der sozialdemokratischen Sparpolitik hinterlassene „politische Vakuum" nicht von der Rechten genutzt werden konnte. Gerry Foley
Foley: Die Rechte befindet sich in Schweden in der Offensive und die Linke im Niedergang. Wieerklärst Du in diesem Zusammenhang, daß die Listen der SP bei den Wahlen in den Betrieben weiterhin Zugewinne erzielen?
Kilden: Die Gewerkschaftsopposition in Göteborg ist nun schon seit zehn Jahren aktiv. Anfangs waren in ihr unterschiedliche politische Kräfte zusammengeschlossen: die Kommunistische Partei, unsere Partei, andere linke Gruppen. In den vergangenen Jahren haben sich alle anderen politischen organisierten Kräfte zurückgezogen. Entweder lösten sie sich auf oder verwässerten ihre Linie in Anpassung an Veränderungen ım politischen und gewerkschaftli. chen Leben Schwedens.
Aber auch von uns kann man sagen, daß wir in so mancher Hinsicht von der Krise getroffen wurden. Aucheinige Kader der Gewerkschaftsopposition und Mitglieder der SP wurden von der Demoralisierung erfaßt, wenn auch nicht in dem Ausmaß, daß sie das Interesse an der Gewerkschaftspolitik verloren hätten oder unsere Partei verlassen. Aber nach vielen Jahren Knochenarbeit, aber zugleich noch jung genug für einen Wechsel, haben sich viele auf einen qualifizierten Beruf wie Elektriker umschulen lassen. Und das heißt, daß wir eine Menge erfahrener Kader unter den Bandarbeitern eingebüfst haben.
Und, auf einer höheren Ebene, haut die Rechte wie in vielen anderen Ländern auf die Pauke. Und wo jetzt die sozialdemokratische Regierung die Löhne drückt und Sparprogramme einführt, ist es zu einer weiteren Demoralisierung linkssozialdemokratischer Sympathisanten [unserer Listen gekommen. Zum erstenmal erleben wir, dais die jüngste Arbeitergeneration, die 10 bis 20 % des Wahlvolks stellt, sich bei allgemeinen Wahlen der Rechten zuwendet. Einige Jungarbeiter tragen sogar Parteiabzeichen der rechten Parteien. Dies kommt allerdings im LKW-Werk von Volvo, wo wir stark sind, nicht vor. Das Kräfteverhältnis dort ist so, daß es unmöglich für einen Rechten ist, allzu sehr hervorzutreten.
Was tun gegen die rechte Offensive?
Nach unserer Auffassung hat es keinen Gesinnungswandel bei den Arbeitern insgesamt gegeben, trotz dieser gewissen Rechtsverschiebung bei den Jugendlichen. Wir sprechen da lieber von einem politischen Vakuum. Damit meinen wir die Abwendung von Politik allgemein, von allen Parteien. Natürlich, das ist auch ein Problem für uns. Aber wir haben den Fehdehandschuh der Rechten aufgenommen.
Ein wichtiges Beispiel dafür, was in dieser Hinsicht erreicht werden kann, fand nach einer Demonstration von mehreren Zehntausend in Göteborg statt, die von der Rechten durchgeführt worden war. Äußerlich wandte sie sich gegen einen Vorschlag der Sozialdemokraten, Fonds zu stitten, mittels derer die Arbeitenden die Kapitalisten schließlich „aufkaufen" könnten, die sogenannten „Lohnbezieherfonds" : In Wahrheit griff die Demonstration jedoch das Lohnniveau, den öffentlichen Sektor und die Sozialversicherung an und verlangte eine stärkere Differenzierung innerhalb der Arbeiterklasse. Die Rechte wünscht sich groffe Abstände zwischen Gelernten und Ungelernten wie in den USA. In Schweden sind die Unterschiede bis jetzt noch recht eingeebnet.
Die Sozialdemokratische Partei und die großen Gewerkschaften weigerten sich, dieser Offensive etwas entgegenzusetzen. Wir ergriffen jedoch eine Initiative und erreichten die Unterstützung Dutzender Ortsverbände der Gewerkschaften, meistens kleiner, aber nicht nur. Wir brachten so eine erste Demonstration von 2000 Leuten zustande. Danach produzierten wir eine gute Extrazeitung und verbreiteten sie in einer Auflage von 100 000. Wir führten zahlreiche Veranstaltungen in Stadtteilen durch und mobilisierten in den Wohngebieten der Arbeiterklasse. Die große Presse war schließlich gezwungen, auch zu unseren Pressekonferenzen aufzutauchen.
In diesem Stilergriffen wir oft Initiativen, so zum Beispiel zur Unterstützung der britischen Bergarbeiter. Wir luden Vertreter der FMLN aus El Salvador auf die Gewerkschaftsversammlungen ein. In den lokalen Konflikten über Tarifverträge und Arbeitsbedingungen verfolgten wir eine aggressive Politik. So - das ist also der Hintergrund für die letzten Wahlen.
Im LKW-Werk hatten wir ja schon eine Mehrheit, wenn auch nicht die absolute. Seit einigen Jahren bin ich dort der Vorsitzende. Nach einem furiosen Wahlkampf der Sozialdemokratie, bei dem sich der Staatsapparat in hohem Ausmaß hinter diese stellte, in dem sie Dutzende Hauptamtliche beschäftigte, teuer gedruckte Flugblätter und Vierfarbmaterial in die Schlacht warf usw., erreichten unsere Kandidat/inn/en ein Durchschnittsergebnis von 67 %. Was wir aber nicht erwartet hatten, war, daß wir dieses Jahr auch einen Durchbruch im PKW-Werk erzielen würden. In der Normalschicht, wo die Gewerkschaft etwa 1000 Mitglieder hat, bekamen unsere Genossen 55 % der Stimmen. Wir hatten nur drei Leute aufgestellt, aber alle bekamen 55 %. Diesist ein äußerst wichtiger Indikator angesichts der allgemeinen Lage, von der ich oben sprach. Ein politisches Vakuum kann also überführt werden in Unterstützung für und Vertrauen in eine neue Führung. Es zeigte sich, daß viele traditionelle Wähler der Sozialdemokratie als Reaktion auf die Sparpolitik der Regierung bereit sind, sich nach einer anders gearteten Führung umzusehen. Wir sagen, die Rechte existiert nur wegen des Verrats der Gewerkschaftsführung. Sie ist es, die den rechten Kräften die Türe öffnet. Die Gewerkschaftsführungen sagen selber, daß der öffentliche Dienst beschnitten werden muß. Die Rechten sagen, OK, aber er sollte noch stärker beschnitten werden. Sozialdemokratische Politiker und Gewerkschaftsführer setzen sich nicht für ein sozialistisches Programm ein. Das selbe gilt für die KP, die in Schweden am Rande eine Rolle spielt.
Die KP kriegt bei Wahlen, regelmällig 5 %. Aber auf dem Felde der Gewerkschaften hat sie kaum noch ein Bein an der Erde, zumindest nicht in der Industrie, im öffentlich Dienst schon. Sie hat keine andere Position als Verhandeln im Parlament und den Frieden Bewahren. Deshalb sagt sie ihren Aktivisten, sie sollen das Konkurrieren mit Sozialdemokraten um gewerkschaftliche Positionen vermeiden, da dies für die Beziehungen zur Sozialdemokratischen Partei im Parlament schädlich ist. Diese gab ihr zu verstehen, Unruhe in den Gewerkschaften würde dazu führen, daß sie nicht mehr als Alliierte im Parlament erwünscht wäre.
Jedoch suchen die Arbeitenden nach einer Alternative. Ich gebe ein weiteres Beispiel. In einem wichtigen Stahlwerk, Domenarbetet in Borlaenge, wo Spezialstahl hergestellt wird, und bei Uranius Alumınıum übernahmen wir wenige Wochen nacheinem Skandaltall die Führung der Gewerkschaft. Die zentralen Bürokraten kamen angefahren und boten Kompromisse an, aber die Belegschaften wollten diese nicht schlucken und stürzten die gesamte Führung. Gewerkschaftliche und politische Ebene
Auch dieses Beispiel zeigt, daß der Rechtstrend nicht unvermeidlich ist. Wenn du genügende Kräfte hast, wenn du eine korrekte Linie in der Frage der Gewerkschaftseinheit hast, kannst du sogar die Elemente eines sozialistischen Programms vorbringen, die über das rein Gewerkschaftliche hinausgehen, Fragen der Regierung und der Sparpolitik einbringen. In unserer gewerkschaftlichen Wahlkampagne griffen wir die Politik der Regierung otten an, nannten sie gewerkschaftsfeindlich und gegen die Interessen der Arbeitenden gerichtet usw. Foley: Wie leicht ist es denn, in den Fabriken direkt Leute für die Partei zu gewinnen?
Kilden: Ein substantieller Teil unserer Fraktion — das, was wir „Gewerkschaftsclub" nennen — wurde in den letzten Jahren aus den Betrieben direkt rekrutiert. Jedoch ist wegen der oben beschriebenen Trend zum Arbeitsplatzwechsels in qualifiziertere Jobs unsere Mitgliederzahl in den letzten beiden Jahren konstant geblieben. Aber wir hoffen im Rahmen des Wahlkampfs zum 15. September, zu den Parlamentswahlen, unsere Kontakte zu verbreitern. Als wir unsere Gewerkschaftsarbeit begannen, waren wir ziemlich jung, viele von uns. Unser Umfeld war in Gewerkschaftsangelegenheiten sehr unerfahren. Heute ist das anders. In unserer neuen Gewerkschaftsführung haben wir viele Arbeiter um uns geschart, die 30, 40 oder 50 Jahre alt sind und die sich aufs engste an der Partei orientieren. Ich glaube, im kommenden Jahr werden wir viele von ihnen auch direkt gewinnen können. Alles braucht seine Zeit. Diese Kollegen haben keine politische Vorgeschichte, und sie haben Familie usw. Es braucht also ein paar Jährchen, sich selbst politisch zu schulen. Aber schon heute stehen sie unserer Politik äußerst nahe. Foley: Wie sehr spielt für Euren Erfolg bei den Gewerkschaftswahlen eine Rolle, daß die Gewerkschaftsbürokratie mit der Regierung identifiziert wird? Werdet Ihr vielleicht als die Kraft angesehen, die halt nicht von der Regierung gesteuert wird? Kilden: Ich glaube schon, daß bei diesen Wahlen uns das innige Verhältnis von Bürokraten und Regierung förderlich war. Sie traten gegen uns mit antikommunistischer Hetze auf, einer Verleumdungskampagne bis hin zum Terrorismusvorwurf. Aber das zahlte sich nicht aus, weil wirschon jahrelang in der Gewerkschaft arbeiten und die Leute uns als ernsthafte Sozialisten und Gewerkschafter kennen. Solches Schmierentheater wird nicht mehr gefressen. Foley: Welche Rolle spielt die Kommuastische Partei der Arbeiter (AKP), die orthodox stalinistische Abspaltung der KP? Sie stellt sich als Arbeiteralternative zur „kleinbürgerlichen" Politik der regulären KP (VPK, Linke Partei der Kommunisten) dar?
Kilden: Es handelt sich um eine sehr kleine Partei, aber sie hat einige Kräfte. Die hiesige Gruppe nahm anfangs an unserer Initiative gegen die Rechte teil, die ich vorhin erwähnte. Aber die Parteiführung befahl ihnen, sich da rauszuhalten, denn Trotzkisten seien in der Führung. Sie weigerten sich und antworteten, ganz egal wer diese Leute sein mogen, sie sind gute Gewerkschatter und diese Initiative ist auch gut - auch wenn wir mit ihnen nicht in der Frage der Sowjetunion übereinstimmen. Der Ausgang war dann, daß sie ausgeschlossen wurden, 35 von ihnen, darunter die Hälfte der Führung und viele der Aktivsten. Sie sind keine Trotzkisten, aber allen Diskussionen und gemeinsamen Initiativen gegenüber sehr offen.
Foley: Hat die AKP eine andere Linie als die VPK in den Gewerkschaften? Kilden: Ja. Bei der Spaltung behielten sie einige der erfahrensten Gewerkschafter auf ihrer Seite. Diese waren nicht unbedingt stalinistischer als jene, die zur eurokommunistischen VPK gingen, aber empfanden, das kein Schwein mehr in der Partei sich um die Arbeiter kümmert. Da blieb keine andere Alternative, als radikaler als die VPK zu sein. Ansonsten gäbe es für sie keinen Grund des Verbleibens.
Foley: Welche nationalen Wirkungen hatten Eure Wahlsiege bei Volvo? Kilden: Arbetet (Arbeit), die groise sozialdemokratische Zeitung, widmete ihnen ein ganzes Editorial. Ein einziger Angriff auf mich persönlich als „Spalter der Arbeiterbewegung". Daseinzige Argument dafür war, daß wir die Initiative gegen die Rechte ergriffen hatten ohne Unterstützung der Sozialdemokratie. Foley: Aber Ihr hattet doch versucht, die Sozialdemokraten zur Unterstützung zu bewegen?
Kilden: Na klar, und viele taten es ja auch, viele Individuen; sogar einige Vertreter der Stadtregierung kamen zu uns, drückten uns an die Brust und sagten, diese Initiative sei die beste seit zehn Jahren. Wir hatten also keine sektiererische Linie. Aber die Sozialdemokratie verweigerte die Beteiligung, denn wenn sie heute Leute gegen die rechten Angriffe mobilisieren, dann werden die wohl morgen auch kritische Fragen zur Regierungspolitik stellen. Deshalb ist die Sozialdemokratie vor dem Angesicht der Rechten paralysiert.
Zum Wahlkampf der Sozialistischen Partei siche Seite 39
IV. INTERNATIONALE
UND INTERNATIONALE ARBEITERBEWGUNG Frankreich imperialistische Beherrschung der kolonialen und halbkolonialen Länder, darunter vor allem Amletzten Tagging es um die Errungenschaften der nicaraguanischen und kubanischen Re- 2. Internationales die massive Auslandsverschuldung bei imperialistischen Banken.
volutionen bzw. die imperialistische Offensive gegen sie. Die Lagerteilnehmer diskutierten