Weltweit wird mit Religion, Terror und nationaler Hysterie gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über den eigenen Körper losgezogen. Rechte Regierungen reiben sich die Hände, linke kapitulieren. Judith Baker
Mit dem Jahr 1985 geht das unautfällige Frauenjahrzehnt der UNO zuende. Regierungdsdelegationen trafen sich in Nairobi, um darüber zu diskutieren, wie viele tolle Sachen sie denn für die Frauen geleistet hätten in dieser Periode. Natürlich war es in Wirklichkeit so, daß alles was irgendwo erreicht worden ist, durch den Kampf und die kollektive Aktion der Frauen erreicht wurde.
In den letzten Jahren konnte vielmehr gar eine wachsende Zahl von Angriffen auf die Rechte der Frauen beobachtet werden, besonders was das Recht auf Abtreibung und Kontrolle über den eigenen Körper betrifft. Im Kontext der Wirtschaftskrise versuchen Regierungen auf der ganzen Welt die gesellschaftliche Grundeinheit Kleinfamilie und die traditionelle Rolle der Frau darin zu stärken. Die Kontrolle über das Recht von Frauen auf Abtreibung und Verhütung paft auf jeden Fall in den Metropolen glänzend in diese Strategie. Die Aufgabe der Frau als Austrägerin von Kindern muß betont werden, damit die Familie wieder als Knautschzone für für eventuell aus der Krise des Kapitalismus herrührende Empörung dienen kann und Frauen ein billiges Reservoir an Arbeitskräften darstellen.
Deshalb auch hat sich die Katholische Kirche unter der Führung eines extrem reaktionären Papstes in vielen Ländern an die Spitze der Kampagne gegen die Abtreibung gestellt. Wir empfehlen den Regierungen, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, die Frauen helfen können, eine Abtreibung zu vermeiden, die in keinem Fall als eine Methode der Verhütung bereitgestellt werden sollte..." So lauteten die abschließenden Worte einer Resolution, die letztes Jahr im August auf der Internationalen Konferenz über Bevölkerungspolitik in Mexiko angenommen wurde; nur Schweden stimmte dagegen.[1] Während die Konferenz als solche zwar nicht von Belang war, so fiel sie doch zeitlich mit erneuerten Attacken in verschiedenen Ländern zusammen. Von diesen gibt es zwei Sorten. Einerseits eine wachsende Kampagne von rechten und katholischen Fanatikern mit der direkten oder indirekten Unterstützung der Kirchenhierarchie gegen die Abtreibung insgesamt, die längst auch zu Gewalt und Psychoterror greift. Andererseits die Unterstützung für oder die Kapitulation von Regierungen vor solchen Kampagnen, die in Richtung auf eine Änderung der Gesetzeslage drängen.
In Europa gibt es darüberhinaus eine Debatte über Bevölkerungspolitik, die rassistische Züge angenommen hat. Im April wurde ein Vorschlag (der „sozialistischen" Regierung Frankreichs) durch die EG angenommen, Wege zu erforschen, wie ein Babyboom in Europa entfacht werden könne, da die Bevölkerungszahl Europas abnehme.
Die Angriffe auf das Recht auf Abtreibung sind jedoch nicht ohne Antwort geblieben, wie im folgenden an verschiedenen Ländern gezeigt werden soll. In den USA...
...ist das Thema zentral geworden. 1984 gab es schätzungsweise 300 Angriffe auf Abtreibungskliniken, davon mindestens 30 als Brandstiftung oder Bombenanschläge. Ärzte und Schwestern, die in diesen Kliniken arbeiten, wurden schikaniert wie auch Frauen, die die Einrichtungen nutzen. Diese Taktik wird inzwischen „Bürgersteigberatung" genannt (weil die Fanatiker den Benutzerinnen unmittelbar vor der Klinik auflauern). Frauen, die Abtreibungen hatten, wurden angerufen und als Mörderinnen beschimpft. Trotz der Masse solcher Aktivitäten ist es nur zu wenigen Anklagen gekommen, obwohl katholische Priester und katholisch gesteuerte Organisationen ganz offen beteiligt sind. In Alabama wurde kürzlich Reverend Markley schließlich doch noch nach zwei vorangegangenen Freisprüchen wegen seines Angritts mit einem Schmiedehammer auf die Abtreibungsklinik von Birmingham verurteilt.
Diese extremistische Aktivität ist das Werk eines ganzen Netzwerks kleiner Gruppen wie die Pro-Life Action League, das Pro-Life Non Violent Action Committee, den Vietnam Veterans against Abortion, Catholics United for Life, People Expressing Concern for Everyone (PEACE), Feminists for Life und Women Exploited by Abortion (WEBA). Es gibt außerdem breitere Organisationen wie die Pro-Life Action League, die Right to Life League und der March for Life. Diese letzte Gruppe strebt einen neuen Verfassungszusatz in den USA folgenden Inhalts an: „Das höhere Recht auf Leben wohnt jedem menschlichen Wesen inne vom Moment der Befruchtung an, unabhängig vom Gesundheitszustand, der sozialen Lage (der Frau) oder eines Zustands der Ab hängigkeit (gemeint: egal, ob der Ge
schlechtsverkehr durch Ausnützung von sozialer oder familiärer Abhängigkeit erzwungen wurde)."
Zwar verurteilen wichtige Figuren aus der katholischen Hierarchie gewaltsame Aktionen, dafür schalten sie sich aber umso stärker in die öffentliche Debatte ein. John O'Connor, der Erzbischofvon New York, verglich den „Mord an eineinhalb Millionen ungeborenen Leben" mit Hitlers Holocaust. Er erwähnt dabei natürlich nicht, daß gerade die Nazis Abtreibung und Verhütungsmittel verboten und die Frauen zu Brutmaschinen der Nation degradiert hatten. Die ganze Kampagne gegen das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung erhielt Anfang dieses Jahres gewaltigen Auftrieb, als Reagan über Telephon zu 70 000 Antiabtreibungsdemonstranten in Washington (die größte Kundgebung dieser Art, die es jemals in der Haupt- Auf dem Kongreß der NOW vom 19.-21. Juli in New Orleans wardeeine Aktionskampagne zur Verteidgung stadt gab) sprach und sie versicherte, daß er einen Verfassungszusatz unterstütze. Er hat auch den Film Silent Scream gesponsort, der zum Zweck der Überzeugung von Abgeordneten gegen die Abtreibung eingesetzt wird. Inzwischen wird der Film in der ganzen Welt benutzt; er wurde von Fachleuten im übrigen als eine extreme Verzerrung dessen verurteilt, was bei einer Abtreibung tatsächlich geschieht.
Jene Demonstration fand übrigens zum zwölften Jahrestag der Legalisierung der Abtreibung in den USA statt. Seit damals ist das Recht auf Abtreibung ohnehin ohne irgendwelche Abstimmungen darüber Schritt für Schritt unterhöhlt worden. 1976 wurden Regierungszuschüsse zur Abtreibung gestrichen; 80 % aller Stadt- und Kreiskrankenhäuser führen heute keine Abtreibungen durch. Deshalb sind die angegriffenen Spezialkliniken auch von so lebenswichtiger Bedeutung für Frauen.
Ganz besonders sehen sich junge Frauen den Angriffen ausgesetzt. In 12 Bundesstaaten stehen Gesetze zur Beratung an, die Frauen unter 18 zur Information ihrer Eltern zwingen oder deren Einverständnis verlangen, bevor eine Klinik oder ein/e Arzt/Ärztin den Eingriff tätigen darf. Amtliche Beglaubigungen der Kenntnisnahme der Eltern sind schon in acht Bundesstaaten Pflicht. Besonders solche Maßnahmen werfen ein grelles Licht auf die Heuchelei und Unverantwortlichkeit einer Gesellschaftsordnung, die zwar dafürhält, daß eine junge Frau zur Schwangerschaft (mit allen schweren Verantwortlichkeiten im Gefolge) gezwungen werden kann, sie aber zu jung sei, sich selbst darüber im klaren zu werden, ob sie denn ein Kind will.
Die Frauenbewegung der USA hat solche Angriffe nicht ohne Antwort auf sich niedergehen lassen. Vor 25 der am meisten bedrohten Kliniken wurden Wachen postiert, Eskortendienste wurden eingerichtet, die Frauen zur Klinik und wieder nach Hause begleiten. Gruppen wie die Abortion Rights League und die Coalition to End Clinic Violence sowie Ortsvereine der Nationalen Frauenorganisation NOW haben Demonstrationen und andere Aktionen organisiert. In Kanada...
....besteht die Hauptaufgabe der Frauenbewegung im Moment in der Verteidigung der von Dr. Henry Morgentaler gegründeten Abtreibungskliniken unter direkter Mißachtung des kanadischen Abtreibungsgesetzes, das aussagt, daf Abtreibungen nur in Krankenhäusern und nur bei Zustimmung von drei Ärzt/inn/en durchgeführt werden dürfen. Morgentaler wurde kürklich zum vierten Male in diesem Zusammenhang freigesprochen. Dieser Erfolg verdankt sich der massiven Kampagne der Frauenbewegung Kanadas, und er verleiht dieser nun große Zuversicht, vor ihr liegende Schlachten auch zu gewinnen. Ähnliche gewalttätige Angriffe auf Abtreibungskliniken wurden wie in den USA von Rechtsradikalen begonnen. Sie bilden den Hintergrund für die Drohung mit restriktiven Gesetzesinitiativen in einigen Bundesstaaten. Dies gilt insbesondere für (das französischsprachige) Quebec, das unter der bisherigen Provinzregierung noch die besten Dienstleistungen anbietet; jedoch wird diese Regierung wohl in kürze zugunsten einer rechteren abgewählt werden. [1] Siehe Inprekorr Nr. 168, April 1985. 12] International Vieupoint Nr. 76, 20.5.1985. In Australien...
...sieht sich die Bewegung für die Freigabe der Abtreibung an verschiedenen Fronten Angriffen ausgesetzt, besonders aber von den Kräften von Recht und Ordnung selber, der Polizei. Die sechs australischen Bundesländer haben in der Vergangenheit unterschiedliche Gesetze angenommen. Victoria und New South Wales gestatten die Abtreibung mit sozialer Indikation. Andere Staaten sind restriktiver. Insbesondere Queensland, wo am 20. Mai 1985 die Polizei eine Großrazzia gegen zwei Abtreibungskliniken durchführte, zwei Ärzte verhaftete und die medizinischen Dateien der behandelten Frauen beschlagnahmte. Diese Aktion des Staates fällt zusammen mit der verstärkten Aktivität der „Recht auf Leben"-Fans, die in anderen Staaten sich vor die Kliniken postieren.
Ebenfalls zur gleichen Zeit brachte der Abgeordnete Brian Harradine erfolgreich ein Gesetz ins Parlament ein, das Experimente mit menschlichen Embryos verbietet. Der Entwurf hielt sich an einen vergleichbaren aus Britannien und impliziert eine Definition von menschlichem Leben, die am Ende auch Abtreibung und einige Arten der Verhütung in die Illegalität treiben könnte. Die Frauen Australiens mobilisieren gegen alle diese Angritte. Frauengruppen aus Queensland haben einen internationalen Aufruf an Frauen zur Unterstützung ihres Kampfes gegen die genannten Polizeiübergriffe gerichtet — hier die Adresse:
Children by Choice, 237 Lutwyche Road, Windsor, Queensland 4030, Australia.
die Rechte des Fötus zu schützen, zwei In Neuseeland... zu eins in einer Volksabstimmung abgeschmettert. Jedoch war die Rechte in der ...wird ebenfalls Gewalt eingesetzt, um Lage, angelegentlich des Referendums eine massive Propaganda zum Themazu Frauen von sicheren, legalen Abtreibun- entfalten. Die Adresse des Komitees für gen fernzuhalten. Im November 1984 das Recht auf Leben, mit der die Kamgab es einen versuchten Brandanschlag pagne begonnen wurde, verleumdete eiauf eine private Abtreibungsklinik in Auckland, am 7. Mai 1985 wurde ein ne Abtreibung wollende Frauen als Molotow-Cocktail in ein Gebäude ge- selbstsüchtig und verkündete, daß jede Frau, die „ihre eigene Gebärmutter konworfen, das gerade in eine unabhängige trollieren" will, nichts anders als eine Abtreibungsklinik umgebaut werden „moderne Hexe" sei. sollte. Eine Gruppe namens Christians for Life hatte kurz zuvor vor dem Gesundheitsamt demonstriert, als dieses In Belgien... den Beschluß zur Gründung der Klinik faßte. ••gab es Prozesse gegen Ärzt/inn/e/n in In Britannien... Brüssel, Brügge und Gent. In Gent wur de auch kürzlich eine Abtreibungsklinık von der Polizei unter dem Vorwand der ...verzeichnete die Offensive der rechten Steuerhinterziehung heimgesucht. Pakatholischen Pressure-Groups durch tientinnen in der Klinik wurden beläzwei jüngste Ereignisse einen erhebli- stigt und ausgefragt, um von ihnen das chen Aufschwung. Eins davon war das Geständnis einer illegalen Abtreibung Verbot der Ausgabe von Verhütungs- zu erhalten. Der Angriff auf die Abtreimitteln und der Indikationsberatung an bung wird auch von höchster Regie- Unter-16-jährige durch das oberste Ge- rungsebene aus geführt. Ein Minister hat richt. Das zweite war der Versuch von Berufung gegen den Freispruch eines ge- Enoch Powell, einem besonders rechten wissen Dr. van Haelen aus Nivelles ein- Abgeordneten, ein Gesetz einzubrin- gelegt, der der Beschaffung illegaler Abgen, das alle Experimente am Embryo treibungen angeklagt gewesen war. Der Verbietet mit der Begründung, das Freispruch wurde auf der Grundlage ge „Recht auf Leben" zuschützen. DasGe- währt, daß eine „Situation moralischer setz fiel zwar durch, aber die Regierung Notlage" vorgelegen habe. Wenn der hat nun versprochen, selber einen Ent- Berufung nun stattgegeben werden sollwurf zum Thema vorzulegen, der sich te, dürften viele weitere Ärzt/inn/e/n in auf die Ergebnisse des Warnock-Komi- eine schwierige Lage geraten. tees stützt. Dieses Komitee empfiehlt, das Experimente innerhalb der ersten 14 Tage statthaft sein könnten, und liefert In Spanien... damit zugleich eine Definition, wann menschliches Leben einsetzt. Das alles ...wurde die sozialistische Regierung unzu einer Zeit, wo die Dienstleistungen ter anderem wegen ihres Versprechens, bei der Abtreibung ohnehin Einbußen Abtreibung zu liberalisieren, gewählt. verzeichnen, da überall die öffentlichen Dieses hat sie bislang nicht eingelöst, Ausgaben zusammengestrichen werden. sondern vor der rechten Offensive kapischung versuchen ganz bewußt die In- Die Diskussionen über Embryofor- tuliert, trotz der lebhaften Kampagne der Frauenbewegung. 1983 nahmen die teressen der Frauen denen des sogenann- Cortes ein Gesetz an, das Abtreibung in ten „ungeborenen Kindes" gegenüber Fällen drohender Schäden für Leib und zu stellen. Daß ausgerechnet Enoch Po- Leben der Frau oder des Fötus sowie bei well sich irgendwelche Sorgen um die Schwangerschaft als Folge einer Verge- Lebensqualität von Frauen machen waltigung gestattet. könnte, nimmt ohnehin niemand an, ge- Man geht davon aus, daß dies nur 3% nausowenig wie er an einer vorsichtig der spanischen Frauen helfen könnte eingesetzten Forschungstätigkeit zum Die Mehrheit muß weiter ungewollte Wohle von Frauen wie Kindern interes- Schwangerschaften hinnehmen oder ins siert sein könnte. Ausland fahren. Die National Abortion Campaign und Ein verfassungsrechtliches Tribunal andere Kräfte haben diesen Versuchen aus 1 Frau und 11 Männern zog inzwigeantwortet und die Wichtigkeit für die schen auch diese unangemessene Regegene Antwort auf diese Art Debatte zu Frauenbewegung herausgestellt, eine el lung in Zweifel, da sie dem Embryo zu wenig Rechte zuspreche.[2] Die Frauenentwickeln. bewegung muß somit also sowohl gegen die vollkommen unzureichenden Vor In der Schweiz... haben der Regierung den Kampfaufneh men als auch gegen jenes Tribunal, das ...wurde gerade erst ein Versuch, die alles verhindern will, was nur irgendwie Verfassung des Landes zu ändern, um die Sache der Frauen voranbringt. In Griechenland...
...hat die eben wiedergewählte PASOK- Regierung ebenso versagt, die angekündigte Gesetzgebung einzubringen, obwohl es eine massenhafte Petitionskampagne von Feministinnen gab, in der sich die Unterzeichnenden einer illegalen Abtreibung bezichtigten.
Dieses Zögern sozialdemokratischer Regierungen hat es jeweils der extremen Rechten gestattet, bei diesem Thema wie bei so vielen anderen die Oberhand zu gewinnen, und den Frauen einen verdammten Bärendienst erwiesen. So steckte auch in Brasilien kürzlich der linke Gouverneur von Rio de Janeiro, Leonel Brizola, unter dem Druck der Katholischen Kirche zurück, Abtreibungen nicht leichter zugänglich als bislang zu machen. Solche Beispiele gibt es haufenweise. Diese Schwäche trägt selber zur weltweiten Offensive gegen die Rechte der Frauen auf Selbstbestimmung bei.
Wenn die Frauen- und die Arbeiterbewegung in der ganzen Welt die Schlacht um eines der grundlegendsten Rechte verlieren, das Frauen haben müssen, dann sind die Aussichten auf jeglichen weiteren Fortschritt für die Frauen in dieser oder der nächsten Dekade in der Tat ziemlich duster. Was wir brauchen, sind nicht ausgetauschte Höflichkeitsfloskeln in einem Luxushotel in Nairobi, sondern eine internationale Kampagne zur Verteidigung von Abtreibung und Verhütung, um aus der universellen Forderung der Frauenbewegung , Weder Kirche, Noch Staat — Frauen bestimmen ihr Schicksal selbst" eine Realität zu machen.
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