Im Frauenjahrzehnt der UNO verschlimmerte sich die Lage der Frauen in Süd- und Ostasien mehr als je zuvor. Doch auch Frauenbewegungen entstanden neu. Aus einer Rede unserer indischen Genossin Patel in Nairobi. Vibhuti Patel
Das letzte Jahrzehnt war in Asien durch wachsende Verletzung aller demokratischen und Menschenrechte gekennzeichnet. Wenn wir auch festhalten müssen, daß Männer wie Frauen deren Opfer sind, so möchten wir doch betonen, daß die Leiden der Frauen um einiges schwerer sind.
Gesteigerte Militarisierung auf den Philippinen, in Thailand und Indonesien, nationale Hysterie in Indien, Pakistan, Bangla Desh und Sri Lanka haben jeweils alle auch ihre besonderen Auswirkungen aut das Leben der Frauen Die Bedingungen der weiblichen politi schen Gefangenen und der vor Gericht stehenden sind haarsträubend. Die abscheulichen Methoden der Vergewaltigung und anderer perverser Formen se xuellen Mißbrauchs und der Folter werden zur Erniedrigung und Terrorisierung in diesen Ländern benutzt. Nepalesische Frauen, die gegen die Monarchie kämpfen, werden von der Staatsgewalt brutal getoltert und vergewaltigt Es ist keine Ubertreibung, wenn man di asiatischen Staaten der institutionalisierten Gewalt an Frauen bezichtigt. Massenvergewaltigungen von Frauen durch Soldaten auf den Philippinen, in Thailand und Indonesien, Polizeiübergriffe gegen Frauen in Indien, Sri Lanka und Pakistan sind die berüchtigtsten Beispiele für dieses Phänomen... Während der Dekade kam es auf Grund des Drucks von Frauengruppen in einigen der asiatischen Länder zu einer liberaleren Gesetzgebung in Fragen glei che Bezahlung fürgleiche Arbeit auf dem Papier, aber gleichzeitig wurden grundlegende demokratische und gewerkschaftliche Rechte den Arbeiterinnen entzogen, insbesondere im Gefolge der Binrichtung von Freihandelszonen und der Ausdehnung der grauen Wirtschaft [die nicht der Arbeitsgesetzgebung unterliegt]. Während dieser Dekade sind praktisch alle gewerkschaftlichen Kämpfe defensiver Natur gewesen - sc gegen Arbeitgeber, die bei Betriebsstillegungen Frauen als besonders leicht austauschbare Arbeitskräfte behandeln. Von Arbeiterinnen erwartet man, daß sie schweigend vor sich hin leiden, wenn sie zu Minimallöhnen und unter sich ständig verschlechternden physischen und seelischen Bedingungen als Folge von Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen weiterschuften.
Der Staat bedient sich hinsichtlich Frauenkämpfen zweier unterschiedlicher Maßstäbe. Wenn die Frauen der Mittelklassen liberale Gesetzgebung, positive Diskriminierung, Quotierung verlangen, lenkt der Staat, zumindest manchmal, ein. Wenn jedoch arbeitende Frauen beginnen, sich selbst zu organisieren, greift der Staat gegen sie zu gnadenloser Repression. Als in Pakistan 1977 das Kriegsrecht verhängt wurde, machte Zia ul-Haq es sich zur Ehre, die neue islamische Ordnung voll durchzusetzen, und die Frauen Pakistans trugen die Hauptwucht der Islamisierungspolitik, so was die Bestrafung von „chebrecherischen" Frauen, Vergewaltigungsopfer etc. betrifft.
Alle Staaten in Asien gewähren Persönlichkeitsrechte auf der Grundlage von religiösen Codices und Gewohnheitsrechten. Diese Gesetze diskriminieren nicht nur bloß gegenüber Frauen, sondern enthalten tiefverwurzelte Vorurteile gegen sie. Kein einziges Recht anerkennt die eigenständige Individualität einer Frau an, alle sehen sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Vater, Ehemann oder Söhnen. Wegen dieser Art von Individualrecht ist der rechtliche Status von Frauen auch je nach Religionszugehörigkeit unterschiedlich. Frauengruppen in Korea, den Philippinen, Ceylon, Indien haben die Abschaffung dieser Individualrechte verlangt und die Ausarbeitung eines einheitlichen Zivilrechts.
Asiatische Frauen haben kein Recht auf Landbesitz. Auch die Landreformen haben die Landrechte in die Hände der Männer gelegt. Aus diesem Grunde sind in verschiedenen Ländern Frauenkämpfe um die Forderung nach Recht auf Landbesitz entbrannt.
Die sich verschärfende Wirtschaftskrise gab dem religiösen Fundamentalismus und ethnischen Wiederbelebungsbestrebungen neue Nahrung. Diese finden ihren krassesten Ausdruck in Religions-, Kasten- und Nationalitätenzusammenstößen, und Frauen sind auch hierbei die schwerst getroffenen Opfer. Es kam nicht nur zu gnadenlosen Massakern und Massenvergewaltigungen, sondern zu einer umfassenden Einschränkung des Zugangs von Frauen zu den Bildungseinrichtungen und zu Arbeitsplätzen und des Rechts aut Freizügig keit überhaupt. Orgien der Gewalt ge. gen tamilische Frauen in Sri Lanka, gegen Dalit- [„unberührbare" Kasten-), Moslem-, Sikh- und Frauen aus Stam-. mesgesellschaften in Indien sowie gegen die Frauen allgemein in Pakistan sind Zeugnisse dieses Prozesses. Die allgemeine Ungeschütztheit der minoritären Gemeinschaften macht diese wiederum umso konservativer in Hinblick auf Frauen.
Diese Dekade hat Frauengruppenentstehen lassen, die gegen einge der übelsten Formen von Gewalt gegen Frauen kämpfen. Themen wie Vergewaltigung und Schlagen von Ehefrauen werden von allen Frauengruppen in Asien aufgegriffen. Der Kampf der Frauenforen gegen das Lynchen von Frauen und andere grausame Strafen an Frauen in Pakistan, der Kampf indischer Frauen gegen die Witwenverbrennung sind einige von ihnen. In Indien wird der alte Brauch des Säuglingsmords an Mädchen durch die moderne Technik der Abtötung weiblicher Embryos abgelöst — die Amniozentese. Diese wirft eine Gefahr für das Überleben der Frauen auf - so wie es heute aussicht, sind die Frauen in Indien das abnehmende Geschlecht.
Die vom Staat geförderte Bevölkerungspolitik hat den asiatischen Frauen die grundlegenden Reproduktivrechte genommen, sie als Versuchskaninchen für Verhütungsmittelforschung verwendet. Die Medikamente, die in den imperialistischen Ländern verboten sind, werden in den asiatischen Ländern als allemal noch gut genug verbreitet. Der Staat Malaysia will von allen Frauen, daß sie fünf Kinder hervorbringen, um den Plan einer Einwohnerzahl von 70 Millionen in 115 Jahren zu erfül-
len, der ein großes Arbeitskräftereservoir für die Schwerindustrialisierung bereitstellen soll. Der Staat Singapur verlangt von seinen Frauen mit höherer Ausbildung insbesondere mehr Babies, um so eine überlegene Rasse zu züchten. In Südasien wiederum wollen die Herrschenden, daß die Frauen nicht mehr als zwei Kinder produzieren. Mittel wie Sterilisierung und Abtreibung werden nicht als Mittel von Frauen betrachtet, eine größere Kontrolle über den eigenen Körper zu gewinnen, sondern dienen dem Zweck einer demographischen Umgestaltung.
Die einzige Kraft, die Angriffe und Verletzungen der demokratischen Rechte asiatischer Frauen zurückweisen kann, ist eine Basisbewegung der Frauen Hand in Hand mit anderen Bewegungen der arbeitenden Massen, dennes ist gerade das Zusammenspiel von staatlichen Eingriffen, Patriarchat und Klassenherrschaft, das die heutige Lage hervorbringt.