WELTWIRTSCHAFT 85 Die nächste Rezession
Zwei Jahre von den USA angetriebenen Wirtschaftsaufschwungs waren nur ein schwaches Flackern vor dem nächsten Abstiea. Ernest Mandel
Die kapitalistische Wirtschaft erlebte in den letzten beiden Jahren einen neuen Auftrieb. Von den Vereinigten Staaten ausgehend erfaßte dieser Wirtschaftsaufschwung nach und nach andere imperialistische Länder und gewisse halbindustrialisierte Länder Südostasiens und Lateinamerikas.
Indes ist dieser Wirtschaftsauf- DEFICI schwung nach wie vor von Ungleichheit hinsichtlich seiner Breite wie auch seines Tempos gekennzeichnet. Uberdies ist der Ursprung des Aufschwungs der Wirtschaft der USA eng mit dem erheblichen Defizit im Wachstum des BSP von 1983 auf 1984 in %h Staatshaushalts dieses großen impe- USA 6,7 rialistischen Landes verbunden, und japan BRD 5,8 dieses Defizit stellt seinerzeit einen 2,5 Krisenfaktor für die Zukunft dar. Die Kanada internationale Finanzkrise sicht ganz Italien 3 ,0 Britannien 2 ,0 anders aus, wenn man die massive Frankreich ,7 Verschuldung der beherrschten kapi- Australien 6 ,2 talistischen Länder im Zusammen- alle imp. Länder ,7 hang mit der Gesamtverschuldung in Brasilien ,5 Mexiko 3, ,8"
den imperialistischen Ländern sicht. alle lat.am. Länder 2 ,6 Nach wie vor wird die Entwicklung Südkorea der internationalen Wirtschaftslage Taiwan 8 von den grundlegenden Elementen Hongkong der Strukturkrise der Marktwirt- Singapur Indien** schaft bestimmt. In diesem analytischen Rahmen wird im nachstehen- *Nach einigen Quellen nur 1 %. den Artikel ein Bild der weltwirt- **Nur die Industrie. schaftlichen Lage zu Beginn des Jahres 1985 in den verschiedenen Sektoren zu Beginn des Jahres 1985 entworfen. Der Mechanismus des Aufschwungs ist auch klar. Die Produktion der Autoindustrie und der Bauwirtschaft in den Was die wirtschaftliche Lage zu Beginn USA - zwei Branchen die zusammen des Jahres 1985 kennzeichnet, ist weiter- allein schon mit den Bezeichen, die sie hin der wirtschaftliche Aufschwung in direkt beeinflussen, an die 40 % der induden imperialistischen und den meisten striellen Tätigkeiten ausmachen — war halbindustrialisierten Ländern.(1]) In all zuerst sehr stark abgefallen, viel stärker diesen Ländern zeigen die Industriepro- als die übrige Wirtschaft, und expanduktion und der Außenhandel sowie das dierte von 1983 an dann außerordent- Sozialprodukt eine Tendenz nach oben. lich. Das führte zu einer allgemeinen Folgende statistische Zahlen belegen das Erholung der industriellen Produktion deutlich: in den Vereinigten Staaten. Stimuliert wird diese Erholung vom enormen Defizit des öffentlichen Haushalts: mehr als 200 Mrd. S jährlich seit vier Jahren, also 1 Billion $ für die Periode 1981-1985, weil die militärischen Ausgaben steil emporschnellten. Deren Zunahme entspricht praktisch dem Haushaltsdefizit!
Um zu verhindern, daß dieses Haushaltsdefizit die Inflation zu sehr anheizt, bemühte sich die Regierung Reagan, aus dem Ausland große Mengen von Kapital in die USA zu ziehen, wo sie dann in öffentliche Anleihen investiert werden. Dazu ist sie gezwungen, die Zinsraten in den USA um mehrere Punkte höher zu halten als die von Japan, der BRD, der Schweiz oder sonstiger Länder. So kommt es zur Überbewertung des Dollars gegenüber den Währungen der anderen kapitalistischen Länder. Durch diese Uberbewertung werden die kapitalistischen Industrieerzeugnisse gegenüber denen anderer Länder immer weniger konkurrenzfähig. So kommt es, daß vor allem die übrigen imperialistischen Länder sowie die halbindustrialisierten einen regelrechten Boom ihrer Ausfuhren in die Vereinigten Staaten erleben. Das führt zu dem verblüffenden Ergebnis, daß heute die Ausfuhren industrieller Fertigprodukte aus den sogenannten Drittweltländern in die USA höher sind
als die amerikanischen Ausfuhren solcher Güter in die Dritte Welt, wie aus Tabelle II ersichtlich ist:
II
Industrielle Fertiprodukte
Export der USA der „3. Welt"
in „3. Welt" in Mrd.S in die USA 1981 61,5 35,0 1982 54,6 36,8 1983 45,3 45,7 1984* 47,0 55,0 •Provisorische Zablen
Zwar sind in den Zahlen der aus sogenannten Drittweltländern in die USA exportierten Industrieerzeugnisse auch die eingeschlossen, die der internationalen Arbeitsteilung innerhalb der imperialistischen Multisentspringen, also der Verlagerung der Produktionsstätten einiger dieser Multis in die Länder der „Dritten Welt" . Aber dieses Phänomen kann die sensationelle Trendwende nur zum Teil erklären. Das sieht man auch daran, daß konkurrenzfähige nationale Industriezweige halbindustrialisierter Länder einen echten Aufschwung erleben, zum Beispiel die Erzverarbeitung der Schiffbau, die Textil- und die Spiel zeugindustrie, die elektronischen Komponenten und sogar die Petrochemie. Bezeichnenderweise erschien kürzlich ein Buch über die Multis, die aus Ländern der sogenannten Dritten Welt stammen, also beispielsweise vom Finanzkapital Brasiliens, Indiens, Südkoreas, Hongkongs kontrolliert werden — nennenswerten Einfluß oder Anteil aus den imperialistischen Ländern.[2] Wir haben wiederholt die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen gelenkt.
Auf oben beschriebene Art und Weise hat sich also der Aufschwung der USA nach und nach auf die ganze internationale kapitalistische Wirtschaft ausgeweitet, zuerst auf Japan und die BRD, dann auf die anderen imperialistischen Mächte, dann auf die halbindustrialisierten Länder Asiens und schließlich von 1984 an auf die halbindustrialisierten Länder Lateinamerikas und einige weitere Länder.
Die strukturellen Schwächen bleiben Aber noch mehr als der Wirtschaftsaufschwung 1976-1979 hat der derzeitige einen rein konjunkturellen, partiellen und zeitweiligen Charakter. Von den strukturellen Ursachen, die seit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre eine langanhaltende Depression der internationalen kapitalistischen Wirtschaft determinierten, konnte keine beseitigt werden. Weder wurde der Weltmarkt wesentlich umstrukturiert und ausgeweitet — ohne gleich an eine Expansion die Möglichkeit explosiver sozialer Krivom Typ der Periode 1950-1970 zu denken — noch wurden der Arbeitsprozeß und die Mehrwertschaffung, grundle- Der Aufschwung gend neu organisiert. Auch das gesell- schattliche Kräfteverhältnis ist nicht we und die „Dritte Welt" sentlich verändert worden, sodaß auf diesem Wege die Mehrwertrate radikal • • Beı der Analyse der Wirkungen des wirthätte gesteigert werden können. Das wä- schaftliche Aufschwung auf die Länder en aber Elemente gewesen, die es dem der sogenannten Dritten Welt ist es not- Kapital ermöglicht hätten, in eine neu wendig mit zwei getrennten Kategorien Expansionsphase einzutreten wie die von Ländern zu operieren: siehe hierzu der Nachkriegsjahre oder die vor dem meinen Artikel über die Schwellenlän- Ersten Weltkrieg. der in Inprekorr Nr. 167. Im Gegenteil, der wirtschaftliche Auf der einen Seite die ärmsten Län- Aufschwung verhindert nicht, daß die der; sie wurden zwar mit Verspatung in zwei wesentlichen Merkmale der langen die Depression gezogen, erlebten aber Depression des Kapitalismus in Erschei- dann eines nach demanderen regelrechte nung treten, obwohl die laufende Pro- ökonomische Zusammenbrüche. Die duktion zunimmt: Hungersnot, die die Sahel-Länder, Mozambik, Angola, Athiopien und Bangla- - Es mangelt nach wie vor an produk- desh heimsucht, das verallgemeinerte tiven Investitionen, die mittel- und lang- Elend in Bolivien — das sind nur die fristige Nachfrage sinkt also. Das be- tragischsten Manifestationen, aber keiweist, daß keiner der „neuen" Industrie- neswegs der einzige schwerwiegende • zweige, eischließlich der Mikroelektro- Auswuchs. Was diese Länder erleben, nik und des Roboterbaus, sich derart sind die kombinierten Wirkungen des entwickelt, daß er als fundamentales Sti- Wertverfalls ihrer Exporte, der Vermulans der Produktion und des Marktes teuerung ihrer Energierechnung, des die Rolle ersetzen könnte, die von Verschwindens ihrer äußeren Investi- Autos, elektrischen Haushaltsgeräten tionsressourcen - Anleihen werden imund den Maschinen für die Halbautoma- mer mehr ausschließlich nach den Kritetion in der Periode 1940 - 1970 (1948 rien der kurz- und mitteltristigen -1970 im kapitalistischen Europa und Rentabilität vergeben — und des Zu Japan) ausgefüllt worden war. sammenbruchs ihrer inneren Akkumu- - Die Arbeitslosigkeit steigt stetig lationsquellen, ja der einfachen Reproan. In den imperialistischen Ländern duktion des Kapitals. Aus diesem wuchs sie von 10 Millionen 1970 auf 20 Grunde stagniert und fällt das Einkom- Millionen 1975, dann 30 Millionen 1980 men insgesamt und noch stärker das Pro. und 35 Millionen jetzt. Sicher werden kopteınkommen. Von einer gewisser bald die 40 Millionen erreicht, was heißt, Stute an wird dieser Rückgang kumula daß die Arbeitslosigkeit dann 100 Mil- tiv und führt zu einem absoluten Fall der lionen Menschen betrifft, wenn man die Arbeitsproduktivität im Subsistenzsek- Familien der Arbeitslosen zählt und die- tor der Landwirtschaft. Dazu verschärft jenigen, die einfach nicht mehr in der sich die Tendenz, den auf Agrarexporte Statistik auftauchen, da sie vom Arbeits- ausgerichteten Sektor der Landwirtmarkt in die Familie verschwinden. Man schaft auszudehnen. muß also im Gegensatz zum Image eines Auf der anderen Seite zeigte sich die Arbeitsplätze schaffenden Reagan, das Industrie in den halbindustrialisierten die Neoliberalen überall verbreiten, fest- abhängigen Ländern fähig, nach dem stellen, daß trotz einer vergleichsweise Schock der Rezession von 1982 - 1983 nohen Wachstumsrate in der Produk- wieder einen Anfang zu nehmen. Auch tion der USA die Arbeitslosenrate dort wenn einige Sektoren wie Kraftfahrzeuweiterhin auf 7,5% bleibt, ohne daß ge und elektrische Hausgeräte in Mexi diejenigen, die sich vom Arbeitsmarkt ko, Argentinien und Brasilien noch auf zurückgezogen haben, mit berücksich- einem Niveau stagnieren, das unterhalb tigt wären. Eine derart hohe Rate hat es des in den Jahren vor der Krise erreichnoch nie in einer Periodestarken Wachs- ten liegt — darin drückt sich der gesuntums gegeben. kene Lebensstandard der Mittelklassen aus — so erlebten diese Länder immer- Genausowenig ist das Problem der hin das Phänomen der Entindustrialisiedauerhaften Verschuldung der halbko- rung nicht, wenn auch ihre Industrie lonialen und abhängigen Länder irgend- bestimmte strukturelle Deformationen wie gelöst. Es drückt weiter voll sowohl erlitt. Gewisse Schlüsselsektoren der Indas Expansionstempo des Welt- dustrie entwickelten sich gar ziemlich markts als auch auf das ihres eigenen rasch; sie produzieren vor allem für die Wirtschaftswachstums — und das unab- Auslandsmärkte. hängig vom Auf und Ab der Konjunk- Aber dieser Wirtschaftsaufschwung Aufgrund der selben Ursache in den halbindustrialisierten Ländern nimmt auch die politische Instabilität in zeigt einige besondere Merkmale, die in diesen Ländern zu. Offener denn je ist den 70er Jahren fehlten:
Die Kaufkraft der Arbeiter und Bauern reduzierte sich viel stärker als in den imperialistischen Ländern - mit der Ausnahme von Südkorea und Taiwan. Der innere Markt schrumpfte also. Der Aufschwung gründet sich also ausschließlich auf den Exportboom, vor allem in die USA. Daraus folgt, daß diese Ökonomien leichter von jeder neuen Rezession verwundbar sind als die imperialistischen Länder, wenn der Weltmarkt wieder schrumpfen sollte. - Die Industrie dieser Länder dringt in Sektoren vor, wo in den imperialistischen Ländern bereits Uberkapazitäten herrschen (Petrochemie, Autos, Elektronik, Schiffe, Stahl). Die Gefahr ist also riesig, daß seitens der imperialistischen Länder empfindliche Schutzmaßnahmen ergriffen werden.
- Der Zufluß ausländischen Kapitals ist abrupt zum Stillstand gekommen. Aufgrund der fortlaufenden Leistung des Schuldendiensts zu den vom Internationalen Währungsfond aufgezwungenen Bedingungen kommt es heute nur zu einer kontinuierlichen Netto-Ausfuhr von Kapital aus der „Dritten Welt" in die imperialistischen Länder. Dieses Phänomen wird noch durch die Flucht enormer privater Guthaben in die USA, in die Schweiz, nach Japan usw. verstärkt. Deshalb kann das wirtschaftliche Wachstum nur zum Preis einer andauernden Inflation weitergehen (vergleiche nachstehende Tabelle III). Aufjeden Fall wird es bescheidener ausfallen als in den Jahren vor der Krise. Es wird beglei tet sein von steil in die Höhe schnellender Arbeitslosigkeit und vom entsprechenden Fall des Lebensstandards der Massen, es sei denn, eine „Stabilisierung" auf sehr niedriger Ebene träte ein. Nur einige halbindustrialisierte Länder Asiens spüren diese Tendenz noch nicht. Sicher werden sie bei der nächsten Rezession davon erfaßt.
- Das Nahrungsdefizit verschärft sich wegen der strukturellen Umwälzungen in der Landwirtschaft. - In gewissen Ländern der OPEC führte der Fall der Öleinnahmen sogar zu einer Schrumpfung des Binnenmarkts und damit auch der Importkapazitäten aus imperialistischen Ländern. In Libyen z.B. ist das Prokopfeinkommen von 10 000 $ 1982 auf 8500 $ 1983 und 7000 $ 1984 gefallen. In Nigeria fiel es noch krasser.
Die Reibungen zwischen den imperialistischen Ländern
Das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten hat sich seit der Rezession von 1980 und der Erholung von 1983 verändert. Die interimperialistische Konkurrenz wurde schärfer. III.
Inflationsraten 1984 BRD 2,1 Japan 2,1 Südkorea 2,8 Singapur 3,0 Niederlande 3,2 Schweiz 4,5 USA 5,0 Britannien 5,0 Hongkong 5,2 Österreich 6,9 Frankreich 8,3 Indien 9,1 Italien 10 Ungarn 12 Südafrika 15 Agypten 16 Chil 18 Griechenland 26 Portugal 40 Nigeria 44 Philippiner 51 Türkei 59 Jugosla wier 63 Uruguay 65 Mexiko 104 Peru 196 Brasilien 450 Israel 616 Argentinies 748 olivier Aber dies kommt derzeit noch recht verhalten zum Ausdruck. Sicher, der Aufschwung in der Produktion und der Abbau der Arbeitslosigkeit zeigen sich ausgeprägter in den USA als bei ihren Hauptkonkurrenten, deutlicher in Japan als in Europa, stärker in der BRD als in den übrigen Ländern Europas. Aber diese Tendenz wird zum Teil dadurch kompensiert, daß der Anteil der USA am Welthandel weiterhin zurückgeht, und zwar nicht nur gegenüber Japan, sondern auch gegenüber der BRD, und daß die Arbeitsproduktivität in der Industrie der USA stagniert, während sie in Japan spline pacht. Von 157 bis 1984 ist die Arbeitsproduktivität der verarbeitenden Industrie in der BRD zweimal so schnell gestiegen wie in den USA, und in Frankreich und Japan gar creimal so schnell.
Es wäre völlig falsch, den Höhenflug des Dollars gegenüber den anderen imperialistischen Devisen als Sieg zu sehen oder als Zeichen der Gesundheit des US-Imperialismus. Man braucht nur daran zu erinnern, daß das Pfund Sterling 1980 - 1983 ebenfalls einen derart hohen Kurs hatte — und man sieht heute, wie falsch eine derart oberflächliche Beurteilung wäre. In Wirklichkeit werden durch die Politik von Ronald Reagan und des Präsidenten der amerikanischen Bundesbank Volcker, die gezwungenermaßen auf eine überhöhte Notierung des Dollars setzt, die Interessen der Industrie - also des Finanzkapitals, denn das Finanzkapital ist nichts anderes als das in der Industrie investierte Bankenkapital — systematisch zugunsten der Besitzer von Geldkapital (Spekulanten und Rentiers) geopfert. Diese Linie wird auf die Dauer nicht eingehalten werden können, ohne schwerwiegende Folgen zu zeitigen. Sicher ist, daß die Fortexistenz des Haushaltsdefizits in den USA die Zinsrate derart in die Höhe treiben wird, daß schlieflich der Aufschwung erstickt und eine neue Rezession provoziert wird. Das geht umso schneller, als das Defizit in der amerikanischen Handelsbilanz anschwillt. Um dieses Defizit auszugleichen, reicht die Zufuhr ausländischer Kapitalien bereits nicht mehr aus. Man erlebt bereits den Beginn einer Liquidierung amerikanischer Guthaben im Ausland. Zum erstenmal seit 1913 sind die Guthaben der USA im Ausland geringer als die Schulden dieses Landes gegenüber dem Ausland!
Und genausowenig stimmt, was die europäischen Imperialisten und ihre Sprecher und Komplizen innerhalb der Arbeiterbewegung behaupten, daß nämlich der hohe Zinskurs in den USA den Aufschwung in Europa erwürge oder bremse. Tatsächlich stagnieren die produktiven Investitionen in Europa, und zwar nicht wegen Mangel an Kapital, sondern aus strukturellen Gründen, die schon oft von unserer Bewegung analysiert wurden. Unter diesen Umständen muß man im Fluß europäischen Kapitals in die USA nicht die Ursache, sondern die Folge dieser Stagnation sehen. Wenn die Kapitalisten ihre Kapitalien in die USA exportieren, dann deshalb, weil sie im wesentlichen unproduktive, spekulative Anlegemöglichkeiten suchen. Aber in dem Augenblick, in dem sie einen neuerlichen Dollarsturz befürchten, weil die Inflation in den USA bereits stärker ist als in Japan und zahlreichen westeuropäischen Ländern, wird sich diese Tendenz von heute auf morgen umkehren, ohne daß deshalb die produktiven Investitionen in Europa auf einmal in die Höhe schnellen werden. Und die bürokratischen Arbeiterstaaten?
Die bürokratisierten Arbeiterstaaten haben im großen und ganzen mit Ausnahme von Polen in der laufenden Produktion von 1984 konjunkturell die kumulativen Auswirkungen der eigenen inneren Widersprüche und der Krise der internationalen kapitalistischen Wirtschaft überwunden. Ihre industriellen Wachstumsraten stiegen im Jahre 1984 an, und sicher wird diese Tendenz auch 1985 anhalten (siehe Tabelle IV). Die Fluktuation, die sie während des Zyklus 1975 - 1982 erlebten, war umso schärfer, je mehr sie jeweils in den internationalen kapitalistischen Markt integriert waren. Stärker davon erfaßt wurden also Polen,
Jugoslawien, Ungarn und die Tschechoslowakei, weniger die DDR, Bulgarien, Rumänien und vor allem die Sowjetunion und China, die nur einen geringen Teil ihres Nationalprodukts exportieren oder importieren. Mit dem Wiederaufschwung einher ging eine Reduzierung der Anleihen aus kapitalistischen Ländern, ein, manchmal nur leichtes, Nachlassen des Drucks der Schuldenlasten sowie eine Umorientierung des Außenhandels auf gesteigerten Austausch der Arbeiterstaaten untereinander.
IV
Jahresschwankungen der Industrieproduktion in % 1981 1982 1983 1984 UdSSR 3,4 2,9 4,0 *4,4 DDR 4,7 3,2 4,1 4,4 CSSR 2,1 1,1 2,7 2,6 Polen -10,8 -2,1 6,7 **3,4 Ungarn 2,0 2,5 -1,0 1,5 Rumänien 2,9 1,1 4,8 7,0 Bulgarien 4,8 4,6 4,6 3,8 In diesen Zahlen ist die Bauwirtschaft nicht inbegriffen; sie erlitt in Polen, Ungam und der CSSR 1981 and 1982 drastische Rückgänge.
•Diese offizielle Zahl wird von westlichen Experten angezweifelt; sie beziffern sie auf 3,5 - 4,0 %. ** Also unter dem Nivean von 1980 Indes ist auch in den bürokratisierten Arbeiterstaaten der Aufschwung , bescheiden; die Produktion erreicht nicht mehr das Durchschnittsniveau der 60er und 70er, geschweige denn der 50er Jahre. Daß die langfristige Wachstumsrate sank, liegt nicht in erster Linie an den Auswirkungen der langen Depression der kapitalistischen Wirtschaft. Es ist Folge der inneren Widersprüche der Wirtschaft bürokratisierter Arbeiterstaaten, über die in diesem Artikel nicht länger gehandelt werden soll (siehe den von Marina Bek in diesem Heft). Unter diesen Widersprüchen ist auch der wachsende Widerstand der Arbeiterklasse zu erwähnen. Folgende Phänomene ergeben sich aus den Widersprüchen: Die Masse der „eingefrorenen" und nicht zu Ende geführten Investitionen nimmt immer mehr zu, wodurch der Produktionsertrag neuer Investitionen ständig geringer wird.
- Man ist unfähig, das hyperzentralisierte Planungssystem zu reformieren, ohne gleichzeitig den parallelen Sektor der Wirtschaft — Korruption, Schwarzmarkt usw. - anzuregen.
Die Anwendung mikroelektronischer und Computer-Technologie weist nach wie vor einen großen Rückstand auf.
Die Krise in der Getreideproduktion dauert an, damit auch die Abhängigkeit von Getreideimporten aus imperialistischen Ländern. 1984 wurden in der Sowjetunion etwa 170 Millionen Tonnen Getreide eingebracht gegenüber im „Dritte Welt" auswirken, denn sie Vorjahr 190 Millionen Tonnen. Das Ge- könnte ia nur dadurch zustande komtreidedefizit für das laufende Jahr be- men, daß die Handelsbilanz mit dem läuft sich also auf 50 Millionen Tonnen. Imperialismus einen starken Überschuß Wenn also nach der offiziellen Ver- ausweist. lautbarung des Gosplan die Wachstums- Es ist also mehr als wahrscheinlich, rate des BSP der Sowjetunion von 3,1 % daß gleich mit der nächsten Rezession im Jahre 1983 auf 2,6 % im Jahre 1984 und dem dadurch hervorgerufenen gefallen ist, dann in erster Linie wegen Rückgang der Exporte der „Dritten der Stagnation der Agrarproduktion - Welt" in die Metropolen wie 1982 und dabei hatte der Plan für sie eine Steige- 1983 Bankrotte anstehen. Das wird die • rung um 7,6 % vorgesehen — und dem Krise des internationalen Banksystems Rückgang der Erdölförderung, die auf noch verschärfen, vor allem in den USA das Niveau von 1982 sank. selbst, weil damit eine immer höhere Die Volksrepublik China dagegen er- Verschuldung der kapitalistischen Firlebte ein weiteres beschleunigtes Wachs- men einhergehen wird sowie entspretum ihrer Agrar- wie ihrer Industriepro- chend der öffentlichen Hand. Die Geduktion. Dies geht zum größten Teil auf samtverschuldung erreicht bereits die die NEP-ähnlichen Maßnahmen zu- unglaubliche Summe von 7 Billionen S: rück.[3] Fälschlicherweise werden diese Maßnahmen in vielen Kreisen als „Rück- VI kehr zum Kapitalismus" interpretiert. innähernde Verteilun Davon kann nicht die Rede sein. Was ler Verschuldung in Mrd. stimmt, ist, dais dadurch die sozialen Ungleichheiten aut dem Lande und in der Stadt verschärft werden; dies wird 1974 1984 unausweichlich größere gesellschaftli- Öffentlich USA 543 1573 che Spannungen mit sich bringen. Öffentlich „Dritte Welt" 250 810 Öffentlich Sonstige 100 400 Unternchmen 900 2600 Die Krise des Kredits Haushalte USA 670 1830 Gesamt 2500 7100 Obwohl der IWF strenge Maßnahmen bei den verschuldetsten der abhängigen Länder durchsetzte, was bei ihnen zur Die starke Verschuldung der amerika- Rezession 1982 - 1983 führte, ließ die nischen Kleinbauern hat zusammen mit Gesamtlast der Auslandsverschuldung der Hausse der Zinssätze ein regelrechder „Dritten Welt" gegenüber den impe- tes Desaster in diesen Bereichen ausgerialistischen Ländern kaum nach, auch löst. Dieser Punkt verdient eine gesonnicht mit dem Aufschwung. Sowohl die derte Analyse an anderem Ort. Gesamtmasse der Verschuldung als auch Man müßte auch den strukturellen die Last des Schuldendienstes wie auch Aspekt des Phänomens der massiven das Verhältnis zwischen den jährlichen Verschuldung in der kapitalistischen Schuldendienstlasten und den jährli- Weltwirtschaft näher untersuchen; wir chen Exporteinnahmen — was den jähr- haben schon früher darauf hingewiesen. lichen Deviseneinnahmen entspricht - Hier kommt zum Ausdruck, daß der nahmen im Jahre 1984 weiter zu, wie aus eigentliche Finanzsektor, wenn nicht Tabelle V hervorgeht: gar der Spekulationssektor innerhalb V
Gesamtverschuldung der „3. Welt" in Mrd.S Jahres- in % der bei den davon an schulden- Export- Haupt- Privatbanken dienst einnahmen schuldnern* 1977 327 161 39,8 15,1 17,0 1979 469 240 75,4 19.0 35,7 1980 559 276 89,6 17,4 40,0 1981 650 326 109,3 20,2 52,0 1982 741 379 124,1 24,4 61.6 1983 782 413 117,7 22,1 53,3 1984 827 460 121,3 21,5 55,1 1985 863 469 142,9 23,0 65.7 (Schätzung)
Bei „Dritter Welt" sind hier die Erdöl exportierenden Länder des Nahen Ostens nicht mitgerechnet. *Brasilien, Mexiko, Argentinien, Indonesien, Südkorea, Venezuela, Philippinen.
Im übrigen würde jegliche Reduzie- des Großkapitals stärker gegenüber dem rung dieser Verschuldung sich sofort in eigentlichen industriellen Sektor wird. einem starken Schrumpfen der Ausfuh- [4] Folgende Zahlen machen diese Entren imperialistischer Länder in die wicklung deutlich:
VII
Anteil an Profiten in USA
Zirkulationskapital Industrie- (inkl.
kapital Bodenrente)
1950 50 40 1965 42 40 1975 32 47 1983 23 58 Natürlich darf man diese Tendenz, die unzweifelhaft vorhanden ist, nicht geradlinig in die Zukunft verlängern. Die „Desindustrialisierung" kommt für das Großkapital nicht in Frage. Würde sie doch bedeuten, daß man nicht nur die elektronischen Spielereien und die Video-Kassetten, sondern auch die Flugzeuge, Raketen und Computer im Ausland herstellen lassen müßte. Das wäre ein fataler Schlag für die Militärmacht der USA.
Ubrigens wird es dank der letzten Fortschritte in der Halbautomation jetzt wieder „rentabel", Textilien in der Schweiz und in den USA herzustellen —statt in RGW-Ländern oder Südostasien - da der Anteil der Löhne an den gesamten Produktionskosten so redu- ‹ ziert wurde.
Dennoch reflektiert sich alles, was seit Beginn der heutigen Depression, die eine lange Welle mit depressivem Grundton ist, geschieht, zum Teil ir diesem zeitweiligen Übergewicht des Parasitismus und der Spekulation innerhalb des angelsächsischen Großkapitals. So zum Beispiel darin, daß „Betriebszu- dest wird sie mit Sicherheit in Japan sammenschlüsse" im Ölbereich — die größere Ausmaße annehmen als die letzkeine einzige Tonne mehr erzeugen — te. mit Dutzenden Milliarden Dollar finan- (1) Siehe den Artikel von Ernest Mandel: Aufschwung ziert werden, während auf der anderen mit Finanzkrise* in INPREKORR Nr. 165 vom Seite Hunderttausende produktiver 1.10.1984. Kleinfarmer in den USA und anderswo (2) Autorenkollektiv unter der Leitung von Lall: Les multinationales originaires du tiersmonde, Presses universiwegen Kreditmangel in den Ruin getrie- taires de France, Paris 1984. ben werden... (3) Ähnlich wie Lenin in der Sowjetunion im März 1921 eine neue Linie einführte, die _ Neue Okonomische Poli- Faßt man alle diese Gegebenheiten Politik. Bei det die landeitsaftliche Produktion nine entschieden sich die chinesischen Führer für eine zusammen, kann man die Vorhersage treffen: eine neue Rezession wird die regt und gefördert wird. Dadurch entstand eine Schicht von reichen Bauern auf dem Lande. Diese Politik, die mit kapitalistische Wirtschaft um das Jahr der Entwicklung eines Privathandelsbereichs in den Städ- 1986 treffen, zusammen mit einer Ver- ten einhergeht, hat schwerwiegende Konsequenzen, nămschärfung des internationalen Kreditsy- lich eine verschärfte soziale Differenzierung und soziale Konflikte. stems und einer schweren sozio-ökono- [4) Der Genosse John Ross hatte schon für Großbritanmischen Krise in den abhängigen nien die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen gelenkt in Ländern, vielleicht im Abstand von ein seinem ausgezeichneten Werk: Thatcher and friends, Plu- to Press, London 1983. Kürzlich hat sich ein linker nieder- Seit Sept. 1949 März 61 Chronik des Dollar-Kurses 4,00 Oktober 69 Kurswert eines US-Dollars in DM August 71 21. Febr. 1985 Dezember 71 Nach
DM-Aufwertung Februar 73 März73 Nach DM-Aufwertung
Dollar-Goid - Bindung aufgehoben 3.Jan.80
Neu-Ordnung der Wechselkurse Hohe US-Zinsen Nach Dollar-Abwertung u.a. Gründe treiben Dollar-Kurs reier Wechselkurs DM/Dollar Reagan Präside iefste Dollar-Notierung oder anderthalb Jahren nach Beginn der ländischer Wissenschaftler namens Kees van der Pijl be- Rezession in den USA. Die nächste Re- müht, mit den entsprechenden analytischen Maßstäben zession wird die USA und Japan stärker die Gesamtheit der imperialistischen Länder zu untersuchen: The making of an Atlantic ruling class, Verso Books, treffen als die Länder Europas, zumin- London 1984. isp-Verlag
Jakob Moneta
Norbert Blüm
Herz-Jesu-Marxist oder kapitalistischer Propagandist?
Neuerscheinung
Freunde nennen Norbert Blüm Sein „Dritter Weg", der die „Herz-Jesu-Marxist". Seine unüberwindbaren Gegensät- Gegner halten ihn für den ge- ze zwischen Kapital und Arschicktesten Propagandisten beit „christlich" versöhnen des Kapitalismus. Seine bril- soll, ist aber illusionär, wie lant formulierten Lösungen Jakob Moneta in diesem Buch der sozialen Frage sind jedoch überzeugend nachweist. terminologische Crahtseilakte, die peinlich vermeiden, das 160 Selten, DM 20,- System selbst in Frage zustellen.
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