Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Osteuropa

Krise im real existierenden Sozialismus

Inprekorr Nr. 169, Mai 1985 · S. 33-38 · 3.890 Wörter

Sowjetunion Polen Jugend und Studenten Trotzki und Geschichte

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Krise im „real existierenden Sozialismus* Die sowjetische wissenschaftliche Presse diskutiert die Ursachen des Weges der osteuropäischen Gesellschaften in die Sackgasse. Marina Bek

Zu einem Zeitpunkt, als Michail Gorbatschow noch nicht Generalsekretär der KPdSU war, intervenierte er auf einer ideologischen Konferenz. Er verglich die Anstrengung, die „Intensivierung des Wirtschaftssystems" zU realisieren und den wissenschaftlichtechnischen Rückstand der UdSSR aufzuholen mit den während der Industrialisierung der 30er Jahre aufgebrachten Bemühungen. Und die Gefahr ist real: wird auf dem Gebiet der Spitzentechnologie nichts unternommen, und ganz allgemein nichts versucht, um der wirtschaftlichen Stagnation der letzten Jahre (1] ein Ende zu bereiten, dann wird sich der technologische Abstand zwischen der UdSSR und dem Westen noch vergrößern — mit allen Folgen, die das hat.

Eine Krise der Glaubwürdigkeit

Die Folgen eines solchen Rückstands sind nicht nur wirtschaftlicher Art. Sie beeinflussen auch die Grundlage des Regimes selber, seine Glaubwürdigkeit in den Augen der Bürger. Das vermerkt sehr richtig ein ungarischer Wirtschaftler, der im übrigen eine sehr klare Analyse der Gründe der ökonomischen Krise in den Staaten des Ostblocks entwickelt: „Man darf bei den sozialistischen Ländern nicht vergessen, daß die Frage der Wachstumsrate immer eine entscheidende politische und gesellschaftliche Frage im Verlauf der 60 Jahre gewesen ist, die seit der Errichtung der ersten sozialistischen Gesellschatt vertlossén sind. Zum einen, um beschleunigt die vorherige Unterentwicklung zu beseitigen, zum anderen, weil es notwendig war, die Uberlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung zu beweisen, ist eine hohe Wachstumsrate immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor für die Glaubwürdigkeit des neuen Gesellschaftssystems in Mittel- und Westeuropa gewesen."[2] Im Falle der Sowjetunion ist es augenfällig, daß das regelmäßige Steigen des Lebensstandards und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung im Verlauf der vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wie auch die große gesellschaftliche Mobilität eine wichtige Rolle für die relative soziale Ruhe gespielt haben, die dieses Land im Vergleich zu seinen Nachbarn gekannt hat. Daraus folgt durchaus nicht austomatisch, daß das Aussetzen dieses regelmaisıgen Fortschreitens kurztristig die ottene Gesellschattskrise herbeischwo ren wird. Es stimmt aber ebenfalls, daf sich im Laufe dieser letzten Jahre die Anzeichen auftretender Spannungengehäuft haben. Kein Wunder angesichts des Schlendrians, der Korruption, der Privilegien für die einen und des Mangels und der Erhöhung der Arbeitsdisziplin für die große Mehrheit. Die außerordentlich günstige Aufnahme der Antikorruptionskampagne Andropows ist ein Anzeichen dafür. Betrachtet man die Dinge gründlicher, dann hat das Unvermögen des Regimes, Werte zu schaffen, mit denen sich die Jugend und die Arbeitenden identifizieren können, in diesen Schichten die Tendenz verstärkt, sich immer mehr als außerhalb des Systems stehend zu betrachten.

Bereits seit langem macht sich die Sowjetführung über „negative" Tendenzen, die sich bei Jugendlichen breitmachen, Sorgen. Die Prawda vom 7.7.1984 betonte, daß man in ihnen den Beweis dafür erblicken müßte, daß die Komsomolzen bei ihrer Aufgabe einer politischen und moralischen Erziehung „erhebliche Niederlagen" erlitten hätten. Die Kritik, mit der die Jugend überschüttet. wird, bezeugt ihrerseits, wie weit diese Erscheinung um sich gegriffen hat. Sie wird der „Immoralität und der Duldung von Mißbräuchen" ; einer „unpolitischen Haltung, Passivität und Gleichgültigkeit" geziehen; der Alkoholismus entwickele sich bei ihr auf besorgniserregende Weise, ebenso wie ihre „Konsumbegeisterung, ihre unpolitische, unmoralische und blinde Nachahmung der westlichen Mode, ihr Individualismus und ihre oberflächlichen Vergnügungen". Wie kann man in einer solchen Situation abhilfe schaffen? bei einer Rede vor den Komsomolzen am 28. Mai 1984 hatte Konstantin Tschernenko sein Rezept gegeben. Um aus den Jugendlichen „würdige Bürger der Sowjetgesellschaft" zu machen, müßte man sie „um die alte Garde sammeln" und ihre patriotische und militärische Erziehung verstärken. Das ist zweifellos nicht sehr verlockend für Jugendliche, die sich um jeden Preis um die Poster des amerikanischen Sängers Michael Jackson reißen.

Verwahrloste Jugend, negativistische Künstler

Ebenfalls verstärkte patriotische und militärische Erziehung riet der gleiche Tschernenko auch den Schriftstellern und den Künstlern, als er den Kongreß zum 50. Jahrestag der Union der Schriftsteller eröffnete. Er appellierte an seine Zuhörer, in den Mittelpunkt ihres Schaffens einen positiven sozialistischen Helden" zu stellen. Damit hat er zweifellos keine Antwort auf die Unruhe •gegeben, die in Kreisen der Kulturschaffenden angesichts der Zensur und des dadurch in ihren Reihen bewirkten Aderlasses herrscht.

Die Ausreise ins-Exil von Leuten wie der Filmregisseur Tarkowski oder der Theaterregisseur Ljubimow, denen die UdSSR eine Reihe ihrer besten Produktionen verdankt, kann diese Unruhe nur steigern. Und viele fragen sich bei diesem «positiven sozialistischen Helden", wer

Seite 34

das wohl heute in der UdSSR sein könnte. Diese Fragestellung wurde bei der Diskussion sichtbar, die von der Wochenzeitschrift Literaturnaja Gazeta über die „Werte" eröffnet wurde, die in den literarischen Werken im Vordergrund stehen sollten. In dieser Diskussion standen sich die gegenüber, die meinten, daß das Problem der Werte und teilweise das Problem der Grundlage des Wesens der moralischen Ideen nicht nur allein von unseren Philosophen nicht gelöst, sondern noch nicht einmal gestellt worden ist," und die anderen, die meinten, daf auf diesem Gebiet wie auf allen anderen Marx, Engels und Lenin alles gelöst hätten.[3] Wichtiger ist da schon die Besorgnis, die seit einiger Zeit die sowjetischer Führer über die Einstellung der Arbeiter zeigen. Noch nie war es so klar, dais die Arbeitenden, die ja angeblich die Macht in der UdSSR innehaben, sich nicht mehr mit der Regierung identifizieren. Was den Führern diese Unruhe eingibt ist ganz schlicht, daß sie keine Ahnung davon haben, was die Meinung der Arbestenden ist. Wie auch könnte sich die in der UdSSR äußern? Aber statt nun deshalb Organe der Arbeiterdemokratie einzuführen, wandten sich die Führer Militärparade zum | ahrestag der Oktoberrevolution lieber dem Herrn Gallup zu, dem Erfin- „die da oben" und „wir hier unten" der der Meinungsumfrage. spalten empfinden und den Mangel an Ein Spezialist: „Die öffentliche Mei- Gleichheit beklagen. nung ist ein Barometer... Oft erhält man „Die da oben" sind die Privilegierten, so eine rechtzeitige Warnung vor Wi- die nicht viel zu tun haben, aber den dersprüchen, vor Konflikten, die von Löwenanteil der dauerhaften Konsum- Entwicklungen des gesellschaftlichen güter abbekommen (Autos, Fernseher Lebens genährt werden, von der gestie- etc.).„ Wir hier unten" sind die große genen Komplexität gesellschaftlicher Mehrheit der arbeitenden Menschen, Beziehungen..."[4] Das Juni-Plenum von denen viele sich fragen, warum sie 1983 des ZKs beschloß also die Grün- mehr arbeiten und verdienen sollten, dung eines Zentrums zum Studium der wenn sie doch nicht das bekommen könöffentlichen Meinung. Die ersten Aus- nen, was sie wollen.[5] wertungen solcher Untersuchungen wa- Die plötzliche Sorge der Führer über ren für die Führung nicht sehr ermuti- die öffentliche Meinung kommt sicher gend, da sie eine völlige Entfremdung aus den polnischen Ereignissen. Aber der Arbeitenden vom System aufschei- durch die unter Umständen steigenden nen ließen. Spannungen in den Fabriken, die aus der Verschärfung der Arbeitsdisziplin resul- Stimmung tieren könnten, wurde sie sicher noch in der Arbeiterklasse dringender. Angesichts der sich häutenden wirt- Das selbe Bildergibt sich aus den Briefen, schaftlichen, sozialen, politischen und die täglich in den Radaktionsstuben der ideologischen Probleme waren die so- Leitungen und Magazine eintrudeln. In wjetischen Führer absolut unfähig, mulem sie sich auf Briefe an die Zeitschrift tige Antworten zu ihrer Lösung zu ent- Sowjetskaja Kultura bezog, äußerte N. wickeln. Egal ob „Konservative" oder Rimaskewskaja ihre Sorge „Reformer" — letzte Ausflucht bleibt darüber, daß die meisten Absender die die Drohung mit dem Knüppel. Das besowjetische Gesellschaft als scharf in ste, was sie bringen, sind noch die Flick-

Seite 35

werk-Reformen der Wirtschaftsführung.

Jedoch gibt es Leute in der UdSSR, die an einer Gesamtanalyse der Gesellschaftskrise und deren Heilmitteln arbeiten. Viele von ihnen sind Mitglieder von Instituten der Nationalökonomie oder der Soziologie. Daß die von diesem Personenkreis begonnene Debatte ihren Weg in die offiziellen Zeitschriften gefunden hat, ist zweifelsohne ein Zeichen dafür, daß sie sich mit Fragen befalst, die auch aut höchster Ebene drücken. Nowosibirsker Soziologin Tatjana Zasklawskaja enthüllte das Bestehen einer retormistischen Strömung unter den sowjetischen Intellektuellen und Forschern.[6] Zasklawskaja brachte eine detaillierte Analyse der Ursachen der Wirtschaftskrise und der zur Lösung erforderlichen Reform, wobei sie besonders die gesellschaftliche Seite einer solchen Reform betonte, die Notwendigkeit, die Initiativkraft der Massen zu stimulieren und der bürokratischen Zentralisierung ein Ende zu setzen. Ihr Bericht ist nie veröffentlicht worden, obwohl er einer offiziellen Konferenz vorgetragen worden war. Aber dies gilt für andere Befürworter von Reformen nicht, deren Denken sich eher auf theoretischen Bahnen bewegt.

Eine Debatte entfaltet sich Vor zwei Jahren wurde in der Woprosy Filosofi („Philosophische Fragen") und der Woprosy Istorii (,Historische Fragen") eine Debatte eröffnet, die sich mit den Ursachen der Krisen und Schwierig keiten der „sozialistischen Länder" beschäftigt. Die Initiative ging von Mitgliedern des Wirtschaftsinstituts für das Sozialistische Weltsystem aus. Am Anfang ging es um die Ursachen der polnischen Krise. Und hier gingen ihre Erklärungen schon weit über die offizielle Version einer amerikanischen Verschwörung oder individueller Fehler der Führer hinaus. In der Folge dehnten sie ihre Analyse auf die „sozialistischen Gesellschaften" insgesamt aus. In der Woprosy Filosofi wurde die Debatte mit einem langen Artikel von A. P. Butenko eröffnet über die Widersprüche in der UdSSR. Er stützte sich auf einen Artikel von P. Fedosejew und wies die Vorstellung zurück, diese Widersprüche seien nicht-antagonistischer Art. Fedosejew hatte geschrieben: » Wie die historische Erfahrung lehrt, ist es unmöglich, die Potentialität auszuräumen, daß unter besonderen Bedingungen — als Folge einer Anhäufung von Mängeln über einen langen Zeitraum hinweg in den Körperschaften, die für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau verantwortlich sind und die die kulturellen u.a. Angelegenheiten tagtäg- zum Beispiel der Besitz der Produklich anleiten - nicht-antagonistische tionsmittel durch das ganze Volk vom Widersprüche sich in antagonistische Besitz der Produktionsmittel durch eine verwandeln."[7] Gruppe ersetzt worden, die Planung Für Butenko lag die Tatsache, daß durch eine unkontrollierte Entwick- Polen im Laufe der Zeit von einer Krise lung, der demokratische Zentralismus in die andere stolperte, nicht bloß in durch bürokratische Zentralisierung Fehlern der Führung begründet, son- der anarchischen Dezentralisierung. Eidern „eher die soziale Folge eines Man- ne flagrante Verletzung kommt zustangels an Erkenntnis der realen Wider- de, wenn in der Praxis der beiderseitige sprüche der neuen sozialen Ordnung." Kontakt zwischen Führern und Geführ- Jene, die akzeptieren, daß es im Sozialis- ten — also von unten nach oben wie von mus Widersprüche gibt, betonten stän- oben nach unten — auf simple Kommandig ihren nicht-antagonistischen Cha- dos von oben reduziert wird. Die Versurakter. Aber „wenn du die historische che, die Arbeitermacht durch die Funk- Erfahrung aller sozialistischen Länder tionsweise eines einheitlichen Staatsapuntersuchst, wird es dir schwerfallen, parats zu ersetzen, der im Namen der damit noch übereinzustimmen." Arbeiter handelt, aber nicht in ihrem Laut Butenko ist der grundlegende Interesse, sind mit dem wissenschattli- Widerspruch im sozialistischen System chen Sozialismus unvereinbar.(9] der zwischen den Produktivkräften und In den Spalten von Woprosy Filosoft den Produktionsverhältnissen, genauer, sprachen sich sowohl Unterstützer als zwischen „den wachsenden Produktiv- auch Gegner der Thesen von Butenko kräften der sozialistischen Gesellschaft aus. Alle waren sich darüber einig, die und dem heutigen System der Produk- Analyse der sozialistischen Gesellschaftionsbeziehungen." Diejenigen, die alle ten. weiter zu tragen, als sie bisher betrie- Widersprüche leugnen, fragt er, was sie ben worden ist. Aber die Kritiker Butendenn tun wollen, wenn die sozialisti- kos betonten den nicht-antagonistihen Produktionsverhaltnisse autg schen Charakter der Widersprüche und rt haben. die Produktivkratte noc die Verantwortung des Imperialismus voranzubringen.(8] für die „Krisen des Sozialismus" In der Zeitschrift Nowoje Wremija Die Debatte findet in anderen osteuumriß Butenko bezüglich Polen, was mit ropäischen Ländern ihr Echo, besonders dem „heutigen System" der Produk- in Polen und Ungarn; in Polen trägt der tionsbeziehungen gemeint sei: „So ist Direktor des Instituts für Grundlagen- REFORMBÜRO bitte warten tifi + •+.

| Karikatur von Much, gegenstimmen (Wien)

Seite 36

Ebene korrekt, gilt jedoch nur unter der ... und weiters wurde der Angeklagte Annahme, daß nicht-antagonistische Widersprüche sich nicht in eine Richtung entwickeln können, die die Herausbildung von eigenen Interessen bei den unterschiedlichen Gruppen und Kräften bedeutet, die hinter diesen Widersprü- Warschaus raste in der Absicht chen stehen, und die sich dann weiter den Sozialişmus zu zerstoren und weiter auseinanderbewegen. Jedoch zeigt die Geschichte des real existieren und die polnisch-sowjetische den Sozialismus, daß ein solches Auseintreunaschartzu unterminieren. anderklaffen entwickeln kann. Nicht-antagonistische Widersprüche können sich so entwickeln, daß es unter Umständen zu einer tiefreichenden Veränderung der Interessenlage der sich gegenüberstehenden sozialen Kräfte kommen kann, obwohl zu Beginn die Karikatur von Much, Widersprüche nicht-antagonistischer gegenstimmen (Wien) Natur waren. Betrachten wir als Beispiel das Problem von Führern und Geführten in einer sozialistischen Gesellschaft.

probleme des Marxismus-Leninismus Sozialismus, können die nicht-antagoni- Deren Interessen stehen im Widerder regierenden PVAP, Wiatr, ähnliche stischen Widersprüche, die der histori- spruch zueinander, auch wenn sie nicht Ansichten wie Butenko vor. Einserseits schen Entwicklung des Sozialismus in- antagonistisch sind. entflössen die Fehler, die sich die polni- härent sind, sich in Widerspruche sche Führung leistet, der Natur des poli- verwandeln, die die Eigenschaften von tischen Systems des Landes mit seiner antagonistischen haben. Die Behaup- Wenn jedoch die Führer sich immer Überzentralisierung der Macht. Ande- tung, daß unter dem Sozialismus nur weiter von den Geführten entfernen und rerseits sieht er aber auch die Ursache im nicht-antagonistische Widersprüchebe- anfangen, aus ihrer Position Vorteile zu Fallenlassen des „polnischen Modells stehen könnten, stützt sich wesentlich ziehen, um ihre egoistischen Gruppendes Sozialismus" , das am Ende der 40er daraut, dais es keine Ausgebeuteten ge interessen zum Schaden der Gesell- Jahre durch das „sowjetische ideologi- ben kann, wenn es keine Ausbeuter gibt schaft und der Arbeitenden zu fördern, , sche Modell" ersetzt worden sei. Unter und wenn es beide nicht gibt, dann auch so können diese egoistischen Gruppendem Titel „Über die theoretischen Kon- keine Klassen, mit sich gegenseitig wi- interessen und die Arbeiterinteressen zeptionen eines gewissen polnischen dersprechenden Interessen, kurz, dals es zu sich gegenseitig ausschließenden wer Philosophen" wurde Wiatr in der Wo- unter dem Sozialismus keine sozialen den, und dann nehmen sie wohl auch prosy Filosofi schart angegriften. Antagonismen geben könne. einen antagonistischen Charakter an. Es Butenkos Gegenangriff fiel sehr deut- Wer sind die muß nochmal betont werden, daßes sich lich aus und setzte den Schwerpunkt auf Verkörperungen hier nicht um „Restantagonismen" oder „antagonistische" und „nicht-antagoni- der sozialen Übel? „Muttermale des Kapitalismus" hanstische" Widersprüche, wie er sie schon delt.

einmal dargelegt hatte.[10] Es lohnt Dieses Argument ist auf allgemeinster Ein solches Zurückrutschen, eine solche sich, hier einen längeren Auszug widerzugeben:

„Wenn man die einer sozialistischen gegenstimmen Unsere Plattform Gesellschaft innewohnenden Immer mehr Sozialisten und Marxisten im Westen beziehen sprüche analysiert, ist es von äußerster Stellung gegen die Unterdrückung der demokratischen Freihciten in den osteuropäischen Ländern. Die Arbeiterbewegung hat au Wichtigkeit, die Beziehungen zwischen diesem Gebict die gleiche internationale Verantwortung wie be * der Unterstützung antiimperialistischer Kämpfe in der Dritten den Widersprüchen und den Interessen Welt. Eine sozialistische Strategie im Westen muß eine Einhei zu identifizieren. Wenn wirzum Beispiel mit den antibücokratischen Kämpfen im Osten bilden. Die stalinistischen Regimes in Osteuropa haben den Sozialismus in über so negative Erscheinungen wie Bü- Part. den Augen vieler in Mißkredit gebracht. Wir können deshalb die rokratie, Formalismus, Konservativis- Berichterstattung über diese Länder und die Solidaritle mit der demokratischen und sozialistischen Opposition nicht den mus und Lokalismus reden und darüber, bürgerlichen Medien überlassen. wie diese die sozialistische Entwicklung hemmen, sowie die Widersprüche die Mit der Herausgabe dieser Zeitschrift wollen wir: sich daraus wiederum ergeben, dann ist es doch klar, daß wir nicht über einen • Dokumente der demokratischen und sozialistischen Opposition unpersönlichen Auswuchs des sozialen veröffendlichen Organismus sprechen, sondern über • Analysen und Berichte Über die Siruation in den oscuropäi. wirkliche Individuen, die die Verkörpe- shen Ländern verbreiten rungen sozialer Übel sind. Wer sind sie? • Ober die Diskussion in den Organisationen bewegung im kapitalinischen Wenen berichten und Solidaritäts. der Arbeiter. Wo kommen sie her? Sind die fraglichen UNGARNI akrionen unsereõten Übel (um mal von anderen nicht zu spre- chen wie Parasitismus, Spekulation Erinnerung der Toten • Machtzuwachs SOWIETUNION • Mit anderen Orteuropakomitees und Gruppen mit denselben LBANIEN: Das Land der glücklichen Staliniste Zielsetzung ausammenarbeiten usw.) antagonistisch oder nicht-antagonistisch für den Fortschritt des Sozialis- Nr. 19 Je Probiche 1983 as 25DM) etrieb für Einzelbesteller und Wiederverkäu der BRD und Westberlin: Isp-Verlag, Postfox mus? [...) Gegenstimmen berichtet vierteljährlich über 11 10 17,6000 Frankurt 1. Opposition, Repression, Alltag, Kulfur und Krise Abobestellungen nur an dle Redaldion: Gegen- Unter bestimmten Bedingungen, insbe- in Osteuropa. stimmen, Postfach 41, A-1033 Wien, Jahresabo sondere im Falle der Deformationen des Einzelheft: DM 5,- . DM 20,-. Seite 36 Nr. 169, Mai 1985

Seite 37

Regression kann nicht nur unter dem Sozialismus auftreten, sondern ist unter dem Sozialismus aufgetreten... Wenn man also die Natur der Widersprüche betrachtet, die in einer sozialistischen Gesellschaft auftreten, ist es notwendig, den Prozeis in der Reihentolge zu analysieren, in der die Veränderungen auch stattfinden, und nicht nur vom Standpunkt der Widersprüche und der Mittel zu ihrer Auflösung aus, sondern auch unter Betrachtung der Kräfte, die hinter ihnen stehen."[11] Als Zasklawskaja in ihrer detaillierten Untersuchung der sowjetischen Wirtschaftskrise diesen Konzepten auch Name und Adresse verlieh, bekamen die Autoritäten kalte Füße, und das überrascht nicht.

In Woprosy Istorii wurde die Debatte von E. A. Ambartsumow eröffnet, dem Direktor einer Abteilung des Wirt schaftsinstituts für das Sozialistische Weltsystem. Seine Unorthodoxie hatte sich schon in den 60er Jahren in der Reformdebatte gezeigt.[12] In seinem Artikel, betitelt „Lenins Analyse der Ursachen der Krise von 1921 und der Mittel, aus ihr herauszukommen" , zog er eine Parallele zwischen der heutigen wirtschaftlichen und sozialen Lage und der zu Beginn der 20er Jahre. Und er schlug die Einführung einer NEP vor. Auch Ambartsumow begann mit der te dann seine Überlegungen auf alle „so- Analyse der polnischen Krise und dehnzialistischen Länder" aus. Die sowjetische Literatur, erklärte er, „war bis heute nicht in der Lage, eine allgemeine Theorie der Ursachen der Krisen im Sozialismus zu liefern. " Under führte diese Krisen auf: DDR 1953, CSSR 1968, Polen 1970 und 1980.

Eine neue NEP

Laut Ambartsumow kam es zu diesen Krisen, weil die Führer den Kontakt mit den Geführten verloren, als „Widersprüche, ja Konflikte zwischen der Politik der revolutionären Regierung und den vitalen Interessen bestimmter Sektoren der arbeitenden Massen aufkamen, die zu tiefsitzenden Ausdrücken der Unzufriedenheit führten." Zugleich wies Ambartsumow auf die inländischen Ursachen der Krisen hin, indem er beconte, „konterrevolutionäre Kräfte können die Unzufriedenheit des Volkes nicht aufwiegeln, wenn keine Anlässe für Unmut im Lande selbst bestehen und diese nicht von den Führern mißachtet werden."

Der Grund für die NEP sei gewesen, Zugeständnisse an die Bauernschaft machen zu müssen, um ihre Unterstützung Für die bolschwistische Regierung zu gewinnen - dies sei die erste „Krise des Sozialismus" gewesen. Seiner Meinung nach sollten die Lehrender NEP-Zeit als Man möchte fragen, was ist denn die für heute in der UdSSR und dem Rest Linie? Daß diese Debatte über einen Osteuropas gültig betrachtet werden. Zeitraum von zwei Jahren hinweg statt- Das wiedererwachte Interesse an der Pe- finden konnte, deutet auf fehlende einriode der NEP ist weder ein isoliertes heitliche Meinung in der sowjetischen noch ein neues Phänomen.[14] Sie fand Führung selbst hin. Daß eine Debatte schon in der Debatte über Wirtschafts- über diese Fragen auch auf Spitzenebene reformen in den 60er Jahren seinen Aus- stattgefunden haben muß, könnte durch druck.[15] Dies steht für die Tendenz die Veröffentlichung zweier Artikel im bestimmter Wirtschaftswissenschaft- Komunist vom April 1984 belegt werler, in der Geschichte des eigenen Landes den, die sich mit dem Schaden befassen, und in den intensiven Debatten, die in der der Partei durch Fraktionskämpfe der Vergangenheit stattfanden, zu su- entsteht. Einer davon wurde vom Konchen, und besonders die Ideen von Niko- servativen Bugajew unterzeichnet, der lai Bucharin scheinen ihnen die Antwor- andere von Schikin, der für seine reforten auf die Fragen zu geben, die sie heute mistischen Neigungen bekannt ist. Diestellen. se Debatte so zu stoppen war eine der Bedeutender vielleicht noch als die letzten Handlungen der Führung um Referenzen auf die wirtschaftlichen Tschernenko. Aber die aufgeworfenen brennenden Fragen bleiben auf der Ta- Maßnahmen der NEP (die Frage, von gesordnung. welchem Wert diese heute sind, würde eine eigene Untersuchung erfordern) ist [1] Gewiß wurde eine leichte Besserung im Jahre 1983 die Parallele, die Ambartsumow zwi- estgestellt, aber sie hielt 1984 nicht an. Die Getreideerzeugung allerdings ist in einer außerordentlich kritischen schen der sozialen Lage von damals und Situation. heute zieht, also, wie die Führung mit [2) Laszlo Szamuely. The Eastern European Economic Teilen der arbeitenden Massen den Kon- Situation an the Prospects of Foreign Trade, New Hungarian Quarterly Nr. 95, Budapest Herbst 1984, S. 61. takt verlor (Angesichts der sozialen (3) Die erste Position nahm z.B. A. Gulyga, Tschelo- Veränderungen in der Sowjetunion kön- wetschkoje v Tschelowetscheske, Literaturaja Gazeta Nr. 11 1984, ein. Für die zweite steht B. Slawin, Gde iskat' nen sie sich dabei natürlich nicht nur aut idealy?, ebda., 12.9.1984. die Bauernschaft beziehen.) (4) R. Safarow, Oschtschestwenoje Mnenije — Izuche- Die alten hard-liner, die sich in der nije i Deiswenost, Prauda, 25.1.1981. Zeitschrift Komunist äußern, liefen ge- [5] N. Rimaskewskaja, Mir Ljudej i Mir Veschtschej. Sowjetskaja Kultura, 29.9.1984. gen Ambartsumow Sturm und wiesen [6). Lange Auszüge aus diesem Bericht wurden in dem natürlich alle Analysen und Vorschläge Pariser Magazin L'Altemative veröffentlicht, Nr. 26, 3. zurück.[16] Sie griffen auch die Woprosy 4/1984. [7] P. Fedosejew, Dialektija Obschtschestwenoj Zhizni, Istori an, weil sie nicht die nötige Her- Problemi Mira i Sotsialisma Nr. 9, 1981. ausgeberpflicht gewahrt hätten. Andere (hestwenogo Stroja, Woprory Filosof Nr. 10, 1982. A. Butenko, Razwitija Sotsialisma kak Obscht- Maßnahmen wurden ergriffen. In der Ausgabe vom November 1984 infor- (9] A. Butenko, Forms and Deformations of Socialism, emps Nowerranx Nr. 6, 1982.

mierte der Komunist seine Leser, dais [10) Woprosy Filosofi Nr. 12, 12/1983. Woprosy Istorii die Korrektheit dieser [11) A. Butenko, Eschtsche Raz o Protiworetschijach Kritiken anerkannt habe - nach einem Sotsialisma, Woprosy Filosofi Nr. 2, 1984. (12] Moshe Lewin, Political Undercurrents in Soviet Treffen der Herausgeberkomitees hi- Economic Debate, Pluto Press, London 1975. storischer Zeitschriften, bei dem „emi- (13] E.A. Ambartsumow, Analiz V.l. Leninym Pritnente" Historiker und Vertreter der Hi- schin Krizisa 1921 i Putei Vychoda iz Nego, Woprosy Istori Nr. 4, 1984.

storischen Abteilung der Akademie der (14] Zenowja A. Sotschor, NEP Revisited: Current Wissenschatten teilgenommen hatten. Soviet Interest in Alternative Development, Soviet Union Woprosy Istori mußte versprechen, ei- Nr. 9. Teil II, 1982, S. 189 - 211. (15) Moshe Lewin, a.a.O.

nen Artikelin Übereinstimmung mit der [16] E. Bugajew, Strannaja Pozitsia, Komanist Nr. 14, Linie zu veröffentlichen. September 1984. - Liebe Abonnentinnen und Abonnenten! Bitte Denkt daran, uns Eure Adressenänderungen mitzuteilen, wenn Ihr umzieht! Es geschieht viel zu oft, daß jemand von Euch im postalischen Nichts verschwindet. *** : Wenn Ihr nicht mehr wißt, mit welcher! Nummer Euer Abonnement ausläuft, schaut Lauf den Adreßaufkleber; dort steht über'" !! Eurem Namen die Nummer, mit der Euer Abonnement ausläuft.

- Danke:

Seite 38

IV. INTERNATIONALE

UND INTERNATIONALE ARBEITERBEWEGUNG Japan