Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dokumentation

Die Chancen für eine revolutionäre Linke

Inprekorr Nr. 167, März 1985 · S. 9-12 · 1.962 Wörter

Polen

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Der Scan dieser Nummer wird nicht veröffentlicht; vor dem Zitieren bitte das gedruckte Heft prüfen.

Die Chancen für eine revolutionäre Linke „Die Arbeiteropposition wird sich anfangs auf verschiedene Strukturen, Kommissionen, Zeitungen und andere Publikationen stützen, die alle durch eine gemeinsame Strategie zusammengefaßt sind: den Kampf Diese folgende Kurzversion eines Artikels soll in voller Übereinstimmung. Wir und der Autor sind eine Diskussion einführen zur Ausarbeitung konkreder Meinung, dais die gegen die Herausgeber der ter Aktionsformen. Das ist ein Thema, auf das wir in Robotnik, mit denen wir eine zeitlang zusammengeunseren Kolumnen mehr als einmal zurückgekomarbeitet haben, gerichtete Kritiken keinen Angriff men sind, um die Ansichten und Vorstellungen der auf einen politischen Gegner darstellen, sondern eine PRO (Nationale Widerstandsbewegung) zu erläukonkrete Debatte über die Perspektiven der polnitern. Der Herausgeberkreis weiß sich mit den vom schen Linken in der heutigen Lage zu fördern versu- Autor geäußerten Ansichten in diesem Artikel in chen, national wie international.

Seite

Seite 10

Robotnik, die Warschauer Zeitschrift, brachte zu Beginn des Jahres einen Artikel raus mit dem Titel „Der Weg zueiner neuen Partei" (vorstehend) Der Artikel beginnt so: „In vielen gesellschaftlichen Kreisen wird die Frage begutachtet: soll die Polnische Sozialistische Partei (PPS) wiederbelebt werden, und wenn, wann?"

Der erste Teil der Frage, sollte die PPS wiederbelebt werden, wird in der Tat von einigen Aktivist/inn/en der Solidarność gestellt. Diese Frage ist bedeutend und impliziert gleich eine weitere, auf die 10!

wır unbedingt eine Antwortfinden müssen: Was sind die Perspektiven der polnischen Linken? Oder direkter: Was sind die Perspektiven der revolutionären Strömung in der polnischen Oppositionsbewegung?

Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, laßt uns rasch die wichtigsten Charakteristika dieser Strömung definieren. Diese sind, daß sie für den Sturz des gegenwärtigen Machtsystems durch Revolution kämpft und für dessen Ersetzung durch eine selbstverwaltete Republik. Sie sieht die Arbeiterklasse als Motor dieser Revolution. Sie hält die Tradition revolutionären Denkens der Arbeiterbewegung aufrecht und stellt Arbeiterkontrolle und Sozialismus dem stalinistischen System als Alternative entgegen.

Obwohl von geringer Stärke, so existiert so eine Strömung in Polen doch und kämpft innerhalb der Strukturen von Solidarność. Ihre Ansichten finden unter den Mitgliedern der Opposition ein wachsendes Echo. Viele von diesen würden ihre Ansichten niemals als revolutionär oder links definieren, aber dennoch unterstützen sie die zentralen Vorstellungen der revolutionären Strömung. Und zwar deshalb, weil sie in ihren Augen die besten Antworten auf die politische Lage in Polen und die Bedingungen, unter denen sich die Arbeiterklasse sieht, gibt.

Die Zeitung Robotnik hat eine klare und simple Vision von der Zukunft der polnischen Linken: es wird notwendig sein, die PPS wiederaufzubauen und sie zu einer sozialdemokratischen Partei zu machen. Der erste Irrtum des Herausgeberkreises der Robotnik liegt in der Art, wie er die Organisationsfrage der Linken stellt.

Für diese Autoren ist die Partei, hier die PPS, die einzig mögliche Lösung des Problems der Organisation, und deren Aufbau soll sofort angegangen werden. Dies soll auf verschiedene Weise geschehen, vor allem aber von oben, durch Leute von gesellschaftlicher Reputation, die für ihren Beitrag zur Sache des demokratischen Sozialismus bekannt sind, sie sollen die sozialistische Alternative vorbringen.

Der fragliche Artikel stellt fest, es sei „heute lagesautgabe, die Kooperation zwischen den Herausgebern und Blättern zu entwickeln, sowie die Diskussion über verschiedene Aspekte eines Alternativprogramms zur Politik der PVAP, eines Programms des demokratischen Sozialismus, das auf die wirklichen Bedingungen zu Ende des 20. Jahrhunderts eingeht.

Unglücklicherweise werden wir nur mit einem Alternativprogramm zu dem der PVAP keine Arbeiterpartei aufbauen. So ein Programm brauchen wir nicht, wir brauchen ein Programm des Kampfs gegen die PVAP und die Bürokratie. Es fällt auf, daß die Artikel über Programm und Organisation in Robotnik Kampfes der Arbeiterklasse erwähnen oder fragen, was die Strategie sein sollte die die Körperschaften von Solidarnosć annehmen sollten. Für die Autoren von Robotnik besteht eine völlige Getrenntheit zwischen der Partei und dem Programm einerseits und der Perspektive des Kampfes gegen die Autoritäten andererseits.

So gesehen stellt sich das Problem des Aufbaus einer neuen Organisation der Linken recht einfach dar. Aber das ist natürlich eine Illusion. Eine Organisation baut sich nicht auf, indem man „Baut die PPS auf!" ruft und noch ein nettes Programm nachschiebt. Es ist vielmehr notwendig, zwei Ebenen der Aktivität miteinander zu verbinden, ein Programm des Klassenkampfes aufzustellen und auf dieser Basis eine Organisation der aktivsten Militanten zu bauen. Wenn man die Frage aufwirft, ob es heute nützlich ist, die PPS wiederzubeleben, ohne sich zu fragen, welche Rolle diese Partei denn in Hinblick auf den Sturz der Bürokratie spielen soll, dann gerät das bloß zu einer abstrakten Übung. Es sei denn, sie meinen eine Partei, die nur aus einer kleinen Truppe intellektueller Träumer besteht... Aber wir wissen, daß dies nicht die Sorte Partei ist, die zur Diskussion steht. Der zweite große Fehler, der vom Herausgeberkreis von Robotnik begangen wird, 'hat mit dem politischen Charakter einer jeden neuen Partei zu tun. Der Name - Polnische Sozialistische Partei — als solcher ist egal. Aber der Vorschlag, die neue Organisation der Linken müsse ein sozialdemokratisches Erscheinungsbild haben, läßt ein Mißverständnis erahnen.

Denn gerade in Robotnik werden andauernd politische Ideen vorgetragen, die — zu recht — in direktem Gegensatz zu Programm und Praxis der Sozialdemokratie stehen. Trotzdem sagen die Autoren dieser Artikel nicht nur, daß der Sozialdemokratismus die politische Glaubensrichtung der kommenden PPS sein solle, sondern überschlgen sich auch vor Lob für diese westlichen sozialdemokratischen Parteien.

In einem anderen Artikel lenkt der Autor unsere Aufmerksamkeit auf die augenscheinliche Stabilität des kapitalistischen Systems und vergleicht diese mit der Instabilität des polnischen Systems. Dann schließt er, „die Kommunisten und ihr System können für die PPS kein Verhandlungspartner sein wie das kapitalistische System für die westlichen Sozialdemokraten."

So eine krasse Vereinfachung kann

Seite 11

von uns nicht kommentarlos stehengelassen werden. Das kapitalistische System steht nicht nur einfach mit den westeuropäischen Sozialdemokraten in einer partnerschaftlichen Beziehung Diese Parteien sind in das System integriert; sie sind eine unverzichtbare Kurzschlußsicherung, sie entschärten die spontanen Rebellionen der Arbeiterklasse und lenken gesellschaftlichen Protest in parlamentarische Kanäle ab. Zudem bekleiden die wichtigsten Führer dieser sozialdemokratischen Parteien des Westens oft noch führende Posten bei Banken und riesigen kapitalistischen Unternehmen. Es wäre angebrachter, die westlichen Sozialdemokraten mit den liberalen Strömungen in der PVAP zu vergleichen. Wie sie kritisieren die westlichen Sozialdemokraten bestimmte isolierte sozial-ökonomische Phänomene, während sie zugleich das System als solches aufs schärfste verteidigen.

Will der Herausgeberkreis der Robotnik seiner Leser veräppeln oder sich selbst? Denn in anderen Artikeln über die gegenwärtige Lage in Polen und die Probleme der Oppositionsbewegung finden wir Ideen, die von den reformistischen Vorstellungen der Sozialdemokratie Millionen Kilometer entternt sind. ,....die Aufgabe der polnischen Sozialisten in den 80er Jahren ist... die Losungen und Ideale aufzugreifen, für die Ludwik Warynski und Janek Wisniewski, die Arbeiter der Pariser Kommune und die polnischen Arbeiter der Werft ‚Pariser Kommune'|*] ihr Leben gaben," schrieb Igor Lewy ineinem Artikel, der betont, daß Jaruzelski kein Verteidiger des Sozialismus ist. In einem weiteren Artikel spricht der selbe Autorvoneiner „totalen Transformation des Machtsystems" , weil „eine Kompromiß heute nicht mehr möglich" ist. Diese Worte geben die politischen Vorstellungen der revolutionären Linken wider. Sie haben nichts, aber auch gar nichts mit der Ideologie der Sozialdemokratie gemein. Warum dann hat der Herausgeberkreis der Robotnik, die ganz ohne Zweifel eine der besten Zeitungen ist, die heute von Solidarność- Aktivist/inn/en produziert wird, beschlossen, den Vorschlag für einen NIEZALEZNY SAMORZAONY ZWIAZEK ZAWODOWY™ SOLDARNOL sofortigen Aufbau der neuen Partei zu lancieren, und dazu noch einer Partei mit lancieren, und dazu noch einer Partei sozialdemokratischen Typs?

Verleicht kommt die Entschlossenheit, schnellstmöglich eine Partei zu bilden, aus dem Verlust des Vertrauens in die Wirksamkeit des politischen Kampfes, wie er heute von der Massenbewegung im Untergrund geführt wird. Einige in Kobotnık verottentlichte lexte lassen ein gewisses Getuhl von Enttäuschung über die Haltung der zivilen polnischen Gesellschaft erahnen: „Die schweigende Mehrheit guckt Fernsehen, trinkt Wodka, spuckt, seufzt, haßt im Stillen und betet, daß der Blitz aus heiterem Himmeleinschlagen möge. Die zivile Gesellschatt läßt sich durch das Denken der Avantgarde nur allzu leicht ängstigen, und das gilt für alle Schichten."

Aber die Wahl der sozialdemokratischen Orientierung für die neue Partei scheint noch bizarrer. Man kann ja noch einsehen, daß in der heutigen Zeit der Herausgeberkreis der Robotnik den Begriff ,sozialdemokratisch' für weniger abstoßend hält als die Begriffe ,sozialistisch' oder ‚links' oder ‚revolutionär', obwohl er selbst diese Worte ständig als Synonyme gebraucht - den letztgenannten natürlich ausgenommen. Vielleicht erklärt sich die Position von Robotnik aus der Hoffnung, die in dem Artikel mit dem Titel „Der Wegzueiner neuen Partei" ausgedrückt wird, daß die PPS „freundliches Interesse der internationalen sozialdemokratischen Bewegung erwarten" könne. Es ist jedoch ab von der Kapp, daß irgendeine europäische sozialdemokratische Partei die risikoreiche Operation unternehmen würde, einer Oppositionspartei in Polen materielle Hilfe zukommen zu lassen, die niemand kennt. Die Realität sieht so aus, daf die westliche Sozialdemokratie eines der größten Hindernisse dafür ist, daß es in diesen Ländern zu so revolutionären Veränderungen wie der Arbeiterselbstverwaltung kommt, wie sie im Programm von Gdansk stehen.[**] Die am Anfang gestellten Fragen bleiben: Was sind die Perspektiven für die revolutionäre Strömung in der polnischen Opposition? Was sind die not wendigen organisatorischen Formen, die diese Strömung festigen? Die Zeit ist noch nicht reif für den Aufbau einer revolutionär sozialistischen Partei. Aber der Klassenkampf selber zwingt uns, innerhalb der Strukturen der Gewerkschatt eine breite Tendenz autzubauen und voranzubringen, die ihre Unterstützung für eine revolutionäre Lösung der polnischen Krise erklärt. Solch eine Tendenz - die Arbeiteopposition gegen die totalitäre Bürokratie — wird nicht organisatorisch vereint sein. Die Arbeiteropposition wird aus verschiedenen Strukturen bestehen, Kommissionen, Zeitungen, Verlagen, alle verbunden durch eine gemeinsame Strategie des Kampfes für eine Arbeiterrepublik.

Eine solche Arbeiteropposition zu bilden, die im Grunde eine Form des Klassenkampfes ist, wird eine ständig dringlichere Aufgabe. Organisator/inn/en werden gebraucht, eine Gruppe von Aktivist/inn/en, die die Aufgabe des Aufbaus einer Arbeiteropposition innerhalb der Gewerkschaft anpacken. Die oberste Aufgabe der Linken in Polen ist es, so eine Gruppierung zu gründen. Laßt uns zum Schluß aus einem Artikel zitieren, der in der Ausgabe Nr. 13 ten, die zur Aktion bereit und vereint sind in einem gemeinsamen Konzept von der Sofort- und Langzeitaufgaben, die aus der objektiven revolutionären Dynamik dieser Bewegung sich ergeben, sowie vereint durch die Entschlossenheit und Fähigkeit, bei der Verwirklichung dieser Aufgaben zusammenzuarbeiten."

Diese Konzeption scheint uns ziemlich korrekt zu sein. Der Aufbau der ersten organisierten Strukturen der polnischen Linken auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses dieser Linken kann nur erfolgreich abgeschlossen werden, wenn wir uns auf die Bedüfnisse des Klassenkampfes selber konzentrieren. Jede Ausarbeitung eines Programms mul sich an ihm ausrichten, und der Kampf selbst wird uns schon den richtigen Zeitpunkt bringen, zu dem die revolutionäre Linke sich in eine qualitativ höhere Organisationsform einbetten kann.

W olny Robotnik Nr. 20 Organ der ZRP-PRO (Union der Arbeiterräte - Nationale Befreiungsbewegung in Schlesien) Juli 1984 [*] Ludwik Warynski war 1882 der erste Gründer einer Arbeiterpartei in Polen: Proletaryat. Janek Wisniewski war ein Arbeiter, der 1970 in Gdynia ermordet wurde; seine Leiche wurde von Demonstranten durch die ganze Stadt getragen. Er wurde so zum Symbol für alle, die Dezember 1970 und Januar 1971 kämpften. 1**| In Gdansk tand September/Oktober 1981 der erste nationale Kongreß von Solidarno'ść statt.

Seite 12

SÜDAMERIKA

Die

Ablösung der Diktaturen des Cono del Sur

Ein