Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dokumentation

Nationalismus und Internationalismus

Inprekorr Nr. 167, März 1985 · S. 8-9 · 1.454 Wörter

Polen Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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und Internationalismus „In unserem Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit müssen wir das Wesen des Nationalismus verwerfen, welches unausweichlich unseren Kampf isolieren und in die Niederlage führen würde.". Front Robotniczy

Nicht die nationalen Antagonismen ängstigen die Leute der Nomenklatura im Kreml und in Warschau, entgegen dem was einer denken mag. Sie nutzen diese Feindseligkeiten aus, bringen die Arbeiter verschiedener Nationalität gegeneinander auf und halten sie so von einer vereinigten Aktion auf internationaler Ebene ab. Das hat es zum Beispiel in der UdSSR ermöglicht, der Herrschaft der Nomenklatura eine ideologische Unterlage aus großrussischem Chauvinismus zu geben, ergänzend zur Basis des Regimes im Verwaltungs- und Polizeiapparat.

Und dies hat auch seinen Rückeffekt, wenn antirussische Phobien als „nationale" Kompensierung für Unterdrükkung und Ausbeutung herhalten, die vonseiten der eingeborenen polnischen totalitären Bürokratie erlitten werden. Den Russen werden wiederum die Bilder des Hasses verfüttert, die die Polen für sie empfinden. In der Hinsicht braucht die Propaganda der sowjetischen KP leider gar nicht viel zu erfinden. Als Reaktion nährt dies unter den Russen eine noch stärkere Abneigung gegen Polen, usw. usf. Und während all dies geschieht, erfreuen sich Tschernenko und Jaruzelski ihres Lebens. Was passieren könnte, wenn die Arbeitenden auf beiden Seiten des Bug (ein Grenzfluß zwischen beiden Staaten) eines Tages zueinanderfänden und aufhören würden, einander zu hassen, daran wagen sie lieber nicht zu denken.

Die Nomenklatura-Leute sorgen sich nicht über den Mangel an Freundschaft und noch weniger über Haß zwischen Nationen, gerade zwischen Ländern unter der Herrschaft von „Bruderpartei- ". Denn dies ist eine essentielle Voraussetzung für das Klappen der gegenseitigen Intervention im Rahmen des eigenen „Lagers". Was ihnen Angst machen würde, wäre, wenn die Völker die offizielle Freundschaft ernstnehmen würden, denn von da aus ist es nur noch ein Schritt zum Internationalismus. Das ist die internationale Solidarität unter Arbeitenden und im revolutionären Kampf gegen Nomenklatura und Kapital.

Wenn wir nicht immer wieder erleben wollen, daf antibürokratische Bewegungen und Erhebungen in einer Sackgasse landen, ist es notwendig, soziale und nationale Ziele mit einer klaren Definition einer internationalen Strategie zu kombinieren. In der gegenwärtigen geopolitischen Situation sollten wir jede Art von Nichtinternationalismus als konzentrierten Ausdruck von - nennen wir das Kind beim Namen — politischem Kretinismus betrachten. Und das sowohl vom Standpunkt des Kampfes um die Befreiung der Arbeiterklasse, als auch vom Standpunkt des nationalen Kampfes der Völker für das Recht auf Selbstbestimmung.

Der Abstand zwischen den Völkern, der von der totalitären Bürokratie absichtlich erweitert wurde, der polnische von ukrainischen, tschechische von russischen Arbeitern trennt, entspricht haargenau dem Abstand dieser Arbeiter von der Freiheit und dieser Nationen von ihrer Unabhängigkeit, innerlich wie äußerlich.

Es besteht ein objektives Bedürfnis, die Dynamik des Prozesses der August- Revolution, zu der es in Polen gekommen ist, dem, wie die Geschichte gezeigt hat, schwachen Glied in der Kette der Herrschaft der totalitären Bürokratien, zu internationalisieren. Die einzige Alternative dazu ist Selbstmord in der Isolierung. Wir haben nicht die Mittel, uns den Luxus einer Philosophie leisten zu können, die den Kampf auf das Ghetto einer Nation einengt, unter den Bedingungen einer klar festgelegten politischen Landschaft auf internationaler Ebene.

Trotz der im Dezember 1981 begon- Trotz der mit dem Putsch vom Dezember 1981 begonnenen bürokratischen Konterrevolution, die auch heute weitergeht, nagen die im August 1980 freigesetzten Kräfte weiter am Fundament. Aber ob sie der Funke sein werden, der ein künftiges Feuer entzündet, oder ob sie die langsam abkühlende Glut vergangener Zeiten sind, hängt von der Lösung des wesentlichen Dilemmas ab. Wenn wir das eben etwas metaphorisch gesagt haben, so ist doch die dramatische Entscheidung, vor der wir stehen, über deutlich: Entweder werden jene Kräfte auf einer revolutionären Achse des Internationalismus voranschreiten oder auf der Abwärtsspirale des Isolationismus herabsinken.

Wenn wir nicht wollen, daß sowjetische Panzer gegen eine Arbeiterrevolution in Polen oder anderswo eingesetzt werden, dann müssen wir anfangen, die Repressionskräfte gegen die Arbeiterklasse und ihre soziale Basis in der Sowjetunion selbst zu beseitigen. Genau 40 Jahre nach dem Export der bürokratischen antiimperialistischen Revolution aus der UdSSR nach Polen sehen wiruns gezwungen, endlich die antibürokratische Arbeiterrevolution von Polen nach der UdSSR zu exportieren. Dies ist nicht nur möglich und austuhrbar angesichts der Mittel, die den führenden Organen von Solidarność zur Verfügung stehen, und wenn diese sich eine strategische Orienzierung gibt und nach einem Weg sucht, sich konkret auf die Arbeiterklasse der UdSSR als der entscheidenden Protagonistin des Kampfes zu beziehen. Es ist aber auch notwendig. Die heutige Phase kann und muß als „Revolution, aufgehalten an einer Weggabelung" charakterisiert werden. Die revolutionäre Situation muß als eine gesehen werden, die eine Wahl zwischen zwei Alternativen abverlangt — Internationalisierung oder fortgesetzte Selbstbeschränkung. Internationalismus, so oft von Deppen und Rechten geschmäht, ist zu allererst eine historische soziale Aufgabe, ihn zu erreichen, ist essentielle Vorbedingung, damit die Arbeiterbewegung im Sinne der Emanzipation der Arbeit handeln kann. Aber es ist auch eine praktische Frage im engeren Sinne, wie man kämpfen soll, ohne nicht schon wieder zu verlieren. Es zählt nicht so sehr, ob die Niederlage das Ergebnis einer fremden Intervention wie in Ungarn oder der Tschechoslowakei ist

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oder der heimischen Konterrevolution. Letzteres war in Polen moglich, da de Revolution wie gebannt aut die äufere Bedrohung durch die sowjetische totalitäre Bürokratie starrte.

Wenn unser Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit nicht der Arbeit des Sisyphos ähneln soll, müssen wir das Wesen des Nationalismus zurückweisen, das unausweichlich dazu führt, den Kampf zu isolieren, den wir führen, und zur Niederlage. Geschichtliche und ethnische Antagonismen können nicht den Kampf um soziale und nationale Befreiung in seiner internationalen Dimension ersetzen.

Um das klarzustellen, wir wollen nicht die Fehler des Luxemburgismus wiedererwecken, der in einer mechanischen Auttassung des Internationalismus bestand und zur Unterbewertung der Frage der nationalen Unabhängigkeit führt. Aber es bringt genausowenig, ins gegenteilige Extrem zu verfallen, indem wir die Bedeutung der internationalen Arbeitersolidarität unterschätzen. Ohne diese - da sollten wir uns keine Illusionen machen - haben wir keine Chance, das System der totalitären Bürokratie zu stürzen. Und wir übertreiben wahrlich nicht!

Internationalistisches

Programm

Als Anhang machen wir einige konkrete Vorschläge zum Export der Revolution.

• Eine Informations- und Agitationskampagne gegenüber den militärischen Einheiten der Sowjetunion führen, die in Arbeit, scheint es nötig, auch eine nach Polen stationiert sind (etwa Verteilen innen zu führen, die die erstere fördert. von Flugblättern und Presseerklärungen • Verurteilung des grofsrussischen auf Russisch auf dem Kasernengelände, Chauvinismus, der von Lenin in seiner indem wir sie über den Zaum werfen Zeit bekämpft wurde, und klare Unteroder von Hand zu Hand weiterreichen stützung für die Kampte um nationale lassen). Unabhängigkeit, die die von Rußland • Organisieren von Radiosendungen beherrschten sowjetischen Nationen von polnischem Boden aus für Weißruß- führen. Dies sollte Hand in Hand gehen land, die Tschechoslowakei, Litauen, mit der Einstellung und Verurteilung Ostdeutschland und die Ukraine in den der antirussischen Propaganda in der Sprachen dieser Länder (etwa Ausstrah- Untergrundpresse. So wie auch damals lung von ständig sich in Bewegung befin- nicht jeder Deutsche Faschist war, so ist denden Sendern zu festgesetzten Zeiten auch heute nicht jeder Russe Chauvi- — für unseren Inlandsgebrauch wird das nist. ja schon genutzt). • Die nationalen Phobien bekämpfen, • Geheime Druckereien oder Drucke- sowie gegenüber der tendentiösen natioreien außerhalb des Landes für den Be- nalistischen Literatur und Nationalgedarf von Dissidenten- und Oppositions- schichtsschreibung eine kritische Halgruppen unserer Nachbarländer nutz tung entwickeln... bar machen, aber auch Solidarnośćs Auf die Solidarność-Führung von eigenen Informationsdienst für diese unten her Druck ausüben, damit sie mit Länder einrichten. Prioritär sollten da- der Entfaltung der internationalen Zubei Ostdeutschland und die Tscheches- sammenarbeit, besonders mit den osteulowakei sein, deren Grenzen sich am ropäischen Ländern, beginnt, die von leichtesten überschreiten lassen und wo einer ausgedehnten Prüfung der politiwir unsere ersten ausländischen Leser schen Strategie der Gewerkschaft beam ehesten bekommen können. gleitet sein sollte, sowie von aktiver und • Einrichten fester internationaler öftentlicher Stellungnahme zu den na- Kontakte und Koordinieren gemeinsa- tionalen und gesellschaftlichen Problemer antibürokratischer Aktionen mit me in der UdSSR auf brüderlicher revo- Oppositionsgruppen und unabhängigen lutionärer Basis. ruppen in den nächstgelegenen Län Proletarier aller Länder, vereinigt dern les bürokratıschen Lagers und ih Euch für Eure Freiheit und unsere! nen ständig Nachrichten zukommenlas- Diese Parole vereinigt die bekannte der Internationasen, um die antipolnische und antirevo- len mit der der Kämpfer/innen der polnischen natiolutionäre Propaganda zu kontern, die nalen Revolution von 1963. dort geführt wird, indem wir zum Beispiel die wichtigsten Dokumente des Front Robotniczy Nr. 1 August-Abkommens verbreiten. Warschau Neben dieser nach außen gerichteten 12.8.1984