Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

die Internationale

Brasilien, Südkorea, Singapur, Philippinen … an der Schwelle zum Juniorpartner?

· Inprekorr Nr. 167, März 1985 · S. 17-28 · 11.302 Wörter

Brasilien Philippinen und Südostasien Weltwirtschaft und Krise China

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Ermes Mandel Brasilien, Südkorea, Singapur, Philippinen...

an der Schwelle zum Zur Debatte über Juniorpartner?

Imperialismus und halbindustrialisierten Ländern Im Laufe der letzten 20 Jahre erlebte eine ganze Reihe von halbkolonialen Ländern eine regelrechte Industrialisierung. Ihre soziale und ökonomische Struktur erfuhr tiefgreifende Umwälzungen. Auch das Kräfteverhältnis zwischen denverschiedenensozialen Klassen und Klassenteilen wurde dadurch völlig verändert. Die Art, wie diese Länder sich in die internationale kapitalistische Wirtschaft einfügen, ist nicht mehr dieselbe. Deshalb sehen jetzt auch die politischen Beziehungen zu den imperialistischen Mächten anders aus.

Selbst wenn es sich dabei um Veränderungen quantitativer, nicht qualitativer Natur handelt, so sind sie doch wichtig genug, um als solche zur Kenntnis genommen und analysiert zu werden. Insbesondere läßt sich daraus eine neue Gewichtung ableiten, die die verschiedenen taktischen Komponenten einer revolutionären Gesamtstrategie einnehmen, auch wenndiese, da siedurch die Logik des Gesetzes der ungleichen und kombinierten Entwicklung im imperialistischen Zeitalter bestimmt wird, dieselbe bleibt: die Strategie der permanenten Revolution. Aus diesem Grunde ist es höchste Zeit, daß die Marxistinnen und Marxisten bei ihren Analysen neue, präzisere Kategorien verwenden.

Von Anfang des imperialistischen Zeitalters bis zum Beginn der 50er Jahre mußten die unterentwickelten Länder allgemein in die eigentlichen Kolonialländer und in die halbkolonialen Länder eingeteilt werden, wobei die Unterscheidung zwischen beiden weniger in der sozioökonomischen Struktur als in der politischen Form der imperialistischen Herrschaft lag. In den Kolonialländern gab es direkte politische Beherrschung (unmittelbare Ausübung der Staatsgewalt) durch die imperialistischen Mächte selbst. In den halbkolonialen gabes indirekte politische Beherrschung; die tägliche Ausübung der Staatsgewalt blieb in den Händen der einheimischen herrschenden Klassen (die nicht unbedingt bourgeois waren: man denke an Äthiopien unter Haile Selassie, an Saudi-Arabien unter Ibn Saud oder an den Iran oder Afghanistan). In den letzteren Ländern herrschte der Imperialismus, regierte aber nicht. Die einheimischen herrschenden Klassen nahmenals Juniorpartnerander Ausübungder Herrschaft teil.

Als nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs die nationale Befreiungsbewegung über den ganzen Erdball fegte, weil die Kolonialmächte im Verlauf dieses Kriegesgeschwächt worden waren, und vor allem weil die chinesische Revolution siegte, wurde die Umwandlung der direkten imperialistischen Herrschaft in eine indirekte zueinem allgemeinen Merkmal. Fast alle ehemalige Kolonien errangen ihre formale politische Unabhängigkeit.

Um das Jahr 1963 mußten dann sämtliche unterentwickelten Länder, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, in die Kategorie der halbkolonialen Länder eingeordnet werden. Und einige von ihnen hatten sich zusätzlich dank einer erfolgreichen sozialistischen Revolution auch von der imperialistischen Herrschaft befreit: China, Nordkorea, Nordvietnam und Kuba (die meisten osteuropäischen Länder hatten vordemZweiten Weltkriegebenfallsden Status halbkolonialer Länder).

Heute muß eine neue wichtige Unterscheidung bei den unterentwickelten Ländern eingeführt werden. Bei manchen von ihnen ist, unabhängig davon, wie man ihre politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Imperialismus beurteilt, unbestreitbar eine Veränderung ihrer inneren sozioökonomischen Lage festzustellen, die heute mit der von 1910, 1920, 1930, 1940 oder 1950 einfach nicht gleichzusetzen ist. Sie durchliefen eine erste Phase anhaltender Industrialisierung und gehören jetzt zu den halbindustrialisierten Ländern, wobei sie fortgeschrittener sind als Rußland 1917 oder Spanien 1936, um historische Bezugspunkte żu nehmen. Die große Mehrheit der halbkolonialen Länder erlebte indes nicht diesen Prozeß der raschen und anhaltenden Halbindustrialisierung mit all den daraus erwachsenden Konsequenzen. Wenn man also weiterhin unterschiedslos alle unterentwickelten Länder derselben Kategorie zuschlägt, dann stiftet man zunehmend Verwirrung. Dann stellt man grundsätzliche Unterscheidungen nicht in Rechnung, die doch unabdingbar sind, will man die Realität begreifen und eine korrekte revolutionäre Taktik ausarbeiten. Deshalbistes nötig, daß man eine neue Unterteilung der unterentwickelten Länder vornimmt: zwischen den eigentlichen halbkolonialen Ländern auf der einen Seite und den halbindustrialisierten dominierten Ländern auf der anderen (wobei einige koloniale Länder noch übrig bleiben, insbesondere unter den Antillen, den Inseln des Pazifik und des Indischen Ozeans so wie rein formal politisch auch Hongkong).

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Folgendes statistisches Material macht unmittelbar klar, wie begründet diese Unterscheidungist. Anteil am BSP Anteil an der Beschäftigung Landwirtschaft Industrie Landwirtschaft Industrie 1960 1981 1960 1981 1960 1981 1960 1981 Tschad 52 04 04 95 85 02 07 Bangaladesh 58 54 05 08 87 74 03 11 Athiopien 65 50 26 16 88 80 07 13 Nepal 95 93 02 02 Burma 33 47 12 10 67 10 Afghanistan 76 08 Mali 55 73 12 Malawi 58 86 05 Zaire 30 75 Uganda 52 83 06 Burundi 84 05 Burkina Faso 55 82 13 Rwanda 80 91 02 Indien 50 69 13 Tansania 57 83 06 Haiti 74 07 Sri Lanka 54 Pakistan 57 Kenia 78 10 Indonesien 15 Bolivien 50 24 Honduras 63 15 Sambia 67 Ägypten 50 El Salvador 50 22 Thailand 67 09 Philippinen 46 17 Südkorea 34 Algerien 25 25 Brasilien 30 24 Argentinien 13 28 Mexiko 36 26 Südafrika 30 29 Taiwan 35 Hongkong 03 57 Singapur 02 39 Um diese Tabellerichtigzuinterpretieren, muls man berücksichtigen, daß die Kategorie „Industrie" sowohl die Verarbeitungsindustrie als auch den Bergbau beinhaltet. Ein schwacher Anteil der Verarbeitungsindustrie am BSP gegenüber einem größeren Anteil der Beschäftigten in der Industrie kann also bedeuten, daß der Bergbau sich entwickelt hat. Das ist so im Falle Algeriens, Indonesiens und Boliviens. Nimmt die Bauernschaft spektakulär ab, ohne daß entsprechend die Zahl der Beschäftigten in der Industrie zunimmt, so heißt das Landflucht, die sich in unterbeschäftigter, marginalisierter lumpenproletarischer städtischer Bevolkerung niederschlägt (in den bürgerlichen Schriften nennt man das Aufschwung des tertiären Sektors). Was die finanzielle Ebene angeht, so ist die wichtigste Veränderung, daß ein autonomes Finanzkapital aufgetaucht ist.

Entsprechend fällt auch eine Disproportion auf zwischen dem Anteil der Landwirtschaft an den Beschäftigten und am BSP, vor allem bei schwarzafrikanischen Ländern wie Zaire, Kenia, Sambia und Nigeria (wo die Bauern 50 % der Beschäftigten 1981 ausmachen, aber nur 23% des BSPerzeugen), beiden LändernMittelamerikas,bei Bolivien, Peru (39 % / 9%) und Mexiko (36 % / 8 %) sowie Süd-und Südostasien (Thailand: 76 % / 24 %); hingewiesen sei noch auf zwei weitere Fälle, auf Agypten (50 % / 21 %) und auf Marokko (52% / 14 %).

Das die Proportionen derart auseinanderklaffen, ist sicher auf die BSP pro Kopf Lebenserwartung Erwachsene 1981, in $ Analphabeten in % 110 43 85 140 48 74 140 46 85 150 45 81 190 54 34 190 37 80 Mali 190 45 90 200 44 75 Zaire 210 50 45 220 48 48 230 45 75 240 44 95 250 46 50 260 52 64 280 52 21 Haiti 300 54 77 400 69 15 350 50 76 420 56 53 530 54 38 600 51 37 600 59 40 600 51 650 57 56 650 63 38 770 63 14 790 63 25 1700 66 07 1770 10 2140 56 65 2220 64 24 2250 66 17 2560 71 07 2770 63 Hongkong 5100 75 10 Singapur 5240 72 17 Quelle: UNO-Statistik, außer Taiwan: Statistical Y earbook of the Republic of China, 1982 niedrige Produktivität der traditionellen Landwirtschaft zurückzuführen, wird aber noch durch die Überausbeutung und das Elend der Bauernschaft verstärkt, die durch die Preis- und Export- (bzw. Kommerzialisierungs-)politik hervorgerufen werden. Industriestruktur im Jahre 1978 Ausrüstungsgüter** Konsumgüter in % Bangladesh 4,3 72,3 Nigeria 6,2 64,2 Venezuela 7,5 51.7 Hongkong 7.9 80,5 Kolumbien 8.4 68,3 Philippinen 9,4 74,5 Indonesien 9,3 75,8 Mexiko **11,6 59,8 Südkorea **14,3 64,3 Indien 22,3 48.7 Singapur 24,1 51,3 * Die Ausrüstungsgüter umfassen die Maschinen und die elekrischen Maschinen mit Ausnahme der langlebigen Konsumgüter und die Transportmittel. Es gibt eine dritte Kategorie von Gütern der verarbeitenden Industrie, die sogenannten Zwischenprodukte wie Stahl, raffiniertes Öl, die Erzeugnisse der Petrochemie. Die langlebigen Konsumgüter wie Radios, Fernseher und sonstige elektrische Haushaltsgeräte wurden zu den Verbrauchsgütern gezählt.

Die Prozentsätze für diese beiden Länder sind von 1980, 1981 und 1982 bedeutend höher. The Economist gibt 18 % für Südkorea im) ahre 1981 an (14.8.1982). Der Anteil der Verbrauchsgüter fiel auf 47 %.

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Die Erzeugnisse der verarbeitenden Industrie stellten 198021,4% der Ausfuhren Argentiniens, 44,9 % der Ausfuhren Brasiliens (gegenüber 15,2 % im Jahre 1970), 43,4 % der Ausfuhren Singapurs, 86,5 % der Ausfuhren Taiwans (1981), 93,8 % der Ausfuhren Hongkongs und 90,5 % der Ausfuhren von Südkorea (gegenüber 14 % im Jahre 1960!).

Und der Anteil der Ausrüstungsgüter am Gesamtexport: 1962 1977 Hongkong 4,9 % 16,2 % Südkorea 2,6 % 17,4 % Taiwan 1,7 Cl 21,0 % Singapur 9,8 % 24,5 Quelle: Patrick Tissier, Die Industrialisierung in acht asiatischen Ländern seit dem Zweiten Weltkrieg, in Critique de l'économie politique Nr. 14, Ja.-März 1981. Das ganze Heft ist eine kostbare Quelle von Fakten zu dem hier behandelten Thema, zie im übrigen auch die Bücher von Pierre Salama.

Man muß eine neue Unterteilung der unterentwickelten Länder vornehmen: die eigentlichen halbkolonialen Länder auf der einen Seite und die halbindustrialisierten dominierten Länder auf der anderen Seite.

Von dieser Tabelle erhält man den Eindruck, daß die verschiedenen Indizien ganz stark miteinander zusammenhängen. Eine Reihe von Ländern sind an die Oberfläche getaucht undbezieheneindeutig aut halbem Wege zwischen den industrialisierten und den unterentwickelten Ländern Stellung. Dabei handelt es sich vor allem um Mexiko, Argentinien, Brasilien, Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong, während Südafrika, Agypten, Algerien, Indien sowie die Erdöl exportierenden Länder mit geringer Bevölkerungsdichte nochmals einen besonderen Platzeinnehmen.

Bei den sieben zuerst genannten Ländern kann man einen Zusammenhang zwischen folgenden Faktorenfeststellen: - daß die Industrienundasgrößte Gewicht unterden wirtschaftlichen Aktivitäten einnimmt; — daß das städtische und ländliche Lohnproletariat unter der aktiven Bevölkerung das größte Gewicht hat; — daß dieIndustrieerzeugnisse unterden Ausfuhrgüternüberwiegen; daß das Prokopfeinkommen im Schnitt das mittlere Einkommen der ärmsten Länder zehnmal übertrifft und sich dem der schwächsten imperialistischen Länder nähert (das BSP pro Kopf der Bevölkerung Brasiliens, Argentiniens und Mexikos ist praktisch so hoch wie das von Portugal; das von Hongkong und von Singapurist so hoch wie Spaniens).

Die Grenz- und Ubergangsfälle, wo diese Korrelation nicht vollständig zutrifft, weisen alle spezifische Merkmale auf. Südafrika ist nach wie vor ein Land, das mineralische Rohstoffe exportiert (Gold, Diamanten usw.) und keine verarbeiteten Produkte. Außerdem geben die „durchschnittlichen" Werte bezüglich der Beschäftigung und des Einkommens ein völlig verzerrtes Bild, wenn man nicht zwischen der weißen und der farbigen Bevölkerung unterscheidet, denn die Werte fluktuieren zwischen 1 zu 8 oder 1 zu 10. Indien istim wesentlichen ein Land mit dualer Wirtschaft, mit einer armen Dorfbevölkerung und „marginalisierten" Stadtbewohnern, die in Unterentwicklung dahinvegetieren, aber auch mit modernen Sektoren auf dem Landewie inder Stadt, derentschieden sein take offhinter sich hat. Das gleiche gilt im großen und ganzen auch für Ägypten und Algerien, wo die Industrialisierung abgehoben hat, es ihr aber nicht gelingt, den demographischen Druck zu neutralisieren, also keine ausreichend kumulative Wirkung auf die gesamte Gesellschaft hat. Was die erdölexportierenden Länder mit schwacher Bevölkerungsdichte angeht, so ist dort manchmal das Prokopfeinkommen sehr hoch — eine Folge des Petrodollarsegens— ohnedaß deshalbdie anderen Indizien der Unterentwicklung verschwunden wären (auch hier hat der Mittelwert wenig Ausdruckskratt, da in einigen dieser Länder enorme soziale Unterschiede bestehen).

Prokopfeinkommen Lebenserwartung

Libyen 8450 $ 57 Jahre

Saudiarabien 12 600 $ 55 Jahre

Arab. Emirate 24 660 $ 63 Jahre

Kuweit 20 900 $ 70 Jahre

Anteil der Verarbeitenden Erwachsene

Industrie am BSP in % Analphabeten

Libyen

Saudiarabien 75 Arab. Emirate 40 Kuweit 44 Quelle: Statistik der UNO

Eine Schlußfolgerung läßt sich jedenfalls daraus ziehen. Die Marxistinnen und Marxisten müssen, um der heutigen weltweiten Realität Rechnung zu tragen, bei der Charakterisierung derkapitalistischen Ländereine neue Kategorieeintühren, diederhalbindustrialısierten dominierten Länder, die nurganz bestimmtederklassischen Merkmale halbkolonialer Länder aufweisen, eine ganze Reihe anderer dieser Mekmale aber nicht.

Sie sind nicht mehr von grundlegender Stagnation ihrer Wirtschaft gekennzeichnet. Sie sind nicht mehr Länder mit vorwiegend agrarischer Struktur. Sie beschränken sichnicht mehrauf Erzeugung und Ausfuhrvonagrarischen und mineralischen Rohprodukten, und auch nicht auf eine Monokultur oder Monoproduktion. Diese traditionellen Kennzeichen halbkolonialer Länder sind letztlich die Konsequenz und nicht die Ursache zweier strukturaler Merkmale, die Lenin besonders hervorhob. Sie werden vomimperialistischen Finanzkapital dominiert und politisch (Lenin sagt: vor allem diplomatisch) vom Imperialismus beherrscht. Was ist aus diesen beiden Merkmalen geworden?

Was die finanzielle Ebene angeht, so ist die wichtigste Veränderung, die in diesen Ländern in denletzten Jahrzehnten geschehenist, die, daß ein autonomes Finanzkapital aufgetaucht ist, das vom Finanzkapital der imperialistischen Länder unabhängig ist.[1] Für alle oben erwähnten Länder sowie für eine Reihe weiterer (insbesondere Syrien, Irak, Iran) trifft es heute nicht mehr zu, daß der größte Teil der Banken, der Großindustrie und der Bergwerke in imperialistischen Händen liegt, wie das in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts der Fall war. Der Anteil des imperialistischen Eigentums ist dort spektakulär zurückgegangen zugunsten von Eigentum, das entweder national-monopolistisch kapitalistisch ist („nationale" Bank-, Finanz- und Industriegruppen, die entweder staatlich, privat oder staatlich-privat gemischt sind)

- oder in Form von joint ventures besteht: imperialistische Multis sind assoziiert mit national-monopolistischen Kapitalistengruppen.

Über das Ausmaß der Veränderungen kann man sich endlos streiten. Aber daß es diese Veränderungen gegeben hat — das zu bestreiten, müßte man schon blind sein. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen, sagen wir einmal, dem Iran, als er von der Anglo Iranian Oil Company dominiert war, Brasilien unter der Herrschaft der großen amerikanischen Trusts, Argentinien unter der Herrschaft der britischen und amerikanischen Konzerne oder Indien unter totaler Herrschaft des britischen Finanzkapitals in den 40er oder 50er Jahren, ganz zu schweigen von Ägypten, das damals von der Suez-Kanal-Gesellschaft dominiert wurde — alles typische halbkoloniale Zustände — und der Lage dieser Länder heutzutage. 2)

le gleiche Feststellung trittt für die Ebene der politische trukturen zu. Da das ausländische Finanzkapıtal die Wirtschat dieses Landes total beherrschte, war der Staat seinerseits vorallem das Instrument dieses Kapitals. Die Funktion der Regierung bestand im wesentlichen darin, die Verwertung und Akkumulation des ausländischen Kapitals zu sichern und nicht die nationale kapitalistische Akkumulation. Die Regierungen waren Marionetten des Imperialismus. Aber es wäre eindeutig Unsinn zu behaupten, genauso verhielte es sich mit Nasser, Mossadegh oder Khomei-

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ni, mit Peron oder der brasilianischen Militärdiktatur, mit Nehru, Frau Gandhi oder den mexikanischen Präsidenten nach Aleman, der Regierung von Singapur oder von Südkorea.

Man braucht nur das Verhalten des Zusammenschlusses der sogenannten blockfreien Länder zu beobachten, um die Veränderung auf der diplomatischen Bühne festzustellen, auch wenn dieses Phänomen seine Grenzen hat und seine praktischen Auswirkungen sich im wesentlichen auf Rhetorik beschränken. Jedenfalls kann nan sich nicht vorstellen, dais der König Faruk von Agypten, de Jeneral Chiang Kaishek, der Kaiser Haile Selassie in Athiopier Reza Shah von Iran, Oberst Batista von Kuba, der Präsident Varga in Brasilien, König Carol von Rumänien und König Boris von Bulgarien, daß sie alle unter der Schirmherrschaft des mexikanischen Präsidenten Cardenas einen Verband der Blockfreien gebildet und in London, Paris, Washington, Tokio und Berlin zusammen auf der diplomatischen Bühne, zum Beispiel auf den Sitzungen des Völkerbundes oder der Vereinten Nationen, die Stirn geboten hätten, und sei es nur rhetorisch. Das waren aber damals die eigentlichen Vertreter der halbkolonialen Länder im klassischen Sinne des Wortes. Man kommt der Frage näher, wenn man die finanzielle und politische Analyse durch eine genauere Untersuchung der Strukturen der gesellschaftlichen Macht ergänzt. Die halbkolonialen Länder waren (und sind) im allgemeinen von einer Oligarchie beherrscht, die sich aus dem ausländischen Kapital, das die Oberhand innehat, den traditionellen herrschenden Klassen(im allgemeinen, aber nicht immer, Großgrundbesitzer) und einer Compradore-Bourgeoisie zusammensetzt, die sich um die von André Gunder Frank zu recht so bezeichnete „Lumpenbourgeoisie" erweitert. Aber das hat mit der heutigen Wirklichkeit in Sao Paulo, Mexico, Buenos Aires, Seoul, Hongkong, Singapur, Taipeh, Bombay oder gar Kairo und Algier nicht viel gemein. Eine neue „Oligarchie" ist entstanden, die sich im wesentlichen aus den „nationalen" monopolistischen Gruppen, den Spitzen der Staatsbürokratie (oft, aber nicht immer, Militärs) und den Vertretern der imperialistischen Multis zusammensetzt. Das sieht bei den meisten unterentwickelten Ländern anders aus, wo im großen und ganzen die alte Oligarchie herrscht. Es trifft aber auf ein Dutzend Länder zu, die eine Zwischenstellung auf dem kapitalistischen Weltmarkt einneh- Um noch einmal zu unterstreichen, wie notwendig diese Neueinteilung ist, möchten wir noch zwei Phänomene herausstellen: - Die Schwerindustrie einschließlich des Maschinenbaus einiger halbindustrialisierter dominierter Länder nimmt heute einen wichtigen Platz auf dem Weltmarkt ein. Südkorea ist zum Beispiel der drittgrößte Schiffbauer der Welt. Es stellt an Bruttoregistertonnen zweimal soviel her wie die Vereinigten Staaten, mehr als Großbritannien, Frankreich und Westdeutschland zusammen! Kann man da noch ernsthaft behaupten, seine Lage sei die typische eines halbkolonialen Landes, wie Lenin und die Marxistinnen und Marxisten diese 1920, 1930, 1940 oder auch noch 1950 verstanden? Ein Ergebnis dieser Lage ist, daß einige der halbindustrialisierten dominierten Länder sich zu autonomen Erzeugern und Exporteuren von Waffen gemausert haben: Brasilien mit dem Flugzeug Xingu, aber - Die mächtigsten Banken der halbindustrialisierten dominierten Länder stehen auf der Liste der größten Banken der Welt noch vor denen einer Reihe weniger wichtiger imperialistischer Länder. Die Banca do Brasil zum Beispiel steht nach ihrem Eigenkapital wie nach ihren Einlagen noch vor der ersten schwedischen, australischen, spanischen, dänischen, norwegischen, portugiesischen oder österreichischen Bank. Sicher, Brasilien ist auch größer als Australien, Schweden, Dänemark, Norwegen, Osterreich und Spanien. Aber das war ja auch schon 1930, 1940, 1950 und 1960 der Fall rewesen. Warum hatte die erste brasilianische Bank nicht schon lamals einen derartigen Platz auf dem Weltmarkt der Kapitalier eingenommen, wennes nur eine Frage der größeren Bevölkerung ist? Mit der Entstehung eines autonomen Finanzkapitals und einer Bankenmacht von einigem Gewicht begann seitens der halbindustrialisierten Länder ein, wenn auch bescheidener, Export von Kapitalien, vor allem seitens Brasiliens, Hongkongs, Singapurs, Mexikos, Südkoreas, Südafrikas sowie der reichsten OPEC-Län- Einer der reichsten cinesischen Reeder zum Beispiel, C. Y. Teng, hat die mächtige britische Gruppe Furness Whity aufgekautt (Le Monde, 19.4.1982). Die Reeder von Hongkong stehen übrigens aut lem ersten Platz der Weltrangliste; sie haben die griechischen Reeder weit hinter sich gelassen. Die reichste Gruppe unter ihnen, die von Sir Yung Peo, besitzt eine Flotte, die so groß ist wie die sämtlicher Reeder der USA zusammengenommen und zweimal so groß wie die gesamte französische Handelsflotte (Le Monde, 21./22.8.1983).

Ist es nun „revisionistisch", diese neue Klassifizierung einzuführen? Absolut nicht! Lenin selber hatte nach dem Vorbild von Sucharın eine neue Klassıtızierung eingetuhrt, eben die der imperia istischen und der halbkolonialen Länder, die Marx und Engel nicht benutzt hatten.[4] Die IV. Internationale hat ja auch eine neue Kategorie eingeführt, nämlich die der „bürokratisierten Arbeiterstaaten", die in der Zeit der III. Internationale unter Lenin und Trotzki noch nicht benutzt worden war. Ein neues Phänomen erkennen - wenn es sich wirklich um eine dauerhafte Erscheinung handelt, nicht nur um eine vorübergehende, konjunkturelle Veränderung — ihr einen Namen und eine Definition geben, also neue Werkzeuge für die Analyse bereitstellen und diese in den Gesamtzusammenhang der Instrumente marxistischer Analyse einordnen, heißt nicht den Marxismus revidieren, sondern im Gegenteil ihn verfeinern, anreichern, ihn geeigneter machen für das Begreifen der Wirklichkeit, um sie im Interesse der Emanzipation der Arbeitenden und aller Unterdrückten, im Interesse der sozialistischen Weltrevolution verändern zu können.

Weigert man sich, wichtige Veränderungen, die in den Fakten zu beobachten sind, zu registrieren und zu erklären, dann rettet man nicht die „Orthodoxie", sondern verfällt meist nach einiger Zeit einem verbissenen, liquidatorischen Revisionismus, denn die neuen Fakten erweisen sich auf lange Sicht doch als hartnäckiger und überzeugender als die Dogmen, die noch so sicher im Kühlschrank eingelagert worden waren.

Die Aufgaben vor denen die Revolution in diesen Ländern steht, sind eine Kombination der historischen Aufgaben der demokratischnationalen Revolution mit den historischen Aufgaben der proletarischen Revolution.

Anzuerkennen, daß in der heutigen kapitalistischen Welt eine Reihe von halbindustrialisierten Ländern existiert, die sich von den halbkolonialen Ländern im klassischen Sinne ziemlich unterscheiden, heißt noch lange nicht, die Strategie der permanenten Revolution in Frage zu stellen — im Gegenteil!

Die Theorie der permanenten Revolution hat als Prämisse das Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung der zurückgebliebenen Länder in der imperialistischen Epoche, nicht aber irgendein Gesetz der dauernden und absoluten Stagnation dieser Länder. Jene Theorie besagt keineswegs, daß keine der historischen Aufgaben der national-bürgerlichen (oder national-demokratischen) Revolution unter bürgerlicher oder nationalistisch-kleinbürgerlicher Führung erfüllt werden könne. Sonst wäre sie längst in den 50er oder 60er Jahren außer Kraft gesetzt worden, als die ehemaligen Kolonien fast weltweit ihre formale politische Unabhängigkeit errangen. Sie besagt vielmehr, daß die nationalistische (Klein-) Bourgeoisie der zurückgebliebenen Länder in der Epoche des Imperialismus unfähig ist, die Gesamtheit der historischen Aufgaben der national-bürgerlichen Revolution zu lösen. Denn unter kapitalistischen Verhältnissen, bei Aufrechterhaltung des kapitalistischen Staates und im Rahmen des kapitalistischen Weltmarkts ist eine integrale Modernisierung, eine kumulative Entwicklung nirgends möglich, weil mit anderen Worten die russische, brasilianische, mexikanische, argentinische, indische, koreanische, chinesische Bourgeoisie nicht mehr ein neues Italien, ein neues Frankreich, ein neues Deutschland, ein neues Japan, geschweige denn neue Vereinigte Staaten gründen konnte und kann, und weil daher diese Länder die tausend Schrecken der Unterentwicklung oder der schwindsüchtigen, verstümmelten Entwicklung, wo sich zu den Ubeln der vorkapitalistischen Vergangenheit die des Kapitalismus hinzugesellen, erduldeten, erdulden und weiter erdulden werden, und weil eine sozialistische Revolution, nämlich die Machtergreifung durch das Proletariat, gestützt auf die arme Bauern-

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schaft, den einzigen, unumgänglichen Weg darstellte und auch künftig darstellen wird. Das heißt jedoch nicht, daß ein erster realer industrieller Aufschwung im Rahmen des Kapitalismus unmöglich sei, ganz im Gegenteil.

Außerdem wird ja die sozialistische Revolution in den dominierten halbindustrialisierten Staaten nicht ausschließlich damit historisch gerechtfertigt, daß die Gesamtheit der Aufgaben der klassischen demokratisch-nationalen Revolution sonst nicht gelöst werden. Sie rechtfertigt sich auch deshalb, und wir meinen immer mehr, weil die Lösung der Aufgaben, die einer proletarischen Revolution eigen sind, drängender wird. Soweit uns bekannt ist, hatte es weder die bürgerliche Revolution der Niederlande, noch die englische Revolution, die amerikanische Revolution oder die Große Französische Revolution mit Problemen zu tun wie der strukturellen und konjunkturellen Arbeitslosigkeit, die aus den Fluktuationen einer kapitalistischen Profitrate herrühren. Die zur Zeit dieser Revolutionen herrschende Arbeitslosigkeit rührte von der Autlösung vorkapitalistischer Verhältnisse her. Im Mittelpunkt dieser Revolutionen stand auch nicht das Problem, daß die sozialen Dienstleistungen im städtischen Bereich so unterentwickelt waren (Wohnungen, Gesundheitswesen, Schulwesen, Wasser-Gas- Strom, Straßennetz, öffentlicher Nahverkehr etc.) - das sind alles neue Bedürfnisse der Massen, hervorgerufen durch die kapitalistische Entwicklung selbst, die aber von der Bourgeoisie jener Länder nicht befriedigt werden können.

Gerade diese Probleme stehen aber im Mittelpunkt der Bestrebungen und Kämpfe der Massen heute in den oben erwähnten Ländern. Fügen wir die Probleme der forcierten Ausbeutung noch hinzu, die das Proletariat gerade im Rahmen des gelungenen industriellen Starts erleidet (Inflation, periodisches Absinken der Reallöhne, Beschleunigung des Arbeitstempos, Despotismus am Arbeitsplatz usw.), dann wird klar, daß die Aufgaben, vor denen die Revolution in diesen Ländern steht, eine Kombination der historischen Aufgaben der demokratisch-nationalen Revolution mit den historischen Aufgaben der proletarischen Revolution ist, eine Kombination, in deren Rahmen das Gewicht der spezifisch proletarischen Aufgaben anwachsen muß, und zwar eben in Funktion zum erfolgreichen industriellen Aufschwung. Und der Begriff „halbkoloniale Länder" spiegelt diese Kombination nicht adäquat wider, das Konzept der „halbindustrialisierten dominierten Länder" dagegen viel eher.

Manche Genossinnen und Genossen brachten ihre Befürchtung zum Ausdruck, wenn manein dutzend Länder nicht mehr halbkoloscher Art im wesentlichen); auferdem solle man sich besser an den nial nenne, fördere man schwere politische Irrtümer (von sektiereritraditionellen Wortgebrauch halten. Eine solche Argumentation beinhaltet zwei Fehler.

Erstens einen methodischen Fehler. Im Rahmen des wissenschaftlichen Sozialismus gibt es keine „gefährlichen" oder „unpassenden" Gedanken. Es gibt richtige oder falsche Gedanken, oder genauer, es gibt Thesen, die bestätigt oder entkräftet werden durch gleichzeitige oder später hinzugekommene empirische Tatsachen, es gibt Arbeitshypothesen, die durch die historische Erfahrung erhärtet oder verworten werden. Man kann sich gegen die Aufteilung der unterentwickelten Länder in halbkoloniale und dominierte halbindustrielle Länder stellen, wenn man beweist, daß sie der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Realität insgesamt nicht Rechnung trägt, daß sie nicht den Tatsachen entspricht, daß sie eine mißbräuchliche Verallgemeinerung rein vorübergehender Phänomene darstellt. Wenn das zu beweisen gelänge (was bisher niemand schaffte), dann hat man gezeigt, daß der Gedanke falsch ist, aber nicht, daß er „gefährlich" ist. Wenn aber im Gegenteil durch die Tatsachen bestätigt wird, daß es sich umeine dauerhafte strukturelle, für das Verständnis der Evolution dieser Gesellschaften unabdingbare Unterscheidung handelt, dann ist das neue Konzept ganz und gar nicht „unpassend", sondern als Werkzeug für die Analyse und die Formulierung der politischen Aufgaben unbedingt notwendig.

Zweitens ein Deduktionsfehler. Aus der Definition gewisser unterentwickelter Länder (einer kleinen Anzahl) als dominierte halbindustrialisierte Länder folgt noch lange nicht die „fatale" Schlußfolgerung, daß wir die Gesamtsicht der internationalen kapitalistischen Gesellschaft als einer auf imperialistischer Herrschaft gegründeten ändern. Die Beziehungen zwischen dem Imperialismus und den halbindustrialisierten Ländern sind nach wie vor Beziehungen zwischen Beherrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, Unterdrückern und Unterdrückten. Die antümperialistischen Aufgaben bleiben also in den dominierten halbindustrialisierten Ländern bestehen.

Wir lehnen alle Hypothesen ab, nach denen einige dieser Länder sich in „subimperialistische" oder in imperialistische „Juniorpartner" verwandelt hätten oder daß es zwischen ihnen und den „schwachen" imperialistischen Ländern keinen Unterschied mehr gebe. Daraus folgt für uns, daß ein Krieg zwischen einem dominierten halbindustriellen Landund einem imperialistischen Land nach wie vor von Seiten des ersteren ein gerechter Krieg ist - und das unabhängig vom jeweiligen politischen Regime; würde das letztere Land den Sieg davontragen, so hätte das ganz negative Auswirkungen für die sozialistische Weltrevolution, in jeder Hinsicht, überall auf der Welt.[5] Dieses Kriterium haben wir insbesondere angewendet, um uns während des Malvinenkriegs gegen die Aggression des britischen Imperialismus zu stellen, ohne daß mit dieser unnachgiebigen Gegnerschaft schon jede taktische Frage, die sich dem argentinischen Proletariat stellte, gelöst wäre, vor allem, unermüdlich und ohne Unterbrechung, sei es auch nur für einen Tag, den Kampf gegen die diktatorische Militärjunta zu führen.

Die Beziehungen zwischen dem Imperialismus und den halbindustrialisierten Ländern sind nach wie vor Beziehungen zwischen Beherrschern und Beherrschten.

Die Tatsache, daß die neue Definierung einer gewissen Anzahl von zurückgebliebenen Ländern keine Änderung der revolutionären Strategie bedeutet, hat nichts mit übertriebener „Taktiererei" zu tun, mit angeblichen Notwendigkeiten einer Pädagogik gegenüber Massen, „die von nationalistischem Geschwätz verführt" seien, oder mit anderen subjektiven Kriterien dieser Sorte. Sie entspringt einer Gesamtsicht (und nicht nur einer einseitig verengten Sicht) der sozialen Realität dieser Länder Bestimmtestrubturel_ le Merkmale haben sich verändert, andere nicht. Damit ist die ganze Komplexität des Problems zusammengefaßt, die es rechtfertigt, die Strategie der permanenten Revolution beizubehalten, nämlich die Aufgaben, Mobilisierungen und Taktiken anzugehen, die von dem historischen Problem der demokratisch-nationalen Revolution ausgehen:

Das ausländische Kapital ist im Lande in zahlreichen Branchen der Wirtschaft präsent und stark, auch wenn es in die Minderheit geriet. Die spezifische Forderung, daß allein es konfisziert wird, behält also ihren ganzen Stellenwert bei (und kann in bestimmten Augenblicken der politischen Konjunktur sogar zur Kernforderung werden).

2. Die finanzielle Beherrschung durch den Imperialismus bleibt real bestehen, auch wenn sie nicht mehr in erster Linie als ausländischer Besitz, sondern in Form von Verschuldung in Erscheinung tritt. Die Forderung nach Annullierung der Auslandsschulden und die Verweigerung des Schuldendiensts behält also ihren ganzen Stellenwert.

3. Die technologische Abhängigkeit gegenüber den imperialistischen Metropolen ist so gut wie vollständig. Daneben findet ein fortwährender Transfer überholter Technologien statt (zu diesem Thema Piere Salama, Spécifités de l'internationalisation du capitalen Amérique latine, in: Revue Tiers Monde, Bd. XIX, Nr. 74, April/Tuni 1978). Die Dienstleistungen spielen von nun an eine sehr wichtige Rolle in der Abhängigkeit dieser Länder.

Ein grundlegender Wesenszug bleibt die Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt, es findet ein Transfer der im Lande geschaffenen Werte in die Hände des imperialistischen Kapitals statt (insbesondere durch den ungleichen Tausch); die kolonialen Extra-Profite bleiben also bestehen. Die Forderungen nach einem Bruch mit der internationalen kapitalistischen Wirtschaft, nach einer autonomen Entwicklung insbesondere der Technologie, nach einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Arbeiterstaaten sowie nach einem Versuch, die Zwänge des Wertgesetzes zu

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durchbrechen, in erster Linie durch massive Ausweitung des direkten Warenaustauschs und durch die Schaffung eines weltumtassenden Pools von Rohstoffen, behalten also ihren Stellenwert. 5. Die militärische und diplomatische Abhängigkeit vom Imperialismus sieht zwar nicht mehr so total aus wie für die eigentlichen halbkolonialen Länder, ist aber dennoch enorm. Das hat zur Konsequenz, daß Forderungen wie nach Aufhebung der Militärstützpunkte, nach einem Bruch der vom Imperialismus aufgezwungenen Militärbündnisse, nach Einstellung der Ausbildung von Armeeoffizieren in imperialistischen Zentren und nach aktiver Unterstützung aller nationalen Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt im Aktionsprogramm der Revolutionäre dieser Länder ihren Platz haben müssen. Immer wieder stoßen sie auf ein Echo über die proletarischen Massen hinaus. Sie können und müssen demzutolge als Plattform antiimperialistischer Fronten mit verschiedenen politischen und sozialen Kräften dienen, von Einheitsfronten um ganz bestimmte Ziele in der Aktion und für die Aktion. 6. Die Agrarfrage ist nach wie vor von brennender Aktualität. Ihr Gewicht im revolutionären Programm ist quantitativ höher als in den imperialistischen Ländern.

Wenn diese Länder früher direkt dadurch beherrscht wurden, daß das Eigentum ihrer wichtigsten Unternehmen in den Händen des imperialistischen Kapitals lag, so werden sie jetzt nur noch indirekt über den Kredit beherrscht.

Was sich in den besagten Ländern geändert hat und was nicht, das kann man besser erfassen, wenn die Frage ihrer finanziellen Abhängigkeit von den imperialistischen Ländern genauer untersucht wird In den klassischen halbkolonialen Ländern fand die finanzielle Beherrschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittels Aneignung der natürlichen Reichtümer (Bergwerke, Plantagen) und der Bildung von Unternehmen in ausländischem imperialistischem Besitz (Banken, Fabriken, öffentliche Dienstleistungsbetriebe usw.) Statt.

Diese Aneignung der Produktionsmittel und des Austauschs war sicher durch die Verschuldung vorbereitet worden (siehe den klassischen Fall des Suez-Kanals). Aber was für die imperialistische Ära bezeichnend war, ist doch die Tatsache, daß die Verschuldung der kolonialen und halbkolonialen Länder beim Ausland sich verwandelte in Aneignung der großen Produktionsmittel durch dasausländische Kapital. Der Vergleich mit dem, was in den fortgeschrittenen (imperialistischen) Ländern passierte, ist geradezu frappierend Auch dort ist der Bank kredit für das Industrie- und Handelskapital, also dessen Verschuldung bei den Banken, so alt wie der Kapitalismus selbst. Das Zeitalter des Imperialismus bedeutet, daß sich diese Schuldscheine in Aktien umwandeln, daß sich also das Bankenkapital das Industriekapital durch den Erwerb des Besitzes unterwirft. Das Finanzkapital definiert sich ja auch seit Hilferding durch diese direkte Kontrolle vermittels Inbesitznahme und nicht vermittels des Kredits — und Lenin hat diese Definition vollkommen übernommen.

In den halbindustrialisierten dominierten Ländern erleben wir eine genau entgegengesetzte Evolution. Wenn diese Länder früher direkt dadurch beherrscht wurden, daß das Eigentum ihrer wichtigsten Unternehmen in den Händen des imperialistischen Kapitals lag, so werden sie jetzt nur noch indirekt über den Kredit beherrscht. Diese Beherrschung ist nach wie vor schwer zu ertragen, mühsam, teuer, ausbeuterisch. Aus den unterentwickelten Ländern wandern jedes Jahr mehr als 70 Mrd. $ in die imperialistischen Metropolen, hauptsächlich in Form von Zinsen und, weniger als früher, in Form von Dividenden. Jedenfalls in der Form hat sich die Beherrschung verändert, und dies impliziert auch eine Veränderung im Inhalt. Wenn das imperialistische Kapital Eigentümer der wichtigsten Unternehmen ist, insbesondere der wichtigsten Banken und Finanzgruppen eines unterentwickelten Landes, dann beherrscht es selbst den Kapitalmarkt, bestimmt den Hauptweg der Akkumulation des Kapıtals und die wichtigsten Felder produktiver Investition. Schliellich ist es doch aus diesem wesentlichen Grund (und nicht aufgrund irgendeiner „Verschwörung" oder politischer oder ideologischer Kriterien), daß die koloniale oder halbkoloniale Wirtschaft eine Entwicklung komplementärzu der der imperialistischen Länder erlebte, daß sie gezwungen war, sich auf die Erzeugung von Rohstoffen und die Monoproduktion zu beschränken. Wenn aber das Eigentum der wichtigsten Unternehmen nicht beim imperialistischen Kapital liegt, dann sind es die großen Monopole und Finanzgruppen der unterentwickelten Länder selbst, oft durch den bürgerlichen Staat vertreten, verstärkt oder unterstützt, die die wichtigsten Investitionen festlegen. 6] Das können sie tun, weil sie es sind, die den Kapitalmarkt beherrschen (ob der nun durch die Inflation „genährt" wird oder nicht, aber das ist eine andere Geschichte). Ob sie das nun in enger Assoziation mit bestimmten imperialistischen Multis tun oder anfänglich in Konflikt mit diesen, das ist eine konjunkturelle Frage, die ganz konkret Fall für Fall und Etappe für Etappe untersucht werden muß. Aber daß sie eine derartige finanzielle Autonomie erreicht haben, daß sie das tun können dank dem Banken- und Industriebesitz, der bis zu einem gewissen Punkt vom imperialistischen Kapital gelöst ist, das ist doch das aus marxistischer Sicht Entscheidende, um Veränderungen während der letzten 20 bis 25 Jahre feststellen zu können. Diese Autonomie bleibt aber sehr relativ, beschränkt. Die unterentwickelten Länder sind nach wie vor die armen Verwandten der kapitalistischen Welt. Verlieren wir die Proportionen nicht aus den Augen: auch ihre herrschenden Klassen bleiben (mit Ausnahme gewisser OPEC-Länder) ebenfalls die armen Verwandten der internationalen Bourgeoisie. Was man an Kapitalien braucht, um einen Industrialisierungsprozeß längerfristig aufrechtzuerhalten, ist sehr viel mehr, als diese lokalen Bourgeoisien zur Vertugung haben. Der Zusatz von ausländischem Kapital ist enorm und kann sogar noch zunehmen. In manchen Fällen kann man sogar miterleben, wie imperialistischer Besitz die eine oder andere Branche wieder überschwemmt. Die technologische Abhängigkeit ist fast vollständig. Die Zurückgebliebenheit spielt weiter eine große Rolle, vielleicht in einer neuen, besonderen Art und Weise. So erklärt sich das Fließen internationaler Anleihen in diese Länder und parallel dazu das Zurückfließen der Zinsen ins Ausland. Abhängigkeit und finanzielle Beherrschung existieren also weiter.

Diese Analyse kann man nur in Frage stellen, wenn man beweist, daß die Banken und Finanzgruppen der oben erwähnten Länder in Wirklichkeit von „verborgenen" imperialistischen Aktionären kontrolliert werden, daß hinter den Krediten ein Besitz steckt, der durch Strohmänner gehalten wird. Diese Beweisführung hat man im Falle von Südkorea in Bezug auf Japan (und in weniger starkem Maße im Falle von Mexiko in Bezug auf die USA) versucht — sie ist mißlungen. Sie kann übrigens mit einem wesentlichen Aspekt des Industrialisierungsaufschwungs nichts anfangen. Dieser geschieht nämlich nicht komplementär, sondern in direkter Kokurrenz zur imperialistischen Macht, die früher im Lande die Hegemonie innehatte. Man braucht sich dazu nur die Entwicklung der Stahlindustrie, des Schiffbaus und der Elektronikindustrie in Südkorea anzuschauen. Zu behaupten, sie sei vom japanischen Kapital „hervorgerufen" worden oder „hinter den Kulissen kontrolliert", ist einfach absurd. Die südkoreanischen Gruppen Hyundai, Daewoo, Samsung etc. sind Finanzgruppen in Konkurrenz zu den Mitsubishi, Mitsui, Dai Ichi usw. und nicht unter deren Kontrolle. Außerdem sind die Gegner der These von der Autonomie des Finanzkapitals der halbindustrialisierten dominierten Länder gezwungen, für und zugleich gegen dieselbe Sache zu plädieren. Sie betonen mit Nachdruck die Tatsache, daß in den letzten beiden Jahren, als also die Wirtschaftskrise die halbindustrialisierten Länder voll getroffen hat, das ausländische Kapital Anstrengungen machte, eine ganz Reihe von großen Unternehmen in diesen Ländern wieder direkt in Besitz zu nehmen. Das stimmt - auch wenn man das Ausmaß dieser Erscheinung nicht übertreiben darf. Aber wenn dem so ist, ist das nicht der beste Beweis dafür, daß der direkte Besitz sehr viel vorteilhafter für die imperialistischen Konzerne und Banken ist, als nur die indirekte Kontrolle über den Kredit zu haben?

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Die 50 % der Bevölkerung, welche in Bolivien die niedrigsten Einkom men beziehen und deren tägliche Nahrungsmittelration seit 1970 aufgrund der Krise noch um 20-25% abgenommen hat, verfügen über die Nahrungsmenge eines Nazi-Konzentrationslagers im Jahre 1940.

Die lange wirtschaftliche Depression, in der die internationale kapitalistische Wirtschaft nun seit mehr als zehn Jahren steckt, ermöglicht es, sowohl die Realität als auch die Grenzen der strukturellen Veränderungen bei den dominierten halbindustrialisierten Ländern zu verdeutlichen. Noch besser als im vorausgegangenen Wirtschaftsaufschwung erlaubt sie, eine ganze Reihe von Mythen und Mystifizierungen zu widerlegen, die sich hinsichtlich der Wirtschaftsexpansion dieser Länder verbreitet haben. Die Krise hat mit einer gewissen Zeitverschiebung, aber dennoch alle halbindustrialisierten Länder erfaßt. Nach wie vor wird ihre Entwicklung im Wesen vom kapitalistischen Weltmarkt bestimmt. Nach wie vor werden sie vom Wertgesetz regiert. Daß sie kapitalistisch sind, wird also vollauf bestätigt, ohne jedes Wenn und Aber. Diese Feststellung mag banal klingen — heute. Aber wer wie wir in der Vergangenheit immer diese Banalität vertrat, der kann sich heute erlauben, daran zu erinnern, daß noch im Programm der KPdSU, auf dem 22. Parteitag verabschiedet, „nichtkapitalistische" Entwicklungswege von Ländern wie Indien, Ägypten oder Algerien groß herausgestellt wurden. Heute sieht man, welches Schicksal die Geschichte dieser These bereitet hat. Nicht viel anders geht es mit der vom brasilianischen Theoretiker Bresser Pereira vertretene These, der sich von den Konzepten Costariadis' über die „bürokratische Klasse" und Bettelheims über die „Staatsbourgeoisie" dazu verleiten ließ, im großen Gewicht des staatlichen Sektors der halbindustrialisierten Länder und der vorherrschenden Rolle des Staates als Förderer der Industrie den Beweis dafür zu sehen, daß die „private" Bourgeoisie nicht mehr die herrschende Klasse in Staaten wie Ägypten oder Brasilien sei. Da hat er sich gewaltig getäuscht; die Klassennatur des Staates ist in der derzeitigen Krise klar zutage getreten. Kapitalistisch ist jede Wirtschaft, die vom kapitalistischen Weltmarkt, vom Wertgesetz beherrscht wird, egal wie die soziopolitischen Zwischenglieder aussehen, über die sich das Wertgesetz durchsetzt. Nicht kapitalistisch ist jede Wirtschaft, die der Herrschaft des Weltmarkts, des Wertgesetzes, entrinnt, auch wenn sie seinem Einfluß ausgesetzt ist. Letzteres trifft für die Sowjetunion zu, wo die Staatsbürokratie ihre Privilegien im wesentlichen auf die Konsumsphäre beschränkt. Wenn sie Geld akkumuliert und dafür Zinsen erhält, dann tut sie das grundsätzlich für den sofortigen oder späteren Konsum. Private Akkumulation von Unternehmerkapital kommt nur in den Poren einer solchen Wirtschaft vor, die von der Planung nicht erfaßt werden. Und sie ist Sache anderer gesellschaftlicher Akteure als der Nomenklatura, selbst wenn sie mit deren Komplizenschaft, durch Korruption geschieht.

In den unterentwickelten kapitalistischen Ländern dagegen, auch in den halbindustrialisierten, spielt der staatliche Sektor, auch wenn er überwiegt, auf längere Frist nur die Rolle des Nährbodens für den privaten Sektor. Die Spitzen der Staatsbürokratie einschließlich der militärischen Hierarchie plündern das Staatsbudget und das Budget der nationalisierten Betriebe aus, und zwar nicht in erster Linie um zu konsumieren, sondern um Privatkapital zuakkumulieren und Privatunternehmer zu werden. Und sie stehlen derartige Mengen zusammen, daß es ihnen auch gelingt, einem nach dem anderen. Imübrigen spielte in der Antangszeit des europäischen und nordamerikanischen Industriekapitalismus die Ausplünderung der öffentlichen Finanzen eine genauso wichtige Rolle bei der privaten Akkumulation von Kapital. Dazu braucht man nur den 6. Abschnitt im 24. Kapitel von Das Kapital, Band I, zu lesen. Oder man vergleicht es mit der Rolle der robber barons bei der Bildung der großen Monopole der USA. In Japan war es sogar der Staat selbst, der die ersten Fabriken der Schwerindustrie aufbaute, die später dann privatisiert wurden.

Die kapitalistische Krise, die die weniger Starken immer härter trifft als die Stärkeren, aber zugleich die Konkurrenz aller untereinander verschärft, hat schließlich die Wirtschaft der halbindustrialisierten Länder viel schlimmer zerrüttet als die der imperialistischen Länder. Vor allem hat sie in ihnen eine viel tiefere soziale Krise ausgelöst. Man konnte Kaufkraftrückgänge in der Größenordnung von 20 bis 25 % verzeichnen. Im Falle von Bolivien spricht man von einem Rückgang von mehr als 50%.

In den ärmsten halbindustrialisierten Ländern nimmt dieser Fall des Lebensstandards die erschreckende Form von Unterernährung und akuter Hungersnot bei breiten Schichten der Bevölkerung an. Aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus dieser Länder ist das leicht zu verstehen. Jacques Chonchol veröffentlichte folgende Zahlen für die Kalorien- und Proteinmenge, die im Durchschnitt täglich einer Person in einer Reihe von lateinamerikanischen Ländern im Jahre 1970 zur Verfügung stand:

Land Kalorien Proteine davon: tierische Argentinien 3036 98 60 Mexiko 2660 67 16 Brasilien 2613 65 22 Bolivien 1902 14 El Salvador 1873 46 14 Haiti 1896 47 05 Durchschnitt

Lateinamerika: 2600 Durchschnitt der niedrigen Einkommen: 1700-2300 El Salvador: 1200-1300 Quelle: Jacques Chonchol, Problèmes alimentaires en Amériqie Latine: malnutrition et dépendence, in Amérique Latine Nr. 4 Wenn man davon ausgeht, daf die 50 % der Bevölkerung, welche in Bolivien die niedrigsten Einkommen haben, kaum „wohlhabender" sind als die von El Salvador, und daß ihre tägliche Nahrungsration seit 1970 aufgrund der Krise noch um 20 bis 25 % abgenommen hat, dann kommt man auf eine tägliche Nahrungsmenge von 1100 bis 1200 Kalorien pro Person — die eines Nazi-Konzentrationslagers im Jahre 1940 (daß man uns nicht das Wort im Munde herumdreht: ein „normales" Konzentrationslager von 1940, nicht ein Vernichtungslager wie Auschwitz 1942-1944). Unterernährung und Hunger werden noch durch eine systematische Politik verschärft, den Nahrungsmittelanbau durch den von Handelserzeugnissen für den Export zu ersetzen. In Brasilien ging zum Beispiel trotz Hungersnot im Nordosten 1983 die Bohnenernte um 45 %, die Reisernte um 20 % zurück, während der Ertrag von Kaffee um 79 % und der von Soja um 13 % stieg.

Aber auch wenn Argentinien, Mexiko, Brasilien oder die halbindustrialisierten Länder Asiens eine derart katastrophale Verschlimmerung der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft nicht kannten, ist hier der Rückgang doch nicht weniger eindrucksvoll. Man schätzt, daß in Mexiko durch Krise und Sparpolitik der größte Teil der Kaufkraftsteigerung, welche die Arbeitenden in den letzten 20 ja 30 Jahren errungen hatten, wieder verloren gegangen sind. In Südkorea waren die Reallöhne 1982 schon wieder unter das Niveau von 1978 gefallen. Unter diesen Umständen sind soziale Explosionen nicht zu vermeiden.

Mit der Krise wurde aber auch bestätigt, daß die Halbindustriali-

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sierung dieser Länder nicht mehr rückgängig zu machen ist. All diese Länder haben während und trotz der Krise ihre moderne Industrie behalten. In keinem dieser Länder ist die Industrie zusammengebrochen. Tatsächlich sind die Rückgänge in der Industrie geringer als in Grolbritannien, ja in Spanien und Portugal. In keinem dieser Länder brach ein Prozeß der Desindustrialisierung an, der doch für die kolonialen und halbkolonialen Länder in den 30er Jahren typisch war.[7] Die Halbindustrialisierung stellt also sehr wohl eine dauerhafte strukturelle Veränderung dar, keine mißbräuchliche Schlußfolgerung aus rein konjunkturellen Entwicklungen.

Es ist falsch anzunehmen, die Halbindustrialisierung stelle an sich schon eine Etappe des antiimperialistischen Kampfes dar oder könne durch Beschränkung auf den antiimperialistischen Kampf erreicht werden.

Gleichzeitig wurde mit der Krise aber vollauf bestätigt, daß diese Industrialisierung halt bleibt, was sie ist, nämlich eine partielle, die sich nicht unendlich in die Zukunft verlängern kann und auf eine wachsende Anzahl von Ländern ausdehnen. 8] Sie ist nicht kumulativ, eben weil sie abhängig ist, nämlich letztlich bestimmt durch das Geschehen auf dem kapitalistischen Weltmarkt, vor allem in den imperialistischen Ländern, die nach wie vor den größten Teil dieses Markts repräsentieren.

Die Vorstellung von einem kontinuierlichen Aufschwung und der Prosperität im Pazifik-Gebiet (das nach und nach den Atlantik als Zentrum der internationalen kapitalistischen Wirtschaft ersetzt) wird von den Tatsachen widerlegt. Genauso geht es der Vorstellung eines „neuen Akkumulationsmodells", das angeblich aus Japan kommt und sich in konzentrischen Kreisen über die Welt ausdehnt.[9] Mit einer derartigen „Umstrukturierung" kann die Krise nicht überwunden werden. Im Gegenteil, die Krise untergräbt diese Umstrukturierung.

In einem interessanten Artikel mit dem Titel Lefordisme périphérique étrangié par le monétarisme central (in der Zeitschrift Amérique Latine Nr. 16, Okt.-Nov. 1983) kommt Alain Lipietz zu einer Schlußfolgerung, die der unserigen entspricht. Das ist ein Schritt nach vorn für diesen Autor, der noch vor kurzem die Theorien der „Regulierung" vertrat, einer neuen Umstrukturierung des internationalen Kapitalismus dank der gegenwärtigen Krise. Aber schon in der Uberschrift (deutsch: „Der periphäre Fordismus wird vom zentralen Monetarismus erstickt") steckt ein neuer Fehler. Es ist nicht wegen des „zentralen Monetarismus", also wegen des Kreditmangels und der hohen Zinsen in den Metropolen, daß ein kontinuierlicher Aufschwung in den halbindustrialisierten Ländern nicht möglich ist. Der Grund dafür ist im Kern doch, daß der Weltmarkt aufgrund der Krise stagniert. Der Monetarismus ist nicht dessen Ursache, sondern nur ein erschwerender Faktor, wieerjaauch nicht die Ursache für die Krise in den imperialistischen Ländern ist, sondern sie nur verschärft.

Die Krise kommt aus den inneren Widersprüchen des kapitalistischen Systems, insbesondere vom Fall der Profitrate auf lange Sicht, die aus der Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals zu erklären ist, einer Steigerung, welche durch die Erhöhung der Mehrwertrate unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung nicht ausgeglichen werden konnte. Sie kommt davon, daß die Nachfrageexpansion der Endverbraucher sich verlangsamt, daß überflüssige Kapazitäten in einer nach der anderen Branche, die die Expansion „trugen", sich anhäufen.[10] Das hieß, man brauchte immer mehr Inflation (des Kredits, des Buchgeldes), um die Krise zu vermeiden. Von einer bestimmten Stufe an begann die Inflationsrate die Expansion zu ersticken, statt sie zu stützen, und das mußte auch so kommen, unabhängig von subjektiven Optionen. Der Monetarismus war eine Antwort auf diese materielle Entwicklung, nicht seine Ursache.

Was die weitere Industrialisierung der oben genannten Länder bremst, ist nicht in erster Linie ihre Verschuldung. Es ist die Tatsache, dals ihre wichtigsten Exportgüter heute (oder geplanten Exportgüter morgen), Erdöl, petrochemische Produkte, Stahl, Schiffe, morgen Autos, elektronische Geräte, auf dem Weltmarkt auf stagnierende Nachfrage, wenn nicht sogar deren Rückgang stoßen. Jeglicher massive Transfer der Produktion von den imperialistischen in die halbindustrialisierten Länder in diesen Branchen würde die globale Nachfrage noch mehr reduzieren, statt sie zu erhohen, vor allem weil die Löhne der Arbeiter in den Industrien in Brasilien oder Südkorea sehr viel niedriger sind (auch wenn sie längerfristig ansteigen) als in Frankreich, in der BR D, in Japan oder in den USA. Und weil dem so ist, gehen die Bankkredite für diese Länder zurück, und nicht in erster Linie aus der Furcht vor Insolvenzen, auch wenn diese Furcht durchaus berechtigt ist und in der Motivation der internationalen Bankiers eine Rolle spielt. Stundenlohnkosten 1979 in Dollar

USA 9,09 BRD 11,33 Frankreich 8,17 Italien 7,38 Spanien 5,82 Japan 5,58 Mexiko 2,31 Brasilien 1,80 Hongkong 1,25 Südkorea (1975: 0,37!) 1,14 Taiwan 1,01 Quelle: J.R. Chaponnière, La Républiqe de Corée, un nouveau pays industriel, Notes et Etudes Documentaires, in La Documentation Française Nr. 4667/4668, 19.5. 1982 /11/ Man muß sich immer vor Augen halten, daß sie internationale kapitalistische Wirtschaft ein Ganzes bildet. Es gibt nicht zwei getrennte, hermetisch abgeriegelte Sektoren, den der imperialistischen und den der halbindustrialisierten Länder. Der Ansporn dafür, daß den halbindustrialisierten Ländern so viele Kredite gegeben worden sind, kam von den imperialistischen Banken, nicht von den Regierungen besagter Länder. Und diese Kredite wurden nicht aus altruistischen Gründen angeboten und auch nicht, weil die imperialistischen Banken einen Uberfluß an Geldkapital, das nicht produktiv investiert worden wäre, gehabt hätten (letzterer Faktor indes wurde vor allem durch die Petrodollars nach 1973 vergrößert und spielte für die Motivation der Banken eine Rolle, die man nicht vernachlässigen sollte). Der Hauptgrund dieser verrückten Expansion internationaler Kredite liegt eben in der Krise selbst, die den produktiven Investitionen und der Expansion des Kredits in den imperialistischen Ländern ein Haltesignal setzte. Zudem sah sich das internationale kapitalistische System aus verschiedenerlei Gründen, auf die wir hier nicht eingehen können, mit der Tatsache konfrontiert, daß der Fluß direkter imperialistischer Investitionen in die unterentwickelten Länder stetig relativ zurückgegangen ist:

Anteil der Entwicklungsländer an der Gesamtsumme direkter Investitionen der wichtigsten imperialistischen Länder 1960 1980 USA 40 % 25 % BRD 36 % 20 % Britannien 36 % 20 Japan 60% 47 % Quelle: Dominique de Laubier, Die internationalen Investitionen — welche Veränderungen gibt es in den 80er Jahren, in Economie prospective internationale, letztes Quartal 1982

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Die Krise in den unterentwickelten Ländern

Auszüge aus der Politischen Resolution des XII. Welkongresses der IV. Internationale 13. Die halbkolonialen und halbindustrialisierten Länder, die die Mehrheit der Weltbevölkerung stellen, geraten 79/80 unvorbereitet in die Krise, viele unter ihnen mit einer gewissen Verspätung gegenüber den imperialistischen Ländern. Ihre Lage verschlimmert sich zwischen 1981 und 1983 noch. Sie erleben Produktionsrückgang, einen Rückgang der Exporte an Wert und Umfang, drastisch sinkende Beschäftigtenzahlen, währenddessen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung schon lange zum Bild gehören. Das Bevölkerungswachstum verringert das Prokopfeinkommen noch weiter. Das einfache Volk, das Proletariat und Halbproletariat werden mit voller Wucht getroffen. Das Einkommen der städtischen und ländlichen Kleinbourgeoisie verringert sich rapide. Die soziale Ungleichheit wächst unaufhörlich. Die dürftige soziale Versorgung blättert ab. Ernährung und Gesundheitswesen verschlechtern sich dramatisch. Die kapitalistische und imperialistische Ausbeutung nimmt sprunghaft zu. In dem Maße, wie sich die Integration dieser Länder während der letzten Jahrzehnte in den Weltmarkt vertieft hat, wirkt sich die Rezession 1974-75 in Form einer zunehmend defizitären Zahlungsbilanz aus. Ihre lawinenartig wachsenden Schulden erreichen 1982 eine Rekordhöhe, die dem Imperialismus ein Druckmittel in die Hand gibt, eine gnadenlose Sparpolitik zu diktieren, was viederum die soziale und politische Krise vertiett. Die Krise hat die Spannbreite der Unterschiede zwischen den soge nannten Ländern der Peripherie noch verbreitert. 14. In den ärmsten Ländern, hauptsächlich in Afrika, aber auch in Südasien und Teilen Lateinamerikas nimmt die Krise katastrophale Ausmaße an. Der Lebensstandard der Bevölkerung sinkt unter den „Schwellenwert" , den die Schergen der Weltbank festgesetzt haben. Für immer breitere Schichten liegt die Lebensmittelzuteilung unter den eigentlichen Bedürfnissen der Bewohner dieser Regionen. Hungersnot lastet auf dem Gros der Bevölkerung ganzer Länder: derer in der Sahel-Zone, Äthiopiens, Ugandas, Tschads, Bangladeshs, Nordortbrasiliens, sogar Zaires und Ghanas. So massiv hatte die Plage des Hungers in den letzten Jahrzehnten nicht gedrückt, währeddessen die Kapazitäten der Getreideproduktion in den imperialistischen Ländern mittels Subventionen gedrosselt werden, um die Preise zu halten.

Wenn die Entwicklung von Handelsbeziehungen auf dem Lande noch nicht die Produktion von Lebensmitteln zerstört hat, so hat sie doch zu einer deutlichen Minderung des selber konsumierten Anteils geführt. Zuerst muß der Bauer für den Markt produzieren, wenn er die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Güter erhalten will. Infolge der tiefgreifenden Umwälzungen der Agrarstruktur, die teilweise vom Agrobusiness in Gang gesetzt wurden, müssen diese Länder einen ständig steigenden Teil ihrer Lebensmittel einführen. Diese Importe belasten die Zahlungsbilanz, die sowiesoschon durch die Baisse bestimmter Exportgüter, die Hausse der Ausrüstungsgüter, der Energieträger und der Zinsen aus dem Gleichgewicht gebracht ist. In einer solchen Lage propagieren die „Stabilisierungsprogramme" des IWF die Rezessionswelle und schüren sie. Die Unterordnung dieser abhängigen Volkswirtschaften unter die unerbittliche Logik des Wertgesetzes wirft sie noch weiter zurück. Es vollzieht sich ein beschleunigter Prozeß gesellschaftlicher Auflösung mit zwei Gesichtern: einerseits Hunger, Massenarbeitslosigkeit und galoppierende Unterbeschäftigung und Verfall des Einkommens, andererseits schrankenlose Korruption und Endzeitpolitik der herrschenden Klassen.

Diese ärmsten Länder tragen neben ihren unmittelbaren Besonderheiten alle klassischen Züge der halbkolonialen Länder: Überwiegen des Ackerbaus und der Agrarproduktion, bei der Ausfuhr Schwerpunkt auf Rohstoffen und Agrarprodukten, kümmerliche Industriebasis, die fast ausschließlich auf Endvervrauchserzeugnisse orientiert ist, schwach entwickeltes Industrieproletariat und vorherr-

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schendes Gewicht einer zunehmend differenzierten Bauernschaft, direkte Kontrolle des Imperialismus über die entscheidenden Wirtschaftssektoren.

In bestimmten Ländern schälen sich daher die Umrisse einer zugespitzten politischen Lage heraus und drohen soziale Explosionen, die in vorrevolutionäre und revolutionäre Krisen einmünden können.

15. Inmitten der halbkolonialen Länder sind in Laufe der letzten Jahrzehnte halbindustrialisierte Länderaufgetaucht, die vom Imperialismus mittels Technologie, Kediten, Handelsnetz (Versichrung, Transport, Verteilung) und institutionellen Verwebungen (IWF, GATT, Handelsabkommen) beherrscht werden und nicht mehr alle spezifischen Züge der Unterentwicklung tragen.

Einige haben eine dauerhafte Industriebasis einschließlich Schwerindustrie und Warenexport entwickelt, wobei neben den noch stärker vertretenen imperialistischen Firmen, auch „nationalstaatliche" stehen: Brasilien, Mexiko, Südkorea, Argentinien, Indien, Südafrika, Taiwan, Singapur. In einem Großteil dieser Länder stellt das Proletariat schon die Mehrheit der aktiven Bevölkerung, ist die Bourgeoisie qualitativ stärker als in den ärmsten Ländern und entwickelt sich unabhängiges Finanzkapital einschließlich Kapitalexport. Selbst wenn die Abhängigkeit von imperialistischen Krediten stärker denn je ist, besteht ein wichtiger Unterschied zwischen imperialistischem Eigentum und Kreditabhängig- Andere Länder verfügen über wichtige Kapitalreserven: Saudiarabien. Kuweit, Golfemirate. Schließlich verfügen einige Länder über eine industrielle Ausgangsbasis: Ägypten, Algerien, Irak, Kolumbien, Venezuela, Iran. In all diesen Ländern spielt der Staat eine wesentliche Rolle bei der Bereitstellung von Kapital (über Banken und verschiedene Finanzierungstonds), bei Investitionen (in der Schwerindustrie, aber auch in anderen Branchen) und schließlich, direkt oder indirekt, bei der Konsolidierung einer nationalen Bourgeoisie. Diese Bourgeoisie, für die der Staat eine zentrale Stellung in der Verwaltung der ındustriellen und landwirtschaftlichen Arbeitskraft einnimmt, ist der durch die imperialistische Expansion verursachten Arbeitsteilung unterworten und versucht gleichzeitig ihren Platz in dieser Hierarchie zu verbessern; daher das Schwanken zwischen Ind die Krise schränkt den Spielraum dieser Bourgeoisie beträchtlich ein.

Diese Länder stoßen auf die Krise in einer Situation, die durch mehrere spezifische Faktoren gekennzeichnet ist. a) Versiegen der Wachstumsmöglichkeiten durch Ausweitung des Binnenmarktes, Aufschwung oder wesentliche Ausdehnung der Exporte, sowie neue Anstöße zu eigenständiger Industrialisierung. Diese wirtschaftliche Sackgasse verändert tiefgreifend das soziale und politische Klima im Vergleich zur vorherigen Periode. Die Bourgeoisien versuchen infolgedessen, sich mehr an multinationale Firmen und Banken zu binden, sei es um durch technologische Unterstützung die Position eines exportorientierten Sektors verbessern zu können, oder sei es, um Kapital locker zu machen. b) Die Halbindustrialisierung hat das soziale Gewicht und selbst die politische Rolle des Industrieproletariats beträchtlich ausgeweitet. Die Krise und die Austeritätspolitik verschärfen zugleich die Überausbeutung (direkte Angriffe auf die Lühne, Steigerung der Arbeitshetze, Verlängerung der Arbeitszeit) und provozieren bei den Beschäftigten Widerstandsbewegungen.

c) Das beschleunigte Eindringen von Kapital auf das Land führt zur Proletarisierung einer neuen Schicht von Bauern und zur wachsenden Vereinnahmung der Kleinbauern und Pächter für die Bedürfnisse einer kapitalistischen Landwirtschaft. Daraus ergibt sich eine tiefgehende Veränderung der Arbeitsbeziehungen auf dem Lande und eine erneuerte Sprengkraft der Agrarfrage. Die Agrarkrise bewirkt den Massenexodus in die Großstädte und vor allem die Elendsviertel rings um sie. Diese verarmten oder vertriebenen Bauern bilden eine Reservearmee, aus der das Kapital nach Gutdünken sich für die Bauindustrie oder das weite Netz der halbindustriellen Subunternehmer bedienen kann, sowie die Grundbesitzer in der Erntezeit. Die „Marginalisierung" der verarmten Massen entspricht den Erfordernissen der kapitalistischen Akkumulation. Die Überausbeutung nimmt dort heftigste Formen an: Ausweitung der Kinderarbeit, maximale Arbeitszeit, äußerst unsichere Arbeitsplätze, Fehlen jegli-

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cher Form von Arbeitsvertrag und der elementarsten sozialen Absicherung, schwere Arbeitsunfälle.

Zu den ungelösten Aufgaben der national-demokratischen Revolution (Agrarfrage, Unabhängigkeit vom Imperialismus, Beseitigung von Diktaturen, Erlangen der demokratischen Grundrechte, Trennung von Kirche und Staat, Erlangung elementarer demokratischer Rechte für die Frauen) kommen die Forderungen der lohnabhängigen und verarmten Massen in den Städten hinzu.

In diesen Ländern wirkt sich die Kapitulation der Regierungen vor den Plänen des IWF verheerend aus. Die Löhne sinken infolge von Inflation, des staatlich verordneten Einfrierens und des Drucks durch die industrielle Reservearmee. Die Beschäftigungszahlen gehen rapide zurück. Die öffentlichen Ausgaben schrumpfen, vor allem die für soziale Belange. Die Investitionen sinken daher intolge der sinkenden ettektiven Nachtrage und der Ausgabenbeschränkung im Bereich der öffentlichen Infrastruktur.

16. Dieses Entwicklungsmodell der Bourgeoisien im Einklang mit dem Imperialismus gerät ins Wanken. Es ist kaum wahrscheinlich, es sei denn im Rahmen eines Zusammenbruchs des internationalen kapitalistischen Systems, daß ein neuer Aufschwung durch das Ersetzen von Importen, diesmal auf dem Sektor der Produktionsgüter ingangkommt. Sicher ist man nie gefeit gegen das demagogische Ausspie- •len der nationalistischen Karte durch die herrschende Klasse oder gegen das Auftauchen von Fraktionen unter ihr, die zeitweise die Unterstützung durch die Bevölkerung suchen, indem sie eine nationalistische Kampagne gegen die Auswirkungen der imperialistischen Aggression starten. Aber die Versuche, die eigene Herrschaft durch den Rückgriff auf den populistischen Nationalismus zu rechtfertigen, können angesichts des Abhängigkeitsgrades dieser Bourgeoisien nur kurzatmig sein und sehen sich den Fortschritten der ausge beuteten Massen in Organisation und Bewußtsein gegenüber. Beispielsweise liefert die Nationalisierung der Banken 1982 in Mexiko durch die Regierung einen Beleg dafür: die politische Wirkung blieb begrenzt und kurzzeitig, weil die Regierung sich sogleich beeilt hat, dem internationalen Kapital Zugeständnisse zu machen.

Unter diesen Umständen ist der wachsende Rückgriff auf Bankenkredit eine Entwicklung, mit der auf den zunehmenden Mangel an Investitionen reagiert wird. Die Expansion des Kredits an die halbindustrialisierten Länder war nur ein Versuch, den Exportindustrien der imperialistischen Länder einen zusätzlichen Markt zu eröff nen, ein Versuch, der aus technischer Sicht ziemlich gewagt ist und aus konservativer Bankierssicht geradezu verrückt, der aber für gewisse grole Monopole der imperialıstischen Lander einen realen Sinn und Zweck hatte.

Und wenn die Rechnung ganz schön gesalzen ist, so sind es doch nicht die Verursacher, die sie zahlen müssen. Die Profite werden von den großen Monopoleneingesackt sein, und die Kosten gehen sicher zu Lasten der öffentlichen Kassen, damit der Steuerzahler (und der Konsumenten in Form zusätzlicher Inflation). Aus demselben Grunde ist es wenig wahrscheinlich, daß das Banken-oder Finanzkapital der imperialistischen Länder die Wirtschaft der halbindustrialisierten und OPEC-Länder wirklich erstickt. Damit würde es zugleich 25 % seiner eigenen Kunden ersticken (das ist der Anteil der „Dritten Welt" am Weltimport). Es wird sich zweifelsohne damit zufriedengeben, „die Verluste zu nationalisieren", zum Teil auf Kosten seiner eigenen Nation, zum Teil auf Kosten der unterentwickelten Nationen.

strialisierten Ländern so viele Der Ansporn, daß den halbindu- Kredite gegeben wurden, kam von den imperialistischen Banken, nicht von den Regierungen besagter Länder.

Wenn die USA derzeit unter einem so hohen Defizit in ihrer Handelsbilanz leiden, dann kommt das nicht nur von der Überbewertung des Dollars, sondern auch davon, daß ihre Ausfuhren in die „Dritte Welt" aufgrund der Restriktionen des internationalen Kredits zurückgehen: im Jahre 1983 allein die Ausfuhren nach Lateinamerika um 20 Mrd. $!

Mit dieser globalen Übersicht über die internationale kapitalistische Wirtschaft wird auch ein anderer Mythos zunichte gemacht, der die Diskussionen unter den marxistischen Theoretikern der „Dritten Welt" derart polarisierte. Es ist falsch anzunehmen, die anfängliche Industrialisierung oder Halbindustrialisierung der unterentwickelten Länder (zumindest von gewissen unterentwickelten Ländern) könne nur in absoluter, entschlossener, permanenter Opposition zum Imperialismus insgesamt, das heißt zur Gesamtheit der großen Monopole und der großen Banken der Metropolen, zur Gesamtheit der Multis erfolgen. Es ist falsch anzunehmen, die Halbindustrialisierung könne nur vermittels eines „antiimperialistischen Kampfes" geschehen oder stelle an sich schon eine „Etappe des antiimperialistischen Kampfes" dar.

Schon vor 20 Jahren hatten wir darauf hingewiesen: sobald die in den imperialistischen Wirtschaften vorherrschenden monopolistischen Sektoren zu Exporteuren von Ausrüstungsgütern und nicht nur von Verbrauchsgütern, einschließlich der langlebigen, werden, ist es unausweichlich, daß zumindest ein Teil der imperialistischen Multis und Banken an einer Teilindustrialisierung gewisser unterentwickelter Länder interessiert wird. Unter der interimperialistischen Konkurrenz konnte sich diese Bewegung nur ausweiten. Daraus folgt, daß die „neue Oligarchie", die in einem neuen herrschenden Block der genannten Schwellenländer die Staatsbürokratie und die „nationalen" Monopole mit den Multis assoziiert, keineswegs bedeutete, daß die Industrialisierung zum Stillstand kam. Sie konnte die Industrialisierung sogar stimulieren, aber in besonderen Formen und zeitlich nicht unbeschränkt. Daraus folgt ebenfalls, daß die Multis vom „herrschenden Block" verdrängt werden, daß Fortschritte in der Industrialisierung an sich absolut nicht sicherten, daß diese Multis vom „herrschenden Block" verdrängt würden. Deren Gewicht konnten sie sogar verstärken. Der „Mißerfolg" dieser „Industrialisierungsmodelle" — gestern durch die Substitution von bisher importierten dauerhaften Verbrauchsgütern, dann durch den Aufschwung der Exportindustrie und morgen sicher durch eine relative, bescheidene Ausweitung der Erzeugung „nationaler" Ausrüstungsgüter — war also nie ein absoluter Mißerfolg gewesen. Diese Industrialisierung war nur zeitlich und räumlich beschränkt, weil sie in enger Verbindung mit

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besonderen Konjunkturen - die wieder zeitlich begrenzt waren —und mit dem kapitalistischen Weltmarkt stand. Gegen diese sukzessiven Modelle als solche kämpfen, das hieße Windmühlen bekämpfen. Das gesamte kapitalistische „Projekt" einer kumulativen und kontinuierlichen Industrialisierung (Modernisierung) giltes anzugreifen, weil es im Rahmen des heutigen internationalen Kapitalismus utopisch und überholt ist, nicht seine besonderen konjunkturellen Formen, die sich nacheinander ablösen. Die Bourgeoisie der halbindustrialisierten Länder ist nicht der „Hausdiener" des Imperialismus (wie es zweifellos oft die herrschenden Klassen der halbkolonialen Länder waren und sind). Wenn sie so vorgeht, wie sie es tut, also in Assoziation (manchermal in enger, manchmal in konfliktgeladener) mit dem Imperialismus, dann tut sie das weder aus Schwäche noch aus Ohnmacht. Im Gegenteil, sie verfügt bereits über eine erkleckliche wirtschaftliche Macht. Im Gegenteil, sie handelt dergestalt in Funktion ihrer eigenen wohlverstandenen wirtschattlichen, sozialen und politischen Interessen. Es ist doch lächerlich füreinen Marxisten, Kapitalisten davon überzeugen zu wollen, daß er besser ihre Interessen verstehe, als sie es selbst tun.

In der Welt von heute liegt der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Konterrevolution und sozialer Revolution, nicht zwischen Imperialismus und den „antiimperialistischen" Kräften unter vermischung aller Klassen.

In der heutigen Welt, in der das kapitalistische System sich historisch im Niedergang befindet, ganz unabhängig von periodischen Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs, hängt das Schicksal der dominierten halbindustrialisierten Länder untrennbar mit dem des Sytems in seiner Gesamtheit zusammen, also in erster Linie mit dessen Hauptpfeilern, den imperialistischen Mächten. Diese Mäche zu untergraben, das hieße für die Bourgeoisie der halbindustriali ierten Länder, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen, ohne den si ins Nichts fallen würde . Man braucht nur zu sehen, wie panisch die mächtige chinesische Bourgeoisie von Hongkong aut die Vorstellung reagiert, der britische Imperialismus könnte gezwungen sein, sich aus dem Land zurückzuziehen. Man braucht nur zu begreifen, aus welchem Grunde die Länder der sogenannten Contadora-Gruppe [12] handeln: aus der Angst, daß die Revolution auch an der Tür Mexikos anklopft, wenn sie in Guatemala siegt, um zu verstehen, inwiefern die herrschenden Klassen der halbindustrialisierten Länder nicht nur aus finanzieller oder technologischer Abhängigkeit, sondern vor allem aus sozialen, politischen, letztlich auch militärischen Gründen untrennbar mit dem Imperialismus verbunden sind. In der Welt von heute liegt der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Konterrevolution und sozialer Revolution, nicht zwischen „Imperialismus" und den „antiimperialistischen Kräften" unter Vermischung aller Klassen.[13] Im Kreise der weltweiten bürgerlichen Kräfte versucht die Bourgeoisie der „Dritten Welt", vor allem die der halbindustrialisierten Länder (und die der OPEC-Länder), den weltweit aus den Proletariern erpreßten Mehrwert zu ihren Gunsten (und zu Lasten der imperialistischen Bourgeoisie) umzuverteilen. Immer wieder versucht sie zu diesem Zweck, die antiimperialistischen Gefühle, ja sogar antiimperialistische Aktionen der Massen nutzbar zu machen. Das ist nicht neu. Das wird auch morgen so passieren. Das entspricht dem Grundgesetz der Konkurrenz zwischen Kapitalisten. Dieser Kampf um Neuverteilung kann zu gewissen Zeitpunkten scharte Formen annehmen. Under kann zuweilen in der Propaganda Töne annehmen, die noch hettiger sind als der materielle Kampf. Aber er wird nicht den engen Rahmen durchbrechen, in dem er in unserer historischen Epoche steckt: die unabdingbare Solidarität aller Mehrwertraffer gegenüber den dauernden Anstrengungen der lohnabhängigen Produzenten, der Ausbeutung und der Mehrwertproduktion ein Ende zu setzen.

Je schneller das die Revolutionäre und die Lohnabhängigen der Länder der sogenannten Dritten Welt verstanden haben, umso eher erreichen ihre Debatten wieder die notwendige Klarheit, die zu umfassenden Siegen erforderlich ist, und umso rascher geht die Ära der falschen Diskussionen, der falschen Dilemmen und der falschen Strategien ihrem Ende entgegen.[14] 1. Februar 1984 [1] Wir hatten die Aufmerksamkeit schon auf dieses Phänomen der Akkumulation von Kapitalien auf breiter Ebene, die in bestimmten OPEC-Ländern nach der „Preisexplosion" des Erdols von 1973 begann, gelenkt. Siehe: Ernest Mandel, Auftauchen eines neuen arabischen und iranischen Finanzkapitals und Nochmalüber das Auftaucheneines autonomen Finanzkapital in mehreren halbkolonialen Ländern in Critique de l'économie politique. Nr. 22, Okt.-Dez. 1975. Siehe auch die Artikel von N. Jatar in Inl'reKorr Nr. 98 - 101/102.

[2] Man könnte zahllose Belege über die traditionellen marxistischen Bezeichnungen für die halbkolonialen Länder zitieren. Wir beschränken uns darauf, das Programmder Komintern von ihrem 6. Kongreß zu erwähnen, wo diesbezüglich die industrielle Unterentwicklung hervorgehoben wird und die Tatsache, daß die entscheidenden Betriebe der Industrie, des Handels und der Banken sowie im Transportwesen sich in den Händen ausländischer imperialistischer Gruppen befinden. Diese Abschnitte werden in Trotzkis Durchleuchtung dieses Programms nicht kritisiert. [3] Zu den Teilerfolgen der halbindustrialisierten Länder auf dem Gebiet der fortgeschrittenen Technologie siehe bezüglich:

— Indien die Zeitschrift Croissance des jeunes nations vom Mai 1983, — Südkorea die Far Eastern Economic Review vom 7.4.1983, — Brasilien die Zeitschrift Amérique Latine Nr. 13, Jan.-März 1983. [4) Es fällt übrigens auf, daß Lenin, sobald er sein Buch über den Imperialismus fertiggestellt hatte, sich sehr zurückhaltend über die Möglichkeit, daß Zwischenkategorien auftauchen, äußerte. Siehe zum Beispiel, wie er in seinen Heften über den Imperialismus einteilt in Länder, die finanziell nicht, politisch aber abhängig sind, in Halbkolonien und Kolonien. Und siehe in diesen Heften den noch klareren Absatz: „....typisch für diese Epoche sind nicht nur die beiden Hauptgruppen der Länder -solche die Kolonien besitzen, und die Kolonialländer — sondern noch verschiedene Formen von abhängigen Ländern..."| Rückübersetzung aus dem Französischen; Hervorhebungen von Mandell [5] Muß man denn Südafrika ein imperialistisches Land nennen, um unsere Unterstützung für Angola, Namibia, Mozambik oder jedes andere halbkoloniale Land, das in einem militärischen Konflikt mit ihm steht, zurechtfertigen? Keineswegs. Es reicht aus, Südafrika als halbindustrialisiertes Siedlerregime zu bezeichnen, als bewaffneten Arm des Imperialismus, um jeden Krieg, den es mit einem halbkolonialen Land führt, als reaktionär zu brandmarken.

16] Der Wirtschaftswissenschaftler Samuel Lichtenczten, ehemaliger Rektor der Universität Montevideo, hat dem autonomen Finanzkapital Lateinamerikas interessante Studien gewidmet. Insbesondere hob er darin die vorherrschende wirtschaftliche Rolle hervor, die das Bankkapital von Uruguay unter der Militärdiktatur zu spielen beginnt.

[7 Die Ausnahme von dieser Regel scheint Argentinien zu sein. Aber die Desindustrialisierung, die dieses Land tatsächlich erlebte, stammt aus der Zeit vor der internationalen Wirtschaftskrise und wurde im wesentlichen durch eine Änderung des Kräfteverhältnisses zwischen den besitzenden Klassen bestimmt. Sie wird zweifellos vom Sturz der Diktatur überholt werden.

[8] Die Halbindustrialisierung einiger unterentwickelter Länder hat zweifellos ein Dutzend Millionen neuer industrieller Arbeitsplätze geschaffen, maximal 20 Millionen. Aber André Gunder Frank schätzt die Zahl der Arbeitslosen und Halbarbeitslosen in der gesamten „Dritten Welt" auf 400 Millionen. Man sieht schon, warum es nicht viele neue Taiwans und Südkoreas geben wird, ganz abgesehen von Brasilien. [9] Die Behauptung, der Umzug von gewissen Branchen insbesondere in Asien wäre zu Lasten der Industrie in den imperialistischen Ländern erfolgt, ist falsch. Eine Studie der OECD weist nach, daß diese neue Ansiedlung mehr Arbeitsplätze in den Metropolen geschaffen hat (in den Investitionsgüterindustrien insbesondere), als in den alten Branchen verloren gingen. (Die Einwirkungen der neuen Industrieländer auf Erzeugung und Austausch von Industrieprodukten, Paris 1979). Das ist die rationale Grundlage für den Brandt-Bericht und andere Aufrufe von wichtigen imperialistischen Sektoren (vor allem Europas, Kanadas und Japans, aber nicht nur dieser Länder) zu einer vermehrten Zusammenarbeit zwischen „Nord" und Süd". Offensichtlich haben bestimmte Branchen wie die Textilindustrie und der Schiffbau viele Arbeitsplätze in Europa verloren, aber andere haben viele gewonnen.

[10] Diese ganze Analyse wird von uns seit mehrals zehn Jahren entwickelt. Siehe z.B. Weltwirtschaftsrezession und BRD-Krise 1974/75 (mit Winfried Wolf). Frankfurt 1976. [11] Diese Durchschnittswerte sagen nicht viel aus. In der südkoreanischen Konfektionsindustrie, der erfolgreichsten gegenüber den japanischen und europäischen Konkurrenten, betragen die Löhne ein Drittel der Löhne im Bausektor und die Hälfte der Löhne bei Stahl. In den kleinen südkoreanischen Betrieben verdienten 1973 die Männer 3 $ täglich, die Frauen 2 $, und der Arbeitstag dauerte 9, ja 10 Stunden lang. [12) Diese Gruppe, der Mexiko, Venezuela, Costa Rica und Panama angehören, bemüht sich um eine Beendigung des Bürgerkriegs in El Salvador und Nikaragua durch eine Verhandlungslösung, bei der die kapitalistische Produktionsweise in Mittelamerika erhalten bleibt, notfalls mit der Ausnahme Nikaraguas. (12] Trotzki schrieb bereits im „Alarm-Manifest" der Vierten Internationale (Mai 1940): „Die Vierte Internationale errichtet nicht undurchdringliche Mauern zwischen den zurückgebliebenen und den fortgeschrittenen Ländern, zwischen den demokratischen und sozialistischen Revolutionen. Sie kombiniert sie und ordnet sie dem weltweiten Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker unter. So wie die einzige revolutionäre Kraft unserer Epoche das internationale Proletariat ist, so ist das einzige Programm, das wirklich in der Lage ist, jegliche soziale und nationale Unterdrückung aufzuheben, das Programm der permanenten Revolution." [14] In einem späteren Artikel werden wir versuchen, auf die wichtigsten theoretischen Diskussionen über die Probleme der „Abhängigkeit" und der „Entwicklungsmodelle" einzugehen.