Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Indien

Völker, Kasten, Klassen

Inprekorr Nr. 166, Dezember 1984 · S. 6-14 · 5.487 Wörter

Indien und Südasien Gewerkschaften und Streiks Frauen IV. Internationale

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Indien und Interview der Zustand

Ben (India Today, 15.10.84). Der wesentliche Grund des Neuaufschwungs des Kommunmalismus liegt darin, daß die wirtschaftliche Wibbuti Patel der Linken

Entwicklung dynamisch genug ist, die alten sozialen Beziehungen in Indien durcheinanderzubringen, aber nicht ausreichend, ein Wachstumeiner gesamtindischen Ökonomie einzuleiten, das die alten kommunalistischen Trennungen überwinden könnte. Zugleich ist die indische Bourgeoisie, gestutzt aut eine macht- Vibhuti Patel, eine Führerin der zu der Zeit noch volle Zentralregierung, fähig gewe- Communist League genannten Sektion der Vierten sen, jeden größeren Streik seit 1974 zu brechen. Damit erscheinen die auf die Internationale in Indien, war eingeladen, an einer Konferenz zur Rolle von regierungsunabhängigen ethnische, religiöse oder kastenmäßige Gemeinschaft bezogenen Organi- Organisationen im ländlichen Asien teilzunehmen, sationen als die einzigen, innerhalb die im Februar 1984 in Dakar, Senegal, stattfand. deren und vermittels derer so etwas Auf ihrem Rückweg von diesem Kongreß gab sie wie Solidarität möglich ist. Gerry Foley in Paris das folgende Interview. Deshalb mußte Indira Gandhisterben Indira Gandhi

Nachdem das politische Leben Indiens bereits angefangen hat, sich an den allgemeinen Wahlen zu orientieren, die nächstes Jahr (tatsächlich noch in diesem Monat, IPK/ erwartet werden: wie gestaltet sich der politische Kontext?

Die Linien sind sehr unklar. Zur Zeit des Notstandes[1] gab es einen klaren Unterschied zwischen der Regierung und der Opposition. Aber heute benutzt jeder den gleichen Jargon, die gleichen politischen Losungen. Innerhalb der Opposition selbst ändern sich die Bündnisse fortwährend. Es gibt keinen Zusammenhalt. Was vor sich geht, ist nur ein großer Kuhhandel um die Verteilung der Sitze.

Gibt es zur Zeit keine klaren Entscheidungen oder Polarisierungen? Nein. Aber auf der anderen Seite legt die Kongreßpartei von Indira ihr wirtschaftliches Programm systematisch dar und geht besonders planmä- Big mit ihrer Rolle in der Bewegung der Blockfreien Länder und ihren Vorschlägen für wirtschaftliche Bünd nisse der Dritten Welt um. Dies hat sogar die Billigung der beiden kommunistischen Parteien, der CPI und der CPM[2], gewonnen. Diese haben Resolutionen angenommen, daß sie Indira Ganghi in internationalen Fragen unterstützen, wahrend sie weiterhin Vorbehalte hinsichtlich ihrer Innenpolitik aufrechterhalten. Indira Gandhi konnte dies wirbrachte vor, es gebe immer einen Zusammenhang zwischen ihrer Innenund Außenpolitik, daß beide nicht voneinander getrennt gesehen werden können, und daß somit die beiden kommunistischen Parteien inkonsequent sind, indem sie zwar ihre Außen-, jedoch nicht ihre Innenpolitik befürworteten.

Die Premierministerin hat ihr Image sehr geschickt wiederhergestellt, indem sie gegen die US-Invasion in Grenada und die Unterdrückung der pakistanischen Regierung in der Provinz Sind Stellungnahmen abgab. Ebenso gab sie Erklärungen ab, in denen sie die Massaker an den Tami-

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len in Sri Lanka beklagte.

Die indische Presse und bürgerliche Politiker haben in der Tat ein getundenes Fressen in Hinblick aut die Lage in Pakistan(3]. Sie lieben es, überhebliche Vergleiche zwischen der Unordnung dort und Indien zu ziehen, „der größten Demokratie der Welt" . Aber das ist nur widerliche Heuchelei.

Der Umgang der Inder mit unterdrückten Nationalitäten kann ebenso brutal sein, wie der Umgang der Pakistani mit den Sindhi. In den nordöstlichen Staaten Indiens hat sich dies in einer Anzahl von Fällen bewahrheitet, insbesondere in Assam.[4] Die indische Regierung setzte dort betrügerische Wahlen durch und zwang die Leute zu wählen. Es gab Massenmorde und Massenentführungen und eine Menge Repressalien. Die indische Armee war für all das voll verantwortlich.

Was waren die Gründe für die Morde und den Konflikt in Assam? In der Weltpresse wurden sie dargestellt als grausame Ausländerhetze gegen die biharischen Flüchtlinge/S] aus Bangla Desh, welche sich in Assam niedergelassen hatten.

Grundsätzlich ist es ein Problem der Unterdrückung einer Nation, der assamesischen. Die indische Zentralregierung hat den Norden stets als Kolonie behandelt. Dort hat kaum eine wirtschaftliche Entwicklung stattgefunden. Dort gibt es eine überdurchschnittlich hohe Rate der Jugendarbeitslosigkeit. Und es gibt keinen Raum für das sich herausbildende assamesische Kleinbürgertum. Unter der britischen Herrschaft wurde zunächst den Bengalen in Assam Bildung zuteil. Viele von ihnen bahnten sich ihren Weg in die britische Verwaltung. Nach dem Weggang der Briten beherrschten die Bengalen weiterhin den Verwaltungsapparat. Die bengalische Sprache wurde zur Pflicht. Die Bengalen betrachteten sich stets als eine zivilisierte und überlegene Rasse, die auf die Assamesen als Urmenschen herunterschaute, etwa vergleicbar mit der Haltung der Vietnamesen gegenüber den Kambodschanern.[6] Und so entwickelte sich unter den Assamesen ein bitterer Groll gegenüber den Bengalen. Zu all dem kam der Zustrom der vor Diskriminierung in Bangla Desh fliehenden Bihari. Sie erlangten im Agrarsektor eine gewisse Stärke. Im Plantagenbetrieb sind auch weitere Nicht-Assamesen sehr stark: Tamilen und Leute aus Orissa.

Es entwickelte sich unter den Assamesen das Gefühl, überall verdrängt zu werden. Eine Industrialisierung, in deren Verlauf sie hätten im Agrarsektor verlorene Arbeitsplätze ausgleichen können, gibt es nicht. Und dann wird auch noch die Landwirtschaft von Ausländern übernommen! Die Unterdrückung ihrer eigenen nationalen und kulturellen Bestrebungen setzten dem dann die Krone auf. Also war das der Grund, der zur Kampagne gegen die Bihari geführt hat. Wie lange geht das nun schon so? Der Zustand hält seit zwei Jahren an. Die Bewegung erwieses sich als hartnäckig und dauerhaft. Sie hat alle Klassen der Gesellschaft erfaßt, von den analphabetischen Bergbewohnern in den abgelegensten Gebieten Assams bis zu den Menschen der Hauptstadt. Die Führung befindet sich in Händen der Intelligenz, vor allem der Professoren und Studenten. Die Literarische Gesellschaft Assams spielte eine sehr wichtige Rolle dabei, das Programm der Bewegung auszuarbeiten.

Wie lauteten die konkreten Forderungen?

Zunächst wollten sie alle Leute aus Bangla Desh, die nach einem bestimmten Zeitpunkt nach Assam gekommen waren, abschieben.

schlugen 1950 vor. Die indische Regierung akzeptierte das Prinzip eines Stichdatums. Darauthın gab es zahllose Verhandlungen, weil die Regierung erst 1960 vorschlug, dann 1955 und so weiter.

Nun verlangte die Bewegung Wirtschaftshilfe. Auch im sechsten Fünfjahresplan findet Assam keine Berücksichtigung. Der Nordosten ist noch niemals vorrangig behandelt worden. Ein gewisser Anteil an Stellen im öttentlichen Dienst wurde gefordert, ebenso in den Bildungseinrichtungen.

Eine weitere Forderung bestand im Schutz der assamesischen Interessen in jenen Gebieten, in denen die Assamesen eine Minderheit geworden waren. Bengalen stellen heute in vielen Teilen des Staates die Mehrheit dar und verlangen, diese Gebiete als gesonderten Bundesstaat zu behandeln. InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 der Vieren nichteindische leien Problem?

Zu Beginn gab es dazu bei uns Meinungsverschiedenheiten.

fensichtlich handelt es sich um eine schwierige Frage. Doch nun ist die große Mehrheit der Ansicht, daß das eigentliche Problem die nationale Unterdrückung der Assamesen ist. Dies wurde in der zweiten Phase des Kampfes, die im letzten Jahr begann, offensichtlicher, als die Bundesregierung den Staat zu Wahlen rief. Die Führung der assamesischen Bewegung rief zum Boykott auf. Die Reaktion der indischen Regierung bestand ganz einfach darin, alles mit militärischer Gewalt erzwingen zu wollen.

Welchen Einwand begte die assamesische Bewegung gegen die Wahlen? Sie brachte vor, die Wahlen seien manipuliert. Die Repression war sehr umfassend gewesen. Assamesen waren von der indischen Armee abgeschlachtet worden. Das Regime des Bundesstaates war weitgehend militarisiert. Und vor dieser Zeit hatte es in Assam immer nur Gouverneursherrschaft gegeben, von der Bundesregierung eingesetzt. Die assamesischen Massen fühlten sich zu recht terrorisierte — und dann sollten sie wählen! Die assamesischen Führer sagten, daß sie, bevor nicht ein Stichjahr für die Anerkennung der (Bundes) Staatsbürgerschaft ernsthaft in Erwägung gezogen werde, zur Zusammenarbeit mit der Zentralregierung nicht bereit seien. Zum Beispiel gibt die indische Volkszählung von 1981 keinerlei Daten über Assam, denn dort wurde sie boykottiert. Was schlug die indische Sektion hinsichtlich der Forderung der Assamesen vor, die Bihari abzuschieben? Wir schlugen vor, daß alle Staaten der Indischen Union die Bürde, für die Bihari zu sorgen, unter sich aufteilen sollten. Bangla Desh ist wirtschaftlich schlechter dran als Indien. Diese Moslems aus Bihar werden in Bangla Desh von der bengalischen Mehrheit als Staatsangehörige zweiter Klasse behandelt. Die meisten von ihnen verrichten Hilfsarbeiten. Sieleben seit Generationen in Bangla Desh, die sich verschlimmernde Wirtschaftskrise macht ihre Lage dort jedoch hoffnungslos. Demzufol-

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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 ge kommen sie nach Assam, Tripura oder anderen nordindischen Staaten. Doch diese Staaten sind wirtschaftlich gesehen die rückständigsten in ganz Indien. Deshalb fordern wir, daß alle Staaten versuchen sollten, sie aufzunehmen, daß es nicht Assam alleine überlassen bleiben soll.

Was für politische Wirkungen hat der Konflikt in Assam Deiner Meinung nach außerhalb jenes Staates? Die unmittelbarste ist die auf die anderen Staaten und Völker der Region. Im Gefolge des Kampfes der Assamesen versuchen die übrigen Völker in anderen nordöstlichen Staaten ein Koordinationskomitee aufzubauen. In dem Gebiet gibt es sieben Staaten. Sie alle stehen vor den gleichen Problemen. Seit der indischen Unabhängigkeit leiden sie unter andauernder Militärherrschaft. Nationale Bewegungen entfalten sich aber bei vielen Völkern, beispielsweise im Gebiet von Charkand in Bihar. Eine Befreiungsfront hat sich dort gebildet.

Solche Fragen werden leicht zur politischen Scheidelinie auf gesamtindischer wie auf lokaler Ebene. Im nordöstlichen Staat Tripura zum Beispiel gibt es eine linke Koalitionsregierung, welche zum assamesischen Kampt die gleiche Haltung hat wie Indira Gandhi: daß es sich um ein Problem kommunalistischen Aufruhrs handele. Das vertreten auch beide kommunistische Parteien auf Bundesebene.

Die CPM, die stärkere KP, und die von ihr kontrollierte Regierung in Westbengalen gehen an den Kampfin Assam mit zweierlei Maß heran. Sie betiteln ihn als kommunalistisch.[7] Gleichzeitig unterstützen sie die Bewegung von Akali Dal in Panjab, die tatsächlich kommunalistisch ist. Denn die Sikhs sind keine unterdrückte Nation. Sie sind eine sehr machtvolle Religionsgruppe innerhalb der indischen Politik gewesen, sie sind stark beim Militär, viele von ihnen sind wohlhabende Händler. Dazuhin sind viele Sikhs ausgewandert, und ein beträchtlicher Geldbetrag aus dem Ausland fließt somit zusätzlich in die Gemeinde der Sikhs. Die CPM arbeitet offen mit dieser Bewegung zusammen. Sie ist aber auch zu Wahlbündnissen mit anderen kommunalistischen Parteien, wie der hinduistischen RSS, der Muslim League oder den Christdemokraten in Kerala bereit.

Wie sieht die Entwicklung der indischen Linken heute aus? Was erwartest Du von den linken Parteien in den anstehenden Wahlen?

Zynismus, Enttäuschung und Bitterkeit gegenüber Linken an der Regierung herrschen vor. Nimm die Erfahrung mit der linken Regierung in Kerala. Was hat sie getan? Sie ging Bündnisse ein mit der Muslim League, mit den Christdemokraten, mit der RSS. Verglichen damit bietet uns Indira Gandhi wenigstens die Aussicht auf eine stabile und konsistente Herrschaft.

Die Hauptkräfte der traditionellen Linken sind die CPI und die CPM. Die Sozialdemokratie hat sich aufgelöst. Es gibt einige Einzelpersönlichkeiten mit einer eigenen Basis in den Gewerkschaften oder in anderen Massenorganisationen. Aber das ist keine fest zusammenhängende Kraft. In Westbengalen hat die linke Koalitionsregierung eine Reihe volkstümlicher Programme vorgestellt, zum Beispiel ein Agrarprogramm. Aber daraus zogen die reichen Bauern alle Vorteile. Ohne begleitende weitere Programme konnte dies die Leute nur demoralisieren. Wir haben einen starken Verband in einem der westbengalischen Gebiete, Shantipur, wo sich unsere Genossinnen und Genossen in der Führung einer Ge- Überfall auf Zug, in dem Silehs vermutet werden werkschaft von Landarbeitern und verelendeten Bauern befinden. Sieberichten von einer scharfen Repression gegenüber den kämpfenden Massen. In mancher Hinsicht ist die CPM-Regierung sogar unterdrückerischer als die bürgerlichen Staatsregierungen. Beispielsweise gegenüber den alteren Gruppen, die aus der maoistischen Strömung hervorgingen. (In Indien gibt es 16 regulär organisierte maoistische Gruppen und 40 Grüppchen, hauptsächlich in Westbengalen.) Als die CPM in Westbengalen an die Regierung kam, handelte das erste von ihr herausgebrachte Rundschreiben von der Notwendigkeit, die sogenannten ultralinken Gruppen an die Kandare zu nehmen. Ungefähr 8000 Maoisten stecken im Gefängnis, und Folter ist dort eine häufige Praxis. Dieser Stand der Dinge wurde in einer sehr weit verbreiteten Zeitung, Sunday, zur Sprache gebracht, mit dem Ergebnis, daß ihr Herausgeber der Verfolgung ausgesetzt ist. Es ist innerhalb der CPM-Koalition auch viel Gerangel an der Tagesordnung, weil sie die Revolutionary Socialist Party, die Revolutionary Communist Party, die CPI, die CPM, den Forward Bloc mit einschließt, alles in allem ganz schön viele Parteien. Meinst Du, die linksgerichteten Staatsregierungen haben Chancen, bei den allgemeinen Wahlen ibre Mehrheiten zu halten?

FUNDES TAKING

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ASSAM:

InPreKorr Nr. 166, 12 1984 DISTRIBUTION OF POPULATION GOAL PARA

KAMAUP ® 1.74 Die CPM kann in Westbengalen gewinnen, weil die bengalischen Massen jene Unterdrückung, wie sie während des Kongreß-Regimes zur Zeit des Notstands erlebten, vermeiden wollen. Sie haben damals entsetzliche Dinge erlebt. Die Erinnerung an all das wird sie davon abhalten, den Kongreß Indiras zu wählen.

Aufgrund der Bündnisse, die die ee lerung eingegangen ist. konnte hristdemokratische Aratte, die Mus lim League oder andere oppositionelle Gruppen an Boden gewinnen. Wie ich bereits andeutete, ist in Tripura die linke Regierung ernsthatt diskreditiert worden, und die Aussichten sind nicht rosig.

Das Problem mit der traditionellen Linken insgesamt ist, daß sie sich als unfähig erwiesen hat, unsere Generation anzuziehen.

Was meinst Du genau mit, unsere Generation'?

Leute so zwischen zwanzig und Ende dreißig. Die alten Linksparteien ANSALDO

BILDHAR

CACHAR können sie nicht begeistern. Eine Anzahl von alten linken Persönlichkeiten hat eine breite Basis in den Gewerkschaften, das ist richtig. Wenn du das hast, hast du Möglichkeiten, daß die Leute wegen eines wirtschaftlichen Vorteils zu dir kommen. Oder wenn sie an der Regierung sitzen, können sie Arbeitsplätze schaffen oder irgendwelche Einrichtungen, und so fühlen sich die Leute zu ihnen hingezogen. Aber sobald sie aus dem Regierungssessel heraussind, verschwindet auch die Gefolgschaft. Sie haben keine bleibende Anhängerschar.

Wie sehen heute die Beziehungen zwischen den beiden KPen aus? Gibtes irgendeine Veränderung in ihrer relativen Stärke?

Im allgemeinen haben sie überhaupt keine ideologischen Differenzen mehr. Die CPM spricht von gleichweiter Entfernung von Moskau und Peking. Tatsächlich werben beide Parteien um die Unterstützung des Kremls. In einigen Punkten gibt es DIBRUGARH

S/85AGAR RECENT MASSACRES

MAINLY BENGAUS

MIXED POPULATION

MANLY ASSAMESE

TRIBALS

Unterschiede. Die CPI befürwortet bevorzugte Einstellung von Frauen, die CPM tut es nicht. Darüber wird heftig polemisiert. Weiterhin existieren tiefe persönliche Gegensätze. Ich denke, letzteres ist wohl das wichtigste, was ihrer Vereinigung im Wege steht.

Was ihr Kräfteverhältnis angeht, so bleibt die CPM die stärkere, und der Vorsprung ist wegen einer weiteren Spaltung der CPI gewachsen. Die CPI übte sich in Selbstkritik, weil sie den Notstand voll unterstützt hatte; damals begründete sie dies damit, sein Sinn seies, die rechten Kräfte zu zügeln. Jener Teil der Partei, der sich am meisten der alten Linie verbunden fühlte, trat aus, darunter ein Veteran der KP-Führung wie der Gewerkschaftsbewegung, Dange. Die neue Partei, die All India Communıst Party (AlCP), unterstutzt Indıra Gandhi vollkommen. Es ist ein Wunder, daß sie nicht gleich mit deren Kongreß fusioniert.

Durch diese Spaltung verlor die CPI ihre gewerkschaftliche Basis in

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InPrekorr Nr. 166, 12 - 1984 den meisten größeren Städten. Aber generell ist die junge Arbeiterklasse weder für die CPI noch für die CPM. Der Textilstreik von Bombay zeigt dies deutlich. Die KP war die Vorkämpferin der gewerkschaftlichen Organisierung in der Textilindustrie gewesen. Nun hat sich das Kräfteverhältnis völlig verlagert. Die Krönung der Arbeit der KP in der Gewerkschaftsbewegung, das National Campaign Committee von 16 gesamtindischen Gewerkschaften und örtlichen Dachverbänden hat sich als kraftlos erwiesen.

Während des Textilstreiks hat das NCC kaum eine Solidaritätsarbeit geleistet. Es hat lediglich ein paar Resolutionen verabschiedet. So ist es, wenn das NCC in Bombay zu Kundgebungen aufruft, kaum fähig, 5000 oder im Höchstfalle 10 000 Leute zu erreichen. Wenn jedoch Datta Samant, der Führer des Textilstreiks, aufruft, so kommen stets mindestens 100 000, und manchmal werden 500 000 erreicht.

Was versteht man genau unter dem NCC? Was stellt es dar?

Nun, es verbreitet in der Hauptsache einfach Resolutionen. Es wurde als Antwort auf die Niederschlagung so vieler Streiks gebildet. Nach der Niederlage des Eisenbahnerstreiks 1974 hat es keinen einzigen bedeutsameren Streik mehr gegeben, wo die Arbeitenden irgendetwas erreicht hätten. Ein Streik von 1,4 Millionen Regierungsangestellten fand statt. Er dauerte sieben oder acht Monate, aber er endete in einer Niederlage. Dann hatten wir den Streik der Kommunalbeschäftigten. Wir hatten einen Streik in den Staatsbetrieben. In keinem von diesen allen konnten die Beschäftigten ihre Forderungen durchsetzen. Alle wurden rücksichtslos niedergeschlagen, die meisten der Aktiven vom Dienst entlassen oder suspendiert.

Deshalb setzten Arbeiter und Arbeiterinnen aus allen bedeutenderen Gewerkschaften ihre Führungen unter Druck, ein gemeinsames Kampagnen-Komitee zu bilden. Aulserdem begann sich Ende der siebziger Jahre die ganze Latte repressiver Gesetze bemerkbar zu machen. Der Kampf gegen die Industrial Relations Bill brachte es erstmals mit sich, dals die Arbeiterklasse in ganz Indien sich um eine gemeinsame Plattform sammelte. Es kam in Delhi zu einer Demonstration von über einer Million Arbeiterinnen und Arbeitern vor dem Gebäude der Regierung. Es fand ein Versuch statt, die althergebrachten sektiererischen und berufsgewerkschaftlichen Spaltungen zu überwinden. Aber als sich konkrete Kämpfe abzeichneten, gewannen das Sektierertum und die Paralyse wieder die Oberhand. Und diese Organisation, das NCC, scheiterte ganz drastisch am Test des Textilarbeiterstreiks von Bombay, wie ich eben schon sagte.

Was ist bei der Niederlage des Textilstreiks herausgekommen?

Ungefähr 100 000 Arbeiterinnen und Arbeiter wurden arbeitslos. Es gibt eine Kapitalflucht aus Bombay. Viele der Fabriken sind von der Regierung übernommen worden, weil das Privatkapital nicht mehr bereit ist, sie zu betreiben. Eine umfangreiche Rationalisierung und Mechanisierung der Industrieist imgange. Beinahe alle Aktivistinnen und Aktivisten sind seither verfolgt worden. Die indische Regierung verfügt uber ein groises Arsenal repressiver Gesetze. Sie hat ein Gesetz zur Vorbeugehaft. Es gibt den Artikel 151 betreffs asozialer Elemente. Dieser wurde während des Textilstreiks gegen alle von uns angewandt. Sie hat das Gesetz zur Nationalen Sicherheit. Sie hat das Gesetz über Unruheherde. Wo immer sich eine Massenbewegung entwickelt, erklären sie diese Gegend zu einem „Unruheherd" , das bedeutet, dals alle Aktionen, Streiks, sit-ins, Versammlungen illegal sind Sie hat das Gesetz zur Aufrechterhaltung notwendiger Dienstleistungen, unter das weite Teile der Arbeitenden fallen. Zum Beispiel wurde ein „dringender Notfall" bei den Eisenbahnen testgestellt, als das örtliche Betriebspersonal im Streik stand. Ein Großteil der jungen Arbeiter wurde entlas- Wurde die Textilgewerkschaft durch die Niederlage der Streiks zerschlagen?

Nein. Vielmehr gab es sogar einigen politischen Gewinn daraus. Datta Samant spricht heute von der Notwendigkeit einer Arbeiterpartei. Samant konnte seine Basis in Gujerat, DEmonstration der Textilarbeiter/innen außerhalb Bombays und in Teilen von

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Maharashtra erweitern. Er wird als Märtyrer angesehen.

So betrachtet sind die Folgen der Niederlage des Textilstreiks sehr verschieden von den Folgen der Niederlage des letzten großen Streiks, der Eisenbahnerstreiks von 1974. Der Führer des Streiks, Fernandez, wurde damals in Mißkredit gebracht; ein Gefühl von Mißtrauen und Verrat war an weit verbreitet.

Die Textilarbeiter jedoch schieben Samant nicht die Schuld für die Niedelage zu. Vielmehr sehen sie den Grund darin, daß wir von den anderen Gewerkschaften keine Unterstützung erhielten.

Es war nicht Samant, der den Streik begann. Die Arbeiter gingen zu ihm hin. Etwa 25 000 Arbeiter in acht Fabriken waren bereits im Oktober 1982 in Streik Streik getreten. Sie arbeiteten mithilfe von Gebietskomitees, weil die Arbeitenden in einer Art Ghetto, Textildörfer genannt, leben. Die Arbeitenden riefen Samant dazu auf, den Kampf zu organisieren. Er sagte ihnen, daß er sich in der Geschichte der Textilarbeiterbewegung nicht auskenne. Er hatte hauptsächlich im Maschinenbau, der Pharmaindustrie und anderen modernen Industrien gearbeitet, wo die Tariffähigkeit und Kampfkraft der Arbeitenden ein Hohes Maß erreicht. Er wußte nicht, wie er in der Textilindustrie arbeiten sollte. So sagten ihm dann die Arbeiter, im Falle, dais er nicht binnen 24 Stunden den Streik erklärte, würden sie es selber tun. Also schlug er ein.

Die Textilarbeiter wissen, daß sich ihre Streiks in Indien stets in die Länge ziehen. Keiner dauerte weniger als 30 Tage, viele mehrere Monate. Also waren sie darauf eingestellt. Ihre zentrale Forderung war die Aufhebung jenes üblen Erlasses, der alsI ndustrial Relations Act of Bombay bekannt ist. Daß es nicht leicht werden würde, wußten alle. Die Unternehmensleitungen waren zu wirtschaftlichen Zugeständnissen bereit. Die Arbeitenden jedoch waren nicht willens, sich mit weniger als der Auflösung der gelben Gewerkschaft der Bosse und dem Recht auf einen eigenen Verband zufrieden zu geben.

Was ist über die gewerkschaftliche Basisorganisierung zu sagen? Gibt es die noch?

Klar, in Maharashtra.

InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 Die im Text häufigst genannten Orte und Provinzen sind uterstrichen 500 arO CACHEA :N andigarh Brahmapoutre

NEW- Jabpuro UTTAR-PRADESH

RAJASTHAN cknow & Gange

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GUJARAT Caicutta)

SArmadabed MADHYA• PRADESH

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DO MAHARASHTRA ORISSA -BIRN Bombay' Huderaba. -G-O-L-F-E- ANDHRA- PRADESH

D-U-B-E-N-G-A-L-F •Madras

Lakshadweep- •pondichery TAMIL NADU

Trotz der Tatsache, daß die meisten Wir konnten darüberhinaus das der Aktivistinnen und Aktivisten ge- Vertrauen vieler Arbeiter und Arbeifevert wurden? terınnen gewınnen, dıe von syndıkali- Ja. Viele der Aktiven sind „Haupt- stischen Strömung beeinflufst waren; amtliche" geworden. Einige sind in diese Strömung war zuvor stark. Sie ländliche Gebiete umgesiedelt. Eini- hatte die Haltung, daß jeder, derüber ge arbeiten bei Arbeitsbeschaffungs- Politik spricht, kein Arbeiter ist, daß malnahmen, die die Regierung be- vielmehr damit nur versucht würde, reitstellt. Der Kampf geht dort weiter, die Arbeiterschaft für den Wahldenn Textilarbeiter und -arbeiterin- kampf zu mißbrauchen. Aber weil nen sind sehr militant. Sie kämpfen wir im Streik aktiv waren, stehen wir gegen die Bestechung bei der Vergabe heute mit diesen Arbeiterinnen und von Aufträgen seitens der Regierung, Arbeitern gut. sie bauen Gewerkschaften auf, in ver- Diejenige Partei, welche aus dem schiedenen Dörfern organisieren sie Streik am meisten Gewinn zog, war Massenversammlungen. die Lal Nishan-Partei, eine Partei mit starker historischer Basis im Staat. Gab es nach der Niederlage keinerlei Demoralisierung?

Bei breiteren Schichten macht sich Wer ist die Lal Nishan-Partei? Was ein gewisser Defätismus bemerkbar, stellt sie politisch dar? denn trotz so einem heldenhaften Sie geht auf eine Abspaltung von Streik von 250 000 Beschäftigten mit der Komunistischen Partei zurück. einer Dauern von 18 Monaten konnte Im Rahmen des Kriegsbündnisses nicht viel herausgeholt werden. Nun zwischen der Sowjetunion und den gewınnen dıe kommunalıstıschen Westmächten beschloß die CP 1942, Kräfte dazu. die britische Herrschaft in Indien zu unterstützen. Die Gründer von Lal Hat die Communist League durch Nishan spalteten sich daraufhin ab ibre Arbeit im Streik irgendwas ge- und gingen mit den Nationalisten zuwonnen? sammen. Seither haben sie in Maha- Wir konnten manchen Arbeiter re- rashtra eine starke Basis, und zwar krutieren, der sich nach einer Alterna- sowohl in den Industriestädten als tive zu den komunistischen Partei- auch in den Dörfern. en umschaut. Die Rolle, die das NCC Ihre Politik ist eine sonderbare Miim Streik spielte, hat die Textilarbei- schung rechtsgerichteter und ultraterinnen und -arbeiter schwer vor den linker Abweichungen. Ein durchgän- Kopf gestoßen. giges Programm haben sie nicht. Mal

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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 Indira Gandhi treten sie mit einem Aufruf zum Wahlboykott oder ganz radikalen Programmen hervor. Gleichzeitig unterstützt dann ein Teil Indira Gandhi mit dem Argument, sie sei die einzige charismatische Führerin, die dazu fähig ist, kommunalistische und rechtsgerichtete Kräfte in Indien zu bekämpfen.

Auf dem Lande gewähren sie der Bauernbewegung keinerlei Unterstützung, sondern haben ausschließlich die Landarbeiter und-arbeiterinnen und die marginalen Existenzen unter den Bauern im Auge. Ihre zentrale Kampagne geht um die Einführung eines Minimallohnes in der ! Landwirtschaft.

Haben die schwierigen Erfabrungen des letzten Jahrzehnts irgendwelche positiven Wirkungen auf die linken Gruppen gezeigt? Gibt es Tendenzen, die den revolutionären Marxismus begüstigen?

In der maoistischen Bewegung haben sehr rasche Entwicklungen stattgefunden. Sie wurde von der Entmaoisierung, dem Modernisierungskurs der neuen chinesischen Regierung, der Debatte um die Viererbande, der Verfolgung der Opposition und der chinesischen Invasion in Vietnam schwer gebeutelt. Der Bruch von Charles Bettelheim mit dem Maoismus war ein zusätzlicher Schock, weil sein Buch „Klassenkampf in der UdSSR " für sie eine Art Bibel darstellte.

Ferner beeinflußt wurden sie von der Vorwärtsentwicklung des indischen Kapitalismus, weil sie zuvor nur über internationale Fragen oder die Monopolbourgeoisie gesprochen hatten. Das gab für die Massen keinen Sinn. Genausowenig ihre Linie vom Vierklassenblock auf dem Land, was bedeutete, die ländlichen Reichen mit zu unterstützen. Nun waren sie gezwungen, über indische Wirklichkeiten nachzudenken.

So gibt es heute viele maoistische Gruppen, die die Ansicht vertreten, daß das Etappenmodell [erst bürgerliche demokratische, dann sozialistische Revolution, IPK] auf Indien nicht anwendbar ist. Nach 1977 kam der Gedanke auf, daß die industrielle Arbeiterklasse doch auch eine gewisse Rolle zu spielen habe. Deshalb gingen sie dazu über, der Gewerkschaftsarbeit einen größeren Platz einzuräumen. Sie haben begonnen, das Konzept des bewaffneten Aufstandes zu überdenken, darüber nachzudenken, was bewaffneter Aufstand überhaupt wirklich bedeutet, und wie man sich den Massen zuwendet. Sie sind weniger sektiererisch und herablassend gegenüber anderen Gruppierungen. Tatsächlich haben wir viele Maoisten zu unserer Partei hingezogen. In Westbengalen interessieren sich viele von ihnen für unsere Analyse des Imperialismus und der nachkapitalistischen Gesellschaften. Wir führen zahlreiche Diskussionen mit den unterschiedlichsten maoistischen Gruppierungen. Wir tauschen Literatur aus. Einige mit sehr ultralinker Geschichte zeigen sich sogar bereit, unsere Literatur in ihren Buchläden zu vertreiben. Sie laden uns ein, bei Aktionseinheiten mitzumachen. Bei Shantipur beispielsweise haben wir schon seit einigen Jahren mit Maoisten in einer Massenfront gearbeitet, und unsere dortigen Genossinnen und Genossen geben mit ihnen zusammen eine recht dicke Zeitschrift heraus. Diese Front umfaßt auch dissidente Mitglieder der CPM sowie abgetallene Maoisten und andere Trotzkisten.

Wir können mit solchen Maoisten und ehemaligen Maoisten in vielen Fragen konkreter Natur zusammenarbeiten, in Arbeitskämpfen, demokratischen Kämpfen, Frauenkämp- Die Bewegung der Vierten Internationale hat in der zurückliegenden Zeitspanne eine höhere Glaubwürdigkeit erlangt. Diese Leute mit einem maoistischen Hintergrund hat-

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ten die Vorstellung, Trotzkisten seien eurozentrisch und nur an Angelegenheiten auf Weltebene interessiert, nicht an der indischen Wirklichkeit. Nun ist dieses Bild bereinigt. Sie haben Trotzkistinnen und Trotzkisten kennengelernt, die in den Massen verankert sind, die in Massenfronten aktiv sind, für die Indien in der Politik das Maßgebliche ist. Wirgewinnen an Glaubwürdigkeit sowohl bei den maoistischen als auch bei den neuen radikalen Gruppen. Das nährt unsere Hoffnungen sehr, weil diese Menschen junge Revolutionäre mit einer Menge Idealismus sind Wir beobachteten weiterhin einen Umdenkungsprozeß bei den Konferenzen zum hundertjährigen Todestag von Karl Marx, die von CPI und CPM organisiert worden sind. Ein Mitglied des westbengalischen Staats komitees der CPM hat das Etappenmodell in Frage gestellt, indem er vorbrachte, er könne nicht verstehen, warum wir nicht unmittelbar eine sozialistische Revolution in Indien haben könnten.

Einer der Chefideologen der CPM hat im Economic and Political Weekly, meines Wissens zum erstenmal geschrieben, das Hauptproblem in der Sowjetunion sei, daß es dort keine Arbeiterdemokratie gibt.

Bis zum heutigen Tage behält die CPM aber ihre üble Haltung zu den antibürokratischen Bewegungen in Osteuropa bei. Solidarność sehen sie als Operation des CIA an und Lech Walesa als CIA-Agenten. Als ein Vertreter von Solidarnosć, Henryk Szlajfer, nach Indien kam, versuchten sie, ihn zu beschimpfen und seine Veranstaltungen zu stören. Das war im Juni 1982. Ich war seine Übersetzerin. Wir hatten eine Versammlung von Arbeiterinnen und Arbeitern organisiert für ihn, und die Leute von der CPM kamen und führten sich wie verrückte Schläger auf.

Vor einem Monat erst übte eine Gruppe von Ideologen der CPM auf einem Symposium zum Marxjubiläum an der zuletzt vertretenen Parteiposition zur Frauen- und zur Studentenbewegung Kritik. Die CPM hat die Frauenbewegung als nicht auf den Klassenkampf bezogene Bewegung angeprangert, die die Arbeiterklasse spaltet. Inzwischen zeigen sie sich bereit zuzugeben, daß Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen sehr wohl Klassenangelegenheiten sind. In den Gewerkschaften, die ihnen unterstehen, haben sie Frauenausschüsse gebildet. Sie haben eine eigene Frauenorganisation ins Leben gerufen.

Einer unserer wichtigsten Unterschiede zu den KPen ist, daß wir klar umrissene Standpunkte zur Frage der Kasten, der Frauen, der Stämme haben: alle Kämpfe unterdrückter Kasten, unterdrückter Nationalitäten und des unterdrückten Geschlechts zu unterstützen. Woimmer solche Kämpfe aufgetreten sind, haben wir sie unterstützt, haben aktiv eingegriffen, wie zum Beispiel während der Kastenunruhen in 1200 Dörfern von Maharashtra, wo die Ghetttos der Unberührbaren geplündert und gebrandschatzt wurden.

Es gab Brandstiftung, Plünderung und Massenvergewaltigung. Alle unsere Genoss/inn/en gingen hin. Wir besuchten diese Gebiete, machten ihre Kämpfe bekannt, unterstützten sie. Wir arbeiten aktiv mit den Massenfronten zur Kastenfrage. Als sich Mitte der siebziger Jahre die Frauenbewegung entwickelte, nahmen wir daran teil. Wir nannten sie niemals eine nicht-klassenbezogene, kleinbürgerliche Bewegung. Mit unserer Haltung und unserer Arbeit zu solchen Fragen haben wir sehr viel erreicht.

Wie sind die Aussichten auf ein Zusammengehen mit anderen revolutionären Gruppierungen?

Gerade heute steuern wir auf ein Zusammengehen mit der Bolsbevist Leninist Group (BLG) zu. Seit einem Jahr befinden wir uns mit ihnen in Vereinigungsgesprächen, und im Mai dieses Jahres werden wir eine gemeinsame Konterenz abhalten.

Eine Schlüsselfrage in den Diskussionen war die der IV. Internationale. In Indien gibt es eine Reihe unabhängiger marxistischer Gruppen, die uns programmatisch in der Frage der indischen Revolution sehr nahe stehen. Aber sie wollen die Bezeichnung „Trotzkismus" vermeiden. Sie bringen vor. „Für was braucht Ihr die IV Internationale?" Einige Genoss/inn/en der BLG waren von Argumenten dieser Art beeinflußt.

Unsere Antwort betonte die Wichtigkeit einer internationalen Organisation, da wir uns in einem weltweiten Kampf gegen den Imperialismus befinden, daß es wichtig ist, dabei wechselseitige Solidarität zu entfalten und Erfahrungen auszutauschen. Wir InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 deuteten auf das Beispiel Polen und auf die Arbeit, die von den Sektionen der IV. Internationale in anderen Ländern zur Frage der Frauenunterdrückung und der nationalen Unterdrückung geleistet wurde. Es war die Erfahrung der anderen Sektionen der IV. Internationale, die beispielsweise uns befähigt hat, die Frauenbewegung zu verstehen, als sie heraufzog, und eine korrekte Haltung ihr gegenüber einzunehmen. So stimmen die Genoss/inn/en der BLG inzwischen zu, daß die vereinigte Organisation indische Sektion der IV. Internationale sein soll.

Besonders in einer Hinsicht wird die Fusion von unmittelbarer Bedeutung sein. Die BLG hat Verbindung zu Südindien, wo wir bisher niemals eine Arbeit geleistet haben. Keine/r von unseren Genoss/inn/en kann drawidische Sprachen. Sie sind sehr schwer zu lernen, weil ihre Struktur von der der indo-europäischen Nordindiens völlig verschieden ist. So hoffen wir als Ergebnis dieser Fusion einen großen Schritt dahin zu machen, auf gesamtindischer Basis arbeiten zu können.

[1] Indira Gandhi rief im Juni 1975 angesichts eines in Aussicht stehenden für sie nachteiligen Gerichtsurteils den Notstand aus und leitete eine Periode willkürlicher Herrschaft und maßloser Unterdrückung ein. 1977 wurde ihre Kongreßpartei daraufhin bei den Wahlen stark zurückgeschlagen. Sie kehrte jedoch 1980 zurück an die Regierung. [2] 1964 spaltete sich die Kommunistische Partei Indiens im Gefolge der sino-sowjetischen Auseinandersetzungen. Ein Teil bildete die Kommunistische Partei (Marxisten) (CPM). Die CPM richtete sich an Peking aus, ohne jemals ideologisch völlig maoistisch zu werden. Die ideologischen Maoisten im gebräuchlichen Sinne werden im allgemeinen mit der naxalitischen Bewegung gleichgesetzt, die den bewaffneten Kampf unterstützt. Diese beiden Begriffe sind in der indischen Politik also gleichbedeutend, obwohl sie sich auf eine ganze Palette von Gruppen beziehen. [3] Siehe InPreKorr Nr. 159 vom 5.12.84. [4] Assam grenzt an Bangla Desh. Dieser Teil Indiens wurde durch die Schaffung Ostpakistans in gewissem Malse isoliert. Im Verlaute des vergangenen Jahres kam Assam im Zusammenhang mit kommunalistischen Unruhen und Massakern an Dorfbewohnern in die internationalen Nachrichten. [5] Bihari sind Moslems in Bangla Desh, die sich im damaligen Ostpakistan im Zusammenhang mit den Bevölkerungsschüben aus Bihar kommend niederlie- Ben, die der Teilung iNdiens 1947 folgten. Mit dem Aufflammen von thnisch begründetem Nationalismus in Ostpakistan wurden sie in steigendem Maße zum Gegenstand des Unmuts der bengalischen Mehrheit und gerieten mehr und mehr unter Druck. [6] Die eigentlichen Assamesen sind ein schon vor Jahrhunderten zugewandertes indo-europäisches Volk. Am nationalen Kampf sind jedoch auch die Stämme tibeto-burmesischen Ursprungs beteiligt. [7] Zur Erläuterung siehe Artikel von Gerry Foley in diesem Heft.

[8] Siehe InPreKorr Nr. 157 vom 1.10.84.

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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984