Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Indien

Sikhs – eine unterdrückte Nation?

· Inprekorr Nr. 166, Dezember 1984 · S. 14-17 · 2.043 Wörter

Indien und Südasien

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Der Scan dieser Nummer wird nicht veröffentlicht; vor dem Zitieren bitte das gedruckte Heft prüfen.

Die Sikhs:

eine unterdrückte Nation?

Sharad Jhaveri

Dies war eine rein militärische Lösung für ein gesellschaftspolitisches Der Goldene Tempel in Amritsar ist das bekann- Problem.

schaft der Sikhs ist tief aufgewühlt. Die gesamte teste Symbol der Religionsgemeinschaft der Sikhs. Führung der Akali Dal, der traditionellen Partei der In der jüngsten Vergangenheit wurde er mit dem Sikhs, ist verhaftet. Eine Möglichkeit zu Verhand- Extremismus in Verbindung gebracht, da er gleichlungen gibt es derzeit nicht. zeitig als Asyl und Wattenversteck diente. Antang Bisher gibt es aus keiner Ecke Anzeichen eines Juni ließ daß Gandhi-Regime den Goldenen Tempel und andere zu Festungen umgebaute Sikh- korrekten Verständnisses und eines korrekten polipel und andere zu Festungen umgebaute Sikh- korrekten Verständnisses und eines korrekten poli- Schreine durch die Armee erstürmen. Der Bundes- tischen Herangehens an das Panjab-Problem. Eine Schreine durch die Armee erstürmen. Der Bundes- tischen Herangehens an das Panjab-Problem. Eine staat Panjab wurde isoliert und der Notstand wenn auch unzureichende Klassenanalyse der Siausgerufen. Extremisten wurden entweder aufge- tuation läßt einen vermuten, daß eine dauerhafte ausgerufen. Extremisten wurden entweder aufge- tuation läßt einen vermuten, daß eine dauerhafte spürt und verhaftet oder mußten außer Landes flie- Lösung des Problems im Rahmen des rückständigen hen. Vielerorts in ganz Indien desertierten Sikhs aus Systems kapitalistischer sozialer Beziehungen nicht hen. Vielerorts in ganz Indien desertierten Sikhs aus Systems kapitalistischer sozialer Beziehungen nicht der Armee und wurden ins Gefängnis geworfen. Der religiöse Faktor brodelte lange Zeit nur im Hintergrund panjabischer Politik. Aber jüngst hat sich die Verbindung von Sikh-Religion und Politik als höchst explosiv erwiesen. Der Kommunalismus ist auf dem aufsteigenden Ast, während der Säkularismus seine Vorrangstellung eingebüßt hat. Dies liegt daran, daß Religionszugehörigkeit den Zugang zu verschiedenen wirtschaftlichen Möglichkeiten mitbestimmt.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung von Indisch-Panjabsind Hindus oder Sikhs. Sikhs überwiegen in ländlichen Gebieten, Hindus in den Städten. Die Bevölkerung der verschiedenen Bezirke im Panjab ist sehr ungleichmäßig auf die beiden Religionen verteilt: in Gurdaspur, Jallundar, Hoshiarpur bilden die Hindus die Mehrheit, während in Bhatinda, Amritsar, Sangrur, Ludhiana, Feerozpur und Kapurthala starke, in Rapar und Patiala knappe Sikh-Mehrheiten bestehen.[1] Kastenzugehörigkeit spielt eine wichtige Rolle bei der Berufswahl; Hindu- und Sikh-Religion als solche schreiben ihren Gläubigen keine bestimmten Berufe vor. Die Kasten der Sikh sind aber in der Landwirtschaft überreprasentiert, die Hindus in Handel und Dienstleistungen. Alle Wirtschaftsentwicklung in Panjab spielte sich auf Basis eines ungleichgemöglich ist.

wichtigen Gesellschaftssystems ab. Die ungleiche Verteilung der Hinduund Sikh-Bevölkerung hat so die Spannungen zwischen ihnen geför- Hinzu verschärft die Situation weiter der Kapitalismus in seiner ungleichzeitigen Entwicklung. des höchsten Pro-Kopf-Einkommens in Indien ist Panjab nach wie vor in erster Linie Agrarland. Die Grüne Revolution hat Panjabs Landwirtschaft gemäls moderner kapıtalıstı- Richtlinien

Landwirtschaft und Handel haben beide enorm zugenommen und sind eng miteinander verflochten. grölste Teil des landwirtschaftlichen Inputs und Outputs läuft über die Kanäle des Handels. Und der wird von Hindus dominiert. Selbst da, wo Sikhs im Handel der Städte involviert sind, sind sie es nur auf kleinem Fuße. Die Folge ist ein Zusammenprall der interessen der jeweils beherrschenden Kasten beider religiöser Grup Unter den Sikh-Bauern schält sich immer deutlicher eine Schicht reicher Jat-Bauern heraus. Diese sind die Hauptnutznießer der Grünen Revolution; sie sind kapitalistische Großbauern. Landwirtschaftliche Erzeugung ist zur Warenproduktion geworden und in den Markt integriert. Die kapitalistische Entwicklung der Landwirtschaft erfordert bessere Vertriebsstrukturen, sichere Märkte, großzügige Kreditvergabe, garantierte Preise; daher die Forderungen der Anandpur Sabib-Resolution. 21 Ein weiterer Gesichtspunkt: die Sikh-Farmer halten den reinvestierbaren Mehrwert in ihren Händen konzentriert. Ein Teil wird in der Agrarindustrie eingesetzt. Der große Rest liegt brach. Der Handel ist ihm verschlossen aufgrund festverankerter Hinduinteressen.

Und die Industrie? Panjab hinkt hinterher. Es gibt keine große Industrie, keine Vielzahl von im Lande hergestellten Produkten. Die drei größeren Zentren kapitalintensiver Kleinproduktion sind Amritsar,Ludhiana und Jallundar. Dort werden Woll- und Baumwollstofte, Strickwaren, Fahrräder, Werkzeugmaschinen, Landmaschinen, Walzstahl und Sportartikel hergestellt. Dies alles bietet der arbeitslosen Sikh-Landjugend, die in die Städte strömt, kaum eine Beschäftigungsmöglichkeit, ebensowenig wie den reichen Bauern Investitionsmöglichkeit.

Im gesamtindischen Maßstab kann die Panjabi-Agrarbourgeoisie mit der hochgradig monopolisierten, festverankerten indischen Industriebourgeoisie nicht konkurrieren. In Neu Delhi kontrolliert diese alle Aspekte

Seite 15

der industriellen Entwicklung wie Konzessionsvergabe, Börse, Industrieansiedlung, Marktmechanismen usw. Darauf beruht • der Konflikt zwischen Sikh-Kapitalisten, besonders den Jat, des Panjab und der gesamten indischen Bourgeoisie. Dieser gewinnt aber die Form eines Widerstands der Sikh gegen Neu Delhi, eines religiösen Widerstands, eines Kampfes Bundesstaat gegen Zentralstaat, schlieflich um Autonomie der Sikhs und um einen unabhängigen Es ist offensichtlich: mit der Beschränkung des Panjab-Problems auf eine Glaubensauseinandersetzung werden die wirklichen Klassenwidersprüche verwischt. Das Fehlen eines modernen, städtischen, kosmopolitischen Industrieproletariats, damit das Fehlen einer klaren linken Klassenalternative und die Unterentwicklung des Klassenkampts haben ihr Teil zur Panjab-Krise beigetragen. Nirgendwo haben die Interessen der tatsächlich ausgebeuteten, Hindus wie Sikhs mit hineingespielt. Die Linke verpaßt ein Eingreifen

Die linken Parteien, allen voran die beiden größten stalinistischen Gruppierungen, CPI und CPM, standen im politischen Abseits und entwickelten keine klare Sichtweise der Panjab- Krise. Das liegt vor allem an ihrer wahlorientierten Politik. Gleich den bürgerlichen Parteien haben CPI und CPM Glaubensauseinandersetzungen zu kurzfristigen Wahlerfolgen genutzt. Hin und wieder haben sie mit der Akali Dal im Panjab und mit anderen kommunalistisch orientierten Gruppen und Parteien in ganz Indien zusammengearbeitet. Diese opportunistische Politik hat sie trotz ihres programmatisch weltlichen Standorts daran gehindert, die kommunalistischen Tendenzen angemessen zu bekämpfen. In ihren Veröffentlichungen und Resolutionen sucht man nach einer angemessenen Klassenanalyse der tieferen Ursachen der Glaubenauseinandersetzungen ebenso vergeblich wie nach einer tiefergehenden Untersuchung der Klassenwirklichkeit, die hinter jeder einzelnen Forderung der Sikhs steht. Als Folge dieser Schwäche machen sie die Gandhi-Regierung für das Überlaufen des Fasses verantwortlich.[3] Sie bedauern stets das Scheitern der Gespräche zwischen Regierung und Akalı Dal und fordern diese auf, sich von den extremistischen Sikhs zu distanzieren.[4] Im Klartext: die gemäßigten Kommunalisten sollen sich von den separatistischen Kommunalisten absetzen. Mit dieser Aufforderung akzeptiert man aber die Prämissen des Kommunalismus. Natürlich lehnen sie die Forderung ab, ein Khalistan als autonomen Staat der Sikh zu errichten. Aber sie tun dies mit Worten wie Einheit der Nation usw., anstatt sich der Frage der Sikh als gesamtindischer religiöser Minderheit, aber religiöser Mehrheit in Panjab zu nähern.

Sie wollen nicht sehen, daß die Kommunalisierung der dortigen Politik den Klassenkämpfen die Spitze abbricht. So waren sie in der gegenwärtigen Situation unfähig, eine Klassenbewegung der unterdrückten Sikhs, Hindus und Arbeitsimmigranten zu entwickeln.

Anandpur Sahib-Resolution

Die wichtigste politische Leitlinie der Akalis ist als Anandpur Sahib-Resolution bekannt geworden. Von ihr gibt es drei Fassungen.[5] Die Fassung der Talwandi Akalı Dal betrachtet die Sikhs als Nation und tor- InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 dert einen eigenen Staat, so auch die Resolution, die von Kapur Singh stammt. Die dritte Fassung, die von Shiromani Akali Dal im Oktober 1973 angenommen wurde, ist die geläufigste und ist auch umfassender, da sie auch soziale und wirtschaftliche Forderungen erhebt.

Ottensichtlich kann man die Forderung nach einem Staat der Sikhs, nach Khalistan, nicht nur deshalb nicht unterstützen, weil sie gegen die sogenannte nationale Einheit und nadie nationale Einheit und nationale Interessen antritt. Grundlage der Ablehnung ist, daß ein Staat der Sikhs sich nur auf Religion gründen würde, es wäre ein theokratischer Staat. Weiter würde er einheitliche wirtschaftliche und soziale Interessen aller Anhänger der Sikh-Religion voraussetzen. Diese Einheit gibt es nicht. Ohnehin können die Sikhs keine Nation sein, weil Religion alleine niemals Grund dafür sein kann. Die Panjabis sind eine Nation, nicht die Sikhs. Daher stellt sich die Frage des Selbstbestimmungsrechts nicht so, wie sie fälschlich gestellt wird, auch von vielen Linken.

Das Rückgrat dieser Forderung ist eine regionale panjabische Bourgeoisie, die mit der wohlverankerten indischen nationalen Industriebourgeoisie um Märkte im Wettbewerb steht. Sikh-Führer im Goldenen Tempel

Seite 16

InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 Ihren politischen Ausdruck findet sie im Nationalrat von Khalistan und in der Dal Khalsa. Sozial getragen wird sie von der städtischen Sikh-Intelligenz, von arbeitslosen früheren Händlern und Offizieren und von der arbeitslosen Landjugend.[6] Auch Auch in ihrem Wortlaut versucht die Anandpur Sahib-Resolution nicht die irgendwie gearteten Interessen der Sikh-Gemeinschaft zu schützen, sondern die der großen und mittleren Bauern. So dient die Forderung nach billigen Landmaschinen und Modernisierung der Landwirtschaft den Interessen genau dieser Schicht. Ebenso würde es nur die Bauern mit Überschüssen begünstigen, den Agrarmarkt in ganz Indien zu vereinheitlichen. Das gleiche gilt von Preiserhöhungen für Erntefrüchte. Die Resolution plädiert für eine Verstaatlichung der Industrie - mit Ausnahme der landwirtschaftlichen Verarbeitung.

Die Resolution schlägt vor, nur vier Bereiche bei der Zentralregierung zu belassen: Verteidigung, Außenpolitik, Post-, Fernmelde- und Verkehrswesen, Währungshoheit. Alles übrige soll den Bundesländern zugeordnet werden. Die Frage der bundesstaatlichen Beziehungen ist aber auch eine wirtschaftliche. Und dabei hätte die Sikh-Bourgeoisie alle Vorteile auf ihrer Seite. Sie blickt einem Zusammenprall ihrer Interessen mit der Großindustrie überall entgegen. Wie man sieht, dient keine dieser Forderungen den Unterdrückten. Die Forderung, Chandigarh zur Hauptstadt des Panjab zumachen, ist dagegen berechtigt. Chandigarh entstand am Ort panjabisprachiger Dörfer; Haryanvis sind in der Minderheit. [8] Chandigarh wurde auch eigens als Hauptstadt für Panjab nach der Unabhängigkeit erbaut.

Ganz allgemein sollte man die berechtigten Forderungen mit unterstützen. Ebenso muß, auch wenn es — bis vor kurzem — keine Diskriminierung der Sikhs aufgrund ihrer Religion gibt, die geringfügigste Einschränkung religiöser Minderheiten bekämpft werden. Bekämpft werden muer aber auch jeder Versuin, der „Vergeistlichung jab im besonderen und in der indischen Politik ganz allgemein. Das muß die Meßlatte sein, die an jede Forderung in der panjabischen Politik vom Standpunkt der Arbeiterklasse angelegt wird.

Der Sturm aut den Goldenen Tempel spiegelt eine zunehmende Tendenz wider, in innenpolitischen Fragen auf die Armee zurückzugreifen. Obes sich um Glaubensauseinandersetzungen, um Uberschwemmungen oder andere gesellschaftliche oder Naturereignisse handelt, immer öfter wird vom Regime dabei die Armee eingesetzt. Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang auch die Ernennung des Generals Dayal zum Berater Gouverneurs in Innen- und Rechtsfragen. Niemals vorher hat es einen Armeeoffizier als Regierungsberater gegeben, schon garnicht im Innenministerium.

Der bekannte Kolumnist Kuldip Nayar zieht in einer seiner vielbeachteten Kolumnen „Zwischen den Zeilen " in dem Bombayer Free Press Journal am 5.7.84 den Schluß, daß das Gandhi-Regime in Panjab nichts anderes getan hat, als das Kriegsrecht einzuführen, ohne es zu sagen. Man muß ihm recht geben. Denn alle wesentlichen Bestandteile des Kriegsrechts wurden wirklich eingeführt, wie Pressezensur, Abschaffung bürgerlicher Freiheiten usw. Und er hat auch recht, wenn er feststellt, daß den Wunden der Ausschreitungen nicht gestattet wird auszuheilen. [1] Economy, Caste, Religion and Population Distribution, An Analysis of Communal Tension in Punjab', Victor S. D'Souza, Economic and Political Weekly, XVII/19, 18.5.1982. [2] Eine Resolution, die die zentralen Forderungen der Sikhs umreift; siehe [5]. [3]. Rede von CPM-Vertreter Harkishan Singh Surjit im Oberhaus (Rajya Sabha) am 15.11.1983, nach People's Democracy, Organ der CPM, vom 27.11.83. [4] Joint Statement on Punjab Tangle' in New Age, Organ der CPI, 14.11.1982. [5] Alle drei Texte in: ,Punjab Crisis: Context and Trends', Pramodkumar Manmohan Sharma, Atu Sud, Ashwani Handa, Chandigarh 1984. [6] Ibid., S. 27.

.,Genesis of the Punjab Problem', P.K. Nujhawan, in Man and Development, IV/1. [8] Nationalvolk des Bundesstaates Haryana, historisch ein Teil des Panjab, hat mit dem Bundesstaat Panjab Chandigarh als gemeinsame Hauptstadt. [IPK] Nicaragua

Die große Herausforderung ISP Pocket 8 120 Seiten, DM 9,80 İsmail Besikci

Wir wollen frei und Kurden cein Brief an die UNESCO

SISPI 80 Seiten, DM 8,- MARXISMUS IN

LATEINAMERIKA 80 Seiten, DM 8,- Postach 11 1047 D-6000 Frankdurt am Main 1 * 069 / 73 67 97

Seite 17

InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984