Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Kampf in den Betrieben

· Inprekorr Nr. 163, 15. Juni 1984 · S. 23-24 · 1.214 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks

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Paul Hornisberger „Kampf in den Betrieben" bedeutet Kampf der Arbeiter/inn/en an ihrem Arbeitsplatz, dort, wo sie die größte Wirkung haben.

Die Gewerkschaft Solidarność entstand in den Betrieben, aus einer durch die Preiserhöhungen ausgelösten Bewegung im August 1980. Daraus entwickelte sich in den Betrieben ein Kampf mit den ältesten und immer noch wirksamen Instrumenten der Arbeiterklasse: dem Streik und der Organisierung in unabhängigen Gewerkschaften. So entstand die Gewerkschaft Solidarnosć mit ihren 10 Millionen Mitgliedern.

Vom August 1980 bis zum Dezember 1981 entwickelte sich Solidarnosć zu einer breiten sozialen Bewegung, die zwangsläufig mit der polnischen Bürokratie in stärkere Konfrontation geriet. Grundlage blieben auch jetzt die Betriebsorganisationen. Die Massenbewegung Solidarnóść hatte mit ihrer Presse und den breit geführten Debatten um unabhängige Gewerkschaften, soziale Gerechtigkeit und die „solidarische Gesellschaft" (was dem entspricht, was wir unter „demokratischem Sozialismus" verstehen würden) das politische Monopol der Bürokraten gebrochen. Als sich nun die Selbstverwaltungsbewegung der Solidarnosc anschickte, der unfähigen Bürokratie die Kontrolle über Produktion und Verteilung zu entreißen, um die soziale Gerechtigkeit und die polnische Verfassung zu verwirklichen, inszenierte diese den Putsch vom 13. Dezember 1981, um ihre Haut zuretten. Der Widerstand gegen den Putsch äußerte sich in einem breiten, spontanen Generalstreik. Nach dem Dezember 1981 organisierte er sich in kleineren Gruppen, meist um eine im Untergrund erscheinende Publikation herum, sowie in den Betrieben. Heute sind es die Betriebsorganisationen und deren auf verschiedenen Ebenen organisierten Koordinationen, die am besten der Repression standhalten.

Im Juli 1982 stellte die TKK (Provisorische Koordinationskommission, die nationale Untergrundleitung) Thesen für den Kampf im Untergrund auf: „Die Gesellschaft im Untergrund". Diese Thesen werden weiterhin diskutiert.

„/...] 2. Unser Ziel ist der Aufbau einer selbstverwalteten Gesellschaft, erner selbstverwalteten Republik in Übereinstimmung mit dem Programm, wie es auf dem ersten Landeskongreß der NSZZ Solidarność verabschiedet wurde. In der gegenwärtigen Situation können wir nur durch die Bewegung einer Gesellschaft im Untergrund zu diesem Ziel gelangen. Die TKK ruft dazu auf, eine allgemeine Widerstandsbewegung zu organisieren und eine Untergrundgesellschaft zu schaffen. Diese Bewegung soll verschiedenste Lebensbereiche und gesellschaftliche Tätigkeiten umfassen, alle Gruppen und Schichten, Stadt und Land. Das ist die grundlegende Bedingung ihrer Stärke, da sie den Machthabern nicht erlaubt, Spaltungen und Gegensätze innerhalb der Gesellschaft zu schaffen. Die Widerstandsbewegung im Untergrund muß das Gefühl der Vereinzelung der Individuen vermindern, sie muß gemeinsames Handeln lehren und das Bewußtsein stärken, daß wir nur dank der Selbstorganisation und der eigenen Initiative unsere Ziele erreichen können. Sie muß der Gesellschaft zeigen, welche Kraft in ihr steckt."

In den verschiedenen Regionen wurde dieses Konzept verschieden interpretiert. In der Region Niederschlesien stellte sich das RKS (Regionales Streikkomitee, die regionale Leitung von Solidarnosc) mit ihren Präsidenten Frasyniuk, Bednarz und Pinior, und jetzt „Witold"[1], ab Herbst 1982 konsequent auf den Standpunkt, dais die „Betriebe die Wiege der selbstverwalteten Republik" sind. Sie entwickelten die „Linie der Betriebe" , die von Pinior folgendermaßen charakterisiert wird: „1. Die RKS wiederholt es immer wieder: Unsere Gewerkschaft, das sind die Betriebe und vor allem die Fabriken — und gerade deswegen haben wir uns so lange gegen Straßendemonstrationen gesträubt. Wenn wir uns zu Aktionen außerhalb der Betriebe hinreißen lassen, so werden wir unsere Gewerkschaft verlieren.

2. Behaupten, dal die Vorstellung eines Streikes diskreditiert sei, daß die Betriebe nicht streiken würden, beißt, sich von unserer Grundlage abschneiden, von der Quelle unserer Kraft und unserer Vitalität — von der W tege von Solidarność. Auf den Streik verzichten heißt, nur noch auf Wunder zu hoffen. 3. Entweder greifen wir an, indem wir den Generalstreik auslösen — und in dem Falle müssen wir beginnen, ihn ernsthaft vorzubereiten — oder lange Jahre der Militärberrschaft erwarten uns. Überall, wo sich die Militärs der Herrschaft bemächtigen, trennen sie sich nicht leicht davon. [.../ 4. Die adäquate Vorbereitung der Betriebe und der Stadtviertel im Hinblick auf den Generalstreik ist die entscheidende Aufgabe einer Gesellschaft auf dem Weg zur Selbstorganisation- • "[2] Nachdem es jedoch zu dem Ertolg der Demonstrationen vom 31. August 1982 kam und nachdem die Basis den Aufruf zum Generalstreik am 10. November 1982 nicht befolgt hatte, ging es darum, die Strukturen der Gewerkschaft zu festigen und für einen langfristigen Kampf umzurüsten. Das langfristige Ziel einer selbstverwalteten Republik mußte mit Sofortforderungen verbunden werden: keine Preiserhöhungen, keine gesteigerte Arbeitshetze, Freilassung der politischen Gefangenen. Der Generalstreik ist das Instrument, das langfristige Ziel durchzusetzen, die Sofortforderungen werden mit dem Kampf im Betrieb, mit kleineren und kürzeren Aktionen erkämpft — so wird die tägliche Betriebsarbeit zur Übung für den Generalstreik.

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InPreKorr 163, 15.6.1984 Die TKK hat in ihrer programmatischen Erklärung vom Januar 1983 diese Position zum Teil übernommen. Das Konzept der Untergrundgeselschaft wird, wie von der RKS Niederschlesien vorgeschlagen, auf die Betriebe gestützt und in den Betrieben umgesetzt.[3] Seither haben auch die Regionen von Lublin und Krakow eine eigene Form der „Linie der Betriebe" entwickelt Durch die Verwurzelung der Gewerkschaftsarbeit in den Betrieben wird eine „Liquidierung" des Widerstands erschwert. Der Kampf in den Betrieben geht weiter und kann mithilfe der überbetrieblichen Koordinationen eine ungeheure Schlagkraft aufbringen, wie z.B. die Koordination der vier Betriebe FAT, ELWRO, HUTMEN und FADROMA im Stadtteil Grabiszynek Wroćlaws oder die angestrebte Reaktivierung des Netzwerks der Schlüsselbetriebe.[4] Verglichen mit dem nicht an die Betriebe gebundenen Widerstand auf politischer, gesellschattlicher oder kultureller Ebene kann sich der Widerstand in den Betrieben halten — gerade dadurch, daß die Arbeiter/inn/en ihre direkten materiellen Interessen verteidigen und die Solidarität täglich gelebt wird Und es ist die „Linie der Betriebe" die durch ihre Verbindung von langfristigen politischen Zielen und kurzfristigen ökonomischen Forderungen verhindern kann, daß mangels direkter und klarer Perspektiven der Widerstandsgeist der Passivität weicht. [1] „Am 26. Mai 1983 wählte die RKS ihren neuen Präsidenten und beschloß gleichzeitig, im Augenblick aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht zu nennen Der neue Präsident der RKS trägt das Pseudonym Witold. Ich kenne Witold persönlich als Aktivisten unserer Gewerkschaft, der sowohl vor dem 13. Dezember 1981 als auch während des Kriegsrechts aktiv war Witold wurde von mir der TKK vorgeschlagen und nahm an ihrer letzten Sitzung teil. Was die vom Sicherheitsdienst SB verbreiteten Informationen anbetrifft, so erkläre ich, daß Kornel Morawiecki nicht Witold ist." Erklärung von Eugeniusz Szumiejko, Mitglied der TDK, am 4.6.1983, in: Z Dnia na Dzien Nr. 282,9.-16. 6.1983.

[2] Aus: Z Dnia na Dzien Nr. 261, U Nas Nr. 17/18, Sendung Nr. 8 von Radio Solidarnosć Wrodare. [3] Die programmatische Erklärung vom 22.1.1983 „Solidarność heute" scheint ein Kompromiß zwischen der Strömung um Bujak, die sich für einen langen „Stellungskrieg" einsetzt, und der RKS Niederschlesien mit ihrer „Linie der Betriebe" zu sein. Das Programm enthält vier Aktionsebenen: 1. den ökonomischen Kampf, 2. die Verweigerungsfront, 3. die Entwicklung eines unabhängigen sozialen Bewußtseins, 4. die Vorbereitung auf den Generalstreik sowie den Generalstreik selbst. [4] Das „Netzwerk der Schlüsselbetriebe" entstand 1981 als Zusammenschluß der Betriebskommissionen einer Reihe von wichtigen Betrieben, darunter auch die meisten der polnischen Kombinate mit zehntau-