Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Wir haben auf Betriebskommissionen gesetzt

Inprekorr Nr. 163, 15. Juni 1984 · S. 24-28 · 3.422 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Der Scan dieser Nummer wird nicht veröffentlicht; vor dem Zitieren bitte das gedruckte Heft prüfen.

Wir haben auf die Betriebskommissionen gesetzt Frage: Ihr braucht Pseudonyme. nen kann man von einer Widerstands- Wie ist es möglich, daß die Aktivisten bewegung sprechen, vielleicht von in Eurer Region ein Doppelleben füh- einer politischen Opposition, aber ren? Warum seid Ihr nicht als Unter- nicht von einer Gewerkschaft. Was grund-Gewerkschaftsleitung tätig? die Stärke einer Gewerkschaft in einer J.A. (Präsident der Regionalen Koor- Region ausmacht, ist die Anzahl und dinationskommission (RKK), der das Gewicht der Betriebskommissio- Provisorischen Leitung der Region nen und nicht die Autlage der Zeitun Lublin): Seit den ersten Wochen gen, der Flugblatter, die Radiosen des Kriegsrechts sind alle Leitungs- dungen und Demos. Ich sage nicht, mitglieder der Region interniert. diese Aktionen seien unnütz, aber sie Niemand in einer ähnlichen Position sind zweitrangig gegenüber der Exiwie Frasyniuk in Wroclaw und Bujak stenz und Aktion von Betriebegrupin Warschau blieb in Freiheit. Das soll pen. Ohne sie hat die Untergrund-Sonicht heißen, daß uns diese Situation lidarność keine Zukunft. mißfällt, obwohles ohne unser Dazu- P.K. (Präsident der Betriebskommistun geschehen ist. Die Leute, welche sion einer großen Fabrik in der Region in den Betrieben arbeiten, haben ei- Lublin): Im Herbst des letzten Jahnen täglichen Kontakt zu den Arbeit- res konnte man bei den Leuten einen skolleg/inn/en. Sie sind besser in der Mangel an Interesse für Aktionen wie Lage, die Zustände und die Stim- Demos feststellen. Diese Aktionen mung am Arbeitsplatz zu beurteilen waren immer wieder von der Gewerkals die Führungsleute im Untergrund schaftsleitung vorgeschlagen wor- Diese sind auf Vermittler angewiesen. den. Sie führten zu großen Verlusten; Mein Kollege und ich sind Arbeiter es gab Tote, Verletzte, Verhaftete. wie alle anderen. Wir beginnen die Und als einziges Ergebnis ein „Pro- Arbeit um sechs Uhr in unseren Be- pagandaeffekt". Das braucht es nicht. trieben. Das ist vielleicht der Grund, Die Leute sind bereit, für ihre Rechte weshalb wir in unserer Region so sen- zu kämpfen. Sogar mit dem Einsatz sibel für die alltäglichen Probleme der ihres Lebens, aber sie müssen eine Arbeiter/inn/en sind. Siegerperspektive sehen, auch wenn Frage: Bedeutet das eine ähnliche sie noch weit entfernt ist. Der Grund, Strömung wie die „ Linie der Betriebe" weshalb die Leute im letzten Herbst die Frasyniuk in Niederschlesien ent- demomüde waren, liegt darin, daß wickelt hatte? diese Demos nach „ Warschauer Art"

J.A.: Wır gebrauchen diesen Aus- nicht überall durchgeführt werden druck nicht, obwohl die gewerk können. Eine kleine Stadt oder ein schaftlichen Kommissionen in den Dorf eignet sich nicht. Als wir zum Betrieben eigentlich den Lebensnerv Beispiel eine Demo in einer Stadt der der gewerkschaftlichen Organisation Region machten, wo 10 000 Leute in darstellen. Ohne sie kann man nicht einem Betrieb arbeiten, rief die Polivon Gewerkschaft sprechen. Ohne sie zei die Leute mit ihren Namen über gäbe es keine Solidarnosć. Ohne ge- Lautsprecher auf wegzugehen: „Piotr werkschaftliche Betriebskommissio- geh heim", „Kowalski, was tust Du hier?"

Intervier mit Josef Abramczyk und Piotr Karski senden von Beschäftigten; Das Netzwerk beschränk- spielte das Netzwerk eine große Rolle, einerseits als te sich jedoch nicht auf diese. In der Selbstverwal- Koordination der Großbetriebe untereinander, andetungsdebatte der Solidarnosć vor dem 13.12.1981 rerseits als pressure group innerhalb der Gewerkschaft.

Seite 25

Frage: Kommen wir auf die Betriebskommissionen zurück. Ihr habt gesagt, sie seien das Fundament der gewerkschaftlichen Aktivitat. W reviele neugegründete Kommissionen gibt J.A.: Die RKK kkordiniert 274 Betriebskommissionen.

Frage: Das ist viel. Agiert Ihr in allen Betrieben der Region?

P.K.: Natürlich nicht. Am 13. 12. 81. gab es mehr als 1000 Betriebskommissionen. Heute existieren und agieren unsere Kommissionen in allen großen und in vielen kleinen Betrieben. Die Arbeit in vielen Kommissionen könnte besser sein. Zum Beispiel wissen wir oft von der Existenz einer Betriebskommission, aber wir können nicht mit ihr Kontakt aufnehmen. Die Gewerkschaftsmitglieder... Frage: Kann man heute von Gewerkschaftsmitgliedern sprechen? Sollten wir nicht eher von Sympathisanten und Kadern sprechen?

J.A.: Ich denke, in unserer Region kann man wirklich von Mitgliedern sprechen. Wir definierten Anfang 1983 in einer Resolution: Mitgliedist, wer seine Beiträge monatlich zahlt und an der Gewerkschaftsarbeit teilnimmt. Wer nicht mehr bezahlt oder einer anderen Gewerkschaft beitritt, verliert die Mitgliedschaft. Weil wir unseren Mitgliedern gegenüber Verpflichtungen haben, z.B. finanzielle Unterstützung an die, die es nötig haben, finden wir diese Regelung klar und ehrlich.

Frage: Wieviele Mitglieder bezahlen die Beiträge regelmäßig?

J.A.: In den großen Betrieben 10 bis 15 % der alten Mitglieder. In den kleinen oft weniger, aber es gibt auch Betriebe, wo alle der alten Mitglieder regelmäßig zahlen.

P.K.: Seit wir eine regelmäßige soziale Aktivität haben, hat sich die Zahl der zahlenden Mitglieder gesteigert. Vorher gab es Spenden für Hilfe an die Opfer der Repression, für Zeitungen etc. Die soziale Aktivität hat ihnen konkret gezeigt, wo das Geld hingeht: zu ihnen. Ein Kollege mit einem neugeborenen Kind bekommt Hilfe. Sie sehen, daß Solidarność nicht nur den internierten, unterdrückten und entlassenen Menschen hilft, sondern auch ihnen. Dank dem wurden die Leute aktiver, die Betriebskommissionen erhielten Auftrieb. Ich möchte unterstützen, was Josef gesagt hat: Wirsetzen auf starke Betriebskommissionen. Die Gewerkschaftsarbeit ist vor allem die Existenz und die Aktivität der Kommissionen in den Betrieben und nicht die Existenz von Leitungen und Zentralen. Die Betriebskommissionen bestimmen die Stärke der Gewerkschaft, ohne sie sind die Zentralen und Leitungsgremien ohne Sinn. Frage: Was meint Ibr mit starken Betriebskommissionen, Aktivität in den Betrieben?

P.K.: Die soziale Aktivität besteht in Folgendem. Nach den Bedürfnissen der Mitglieder gibt die Betriebskommission Hilfe. Es finden sich immer Leute, die diese Art von Arbeit gerne tun. Und sie ist nötiger als vor 1981, wo sie in den Statuten von Solidarnosć auch schon vorgesehen war. Es gibt aber auch allgemeine Hilfsleistungen. Soweit es uns möglich ist, unterstützen wir auch die Leute, die nicht mehr Beiträge bezahlen. Unter ihnen sind viele, die ihren Arbeitsplatz wegen gewerkschaftlichen Aktivitäten verloren haben. Wir müssen sie und ihre Familien unterstützen, versuchen, einen neuen Arbeitsplatz für sie zu finden etc.

J.A.: In unserer Region gab es eine kritische Situation, als im Mai letzten Jahres mehr als 300 Personen wegen eines Streiks in der Hubschrauberfabrik in Swidnuk entlassen wurden. Die großen Geldsummen konnten dank der Solidarität aller Arbeitenden der Region aufgebracht werden. P.K.: Die Information und Propaganda hat zum Ziel, die Öffentlichkeit, die Basismitglieder der Gewerkschaft und alle Arbeiter auf der Straße zu erreichen. Wir streben an, daß alle großen Betriebsgruppen und Berufsgruppen ihre eigenen Zeitungen haben. Zeitungen in einer beschränkten Auflage, aber mit einem Inhalt, der die Leute auf ihre konkreten Probleme anspricht. Zur Zeit gibt es solche Zeitungen in einigen Städten der Region, in Pulawy, Swidnik und Krasnik. In Lublin publizieren die Betriebskommissionen der Lastwagenfabrik, aber auch die Lehrer ihre Zeitung. Aber das ist noch zu wenig. J.A.: Die Propagandaarbeit einer Betriebskommission besteht auch in der Verteilung der regionalen Presse und der Informationen, die wir von außerhalb erhalten, der Bücher, Flugblätter, Plakate inner- und außerhalb des Betriebes. Aber auch Radio Soli- InPreKorr 163, 15.6.1984 darnosć gehört dazu. Die Betriebskommission der Hubschrauberwerke in Swidnik hat ihre eigenen Sendungen. Die Protestaktionen an nationalen oder gewerkschaftlichen Gedenktagen haben ebenfalls einen propagandistischen Wert.

P.K.: Zum Schluß möchten wir von den Finanzen sprechen. In unserer Region kommt der größte Teil des Geldes von den Mitgliederbeiträgen. Nur ein kleiner Teil stammt aus Spenden von Privatpersonen oder Institutionen aus Polen oder dem Ausland Wenn Solidarnosć eine unabhängige Bewegung sein will, muß sie sich auf die Mitgliederbeiträge stützen. Die Hilfe aus dem Ausland ist uns nützlich, ohne sie gäbe es kein Druckmaterial und kein Radio Solidarnosć. Die meisten Mitgliedsbeiträge bleiben bei der Betriebskommission. Ein Teil wird an die regionalen Stellen abgezweigt, um Druckkosten, zentrale Strukturen etc. zu bezahlen. Frage: Wasist denn die Aufgabe der regionalen Leitungsgremien, wenn die Betriebskommissionen so funktionieren, wie Ihr sagt?

J.A.: Es gibt noch viel Arbeit. Die meisten Betriebskommissionenfunktionieren nicht so, wie der Kollege erzählt hat. Wir müssen die Kommissionen beraten, ihnen helfen. Die RKK muß sich auch mit technischen Problemen beschäftigen, mit der Herausgabe der regionalen Zeitungen Informator (wöchentlich) und Miesiecznyk (monatlich, mit theoretisch-programmatischem Inhalt). Sie muß zentrale Manifestationen organisieren.

P.K.: Von den Betriebskommissionen aus gesehen ist die RKK ein wichtiger Ort, um Diskussionen unter den Aktiven aus verschiedenen Betrieben zu führen, um Erfahrungen auszutauschen, ein gemeinsames Programm aufzustellen...

J.A.: Die Diskussion eines Programms verläuft nicht genau so, wie Piotr es sagt. Wir sind bei unseren Diskussionen zum Schluß gekommen, daß es zur Zeit wenig sinnvoll ist, ein neues Programm aufzustellen. Wir behalten das Programm des 1. Kongresses der Solidarnosć von 1981. Die Bedingungen zur Realisierung des Programms haben sich geändert. polnische Inprekor Nr. 12, 11/83

Seite 26

InPreKorr 163, 15.6.1984 WER SKHERN DIE

ZUKUNET DER SUNGEN

Bal WERATION

Im August 1983 beschlossen die geheimen Betriebskommissionen von Solidarność der vier im Stadtteil Grabiszynek angesiedelten Betriebe FAT, ELWRO, HUTMEN und FADROMA eine „Zwischenbetriebliche Koordinationskommission" (MKK) zu bilden. Die MKK ist im „Regionalen Streikkomitee" (RKS) vertreten und gibt ihre eigene Untergrundzeitung, Victoria, heraus. Als eine der aktivsten und am besten organisierten Gewerkschaftsstrukturen war es diese MKK, die im Dezember 1983 die Hungermärsche der Arbeiter gegen die Preiserhöhungen lancier- Im Folgenden bringen wir eine Reihe von Beispielen aus der Aktivität der Solidarnosć in diesen Betrieben.

ELWRO

Dezember 1983: Proteste gegen die Preiserhöhungen. In mehreren Teilen Wroćlaws, vor allem in der Nähe des Betriebes EL WRO wurden Programme von Radio Solidarnosć über versteckte Lautsprecher in dem Moment, als die erste Schicht den Betrieb verließ, ausgestrahlt. Als Zeichen ihres Protestes benützte ein Teil der Angestellten des Betriebes in der Grabiszynka-Straße die öffentlichen Verkehrsmittel nicht.

Bulletin d'Information Nr.84 30 % der Solidarnosć-Mitglieder von ELWRO beantworteten eine Umfrage der Provisorischen Betriebskommission, TKZ. Bei einer Punkteskala von 2 (ungenügend) bis 5 (sehr gut) bewerteten die Gewerkschafter die Arbeit der TKZ mit 3,82 und die Zeitschrift Solidarnosć ELW- RO mit 3,9 Punkten. Haupttätigkeit der TKZ solle sein: Information 76 %, Propaganda 57 %, Rechtshilfe 38 To, finanzielle Unterstützung 33,8 %, Einfluß auf die Entscheide der Direktion 24 %. 86 % wollen Mitgliedsbeiträge bezahlen, 85,7 % wollen die unabhängige Presse lesen, aber nur 43,6 % wollen Abfindungszahlungen (bei Geburten, Todesfällen etc.) in Anspruch nehmen. Am Verteilen von Druckerzeugnissen möchten sich 39,9 % beteiligen, 34,1 % beim Einsammeln der Mitgliedsbeiträge und 38,7 % an der Informationsübermittlung. Über 85 % der Befragten finden, die TKZ solle ihre Aktivitäten fortsetzen. 11,7 % glauben nicht an die Möglichkeit, daß die TKZ weiterbestehen könne, und 2,2 % haben keine Meinung dazu. 30 % sind für die Unterwanderung der neuen offiziellen Gewerkschaften, 65 % sind dagegen. Victoria Nr. 7, Januar 84 FADROMA

Am 9. Dezember 1983 entstand nach der Entlassung von fünf Arbeitern ein spontaner Streik von zwei Stunden Dauer. Über 60 % der Beschattigten beteiligten sich am Streik. Im übrigen waren am 16. Dezember auf Aufruf der TKZ um Mittag zwölf Schweigeminuten eingehalten worden, um gegen „grundlose Entlassungen" zu protestieren. Am 24. Dezember durchsuchte die Geheimpolizei in Abwesenheit die Schränke, Bürosetc. der Arbeitenden.

Z Dnia na Dzien Nr. 263, 27.1.83 Die TKZ beschloß, vom 13. - 19. Februar eine Protestwoche gegen die Entlassung von Beschäftigten aus politischen Gründen auszurufen. Die Protestwoche soll folgendermaßen aussehen:

- Die Artbeiter im Stücklohn senken die Produktion um eine acht Stunden entsprechende Menge; - die anderen Arbeiter senken die Produktion so weit wie möglich; - am TagJ zur Stunde H (das Datum wird mündlich bekanntgegeben) wird eine fünfminütige Schweigepause befolgt.

Die TKZ fordert die Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter und fordert dazu auf, keine wegen Entlassung freigewordene Stelle anzunehmen.

Z Dnia na Dzien Nr. 265, 10.2.84 Vor dem 13. Dezember 1981 war die Solidarnosć in der FDROMA besonders aktiv. Mehrere der interessantesten Initiativen unserer Region gingen von diesem Betrieb aus. Als der Kriegszustand ausgerufen wurde, beteiligten sich die Arbeiter der FA- DROMA während mehrerer Tage am Generalstreik. In diesem dreizehnten Monat der Repression haben sich die Arbeiter der FADROMA wieder an die Spitze eines Kampfes gesetzt. Kaum einen Monat nach der Veröffentlichung der Programmerklärung der TKK [siehe Artikel von P.H.], beschlossen die Arbeiter, eine Protestwoche gegen die Entlassung ihrer Kollegen aus politischen Gründen durchzuführen. Es handelt sich hierbei um eine neue Form des Kampfes, um eine Artökonomischen Streik der Solidarität mit den Opfern der Repression.

Die RKS drücktihre Anerkennung für den Einsatz und die kämpferische Haltung der Arbeiter von FADRO- MA aus. Indem wir die entlassenen Kollegen verteidigen, kämpfen wir für unsere Gewerkschaft, für die Ideale der selbstverwalteten Republik. Wroćlaw, 15.2.83 für die RKS:

Josef Pinior

Z Dnia na Dzien Nr. 265 Die MKK in Wroćlaw

Seite 27

Vom 13. - 19. Februar 1983 fand die Protestwoche gegen politische Ent lassungen statt. Die Aktion wurde ab dem ersten Tag durchgeführt. Die fünf Schweigeminuten wurden auf Donnerstag, den 17. Februar um 1025 festgelegt. Die meisten Arbeiter, mündlich über den Termin informiert, begannen um 10t5 Uhr mit der beitsunterbrechung. Diese spon ane Reaktion der Arbeiter halt mit aus den geplanten fünf Minuten fünfzehn zu machen. Die desorientierte nichts gegen diese Initiative tun. Die und überraschte Direktion konnte SB (Geheimpolizei), ebenfalls überrascht, traf erst am nächsten Tag um 11 Uhr im Betrieb ein. Am letzten Tag dieser Woche wurde die FAtet. Die Unterstützung und die Teil- DROMA von Flugblättern überflunahme der Arbeiter sowie die sichtbaren Wirkungen dieser Aktion erlauben es, diese als geglückt anzuse- Der Protest bei FADROMA ist die erste gelungene Protestaktion in einem Betrieb seit dem 10. November 1982 (dem Tag des mißlungenen Generalstreiks).

Z Dnia na Dziem Nr. 267, 24.2.83 Die Produktion erreicht heute nurmehr 60 - 70 % des Standes von 1981/82. Der Niedergang duktion von Maschinenwerkzeugen ist noch stärker. Gegenwärtig ist Bulgarien der Hauptkunde, und ein Teil richtet, um Geschosse und andere der gelieferten Maschinen wird einge- Rüstungsgegenstände herzustellen. Die Arbeit geht unregelmäßig voran. Das Fehlen von Material und die schlechte Organisation der Arbeit Produktionsunterbrechungen, die ein ewiges Rennen um die Einhaltung der sowieso immer verspateten Produktionspläne auslösen. Die Löhne für qualifizierte Arbeiter betragen in normalen Zeiten 12 - 14 000 Zloty. Um dem häutıger Wechsel von Arbeitskräften zu begegnen, führte die Verwaltung neue Regeln ein, wonach sechs Monate im voraus gekündigt werden muß. Die „neuen Gewerkschaften" der Regierung haben nicht viele Mitglieder (ca. Die Solidarnosć ist gut organisiert. und reichen für die in den Statuten Die Mitgliederbeiträge sind stabil festgelegten Aufgaben. Die geheime Betriebskommission ist in Kontakt mit dem „Regionalen Streikkomitee" und mit zwei zwischenbetrieblichen Strukturen. Zwei Zeitungen werden herausgegeben: FATamorgana und Solidarnosć FAT u, sowie die Zeitung der MKK, Victoria. Wir erhalten regelmälsig Z Dnia na Dzien und Solidarność Walczaca, sporadisch Bulle tins anderer Betriebe wie Binletyn Dolnoslaski und Replika. In geringerer Menge erhalten wir Untergrundzeitungen aus Warschau. Die Arbei- ter von FAT fanden eine starke moralische Unterstützung beim Pfar- rer der benachbarten Kirche auf der Alejy Pracy. Die Aktivisten der Solidarnosć sind sich einig, daß die Arbeiter bei FAT sogar auf einen Generalstreik psychologisch vorbereitet sind - aber unter einer einzigen Bedingung daß sie nicht die einzigen sind. Die Leute haben die Schnauze voll von den Einschränkungen und von der Ankündigung der Preiserhöhungen, und sie haben die letzten Illusionen verloren, daß sich die wirtschaftliche Lage bessern werde. Die Gewerkschaftsführer des Betriebes waren alle interniert. Von den übrigen, die das Vertrauen der Arbeiter genießen, werden alle dauernd vom Sicherheitsdienst zum Verhör geladen und aufgetordert sich „zu erkennen zu ge- ben". All dies führt uns dazu zu glauben, dais der Sicherheitsdienst keine Ahnung vom wirklichen Funk tionieren des Untergrundes hat. Trotzdem werden seit kurzem weniger Plakate im Betrieb geklebt. Aber der Vorschlag der Solidarność, die Vorhängeschlösser der Kleiderkästen der Kanaillen und Verräter zu verklemmen, konnte realisiert werden. Solidarnosć Walczaca Nr. 65,4.12.83 Die Proteste gegen Preiserhöhun- Am 13. und 16. Dezember nachmittags streikte die Belegschaft von ZNTK fünf Minuten lang. Am 13. Dezember wurden in zwei Abteilungen Tränengasgranaten gezündet Am 16. Dezember verlängerte sich InPreKorr 163, 15.6.1984 lang gegen die geplanten Preiserhöhungen. Solidarność W alczaca Nr. 68, 1.1.84 protestieren, stoppten die Arbeiter Um gegen die Preiserhöhungen zu der beiden Betriebe ZNTK undIASE in Wroćlaw während einiger Minuten am 13. und 16. Dezember 1983 die Maschinen. Vom 30. Januar bis zum 3. Februar 1984 fanden in Wroćlaw eine Reihe von Protesten gegen die Preiserhöhungen statt. Am 30. Januar kames in folgenden Betrieben zu spontanen Arbeitsniederlegungen: PAFA- WAG, ZNTK, IASE, DOLMEL und den Reparaturwerkstätten der Wasserwerke. Im letztgenannten Betrieb dauerte der Streik mit Besetzung von 6 bis 14 Uhr. Die Streiken- den (90 bis 95 % der Arbeiter) organisierten nach einer kurzen Be- sprechung einen Protestmarsch um den Betrieb und rieten tolgende Paro len: „Nieder mit den Preiserhöhun- gen!" und „Keine Freiheit ohne Soli- Während der Verhandlungen mit dem Direktor erklärte der sich für nicht zuständig, was die Preiden organisierten für alle Arbeiter ei- serhöhungen angeht. Die Streikennen Imbiß. Die Streiktührung trat nicht öffentlich auf. Für einen Teil der Verhandlungen diente der offi- zielle Betriebsrat als Vermittler. Um 14 Uhr verließen viele Arbeiter den Betrieb und demonstrierten zwischen zwei Reihen der Bereitschaftspolizei LOMO. Am nächsten Tag wurde die Giesserel HUTMEN eineinhalb Stunden lang völlig lahmgelegt. Die Streikenden stellten die Hochöfen nicht ab. Als die Direktion drohte, alle zu entlassen, wurde der Streik abgebrochen. Trotzdem wurden am nächsten Tag mehrere Streikteilnehmer entlassen.

Robotnik Nr. 46, 6.2.84 Zentrales

Spendenkonto „Solidaritat mit Solidarność"

200, das entspricht 10 % der Belegschaft) und noch weniger Bedeutung. der Streik auf fünfzehn bis dreißig Volksbank Frankfurt

Der vor dem Dezember 1981 gewähl- Minuten. Er wurde von ca. 80% der (BLZ 501 900 00)

te Betriebsrat funktioniert nicht Belegschaft befolgt. Die Arbeiter von IASE streikten Kto.Nr.: 75 300 - 9 mehr, und die Direktion wagt es Stichwort „Solidarität"

nicht, einen neuen „wählen" zu lasam 16. Dezember fünfzehn Minuten

Seite 28

Inl'reKorr 163, 15.6.1984 Alexander Simin dem Exil" sind von einem gelern- Diese Zeichnungen „Bilder aus Der „Reale ten Konstruktionszeichner, des- sen Hobby Aquarelle, Holz- und Linoleumschnitte waren (Stu- Sozialismus«

»Der Stalinismus und sein real existierender Sozialismus** ziellen Thesen des ,real existie- nimmt den Kampf mit den offirenden Sozialismus auf. Der Verdium an der Folkwang-Schule in Essen). Durch die linke Jugendbewegung politisiert, lieferteer in den zwanziger Jahren Karikaturen für das KPD-Organ „Ruh- recho". Brach mit der Partei über ihren „Sozialfaschismus" und ging zur Opposition. Entkam mit Müh und Not der Machtübernahme (erstes Bild), und die Karikaturen dieses Bandes begleiten ihn durch das zweifelhafte „Asyl" in internationale fasser zerpflückt die stalinisti- Holland, Belgien und wieder in sozialistische schen Fälschungen, indem er die Holland. In Antwerpen zeichnet publikationen von Stalin und seinen Nachfol- „Theoretisierungen" und andere er für Sneevliet und die S.P. und ist Herausgeber der Emigrainternationale gern ausgearbeitete „Grundgetionsz.„Unser Wort" (ab Dezemsozialistische setze des Sozialismus" zum einen der marxistischen Theorie, zum ber 1936). Wird verhaftet, wan- -publikationen anderen der sowjetischen Wirk- Konzentrationslager. Bemü- dert aus dem Internierungs- ins internationde lichkeit gegenüberstellt. hungen seiner Freunde bringen sozialistische Als ein „sowjetischer Kommunist des letzten Viertels dieses ihn in das Emigrationslager „Les -publikationen Jahrhunderts" ", wie er sich selbst ein Überlebender der stalinisti- bezeichnet, ist Alexander Simın eigentlich hätten verschwinden schen Lager, einer von denen, die sollen, damit man sagen könnte, sie hätten niemals existiert. Das Ziel, das sich Simin bei der Analykommt es zu," sagt er, „das Pro- se stellt, ist politisch: „Uns blem zu lösen, das uns die Gees ihm schließlich glückte, über Milles" in Südtrankreich, von wo 1942 in die USA zu gelangen. Marseille und Marokko Anfang Hier endet die Bildserie. Franz Meyer (1906 in Gelsenkirchen geboren) starb 1959 in New York. 150 Seiten, Großformat 17 x 42 cm), 18 3,- DN

Franz Meyer schichte auferlegt hat: wie bringt man die UdSSR ins Gleis, auf den Weg zum Sozialismus, der ersten Phase des Kommunismus, zu- Flucht aus rück?" Simin lebt heute noch in der Sowjetunion.

Deutschland 176 Seiten, 18,- DM

Bilder aus dem Exil