Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Pakistan

Unruhen in Sind

· Inprekorr Nr. 159, 5. Dezember 1983 · S. 19-21 · 1.359 Wörter

Indien und Südasien

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Der Scan dieser Nummer wird nicht veröffentlicht; vor dem Zitieren bitte das gedruckte Heft prüfen.

InPreKorr, 5.12.83 Ye-Koh bei Gwadur zu einer gigantischen Radarstation geworden ist und daß „kein einziger Zivilbeamter, nicht einmal die höchstrangigen, die- Was steckt hinter den sen Bereich betreten dürfen. Innerhalb des Sperrgebiets befindet sich eine weitere verbotene Zone, die nur Unruben in Sind ?

von den höchsten pakistanischen Armeeoffizieren betreten werden darf. Der gesamte Bereich ist mit Amerikanern bemannt. " Diese neue Entwicklung könnte den unsicheren Waffenaus International Vierepoint 39, 31.10.83 Tariq Ali stillstand zwischen der Armee und den nationalistische Beluchis been- Dieser Artikel stammt vom Autor des kürzlich den und zu einem neuerlichen Konveröffentlichten Buches Can Pakistan survive?, flikt in dieser Region führen. London, Penguin, 1983, und wurde zuerst in der Die Explosion des Sindhi-Natiobritischen Wochenzeitung New Statesman veröf- Als Sir Charles Napiers Expeditionskorps in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts mit der üblichen Brutalität Sind eroberte, soll sein Kommandeur dies mit einem lateinischen Wortspiel gemeldet haben: peccavi — I sinned (ich habe gesündigt). General Zias Offiziere, die im Augenblick damit befaßt sind, die Massen in dieser strategisch bedeutsamen Provinz, die eine lange Grenze mit Indien aufweist, im Zaum zu halten, sind noch nicht in der Lage ihren Förderern im Pentagon ein modernes Äquivalent in Panjabi zu melden. Es hat erst begon- Die gegenwärtige Unruhe in Sind ist auf zweifache Weise bedeutsam. Es ist nicht einfach nur ein Kampf um demokratische Rechte, sondern in erster Linie ein Ausdruck des Nationalismus der Sindhi. Dieser Ausbruch ist eine direkte Folge der grausamen militärischen Besetzung nach dem Putsch von 1977.

Bhutto war ein Sindhi-Politiker. Seit seiner Hinrichtung im Jahre 1979 hat es im Sind keine Ruhe mehr gegeben. Die Armee hat den Ernst der Lage durch die Stationierung von 6 ihrer 20 Divisionen dort anerkannt. Da es in der Armee kaum Sindhi-Offiziere gibt, und da das Sind Regiment (sic!) sich fast ausschließlich aus Nicht-Sindhis zusammensetzt, ist es kaum verwunderlich, daß dies als Verletzung der nationalen Rechte der Sindhis angesehen wurde.

Die pakistanische Armee und ihr Oberkommando sind erfahren in der Behandlung unterdrückter Nationalitäten. Der Versuch der Niederschlagung der Bengalis führte 1971 zum Auseinanderbrechen Pakistans. Nur zwei Jahr später besetzte die Armee Beluchistan - eine pakistanische Provinz mit Grenze zu Afghanistan und Iran - und führte fünf Jahre lang einen Bürgerkrieg. Sie gewann, doch die Guerilleros der Baluchistan People's Liberation Front (BPLF) flohen ins benachbarte Afghanistan. Heute gibt es kaum einen wichtigen Führer der Beluchis, der nicht für die Unabhängigkeit Beluchistans einträte. Nun scheint sich die Armee entschlossen zu haben, den Sindhis eine Lektion zu erteilen. In den vergangenen vierzehn Tagen sind fast 200 Personen in dieser Provinz ungebracht worden. , mehrere hundert wurden verwundet und tausende unter Kriegsrechtsbestimmungen ins Gefängnis gesteckt. Unterstützung kam nur aus Beluchistan, wo als Ausdruck der Solidarität zwischen den Provinzen Quetta und mehrere kleinere Städte durch einen Generalstreik lahmgelegt wurden. Die nationalistischen Beluchis haben das Regime angeklagt, den Konflikt zu „internationalisieren", indem sie es den Vereinigten Staaten gestatten, nahe dem Hafen von Gwadur eine Marinebasis zu errichten. Laut Ataullah Mengal, dem früheren obersten Stammesführer von Beluchistan, steht diese Basis im Zusammenhang mit der Strategie, lokale Zwischenstationen für die Schnelle Eingreiftruppe der USA einzurichten. Mengal, der sich heute im Londoner Exil aufhält, berichtete mir vergangene Woche, daß die kleine Insel Mehdi nalismus wurde von denjenigen unter uns vorhergesagt, die die Militärherrschaft aufmerksam verfolgten. Es gab zahlreiche Vorfälle im ländlichen Inneren Sinds: Vergewaltigungen von Frauen, öffentliche Auspeitschungen oder Hinrichtungen von Männern wegen Widerstands, und selbst Leute, die sich ganz aus der Politik raushielten, wurden von arroganten und anmaßenden Offizieren des Panjabi- Militärs gedemütigt und mißhandelt. Es ist schwierig für Sindhis, frei zu reisen, wenn sie keinen Militärpaß besitzen. Es ist daher kein Wunder, daß Slogans wie Sindhu Desh (unabhängiges Sind) überall in der Provinz auf Hauswänden aufgetaucht sind und daß Demonstranten vier Bahnhöfe zerstörten und eine Reihe von Polizisten töteten.

Seit es die Militärdiktatur gibt, haben die Armee undihr Netz miteinander rivalisierender Geheimdienste versucht, öffentliche Unzufriedenheitsäußerungen mit allen Mitteln zu verhindern. Zia entwickelte in seinen ersten fünf Amtsjahren machiavellistische Fähigkeiten in der Manipulierung von Politikern und Parteien. Von schwelender Unruhe gewarnt, versuchte er auch bei dieser Gelegenheit, die Bewegung durch das Versprechen von Provinz- und Nationalversammlungen 1985 ins Leere laufen zu lassen. Dieses Malist niemand darauf eingegangen. Die Movement for Restoration of Democracy(MDR), ein über das ganze politische Spektrum hinwegreichendes Bündnis von neun Parteien rief für den 14. August, dem pakistanischen Unabhängigkeitstag, zum zivilen Ungehorsam auf. Die Reaktion darauf in Sind hat sowohl die Dikataur als auch die MRD erschüttert, die beide in der Vergangenheit

Seite 20

InPreKorr, 5.12.83 die Auswirkungen der den wackeligen Strukturen des pakistanischen Staates zugrundeliegenden nationalen Unterdrückung unterschätzten. Was die Antwort der Sindhi zu einem so schmerzhaften Schlag in Zias Gesicht machte, ist, daß die Menschen ihre Bereitschaft gezeigt haben, in den Tod zu gehen. Auch wenn die Bewegung noch auf Sind und Beluchistan beschränkt ist, stellt sie doch einen mächtigen Ansporn für die einfachen Menschen Panjabs und der nordwestlichen Grenzprovinz dar. Das Regime wird wohl nicht schon morgen stürzen, doch Zias Tage sind jetzt gezählt. Seine energischsten Unterstützer im Westen, Ronald Reagan und Margaret Thatcher, suchen zweifellos bereits nach einem Ersatzmodell. Seine eigenen hohen Offiziere haben die Alarmglocke geläutet und einen geheimen Dialog mit rechten Politikern begonnen, mit dem Ziel einer dauerharten politischen Klärung.

Zia hat auf zynische Weise versucht, die Religion einzusetzen, um die Kontrolle der Armee über den Staat zu zementieren. Die Folge davon war Barbarei auf allen Ebenen. Den Frauen wurden alle Rechte genommen., und sie wurden einer institutionalisierten Brutalität unterworfen. Im vergangenen Dezember hat ein regimetreuer Kleriker seine Gemeinde nach dem Freitagsgebet veranlaßt, ein neugeborenes Kind zu Tode zu steinigen: das Kind war unehelich und daher „ein Produkt der Sünde." Vor ein paar Wochen verurteilte ein Religionsgericht eine junge, blinde Frau zur Auspeitschung wegen des „Verbrechens" Ehebruch — der Mann wurde natürlich auf freien Fuß gesetzt.

Es ist den pakistanischen Generälen jedoch nicht gelungen, die Religion zum Opium des Volkes zu machen. Ironischerweise hat sie stattdessen Heroin zu einer Minderheitsreligion gemacht. In Karachi, der größten Stadt, gab es 1972 50 registrierte Süchtige. Heute sind es 50000 Eine Reihe von Generälen sind über Nacht zu Milliardären geworden, während die Opfer des Heroins in alarmierendem Maße dahinsterben. Man füge dies zu der Behandlung der Gewerkschafter, Journalisten, nationalen Minderheiten und Frauen, und man erkennt, daß nur noch drastische Mittel helfen werden.

General Zia at the Elysee Palace in Paris (DR) Jedes Regime, das nach Zia Agrarreform von wesentlicher Bekommt, wird sich einem massiven deutung. Wenn die gegenwärtig in Druck auf Reformen an allen Fronten den Startblöcken kauernden Politiausgesetzt sehen. Eine Forderung, die ker das Offizierskorps der Armee erbereits von den Minderheitsprovin- folgreich zwingen wollen, auf ihre zen Sind und Beluchistan ausgeht, ist sich auf Vetternwirtschaft und Prividie völlige Umkrempelung der paki- legien sich stützende Macht zu verstanischen Armee als Grundvoraus- zichten, dann haben sie die Wahl setzung einer freiwilligen Föderation. zwischen alles oder nichts. Entweder Für den sozialen und wirtschaftlichen wird der Staat auf völlig anderen Fortschritt ist eine tiefreichende Grundlagen wieder aufgebaut, oder aber er wird aufhören zu existieren. Anzeige

Ernest Mandel

Die Langen Wellen im Kapitalismus eine marxistische Erklärung Inhats

Vorwort 1. Lange Wellen: Empirische Belege und ihre Erklärung durch Fluktuationen der Durchschnittsprofitrate 2. Lange Wellen, technologische Revolutionen und 3. Lange Wellen, Inflation und des Ende Klassenkampfzyklen des Nachkriegsbooms 4. Lange Wellen als spezifische 91 Anmerkungen . 114 Internationale Sozialistische Publikationen Frankfurt am Main 1 Postfach: 11 10 17, Telefon: 0611/73 67 97 ARET

DE LANG

I5B/ 3-88332-072-2 konso, PSchA Flm. Kro.-Nr.: 33386-606 Bankverbindu Bank für Gemeinwirtschaft, Frankfurt, Konto-Nr.: 160 1515000 (BLZ 300 101 11) oder Pastsche

Seite 21

Der Ausgang der Wahlen vom 30. Oktober gibt besser als alles andere