Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Nachruf auf Genosse Fahd

Inprekorr Nr. 158, 10. November 1983 · S. 20-24 · 3.188 Wörter

Nahost und Palästina USA und Kanada

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Nachruf auf Genossen Fahd

Die Revolutionär Kommunisti- Berühmtheit gelangten Lager Ansar sche Gruppe (GCR), die libanesische inhaftiert gewesen. Nachdem er vor Sektion der Vierten Internationale, einigen Monaten freigelassen worden gibt mit Trauer den Tod des Genos- war, war der Genosse in sein Dorf sen Afif Obeid („Fahd") bekannt. Er zurückgekehrt. Dort hat er am ist bei der Verteidigung seines Dorfs, Kampf gegen die faschistischen „lib- Kabr Chmoun, das von der Armee anesischen Kräfte" sowie an Aktivitäund den Milizen der phalangistischen ten gegen die zionistischen Besatzer Partei belagert wurde, im Kampf teilgenommen. Weil von ihnen gefallen. erneut nach ihm gefahndet wurde, Der Genosse „Fahd" war der erfah- war er gezwungen, in den Untergrund renste militärische Kader der GCR zu gehen. Nach dem Rückzug der Er hat an allen Phasen des langen israelischen Armee aus der Gegend Kriegs gegen die libanesischen Reak- um Aley und dem Shuf hat Fahd sich tionäre und ihre Verbündeten teilge- an der Verteidigung seines Dorfs, das nommen. Er hat die GCR bei ihrer in der Nähe von Souk el-Gharb liegt, Beteiligung am Widerstand gegen die gegen die Offensive der reaktionären israelische Invasion 1978 angeleitet. libanesischen Armee beteiligt. Dabei Nachdem er 1982 bei der zweiten ist er im Kampf gefallen. Invasion von den zionistischen Trup Seine Hingabe und sein Mut pen festgenommen wurde, ist er meh- mögen für die Revolutionäre in der rere Monate lang in dem zu trauriger ganzen Welt eine Quelle der Ermutigung sein.

der Falangisten genauso sauer zu sein. Bedingungen stellten, die für das Nicht nur, daf Washington die ganze Regime Gemayel unannehmbar wa- Verantwortung für die Massaker ren; sie waren noch viel härter als die auch auf Israel schob, gewichtiger Bedingungen, welche man seinerzeit war noch der Reagan-Plan, mit dem Ägypten im Tausch für den Rückzug sich die Kegierung der USA dafür aus dem Sinai auferlegt hatte. Indes aussprach, die zionistische Ansied- sollte sich bald herausstellen, daß die lung in Westjordanien einzufrierer Präsenz Israels im Libanon ein zweiind dieses besetzte Gebiet den schneidiges Schwert darstellte, wobei Hussein von Jordanien die negative Seite sich immer empzurückzuerstatten. 3 findlicher bemerkbar machte. Mit der Für die israelische Führer wurde Entwicklung des Widerstands gegen unter diesen Umständen die Präsenz die zionistische Besetzung in allen ihrer Armee im Libanon zur wichtig- möglichen Formen wurde diese sten Karte bei der Auseinanderset- immer mehr zu einer Last, die schwezung mit dem großen amerikanischen rer als der Vorteil wog, den sie auf Bruder. Nach dem Prinzip des Tep- diplomatischer Ebene darstellen pichhandels forderten sie, daß der Reagan-Plan fallen gelassen würde, Was die Operation der Regierung sie würden sich dafür aus dem Süden Begin-Sharon im Libanon angeht, so des Libanon zurückziehen. Aber auf erwies sich auch hier die Gesamtbidiese Bedingungen konnte Washing- lanz als zunehmend negativ. Es gelang ton nicht eingehen; und so gerieten der israelischen Regierung nicht, ein die Beziehungen der US-Regierung verbündetes Regime im Libanon zu mit der Regierung Begin-Sharon in errichten. Außerdem hat sie sich mit ihre kritischste Phase. Die israeli- Washington überworfen, und | die schen Führer beschlossen, die Ver- PLO Yassir Arafats gewann paradohandlungen über den Rückzug ihrer xerweise in den Augen des Weltimpe- Truppen aus dem Libanon zu sabo- rialismus an Zutrauen, sie tieren, indem sie eine Reihe von geschwächt war, weniger autonom denn je, aber dadurch besser in den amerikanischen Plan zu integrieren. Aus Verärgerung ermöglichten es die zionistischen Führer, die noch im Sommer 1982 zugelassen hatten, dais die Milizen von Bechir Gemayel mit Gewalt in das Gebiet von Aley und ins Shuf-Gebirge eindrangen - Regionen, die seit 1976 unter Kontrolle Walid Djumblats gestanden hatten —, nun, daß ebendiese Kräfte Walid Djumblats gegen die Libanesischen Streitkräfte zu den Waffen griffen und sogar Nachschub in großer Menge aus den von der syrischen Armee kontrollierten Zonen einführen konnten. Was nichts anderes hieß, als daß die zionistischen Führer, nachdem es ihnen nicht gelungen war, eine libanesische Zentralregierung einzusetzen, die ihnen völlig ergeben ist, nun wieder auf die Aufsplitterung des Libanon nach Konfessionen setzten. Der Vorteil bei diesem uralten zionistischen Ziel wäre, daß zwei Ministaaten geschaffen würden, der eine drusisch, der andere maronitisch, beide aber „Kunden" Israels, während der Rest des Landes zwischen Syrien und Israel aufgeteilt bliebe. Wahrlich eine magere Alternative gegenüber den ursprünglichen Projekten Israels im Libanon, die jämmerlich gescheitert sind! Ariel Sharon mußte als Sündenbock für Menachem Begin die Zeche bezahlen. Die Untersuchungsergebnisse über die Massaker von Sabra und Shatila boten dazu den Anlaß. Sharon, bis dahin der rechte Arm von Begin, wurde im Verteidigungsministerium durch Moshe Arens ersetzt, den bisherigen Botschafter in Washington. Der neue Minister hat sich zum Ziel gesetzt, Israel aus dem libanesischen Sumpf herauszuziehen und wieder gute Beziehungen zur amerikanischen Administration zu knüpfen.

Moshe Arens, der neue Stern am Himmel Israels, faßte seinen sehr einfachen Standpunkt folgendermaßen zusammen: Israel verliert überhaupt nichts, wenn es ein Abkommen mit dem „legalen" Libanon schließt, auch wenn mit diesem Abkommen Saad Haddad, der treue Hampelmann

Israels, und seine Milizen in Süd-Libanon geopfert werden. Aus demeinfachen Grunde, daß so ein Abkom- (3] Der Reagan-Plan wird analysiert in der Resolution des Vereinigten Sekretariats der Vierten Intemationale Der Krieg im Libanon — eine Wende der Lage im Nahen Osten, veröffentlicht in Inprecor (frz.) vom 25.10.1982.

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men, auch wenn es nur die minimalsten Bedingungen enthält, die von Amin Gemayel auf Betreiben Washingtons hin akzeptiert werden, nicht die geringsten Chancen hat, von Syrien angenommen zu werden. Es wäre also schon vor seiner Unterzeichnung hinfällig, denn ob es verwirklicht wird, hängt vom syrischen Rückzug aus dem Libanon ab. So konnte man also billig die Amerikaner zufriedenstellen und den Syrern den Schwarzen Peter zuschieben. Da letztere ihrerseits Garantien für die Golan-Höhen, die seit dem Krieg von 1967 israelisch besetzt sind, fordern, bevor sie mit Washington zusammenarbeiten, bliebe Israel weiterhin Herr der Lage, könnte aber auf Distanz zum libanesischen Sumpf gehen. Seine Armee müßte sich nur noch über den A wali-Fluß zurückziehen, der von der zionistischen Regierung immer mehr als libanesischer Jordan angesehen wird, also als Grenzfluß. [4] Das müßte ganz natürlich den Konflikt zwischen den Drusen und den Maroniten verschärfen, was der Mannschaft von Menachem Begin bestimmt nicht unrecht wäre. Der Bruch zwischen Gemayel und Assad

Amin Gemayel, den die Amerikaner „berieten" , fiel genau in die Grube von Moshe Arens rein. Im Mai 1983 unterzeichnete er ein „Abkommen" mit Israel, das keinerlei praktischen Wert hatte, aber das syrische Regime gegen ihn aufbrachte. Syrien nahm eine Offensive gegen das Gemayel- Regime auf, das damit als Verlierer dieser Operation dastand Denn niemand ist so dumm zu glauben, daß es Damaskus auf die Falange-Regierung abgesehen hätte. Es war ja mit dieser bis zu dem Zeitpunkt sehr gut ausgekommen, wodas Abkommen mit Israel geschlossen wurde. Und Hafes el-Assad hatte sich schon 1976 mit den Falangisten verbündet, als es darum ging, den palästinensischen Widerstand und die libanesische Linke einzudämmen. Was die syrischen Führer über ihre derzeitige Opposition zu den Falangisten hinaus anstreben, ist, Syriens zentrale Rolle bei jeglicher israelisch-arabischen Regelung durch die Schutzherren in den USA Anerkennung zu verschaffen.

Inlsckorr. Nr./Ss. 10.1l.si Schon in den Jahren 1975 und 1976 Partei unter Hafes el-Assad ist heute hatten die Baath-Führer Syriens die in einer viel stärkeren Position gegenpalästinensischen und progressiven über Washington als 1975-1976, und Streitkräfte im Libanon als Reaktion zwar, so paradox das auch klingen auf das israelisch-ägyptische Abkom- mag, gerade aufgrund der israelischen men über den Sinai unterstützt, dem Invasion in den Libanon vom Somder amerikanische Diplomat Henry mer 1982. Denn wegen dieser sind der Kissinger im September 1975 Pate palästinensische Widerstand und die gestanden hatte. Aber nur so lange zur Falange in Opposition stehenden unterstützt, bis angesichts eines kurz libanesischen Kräfte mehr denn je von bevorstehenden Siegs der antifalangi- Syrien abhängig. Gleichzeitig hängt stischen Streitkräfte Washington nun die israelische Intervention, die eine Vereinbarung mit Damaskus sich als Mißerfolg herausstellte, nicht abschloß und es in jeden späteren mehr wie ein Damoklesschwert über diplomatischen Schritt im Rahmen den syrischen Machthabern. Ganz im einer regionalen Regelung einzube- Gegenteil: das „Libanon-Syndrom" ziehen versprach — im Tausch für ist heute in der öttentlichen Meinung eine syrische Intervention im Lib- Israels mindestens so stark, wie es BEIRUT INTE NATIONAL AIRPOR "If this is keeping the peace, ! just hope we're out of here by the time warbreake out! Gary Brookins Richmond Times-Dispatch anon, um die Aktion der Palästinen- einst das „Vietnam-Syndrom" in den ser und der libanesischen Linken USA war. Weniger denn je zuvor ist abzustoppen. [5] Die syrisch-ameri- die zionistische Regierung heute in kanischen Flitterwochen wurden der Lage, einen anderen als einen Verdann durch den Sieg des Likud- teidigungskrieg zu führen. Ein Beweis Blocks bei den Wahlen in Israel 1977 dafür ist, das sie sich an den Auseinanverdorben. dersetzungen, die jetzt im Libanon Bei der gegenwärtigen Krise wollen stattfinden geradezu desinteressiert die syrischen Führer den USA klarmachen, daß, wenn die israelischen Führer einen Schlüssel für den Rea- Die libanesische Opposition gan-Plan in der Hand haben, sie den anderen haben, der genauso unabdingbar ist. Die Diktatur der Baath- Damaskus hat also nach Abschluß des israelisch-libnesischen Abkommens vom Mai 1983 der wiederer- 14] Zahlreiche Informationen über israchsche Vor. wachten libanesischen Opposition bereitungen für eine langfristige Besetzung des südb chen Libanon zeigen an, dati man genauso vorgehen grünes Licht gegeben, einen Waffenwill wie mit dem Westufer des Jordans nach dem gang mit den Falangisten zu wagen. Blitzkrieg von 1967.

15) Eine ausführliche Analyse des Bürgerkriegs Eine Front des Nationalen Heils 1975-1976. der Haltung Synens und der von den wurde gebildet, in der sich unter linken libanesischen Kräften verfolgten Politik befin. Syriens Schirmherrschaft die drei det sich in den Artikein von Salah Jaber in InPreKorr Nr. 55/56 vom 9.4.1976. wichtigsten Persönlichkeiten, die von

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IalreKorr No./58. 10.11.53 diesem Lande abhängen, zusammengefunden haben: Suleiman Franjie, Expräsident der Republik, der zum Feind der Falangisten wurde, nachdem er lange Jahre ihr Verbündeter gewesen war (bis 1978); Rashid Karame, ehemaliger Präsident des Ministerrats zur selben Zeit, der von Syrien genauso abhängig ist wie seine Stadt Tripoli im Norden; und natürlich Walid Djumblat. Die Stalinisten schlossen sich wie gewohnt dieser Front an, die nun wirklich keine Volksfront ist, sondern dreifach bürgerlich!

Was die schiitische Organisation Amal angeht, so trat sie zwar nicht dieser Front bei, was zeigt, daß sie relativ autonom gegenüber Syrien ist, sah aber doch in der Eskalation der Opposition gegen die Falange eine Gelegenheit, sich kräftig zur Geltung zu bringen, neue Verhandlungen mit dem Ziel einer Teilnahme an der „legalen" Macht aufzunehmen und auf die „shiitischen" Forderungen, zu deren Sprecher sie sich gemacht hat, zu pochen.

Als nun die israelische Armee die Absicht zu erkennen gab, sich, ohne länger abzuwarten, bis zum Awali zurückzuziehen, obwohl Washington das Kabinett Begin drängte, doch so lange zu warten, bis die „legale" libanesische Armee in der Lageist, die von Tsahal (der israelischen Armee) evakuierten Gebiete in deren Windschatten zu besetzen, war dies das Signal für eine Schlacht um die Kontrolle des Gebiets, das sich vom A wali bis zur Straße Beirut-Damaskus erstreckt. Zuvor hatte schon die Amal in Beirut, besonders in den Vororten mit überwiegend shiitischer Bevölkerung, zu den Waffen gegriffen, um zu zeigen, wie stark sie ist. Kaum hatten sich die Israelis zu Beginn des Sommers zurückgezogen, da standen auch schon die Shut-Berge in Flammen. Die Libanesischen Streitkräfte wurden umso schneller geschlagen, als sie dort um ein Gebiet kämpfen mußten, das nicht das „ihre" war; worauf die „legale" libanesische Armee die Falangisten ablöste und die Kämpfe sich um die Ortschaft Suk el-Gharb konzentrierten, die von strategischer Bedeutung ist, da sie den südlichen und östlichen Zugang zur Hauptstadt beherrscht.

Die drusischen Streitkräfte Djumblats, die mit Zustimmung Syriens durch palästinensische Kämpfer aus der Fatah-Upposition verstärkt und syrische Artillerie unterstützt wur- Syrische Truppen den, hätten wahrscheinlich militärisch gesiegt und damit das letzte Israelische Truppen Stündlein Amin Gemayels eingeläu- Libanesische Truppen tet, wenn nicht die multinationalen Streitkräfte, die im Libanon statio- Arafat-treue PLO-Truppen niert sind, insbesondere die US- Truppen, nicht direkt eingegriffen Von Israel geräumt hätten, um sich dem zu widersetzen. Christliche Milizen

Die imperialistische Saad Haddads Miliz Intervention

X PLO-Oppositionelle

AKKAR

Tripolis Hermel 1e Lghorta

Batroun LIBANON-KETTE LIBANON Baalbek

Multinationale BEKKA ruppes Sannin

BEIRUTE Jounie Zahle ....

CHOUF

Damour wall K SYRIEN : Saïda)

Jezzine HERMON • DAMASKUS

Schloss 1 Beaufort

Nabatich a Marjayoun 25 _ 50km UNIFIL 'Naqoura

ISRAEL

Die multinationale Streitmacht Besetzung der libanesischen Hauptmit Soldaten dreier imperialistischer stadt durch Israel ebnete, indem sie Mächte, der USA, Frankreichs und die Befestigungsanlagen schleifte und Italiens, denen sich dann noch Solda- den ganzen Verteidigungsgürtel, der ten aus Großbritannien anschlossen, wegen der Belagerung um Beirut hatte in Beirut im August 1982 inter- angelegt worden war, entminte. veniert, einerseits mit der Begrün- Sobald diese Aufgabe erledigt war, dung, die Zivilisten Beiruts während wobei sich das französische Kontindes Abzugs der palästinensischen gent besonders hervortat, zog sich die Kämpfer schützen zu müssen, ande- multinationale Streitmacht zurück rerseits, um sicherzustellen, daß jene und überließ das Feld Tsahal und auch tatsächlich abziehen. Tatsache ihren libanesischen Bundesgenossen, ist, daß diese multinationale Streit- die dann das schreckliche Massakerin macht das Gelände für die spätere den Flüchtlingslagern von Sabra und

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Shatila verüben sollten.

Als die multinationale Streitmacht in Neuauflage kurz darauf wieder zurückkehrte, behielt sie diese Doppelzüngigkeit bei. Nach Claude Cheysson, dem französischen Aussenminister sollte sie die Rolle übernehmen, die Zivilisten zu beschützen, während es Ronald Reagan darum ging, Amin Gemayel beim Aufbau seines Staates behilflich zu sein. De facto war auch diesmal die Intervention der multinationalen „Friedenstruppe" absolut nicht philantropisch. Ihre Soldaten, allen voran die französischen Fallschirmjäger, taten sich an der Seite der Armee Gemayels bei der Durchkämmung Beiruts besonders hervor, während sich das US-Kontingent darauf spezialisierte, die Neuzugänge der libanesischen Armee auszubilden. Es kann keine Zweifel daran geben, daß die multinationale Streitmacht keine „Friedenstruppe" ist, sondern sehr wohl eine Ordnungstruppe - nicht für irgendeine Ordnung, sondern für die neue Ordnung der Falangisten. Als im Sommer 1983 der libanesische Krieg von neuem aufflammte, standen die imperialistischen Regierungen, die an dieser multinationalen Streitmacht teilnahmen, vor einem Dilemma: Einerseits liefen sie Gefahr, in dem Sumpf steckenzubleiben, aus dem schon etliche nicht mehr herausgekommen waren, andererseits konnten sie sich bei ihren anderen neokolonialen Klienten definitiv diskreditieren, wenn sie wieder einmal einem verbündeten Regime, das in Gefahr war, nicht beistanden.

Deshalb mußte vorallem Washington zur Unterstützung der libanesischen Armee und der falangistischen Kräfte intervenieren, aus Angst, sonst den Namen des Präsidenten Gemayel auf die Liste der Protegierten, die vom Imperialismus aufgegeben wurden, setzen zu müssen, auf der schon aus jüngster Zeit die Namen des Shahs von Iran und Somozas aus Nikaragua stehen. Washington sah sich also gezwungen, direkt in den Bürgerkrieg zu intervenieren, um den Diktatoren von Mittelamerika und anderswo zu beweisen, daß sie nicht im entscheidenden Moment ihrem Schicksal überlassen blieben. Aber da die Reagan-Administration immer noch mit dem durch die Niederlage in Vietnam aufgekommenen „Syndrom" zu schaffen hat, kann sie ihre Truppe nicht mir nichts dir nichts in die Schlacht schicken. Sie entschied sich also, langsam aber beharrlich vorzugehen, drohte mit direkter Intervention ihrer Truppen (einige 1000 Marines halten sich vor der Küste Beiruts bereit, zur Unterstützung des bereits auf dem Kampffeld befindlichen Kontingents an Land zu gehen) und setzte zum erstenmal seit Vietnam ihre Zerstörungsmittel ein, um einem verbündeten Regime beizustehen. Washington ging sogar soweit, die New Jersey, das „mächtigste Kriegsschiff der Welt" ', von der Karibik in die libanesischen Gewässer umzudirigieren. Aber abgesehen von der weltweiten Tragweite gab es natürlich aucheinen lokalen Grund für die imperialistische Intervention. Reagan wollte den syrischen Führern zu verstehen geben, daß es für die von ihnen unterstützten Streitkräfte Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen.

Die Perspektiven und unsere Aufgaben

Mit der amerikanischen Intervention geriet der libanesische Krieg in eine Sackgasse; nun ist eine diplomatische Vereinbarung unausweichlich. Da auch Damaskus seinerseits der Meinung war, daß die Lektion für die Amerikaner klar genug war, konnte also am 25. 9. ein Waffenstillstand ausgerufen werden.

Die Frage stellt sich nun, worauf er hinausläuft. Wird es, wie vorgesehen, zu einer „Wiederversöhnung" unter syrisch-saudischer Schirmherrschaft kommen? Mit anderen Worten, führt die derzeitige Schlacht zu einer Neuaufteilung der Zentralmacht, oder aber wird das Land aufgeteilt? Die Frage harrt noch ihrer Antwort. Aber eines ist heute wie 1976 schon klar. Wie der Krieg ausgeht, hängt davon ab, wie sich die syrischen Beziehungen zu den USA entwickeln, und diese Entwicklung hängt ihrerseits wieder von der der israelischen Innenpolitik ab. Wenn die Ära nach Begin, die durch die Ankündigung seines Rücktritts eingeleitet wurde, zu einer Regierung der zionistischen nationalen Einheit führt, wenn also die Machthaber in Israel sich einer regionalerı Regelung geneigter zeigen, dann wird eine Verständigung zwischen Syrien und den USA eher möglich sein.

Inl'reKorr. Vr. 15.8. 10.11.83 Jedenfalls sucht das syrische Kegime Washington zu beweisen, dais es in der Lage ist, nicht nur die libanesische Opposition zu kontrollieren, sondern auch den palästinensischen Widerstand. Das steckt hinter dem Ultimatum, das kürzlich den Truppen Yassir Arafats gestellt wurde, die in der Beka'a- Ebene stationiert sind, sie sollten sich in den Norden des Libanon zurückziehen — was sie dann auch taten (nur um auch dort angegriffen zu werden). Das syrische Regime wird, wenn es sowas für nötig hält, nicht zögern, sämtlichen palästinensischen Kämpfern den Befehl erteilen, sich dort zu versammeln, wo es sie haben will. Gelangen Syrer und Amerikaner zu einer Verständigung. dann kann das nur zu einer Neubelebung des -Konstitutionellen Dokuments- führen, das Anfang 1976 von den Syrern mit Franjie, dem damaligen Prasidenten der Kepublik, ausgehandelt worden und seither ohne Anwendung geblieben war. Das würde bedeuten, daß die Karten der „legalen" libanesischen Macht zwischen den verschiedenen Volksgruppen und politischen Fraktionen der herrschenden Klasse neu verteilt würden, ohne daß die arbeitenden Massen auch nur ein Wort dabei mitzureden ' hätten.

Wenn dagegen die Syrer und Amerikaner nicht zu einer Verständigung untereinander kommen, dann werden früher oder später die Kämpfe von neuem ausbrechen. Aufgabe der Revolutionären Kommunisten wird es dann sein, so zu handeln, dal diese Kämpfe nicht vom einzigen Ziel abgleiten, das heute den Interessen der arbeitenden Massen entspricht, nämlich dem Abzug allerimperialistischen Truppen und dann dem Sturz des falangistischen Regimes von Gemayel und der Zerschlagung seiner Macht.

Mit dieser Perspektive nahmen die Mitglieder der Revolutionär Kommunistischen Gruppe, der libanesischen Sektion der Vierten Internationale, an den Kämpfen, die kürzlich tobten, teil.

Dringende Autgabe der ganzen Vierten Internationale ist es, am Kampf der libanesischen Genossen um den sofortigen und bedingungslosen Rückzug der imperialistischen und zionistischen Truppen aus dem Libanon teilzunehmen.

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