Paul Petitjean September s3 Am Sonntag, dem 21. August 1983 flikte beleuchtet. Und dies aus wurde der frühere philippinische mehreren Gründen. Zumeinen wären Senator Benigno „Ninoy" Aquino die Begleitumstände des Verbrechens beim Verlassen eines Flugzeugs auf zu nennen. Zumanderen die persönlidem internationalen Flughafen von che Rolle, die der frühere Senator Manila mit einem Kopfschuß ermor- gespielt hat: er war die wichtigste det. Derangebliche Attentäter wurde Figur in der bürgerlichen, proamerisofort von den Aquino begleitenden kanischen Opposition gegenüber Soldaten niedergeschossen. Er wird dem Marcos-Regime. daher nicht mehr reden können. Darüberhinaus hat der Mord eine Doch niemand, obaut den Philippi- Massenbewegung inganggesetzt, die nen oder in der übrigen Welt, hat sich in ihrer Breite und Tiefe beeinvon der offiziellen Version dieses druckend ist. Gigantische Demonspektakulären Mordtalls überzeugen strationen begleiteten den Trauerzug lassen, dal dies die Tateines „bekann- in Aquinos Geburtsort und wieder ten" professionellen Killers gewesen zurück nach Manila, wo sie bei der sei, der von jemand Unbekanntem, Beisetzung ihren Höhepunkt erreichwomöglich einem Kommunisten, ten. Am 31. August folgten 100 000c, angeheuert worden sei. vielleicht sogar Millionen dem Trau- Alles deutet dagegen darauf hin, erzug. Es war eine unvorhergesehene daß dieser politische Mord nur von Mobilisierung, eine lautstarke Verureiner Gruppierung innerhalb des teilung des Regimes. Und während Regimes, wenn nicht gar von Marcos der Studentendemonstration vor selbst inszeniert werden konnte. dem Präsidentenpalast eröffneten die Die Begleitumstände des Ordnungskräfte das Feuer, töteten schlags weisen auf eine in höchste einen Demonstranten und verwunde- Kreise hineinreichende Verschwö- ten zahlreiche. rung hin. Das Verhalten der Behör- Nach einer kurzen Unterbrechung den in den Stunden und Tagen nach flammten in den Straßen der Hauptdem Verbrechen hat neue bohrende stedt im September die Demonstra- Fragen aufgeworfen, auf die die inter- tionen wieder auf, wobei offen nationale Presse verwiesen hat. Das Marcos Rücktritt gefordert wurde. Klima der Verdächtigungen hat sich Der Mord an Aquino hat ganz so sehr verdichtet, daß sich der Pre- sicher eine neue Etappe in der Krise mierminister Cesar Virata zu dem des Marcos- Kegimes eingelautet und öffentlichen Eingeständnis gezwun- wird den Verlauf der Kämpfe im en saer einung Emer in der Lande nachhaltig beeinflussen. Daher rührt die Bedeutung des Geschehnis- Mord verwickelt sein. ses für die Philippinen und die übrige Welt.
Die Auswirkungen Die wirtschaftliche Lage auf den des Mordes Philippinen ist sehr schlecht. demokratische und revolutionäre Massenkämpfe sind im Gange und nehmen Der Mord an Benigno Aquino hat zu. Während die bürgerliche liberale schlagartig die sich auf den Philippi- Opposition schlecht organisiert ist nen entwickelnden politischen Kon- führt die kommunistische Linke, ir aus /nprecor 157, 26.9.83 erster Linie in Gestalt der Kommunistischen Partei der Philippinen (KPP), eine sich ausweitende Guerillabewegung und auch bedeutsame Massenbewegungen in den Städten und aut dem Land.
Zudem spielt diese von 53 Millionen Menschen bewohnte Inselgruppe eine ganz besondere Rolle in der Asienstrategie der USA.
Drehscheibe der imperialistischen Politik in Asien
Diese strategische Rolle der Philippinen bei der Stationierung amerikanischer Truppen in Asien tritt klar zutage; auf der Insel Luzon befinden sich zwei außerordentlich große Militärbasen: die Luftbasis Clark und die Marinebasis Subic Bay.
Die relative Bedeutung dieser Einrichtungen hat zugenommen, seit Washington nach dem Sturz des Saigoner Regimes 1975 und der Schlie- Bung der Basen in Thailand 1976 unter dem Druck nationalistischer Massendemonstrationen seine Hauptbasen auf dem asiatischen Festland verloren hat.
Die zu den größten Washingtons auf der ganzen Welt überhaupt zählenden Basen liegen im Herzen einer strategischen Schlüsselzone. Neben Indonesien kontrollieren die Philippinen die Meerengen zwischen indischem und Pazifischem Ozean. Sie liegen aber auch gegenüber der chinesischen und der vietnamesischen Küste, an der jetzt die sowjetische Flotte landen kann.
In der Tat ist Südostasien sicherlich eine der Regionen, wo die Konfrontation zwischen Revolution und Konterrevolution seit dem Zweiten
Weltkrieg am schärfsten war. Um nur die wichtigsten Episoden ins Gedächtnis zurückzurufen:
* Die japanische Intervention auf dem asiatischen Kontinent und der darauf folgende Sieg der chinesischen Revolution.
hinDerieure der apoer, nee franzosen und der Amerikaner von 1940 bis 1975.
• Die Entstehung und die spätere Niederlage kommunistischer Guerillabewegungen auf den Philippinen und in Malaysia Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre.
* Der nationale Unabhängigkeitskampf in Indonesien, das Wachstum der dortigen Kommunistischen Partei zur größten Asiens, dann die massenhafte Abschlachtung ihrer Mitglieder 1965-1966.
tischen teneurin Thailand voi lutstieg une 1973 bis 1982.
da herau dieser steis nunmehr Kämpfe auf den Philippinen hinzuzu- Unter dem Gesichtspunkt sowohl des globalen militärischen Kräfteverhältnisses zwischen den „Blöcken" als auch der Fähigkeit der Imperialisten. gegen Bewegungen in dieser Region vorzugehen. spielen die US-Basen auf den Philippineneine ganz wesentliche Rolle.
Überdies ist diese Rolle nicht auf Südostasien beschränkt. Clark und Subic Bay sind Eckpfeiler zwischen der Stationierung der US-Marine und -Luftwaffe in Korea und im Nahen Osten. Sie sind von zentraler Bedeutung für das strategische System, in dem die USA die Basen des Nordpazifik in Korea, Japan, auf den Marianen und Guam, mit denen des Indischen Ozeans, vor allem auf Diego Garcia und in Oman, verbinden.
Angesichts von Krisen an beiden Enden dieser Kette — wie dem Aufstand in Kwangju 1980 in Südkorea und der Revolution im Iran - beruht die Politik des Pentagons auf der Fähigkeit See- und Luftstreitkräfte schnell von einem Sektor in den anderen verlagern zu können. In diesem iden Philippinen die Bedeutunge it den Phili die weit über Südostasien hinausreicht.
Die Bedeutung der Philippinen für die Asienpolitik der USA darf aber nicht rein militärisch gesehen werden. Bollwerk des Neokolonialismus
Aus geschichtlichen Gründen sind die Philippinen enger als jedes andere Land dieser Region mit den USA verbunden. Der Kolonialismus traf diese Inseln schon früh, im 16. Jahrhundert, während die übrigen Länder dieser Region erst im 18. und 19. Jahrhundert zu Kolonien wurden. Abgesehen von den im 15. Jahrhundert gegründeten islamischen Sultanaten im südlichen Teil des Archipels Aquino schlug die Kolonialherrschaft auch leichter und tiefer ihre Wurzeln als in den übrigen Ländern Asiens. Dies beruhte auf der relativen Rückständigkeit der Inselkette, die wohl erst noch im allmählichen Ubergangsprozeß zur Klassengesellschaft überhaupt steckte, als die Spanier dort eintrafen. Unter diesen Umständen konnte der Widerstand gegen die Christianisierung gebrochen werden. Lange Zeit diente die spanische katholische Kirche als Grundlage der Kolonialgesellschaft. Innerhalb des Reiches, „in dem die Sonne nicht untergeht" , waren die Philippinen an das Königreich Mexico gebunden. Nach 350 Jahren spanischer Herr- 10.11.8.; Chatt wurden die Inseln nach de Viederlage Spaniens gegen die US 1898 an diese „verkauft". Doch die Amerikaner konnten sie erst besetzen, nachdem eine Expeditionstruppe einen blutigen Kampf (unter General Pershing!) geführt hatte. Die Philippinen wurden so mit Puerto Rico und Hawaii eine der wenigen direkten Kolonien der USA, und zwar die größte. Dieser Zustand dauerte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein an. Die Philippinen sind ein wenig eine Art „Lateinasien". Die Geschichte des Archipels weist zahlreiche Analogien zu der lateinamerikanischer Länder auf. Es ist das einzige christliche Land in Asien. Die wirtschaftlichen Interessen der USA haben traditionell eine dominierende Rolle gespielt, obwohl sie sich heute mit einer scharfen Konkurrenz der Japaner konfrontiert sehen.
Die Herausbildung eines Nationalbewußtseins ist durch das Ausmaß kolonialer Durchdringung und den Druck neokolonialer Verhaltensstrukturen verzögert und stark verzerrt worden. Das Zugehörigkeitsgefühl zu Asien stumpfte ab, mit dem Ergebnis, daß das philippinische Volk von den politischen Entwicklungen dieser Region abgeschnitten wurde. Von allen Mitgliederstaaten des Bündnisses ASEAN sind die Philippinen sicherlich am unmittelbarsten von Washington abhängig. Die Wechselfälle des politischen Lebens haben für die USA auch größere Auswirkungen. Dies ist einer der Faktoren, die erklären, warum Aquino ermordet wurde, wie ich unten detailhierter zeigen werde.
Das Marcos-Regime und seine Widersprüche
Ferdinand Marcos, ein brillanter Rechtsanwalt und guter Politiker, wurde 1965 zum erstenmal zum Präsidenten gewählt. Nach seiner Wiederwahl 1969 hätteer vonder Verfassung her nicht mehr für eine dritte Amtsperiode kandidieren können. Doch er verhängte am 22. September 1972 mit der Begründung, das Land sehe sich einer Bedrohung durch „Extremismus von rechts und links" ausgesetzt, den Kriegszustand und hielt ihn acht Jahre lang aufrecht. Er errichtete mit Hilfe der Weltbank und Washingtons de facto eine Diktatur. Persönlicher Ehrgeiz spielte
InP'reKorr. Nr.158. 10.11.8.3 sicher eine Rolle bei seiner Entscheidung, auf diesem Wege weiter Präsident zu bleiben und später die Verfassung zu ändern; seine Regierung ist eine echte Ein-Mann- Herrschaft. Doch steckt mehr dahinter.
Während des Kriegsrechts wurden unter der Schirmherrschaft der Weltbank bedeutsame wirtschaftliche und politische Veränderungen eingeleitet. Zu Beginn der 70er Jahre betand sich das Land wirtschaftlich in einem jämmerlichen Zustand; die Auslandsverschuldung war beträchtlich; die Lage war instabil.
Die antiimperialistische Stimmung nahm zu; Marcos selbst war gezwungen, in seinen Wahlkämpfen nationalistische Themen aufzugreifen, obwohl er sie nach den Wahlen gleich wieder fallenließ.
Innerhalb der bürgerlichen Kräfte vertiefte sich die Spaltung wegen des plumpen Wahlbetrugs und des massibau und Landwirtschaft mit ausländischem Kapital zu fördern. Freihandelszonen wurden eingerichtet, angefangen mit der Bataan Export Processing Zone (BEPZ) am Eingang der Bucht von Manila. Neue Regelungen zum Schutz ausländischen Kapitals wurden getroffen, und die Repression halh, die Lohnkosten in der Industrie zu drücken.
Scheinbar als Reaktionauf das Verlangen der Bauern aus den Reisanbaugebieten wurde eine Agrarreform verkündet. Die »Grüne Revolution« kam in Gang, also die Anwendung besonderen Saatguts, die Einführung neuer Technologien, verstärkte Kapitalinvestitionen und die Verallgemeinerung der Marktbeziehungen. Aut den Philippinen ist übrigens auch das Internationale Forschungsinstitut für Agronomie angesiedelt, das bessere Reissorten entwickelt und neue Anbautechniken erprobt. Das Agrobusiness machte sich in neuen Gebieten breit, wie im Falle der und der Masseneinflufs der KPbreiter und tietgehender.
Im vergangenen Jahrzehnt hatten die Philippinen die niedrigste Wachstumsrate aller ASEAN-Länder ... etwa 5 %. Die Industrialisierung ist hinter der der meisten Nachbarländer zurückgeblieben. Auf der anderen Seite konnte die Spirale der Auslandsverschuldung nicht gebremst werden. Neben Südkorea sind die Philippinen wohl der größte Schuldner in Ostasien; die Auslandsschulden übersteigen 18 Mrd. Dollar.
ist did Politikodes SchrerReender hat zusätzlich zu dem zwischen Staat und Massenbewegung neue soziale Konflikte und Spannungen zwischen verschiedenen bürgerlichen Kreisen und Führern geschaffen.
Das Marcos-Kegime bedeutet eben doch nicht nur die Herrschaft eines Mannes. Den Staatsapparat und eine Reihe nationaler Wirtschaftsgüter haben sich eine einzige Familie, die • Wahlkampf 1969 einherging. Es kam Studentenbewegung schwenkte nach links und setzte sich an die Spitze von Massenmobilisierungen und Straßendemonstrationen.
Drastische
Veränderungen unter Marcos
Nachdem das Kriegsrecht einmal etabliert war, griff das Regime zu einer Reihe von Maßnahmen, die die politischen Spielregeln auf den Phiappinen veranderten In erster Linie wurde die Massenbewegung hart unterdrückt und zu einem mehrjährigen Rückzug gezwungen. Dann wurde der Staatsapparat vereinheitlicht und zentralisiert. Die Macht der örtlichen Honoratioren, die vorher das Sagen hatten, wurdeeingeschränkt. Die Privatarmeen wurden aufgelöst und durch eine Nationalarmee und die Polizei ersetzt. Die alten Parteien wurden an den Rand gedrängt; und nach einigen Jahren lancierte Marcos eine politische Bewegung, die allgegenwärtig wurde: Kilusang Bagong Lipunen (KBL, Bewegung der Neuen Gesellschaft).
Im Wirtschaftsbereich wurden umfangreiche Projekte öffentlicher Arbeiten in die Wege geleitet, um die Durchdringung von Industrie, Berg- Obstplantagen auf Mindanao. Die japanisch beherrschte Fischereiindustrie erschloß neue Fanggebiete. Das Kriegsrecht wurde damit gerechtfertigt, daß es als Grundlage den des landesdiene. Offizielisolles den Weg zur Wiederherstellung zur durchgängig außerkraftgesetzten Verfassung ebnen. Das Regime bittet, nach den Ergebnissen seiner Politik - Ordnung, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung — Beurteilt zu werden. Doch auf all diesen Gebieten fällt die Bilanz für Marcos selbst vom Standpunkt der Pourgeoisie aus gesehen alles andere als günstig aus.
Familie Marcos monopolisiert Staat und Wirtschaft
Nach einem merklichen Rückgang als Folge der Auflösung von Privatarmeen und Banden begann die Verbrechensrate wieder in die Höhe zu schnellen. Sehr oft hat sich herausgestellt, daß hinter den in der Presse beklagten Verbrechen Militäroffiziere und Polizeibeamte stecken. Weit entfernt davon, das Wachstum der revolutionären Linken zu stoppen, hat die Verhängung des Kriegsrechts zueiner Radikalisierung neuer Teile der Jugend und der Kirche geführt. Die kommunistisch geführte Guerilla ist stärker denn je des Präsidenten und seiner Ehefrau Imelda Romualdez, und ihre Kumpane angeeignet.
Die alte besitzende Oligarchie wurde aus den zentralen Sektoren der Wirtschaft mit besonders brutalen Methoden hinausgedrängt, wie etwa der Drohung mit Repressalien aufgrundeiner Beschuldigung als subversives Element. Heute haben sich diese alten begüterten Familien zu einer breiten bürgerlichen Opposition gegen das Regime zusammengeschlossen. Während es diese bürgerliche Opposition nicht vermochte, eine mächtige politische Bewegung aufzubauen, hat sie doch den Aktionsradius der das Regime bekämpfenden Kräfte vergrößert, eine Lobby gegen Marcos in den USA herausgebildet und ineinem allgemeinen Sinn dazu beigetragen, die „Subversion" zu legitimieren.
Beispiel
Kokosnuflobby
Der Marcos-Clan hat mittels Formen politischer Protektion, die in den vertraulichen Dokumenten der Weltbank und des Weltwährungsfonds enthüllt wurden, eine ganze Reihe von Unternehmen und Monopolstellungen übernommen. In den vergangenen Jahren sind die meisten dieser Unternehmen aufgrund inkompetenten Managements in große Schwierig-
keiten geraten und einem Bankrott nur mit staatlicher Hilfe entgangen. Über eine vom Staat unterstützte Spezialbank, eine die Exporte überwachende Regierungsstelle und eine allen Produzenten auferlegte Steuer haben sich der Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile und ein Privatunternehmer, Conjuangeo, die Kontrolle über den Verkauf
Kokosprodukten verschafft. Diese Branche umfaßt 23 % des bebauten Bodens und 20 % der Exporte. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung ist wirtschaftlich von ihm abhängig. Wie alle anderen Industrien des Agrobusiness, insbesondere Obst und Zucker, ist die Kokosindustrie vorwiegend exportorentiert und war ein Jahr lang von einer Krise mit abnehmendem Absatz betroffen.
Es ist ersichtlich, warum unter diesen Umständen ein Kampf gegen den Rückgang des Lebensstandards der Produzenten, Bauern und Arbeiter. sogleich zu einem Kampf gegen Marcos und den Staat werden muß. Die Ziele des Militärs
In der achtjährigen Herrschaft mit Kriegsrecht ist die Armee erstmals zu Miles 210 CHINA
PHILIPPINES
TAIWAN
Pecific Ocean
Clark Au loire LUZON
Rase ,uS, anla PHILIPPINES
US Naval Rase al Subic Bay
MINDORO)
SAMAR
PANAY TEYTE
NEGROS
MALAYSIA
MAS MINDAMAO.
ARAR
Celebes Soe
INDONESIA
KALIMANTAN einer führenden Kraft innerhalb des Staates herangewachsen, auch wenn die Regierung äußerlich ihren zivilen Charakter wahrt. Dies ist ein neuartiges Element in einem Land, daß im Gegensatz zum seit 50 Jahren armeeregierten Thailand über keine Tradition von Militärregimen verfügt. Es besteht heute deutlich die Möglichkeit, daß die Armee versuchen könnte, sich an die Stelle des jetzigen Regimes zu setzen und sich als die einzige Kraft darzustellen, die Ordnung nach Marcos noch gewährleisten könne. Doch wären dies für die bedeutendsten Sektoren der Wirtschaft beunruhigende Aussichten. Sie warten eher darauf, daß der Präsident die Bühne verläßt, um selbst die Macht übernehmen zu können. Auch für die Kirchenhierarchie. deren Macht dann womöglich infragegestellt würde, ist dies ein Problem Die kirchliche Obrigkeit fürchtet zudem, daß die Einsetzung emes unverhüllten Militärregimes das Abgleiten des 1 andes ineinen Bürgerkrieg beschleunigen könnte. Auch in wichtigen Kreisen der US- Regierung oder der Weltbank ruft die Aussicht auf eine Machtübernehme der Militärs nicht gerade Begeisterung hervor.
Die Lage auf den Philippinen stellt sich also für die Imperialisten düster dar. Die Wirtschaft befindet sich insgesamt in einem schlechten Zustand. Massenkämpfe nehmen zu und radikalisieren sich, die Guerilla weitet sich aus. Die Geschäftemacher des Marcos-Clans sind ganz offensichtlich inkompetent. Gefährliche Monopole konzentrieren sich in der Hand führender Gestalten des Regimes. Und die Armee spielt eine immer wichtigere Rolle.
Dieses Bild wirkt deswegen noch viel bedrohlicher, weil das Regime am Ende seiner Künste angelangt zu sein scheint, unfähig zu einer neuen und innovativen Politik, unfähig, die von ihrer vorherigen Politik geschaffenen Widersprüche zu überwinden. Die Krise ist tief. Sie verschärft sich zurzeit noch durch anhaltende Gerüchte über einen sich verschlechternden Gesundheitszustand des Präsidenten. Es hat den Anschein, als habe der Kampf um seine Nachfolge bereits begonnen. Dies ist ein Hinweis sowohl darauf, warum sich Benigno Aquino zu einer Rückkehr entschlossen hatte, obwohl er wußte. daß sein Leben dabei in Gefahr gera- Inl'rekorr. Nr. 158. 10.11.8 ten würde, als auch darauf, warum er ermordet wurde, sowie er nur den Fuß auf philippinischen Boden setzte. Der Machtkampf und Aquinos Ermordung
Wie im Falle jeder längeren Diktatur einer einzelnen Familie hat das Marcos-Regime um sich herum ein Vakuum geschaffen und nicht den Weg für eine Übergabe der Macht bereitet. Seit Jahren werden in internationalen Geschäftskreisen diesbezüglich alarmierende Stimmen laut, wie das aus Artikelnim Londoner The Economist und in der Hongkonger Far Eastern Economic Review hervorgeht.
Verschiedene Beobachter haben darauf hingewiesen, daß Marcos dem gleiche scher shahdes fran cher Schicksal entgegengehen Somoza in Nicaragua, wenn nicht für einen verfassungsmäßigen Übergang gesorgt wird.
Die USA stehen vor einer Zwickmühle. Sie können Marcos bis zum Ende unterstützen und dabei das Risiko eingehen, daß ihre Interessen mit ihm untergehen. Oder sie können mittendrin die Pferde wechseln und dabei eine Verschärfung der Krise riskieren.
Unter Carter haben die USA ihre Unterstützung für das Regime im wesentlichen aufrechterhalten, obwohl sie formell im Rahmen der „Menschenrechtsdiplomatie" auf eine gewisse Distanz gingen. Unter Reagan wurden diese mehr oder weniger oberflächlichen Skrupel aufgegeben, das Marcos-Regime voil und unverhüllt unterstützt. Dochdas Problem bleibt bestehen, insbesondere wenn Vorbereitungen für einen Übergang in die Periode nach Marcos nicht mehr länger aufgeschoben werden können.
Als Reaktion auf den internationalen Druck und den Druck aus dem Inland, wie etwa seitens der Kirchenhierarchie, hob Marcos im Januar 1981 das Kriegsrecht für den größten Teil des Landes auf. Eine Ausnahme bildeten die islamischen Provinzen im Süden, wo die Moro National Liberaton Front einen langen Kampf um die Selbstbestimmung führt, den Manila nicht entscheidend brechen konnte. Ein Parlament wurde gewählt. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet. Im Grunde änderte sich jedoch
InP'reKorr, Nr.1S8, /0.11.8; nichts. Die Regierung regiert weiterun per Dekret und kann daher prak isch tun, was sie will. Die Repressior nahm zu statt zurückzugehen. Die Nationalversammlung verfügt über keine Autorität. Die Wahlen erscheinen niemandem glaubwürdig. Der Staat befindet sich noch immer in den Händen des Clans.
Die Fraktionen innerhalb des Regimes
Ein glaubwürdiger Nachfolger für Marcos scheint sich innerhalb des Regimes nicht herauszuschälen, mit Ausnahme vielleicht der Armee doch dagegen gibt es einen tiefsitzenden Widerstand.
Ein Sektor des Regimes scheint sich im Augenblick auf dem absteigenden Ast zu befinden: die Gruppe um Verteidigungsminister Enrile, seinen Kokosnußkollegen Cojuangco und den Außenminister Ramos. Die „technokratische" Fraktion, am prominentesten Vertreten durch den früheren Finanzminister un d jetzigen Premier Cesar Virata, verdankt ihre Regierungsposten der Unterstützung durch die Weltbank. Sie verfügt über keine eigenständige politische Basis im Lande. Die dritte Fraktion schließt die Zuckerlobby um Marcos Freund Benedicto, die Gattin Imelda und den Stabschef Major Fabian Ver ein. Sie vertritt die Kontinuität: ein hoher Verantwortlicher der Armee, einer der Geschäftsleute, die am meisten ihren guten Verbindungen zu höchsten Kreisen verdanken, und Imelda, die wichtige Knotenpunkte der Macht und des Geldes kontrolliert. Sie ist Gouverneurin von Groß- Manila, Ministerin für Sozialeinrichtungen und Chefin des KKK, eines Organs, das die ländlichen Regionen abdeckt und ein wirksames Instrument für alle Formen der Vetternwirt. schaft darstellt. Doch genießt Imelda wegen ihrer verschwenderischen Ausgaben in internationalen Kreisen nicht gerade ein hohes Ansehen. Diese dritte Fraktion scheint zurzeit im Kampf um die Nachfolge die besten Trümpfe in der Hand zu halten. Sie zu unterstützen hieße jedoch, das Risiko einer schnellen Verschärfung der politischen und sozialen Spannungen einzugehen.
Die katholische Hierarchie hat nicht versäumt darauf hinzuweisen. Und auf den Philippinen ist sie immer noch ein Staat im Staate. Sie ist die einzige landesweit organisierte Körperschaft (von den Untergrundbewegungen natürlich abgesehen), die der Niederwalzung durch das Marcos- Regime standgehalten hat. Der Erzbischof, Kardinal Sin, verbrämt seine Unterstützung seit langem mit einer bescheidenen Prise Kritik. Eine zeitlang forderte er in öffentlichen Interviews Marcos' Rücktritt und einen neuen politischen Kurs des Regimes, „um die Gefahr eines Bürgerkriegs abzuwenden." Gegenwärtig weigert er sich, an der Untersuchungskommission mitzuwirken, die vorgeblich den Mord an Aquino in Augenschein nehmen soll. Erfürchtet, dadurch zur Geisel einer von Marcos' Freunden kontrollierten Kommission zu werden.
Die bürgerliche Opposition Benigno Aquino hatte keine kohärente politische Kraft mehr hinter sich. Seine alte Partei, die Liberalen, existiert nicht mehr. Die wichtigste bürgerliche Oppositionsgruppierung ist die United Democratic Opposition (UniDO), ein Bündnis aus zwölf Parteien, deren wichtigster Führer Senator Salvador Laurel ist. Ihre Schlagkraft hat indes auch sie bisher noch nicht bewiesen.
Nichtsdestoweniger hätte Aquino den Machtkampf beeinflussen können. Aquino verfügte über Charisma und beträchtlichen Ehrgeiz. Er hätte Marcos in den Wahlen von 1969 wohl besiegt, wären diese nicht erheblich gefälscht worden. Nach der Verhängung des Kriegsrechts saß er sieben Jahre lang im Gefängnis — beschuldigt des Mordes, der Vergewaltigung und der Subversion - und wurde von einem Militärgericht dann zum Tode verurteilt, bevor er „ausgesundheitlichen Gründen" in die USA ausreisen durfte.
Der ermordete Senator, der viel jünger als Marcos war, hätte in den Mittelpunkt der Hoffnungen auf eine Rückkehrzur Demokratie rücken und gleichzeitig eine politische Garantie für Washington darstellen können. Er hätte eine Alternative zu verschiedenen Fraktionen des Regimes geboten. Wahrscheinlich wurde er deshalb umgebracht, bevor er wirklich in die Machtkämpfe um die Regierung nach Marcoseingreifen konnte. Wenn er sich entschlossen hatte, auf die Philippinen zurückzukehren, obwohl er wußte, daß dort der Tod auf ihn lauert, wenn er in der Lage war, die USA zu verlassen, obwohl er mit falschen Papieren reisen mußte, so hatte er wohl Grund zu der Hoffnung, er werde zu gegebener Zeit die nötige Unterstützung erhalten.
Tatsächlich hat der Mord an Aquino Washingtons beste Karte aus dem Spiel geworfen - und die einzige vielleicht. Denn er wird schlecht zu ersetzen sein, wenn sich rausstellen sollte, daß die Fraktionen innerhalb des Regimes zu kompromittiert oder zu unfähig sind, um die Ereignisse unter Kontrolle zu halten. Zunehmende Kämpfe
Die riesigen Demonstrationen, die Aquinos Beisetzung begleiteten, zeigen, wie tief das Regime isoliert ist. Die der Regierung hörige Presse tat alles in ihrer Macht Stehende, um die Wirkung dieses Mordes abzuschwächen. Es wurde mit Repression gedroht. Doch nichts konnte diese weitgehend spontanen Demonstrationen aufhalten.
Es ist noch immer schwer vorauszusagen, wie schnell die Kämpfe zunehmen werden. Wenn sich der Gesundheitszustand des Präsidenten verschlechtern sollte, könnte dies die Den Strasehdemons. Donen Wirte- September zeigen, daß der Mord an Aqino nicht vergessen wird. Das Regime befindet sich nun in einer offenen Krise. Doch die Oppositionsgruppen scheinen nicht auf einen umfassenden Machtkampf vorbereitet zu sein.
Die UNIDO wird wohl einen Sympathiezuwachs errungen haben nach der Ermordung einer Person, mit der sie selbst sich identifizieren kann. Sie hat einen Aufruf zum zivilen Ungehorsam verbreitet. Ihre Abgeordneten in der Nationalversammlung haben das Mandat niedergelegt. Aut den Aufruf der UNIDO hin kam es im Geschäftsviertel Makati zu Demonstrationen.
Doch die UNIDO verfügt weder über eine landesweite Organisation, noch über die politische Ausrichtung, noch über die Aktivisten, um aus dem mächtigen Aufruhr nach dem Mord vollen Nutzen zu ziehen.
Auf deranderen Seite kann die KPP
gemeinsam mit der National Democratic Front, in der sie eine führende Rolle spielt, und der New People's Army (NPA) denen eine Perspektive und einen Weg zur Organisierung bieten, die überzeugt sind, daß der Mord an Aquino den Beweis dafür liefert, daß das Überleben der Massenbewegung davon abhängt, daß die revolutionare Bewegung der Diktatur, die zu allem fähig ist, widerstehen können muß.
Die KPP beharrt indes zurzeit auf der Perspektive eines allmählichen Aufbaus ihrer sozialen, politischen und militärischen Macht. Sie scheint nicht darauf vorbereitet zu sein, in naher Zukunft einen entscheidenden Kampf um die Macht und für den Sturz des Regimes zu führen. Es ist wahrscheinlich, daß die KPP zumindest anfangs die neuen Möglichkeiten eher zum Aufbau ihrer Massenorganisationer denn zur Initiierung spektakulärer kämpfe nutzen wird. Während der jüngsten Ereignisse hat sich die KPP „zurückgehalten" Die Studentenbewegung hat jedoch eine sehr radikale Rolle gespielt. Und am 22. August gab die NDF eine kurze Erklärung heraus, in der die Ermordung Aquinos verurteilt wird. Darin wird festgestellt, daß die NDF dem Senator vorgeschlagen habe, in einer von der NPA kontrollierten Zone Zuflucht zu nehmen. Und weiter:
„Senator Aquino ist zum Märtyrer für die Sache der Demokratie und der Freiheit geworden..." Doch „seine InPrekorr. Nr./S8, 10.11.83 Ermordung signalisiert den Todaller wohlmeinenden, aber vergeblichen Bemühungen, zu einer nationalen Versöhnung zu gelangen. Unter einem tollwütigen, brutalen Regime kann es keine Versöhnung geben. Es kann nur eine Einheit des Volkes im Kampf gegen die von diesem Regime verschuldete Unterdrückung und Ungerechtigkeit geben."
„Ninoy" hatte für seine Ankunft auf den Philippinen eine Rede vorbereitet, in der er sich für eine nationale Versöhnung aussprechen, sich selbst mit Ghandi vergleichen und für einen gewaltlosen Kampf eintreten wollte. Kardinal Sin versäumte es nicht, darauf hinzuweisen.
Für die Jugendlichen jedoch, für die Gewerkschaftsaktivisten, für die Freiwilligen, die in der jeden Tag auts neue getahrlichen Verteidigung der Ausgebeuteten engagiert sind, für die Teile des Klerus, die sich die interessen der verelendeten Massen zu Herzen genommen haben, für die unterdrückten Bauern, für die vielen, denen ein geliebter Mensch entführt, gefoltert oder von paramilitärischen Kräften niedergeschossen wurde, bedeutete Aquinos Tod eine viel deutlichere Botschaft als die Rede, die er nicht mehr halten konnte. Esist die Lehre, die auch die NDF in ihrem Communiqué gezogen hat: Es ist umsonst, eine Versöhnung mit einem solchen Regime zu suchen; man mufs bereit sein, es zu bekämpfen.
InPreKorr. Nr. 158. 10.11.8.; Wachsender
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