Lilly Marcou analysiert in Le Monde Diplomatique vom Dezember 1980 die Konferenz von Berlin (Ost) im Oktober 1980, zu der kommunistische Parteien und Befreiungsbewegungen zusammengekommen waren. Sie schreibt: »Auf der Berliner Konferenz wurde die Einheit zwischen den KPen und den nationalen Befreiungsbewegungen besiegelt. Auf dieser Konferenz hat sich bestätigt, daß eine gewisse Anzahl dieser Bewegungen sich zu leninistischen Parteien sowjetischer Version hin entwickeln.« Und Lilly Marcou bringt einige Beispiele für Afrika: Mozambique, Äthiopien, Angola, Guinea-Bissao, Kapverdische Inseln.
Wenn diese Analyse zutrifft, dann müßte man auch schlußfolgern, daß die Westmächte in einer gewissen Anzahl von Ländern erhebliche Niederlagen zugunsten der Sowjetunion einstecken mußten. Vor allem ergäbe sich daraus, daß das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen völlig umgeworfen wurde und die Sowjetunion heute vom Sturz der westlichen Wirtschaftsherrschaft profitiert. Mit anderen Worten: wenn genau das leninistische Modell eingehalten wird, dann muß wohl die Übernahme der Macht durch marxistisch-leninistische Parteien bedeuten, daß der Kapitalismus in diesen Ländern gestürzt worden So weit geht Lilly Marcou nun aber doch nicht. Sie beschränkt sich darauf, • fie Evolution in den kommenden Jahren zu skizzieren«.
Der Staatsstreich in Guinea-Bissao vom 15. November 1980 widerspricht indes völlig der Behauptung von Lilly Marcou, »es handelt sich in Wirklichkeit um nationale Befreiungsbewegungen, die sich für das sowjetische Modell entschieden haben«. Wie kann man sich erklären, daß die Sektion von Guinea der P.A.I.G.C. (Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und den Kapverden), einer »Massenpartei« nach Ansicht des gestürzten Regimes, innerhalb von wenigen Stunden zusammenbrach? Das ist man von »sowjetischen Modellen« eigentlich nicht gewohnt, daß sie bei einer Palastrevolte innerhalb von Stunden zusammenbrechen „ und verschwinden. Handelt es sich da nicht eher um eine Machtstruktur, wie sie in Schwarzafrika klassisch ist, nämlich die von einer Einheitspartei, die von militärischen Kadern oder den Fraktionen und Klientelen der Kleinbourgeoisie geführt werden?
Wie kann man sich dann aber erklaren, daß gewisse Führungen von Befreiungsbewegungen oder Militärfraktionen, die an die Macht gekommen sind, offenbar von Claude Gabriel, Juni 1981 so brüderliche Beziehungen mit der Sowjetunion und »sozialistischen Lager« ähnlichen Status haben, hinzuzuzählen. pflegen? 1977 zählten die staatlichen Unternehmen Um nicht vorschnelle impressionisti- 21.664 Beschäftigte, also 14 % der gesamsche Anworten zu suchen, ist es das Beste, ten Arbeiterschaft. Im Durchschnitt zähldie konkrete Wirklichkeit dieser Länder, ten die verstaatlichten Betriebe 68 Beschäfihrer Wirtschaftsstruktur und ihrer sozialen tigte, was zeigt, daß es sich im wesentlichen Beziehungen, zu untersuchen. Erst auf die- um kleine und mittlere Unternehmen hanser Grundlage kann man die Ideologien, die delt. In Wirklichkeit ist die Wirtschaft diejeweilige Außenpolitik und die Machtstruk- ser Länder abhängig vom Westen, vor altur interpretieren. lem strukturell an die westlichen Märkte, an die privaten Investoren und an die Politik der Multis gebunden.
DIE WIRTSCHAFT DIESER LÄNDER in Angola wird die Zahlungsbilanz WIRD VON DEN WESTMÄCHTEN BE- zum großen Teil vom Erdöl und den Diamanten bestimmt. Beide Sektoren werden aber bekanntlich, was die Kapitalien, die Zwei Jahre nach Angola richtete Mo- technische Hilfe und die Märkte angeht, zambique an die westlichen Länder drin- den kapitalistischen gende Appelle in der Hoffnung, daß nicht herrscht. 1976 erklärte José Eduardo dos nur in die Erzeugung von Rohstoffen, son- Santos, der damalige Außenminister von dern auch in Fertigungsindustrien investiert Angola: »Ein allgemeines Prinzip ist in unwerde. November 1979 betonte Samora serer Verfassung verankert. Wir sind bereit, Machel, der Staatschef von Mozambique, die Interessen der multinationalen Gesellnoch einmal: » Wir sind offen für die Ent- schaften in Angola zu wahren, wenn sie der wicklung von wirtschaftlichen und kom- Entwicklung unseres Landes helfen und merziellen Beziehungen mit allen dies unserem Volk zugute kommt. Allge- Ländern... Wir brauchen know-how, Tech- mein haben wir derzeit nicht die Absicht, nologie und finanzielle Unterstützung. Wir Nationalisierungen vorzunehmen außer in verfügen über Ressourcen und Arbeits- den Fällen, wo ausländische Handels- und kraft«.") Industriebetriebe von ihren Besitzern ver- Kann man diese Erklärung auf eine lassen wurden«. 3) Stufe stellen mit z.B. der Bitte des polni- Daraus kann man also schließen, daß schen Regimes um Hilfe vom Westen? wir es nicht mit Wirtschaftsstrukturen zu Kann man sagen, daß Samora Machel auch tun haben, wo sie kapitalistischen Bezienichts anderes macht als Fidel Castro, näm- hungen zerstört wurden. Objektiv sind es lich zur Kooperation mit den kapitalisti- neokoloniale Wirtschaftsstrukturen. Sicher schen Staaten aufzurufen? Mit anderen muß man sofort ergänzen, daß diese Wirt- Worten, haben wir es mit einer Wirt- schaftsstrukturen nicht die gleichen sind schaftsstruktur zu tun, wo die wesentlichen wie die von Senegal oder Zaire. Da es einen Ressourcen verstaatlicht und die Produk- staatskapitalistischen Sektor gibt, können tivkräfte im Großen und Ganzen| die führenden Klassen und Schichten der mehr in den Händen von Privatunterneh- Gesellschaft eine kollektive wirtschaftliche mern sind, wo aber aus konjunkturellen Verankerung finden, die ihnen fehlt, weil es Gründen die imperialistischen Länder um eine richtige besitzende Klasse im zusätzliche Hilfe angegangen werden? schen Sinne nicht gibt. Aber eine Sache ist Das trifft absolut nicht zu. In Mozam- die Struktur des Kapitals, eine andere die bique wie in Angola betrafen die Nationali- tatsächliche Existenz dieses Kapitals. Diese sierungen im wesentlichen das portugiesi- Länder sind der Weltwirtschaftskrise gesche Kapital. Was von den neuen Regimen nauso ausgesetzt wie alle Länder der Peribeschlagnahmt worden ist, das sind die pherie, und in vielerei Hinsicht bleiben die kleinen und mittleren Betriebe der Pieds reformistischen oder populistischen Versu- Noirs, der landesansässigen Portugiesen, che ihrer Führer schon im Ansatz stecken, entweder weil die Besitzer geflohen waren weil sie gegenüber den allgemeinen wirtoder weil die offensichtliche Sabotage der Zielen der kapitalistischen Unternehmer solche Maßnahmen unaus- Mächte keine Autonomie haben. weichlich machten. Aber der Hauptteil des westlichen Kapitals blieb erhalten und hat sogar zugenommen, vor allem in der Gro- 1) New African, Nov. 1979. Bindustrie. 2) Jens Eric Torp, Industrial Planing and Development Im Jahre 1980 waren in Mozambique in Mozambique, Scandinavian Institute of African Stuoffiziell fünfunvierzig Unternehmen dies, Research Report Nr. 50. staatlicht; dazu sind noch ein par, die einer. 3) Zitiert in African Development von Tony Hodges.
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Und wie steht es dann mit der sowjetischen »Herrschaft«? Claude Cheysson, ein Mitglied der Brüsseler Kommission, gibt da ein ziemlich treffendes Bild von der Wirklichkeit. Er stellte im Jahre 1978 fest, daß die EG »in Äthiopien und Guinea stark vertreten ist, wahrscheinlich weil wir der bei weitem größte Lieferant von Hilfe für diese Länder sind... Wenn es um Entwicklungshilfe geht, dann macht der Sowjetunion und ihren Partnern ein Nachteil schwer zu schaffen: sie sind noch nicht dazu ausgerüstet, wirlich an der Entwicklung der Dritten Welt teilzunehmen. Finanziell ist ihr gesamter Beitrag auf, so heißt es, 500 Millionen Dollar jährlich begrenzt, während die Erdölländer 5 Milliarden und die OECD- Lander 15 Milliarden beisteuern«. 4) Zu jener Zeit gewährte die EG genau 200 Millionen Dollar Hilfe an Äthiopien im Rahmen der Vereinbarung vom Lomé sowie 11 Millionen als Sonderkredit darüberhinaus. Claude Cheysson scheint weit von der Annahme entfernt zu sein, daß Äthiopien , was die westlichen Interessen angeht, ins sowjetische Lager übergewechselt sei. Das ist auch der Grund, warum, wie Lilly Marcou hervorhebt, der italienische Delegierte auf der Berliner Konferenz »den Unterschied zwischen Imperialismus und Großmachtpolitik hervorhebt - letztere werde auch von gewissen sozialistischen Ländern getrieben...«
Natürlich gibt sich die Sowjetunion nicht damit zufrieden, einen diplomatischen Block zu bilden. Sie sucht auch, wirtschaftliche Vorteile für ihre Hilfe an die »fortschrittlichen« Länder, von denen hier die Rede ist, zu bekommen. In manchen Fallen wird der »ungleiche Tausch« schon zu einer regelrechten Ausplünderung, z.B. was das Fischereirecht betrifft. Aber das berührt die eigentlichen wirtschaftlichen Strukturen dieser Länder nicht; sie sind nach wie vor auf den westlichen Markt ausgerichtet und von den imperialistischen Kapitalien bestimmt. Hat man denn vergessen, daß der Metical z.B. die Währung von Mozambique, dem amerikanischen Dollar angepaßt ist?
Und wenn das amerikanische oder das französische Außenministerium so viel vom sowjetischen Expansionismus sprechen, dann natürlich deshalb, weil für ihre Regierungen die größte Sicherheit für die Investitionen nicht in solchen Ländern zu finden ist, sondern in Staaten, die über stabilere, mehr auf den Westen orientierte Regime verfügen. Letztere sehen es übrigens gar nicht gern, daß diese Regime den Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika Hilfe zukommen lassen. Aber die weitsichtigsten Politiker im Westen konnten davon profitieren, daß Mozambique auf die ZAPU von Mugabe Druck ausübte, als die Vereinbarungen von Lancaster House abgeschlossen wurden; sie konnten das willige Ohr Angolas ausnutzen, um die namibische SWAPO dahin zu bringen, den Wünschen »Fünfer-Gruppe« (USA, Großbritannien, Frankreich, BRD und Kanada) zu folgen, Im großen und ganzen können wir sagen, daß die westlichen Führer, die großen Banken und die Multis keine so vereinfachte Schwarz-Weiß-Sicht haben von der Welt, den Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen sowie dem Kräfteverhältnis in Afrika. Eine solche Sicht überlaßt man bestimmten alarmierenden Kommuniqués von offiziellen Seiten oder gewissen Propagandisten. Claude Cheysson bemerkt auch in besagtem Interview zu diesem Problem: »Alle Probleme Afrikas auf die Destabilisierung oder auf den Ost- West-Konfikt zurückzuführen, entspräche nicht der Wahrheit.«
Als Europa-Kommissar weiß Monsieur Cheysson nur zu gut, welche Interessen die europäischen Länder an einem Land wie Angola haben können, dessen Stabilität, die immerhin dank der Unterstützung durch die Sowjets und die Kubaner erreicht worden ist, vor allem den Investoren der EG zugute kommt. So erklärte der Vizi-Premierminister von Angola Carlos Rocha im Juni 1978: »In Cabinda setzen italienische Techniker die Sperrholzfabrik wieder in Gang und bilden Rumänen aus, wie man den Betrieb führt, weil diese mit der technischen Assistenz, dieser komplizierten Fabrik betraut sind. In der Erdölraffinerie Petrangol arbeiten Kubaner unter Vertrag mit der belgischen Erdölraffinerie Petrofina. Für die Textilindustrie werden Schweizer und Belgier erwartet... während Fachleute aus den sozialistischen Ländern die Betriebsführung planen. Bei der Papier-Gesellschaft übernehmen tschechoslowakische Techniker die Betrieb, während die Technologie aus Schweden kommt«." Da haben wir eine höchst merkwürdige Form von friedlicher Koexistenz, die absolut nichts mit einem leninistischen Modell der Zerschlagung kapitalistischen Eigentums zu tun hat.
Und die paar wirtschaftlichen Vorteile, welche die Sowjetunion aus ihrem Einfluß in gewissen Ländern zieht, verschieben den Schwerpunkt dieser Volkswirtschaften noch lange nicht. Deshalb kann die diplomatische Mannschaft ja auch dauernden Veränderungen und spektakulären Abgängen unterworfen sein. In der Wirtschaft geht es so wie woanders auch: Man kann noch so viel an der Oberfläche auswechseln, die Natur der Sache bleibt gleich. Die Natur des Regimes von Siad Barre in Somalia z.B. bestand darin, daß eine nationalistische Gruppe von Militärs an der Spitze einer traditionellen Gesellschaft, die von der städtischen Kleinbourgeoisie und einigen Clan-Chefs beherrscht wird, steht. Und innerhalb von wenigen Tagen wurde das »sozialistische« und »befreundete« Regime Somalias zu einem reaktionären, zu einem Agenten des Imperialismus! Wie kann man denn glauben, allein durch die Ausweisung von sowjetischen Technikern und Militärberatern hätten sich das Regime von Mogadiscio und die somalische Gesellschaft völlig in ihrer Natur verändert?
Aber die Politik der friedlichen Koexistenz, wie sie von den Kreml-Führern betrieben wird, bedeutet auch nicht, daß die imperialistischen Mächte außerhalb des »sozialistischen Lagers« machen könnten, was sie wollten. Die Beziehungen zwischen Moskau und Washington sind umso konfliktgeladener, als die Vereinigten Staaten nicht auf ihre aggressive Politik gegenüber den Arbeiterstaaten verzichten. Man braucht nur an den vom amerikanischen Lobby inszenierten Rüstungswettlauf denken, an die Blockade Kubas oder an die Erpressung mit den Weizenlieferungen. Im Rahmen der friedlichen Koexistenz versuchen die Sowjets also dauernd, sich diplomatische, ja auch wirtschaftliche Vorteile zu sichern. Im übrigen bietet ihnen die Herrschaftskrise der Vereinigten Staaten seit der Niederlage in Vietnam größeren Spielraum als in der Vergangenheit. Aber der Bürgerkrieg in Angola, der Zerfall des kaiserlichen Regimes in Äthiopien und auch der Sieg von Mugabe in Zimbabwe sind Ergebnisse einer Welle sozialer Kämpfe und nicht die Manipulation von Seiten Moskaus.
Unter diesen Umständen kann der Kreml durchaus versucht sein, seine eigenen Karten mit ins Spiel zu bringen und dieser politischen Bewegung oder jenem Regime eine bedingte Unterstützung zu leihen. Aber dabei muß er die Sicherheit haben, daß einerseits der Konflikt nicht zu einer wirklichen sozialen Revolution führt und daß andererseits die Vereinigten Staaten nicht eine großangelegte Gegenoffensive ingang setzen. All das zeigt, daß von einem »Export der Revolution« nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil, die Sowjets spielen oft eine andere Rolle, nämlich daß sie sozialen Bewegungen die Zähne ziehen: in Angola halfen sie der MPLA, sich gegenüber den Stadtviertelkomitees der »Volksmacht« durchzusetzen, in Athiopien dem DERG, die erythreischen Bewegungen zu bekämpfen.
Moskau versucht auch garnicht, diesen »Widerspruch« zu verdecken. Zur Zeit der Schaba-Krise in Zaire, als Paris und Washington darin wieder einmal die Fäden Kubas sahen, schrieb die Presseagentur TASS: »Wenn die letzten Herde von Rassismus und Kolonialismus, das schwere, abscheuliche Erbe der Kolonialherrschaft, das immer noch den Fortschritt der afrikanischen Völker bremst und internationale Spannungen bewirkt, schneller ausgeschaltet würde, könnte das der Entspannung nur dienlich sein«.")
WARUM EIN «LENINISTISCHES MO- DELL«
Ist es also nur Theater, wenn die betreffenden Regimes das »sowjetische Modell« übernehmen?
Zuerst muß man einiges zurechtrücken. Diese berühmten »Leninismen« von Luanda oder Brazzaville, diese berühmten »marxistisch-leninistischen Parteien« haben mit dem Leninismus von Lenin überhaupt nichts zu tun. Allenfalls entfalten diese Regime bei sich einen bürokratischen und repressiven Zentralismus, dessen ideologischer Ausdruck ein Abklatsch emiger simpler stalinistischer Konzepte ist. Aber nochmal: deswegen werden aus diesen Re- 4) Le Nouvel Observateur vom 5. August 1978. 5) Afrique-Asie vom 16. Juni 1978. 6) Le Monde vom 23. Juni 1978.
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gimen noch keine Arbeiterstaaten noch re- für diesen Aufbau. Das stalinistische »Mo- der zweitgrößten Stadt des Landes, statiovolutionäre Führungen noch Gesellschaf- dell« erfullt genau diese Doppelfunktion; niert.
ten im Übergang zum Sozialismus. es bringt die Massen auf Vordermann und Wie kann man sich eine derartige Lage Der #thiopische DERG brachte diesen liefert die Ideologie für die Kleinbourgeoi- erklären? Kann man da Lilly Marcou noch Widerspruch zwischen Theorie und Praxis sie an der Macht. recht geben, wenn sie sagt, es handle sich gut auf einen Nenner: »Die Grundursache Am reinsten kommt das im Falle des um ein »leninistisches Modell«? für die Ausbeutune des Menschen durch Kongo zum Ausdruck. Weil die führende Klasse des Kongo, den Menschen«, so heißt es in einer Erkla- eine Art Lumpen-Kleinbourgeoisie, rung, »liegt im Privateigentum an Produk- DER FALL DER VOLKSREPUBLIK schwach ist, muß sie sich dieses komischen tionsmitteln... Die Abschaffung der Aus- KONGO bürokratischen Zentralismus bedienen. Die beutung durch das öffentliche Eigentum Hierarchie der Partei (Kongolesische Partei und die Kontrolle der wichtigsten Produk- Die Wirtschaft des Kongo ist eine klas- der Arbeit, PCT) dient gewissermaßen als tionsmittel, das sind demzufolge die ersten sisch neokoloniale Wirtschaft. Sie ist in die Maßstab bei der Aufteilung der Beute, Ziele des athiopischen Sozialismus«." So Franc-Zone integriert. Die Gesetzgebung denn das politische Personal stammt im tut also die äthiopische Militärjunta genau- für die Investitionen ist sehr vorteilhaft für großen und ganzen aus den nördlichen Reso wie die Regime von Angola, Mozambi- ausländische Kapitalien und orientiert sich gionen und rekrutiert sich gemäß der Stamque, Kongo und Bénin so, als bedeute die am traditionellen Modell, das man überall mes-Zugehörigkeit. Nationalisierung gewisser Unternehmen in Afrika finden kann: zeitweilige Steuerbe- In der offiziellen Propaganda nimmt schon der Bruch mit den kapitalistischen freiung für Investoren, Herabsetzung der Kampf gegen die »bürokratische Bour- Produktionsverhältnissen. Wenn sie das in- Abgaben, freier Transfert von geoisie« die erste Stelle der Leitartikel oder dividuelle Privateigentum durch das kollek- Frankreich liefert die Hälfte der Importe; Reden ein. Aber hinter diesem Kampf tive Eigentum einer neuen führenden Klas- Italien steht an zweiter Stelle mit nur 5,9 % steckt in Wirklichkeit die Denunziation des se ersetzen, wollen die äthiopischen Mili- der Importe. Mehr als 200 französische Fir- »Anderen«, nämlich der konkurrierenden tärs damit schon die herrschende Ausbeu- men arbeiten in diesem Lande, und unge- Fraktionen, die noch hie und da vorhanden terklasse abgeschafft haben. Aber wie wol- fahr 5.500 Franzosen leben dort.8) sind, die Anhänger von Massemba-Debat len sie dann erklären, daß in Äthiopien wie Zwar sind mehrere Unternehmen in oder Yhombi, jetzt wo die Gruppe Sasgou in anderen Ländern mit ähnliche Regimen der Hand des Staates. Aber aufgrund der Nguesso an der Macht ist. Wird in den Redie private Akkumulation nicht ausgelöscht herrschenden Schlamperei und der Korrup den, was selten vorkommt, gegen den Imworden ist, sondern im Handel und Trans- tion ist das Regime gezwungen, sie nach perialismus gehetzt, dann werden auf keiportwesen fröhliche Urstände feiert, ganz und nach den europäischen Fachleuten, nen Fall Frankreich oder sonstige Mächte im Gegensatz zu den östlichen Ländern, Technikern und Finanzleuten zu öffnen. namentlich genannt. Man ergeht sich in neund wenn letztere auch noch so bürokrati- Vor allem aber hängt die Wirtschaft des bulösen Andeutungen, um die offizielle Kongo vom Erdöl ab, und hier herrschen Phraseologie so abstrakt wie möglich zu Zwei Faktoren sind entscheidend, will die französischen ELF-ERAP und die ita- halten. Die Massen werden durch die JOC, man die offiziellen »Leninismen« im Rah- lienische AGIP. die Jugendorganisation, kontrolliert; diese neokolonialer Wirtschaftsstrukturen In dieser ausgeplünderten, verheerten macht z.B. Listen in den Schulklassen von Wirtschaft sind die Kongolesen um ihr denjenigen, die bei den offiziellen Massen- - Komplexe revolutionäre Prozesse führten Schicksal nicht zu beneiden. Die Landwirt- kundgebungen dabei waren oder nicht. schaft wird sich selbst überlassen, und die- Auch der kongolesische Gewerkschaftsverzu zeitweiligen Situationen der Doppelherr- ser Prozeß verstärkt sich, je höher die Ein- band CSC ist bemüht, in den Betrieben die schaft zwischen Mobilisierung und Organi- nahmen aus dem Erdöl werden. Die Steu- Angst, daß man angeschwärzt und verraten der Bevölkerung in Komitees und ern sind erdrückend, das Elend nicht zu wird, zu schüren. den nationalistischen Gruppen. Das war in Der Mindestlohn beträgt Als die Hauptstadt Brazzaville 1980 ih- Angola der Fall zwischen der MPLA und 13.500 Franc CFA (fast 100 DM), und das ren hundertsten Geburtstag feierte, prokladem Poder Popular, in Äthiopien zwischen in einem Lande, wo die Lebenshaltungsko- mierte das Regime die Entente zwischen dem DERG und den Kabele. Der Wieder- sten fast so hoch sind wie in Frankreich Frankreich und dem Kongo. Jacques Chiaufbau des Staates macht es erforderlich, oder in der BRD. Die Löhne und Gehälter rac war als Ehrengast da, und auch Pierre griert, um sie so besser ihres subversiven In- daß man diese Volksstrukturen darin inte- wurden seit sieben Jahren nicht mehr er- Mesmer, der letzte Generalgouverneur, als halts zu entleeren, so daß die Macht der höht, während die jährliche Inflationsrate der Kongo noch Kolonie war. Man hätte zwischen 20 und 25 % beträgt. Im Schatten glauben können, man sei in Dakar oder Yakleinbürgerlichen und bürokratischen so- Obrigkeit bereichern zialen Schichten erhalten bleibt. Radikale schäftsleute in den Immobilien, dem Hotel- Die Sowjets geben sich da keinen Illu- Phrasen, der Mythos vom »Staat des gan- wesen, dem Handel und dem Transportwe- sionen hin. Wenn die PCT-Führer von den zen Volkes« und vom »Volksstaat« sind als »Brüdern« der Sowjetunion und anderswo ideologisches Fundament notwendig, um Dabei ist der Kongo eine »Volksrepu- sprechen, halten sich letztere hingegen vordie sozialen Bewegungen zu vereinnahmen, blik«. Man singt hier offiziell die Interna- sichtig an der Bezeichnung »Avantgardedie in ihrer Basis in eine ganz andere Rich- tionale, die Nationalflagge ist rot, und die Partei« oder »Revolutionäre Partei« der tung gehen, nämlich in die der Selbstorga- nisation mit bewaffneten Milizen und Be- Einheitspartei ist »marxitisch-leninistisch«. kongolesischen Partei, weil für die Kreml- Die Kader werden ideologisch in Moskau, Führer der Ausdruck »Bruderpartei« nur Berlin oder Prag geschult. für die Kommunistischen Parteien, die mit - Weil die neuen führenden Klassen so Und doch ist das wirtschaftliche Ge- der KPdSU verbunden sind, gilt. schwach sind, nicht wirklich im Produk- wicht des »sozialistischen Lagers« lächer- also, sich vor impressionistitionsprozeß verankert und in einigen Fallen lich gering. Die Sowjetunion baute die Kli- schen Urteilen zu hüten und vom Gedan- (Kongo, Bénin) nicht einmal über die im nik Blanche-Gomez und das Hotel Cos- ken, es gäbe in Schwarzafrika »leninisti- Befreiungskampf errungene Legitimation mos. Kuba unterhält einige Viehzucht- sche« Regime, Abstand nehmen. Auf der* verfügen, sind sie sehr verletzlich, schwan- Ranchs und zog eine Wohnbau- und Woh- Berliner Konferenz waren neben Kommukend und gespalten. Da sie hin- und herge- FROST, welche Häuser vermietet zu 20.000 nungsverwaltungs-Gesellschaft auf, dieSOrissen werden zwischen Stammesinteressen gungen und Regime vertreten, deren Politik und dem Drang, sich in kurzer Zeit zu be- und 30.000 Franc CFA im Monat... keinen Bruch mit dem Kapitalismus beinreichern, bleibt ihnen objektiv als einziges Dagegen rüstete die Sowjetunion die Mittel, um sich als moderne führende Klas- kongolesische Armee ziemlich vollständig se zu konstituieren, sich ein rigides System aus, obwohl paradoxerweise französische der Hierarchie, der Reproduktion und der Militar-Entwicklungshelfer in kongolesi- 7) Declaration of Economic Policy of Socialist Ethioideologischen Repräsentation scher Uniform stecken. Außerdem sind pia, 7. Febr. 1975.
Zumeist bilden die Streitkräfte das Gerüst 1.500 kubanische Soldaten in Pointe Noire, 8) Europa - Outremer, Nr. 604. 19-