Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Über die Guerillagruppe 'Sendero Luminoso

Inprekorr Nr. 4 (154), 15. April 1983 · S. 15-17 · 1.904 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Jugend und Studenten Stalinismus und Bürokratie

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Die Kommunistische Partei Perus/Leuchtender Pfad (PCP/Sendero Luminoso) ist indirekt aus der grossen Spaltung der stalinistischen Partei 1964 im Gefolge des chine- Von Claude Devilliers sisch-sowjetischen Konflikts hervorgegangen. Aus dem maoistischen Zweig erwuchs 1970 Sendero Luminoso. Der Name ist eine Anspielung auf den peruanischen marxistischen Denker José Carlos Mariatégui; der Sendero versteht sich denn auch als wiedervereinigte KP und macht alle Propaganda im Namen der PCP.

Auszug aus der Stadt

Seit dem 3. Oktober 1968 (Putsch von General Velazco Alvarado) stand Peru unter einem Militärregime. In einer ersten Phase unterschied sich die Aktivität des Sendero nicht wesentlich von der der peruanischen radikalen Linken. Typisch für ihn war allerdings seine Opposition gegen den Generalstreik gegen die Militärdiktatur im Jahre 1977, weil er "sozial-imperialistisch" und "städtisch" sei - was dem maoistischen Revolutionsprinzip der Einkreisung der Städte vom Land her zuwiderlief.

Als das Militärregime 1978 nachdem es sich totgelaufen hatte und vom Generalstreik erschüttert worden war - zur Wahl einer ver. fassungsgebenden Versammlung auf rief und für 1980 Präsidentschaftswahlen in Aussicht stellte, sah der Sendero Luminoso darin bloss eine kleine momentane Abweichung von der "Konsolidierung des Faschis. mus" und der "Korporatisierung des Staates". Dem setzte der Sendero den "wachsenden Volksprotest" in Richtung auf den bewaffneten Kampf entgegen.

So öffnete sich ein tiefer Graben zwischen der Linken, die an den Wahlen teilnahm und die Massen in den Jahren 77-79 gegen die Diktatur führte, und dem Sendero, der aus prinzipiellem Antiparlamentarismus den Rest der Linken unterschiedslos des Elektoralismus und der Unterstützung des Faschismus bezichtigte.

Im Jahre 1978 war es dann soweit: Der Sendero zog in die gebirgigen Gegenden Mittel- und Südperus aus. Rasch verschwanden die Senderisten von den Universitäten, gaben ihre Arbeit in den Minen und den Fabrik auf zugunsten der direkten Vorbereitung des bewaffneten Kampfes. Es begann eine geduldige politische Verankerungsarbeit im Departement von Ayacucho und im südlichen Hochland.

Die Aktionen der Guerilla 1980 begann der Sendero Luminoso seinen "langandauernden Volkskrieg". Bis im September 1982 gab es fast 1400 bewaffnete Aktionen. Zuerst waren es isolierte Ak-. tionen mit individuellem Terror: Bomben in Schulen, Ministerien, auf Gemeindeverwaltungen und Handelsplätzen. Darauf folgten Sabotage- und Propagandaoperationen in städtischen Gebieten (v.a. Lima, Ayacucho, Huancayo). Die Sprengung von Strommasten erleichterte dort gezielte Schläge der Guerilla. Ein drittes Moment im bewaffneten Kampf bildete der Angriff auf verschiedene Polizeiposten. In Huamanga wurde das Zentralgefängnis mit Erfolg angegriffen und eine Vielzahl von Aktivisten und Führern befreit, die nach der Verhängung des Kriegsrechts festgenommen worden waren. Weiter wurden Läden geplündert, deren Lebensmittel an die arme Bevölkerung verteilt und die Jugendlichen an Meetings zur Teilnahme am bewaffneten Kampf aufgerufen. Alle diese Aktionen gipfelten schliesslich in zwei politischen Generalstreiks in Ayacucho gegen die Regierung und die Armee. Sie waren ein Erfolg.

Ein nicht geringer Teil des Einflusses der Senderisten muss jedoch auf ihre Einschüchterungsmethoden zurückgeführt werden. Dazu gehören körperliche Attacken wie Geisselung und Folter. Sie werden unterschiedslos angewandt, ob es sich um Spitzel, Unentschlossene, Intellektuelle, Händler oder gar Aktivisten der revolutionären Linken handelt. Es kam verschiedentlich zu "Volksgerichten" und standesrechtlichen Hinrichtungen von mehr oder minder bedeutenden Machthabern auf lokaler und überregionaler Ebene.

Stalinistische Partei

Der Kern von Sendero Luminoso ist zusammengesetzt aus Veteranen stalinistischen Zuschnitts, für die alles klar ist: Es gibt nur eine Partei, sie ist monolithisch, handelt aus dem Untergrund und gehorcht im Innern einer militärischen Ord- Dennoch erkennt sich die Mehrheit der Jugend von Ayacucho, junge Bauern und Studenten im Alter zwischen 15 und 18, im Leuchtenden Pfad. Sie sind zur Politik gekommen, indem sie zur Waffe griffen, ohne eine Alternative zu haben. Das Durchschnittsalter übersteigt nicht 22, 23 Jahre. Ein zweites Merkmal der Senderisten-Partei ist das Bestehen eines sehr wirksamen "senderistischen Informationsdienstes", , der eine durchgehende Kontrolle des Lebens in Ayacucho erlaubt, was z.B. die perfekte Koordination und zeitliche Abstimmung der Aktionen des Sendero erklärt. So berichtete anlässlich des vom Sendero ausgerufenen 24stündigen Generalstreiks in Ayacucho die Presse von Streikpiketts der Senderisten, die in den Strassen der Stadt patrouillierten und jene Händler bedrohten, die ihre Läden nicht schliessen wollten. Drei lokale Faktoren

Ayacucho ist eine der wirtschaftlich am weitesten zurückgebliebenen Regionen von Peru. Von einer halben Million Einwohner können 63% sich knapp von der Landwirtschaft ernähren. Für Ausfuhren wird praktisch nichts produztert. Die Minen liegen darnieder. Industrie besteht nur auf handwerklicher Basis (Weberei, Stein- und Holzbearbeitung, Keramik). 1971 standen nur 17% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung in einem Lohnverhältnis. Von dieser aktiven Bevölkerung sind gut 60% Analphabeten. Die Kindersterblichkeit ist sehr hoch. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 45 Jahren. Im ganzen Departement gibt es bloss 30 Ärzte. 68% der Bevölkerung lebt auf dem Land, ohne fliessendes Wasser, Elektrisch Abwasseranlagen. Von den übrigen, die in städtischen Siedlungen wohnen, haben ganze 7,8% fliessendes Wasser ...

Isolierung und Elend treffen übrigens nicht nur die Bauernschaft und das einfache Volk, sondern auch die Gruppen der lokalen Machthaber, die vom Zentralismus in Lima relegiert sind. Die schwere Wirtschaftskrise Perus tritt hier noch hässlicher hervor. Und seit die Senderisten präsent sind, ist auch der Tourismus

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fast völlig zum Erliegen gekommen. Ein zweiter lokaler Faktor ist in der Nationalen Universität San Cris tobal von Huamanga (UNSCH) zu sehen, die 1959 gegründet wurde. Die alleinige Existenz dieser ersten Universität in diesem Gebiet rief so etwas wie ein "soziales Gewissen" hervor; sie hob das Selbstbewusstsein der Bevölkerung und deren Erwartungshaltung bezüglich ihrer Rechte und der Pflichten des Zentralstaates. Andererseits produzierte die Universität Hunderte von Diplomabgängern, die vom Produktionsapparat nicht absorbiert werden konnten. Das zeigte dem Volk von Ayacucho und der Jugend die Grenzen der Bildung und der Hochschule als Mittel zur sozialen Veränderung. Diese soziale Frustration schlug sich schon vor der Ankunft des Sendero in politischen Kanälen der radikalen Linken nieder. Der dritte Faktor schliesslich besteht in der Landflucht, in der Isolierung der Provinz durch den Zentralismus aus Lima, in der Konzentrierung der Wirtschaftsaktivität um einige wenige regionale Zentren herum, in der Verschlechterung der landwirtschaftlichen Lage. Zahllos sind die Familien und Jugendlichen, die in die Hauptstadt strömten in der Hoffnung auf ein besseres Leben und die irgendeinmal zurückkehrten, desillusioniert, zutiefst verbittert und voller Ressentiments. Sendero Luminoso ist auch das Produkt dieser drei lokalen Faktoren. Darüber hinaus stollt er den eigentlichen Unterschied dar zwischen der Provinz und der Hauptstadt auf der Ebene der organisierten Linken: zwischen der ländlichagrarischen und der städtisch-proletarischen Linken. Der Sendero steht für die Mobilisierung der provinziellen Kleinbourgeoisie, die sich - in ihren Hoffnungen um einen sozialen Aufstieg betrogen - äusserst radikalisiert und in deren Sog sich die breite Bauernschaft befindet. Die Ideen von Gonzalo Guzmán Gerade die Unterstützung durch die Bauernschaft wäre aber ohne die messianische Haltung des Sendero nur schwer verständlich. Die Zerstörung von Strommasten, Bomben in den Schulen, das sind Dinge, die der städtischen Mentalität fremd sind, aber für einen analphabetischen Bauern nichts Besonderes darstellen. Das wissen die Senderisten zu nutzen. In ihren Aktionen suchen sie so etwas wie eine messianische Agrarbewegung der Andenregion zu begründen, die dem Fortschritt und der technologischen Entwicklung die kalte Schulter zeigt. Wie sonst wäre die Zerstörung einer Versuchsstation der Universität San Cristobal zu erklären, bei der Vich zu Hunderten absurd niedergemetzelt wurde. Auf die Mentalität der eingeborenen Bevölkerung andererseits gibt der Sendero sehr acht und stellt sich darauf ein. Das erlaubt ihm eine soziale Einpflanzung, eine kulturelle und sozio-ökonomische Integration in die lokale Wirklichkeit.

Die theoretischen Konzeptionen des Sendero erklären sich zum einen Teil aus der geschilderten provinziellen Situation und der daraus folgenden Sicht. So unterschiedliche Regierungen wie die des "reformistischen" Putschgenerals Velazco Alvarado und die des heutigen, aus Wahlen hervorgegangenen Präsidenten Belaunde Terry sind für ihn unterschiedslos "faschistisch", denn schliesslich haben sie beide nichts getan für die Provinz Ayacucho. Der Gedanke eines Prozesses "zunehmender Korporatisierung des Staates" entspricht der tatsächlich ablaufenden politischen und administrativen Zentralisierung in Lima. Die ständige Charakterisierung der Lage als "revolutionär" ist zuerst einmal Ausdruck der äussersten Radikalisierung in den eigenen Reihen. Die Verwendung eines andinen Messianismus schliesslich deckt stalinistische Praktiken und eine sektiererische und autoritäre Haltung gegenüber der Massenbewegung.

Die ideologische Bildung der Senderisten geht nämlich vom "orthodoxen", d.h. • antichruschtschowschen Stalinismus aus, vom Maoismus der Kulturrevolution und vom expliziten Bezug auf die Mao-Witwe und die "Viererbande". Die Ideen von Abimael Guzmán, des obersten Chefs des Sendero, werden zur "vierten Etappe des Marxismus" nach den Beiträgen von Marx, Lenin und Mao emporstilisiert, im Stile von: "Das Denken des Genossen Gonzalo lenkt die Weltrevolution."

Umorientierung ist möglich Trotz allen diesen Einwänden repräsentiert Sendero Luminoso eine Strömung, deren Aktivisten für den gewaltsamen Sturz des Ausbeutungsregimes kämpfen und der - wie auch immer deformierte - Ausdruck des legitimen Kampfes der armen Massen in der Provinz Ayacucho sind. Allerdings wird der Sendero seine autoritären und ultralinken Methoden (Körperstrafen, standrechtliche Hinrichtungen usw.) radikal ändern müssen, will er diese Position behalten. Es sind immerhin verschiedene Fälle bekannt geworden, in denen Bauern sich gegen die Senderisten gestellt und diese der Polizei ausgeliefert haben. Diese Einschätzung hat natürlich nichts gemein mit derjenigen der bürgerlichen Opposition in Peru wie die der APRA, welche das bürgerliche Regime von Belaunde Terry und den Sendero gleichermassen verurteilt. Die Reformisten der Mos kau-orientierten KP (PCP-Unidad) teilen übrigens mehr oder weniger diese Ansicht, auch wenn sie manchmal die Erwähnung von Sendero Luminoso ganz einfach vergessen, um statt dessen grosse Loblieder auf das Volk von Ayacucho anzustimmen. Beide Haltungen gehen am Wesentlichen vorbei: sie spalten die Kampffront gegen die Regierung, sie bremsen die Mobilisierung der Arbeiterschaft und lassen die Massen von Ayacucho schutzlos der Repres sion ausgeliefert.

Die Sprache der Zentralgewalt: Repression

Diese Repression gilt es zum Schluss unserer Darstellung der neuen Guerilla in Peru anzuklagen. Am 29. Dezember 1982 hat Belaunde Terry nach einigem Zögern das Kriegsrecht über die von der Guerilla heimgesuchten Gebiete verhängt und die Armee zu ihrer Bekämpfung losgeschickt. Ganz wie in früheren Erfahrungen "sieht die erste Bilanz der Militäraktion erschreckend aus" ("'NZZ" ', 2.3.83). Folter, Vergewaltigungen, Massaker, Terror sind die einzigen Mittel der Zentralgewalt. Ein in der peruanischen Presse zitierter Ausspruch des vormaligen Verteidigungsministers Cisneros spricht in dieser Hinsicht Bände: "Wir müssen mit dem Töten von Senderisten und Nichtsenderisten beginnen. Töten wir 60 Personen, so befinden sich mindestens drei Senderisten darunter." Bis heute ungeklärt ist insbesondere die bestialische Ermordung von acht Journalisten, welche ins Kriegsrechtsgebiet gereist waren, um sich ein Bild von den Vorgängen zu machen. Dieser Fall hat in Peru grosses öffentliches Aufsehen erregt. Bisher konnte die Guerillabewegung des Sendero von der Repression der Zentralmacht nicht annähernd zerschlagen werden, Aber das blutige Spiel der Armee droht, je länger es in den Kriegsrechtsgebieten wütet, die Situation nicht nur der lokalen Bevölkerung unerträglich zu machen, sondern im ganzen Land die berechtigten Forderungen der ausgebeuteten Massen und insbesondere der Arbeiterschaft anzugreifen.

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