Wir veröffentlichen hier zwei längere Auszüge aus Interviews 1982 geführt und können dazu beitragen, die heutige Lage des Wi- Wir veröffentlichen hier zwei längere Auszüge aus Interviews 1982 geführt und können dazu beitragen, die heutige Lage des Wimit Solidarnosé-Führern im Untergrund, die von Claude Sevrac in derstands der Arbeiter in Polen zu verstehen. Sie werfen auch Licht Polen gemacht wurden. Die beiden Solidarnośé-Führer stammen darauf, wie der Fehlschlag des Generalstreiks, der vom TKK (Voraus zwei ganz unterschiedlichen Regionen des Landes, Swidnik im laufiges Leitungskomitee) von Solidarnośé zum 10. November aus- Osten und Oberschlesien. Beide Interviews wurden Mitte Oktober gerufen wurde. und die Freilassung Lech Walesas zustande kamen. WIE IST DIE LAGE IN SWIDNIK?
Die Lage ist heute noch viel explosiver als nach dem Sonntag des 13. Dezember. zumindest meiner Meinung nach. In erster Linie, weil die Angst, die während der er sten Monate des Kriegsrechts ein Massen phänomen war, wenn schon nicht aufge hört, so doch abgenommen hat. Die Leute haben sich daran gewöhnt, sie haben die Internierten zurückkommen schen, sie haben geschen, daß die entlassenen Arbeiter wenn es Facharbeiter waren sowieso - wie der Arbeit bekamen. Hier in den Swidniker Flugzeugwerken waren über 3000 Arbeiter entlassen worden. Jedoch die meisten ha ben wieder Arbeit gefunden, da es ohne sie überhaupt keine Produktion geben kann. Häufig erlebt man, daß der Militärkommis sar am einen Tag Arbeiter entläßt und der Fabrikleiter sie am anderen Tag wieder einstellt.
Ein anderer Aspekt ist der verückte Charakter der Repression. Ein Flugblatt zu nehmen, kann einem sieben Jahre Gefäng nis kosten; wenn man eine Untergrundor ganisation leitet, riskiert man dasselbe, es gibt keine Abstufung. So haben sich die Leute an die Unterdrückung gewöhnt, und da die Solidarität zwischen den Opfern der Repression stark ist und sie wissen, sie können auf die Hilfe der Gewerkschaft zählen. trauen sich die Leute weiterhin so manches. Das Verbot aller Gewerkschaften am Freitag, den 7. Oktober, brachte die Leute zusammen. Auch diejenigen, die in den Branchen- oder autonomen Gewerkschaften (den alten Staatsgewerkschaften, ‹.Red.) verblieben waren, reagierten heftig soweit sie nicht reine Karrieristen waren. Ein Arbeiter sagte mir sogar: »Ich würd mich nicht wundern, wenn morgen auf dem Zentralkomitee eine Messe gefeiert würde. Sie haben überhaupt keine Prinzipien mehr.« Keine Führungsgruppe ist je so sehr wie die von Jaruzelski gehaßt worden. Daher kommt die augenblickliche Kampfbereitschaft, dieser Hass und die felsenfeste Überzeugung, daß dieses Regime nicht lange andauern kann.
Ein anderes Element der Situation ist die Demoralisierung der Repressionskräfte. Wir wissen, daß die Armee als unzuverlässige Stütze betrachtet wird. Wenn Solidarnośé ernsthaft in ihr arbeiten würde, wäre das sicher ergiebig, und zwar sehr bald. Aber neu ist die Demoralisierung der ZO- MO. Sie sind jetzt schon zu lange von zu Hause ferngehalten worden. Wir haben bemerkt, daß es oft unter ihnen Streit gibt und daß sie aufeinander Schüsse abgeben, wenn sie besoffen sind. Korrupt sind sie auch und viel in Schwarzhandelsgeschäfte verwickelt, besonders mit Benzin. Das ist wichtig, denn es heißt, daß die ZOMO nun keine gehorsame Maschine mehr ist. Es kann gut sein, daß die Verwirrung in den eigenen Reihen sich eines Tages auch auf der Straße ausdrückt.
Der Boykott der neuen Gewerkschaften ist massiv. Obwohl das Regime sich sie utopisch. Angesichts der wirtschaftlichen Situation gibt es einfach kein 'Zuckerbrot" zu verteilen.
WIE STEHT ES MIT SOLIDARNOSC?
Was in unserem Gebiet und darüberhinaus in der ganzen Lubliner Region gut läuft, ist die Hilfe für die Opfer der Repression und die Bildungsarbeit der Gewerkschaft. Der zweite Aspekt ist besonders wichtig. So ist insbesondere der Universitätsjugend eine Aufgabe gestellt, die verhindert, daß sich wie in anderen Regionen cine Kluft zwischen dieser und dem Rest der Gewerkschaft auftut. Damit will ich nicht sagen, alles liefe besser als anderswo. Es gibt große Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den einzelnen Betrieben. Die Leute mißtrauen einander. Wenn sie sich nicht kennen, vermeiden sie jede Kontaktaufnahme, aus Angst aufzufallen. Ja, manchmal ist es die politische Polizei (SB) selber, die die Koordination zu organisieren versucht - klar, daß das das Mißtrauen unter den Leuten nachher nur verstärken kann.
Jedoch ist das Hauptproblem die politische Verwirrung bei der Mehrheit der Führungen. Der Irrglaube des Jacek Kuron, wie könnten einen Historischen Kompromiß mit der Bürokratie erreichen, steckt bei vielen Gewerkschaftsaktivisten noch in den Köpfen drin. Als Folge davon gab es viele Aktionen, die dazu dienen sollten, dem Regime zu zeigen, daß wir noch existieren, und nicht dazu, das Kräfteverhaltnis zu unseren Gunsten zu verschieben. Die Arbeiter wollen Aktionen, die Ergebnisse bringen, und seien sie noch so klein. Immer weniger Leute, besonders die politisch bewußtesten, sind bereit, für einen anscheinend rein symbolischen Kampf Risiken einzugehen. Und wie lange kann man die immergleichen Forderungen aufstellen ohne die konkrete Perspektive, sie auch zu erreichen?
Ohne eine solche erscheinen die Führungen mehr und mehr von ihrer Basis losgelöst und isoliert. Besonders wenn aus diesem strategischen Mangel heraus taktische Fehler gemacht werden. Zum Beispiel wurde ein Boykott der offiziellen Presse mitten während der Fußballweltmeisterschaft Juli 1982 ausgerufen. Das ist die Haltung von reinen Intellektuellen, von 'Experten'. Der Arbeiter mag zögern, vor dem Kiosk auf und ab gehen, aber schließlich wird er sich die Zeitung doch kaufen, denn diesmal enthält sie ja wirklich etwas Interessantes. Und die Führung, die einen solchen Entschluß faßte, diskreditiert sich selbst und die ganze Gewerkschaft.
UND DIE AUSSICHTEN?
Gegenüber der Idee des Generalstreiks bin ich sehr skeptisch, zumindest so, wie sie heute vorgetragen wird. Die Arbeiter sagen ganz deutlich: Ein Generalstreik, der darin besteht, die Fabriken zu besetzen und sich in ihnen einzuschließen, wird nichts andern. Der Streik wird zu Ende sein, wenn die Fabrik im Sturmangriff genommen wird. Die Ergebnisse der vorhergehenden Streiks - und im Frühjahr gab es praktisch jede Woche Streikaufrufe - wiegen im Bewußtsein der Arbeiter schwer. Diese Streiks erreichten nichts. Im Gegenteil, tausende
Arbeiter wurden entlassen und hunderte die Lohne der Bergarbeiter hängen von ihkamen ins Gefängnis. Daher fürchte ich. nen ab. Ein Bergarbeiter verdient je nach das wir heute keineswegs haben -, um einen klares und konkretes Programm brauchen die Leute werden dem Aufruf zum General- Arbeitsplatz zwischen 6 und 30.000 Zloty.
streik am Mittwoch dem 10. November Und mit 6.000 Zloty kannst du in Schlesien Generalstreik organisieren zu können. nicht folgen. Nicht, weil sie zum Kampf keine Familie ernähren, denn hier sind die nicht bereit wären oder sich entpolitisiert Preise höher als in allen anderen Regionen. FUNKTIONIERT DIE ZENTRALISIEhätten, sondern gerade weil sie auf eine po- Der zweite Aspekt sind die Entlassungen. RUNG DER GEWERKSCHAFTEN? litische Weise denken und feststellen, daß Im Juli wurden zum Beispiel aus nichtigem dieser Streik nicht Teil einer Gesamtper- Anlaß in einer der Gruben sechs Bergarbei- Die Koordination der Gewerkschaftspektive ist, sondern schon wieder eine ter entlassen. Einige Kollegen erbaten vom saktivitäten ist äußerst wichtig. Aber wir symbolische Aktion. Militärkommissar die Erlaubnis, für ihre müssen zugeben, daß wir heute erst an ih- Die Leute sind bereit, einen harten arbeitslosen Kollegen Geld zu sammeln. Er rem Anfang stehen. Die Bedingungen der Kampf auf sich zu nehmen, sobald die gab die Erlaubnis und entließ sie dafür drei Untergrundarbeit sind eine einleuchtende Solidarność-Führung ihnen eine allgemeine objektive Einschränkung. Aber ich glaube, Strategie zu bieten hat. Sie sind auch zum Wir müssen klar sagen: die Arbeiter- daß wir im Laufe der Zeit so oder so einen Generalstreik bereit, falls dieser Streik zur klasse ist heute gespalten. Einerseits weil Zustand erreichen, wo jede Aktion kollek- Stellung der Machtfrage führen würde. das Regime alles nur Mögliche tut, um sie tiv beschlossen wird. Ohne diese, denken sie, es ist nur ein Spiel, zu spalten - nach der alten Devise Teile Ich will nicht mit Steinen nach der in dem die Arbeiter nur die Schachfiguren und herrsche'. Zum Beispiel mit jenem De- TKK werfen, weil diese Genossen unter kret 199, das von Solidarnosé vor dem 13. schwierigen Bedingungen arbeiten; ich muß Wenn es ein Programm gäbe, das die Dezember bekämpft wurde. Es legte für die aber klarstellen, daß einige ihrer Beschlüsse Machtfrage klar stellen würde, dann wären Bergarbeiter wesentlich höhere Löhne fest zeigen, wie isoliert sie sind, wie ihnen der die Leute bereit, große Opfer zu bringen. und führte so eine objektive Spaltung ein. direkte Kontakt mit den Fabriken fehlt. Sie wären sogar bereit, wie es hier in der Die anderen Arbeiter betrachteten die Ber- Zum Beispiel ihr Aufruf zu Demonstratio- Region schon geschehen ist, in die Armee garbeiter als privilegiert und somit als unzu- nen zu einer Zeit, als die ganze Gesellschaft zu gehen. Aber niemand wird Opfer ohne verlässige Leute. Zum anderen gibt es eine solche nicht wollte. Oder die Streikaufrufe. eine Aussicht auf Erfolg bringen. Dies ist Spaltung bezüglich der Perspektiven. Man die keineswegs immer befolgt wurden und also heute die Hauptschwäche von Solidar- könnte sagen, es gibt drei Strömungen. Er- dadurch die Glaubwürdigkeit der ganzen nosć: Der Mangel an Strategie und an stens eine radikale, die Straßendemonstra- Gewerkschaft unterhöhlten. die weiß, wo sie hin will, tionen befürwortet und die Macht auf di- Um diesen Zustand zu überwinden und in jedem Moment ohne Zögern auf das rektem Wege erobern will. Das ist aber un- wurde das Überregionale Komitee zur Verrealistisch, und ich halte diese Sorte Aben- teidigung von Solidarnosć (MKO) aus Arteurertum für gefährlich. Die zweite Strö- beitern der großen Betriebe gebildet. Es mung glaubt, es sei notwendig, sich auf handelt sich nicht um eine konkurrierende IN SCHLESIEN: WIE SCHÄTZT DU einen Generalstreik vorzubereiten. Aber Struktur. Im Gegenteil, die Arbeiter wollen DIE DEMONSTRATIONEN EIN? das erfordert erstmal die Einheit aller Ar- der TKK zur Seite stehen, indem sie für beiter und die Stärkung der Organisation Rückkopplung in die Fabriken sorgen. Zur
Ich bin gegen Straßendemenstratio- und Koordination. Ein solcher Streik, mit Zeit erfaßt das MKO dreizehn Regionen, nen. Zum einen, weil dies der für das Regi- Selbstverteidigung der Fabriken, der wenn die meisten seiner Mitglieder sind Arbeiter. me günstigste Terrain ist, den es für Propa- möglich in einen aktiven Streik übergehen und alle hatten auf verschiedenen Ebenery gandazwecke nutzen kann, indem es Unru- kann, würde das Regime in die Mangel neh- vor ihrer Niederschlagung verantwortliche hen provoziert und diese dann benutzt, um men: entweder aufgeben oder einen Kom- Stellungen in der Bewegung inne. unsere Bewegung zu diskreditieren. Zum promiß akzeptieren. Und ein Kompromiß Es gibt auch noch eine andere überreanderen ist der Preis, den wir für diese De- wäre günstig für die Arbeiter, da sie dann gionale Struktur, die an der Baltischen Kü. monstrationen zahlen, zu hoch, steht in stark und wohl organisiert wären. Unsere ste gebildet wurde. die Zweite Nationale keinem Verhältnis zu den Erfolgen, die wir Stärke würde die Natur des Kompromisses Kommission (2.KK). Sie umfaßt etwa fünferwarten können. Auch wenn die Behörden bestimmen. Die dritte Strömung besteht zig Betriebe. solche Versammlungen 'tolerieren', wie es aus jenen, die die Hoffnung verloren haben am 3. September geschah, als die Polizei und apathisch geworden sind. Die ersten die versammelten Arbeiter nicht angriff, beiden befinden sich entschieden im Wider- DIE PERSPEKTIVEN? aber jeden filmte, drei Tage später vorlud stand, die dritte logischerweise weniger.
und schwere Geldbußen verfügte, 18 bis Schließlich sollten wir noch einige ne- Wie gesagt, müssen wir uns auf einen 20:000 Zloty, mehr als der doppelte offi- gative Punkte innerhalb des Widerstands Generalstreik vorbereiten. Aber ich-muß zielle Durchschnittslohn. Die Summe der festhalten. In erster Linie, daß die verschie- noch einmal betonen, daß es sich nicht um hier verhängten Strafen raubte der Gewerk- denen Gruppen die Tendenz haben, sich eine unmittelbare Perspektive handelt. schaft einen Gutteil ihrer Finanzen, was, aus Angst vor Polizeiinfiltration in sich sel- Heute ist ein Generalstreik unrealistisch. das kannst du mir glauben, unsere Arbeit ber zurückzuziehen, was die ganze Koordi- Erst müssen wir eine starke nationale um einiges erschwerte. nation erschwert und für die Verbreitung Struktur heranbilden, die Verbindung zwi- So weit so gut, aber die Demonstratio- der Untergrundpresse ein Hindernis ist. Die schen den zahllosen Untergrundgruppen in nen am 31. August waren nur teilweise ne- Atmosphäre der Angst hat auch zur Folge, den Fabriken stärken, damit Information gativ. Allein die Tatsache, daß Zehntausen- daß zwar eine große Zahl von Einzelperso- und Diskussion weitere Kreise erfassen de zu allem bereit auf der Straße waren nen zur Teilnahme an Initiativen bereit ist, können. Dann müssen wir die gegenwärtiwar völlig positiv. aber viel weniger Leute bei der Tagesarbeit gen Spaltungen überwinden, indem wir ein Jeder hat von den Massenverhaftun. in den Untergrundstrukturen mitmachen. Programm und präzise Ziele vorweisen, die gen, den Internierungen, den Prozessen ge- Und zuguterletzt sollten wir noch feststel- alle Arbeiter mobilisieren können, egal, hört... Ich möchte hier aber einmal auf len, daß die Initiativen der Untergrundfüh- was deren religiösen Ansichten sind oder einen anderen Aspekt der Unterdrückung rung nicht immer dem Willen der Arbeiter welche ideologische Position sie haben. aufmerksam machen, der weniger bekannt entsprechen. Zum Beispiel war der 15-Mi- Nichts kann getan werden, solange die Arist. Vor allem darauf, daß die Vorarbeiter nuten-Streik im Mai ein Fehlschlag. In beiter nicht eine organisierte Massenbewe- Schlesien gab es nicht viele, die für eine gung darstellen. Auf der strategischen Ebegeniessen. Was das betrifft, ist die Lage in symbolische Geste ein Risiko eingehen ne müssen wir die Verbindung zwischem Schlesien am schlimmsten. Die Vorarbeiter dem Tageskampf um oft begrenzte Themen verdienen hier 50-60.000 Zloty im Monat Wir müssen klar sagen, daß wir uns und unserem allgemeinen Ziel aufzeigen: (der Durchschnittslohn beträgt 8-9.000 Zlo- auf einen langanhaltenden Kampf einstel- der Arbeitermacht. ty) und sind bereit, alles zu tun, um ihre len müssen, daß wir die gegenwärtigen privilegierte Stellung beizubehalten. Und Spaltungen überwinden müssen * - 25