Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Tschechoslowakei

Neue Orientierungen für die Opposition?

· Inprekorr Nr. 4 (154), 15. April 1983 · S. 21-24 · 3.337 Wörter

Tschechoslowakei Gewerkschaften und Streiks Polen

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Neue Orientierung für die Opposition?

Die Tatsache, daß die Repression gegen die Oppositionellen in der Tschechoslowakei seit einiger Zeit nicht mehr auf den Titelseiten der internationalen Presse erscheint, bedeutet keineswegs, daß Gustav Husak der Jagd auf alle diejenigen, die anders denken als er, ein Ende gesetzt hätte. Im Gegenteil - die letzten Berichte, daß historische Persönlichkeiten der Opposition wie Karel Bartosek und Karel Kyncl in die Emigration gegangen sind oder daß Ladislav Lis, einer der drei Sprecher der Charta 77, (am 5.1.1983 - dÚ) verhaftet worden ist, erinnern daran, daß die tschechoslowakische Regierung in ihrem Kampf gegen alle diejenigen, die - 14 Jahre nach dem Prager Frühling - sich noch immer nicht mit der Normalisierung abfinden wollen, nicht nachläßt. Es läßt sich sogar feststellen, daß sie im Gefolge der polnischen Ereignisse und nach dem Auftauchen von neuen Oppositionskernen, die sich offen mit dem Kampf von »Solidarnośc« identifizieren, die Schrauben weiter angezogen hat. SYSTEMATISCHERE UND WIR- KUNGSVOLLERE REPRESSION

Am S. Oktober 1979 sind fünf führende Mitglieder des VONS (Komitee für die Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten) - Vaclav Havel, Petr Uhl, Jiri Dienstbier, Otta Bednarova und Vaclav Benda - zu harten Strafen verurteilt worden. Doch dieser gro- Be Prozeß bezeichnete nicht den Höhepunkt einer Welle der Repression, die seit zehn Jahren nacheinander all diejenigen Personen oder Gruppierungen erfaßt hatte, die versuchten, den Geist und das Ideal des Prager Frühlings lebendig zu erhalten. Er scheint eher der Vorbote einer neuen, systematischeren Unterdrückungspolitik gewesen zu scin, die nichts dem Zufall überlaßt und darauf abzielt, jede abweichende Stimme zum Schweigen zu bringen, nicht nur die direkt politische Opposition. Zu diesem Zweck werden alle Mittel angewendet: eine Menge Prozesse, Verlăngerung der Strafen für bereits verurteilte Personen, systematische Verhängung der schärfsten Vorschriften im Strafvollzug, Einführung der Überwachung am Wohnsitz, Schikanierung der Gefangenen, immer neue Belästigungen der Oppositionellen, die sich noch in Freiheit befinden (wiederholte Festnahmen, Drohungen, physische Gewalt, erzwungenes Exil oder ... Verweigerung eines Reisepasses). Eine kurze Aufzählung der bezeichnendsten Beispiele vermittelt eine Idee vom Umfang dieser Repression und damit auch von ihrer entsetzlichen Wirksamkeit.

- von Anna Libera, 28. Januar 1983. ~ Kurz nach dem Prozeß der »Fünf« vom VONS ist im November 1979 Albert Cerny, ein Schauspieler, Mitglied des VONS und Unterzeichner der Charta 77, zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im April 1980 wurde einem jungen Arbeiter, Petr Cibulka, der zu diesem Zeitpunkt nach zwei Jahren Haft entlassen werden sollte, seine Strafe um sechs Monate mit verschärfter Sicherheitsverwahrung verlängert. Sein Fall stellt den Beginn dieser neuen Praxis der Behörden dar. Ein Jahr darauf wurde Rudolf Battek, einer der Sprecher der Charta 77, chemaliger Abgeordneter der tschechoslowakischen Nationaiversammlung, der im April 1980 verhaftet worden war. zu siebeneinhalb Jahren Nr.51 C 8542 F

OSTEUROPA-INFO ferausa Yom chen Ost tee Tschechoslowakei 83 Neue A etzungen mit der Krise in Osteuropa Belträge von Z. Miynái, J. Kosta, J Skala; M. Roiman, J.Suk E Goldstucker. W.Schröter, P. Wilson ua Heft Nr. 51 TSCHECHOSLOWAKEI '83 Neue Auseinandersetzungen mit der Krise in Osteuropa

Aus dem inhalt: Z. Miynar: 15 Jahre nach dem „Prager Frühling"• J. Kosta: Die tschechoslowakische Volkswirtschaft auf Talfahrt • J. Suk: Die tschechoslowakische Opposition vor einer Wende? u.a. Beiträge von E. Goldstücker, M. Reiman, J. Skála. W. Schröter, P. Wilson u.a.m.

112 Seiten. DM 8.- Jahresabonnement (4 Ausgaben): DM 30.- Bestellungen richten an:

Junius Verlag • SOAK Verlag

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Am Taubenfelde 30 3000 Hannover 1 - 21 Gefängnis verurteilt. In der Berufungsverhandlung wurde seine Strafe dann auf fünfeinhalb Jahre Haft mit drei Jahren Anweisung eines Wohnsitzes herabgesetzt. Hierbei handelt es sich wiederum um eine Neuerung. da die Anweisung eines Wohnsitzes bis dahin auf nicht-politische Gefangene beschränkt war." Aber der Fall Rudolf Battek, der mit der II. Internationale verbunden ist und für den die bekanntesten sozialistischen Führungspersonen der Welt eingetreten waren, zeigt vor allem, daß die Prager Behörden nicht gewillt sind, sich von den internationalen Kampagnen der Solidarität mit ihren Opfern beeinflußen zu lassen. Es steht fest, daß die zahlreichen Proteste gegen die Strafe, die gegen Battek verhängt wurde (die härteste Verurteilung seit den stalinistischen Prozessen der fünfziger Jahre), deren Entschlossenheit in keiner Weise beeinträchtigt haben, wie die zahlreichen Prozesse im Laufe der beiden letzten Jahre zeigen.

Im Juli 1981 wurde Jiri Gruntorad, ein junger Arbeiter, Unterzeichner der Charta 77, zu vier Jahren Gefängnis und drei Jaly ren Überwachung am Wohnsitz verurteilt. Zur selben Zeit wurde Thomas Petrivy, der das Treffen von Repräsentanten der Charta 77 und des polnischen KOR im August 1978 (vgl. die gemeinsame Erklärung, abge druckt in »Inprekorr« Nr. 92, 15.10.1978. S. 29 - dU) organisiert hatte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Vaclav Umling, ein Bergarbeiter, wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er gegen die sowjetische Intervention in Afghanistan protestiert und die Unzulänglichkeit der Anlagen in den Bergwerken der Tschechoslowakei kritisiert hatte. Ein aktiver Mitarbeiter des VONS. Jan Litomisky, wurde im Oktober 1981 zu drei Jahren Haft und zwei Jahren Überwachung am Wohnsitz verurteilt. Zur selben Zeit wurden vier Jugendliche zu Strafen zwischen 6 und 18 Monaten verurteilt, weil sie aus Anlaß des Kongresses der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei an öffentlichen Gebäuden parteifeindliche Transparente angebracht hatten. Im November 1981 wurde Edward Kalinowsky, ein Pole und Mitglied von »Solidarnośé«, der festgenommen worden war, als er 176 Exemplare der Oppositionszeitschriften »Svedetevi« und »Listy« in die Tschechoslowakei zu bringen versuchte, zu 1) »Überwachung am Wohnsitz beinhaltet folgende Auflagen: man muß I. den Institutionen, die mit der Überwachung betraut sind, alle Angaben betreffs des Einkommens machen und sie auf Verlangen belegen: 2 sich bei dieser Institution regelmaßig melden, und zwar in den zeitlichen Abstanden, die sie selber festsetzt: 3. Repräsentanten dieser Institution jederzeit Zutritt zur Wohnung gestatten; 4. jede Entfernung vom Wohnort im vorhinein ankündigen.

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ERKLÄRUNG DES GRÜNDUNGSKOMITEES DER FREIEN GEWERK- 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein junger Wehrdienstverweigerer, Jan Hrabina, war zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt Erklärung, abgegeben in Prag am 14. November 1982, in bezug auf die Anonymitai worden. Das Urteil wurde mit dem »sehr und auf das Programm des Gründungskomitees der freien Gewerkschaften in der hohen Gefahrengrad« gerechtfertigt, »den die pazifistischen Ideen für die Gesellschaft im gegenwärtigen Kontext darstellen«. Jan Tschechoslowakei:

»Soeben ist ein Jahr vergangen seit dem Augenblick, an dem das Komitee zum Hrabina hatte als Motiv für seine Wehrersten Mal an die Öffentlichkeit getreten ist. Nach seiner letzten Erklärung zur Undienstverweigerung unter anderem angege. terstützung von Solidarität in Polen von Anfang November 1982 sind verschiedene ben, daß er sich weigere, sich an einer even- Spekulationen sowohl im Lande wie im Ausland aufgetaucht. Sie betrafen sowohl tuellen Intervention der Truppen des Wardie Orientierung der Arbeit, das Programm, vor allem aber war es Neugier in bezug schauer Pakts gegen die polnischen Arbeiauf die Namen der Personen, die dieses Komitee repräsentieren und waren es Fragen ter zu beteiligen.

wegen ihrer Anonymität. Wir müssen hier enttäuschen, denn wir erklären, daß wir Im Mai 1982 wurde Petr Pospichal, ein die Namen der Mitglieder des Komitees sowie Einzelheiten, die sich auf seine Arjunger Arbeiter, der seinen Militärdienst beitsweise beziehen, momentan und wahrscheinlich noch für lange Zeit nicht beableistete, zu zweieinhalb Jahren unter verkanntgeben werden. Dafür haben wir zwei Gründe: zuerst erachten wir gegenwärtig schärfter Sicherheitsverwahrung verurteilt, die anonyme Arbeit im Hinblick auf eine gesellschaftliche Bewußtseinsbildung als weil er in seiner Kaserne für die Aktivität wesentlich. Wir wünschen keine lärmende Publizität. Wir wollen in unserem Lande der Charta 77 eingetreten war. Im Juli 1982 nicht zu einer Attraktion werden, sondern zu einem der Ansätze zu seiner Verändewurden gegen junge Herausgeber einer rung. Wir schätzen die Zivilcourage der Charta 77 hoch ein. Aber das Schicksal ihnicht-offiziellen Kulturzeitschrift mit dem rer Unterzeichner und die gewaltsame Repression, deren Opfer sie sind, sind uns ei- Titel »Okno« (Fenster) harte Urteile verne Warnung. Wir möchten auch nicht in die Lage z.B. des VONS geraten, das sich hängt: Jyan Jirous, der bereits eine Strafe vor kurzem öffentlich die Frge stellen mußte, ob es notwendig sei, seine mutige Arvon vier Jahren abgeleistet hat, wurde zu beit einzustellen. In einer Situation, in der die Bedingungen für das Entstehen und dreieinhalb Jahren Gefängnis mit verdie Entwicklung einer Massenbewegung fehlen, wollen wir uns gesellschaftlichen schärfter Sicherheitsverwahrung und zwei und vorbereitenden Aktivitäten widmen - in dem Geist, den wir in unserer ersten Er- Jahren probeweiser Freilassung verurteilt; Frantisek Starck erhielt zweieinhalb Jahre Und dann: solange die gegenwärtigen Führer unseres Landes gegen ihr eigenes Gefängnis mit verschärfter Sicherheitsver- Interesse auf jede kritische Aktivität derartig negativ reagieren werden, wie wir es wahrung und zwei Jahre probeweise Freiseit einigen Jahren erleben, werden wir unsere Namen nicht bekanntmachen. Unselassung; Michael Hytek wurde zu 18, Milan re Arbeit würde dadurch spürbar betroffen und wahrscheinlich endgültig gestoppt Fric zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. werden. In unserem ersten programmatischen Dokument haben wir bereits erklärt, Zu diesen Verurteilungen - wobei es daß wir alle legalen Wege nutzen wollen, um die Revolutionäre Gewerkschaftsbewesich leider nur um eine Liste mit einigen wegung (Name des offiziellen und einzigen Gewerkschaftsverbandes in der Tschechosnigen Beispieln handelt2) - muß die Anklalowakei, d.Red.), insbesondere ihre Strukturen am Arbeitsplatz, gesunden zu lasgeerhebung gegen achtzehn erstrangige sen; daß wir darauf hinwirken wollen, daß die Gewerkschaft eine wirkliche Bewe- Persönlichkeiten der Opposition in der Folgung der arbeitenden Menschen in der Tschechoslowakei wird, die deren tägliche ge der Festnahme von zwei jungen Franzound allgemeine Interessen vertritt. Nur in dem Fall, daß die Bedingungen da wären, sen im Mai 1981, die Untergrundliteratur damit eine parallele und unabhängige Gewerkschaftsbewegung auftreten kann, die unseren Vorstellungen und Zielen entspricht, werden wir ihr alle unsere Anstrengungen widmen. Wir wissen, daß heute schon in den Betrieben und in bestimmten ins Gefängnis gesteckt, anscheinend Organisationen einige spontan entstandene nicht-offizielle Gruppen existieren, die Hinblick auf die Vorbereitung eines großen die Arbeit der offiziellen Gewerkschaften kritisch mitverfolgen und sich um die Prozesses. Aber die tschechoslowakische Probleme im Zusammenhang mit der Stagnation der Löhne, ihrer verzerrten Struk- Regierung hat hierauf unter dem Druck der tur, Fragen der Arbeitssicherheit, schwerwiegenden Mängeln der Produktion usw. österreichischen Regierung, welche den Bebefassen. All diese Aktivitäten existieren, all diese Gruppen arbeiten nicht-offiziell, such von Gustav Husak im Herbst verganwie Zellen, die durch identiche oder verwandte Interessen miteinander verbunden genen Jahres3a) von der Freilassung dieser sind. Eine günstige Situation würde ihre Verschmelzung denkbar werden lassen. Al- Oppositionellen abhängig gemacht hatte, len diesen Gruppen und allen diesen Personen, die spontan versuchen, die Gewerkzumindest vorübergehend davon abgelasschaftsbewegung in der Tschechoslowakei neu zu beleben und wiederentstehen zu lassen, wollen wir unsere direkte und indirekte Hilfe zukommen lassen.« Die Behörden geben sich nicht damit zufrieden, die herausragenden Mitarbeiter der Charta 77 und des VONS ins Gefängnis zu stecken. Sie fahren fort, sie zu quälen, indem sie über ihnen die Drohung einer Strafverlängerung schweben lassen (eine derartige Drohung richtet sich derzeit gegen Petr Uhl) oder sie auf jede Art schikanieren. Das erklärte Ziel ist, sie zu demoralisieren und ihnen jegliche Lust zu nehmen, ihre Aktivität nach der Haftentlassung fortzusetzen. Der Alltag der Gefangenen besteht aus lauter derartigen Schikanen - wie dem Schreibverbot von Petr Uhl mit seiner Frau und seinen Kindern. Petr Uhl wird nur eine Besuchsstunde im Monat erlaubt; vor kurzem ist ihm verboten worden, seinem siebenjährigen Sohn einen Brief pro Monat zu schreiben.

Die Verfolgung der in Freiheit lebenden Unterzeichner der Charta 77, was jegliche Aktivität immer schwieriger werden läßt, und die unablässige Drohung einer neuen Verhaftung haben viele Oppositionelle gezwungen, sich für das Exil zu entscheiden. Dies gilt für historische Persönlichkeiten der Opposition wie Bartosek, Mlynarik und Kyncl oder für jugendliche Aktivisten wie Jan und Jiri Bednar oder Zina Freundova.

Die Repression hat sich im Laufe der letzten beiden Jahre auf katholische Kreise ausgedehnt. Darin ist der Willen der Behörden zu sehen, einen Pol von oppositionellen Aktivitäten zu beseitigen, der durch die polnischen Ereignisse starken Auftrieb erhalten hatte. Dieser Wille scheint durch die Entscheidung des Vatikans bestärkt worden zu sein, es den Priestern zu untersagen, in Organisationen mit politischem Charak- 2) Eine neue Broschüre (in französischer Sprache, dU), die eine vollständige Liste der Kommuniqués des VONS zur Repression enthält, kann bezogen werden von dem *Comité du S janvier pour une Tchécoslovaquie libre et socialistes, c/o Véronique Chabrol, 277 rue de Vaugirard, F-75015 Paris.

- 22• ter mitzuwirken, was in den Ländern des Ostblocks - und insbesondere in der Tsche. choslowakei - einen Bruch mit den katholischen Organisationen bedeutet, die ein Anhängsel des Regimes sind.

Und schließlich hat es Anfang 1982 cine neuerliche, sehr durchgreifende repressive Operation im Rahmen einer Untersuchung über die Verbreitung von Flugblättern gegeben, die zur Solidarität mit den polnischen Arbeitern gegen den Kriegszustand aufriefen. Das VONS hat in einem Kommuniqué bekanntgegeben, daß die Personen, die aus diesem Anlaß verhaftet und angeklagt worden sind, vier junge Ar- 3) Es handelt sich um folgende Personen: Jaromir Horec, Eva Kanturkova, Karel Kyncl, Jan Mlynarik, Jan Ruml, Jiri Ruml, Jirina Siklova, Milan Simecka (in Untersuchungshaft); Jiri Hajek, Ivan Havel, Olga Havlova, Karel Holomek, Josef Jablonicky, Zdench Jrinsky, Mojmir Klausky, Miroslav Kusy, Jaroslav Meznik, Jiri Meller (nicht in Untersuchungshaft).

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bieiter sind, die nicht zum Milieu der Charta 77 gehören: Jan und Josef Wünsch, Jitka Tumova und Vaclav Soukup. Die Behörden möchten die ursprüngliche Anklage der Agitation (Verstoß gegen Artikel 100 des Strafgesetzbuches) in die der »Subversion gegen die Republik« (Art. 98) umwandeln, welcher ermöglicht, die hartesten Strafen zu verhängen. Es sicht so aus, als wollten die Behörden sehr rasch gegen diesen neuen Oppositionskern zuschlagen, der unter dem direkten Einfluß der polnischen Ereignisse handelt und den Legalismus ablehnt, für den die Charta 77 sich entschieihnen »jegliche Möglichkeit, auf einfache Leute einzuwirken«, die zum Überleben gezwungen sind, im Alltag Kompromisse mit der normalisierten Gesellschaft einzugehen. Diese Haltung hat die Oppositionellen nicht darauf vorbereitet, sich der neuen Lage zu stellen, die von den gewachsenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten bestimmt wird: »Die Verschärfung der Wirtschaftskrise und dann der politischen Krise«, heißt es in dem Text weiter, »wird früher oder spater zwangsläufig eine spontane Unzu- Sriedenheit nach sich ziehen, die anwachsen DAS VORBEREITUNGSKOMITEE DER

FREIEN GEWERKSCHAFTEN

Eine ähnliche Schlußfolgerung scheint von jungen Arbeitern gezogen worden zu sein, die nicht mit der Charta 77 oder dem VONS in Verbindung standen. Im Frühjahr 1981 hatten sie bekanntgegeben, daß sie innerhalb der offiziellen Gewerkschaften arbeiten wollen, um sie dazu zu veranlassen, ihre Aufgabe zu erfüllen, nämlich für die Interessen der Arbeiter einzutreten. Im April 1981 hatten sie einen entsprechen- ; sie zum Ausdruck kommen wird. (...) Falls den hat. Trotz dieser Verhaftungen haben diese Oppositionellen, sowohl die Gruppe für Revolutionäre Arbeit als auch das Vorbereitungskomitee der freien Gewerkschaften, b) ihre Aktivität über das Jahr 1982 hinweg fortgesetzt, womit sie im Kampf gegen die Normalisierer eine neue Phase eroffnet haben.

Das Auftauchen von Texten mit kritischen Reflexionen innerhalb der Charta 77 selber scheint zu bestätigen, daß die Aktivität der Opposition sich an einem Wendepunkt befindet. Die Wirksamkeit der Repression, von der wir nur einen kurzen Abriß gegeben haben, hat grell ins Licht gerückt, wo die Grenzen eines zwar mutigen Handelns liegen, was jedoch Machthaber, die unaufhörlich zeigen, mit welcher Mi- Bachtung sie ihre eigenen Gesetze behandeln, zum einzigen Adressaten hat. DIE ISOLIERUNG DER OPPOSITION

DURCHBRECHEN 1982 war ein langes Dokument, das die Aktivität der Charta 77 kritisch analysiert, ohne jedoch den Mut oder die positiven Aspekte zu leugnen, unter den Oppositionellen in Umlauf.4) Der Autor (oder die Autoren?) bemüht sich im wesentlichen darum, die Schwächen einer Aktivität herauszustellen, die sich nie die Probleme der tschechoslowakischen Gesellschaft insgesamt gestellt hat, sondern ur diejenigen ciner relativ begrenzten Gruppe von Intellektuellen.

So hat es diesem Text zufolge das Schwergewicht, das ausschließlich auf die Meinungsfreiheit gelegt wurde, so wichtig diese Forderung auch ist, nicht ermöglicht, daß die Oppositionellen Verbindungen zu breiten Gesellschaftsschichten, die mit dem Regime unzufrieden sind, anknüpfen und dazu beigetragen, die Charta 77 zu einer »ideologischen und kulturellen« Opposition zu machen. Dies hat es ihr nicht möglich gemacht, eine Isolierung zu durchbrechen, die zu Beginn zu einem großen Teil durch das repressive Vorgehen des Regimes vorgegeben war.

Dem Autor des Dokuments zufolge hat die Funktionsweise der Charta 77 spăter ihre Isolierung verstärkt: »Die Opposition gleicht einer Art 'Fremdkörper', , wenn nicht geradezu einer Sekte, in der besondere Verhaltensweisen, stereotype Formen des Denkens und Verhaltens herrschen, die für 'die anderen' nicht immer verständlich sind.« Die hohe moralische Strenge der Oppositionellen, die zu Recht Bewunderung abverlangt, kann sich gegen sie wenden - so fahrt das Dokument fort -, denn sie nimmt rende Opposition geben wird, so wird das eben ihre Stunde sein: Sie wird damit beginnen, einen Beitrag dazu zu leisten, das Kollektivbewußtsein mit Vernunft zu füllen und den allgemeinen Willen zusammenzu- Jassen, bis zu dem Moment, an dem sie endlich an der Spitze der Volksbewegung stehen wird... Wir brauchen nicht sehr weit ins Ausland zu schauen, um hierfür Beispiele zu finden.« Inder Tat - Polen ist nicht weit!

Doch die totale Äußerlichkeit der Charta 77 im Verhältnis zur Gesellschaft erleichtert nicht die Kontakte mit Elementen »innerhalb der Str on", die unzufrieden zu werden beginnen. Abschließend wird in dem Dokument eine Linie des Handelns skizziert, die es der Opposition möglich machen könnte, sich auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten. D.h. sich an die Analyse der sozialen und politischen Probleme der tschechoslowakischen Gesellschaft zu machen und Verbindungen zu den Leuten »innerhalb der Strukturen« (in den Betrieben, den Gewerkschaften, der Partei usw.) anzuknüpfen.

3a) Aus Anlaß dieses Staatsbesuchs ist die Zeitung der Gruppe Revolutionäre Marxisten (GRM), osterreichische Sektion der IV. Internationale, ausführlich auf die 14 Jahre »Normalisierung« im Nachbarland CSSR eingangen. Siche »die linke", 3. Jg.. Nr. 19. 20, 21. . A.d.U.

3b) Der Text eines Flugblattes der Gruppe für Revolu. fiondre Arbeit vom 15.12.1981 ist abgedruckt in: -Labour Focus on Eastern Europa« (London). Jg. S. Nr. I- 2, Frühiahr 1982, S. 44.

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den Brief an den Kongreß der tschechoslowakischen Gewerkschaften (die Revolutionüre Gewerkschaftsbewegung. ROH) geschickt und das Vorbereitungskomitee der freien Gewerkschaften (in Prag. Ostrava, Brno, Plzen und Kladno - dU) gegründet. Aus der Repression, die die Charta 77 und das VONS getroffen hat, zogen sie eine Lehre und entschieden sich dafür, die Anonymität zu wahren. Zugleich setzten sie aufgrund ihrer Schwäche auf eine systematische Arbeit an der Basis der offiziellen Gewerkschaften, die am 14. November 1982 in Prag abgegeben worden ist und die wir hier abdrucken.

Das Vorbereitungskomitee der freien Gewerkschaften, das dank des Impulses der polnischen Arbeiterbewegung entstanden ist, hat sich bemüht, deren Kampf in der Tschechoslowakei bekannt zu machen und sich mit ihr solidarisch zu zeigen, wodurch es an eine lange vergessene internationalistische Tradition anknüpfte. Davon zeugt ein Brief, den es »Solidarnoséu unmittelbar vor dem Generalstreik vom 10. November vergangenen Jahres zukommen ließ (sichce Kasten).

Diese Umorientierung der tschechoslowakischen Opposition, die sich sowohl in dem kritischen Dokument aus der Charta 77 als auch in der Aktivität des Vorbereitungskomitees der freien Gewerkschaften widerspiegelt, geschieht unter schwierigen Bedingungen. Die Repression im Landesinnern sowie die Entwicklung der Lage in Polen machen die Arbeit der Oppositionellen nicht einfacher. Mehr denn je brauchen sie unsere Solidarität.

* Weitere Informationen bei Jan Kavan: Pro-Solidarity Group Continues Despite Arrests and Provocations, in: »Labour Focuse, Jg. 5, Nr. 3-4, Sommer 1982, S. 321. . A.d.O.

4) Der Text dieses Dokuments ist abgedruckt in der Zeitschrift L'Alternative (Paris), Nr. 18, September/Oktober 1982, S. 29.34.

(Vgl. die Richtigstellung der drei Sprecher der Charta 77 vom 25.11.1982 in: »L'Alternative Nr. 21, Marz/ April 1983, S. 21 - d.U.)

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Polen: