Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Italien

Der Kampf im Stahlwerk von Tarent

Inprekorr Nr. 3 (153), 15. März 1983 · S. 17-18 · 1.957 Wörter

Italien Gewerkschaften und Streiks

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II Der Kampf im Stahlwerk

Italsi der von Tarent

Interview mit Ciccio Maresca, Mitglied des Betriebsrates von Italsider/Tarent und der LCR-Leitung, aufgenommen von André Duret am 15. - Welche ökonomische Bedeutung hat das Stahlunternehmen ITALSIDER?

- ITALSIDER ist eine Unternehmensgruppe mit staatlicher Beteiligung, die hauptsächlich in der Eisen- und Stahlindustrie aktiv ist. Im Industriesektor ist sie eine der größten Unternehmensgruppen in staatlichem Besitz. Sie beschäftigt ungefähr 45.000 Arbeiter in verschiedenen Werken, u.a. in Tarent, Genua, Bagnoli, Piombino und an anderen Orten.

In Tarent werden insgesamt 21.000 Arbeiter beschäftigt, wenn man die Arbeiter mitzählt, die in Zuliefererbetrieben arbeiten, welche direkt mit dem Eisen- und Stahlsektor von ITALSIDER verbunden sind. Außerdem hängen die Werften und die militärischen Schiffsreparaturwerke ebenfalls mit ITALSIDER zusammen. Die Ansiedlung dieses Industrieunternehmens in Tarent nach dem Zweiten Weltkrieg hatte zur Folge, daß sich die soziale Zusammensetzung in dieser südlichen Region Italiens vollständig änderte. Vorher lebte Tarent von seiner Landwirtschaft und dem Fischfang; die Ansiedlung des Unternehmens machte aus Tarent eine Arbeiterstadt und zu einem industriellen Ballungsgebiet des Landes.

Im Vergleich zu anderen Arbeiterstädten in Norditalien ist die Arbeiterklasse jedoch jung, mit einer Tradition, die nur 2 Jahrzehnte zurückreicht. In den ersten Jahren nach der Ansiedlung des Unternehmens war die Überausbeutung der Arbeiter besonders drastisch, insbesondere in den Zuliefererbetrieben.

deshalb um die Frage der Arbeitsbedingungen. Unter den bedeutendsten Kämpfen, die die Geschichte der Arbeiter bei ITALSI- DER besonders prägten, ragt der Kampf für die Vereinheitlichung des Lohnsystems heraus, der mit den unterschiedlichen Lohnfindungssystemen derselben Branche in den verschiedenen Provinzen Schluß machte. Damals konnten die Arbeiter einheitliche Lohngruppen im ganzen Land durchsetzen.

Dieser Kampf trug dazu bei, das Bewußtsein der Arbeiter insbesondere dadurch zu heben, daß er ihnen in einer ziemlich deutlichen Art und Weise eine Reihe von Problemen nahebrachte, die sich auf nationaler Ebene stellen.

Man muß jedoch klar und deutlich sagen, daß der Betriebsrat von ITALSIDER im Gegensatz zu den wichtigen Betrieben in Norditalien nicht das Produkt einer Mobilisierung an der Basis während der Jahre 1960 und 1970 ist. Der Betriebsrat wurde durch die Gewerkschaftsführungen eingesetzt, die damit einen Rahmen gewerkschaftlicher Vertretung der Arbeiter in den Betrieben schaffen wollten. Seitdem kristallisierte sich der Kampf, der von den Arbeitern um diese Frage geführt wurde, vornehmlich um die Frage des Wahlmodus der Delegierten für den Betriebsrat: Die Arbeiter fordern vor allem, daß die Wahl der Betriebsratsvertreter nicht über vorgegebene, sondern über offene Listen vorgenommen wird, damit sich eine wirkliche Arbeitervertretung in der Zusammensetzung des Betriebsrates niederschlägt. Der Betriebsrat stellt deshalb eine der charakteristischsten Strukturen dar, die sich die Arbeiter in den letzten Jahren geschaffen haben. Die Wahlbeteiligung für den Betriebsrat lag auch jedesmal über 90 %.

- Wie habt ihr die Arbeiter organisiert, die weder bereit waren, die Politik der Gewerkschaftsführungen noch die Erpressung der Unternehmer in der Frage der gleitenden Lohnskala zu akzeptieren?

- Anfang Herbst 82 trafen sich Delegierte von ITALSIDER, Mitglieder des Betriebsrats, die politisch der KPI, der PSI, oder der LCR nahestehen oder unabhängig sind, um über eine Initiative zu diskutieren, die die Manöver der Gewerkschaftsführungen durchkreuzen sollte. Wir haben Einverständnis darüber erzielt, eine an die Führung der Gewerkschaften gerichtete Unterschriftensammlung zu starten, die die Forderung aufstellt, keine Verhandlungen mit der Confindustria (Arbeitgeberverband) zu führen, die die Wirksamkeit der Koppelung der Löhne an einen Preisindex in dieser oder jener Form außer Kraft setzen wollte. In unserer Eigenschaft als Delegierte des Betriebsrates bei ITALSIDER haben wir ein Komitee zur Verteidigung der gleitenden Lohnskala in's Leben gerufen. Wir ar- Ibeiteten zusammen eine Erklärung aus, in der wir klarstellten:

»Die Vereinbarung von 1975 muß voll und ganz verteidigt werden, es darf keiner Erpressung des Unternehmerlagers nachgegeben werden.... Das ist der einzige Weg, um der Unternehmeroffensive Widerstand entgegenzusetzen und um die Aktionseinheit der Gewerkschaft wiederherzutellen« Wir haben auch gefordert, daß uns die Möglichkeit eingeräumt wird, unseren Standpunkt auf den Betriebsversammlungen, wo Vorschläge der Gewerkschaftsführungen vor Beginn der Verhandlungen mit der Arbeitgeberorganisation diskutiert werden sollten, darzulegen. Dafür haben wir in wenigen Tgen 4.000 Unterschriften bei den Arbeitern gesammelt.

- Warum habt ihr dieses Komitee gegrün- Idet? Warum habt ihr nicht über den Betriebsrat des Unternehmens gehandelt? i- Die große Mehrheit des Betriebsrats 'orientierte sich an den Positionen der Gewerkschaften, wenn sich auch einige Arbeitervertreter nicht vollständig in dieser Frage anpaßten. Wenn wir diese Initiative nicht ergriffen hätten, wären wir Gefahr gelaufen, im Betriebsrat isoliert zu werden. Wir hätten den Gegenangriff nicht organisieren können und damit den Manövern und der Taktiererei der Gewerkschaftsdachverbände freien Lauf lassen müssen.

Dank dieses Komitees konnten wir die Arbeiter über den wirklichen Gehalt dieser Vorschläge der Gewerkschaftsführungen aufklären, was sich als äußerst lohnenswert erwies.

Wir haben aufgezeigt, daß die Vorschläge, die den Berechnungsindex der Preissteigerungen betrafen, die Kaufkraft der Arbeiter belasteten und die Stellung der Gewerkschaften als Vertragspartner schwächten.

Wir haben klar und deutlich gesagt, • daß es keinen Grund gibt, im Namen einer zukünftigen Verbesserung des Steuersystems Konzession bei der gleitenden Lohnskala zu machen, dies um so mehr, weil diese Steuerreform niemals in Kraft treten wird. Außerdem stellten wir klar, daß, wenn man in der Frage der gleitenden Lohnskala klein beigibt, auch in anderen Bereichen den Willen der Arbeiter kaum durchsetzen kann. Insbesondere haben wir den Schwerpunkt unserer Agitation auf die bedingungslose Verteidigung der Vereinbarung über die gleitende Lohnskala von 1975 gelegt.

- Wieviel Miglieder umfaßte das Komitee zur Verteidigung der gleitenden Lohnskala?

- Das Komitee bestand aus ungefähr 20 Genossen, alles Delegierte des Betriebsrats, der selber aus 240 Delegierten besteht. Diese 20 Genossen waren die aktiven Mitglieder des Komitees. Unter denjenigen Delegierten des Betriebsrates, die sich nicht unserem Komitee angeschlossen haben, sprach sich jedoch noch so mancher für unsere Vorschläge aus.

- Wie hat sich eure Arbeit in der Mobilisierung gegen die Attacken auf die gleitenden Lohnskala im Betrieb ausgewirkt? - Besonders deutlich wurde dies während einer Versammlung, die in einem Kino in Tarent 500 Militante, Delegierte des Betriebsrats und Gewerkschaftsfunktionäre,

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zusammenbrachte. Kaum daß die Gewerkschaftsvertreter ihre Vorschläge dargelegt hatten, griff eine große Zahl von Diskussionsrednern, darunter eine ganze Reihe von Mitgliedern der KPI und Vertretern des Betriebsrats, die nicht Mitglieder unseres Komitees waren, einige der Argumente und Erklärungen, die wir die Wochen vorher herausgegeben hatten, auf. Wir sind dann als Mitglieder des Komitees auf das Podium gegangen, um die 4000 Unterschriften zu übergeben und zu fordern, daß wir genauso wie die Gewerkschaftsführer unsere Vorschläge erläutern konnten. Die Veranstaltungsleitung hat uns trotz der Proteste im Saal einen Redebeitrag vom Podium aus LA SCALA MOBILE verweigert und uns darauf hingewiesen, in die Diskussion vom Saal aus einzugreifen. Nach unseren Redebeiträgen, insbesondere denen unserer Genossen von der NON SITOCCA

LCR, war es ziemlich klar, daß, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, unseren Gegenvorschlag zu dem der Gewerkschaftsführungen einzubringen, dieser im Saal eine Mehrheit gefunden hätte. Weil sie davor Angst hatten, erklärte die Versammlungsleitung, daß während dieser Versammlung nicht abgestimmt werden könnte, daß die Abstimmung in den Abteilungen, im Betrieb, jedoch nicht hier laufen müßten. Das sorgte im Saal für beträchtliche Unruhe und führte sogar zu einem kleinen Krawall. Es wurde dann beim Präsidium ein Antrag eingebracht, der die Abstimmung der Versammlung über die Vorschläge der Gewerkschaftsführungen als bloßes Meinungsbild verstanden haben wollte. Das Präsidium weigerte sich, selbst diesen Antrag zu unterstützen. Im Gefolge dieses neuen Manövers des Präsidiums verließ die Hälfte der Militanten den Saal. Das drückt einmal die vollkommene Ablehnung der Vorschläge der Gewerkschaftsführungen durch die Arbeiter aus, andererseits aber auch das Fehlen einer wirklichen Gewerkschaftstendenz, die eine alternative Linie zum Plan der Gewerkschaften anbieten kann.

Nach dieser Versammlung wurden An fang November 1982 Versammlungen auf Abteilungsebene abgehalten, um die Plattform der Gewerkschaften abstimmen zu lassen. Die Gewerkschaftsführungen begannen, Gespräche mit den kleinen Zuliefererunternehmen der Region zu führen, weil sie fürchteten, daß ein massives »Nein« bei ITALSIDER auf die Gesamtheit der Arbeiter in der Region übergreifen könnte. Die Führung der PCI machte dann den geschickten Schachzug, Änderungen am Text der Gewerkschaftsdachverbände vorzuschlagen, Anderungen, die von den Arbeitern dahingehend verstanden wurden, daß diese zur generellen Linie der Plattform in krassem Gegensatz standen. Aber die Abstimmung für die Änderungen wäre nichtsdestotrotz als Abstimmung für die Plattform der Gewerkschaften gewertet worden.

Am 8. November 1982 begann dann die Abstimmung bei ITALSIDER auf Betriebsebene; zuerst in den Abteilungen, wo das Komitee den größten Einfluß besaß. Von den 8 Abteilungen, die zuerst wählten, haben 6 Abteilungen das Dokument der Gewerkschaftsführungen abgelehnt, wobei 4 davon das alternativ zur Abstimmung gebrachte Dokument annahmen. In zwei Abteilungsversammlungen führte ein Trick der Wahlleiter dazu, daß dieses Dokument gar nicht zur Abstimmung kam. In den Abteilungen, in denen das Komitee präsent war, waren die Wahlergebnisse hervorragend. Zum Beispiel sprachen sich in einer Abteilung von 170 Wählern 158 gegen den Vorschlag der Gewerkschaftsführungen und 12 dafür aus. In derselben Abteilung stimmten 149 für unserer Plattform, 17 dagegen. Von 160 Wählern einer anderen Abteilung waren 151 gegen und 7 für die Plattform der Gewerkschaftsführungen. Davon sprachen sich 154 Arbeiter für und 4 gegen unser Dokument aus. Beispiele dieser Art ließen sich fortsetzen. Es scheint klar zu sein, daß dort, wo das Komitee die Möglichkeit hatte, die Arbeiter zu organisieren, seine Vorschläge zu erläutern und die Krätte im Betrieb umzugruppieren, nicht nur der Kurs der Gewerkschaftsführungen zurückgewiesen, sondern unsere alternativen Vorschläge angenommen wurden. Die Gewerkschaftsführung war sich übrigens dieser Gefahr bewußt. Sie ließ ein Statut verabschieden, das zum ersten Mal für solche Versammlungen galt, dessen Regelungen klarstellten, daß »in den Abteilungsversammlungen nur Arbeiter dieser Abteilungen teilnehmen dürfen«. Das Ziel des Statuts war, die Betriebsräte als Mitglieder des Komitees daran zu hindern, auf diesen Versammlungen zu intervenieren, ihren Standpunkt zu erläutern und ihren Gegenvorschlag zur Abstimmung zu bringen. Außerdem war es verboten, ein alternatives Dokument abstimmen zu lassen. Jedoch gelang es uns, trotz diese bürokratischen Verbots (und das zeigt auch das gegenwärtige Kräfteverhältnis) in mehreren Abteilungsversammlungen zu intervenieren und unser Dokument zur Abstimmung zu bringen. Der Verlauf der Versammlungen zeigt, daß die Behauptung der Gewerkschaftsführungen, daß sie die Unterstützung der Mehrheit der Arbeiter gehabt hätten, vollkommen verlogen ist. Es herrscht gar kein Zweifel, daß die Arbeiter dieses Dokument und damit die Kapitulation angesichts der Angriffe auf die gleitende Lohnskala, was es im Endeffekt darstellt, zurückgewiesen haben, und zwar durch ihre Zustimmung für Änderungen an dieser Plattform, was als Abkehr von dieser Plattform interpretiert wurde, durch ein klares »Nein«, oder sogar durch die Stimme für die alternative Plattform, die vom Komitee zur Verteidigung der gleitenden Lohnskala eingebracht wurde.

- Welche Perspektiven hat Euer Komitee? - In der gegenwärtigen Situation halten wir es für angebracht, das Komitee am Leben zu erhalten, weil die Frage der gleitenden Lohnskala auf der Tagesordnung bleibt. Es ist absolut falsch, juristisch zu argumentieren und zu sagen, daß die Aufkündigung der gleitenden Lohnskala durch die Unternehmer in der Confindustria auch die gleitende Lohnskala liquidiert. Das Problem steht weiter auf der Tagesordnung und wird sich nach und nach mit dem Kampf für die Schaffung von Arbeitsplätzen verbinden. Wir gehen davon aus, daß man auf dieser Grundlage diejenigen Betriebsräte, die bereit sind, den Kampf zu führen gegen die Angebote der Gewerkschaftsführungen, die die Gewerkschaft genauso wie die Einheit der Arbeiter von Grund auf schwächen, zusammenschließen muß, und wir bereiten uns darauf vor, die nächste Unternehmensoffensive abzuwehren.

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