Kampf ist jedoch, was er für eine längere historische Periode wiederspiegelt. Dreißig Jahre lang brachte der Imperialismus den Völkern der Dritten Welt Tod und Zerstörung. Aber den Arbeitern der eigenen Länund Gewerkschaften der schien er Frieden zu bringen. Die gro- Ben Erschütterungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs und alle ihre Begleiterscheinungen wurden zu einer blassen Erinnerung. Nur im Algerien- und Vietnamkrieg waren die Arbeiter der imperialistischen Länder direkt aufgerufen, ihren Bossen große Opfer zu bringen. Der Aderlaß der amerikanischen Arbeiterklasse in Vietnam führte in diesem Land zu einer der tiefgreifendsten Krisen dieses Jahrhunderts. Die Entwicklung des atomaren Weltrüstens begann den Arbeitern in den imperialistischen Ländern auch eine Ahnung davon zu geben, daß die Besitzenden ihnen eines Tages dasselbe Schicksal zumuten könnten, welches sie jahrzehntelang den Arbeitern der Kolonialländer auferlegten. Die Arbeiterklasse und die Unterdrückten der imperialistischen Länder verloren im Ersten und Zweiten Weltkrieg und ihren Nachwirkungen 50 Millionen Tote. Ein atomarer Krieg in Europa und den Vereinigten Staaten würde sogar die Zerstörungen in Vietnam vergleichsweise als gering erscheinen lassen. Der Aufruhr in der europäischen Gesellschaft, der zum Anstieg der Anti-Kriegsbewegung nach 1980 geführt hat, bedeutet den Anfang einer Bewußtseinsbildung. Die Bedrohung durch den Krieg ist nicht einmal für sie aufgehoben worden, sondern nur zeitweilig aufgeschoben. Der Kapitalismus hat diese Gefahr nicht beseitigt, und er kann sie auch nicht beseitigen.
Es wäre ganz schön, wenn die Arbeiter einfach im Interesse anderer große Kämpfe auf sich nähmen. Aber so eine naive Vorstellung hat nichts mit Marxismus zu tun. Die Arbeiterklasse wird mächtige Kämpfe führen und letztlich Revolutionen machen, weil sie für ihre Interessen kämpft. Das Eigeninteresse von sozialen Klassen muß in speziellen geschichtlichen Augenblicken mit den Interessen aller übereinstimmen. Diese Übereinstimmung bezeichnet die historisch fortschrittliche Rolle von Klassen. Von 1968 an, nochmehr seit 1975 erkannten die Arbeiter in den imperialistischen Ländern, daß sie härter und härter kämpfen müssen, um ihre Arbeitsplätze, ihren Lohn, ihre Gesundheitsversorgung und ihr demokratischen Rechte zu verteidigen. Nun glauben einige von ihnen das erste Mal seit vielen Jahren, daß sie für ihr und ihrer Kinder Recht auf Leben kämpfen müssen. Diese Verbindung wird 1983 in Westeuropa bedeutende politische Kämpfe hervorrufen.
* Im Dezember 1982 bekam die Bewegung gegen den Atomrüstungswettlauf und gegen die Einrichtung einer großen Basis für Cruise Missiles in Comiso auf Sizilien neuen Schwung; sie unternahm eine ganze Reihe von Aktionen und begann gleichzeitig eine Strategiediskussion.
Der lange Marsch von Mailand bis Comiso ging am 18. Dezember mit einer Großkundgebung auf Sizilien zu Ende. Auf seinem Weg hatten massive Aktionen vor allem in Piacenza, Parma, Florenz und Rom stattgefunden. Ein weiterer Demonstrationszug, der von Catania (Sizilien) ausgegangen war, endete am 23. Dezember mit einer großen Kundgebung; ihn hatte das permanente internationale Friedenscamp organisiert, das sich auf dem Flughafen von Magliocco in der Nähe der Basis von Comiso niedergelassen hat. Im selben Monat führte Edward P. Thompson, einer der Sprecher der britischen und europäischen Friedensbewegungen, eine Tournee durch Sizilien durch, die auf erhebliches Echo stieß. Er wandte sich insbesondere an die italienische Gewerkschaftsbewegung und drängte sie, am Kampf gegen die Militärbasis vom Comiso teilzunehmen. Zu erwähnen wäre auch ein Hungerstreik gegen die Raketen, an dem neben Aktivisten der italienischen, britischen, deutschen und niederländischen Friedensbewegung auch der sizilianische KP-Führer Cagnes teilnahm. Das wichtigste neue Element in diesen letzten Wochen war indes die Initiative einer Anzahl von linken unabhängigen Senatoren (die mit Unterstützung der KP gewählt worden waren), daß das Parlament die Regierung zwingen solle, eine nationale Volksbefragung in der Frage, ob die Raketen in Comiso stationiert werden sollen, durchzuführen.
Ihren großen Aufschwung hatte die Anti-Kriegs-Bewegung mit der Demonstration von 250.000 . Leuten am 24. Oktober 1981 in Rom bekommen. Der Beschluß der italienischen Kommunistischen Partei (PCI), sich in dieser Frage zu engagieren, hatte viel zu diesem Erfolg beigetragen. Die PCI befürchtete nämlich, daß sich eine Massenbewegung nach dem Vorbild der Bewegungen in Nordeuropa entstehen könnte, die nicht von ihr kontrolliert wird und Positionen einnimmt, die ihr zu antiimperialistisch sind. Außerdem wollte sie der Sozialistischen Partei (PSI) eins auswischen, die bedingungslos NATO-Treue an den Tag legt. Und sie wollte endlich eine Bewegung haben, in die ihre eigenen Mitglieder voll einsteigen können, damit sie endlich nicht mehr so gelähmt und isoliert sind wie in der Periode nach dem »historischen Kompromiß«. Deshalb trug die PCI auch einiges dazu bei, daß eine Million Unterschriften für die »Suspendierung« des Comiso-Projekts zusammenkamen. Die PCI ruft nämlich nicht klar und eindeutig gegen die Stationierung der Raketen auf, sondern zur »Suspendierung« der Stationierung im Rahmen allgemeiner »Verhandlungen«.
Nach der großen Demonstration von 1981 indes trat die Friedensbewegung das ganze Jahr 1982 hindurch ziemlich auf der Stelle. Auf der Demonstration gegen Reagan im Juni waren viele Leute, aber nicht so viel wie im Oktober 1981. Das Engagement der PCI hatte nachgelassen, denn ihre Sorge war, daß die Regierung Spadolini ihr Gleichgewicht behält und es nicht zu vorgezogenen Neuwahlen kommt. Andererseits traten zwischen den beiden wichtigsten politischen Komponenten der Bewegung Melnungsverschiedenheiten zutage. Auf der einen Seite nämlich gab es die Kräfte unter der Hegemonie der PCI, darunter die PdUP (= Partei der proletarischen Vereinigung, eine zentristische Gruppe links von der PCI mit Leuten wie Lucio Magri und Rossana Rossanda, deren Zeitung Il Manifesto eine wichtige Rolle spielt), welche ihre Aktion eindeutig als Sache der Arbeiterbewegung sieht, aber die Bewegung »vertikal«, also von oben organisieren will, zum Beispiel indem sie das Komitee vom 24. Oktober vorschob, ein Kartell von politischen Führern und bekannten Persönlichkeiten in Rom. Die Leute dieser Strömung setzten sich auch dafür ein, jegliche anti-imperialistische Dynamik, die über allgemeine Appelle zum Frieden und zu Verhandlungen zwischen den beiden »Supermächten« hinauszugehen drohte, abzubremsen. Im Juni 1982 zum Beispiel machte die Demonstration anläßlich des Reagan-Besuchs in Europa vor der amerikanischen und der sowjetischen Botschaft halt. In einem Artikel der PCI-Zeitung Unitá vom 4. Juni schrieb Fulvio Papi, »in der Strategie der beiden Supermächle (...) wird der europäische Raum nach und nach als Freifeld für die atomare Eskalation angesehen«. Die PCI-Führer setzten auf die Europäische Gemeinschaft: sie müßte mit Unterstützung der Friedensbewegung fähig sein, die Supermächte so weit zu bringen, daß sie »in positiver Art und Weise verhandeln«. Die PCI geht sowieso davon aus, daß sie die »Realität« der NA- TO akzeptiert, und sie fordert nicht, daß Italien anş diesem Bündnis ausschert. Auf der anderen Seite waren die »alternativen« Kräfte oder die Anhänger der »direkten Aktion«, nämlich Unabhängige, Mitglieder der Radikalen Partei (PRI) und des Bundes der Kriegsdienstverweigerer
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(LOC). Ihre Haltung dazu, welche »Verantwortung die Supermächte« bei der Aufrüstung tragen, ist imgrunde auch nicht anders, aber sie drängen darauf, daß endlich eine richtige Aktion gegen die Raketen gestartet wird. Deshalb nahmen sie am internationalen Friedenscamp bei Comiso teil. Außerdem gibt es ein Netz von Friedenskomitees; aber das ist ziemlich beschränkt, weil diese Komitees für einseitige Abrüstung eintreten und betonter anti-imperialistisch sind. Deshalb bilden die wichtigsten politischen Kräfte der Linken lieber Aktionseinheiten auf gesamtitalienischer Ebene wie das Komitee vom 24. Oktober, um Mobilisierungen zu organisieren. Indes kommt es oft vor, daß die Basismitglieder der PCI, insbesondere Jugendliche, in der Friedensbewegung mitmachen und dort oft eindeutigere anti-imperialistische Positionen einnehmen als ihre Füh rungen.
Unsere Genossinnen und Genossen von der Lega Communista Rivoluzionaria (LCR, italienische Sektion der Vierten Internationale) spielen eine aktive Rolle in der Friedensbewegung. Sie sehen zwei Gefahren: daß man einerseits die große Rolle. welche die Arbeiterbewegung bei der Mobilisierung spielen muß, anerkennt, aber aus diesem Grunde nicht dafür eintritt, daß ak tive Komitees geschaffen werden, und man deshalb jegliche Initiative, die nicht von der Spitze der Apparate kommt, ablehnt. Dali man andererseits es ablehnt, sich so lähmen zu lassen, aber daraus die Schlußfolgerung zieht, daß nur mit mehr oder weniger spontanen Aktionen, die direkt aus dem Milieu der Anti-Kriegs-Aktivisten kommen, ein politischer Erfolg errungen werden kann, ohne die aktive Teilnahme der Arbeiterbewegung also.
Die LCR unterstützt alle Initiativen zum Aufbau der Friedensbewegung, auch wenn man sich Illusionen über die Effektivität direkter Aktionen machte wie im Falle des internationalen Friedenscamps. Aber sie ist der Ansicht, daß man, wenn man die Stationierung der Raketen in Comiso verhindern will, um den Aufbau einer nationalen, zentralisierten und massiven Kampagne nicht herum kommt. Die PCI lenkt nur ab mit ihren Aufrufen zum Frieden und ihren Aufforderungen an die Großmächte, sie sollten endlich ernsthaft verhandeln. Es ist von größter Wichtigkeit, daß die Arbeiterbewegung fordert, die für die Stationierung der Raketen notwendigen Bauarbeiten einzustellen. In dieser Hinsicht stellte das nationale Treffen der Friedenskomitees am 22. und 23. Januar in Rom eine wichtige Etappe für die Bewegung dar, denn hier wurden die Perspektiven für das Jahr 1983, in dem die Raketen in Comiso stationiert werden sollen, diskutiert. 700 Delegierte aus den Komitees nahmen daran teil. Unter anderem sprachen sie sich dafür aus, den Vorschlag der »linksunabhängigen«• Senatoren, eine Volksbefragung zu organisieren, zu unterstützen. Die Versammlung beschloß, zu einer Demonstration in Rom am 5. März aufzurufen, weil an diesem Tag im Parlament der Verteidigungshaushalt debattiert wird Die Initiative der linksunabhängigen Senatoren, dem Parlament dringend an- Niederlande: