Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bolivien

Die Diktatur krankt an ihrer Arbeiterklasse, 6. Dezember 1981

· Inprekorr Nr. 1 (140), 21. Januar 1982 · S. 23-25 · 1.980 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Gewerkschaften und Streiks

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Die Diktatur krankt an ihrer Arbeiterklasse - von Vincent Kermel, 6. Dez. 1981 Die bolivianische Arbeiterklasse hat die Einsetzung der neu- Dieser Entschlossenheit der Arbeiter entgegnete die Regierung mil en Regierung des Oberbefehlshabers des Heeres, General der militärischen Besetzung der Bergwerkszentren und der Verhaf- Celso Torrelio Villa, nur zwei Monate nach deren Amtsan- tung der Gewerkschaftsführer. Daraufhin dehnte sich der Streik tritt auf thre Weise begrüßt. aus, und eine breite Solidaritätsbewegung wurde auf die Beine gestellt.

Ende Oktober forderten die Arbeiter der Zinnmine von Huanuni (270 km südlich der Hauptstadt) die Diktatur zum Der Streik der Bergarbeiter dehnte sich auf neue Sektoren aus und ersten Mal heraus, indem sie auf einem - im Untergrund radikalisierte sich zugleich. Die Machthaber waren zweifellos von den hierin liegenden Gefahren überzeugt, denn Ende November stimmten sie dem Kompromiß zu, den die Spitze der katholischen für die Beziehungen zu den Arbeitem". Kirche vorgeschlagen hatte.

Putsch vom 17. Juli 1980 von den Militärs eingesetzt worden Indes traten am 14. Dezember 1981 zwei Dutzend Arbeitertührer

Santa Cruz und Cochabamba in den Hungerstreik, um Nach fruchtlosen Verhandlungen mit den Regierungsvertretem die Gewerkschaftsfreiheit endgültig durchzusetzen. traten die Bergarbeiter von Huanuni am 12. ter hatten sich bereits an die Tausend Bergarbeiter dem Hunger- Streik, womit sie das rentabelste Bergwerk des Landes lahm- streik angeschlossen, und andere Arbeiter - wie die 800 Beschäflegten und der COMIBOL (Corporacion Minera de Bolivia - tigten der größten Schuhfabrik von Cochabamba - legten ihre Arstaatliche Bergbaugesellschaft Boliviens) einen Verlust von 200 000 Dollar pro Tag verursachten.

Als die Machthaber die Gewerkschaftsführer der "Sabotage" Durch eine anliche, von den Frauen verhafteter Bergarbeiter aus eriet in Panik: vor genau 5 Jahren war die Diktatu an der Volkswirtschaft und der Anstiftung zu einer "Opera- gehenden Bewegung in ihren Grundlagen erschüttert worden und hattion des internationalen Kommunismus" beschuldigten, er- e damals die Freilassung der jahrelang Verhafteten und Verbannhielten sie von der Vollversammlung der Bergarbeiter von ten sowie die Gewerkschaftstreiheiten zugestehen müssen. Jetzt Huanuni die Antwort: "Wenn die Herrschenden unsere Füh- war es noch einmal die Kriche, vermittels derer die Regierung rer vor Gericht stellen wollen, sollen sie die 2 000 Arbei- einen Kompromiß abschloß: die neugeschaffenen Gewerkschaftster von Huanuni vor Gericht stellen, denn wir unterstützen strukturen werden innerhalb eines Monats legalisiert, nationale unsere Führer. die wir auf einer Vollversammlung demokra- Gewerkschaftsverbände innerhalb von drei Monaten und die COE tisch gewählt haben. der nationale Gewerkschaftsdachverband, (V.K. und Inprekorr - Redaktion)

Die Streikbewegung der Arbeiter von pfunden werden, die bereits eine Ver- würdigkeit verschaffen wollten, um Huanal, welche am 12. November für ringerund der Kaufkraft um 40% seit die intemationale Isolierung der 24 Stunden in Streik traten, den Streik Beginn dieses Jahres zu tragen hat, und Diktatur zu durchbrechen. dann um 48 Std, verlängerten und ihn berge ganz massiv die Gefahr in sich, dann nach der Verhaftung ihrer Führer eine Explosion der Empörung auszu- Dieser Faktor ist durch die breite Soam 18. November in einen unbefriste- lidaritätsbewegung noch verstarkt worten Streik umwandelten, erschien an- den, welche die Mobilisierung der ranglich isoliert und ohne große Per- Die Regierung hatte nun wenige wocher Bergenommenen Verhangen der Gepektiven, hat sich aber rasch in einer vor der Streikbewegung gerade einer er wichtigsten Arbeiterkämpfe der werschaftsführer begleitet haben. Die letzten Jahre in Bolivien verwandelt. Dre Konsumating des landesm Masse der Arbeiter sowohl der privaten mit vagen Wahlversprechen und ein wie auch der verstaatlichten Bergwerke

Die 2.000 Bergarbeiter von Huanuni sind Wirtschaftsprogramm zur "Expansion und schlossen sich mit ununterbrochenen für die Anerkennung ihrer Gewerkschaft Moden sin dem wie sil von den eschen Modemisierung der Anlagen rotierenden Streiks der Aktion ihrer eine Lohnerhohung, Kolegen aus Huanuni an. Von San pfehlungen des IWF angeregt wurden, Josè über Siglo XX und die Bergwerke und die Wiedereinstellung der aus po- ein großer Platz einreräumt wird. Die im Süden bis Catavi dehnte sich die litischen Gründen entlassenen Arbeiter Regierung des Generals Celso Torrello Bewegung wie ein Lauffeuer aus. in den Kampf getreten. Ihre Aktion Villa bekräftigte darin von neuem drückte außerdem von Anfang an die Den Bergleuten stand die katholische Ablehnung der Politik der "Entnatio- egie der natonalen sicherheit aut na- Hierarchie gegenüber. die letztlich nalisierung" der Schlüsseluntemehmen tionaler wie intemationaler Ebene" zu doch hinter der Diktatur stand und die des Landes aus, entwickein mit dem Ziel, Arbeiter aufforderte, "nachzudenken len Währungsfonds (IW F) als Gegen- die nationale Einheit und den und der Volkswirtschaft keinen Schaleistung für seine Wirtschaftshilfe ge- Prozeß kostitutioneller Reform zu er- den zuzufügen. * Die Regierung lehnte fordert wird. "Le Monde" vom 27. halten" ("Latin America Weekly Re- ihrerseits jegliche Verhandlung ab und Oktober 1981 schrieb, die Forderungen port", 13. Nov. 81). versteifte sich auf eine Haltung, die man den offenen chen sektors darauf abzielte, die Streikenden zu man den öffentlichen Der von den Bergleutem von Huanuni kriminalisieren, Die Führer der Berg- arbeiter wurden der "Sabotage" bezichtet und für 30% der Beschäftigten Arbeits- Und am 18. Novwmber wurden Armee losigkeit in Kauf nehmen und die Sub- • dem die neue Regierung.

ventionen hauptsächlich für die der eine Vielzahl von demagogischen Er- und Polizei in Begleitung von parami- Gasflaschen und die in den "pulperias" Klärungengegen die Drogenhändler los- litärischen Gruppen in die Berbauzen- (Versorgungszentren der Bergwerke) ver- lies, und die Repräsentanten der Un tren geschickt, Lebensmittel abschaffen. Und temehmerschaft in Form des Gesamtver- In der Nacht vom 18, auf den 19. die Sonderkorrespondentin dieser Zei- bands der Privatuntemehmer (Contedetung in La Paz machte die Prophezeitung. racion de los Emprededores Privados- November wurden die Wohnungen der derartiges "Programm werde von CEP) - Hand in Hand mit der Kirch- Gewerkschaftsführung und von Arbeitem der Bevölkerung als Provokation em- lichen Hierarchie - im Ausland Glaub- durchsucht, Über 115 Gewerkschafts-

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funktionäre und Arbeiter wurden verhaftet und umgehend nach La Paz überführt. Unterdessen nachmen die paramilitärischen Sruppen sich die Behausungen und die Familien der verhafteten Gewerkschafter und Arbeiter vor. Dann ordnete die Regierung für die Bergbauzentren eine Ausdehnung des Ausnahmezustands an. Statt 1 Uhr bis 6 Uhr morgens dauerte er von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Die Bergbauzentrer wurden von den Repressionskräften umstellt, und es wurde eine regeltechte Blockade verhängt. Die Versorgung mit Sotten a mich wolten de c- Strom, Nahrungsmitteln, haber die Bewegung eindämmen und die im Kampf stehenden Bergarbeiter in die Kniee zwingen.

Anstatt daß diese Repression die Bergarbeiter aber isoliert und entmutigt häkalisienne zures kampfes und zura- Solidarisierung in der Bevelkerung • in der Bevölkerung geworden, Innerhalb von wenigen Tagen standen 40-000 Arbeiter im Streik. Die 3.000 Arbeiter der ENAF (Aufarbeitung des Rohzinns), die Arbeiter der Mëhrzahl der Untemehmen in der lidaritätsaktionen, die vom 2 Std. bis zum unbefristeten Streik reichten. an die Seite der Bergarbeiter. Die Bauembewegung solidarisierte sich ebenfalls mit dieser breiten proletarischen Bewegung. Der Gewerkschaftliche Eonheitsgesamtverband der bolivianischen Bauern (CSUCB-Confederacion Sindical Unida de los Campesinos Bolivianos) hat Lebensmittellieferungen organisiert und seine Anhanger zur wachsamkeit gegenüber drohender Repression autgeruten. Parallel hierzu dehnten sich die von den streikenden Sie erklärten sich auch mit dem Kampf Truppen aus den Bergbauzentren aus. der Studenten um Univeritätsautonomie solidarisch.

Aufgrund seines Umfangs und des Charakters der Forderungen begann sich dieser Streik in einen richtig chenden politischen Streik gegen die Diktatur zu verwandeln, Dies um so mehr, als die Militärs nach wie vor dabei blie- Arbeitsminister erließ am 23, solidarine stords lieger sind. die Regierungspropaganda wurde dieser Streik "vom Internationalen Kommunismus geschürt, der Bolivien nicht in Frieden lassen will" . Zu Drohungen in dieser Art: "Wenn sie innterhalb von sechs Tagen nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren, werden Sie Ihre Stelle verlieren und werden Sie weder Jahresprämie noch Pro Juktionszulage erhalten", kamen unterschiedliche Maßlahmen zur Einschüchtering hinzu- Entlassungsschreiben der COMBIOL ar Weitere Informationen über die Entwicklung in Bolivien enthalten folgende Artikel , der Zeitung der "Sozialistischen Arbeiterpartei" (Schweizer Sektion der Vierten Intemationale): - Bolivien nach acht Monaten Militärherrschaft - Vor einer neuen langen Diktaturperiode › in Nr. 177 vom 30. März 1981: - Gespräch mit Rodrigo Cuellar von der Leitung der POR-Combate: Das Putsch-Karussel auf dem Rücken der Armen, in Nr. 186 vom 7. Sept, 1981. die Streikenden, Lebens nittelblockade. Gewiß macht die Einstellung des Streik weitere Verhaftungen, Tiefflüge von der derh, mee dieser in oligen ziel Flugzeugen der Luftwaffe über Bergbauzentren usw. Die Diktatur gritt lisierung fehlte. In Anbetracht einer sogar auf grobschlächtige Provokation- UDP (1) die kaum mehr den Anspruch um zu versuchen ihre rep- auf die Führung der Arbeiterbewegung ressiven Maßnahmen zu rechtfertigen. "Regierung ewalt in alle si bee erhebn kann und einer PS-1 (2) die es Jorge Agult Tean fu lice rechtexe sorge eite Teran tur the rechtete sein Bewenden haben ließ, war die Mobilisiertremen Ansichten b• kannt sind. Ob es ung in gewisser Weise paralysiert. sich nun um die Auswirkung von Kămpfen zwischen Cliquen innerhalb der Die Regierung von Celso Torrelio Villa Armee oder eine von vore bis hinten konnte sich aus der Affäre ziehen, ineingeladelte Provokation handelte, je- dem die Verhandlung und Repression lentalls mußte der General Eden Ca- wohlabgewogen dosierte. Es gelang tillo zugeben, daß die Regierung er- ihr, die rechteren Sektoren der Armee staunlich gut wisse, aut wen diese Tarn hinzuhalten, um ihre ultrarepressiven zurückgingen... Projekte hanz massiv voranzutreiben. Zweifelsohne wird der neue amerika- Die Mobilisierung erreicht ein sehr ho- nische Botschafter in La Paz, Edwin hes Niveau. Den Streikenden in den filr die kleine Bürgschaft begluckwünscht den General Torrilo Celso Villa Bergbauzentren stärke eine breite Solidaritätsbewegung den Rücken. Die Stu- haben, die er in bezug aut seinen wildenten hielten zahlreiche Informations- len, das politische Leben "moralischer versammlungen und Demonstrationen zu gestalten", gegeben haben. aD. gegen die die Polizei eingesetzt In allen Distrikten des Landes, in Dennoch ist den Militärs mit diesen 13 den jeweiligen Zentren der Arbeiter. Streiktagen nach anderthalb Jahren Studenten und Bauernorganisierten sich Diktatur ein bedeutendes Zugeständnis Basiskomitees. Am 23. November begann abgerungen worden: die faktische Anerüber ein dutzend Frauen - Mütter, Frau- kennung der Gewerkschaftsorganisation en oder Schwestern der 25 inhaftierten und der Delegierten, die sich die Ar- Arbeiter- in den Bilros des Erzbistums Diese Errungenschafft, So zerbrechlich beiter von Huanuni und der UNO in La Paz einen Hungerstreik, um unter dem Motto "Lieber und bescheiden sie auch sein mag, wird sterben - denn als Sklaven leben !" die zweitellos einen Testwert haben und der Freilassung der gefangenen Gewerkschaf- Arbeiterbewegung insgesamt als Vorter durchzusetzen. bild dienen. Die Regierung griff daraufhin auf die Vincent Kermel Vermittlung i ler katholischen Hierarchie 6. Dezember 1981 zurück, um zu versuchen, mit der Beweilen am zu werden.

November arbeiteten die Repräsenten der Kirche einen Kompro des Streis, die Freilassung dee der die Einstellverhafteten Gewerkschafter, der Repressionskräfte aus den Bergbaucentren und die Bildung einer Kommision für das Studium der Anerkennuns der Gewerkschaft und der Erhöhung der Löhne " beinhaltete. In Anbetracht der Ausdehnung und der Radikalisierung ciner Streikbewegungpag kostete, die sie etwa eine Million Dollar am vor allem auf eine massive Infragestel, ung der Diktatur hinauszula fuen war die Militärregierung recht glück- (1) UDP - Union democratica popular lich, den Ausweg beschreiten zu kön- (Demokratische Volksunion): von bürder sich ihr dank dem Schritt der gerlichen Politikem und reformistischer Kirche anbot. Arbeiterpartelen, im wesentlichen dem MIR (Movimiento d Izquierda Revolu- Am 24. November beschlossen die tonario - Bewegung der Revolutionären Bergarbeiter nach der Freilassung der Linken) und dem PČB (Partido Comuni - Verhafteten ihre Bewegung auszu- sta de Bolivia - Kommunistische Partei etzen und den von der Kirche vorge- Boliviens Moskauorientiert) aus Anlaß schlagenen Kompromiss zu akzep- der Präsidentenschaftswahlen vom Juni tieren. 1980 gebildeter Wahlblock, (2) PS-1, Partído socialista- uno: eí- Unsere Genossen von der POR in Bollvien brauchen für die Herausgabe und Verbesserung In der BRD: Konto Wemer Hülsberg. Frankfi Stichwort: Bollvien.

dessen wichtigster Führer Marbate weitergeleitet. Putsch im Juli 1980 ermordet wurde. celo Quiroga Santa Cruz war, der beim irt/M., PSchA Köln 45 05 59 - 502,

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