Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kolumbien

Arbeiterkämpfe und bevorstehende Wahlen, 27. November 1981

· Inprekorr Nr. 1 (140), 21. Januar 1982 · S. 25-27 · 1.874 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Gewerkschaften und Streiks

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Arbeiterkämpfe und bevorstehende Wahlen - von Jean-Pierre Beauvais, 27. Nov. 1981 1982 - das wird in Kolumbien das Jahr der Präsidentschafts- Land oder in den städtischen Zentren den bewaffneten Kampf führen, die "Fuerzas Armadas Revolucionarias Colombianas"

(FARC = Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und die Kandidaten bereits bestimmt: den ehemaligen Präsidenten M - 19.durch punktuelle militärische Aktionen von zunehder Republik Alfonso Lopez Michelsen (1974-1978). Die Kon- mender Kühnheit zu Faktoren geworden, die die Krise verervative Partei schickt sich an, ihren Kandidaten zu nomi- schärfen..

wahrscheinlich Belisario Betancour, der bereits bei der vorhergehenden Wahl 1978 kandidiert hatte. Welche Taktik ihnen gegenüber einzuschlagen ist - verstärkter Einsatz des Militärs, um zu versuchen, sie zu zerschla- Von dieser scheinbaren Kontinuität in Bezug auf die Kandi- gen, oder Bemühungen um einen Dialog - ist jetzt bereit: daturen sollte man sich nicht irreführen lassen. Die beiden eine Frage, die bei den Manövem im Vorfeld der Wahler großen traditionellen Parteien der kolumbianischen Bourgeoi- eine Rolle spielt. Aber es ist klar, daß in diesem Punkt wie sie machen eine tiefe Krise durch. Die Entscheidung für Al- in vielen anderen nichts ohne das Einverständnis der Militärs fonso Lopez Michelsen hat die Konflikte zwischen den Clans geschehen kann.

und Cliquen innerhalb der Liberalen Partei noch weiter verdaß ein anderer ehemaliger Präsi- Sie sind es. die entscheiden; das ist im übrigen die Bedindent der Republik, Carlos Lieras Restrepo (1966-1970) auf gung. mit der die demokratische Fassade steht oder fallt. Spaltungskurs ging. Er kündigte an, er werde keinesfalls für Alfonso López Michelsen stimmen, und drohte damit, Die gesamte Wirtschaft des Landes steckt in einer tiefen Krieinen anderen Kandidaten aus dem Lager der Liberalen zu Deren Auswirkungen auf weite Teile der Bevölkerung sind dramatisch: sie sind in äußerstes Elend gestürzt worden.

Zwei Zahlen belegen das: es wurden 700 000 Kinder unter Diese Situation zeigt wieder deutlich, wie schnell das ko- ünf Jahren gezählt, die an schwerer Unterernahrung leiden lumbianische politische System zerfällt, eine formale bür- ind die Sterblichkeit ist bei Kindern auf 64 von 1 000 Ge gerliche Demokratie. die Tag für Tag formaler wird. burten angestiegen, eine der höchsten der Welt. Die Amtszeit von Turbay Ayala geht in einem Klima tota- Unter diesen Umständen ist zu verstehen, daß die tagtäglileben der demokratischen Institutionen" hat er einen großen Im Namen des "Kampfs für das Über- chen Anzeichen für die Zersetzung des Systems nur Zynismus und Desinteresse hervorrufen.

Teil seiner Vollmachten in der Praxis an die Militärs abgegeben. Diese haben freie Hand, um nach Belieben Massen- Der zweite "paro cívico nacional" ( = "nationale Arbeitslie linken Organisationen, die Gewerkschatten, die einstellung der Bürger", also Generalstreik) vom 21. Oktober bewegungen und - selbstverständlich - die Guerilla repres- 1981 hat - trotz einer massiven und brutalen Repression siv vorzugehen. Das gegenwärtig geltende "Sicherheitsstatut" einen deutlichen Wiederanstieg der Mobilisierungen und der erlaubt es ihnen, nahezu jedermann ohne Urteil und ganz Kampibereitschaft der Arbeiter angezeigt. Nun ist es die legal in Haft zu halten. ob die kolumbianischen Werktätigen bei den bevorvor allem beim Präsidentschaftswahlkampf, Vor diesem Hintergrund sind die Organisitionen, die auf dem ihre Stimme zu Gehör bringen und ihre Forderungen selber vertreten können.

Das wesentliche Merkmal der kolum- Hierachie sowie mit der Konservativen - schließlich die christliche-demokra- Dianischen Arbeiterbewegung ist ihre Partei verbunden; sie erklärt, sie habe tische "Confederacion General de Unterordnung unter Parteien, jetzt diehöchste Mitgliederzahl. Traba jadores" (CGT - Allgemeiner Argen und Persönlichkeiten der Bourgeoi- beiterverband).

sie. Die Werktätigen sind seit mehrer- - die "Confederacion de Trabajadores en Jahrzehnten jeglicher politischen de Columbia" (C STC - Gewerkschafts- Außer diesen vier Zentralverbänden Klassenunabhängigkeit beraubt und verband der Arbeiter Kolumbiens), gibt es zahlreiche unabhängige Versomit- trotz ihrer zahlreichen Kämpfe 1964 infolge des Ausschlusses der Mit- bände, von denen nur weníge national und Mobilisierungen - zumeist auf glieder der Kolumbianischen Kommu- organisiert sind. die Rolle ohnmächtiger Zuschauer bei nistischen Partei (PCC) aus der CTC den Kombinationen und Streitigkeiten entstandenist; zwischen Politiker und der Bourgeoisie zurückgedrängt. Sie sind politisch ind ideologisch entwaffnet, auf ge- DER ERSTE GENERALSTREIK 1977 werkschaftlicher Ebene gespalten und als vier Gewerkschaftsverbände. Aliens rem des biete der spoliger Das veranlaßte die Gewerkschaftszentralen dazu, ihre Kräfte zusammenzu- - die "Confederacíón de Trabadadores Jahre beschleunigte, erlunten die Ar- tun, um den Kampf um die wichtig- Colombianos" (CTC - Dachverband beiter- und Massenkämpfe einen rich- sten wirtschaftlichen und demokrat der kolumbianischen Arbeiter), früher tiggehenden Neuaufschwung. Dieser schen Forderungen in einem einheitdie Einheitsgewerkschaft des Landes: Prozeß gipfelte in "paro cívico na- lichen Rahmen zu führen. Sie stellten ine ganze Reihe ihrer Führer stehei cional" - praktisch ein Generalstreik damals einen gemeinsamen Forderer Liberalen Partei nahe vom 14. September 1977. Außer der ungskatalog auf 1 verstärkten den Na- Mobilisierungsfähigkeit zeigte der tionalen Gewerkschaftsrat (CNS) als - die "Unión de Trabajadores de einen bei den Werkta- einheitliche Führungsstruktur und Columbia" (UTC - Arbeiterunion Ko- tígen allgemein verbreiteten Willen strebten als längerfristige Perspektive konfessionell eingestellt mit der Gewerkschaftsspaltung Schluß eines zweiten paro cívico nacional" und mit Sektoren der katholischen zu machen und die Einheit aufzubauen. an.

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Es schien so, als sei ein neues Kapitel in der Geschichte der kolumbianischen Arbeiterbewegung autgeschlagen worden. Dies um so mehr, als diese Entwicklungen verbunden waren mit der der imple und ou deren 15% zum Beispiel gingen die bedeutendster Arbeiterkämpfe in die hunderte. Sich an le beiden roben parteien ler Bourgeoisie gebunden sina, cine Campagne für die Bildung einer auf den Gewerkschaften aufgebauten Ar• beiterpartel. Aber dabei blieben sie stehen;sie ergriffen keine konkreten Maßnahmen, die in diese Richtung gegangen wären, Dennoch nahmen einige Gewerkschaften die einem dieser beiden Zentralverbände angeschlossen sind, eine konsequente Haltung ein. Sie stellten diese Forderungen systematisch auf und und verknüpften sie konkret mit den laufenden Kämpfen und Mobilisierungen. Dies war insbesondere der Fall bei der "Union de Trabajadores de Santander" (UTRSAN, Arbeiterbund von Santander), die von der UTC angeschlossen ist, und der "Federacion de Trabajadores de Cundinamarca" (FETRACUN - Verband der Arbeiter von Cun dinamorca), die der CTC angeschlossen sind.

Die Fortschritte bei Aufbau der Gewerkschaftseinheit, die von dem Erfolg des ersten "paro civico nacional" Gewerkschaftsapparaten auf den Plan, aus den standig schwieriga werdenden Bedingungen tür die Arbeiterkämpfe Nutzen zu litik der Regierung führten - durch die Kombination - zu teilweisen Rückschlägen für die Arbeiterbewegung. code amige er nat er enti lichen Ausrufung eines zweiten "paro civico nacional' verhöhnte, im Laute der ersten Monate dieses Jahres auf die reaktionärsten Aspekte ihrer christlich demikratischen Tradition zurück. Sie Verband sich mit einem rechten Sektor, der mit der UTC gebrochen hat, der "Union de Trabajadores de Cundinamarca" (Arbeiterunion von Cundinamarca), unterstützte die Junta der Militärs und der Christdemokraten in El Salvador und durchbrach praktisch die Gewerkschaftseinheit. Durch ihre spăteren Manover mit der Regierung im Rahmen eines angeblichen Dialogs zwischen Unternehmern und Arbeitern stellte sie sich in der Gewerkschaftsbewegung auf die äußerste Rechte. zweiten "paro cívico nacional" am 21. Okt, startete Präsident Turbay Ayala zahlreiche neue Manöver. Er suchte die Gewerkschattsspaltung zu vertielen unc die Arbeiter zu demobilisieren, indem er Untemehmerverbänden und Gewerkschaften am 10. Okt, den Vorschlag un- Doch neralstreik aufrieten, ließen sich von diesen Sirenentönen verführen. Dann griff die Regierung auf ihre traditionelle Waffe zurück: die Repression. 2.500 Personen im ganzen Land präven tiv verhaftet, in der Mehrzahl Führer und Mitglieder von Gewerkschaften und linken Parteien. Die Städte wurden unter Militärkontrolle gestellt und von der Truppe umstellt, die Universitäten geschlossen. Mit aktiver Komplizenschaft der Massenmedien wurde bewußt ein Klima der Panik geschaffen: es war sogar von spektakulären Aktionen die Rede, die die Guerilla plane und die sich am Streiktag abspielen sollten.

In aller Eile wurde ein Regierungsde kret erlassen: es sah schwere Strafen tur jeden vor, der zur Arbeitsniederlegung aufruft oder diese anstiftet, und genehmigte die umgehende Entlassung all derjenigen, die am Tage des "paro nich an ihrem Arbeitsplatz erscheinen. Zudem wurde allen Gewerkschaften, DER ZWEITE GENERALSTREIK AM 21. OKT. 1981 Am 28., 29. und 30. August dieses Jahres wurde ein "Nationales Gewerkschaftsforum" organisiert. Diese einheitliche Versammlung von Gewerkschafter, die aus dem ganzen Land Eber me en suren zweiten der "pard civico" diskutieren, Im Zuge der Vorbereitung dieses Forums begann die UTC, weil sie fürchtete, es werde zu einem Faktor neuen Auftriebs fur in Richtung Einheit werden, zum Nationalen Gewerkschaftsrat (CNS) auf gierung mit wachsendem Nachdruck • von sich gaben.

Nachdem der Aufur zum zweien para civico" herausgegeben war, ging nun die Führung der CTC auf einen • Kurs der Spaltung und des Verrats, Sie erzichtete vor dem Druck der Re• gierung darauf, zum Generalstreik aufzurufen.

• Trotz der Rückkehr zu der alten Gespaltenheit war das Nationale Ge- Obrero Independiente Revolucionario - Unabhängige Revolutionäre Gewerkschaftsbewegung), die bedeutendste maoistische Organisation in Kolumbien, dort ausübte. Diese trat mehr denn je als beflissenes Sprachrohr für die Positionen der chinesischen Bürokratie auf und machte alle Wendungen und Windungen mit. Sie erlitt nun eine bedeutende Abspaltung, die sie stark schwächte. Und die Organisation, die aufgrund dieser Spaltung entstanden ist, der "Partido del Trabajo de Columbia" (PTC - Partei der Arbeit Kolumbiens). hat allgemeinen viel fortgeschrittenere Positionen als der MOIR.

Es muß erwähnt werden, daß zu dieser "unabhängigen" Gewerkschaftsbewegung u.a, die 200.000 Lehrer im Kolumbianischen Erzieherverband (FECODE) ind 5.000 Beschäftigten der Erdölindustrie gehören, die in der Gewerkschaft ECOPETROL zusammengeschlossen sind, welche beim Zustandebringen des Aufrufs zum zweiten "paro cívico" eine bedeutende Rolle gespielt hat. In Anbetracht dieses Aufrufs für den die zum Streik aufriefen, angedroht, sie würden fur außerhalb des Gestzes stehend erklärt.

Trotz alldem fand der Generalstreik sta statt. Im ganzen Lande wurde das Trasportwesen nahezu vollständig lahmgelegt. Der Handelsumsatz ging un 50% zurück, während etwa 30% der- Fabriken und Werkstätten vollständig stillstanden, Es war ein Tag, in dessen Verlaufe eine massive Ablehnung der Regierung Turbay Ayala und deren Politik zum Ausdruck kam. Sogar in den Jntemehmen, wo die Beschäftigter aus Angst vor Entlassungen zur Arbeit kamen, wurde die Produktiom vielfach restört bzw. ist erheblich gesunken. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, Häufig gab es Zusammenstösse mit der Polizei. Oft waren es Studenten, die sich - wie in Medellin und in Paranquilla - mobilisiert hatten, Unter diesen Umständen ist dieser Tag des "paro" - gleich was die offiziellen Verlautbarungen hierzu sagen - für die kolumbianische Arbeiterbewegung ein Erfolg gewesen. Dessen Auswirkungen machen sich auch jetzt noch bemerkbar.

NEUE LAGE IN DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG werkschaftsforum ein Ereignis von allergrößter BedeutnaBhängigen" Ge- , Insbesondere lie sogenannten werkschaften traten dort als eine kämpferische und zunehmend ins Ce oft für ma- Jerungen eingetreten, so haben sie ir der Jüngsten P rode einen tiefen Wandel durchgemacht. Praktisch sind ste ihr wesentliches Problem losgeworden: der Einfluß, den der MOIR (Movimiente Es wurde jetzt klar für jedermann, daß Turbay Ayala und seine Regierung in der Bevölkerung jegliche nennenswerte Unterstützung verloren haben, Die Stärke der Forderungsbewegung und des Streiks - und dies trotz einer sehr zahlreiche Gewerkschaften, die der UTC UTC und der CTC angehören, an erster Stelle die UTRASAN und die FETRACUN bei der Mobilisierung eine wichtige ihrer jewelligen Zentrale zu halten. Der 21. Okt, trug viel dazu bel, in der kolumbianischen Gewerkschaftsbewegung eine neue Lage herbeizuführen. In ihr gibt es jetzt zwei genau umrisene Pole. Auf der einen Selte organíeren die Apparate von CTC, UTC unc (Forts, auf S. 27 unten)

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