Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Oppositionsbewegung in Polen. Interview

Inprekorr Nr. 111, 25. Oktober 1979 · S. 17-21 · 3.835 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks Stalinismus und Bürokratie

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Oppositionsbewegungen in Polen

Interview

Aus „Bresche", Zeitung der RML (Schweiz), Nr. 145 v. 25.10.79 Im Januar 1979 treffen sich im Warschauer Luxus- rung auf den „Parallelmärkten" und der behördlichen hotel „Viktoria" Vertreter der polnischen Regierung Preismanipulationen -, so fällt diese Abnahme bedeuund Abgesandte amerikanischer Großbanken. Es geht tend größer aus. Die hauptsächlichen Opfer findet man um neue Dollarkredite. Kredite, mit denen allerdings in den Reihen der untersten Schichten der Lohnabhän- Polen keine neuen Maschinen und Einrichtungen kaufen gigen, v.a. der Frauen und der Millionenschar der „Arkann. Vielmehr sollen alte Kreditschulden zurückbe- beiter-Bauern". Die Arbeiterklasse in den Großbetrieben zahlt und aufgeschobene Zinszahlungen geleistet wer- sorgt mit andauernden Streiks für die Beibehaltung den. Immerhin ist die Devisenschuld der polnischen ihrer Errungenschaften. Man kann annehmen, daß sie Regierung in den westlichen Ländern auf schätzungs- durch diese Kampfbereitschaft bisher am wenigsten weise 15 Milliarden Dollar angewachsen. von der „Austerity-Politik" der Regierung betroffen In den Wintermonaten des Jahresbeginns 1979 wird worden ist.

Polen gleichzeitig von schweren Versorgungskrisen und Mit der Politik der „wirtschaftlichen Manöver" ver- Zusammenbrüchen im Transportsystem geschüttelt. sucht die Regierung, die Importe drastisch einzuschrän- Auch wenn offiziell der harte Winter dafür verantwort- ken und alles in den Export zu werfen, was irgendwie lich gemacht wird, so ist allen klar, daß die großen Un- auf den Westmärkten zu verquanten ist. Die zunehmengleichgewichte als Folge einer gescheiterten Wirtschafts- den wirtschaftlichen Ungleichgewichte haben in diesem politik der Regierung den Erschütterungen zugrunde Jahr praktisch zur Planung des „Nullwachstums" geliegen. Erstaunliche Parallelen zeigen sich zwischen der führt. Die Engpässe in der Versorgung werden mögpolnischen Entwicklung der 70er Jahre und der Bewe- licherweise sogar zu einem Produktionsrückgang führen. gung in der Tschechoslowakei, die zum Prager Frühling Doch die Stärke der Arbeiterschaft hindert die Büro geführt hat. Dort ist die politische Demokratisierung kratie daran, nochmals einen frontalen Angriff zu als konsequente Weiterentwicklung aus der „Retorm- wagen. Seit den Juni-Streiks von 1976 ist zudem eine bewegung" entstanden. Das Scheitern der .Wirtschafts- wichtige Entwicklung in Gang gekommen: die Herausin Polen unter Gierek, das wachsende wirt- bildung einer organisierten Opposition. Diese Opposischaftliche Durcheinander zeigen aber nicht weniger tion - das „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" deutlich, daß die bürokratische Macht unfähig ist, die (KOR) als berühmteste Gruppe ist nur eine der Organi- Probleme einer intensiven Wirtschaftsentwicklung auf sationen - sorgt dafür, daß ein Anfang der politischen der Grundlage technischer Neuerungen zu bewältigen. Diskussion zustandekommt und der Widerstand auch Im Gegenteil vertieft sie die Widersprüche, führt zur in den Betrieben mit einem gewissen organisatorischen Verschwendung menschlicher Arbeitskraft im Groß- Rückhalt rechnen kann.

maßstab. Ein Beispiel nur: ein Drittel aller industriellen „Die Opposition" wird in den Ländern außerhalb des Anlagen sollen nach Angaben aus unabhängigen Kreisen „realen Sozialismus" oft mißverstanden, überschätzt, heute in Polen stillstehen. Das heißt, es werden Maschi- falsch interpretiert. Sie ist notwendigerweise politisch nen und Einrichtungen dem Verfall preisgegeben, für sehr verschiedenartig, teilweise konfus und aus historideren Kauf wertvolle Devisen aufgewendet worden sind. schen Gründen schwer mit der Entwicklung der west- Die polnischen Werktätigen bezahlen heute das Schei- lichen Linken zu vergleichen. Wir glauben, daß das tern der Gierekschen Wirtschaftspolitik mit länger nachfolgende Interview einen wertvollen Beitrag zum werdenden Schlangen, knapperem Warenangebof und besseren Verständnis der aktuellen Situation und der v.a. mit der rasanten Teuerung. Im vergangenen Jahr verschiedenen Oppositionsströmungen in Polen liefern Sind die Reallöhne um fast 3% zurückgegangen. Rech- kann. Das Gespräch fand im Mai 1979 in Warschau net man realistischer - d.h. unter Einschluß der Teue-

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Interview mit W.. einem Mitglied einer kommunistischen Oppositionsgruppe in Polen

Frake: Als Gierek vor 9 Jahren die Macht ubernahm. versprach er nicht nur die Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern auch die Demokratisierung des politischen Le. bens. Die neue Regierung hat in der Tat in den letzten Jahren zahllose politische Gefangene freigelassen. Inwieweit hat die Fuhrungsgruppe von Gierek aber dieses Versprechen tatsächlich eingelöst? Antwort: Erinnern wir uns daran. dass Gierek nach einer Welle von Massenstreiks zur Macht kam. die im Dezember 1970 in Danzig. Steitin und einigen anderen Stadten des Küstengebietes ausbrachen. Unmittelbarer Grund dieser Streiks war die Preiserhöhung für Lebensmuttelartikel. die Gomulka durchführte Aber die wirklichen Ursachen der Unzufriedenheit muss man einiges heler suchen. Es handelte sich im wesentlichen um einen spontanen Protest gegen die bisherige Politik der Partei, gegen das Übergehen der Bedürfnisse der Massen. die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen. schlussendlich ein Protest, der durch ein Ohnmachtseelühl hervorgeruten wurde. durch das Bewusstsein, dass die Arbeiter/innen in keiner Weise Einfluss auf die von Partei und Regierung gefassten Beschlüsse haben... Und die Arbeiter der Küstenregion haben durch diesen Protest eine Änderung der Parteipolitik erzwungen?

Die Bürokratie kann die Macht tatsächlich mıt niemandem teilen. Gomulka behauptete, dass die Arbeiter nicht "zum Bewusstsein des staatlichen Interesses emporwachsen" . weil sie nur durch den Egoismus gleitet werden und daher Polen zugrunde richten, wie es die polnische Szlachta (Kleinadel) getan habe. Obwohl Gomulka selbst im Dezember 1970 die Niederlage einsteckte, so vertritt doch auch die Führung diesen "marxistisch-leninistischen" Standpunkt. Gierek versprach, die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern, das "Band zwischen Partei und Arbeiterklasse" zu verstärken, aber in keinem Fall stellte er sich so etwas wie eine Demokratisierung des politischen Lebens vor. Im Gegenteil: Gierek erklärte sich einverstanden mit der Rücknahme der Preiserhöhungen einzig unter der Bedingung, dass die Arbeiter die Streiks abbrechen und die in deren Verlauf entstandenen Streikkomitees - die wirklichen Machtorgane der Arbeiter - auflösen. Aut diese Weise beseitigte Gierek die einzige Keimform einer Arbeitermacht und damıt eben auch gleichzeitig die Möglichkeit einer Demokratisierung des politischen Lebens.

Was wurde aus der von Gierek propagierten "Konsultation" der Arbeiterklasse bei wichtigen Entscheidungen?

Weil sie die Arbeiter nicht zur Teilnahme am politischen Leben zulassen konnte, gah die neue Führung ihnen das Versprechen, dafür in cinem "neuen Stil" zu regieren, wie man es damals sagte, und die wichtigsten Entscheidungen in der "Konsultation" mit der Arbeiterklasse abzusprechen. Das war, wie heute jedes Kind in Polen weiss, nur demokratische Illusion. Selbst wenn wir den guten Willen der Parteiführung annehmen, selbst wenn Gierek wirklich wünschte, die Meinung der Arbeiter kennenzulernen, auch dann würde er im Verlaufe der "Konsultation" nur die Stimmen derjenigen hören können, die er selbst als Vertreter der Arbeiterklasse anerkannte und ernannte. "Konsultation" oder auch "Dialog" der Macht mit der Gesellschaft ist ausserdem schon im Begriff selbst absurd. Sobald man nämlich davon ausgeht, dass die Arbeiterklasse, die Gesellschaft, die Macht hat - das heisst. sich über ihre Rechte bewusst ist und über sich selbst entscheidet -, warum hätte sie dann überhaupt noch mit einer "Macht" diskutieren sollen? Trotzdem aber hat die Formel "Dialog" einen Sinn drückt sie doch den wirklichen Riss aus, den politischen Konflikt. drückt den ungesellschaftlichen Charakter eben der Macht aus. Nehmen wir das zweite Versprechen der Gierek-Gruppe: die Verbesserung des Lebenstandards. Ein ehemaliges Mitglied eines Streikkomitees der Dezemberbewegung hat mir erklärt, die Löhne seien damals real innerhalb von wenigen Monaten verdoppelt worden - natürlich in den Betrieben mit der grossten Streikaktivität. Und das Wohnungsproblem sei für einzelne Betriebe für alle Arbeiter innerhalb kurzer Zeit gelöst worden. Heute scheint es, dass die polnische Wirtschaft eine tiefe Krise durchmacht. Auch die enthusiastisch angekurbelte Reform des Planungs- und Verwaltungssystems ist zurückgeschraub: worden. Wie ist das zu begreifen?

Hier lohnt es sich vielleicht, erneut daran zu erinnern, dass das Hauptargument der neuen Führungsgruppe, das ihr die Zurückdammung der explosiven Stimmung Ende 1970 und Anfang 1971 erlaubt hat, die Perspektive einer beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung und als Folge davon eine grundsätzliche Verbesserung der Lebensbedingungen war. Und tatsächlich hat sich die polnische Wirtschaft in den ersten Jahren ausserordentlich schnell entwickelt. Das Nationaleinkommen ist in den Jahren 1971 bis 1973 um über 10% jährlich gewachsen. Die Industrie wurde bedeutend ausgebaut und mordernisiert. hauptsächlich dank ungeheuren ausländischen Krediten. Die Arbeiter begannen zu glauben, dass sie sich schon in Kürze einen Fiat Jeisten könnten. In der Art der Wirtschaftsverwaltung aber änderte sich nicht viel. Die in dieser Zeit eingeleiteten Reformen schlossen nicht nur de facto jede Teilnahme der Belegschaft an der Produktionsverwaltung aus, sondern entzogen ihr oft auch noch die formalen Rechte, die sie schon besass. Diese Reformen waren nicht das Ergebnis irgendeines überlegten, langfristigen Plans der organisatorischen Umgestaltung der Wirtschaft wie z.B. im Fall der Wirtschaftsretormen in Ungarn - , sondern waren Ausdruck völlig spontaner Tendenzen des Ausbaus des bürokratischen Machtapparats selbst, die Schaffung neuer bürokratischer Pöstchen, neuer Ruheposten fur Würdenträger. Die ganze Wirtschaftsentwicklung war vom gesellschaftlichen Gesichtspunkt her ein Prozess der Herausbildung der Bürokratie und der Verstärkung des Machtapparates selbst...

Und der wirtschaftliche Aufschwung? Heute scheinen davon nur noch die vielen neuen und stillstehenden Betriebe zu zeugen... Schon bald zeigte sich, dass die weitere Entwicklung auf grundlegende Hindernisse stiess. Von 1973 an begann die Wachstumsrate des Nationalproduktes plötzlich zu fallen. Im Plan für das Jahr 1979 schliesslich ist praktisch überhaupt kein Wachstum mehr vorgesehen. Die Unterhaltskosten sind in den letzten Jahren unerhört gewachsen, ständig wächst die Zahl der Leute. die auf eine eigene Wohnung warten, weiter fehlen in den Läden viele Artikel des täglichen Gebrauchs, Der vergangene harte Winter zeigte schliesslich den katastrophalen Zustand der polnischen Energie- und Verkehrswirtschaft auf. Obwohl schon längst kein Schnee mehr zu sehen ist (das Gespräch wurde im Mai geführt), konnte bisher noch nicht zum normalen Betrieb im Eisenbahnverkehr zurückgekehrt werden. Der Zustand der "Naturkatastrophe" dauert also weiter an, insofern allerdings, als man mit "Natur" die bürokratische Herrschaft benennen kann.

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Die Stimmung unter der Bevölkerung schien mir in diesem Winter cher gedrückt, bei den von Partei und Behörden aufgerufenen Schneeräumungsaktionen war die Beteiligung trotz den in der Presse angegebenen hohen Zahlen nicht sehr massiv! In den immer seltener kursierenden Autobussen waren Unmutsäusserungen an der Tagesordnung...

In unserer Gesellschaft herrscht heute eine Stimmung der tiefen Enttäuschung und Apathie, die an die Stimmung Ende der 60er Jahre erinnert. Offiziell wird die ganze wirtschaftliche Krise mit verschiedenen ungünstiger: "objektiven" oder "subjektiven" Faktoren zu erklären versucht. Diese Art "Erklarungen" zeugt einzig davon. dass die Bürokratie nicht imstande ist. die gesellschaftlichen und politischen Quellen der Krise auszumachen. Ihre eigene Situation wirkt hier direkt verhängnisvoll: Einmal kann sie auf keinerlei Art fertigwerden mit den von Mal zu Mal ausbrechenden Streiks und der wachsenden Unzufriedenheit der Arbeiter seibst, die sich-nur allzu gut noch an die Ereignisse von 1970 erinnern. Zum andern muss sie sich um die Rückzahlung Anfangs der 70er Jahre aufgenommenen ausländischen Kredite kümmern Krete. die sie selbst verschwendete Wenn sie sich also nicht zum Bankrott auf dem internationalen Schauplatz bekennen will, muss sie die Arbeiter antreiben, muss sie die natürlichen Reichtümer Polens wie Kohle, Kupfer, Schwefel usw. ausverkaufen. Damit aber vergrössert sie nur den Widerstand der Arbeiterklasse selbst und macht dem Arbeiter bewusst, dass die wirtschaftliche Krise nur cin Zeichen der politischen Krise ist. hervorgeruten durch das Fehlen demokratischer Freiheiten, das Fehlen der politischen Eigenständigkeit der Arberterklasse selbst.

Welche Rolle spielt in dieser Krisensituation die polnische Opposition? Kann man überhaupt von der Opposition im allgemeinen spre. chen? Welche Stromung innerhalb der Opposition ist Deiner Meinung nach die wichtigste fur die politische Aktivierung der Arbeiterklasse?

Die Opposition in Polen hat in ihrer grundlegenden Strömung ausgesprochen reformistischen Charakter. Sie wendet sich nicht so sehr gegen die bürokratische Macht selbst, sondern cher gegen den "Missbrauch" der Macht durch die Bürokratie. Sie stellt sich also nicht so sehr den Klasseninteressen dieser Macht entgegen, sondern eben den Mitteln, mit welchen die Bürokratie ihre Herrschaft stützt. Wenn sich diese Opposition also für die Demokratie ausspricht, so bedeutet Demokratie für sie nicht notwendige politische Aktivierung der Arbeiterklasse selbst, die Gründung von Arbeiterräten, sondern einzig die "Liberalisierung" des bestehenden Systems, die Einhaltung der ""Menschen- und Bürgerrechte" ", der "Rechtsstaatlichkeit" die Beschränkung der Zensur usw. Es herrscht noch ziemlich verbreitet die Überzeugung, dass die Machthaber in einer bestimmten Situation gezwungen sein werden, sich nut Konzessionen dieser Art einverstanden zu erklären. Eine solche Orientierung repräsentieren z.B. die Mitglieder des KOR - des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter". In den von ihnen herausgegebenen Bulletins werden verschiedene Äusserungen des Machtmissbrauchs angeprangert, Verletzungen der Rechtsstaatlichkeit. Brutalitaten des Sicherheitsdienstes in der Auseinandersetzung mit streikenden Arbeitern. Die KOR-Leute organisierten Hilfe für die Opfer der Repression und ihre Familien. Sie entwickeln die sog. "fliegenden Universitäten" in privaten Wohnungen, mit Vorlesungen aus dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften und der Geschichte. Obwohl die Aktivität dieser Leute sicher Anerkennung verdient, so kann man sich doch nicht des Eindrucks erwehren, dass sie die ohne jede Übertreibung - historische Bedeutung der Dezemberereignisse 1970 nicht erfasst haben und aus den Erfahrungen der letzten Jahre keinerler Schlussfolgerungen gezogen haben.

Ja, diese Ertahrungen haben doch schliesslich bewiesen, und das ist fur die Arbeiter selbst auch immer klarer. dass nur im Verlauf der Arbeiferkample neue demokratische Institutionen hervortreten können. dass die Verwandlung von Streikkomitees in ständig arbeitende Arbeiterräte oder Fabrikkomitees der Antang und die Bedingung einer wirklichen Demokratisterung des politschen Lebens in Polen sind. Ausserdem haben diese Ereignisse gezeigt, dass die Arbeiterklasse die

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einzige Kraft ist, die mit ihrem Kampf das ganze Land aus der wirtschaftlichen Krise herausführen kann. Das Programm der beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung und der Modernisierung Polens wurde zwar von den Arbeitern selbst erkämpft, doch sie selbst haben sich ein solches Ziel nicht gesetzt. Umso weniger waren sie fahig. nachdem sie die Streikkomilees aufgelöst hatten, diese Entwicklung zu kontrollieren. und eben darum wendet sich diese Entwicklung letztlich gegen sie selbst in Gestalt des totalitären Staates. Die Ideologen der Opposition denken, dass Freiheit und Wohlstand kanz einfach "gespendet werden" können. Unaufhörlich klagen sie den "Despotismus" der "kommunistischen" Macht an und schen nicht. dass die despotische Kraft des Machtapparates einzig der Ausdruck für die Zersplitterung der Gesellschaft selbst ist, va. der Arbeiterklasse. Und nur die Organisation der Arbeiterklasse, angefangen mit der Organisation von Streikkomitees (und nicht mit der Verfassung von offenen Briefen an dle Partei) ist heute, nach den Ereignissen vom Dezember 1970 und vom Juni 1976, der einzige Ausweg aus der gegenwärtigen Situation.

Wie sieht diese "reformistische" Opposition die Perspektiven und die einzelnen Schritte im Prozess der Demokratisierung?

Das Bewusstsein der Opposition in Polen zeigt sich vielleicht am besten an der rückwärtsschreitenden Entwicklung der Ideen von Jaček Kuron, einem der KOR-Führer. Kuron war ja - wie bekannt - Mitautor einer gesamthaften Analyse des Gesellschaftssystems in Polen, die er im "Offenen Brief an die Partei von 1963 darstellte. Die Richtigkeit vieler seiner Beobachtungen sollte damals schon nach kurzer Zeit der Verlauf der Ereignisse beweisen. Seit dieser Zeit aber hat Kuron nicht viel gelernt. Heute tritt er für, wie er das nennt, den "Pluralismus verschiedener sozialer Bewegungen" ein und wirft die Intellektuellenbewegung zur Verteidigung der Kultur, die Bauernbewegung. die Bewegung zur Verteidigung der religiösen Freiheiten und die Arbeiterbewegung in einen Topt.

Er hat damit jedoch die Gesamtübersicht über die aktuelle Situation verloren und versteht darum nicht. dass nur die Arbeiterbewegung. angefangen bei den ersten rein spontanen Kämpfen, historisch für die Demokratie in Polen bedeutungsvoll sein kann. Denn im Unterschied zu allen anderen "Bewegungen" stützt sie sich auf keine schon bestehende Institution des herrschenden Systems, sie hat als ihre Grundlage weder die Universität, noch die individuelle Bauernwirtschaft, noch die Kirche, sondern muss ihre eigenen Institutionen und Organe erst selbst schaffen. Und in dem Grade, wie ihr das gelingt, wird auch das despotische bürokratische Regime vernichtet werden.

Kann die klerikale und nationalistische Strömung der Opposition mit dem KOR in einen Topf geworfen werden?

Neben dem KOR hestehen selbstverständlich noch andere Ideen- Strömungen in der Opposition, Es gibt eine recht starke nationale und klerikale Strömung. die verschiedene traditionelle Vorurteile ausnützt, v.a. den Antisowjetismus. Alles, was der UdSSR schadet, ist hier gerne geschen und wird gepriesen. Es kam :so weit, dass die ideologen der sog. *"Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte" die Richtigkeit der chinesischen Politik nachwiesen. Der Antisowjetismus wird übrigens durch die Parteiideologen selbst geschickt geschürt. Ich war selbst Zeuge, als einer der führenden Parteiideologen.

Diskussion mit Studenten in die Inge getrieben, ihren Postulaten Recht gehen musste, aber gleichzeitig - mit dem Finger nach Osten zeigend ausrief: "Schon lange hätten wir es so gemacht, wenn uns nur sie nicht stören würden?" Den Namen dieses Genossen gebe ich preis, wenn sich die sowjetische Botschaft an mich wendet. Uber die Oppositionsgruppierung in der Arbeiterklasse hast Du bis. her nichts gesagt. Aus Deiner Ein. schätzung der Situation folgt doch aber gerade, dass eine erste 6ammlung der oppositionellen Arbeiter am wichtigsten ist....

Es besteht schlussendlich eine Arbeiter-Oppositionsströmung, die auch wenn sie nicht bewusst die ideologischen Schemen der Opposition der Intelligenz (KOR) überwunden hat - durch ihre praktische Ausrichtung sich davor schützt. Ich denke hier an die Gruppe, die die Zeitschrift "Robotnik" (Arbeiter) in einer bedeutenden Auflage herausgibt. In dieser Zeitschrift werden die aktuellsten Fragen angeschnitten, die die Arbeiter betreffen. Vom "Robotnik" wurden schon über 30 Nummern herausgegehen, diese gelangen in die Fabriken, werden sogar unter streikenden Belegschaften verbreitet, ermöglichen die Aufnahme von Verbindungen zwischen verschiedenen Kreisen von Arbeitern. Und nur dank diesen Kontaktnetzen wird die Verwandlung der bisher lokalen Kämpfe in einen allgemeinen und politischen Kampf möglich werden. Aus diesen Gründen scheint mir die Aktivität dieser Gruppe, die "Robotnik" herausgibt, am konstruktivsten und am meisten der Unterstützung werl.

Du selbst vertrittst ja hier auch eine bestimmte Gruppe der Opposition. eine politisch ausgerichtete Strömung. Ich habe Euer Programm "Über die sozialistische Demokratie" gelesen, und dieses ist mir ein bisschen zu wenig konkret vorgekommen. Zu wenig konkret v.a. dort. wo es um die Bestimmung des Weges zur Erkämpfung der soziali. stischen Demokratie geht. Diese Broschüre über die sozialistische Demokratie schrieben wir anfangs 1978. Es ging uns damals darum, eine mögliche gemeinsame politische Plattform für die ganze antibürokratische Opposition aufzuzeigen. Trotz vielen Mängeln erlaubte uns diese Broschüre, bestimmte Kontakte zu knüpfen, und diesem Sinne erfüllte sie ihre Rolle. Tatsächlich schrieben wir dort nicht im einzelnen über die nächsten Aufgaben und konkreten Aktivitäten, wollten hingegen die vielleicht banale Wahrheit in Erinnerung rufen, dass es "nur" darum geht, sich den Sinn der schon laufenden Kämpfe bewusst zu machen und diejenigen demokratischen Formen zu entwickeln, die schon aufzutauchen begannen. Darum eben erschienen als Anhang zu dieser Broschüre Ausschnitte der Diskussion der Werftarbeiter mit Gierek und Jaroszewicz im Vorlaufe des Streiks in der Stettiner Werft im Januar 1971. Die Analyse, der Erfahrungen dieser Ereignisse betrachten wir als ausserordentlich wichtige Sache.

Wo ist Eure politische "Heimat"? Versteht Ihr Euch als "Erben" einer revolutionären Tradition in Polen selbes Neulandit inwieweit fühlt Ihr politi- *. das ihr zu betreten gezwungen seid?

Unsere Broschüre unterschrieben wir mit "Gruppe von Kommunisten in Polen". Wir betrachten uns als Kommunisten, aber das bedeutet nicht, dass wir uns als Fortsetzer irgendeiner bestimmten politischen Tradition betrachten. Was denn könnten wir heute von der Vorkriegs-KPP (Kommunistische Partei Polens) übernehmen, doch wohl einzig das, was zu ihrer Niederlage geführt hat, nämlich ihre

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Abhängigkeit von den Stalinisten, ihr Sektierertum und ihren Dogmatismus. Die Besonderheit unserer Situation scheint eben dadurch bestimmt, dass wir als Kommunisten kein bestimmtes kommunistisches und revolutionäres Programm verwirklichen können. Ein solches Programm für Osteuropa besteht noch nicht, man muss es erst schaffen und kann es nur mit der Entwicklung der Arbeiterkämpfe in Polen und in den anderen Ländern des Ostblocks schaffen.

Worin besteht heute Eure wichtigste Aktivität?

Unsere Hauptaktivität besteht heute darin. Kontakte mit verschiedenen Arbeiterkreisen zu knüpfen. Wir verteilen unser eigenes Material sowie "Robotnik". . Wir bereiten kurze praktische Ratgeber für Streikkämpfe vor. Einmal verteilten wir Material über die spanischen Arheiterkommissionen. Wir überlegren uns. dass in Polen und in andern Ländern des Ostens die Nutzung der spanischen Frfahrungen möglich ist. Besonders aber liegt uns daran. dass die Arbeiter in Polen möglichst vollständige Informatio. nen über die Kämpfe selbst erhalten, die sich in ihrem Land und in den andern Ostblockländern abspiclen. Als unsere Verpflichtung crachten wir. Wege zu bahnen für brestere zukünftige Zusammenarbeit der Arbeiter in diesem Block Knüpft Ihr auch Kontakten an in die Partei hinein? Gibt es Eurer Meinung nach die Möglichkeit. in der Partei eine politische Arbeit zu entwickeln? Gerade Rudolf Bahro hat doch in seinem Buch "*Die Alternative" nicht ausgeschlossen. dass zumindest teilweise aus der Partei die neue revolutionäre Or. ganisation hervorgehen kann. Wenn man über die Partei spricht und über die Möglichkeit einer Tätigkeit darın, so muss man merner Memung nach zwei Sachen deutlich auseinanderhalten. Die Par- Ici als Organisation ist, wie wir das in unserer Broschure zu zeigen versucht haben, eine Klassenorganisaton der Bürokratie selbst. Sie ist das, was intern den Machtapparat selbst zusammenhalt, das, was trotz verschiedenen Zentrifugalen Tendenzen dessen zentraliserten und gleichzeitig ungesellschaftlichen Charakter aufrechterhält. Dieser organisatorischen Funktion der Partei widerspricht durchaus die Tatsache. dass andererseits, in bezug auf die Personen, die Mehrheit der Parteimitglieder Arbeiter oder Angestellte sind, die überhaupt keine Macht ausüben, die nicht den geringsten hanfluss auf die Beschlussfassung an der Spitze haben. So völlig illusorisch der Glaube an die Möglichkeit ist, der Partei als Organisation wieder einen revolutionären Charakter zu geben, so bin ich doch überzeugt, dass man unter den Mitgliedern der Partei viele zukünftige Revolutionäre finden kann. Zahlreiche Arbeiter-Mitglieder der Partei nahmen nicht nur teil an Streiks, sondern waren auch noch Mitorganisatoren. Wenn sie weiterhin in der Partei bleiben, so nur darum, weil sie noch keinerlei überzeugende Programme einer Aktivität sehen.

Eine letzte Frage: Was erwartet Ihr von uns, d.h. der revolutionaren Linken in den kapitalistischen Ländern?

Dass Ihr den antibürokratischen Kampf für den Sozialismus in allen Ländern des "unrealen Sozialismus" unterstützt, dass Ihr gegen die Stimme des "Freien Europas" die internationale Solidarität der Arbeiterbewegung verstärkt.

(Das Gesprach wurde im Mai 1979 von einem RML.-Genossen gefuhrt.) korrespondenz des Vereinigten Sekretariats der IV. Internationale wird herausgegeben von der Gruppe Internationale Marxisten, Deutsche Sektion der IV. Internationale, Speicherstr. 5, 6000 Frankfurt/M. 1. IMPRESSUM

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