Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Schlacht von Doshan Tapppeh

· Inprekorr Nr. 99, 15. März 1979 · S. 5-7 · 2.143 Wörter

Iran USA und Kanada Gewerkschaften und Streiks

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Die Schlacht von Doshan Tappeh

Interview mit einem "Homafar von Cindy Jaquith, Teheran

Als eine Gruppe von Luftwaffensol- Auslöser des Teheraner Aufstandaten der Basis Doshan Tappeh am 9. des vom 9. bis 12. Februar war die Februar beschloß, den Panzern und Ku- Rebellion der "Homafar" Luftwaf- geln des Schah Widerstand zu leisten, da fenstützpunkt Doshan Tappeh antwortete die in der Nachbarschaft (vergl. INPREKORR Nr. 98 vom wohnende Bevölkerung sofort auf ihre 1. März 1979). Hilferufe. Aber wenige unter den Tausen- Eines jedoch ist heute schon sicher: in einer ganzen Serie von Betrieben und Büros werden die Aufgaben der Arbeiterkontrolle sofort auf die Tagesordnung gestellt werden. Zum ersten, um die Pfeiler des alten Regimes in einem Betrieb zu vernichten. So haben die Ölarbeiter von Ahwaz den Rauswurf von 11 hohen Kadern der National Iranian Oil Company gefordert. Nach einem Regime, das sich einzig und allein auf Korruption und Schmiergelder stützte, das es seinen treuesten Dienern verteilte, bekommt natürlich die Forderung nach Säuberung und Offnung der Rechnungsbücher sehr . schnell einen breiten Charakter. Die Arbeiterkontrolle wird dazu noch von den besonderen Merkmalen der iranischen Industrialisierung gefördert. Die Spitzenindustriesektoren im Iran, die im Rahmen der Weißen Revolution durch die Pedrodollars finanziert worden waren, sind ganz und gar von der aus dem Westen importierten Technologie abhängig.

Auch wenn sich heute die großen Multis nach nicht dazu entschlossen haben, aufs Ganze zu gehen und wie in den Fällen von Kuba oder Chile zur Allende-Zeit einen Wirtschaftsboykott zu betreiben, so macht der Auszug von 90 000 der 100 000 auslandischen Experten spezifische Formen der Selbstorganisation der Arbeiter notwendig, um die Produktion in mehreren Einheiten des Landes anzukurbeln und zu kontrollieren, sei es auch nur um das Leitwort Khomeinis über die Wiederaufnahme der Produktion zu befolgen.

Damit kann sich eine ganze Klasse ihrer Kraft und ihrer Rolle bewußt werden und in der Praxis die Worte Khomeinis widerlegen, wonach "Eine einzige soziale Klasse unfähig ist, die Zukunft der iranischen Gesellschaft in die Hand zu nehmen!".

den von Leuten, die aus Solidarität sich zur Basis • hin in Marsch setzten, waren sich bewußt, daß sie dem Ausbruch des Aufstandes von Teheran beiwohnten. Selbst die jungen Leute der Luftwaffe wußten nicht, daß die Schlacht von Doshan Tappeh im Sturz der verhaßten Pahlewi-Monarchie gipfeln würde. und "Rouge" (Frankreich), ein Soldat von der Luftwaffe, wie diese Schlacht ablief. Er bat, seinen Namen nicht zu nennen, denn "ich möchte, daß bekannt wird, was hier passierte. Wir wollen, daß

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dem amerikanischen Volk klar wird, daß wir nichts gegen das Volk haben, sondern daß wir gegen die Regierung sind". Er begann, uns zu beschreiben, wie sich die Angehörigen der Luftwaffe im vorigen Jahr radikalisierten. Der anschwellende Haß unter den "'Homafar" gegen den Schah und seine amerikanischen Militärberater begann, sich offen auszudrücken. "Homafar" sind junge Techniker und Ingenieure in der Luftwaffe; sie haben otwa den Rang eines "Sergent" in der US-Armee.

Die "Homafar" Sektion in der Luftwaffe, vor 13 Jahren gegründet, mußte immer die Überheblichkeit der Offiziere und die brutale Disziplin aushalten. Die Radikalisierung der Homafar entwickelte sich also auch zum Teil als Kampf um demokratische Rechte.

Etwa vor einem Jahr begannen die Homafar Streiks gegen die Militärdisziplin und gegen den Schah zu organisieren. Ein Beispiel davon sind die Ereignisse auf dem Luftwaffenstützpunkt Boushehr im südlichen Teil von Iran:

"Es ist die Basis; von wo aus die Flugzeuge zu umliegenden Ländern fliegen, um die Unterstützung des Schahs anderen Regimen zu liefern", , erzählte uns der Homafar. "Eines Tages gab ein General einem Homafar eine Ohrfeige. Aus Protest gingen die anderen für eine Woche in Streik. Sie weigerten sich, Flugzeuge zu reparieren, so daß während einer Woche alle Flüge verhindert wurden". Dann drückte man seinen Protest in Hungerstreiks aus: "Die Homafar konnen genausowenig wie alle anderen länger unter der Repression des Schah leben. Wir mußten in Aktion treten. So begannen wir Hungerstreiks. Die Losung wurde mit Flugblätter verbreitet und alle weigerten sich, zu essen." Die Generäle versuchten diese Streiks vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Manchmal teilten sie die Arbeitszeit so ein, daß keine Mahlzeit hineinfiel, damit es keinen Hungerstreik geben konnte. Sie hatten furchtbar Angst, daß andere Soldaten - und die Bevölkerung allgemein - das •Beispiel der Homafars aufnehmen könnten.

Als an den Demonstrationen gegen den Schah im letzten Herbst Millionen von Menschen teilnahmen, merkten die Homafar, daß auch sie öffentlich ihre Gegnerschaft zum Schah kundtun müßten. Se fingen sie an, ihre eigenen Demonstrationen gegen die Monarchie zu organisieren.

"Homafar unternahmen, ausgehend von ihren Kasernen, Demonstrationen im ganzen Land. Wir verurteilten den Schah - und später Bakhtiar - und unterstützten Ayatollah Khomeini. So wurde jedem Klar, daß die Homafar auf der Seite des Volkes standen".

Diese Demonstrationen mußten in den Kasernen im Untergrund vorbereitet werden. Die Homafar brauchten auch die Unterstützung der Zivilbevölkerung: "In Flugblättern in der Kaserne wurden Ort und Zeit der Demonstration angegeben. Die Homafar versammelten sich dann in Uniform an einem Punkt, und Unterstützer aus der Zivilbevölkerung kamen an einem anderen Punkt zusammen. Dann vereinten wir die Kräfte für die Demonstration."

Dadurch, daß viele Zivilisten anwesend waren, konnten viele Luftwaffensoldaten vor der Repression geschützt werden. Dennoch verloren etliche Homafar ihr Leben: "Die Geheimpolizei ergriff einige beim Flugblattvertoilen. Andere wurden auf Demonstrationen von Generälen erkannt. Es geb Verhaftungen. Kurz bevor der Schah das Land zu verlassen gezwungen war, ließ er 157 Homafar auf der Luft waffenbasis • von Jamshidieh in teheran erschießen. Vierzig weitere wurden danach erschassen."

Das Massaker von Jamshihied erschien in der bürgerlichen Presse erst nach der Abreise des Schah. Bakhtiar leugnete, daß diese Erschießungen jemals stattgefunden hätten.

Das Ereignis, daß die Schlacht von Doshan Tappeh auslöste; war die Demonstration vom 8. Februar , an der in Teheran mehr als 1 000 Leute teilnahmen. 1 000 Luftwaffensoldaten in Uniform sowie Weitere Militärs nahmen an einem Umzug teil, zu dem Khomeini aufgerufen hatte, um seinen neuen Premierminister, Mehdi Basargan, zu unterstützen. Die Homafar gingen in Gruppen zur Demonstration. "Am Morgen steckten wir unsere Uniform in Papiertüten und gingen zum Majlis (Parlament). Hinter dem Majlis lag ein Haus in der Nähe von Khomeinis Hauptquartier. Dort schlüpften wir in unsore Uniformen und reihten uns dann in den Demonstrationszug ein. Danach sind wir wieder in ein Haus zurückgekehrt, haben unsere Zivilkleidung angezogen und sind nach Hause gegangen. Wir wußten, daß es Spitzel unter uns geben mußte, die unsere Reihen brechen oder unsere Namen nennen wollten. Deshalb haben uns die Anhänger Khomeinis Schutz gewährt". • Am foigenden Tag, dem 9. Februar, herrschte in den Luftwaffenkasemen ungeheure Spannung. Für die militärische Hierarchio war die Demonstration der Homafar unerträglich - sie • drohte die Streikräfte mittendurch zu spatten. Die Luftwaffensoldaten dagegen waren mit noch größerem Selbstvertrauen zu außorn.

Am Abend des 9. Februar saßen die jungrekrutierten Homefer, die "Honarjoos";. in der Luftwaffenbasis Doshen Tappeh vor dem Fernseher und schauten sich eine Übertragung der triumphalen Ankunft von Khomeini in Teheran eine Woche zuvor an. Die Homafar selbst waren nicht anwesend, da sie zuhause wohnen.

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Eine spontane Demonstration brach im Fernsehraum aus. Mitglieder der Kaiserlichen Garde, die seit ein paar Wochen die Funktion der Polizei in den Luftwaffenkasernen übernommen hatten, stürzten in den Raum. Sie droschen mit den Gewehrkolben auf die Honarjoos ein und töteten einige durch Schüsse. Da das nicht genug war, nahmen sie einen Panzer und fuhren zur Tür herein. Die Honarjoos gingen raus und begannen, mit den Rufen zu demonstriren: "Nieder mit der Regierung Bakhtiar/ Raus mit der Garde!".. Sie riefen auch: "Allahu Akbar - Gott ist groß!", das ist der Hilferuf.

Eine Menschenmenge begann,-sich vor den Kasernentoren zu versammeln, vor allem Familienangehörige der Honarjoos. Als diese Menge immer mehr anschwoll, beschlossen die Kommandanten der Kaiserlichen Garde, ihre Streitkräfte für die Nacht von der Luftwaffenkaserne zurückzuziehen.

Früh am Morgen kamen die Homafar zu ihrer Arbeit an. "Wir hatten gehört, was in der vorhergehenden Nacht passiert war. Als wir zu den Toren kamen, standen noch Tausende von Leuten draußen. Sie geben uns zu essen.

Wir gingen hinein und sahen uns die Schäden an, die die Garden angerichtet hatten. Wir gingen in die Krankenhäuser und haben alle gesehen, denen man die Schädel eingeschlagen hatte. Wir waren außer uns vor Zor.

Deshelb weigerten wir uns, zur Arbeit zu gehen, sondern begannen, im Hof zu demonstrieren. Nach einiger Zeit gesel- Iten sich auch einige Offiziere und Unteroffiziere zu uns. • Da griff die Kaiserliche Garde die Kaserne an. Panzer drangen zur gleichen Zeit im Norden und im Süden gegen die Tore vor. Am Nordtor wurden sie aufgehalten: Zivilisten blockierten den Zugang, und die Torwächter schossen auf sie: Aber durch das Südtor ist die Kaiserliche Garde eingedrungen. Sie begannen mit Maschinengewehren einfach draufloszuschießen.

Die Homafar stürzten in die Waffenkammern, um Gewehre zu holen. Ein Hauptmann war da, der versuchte, sie am Betreten zu hindem. Er wurde mit einem Gewehrschuß getötet. Wir nahmen die Waffen an uns und gaben davon auch an die Zivilisten draußen.

Als jetzt alle in der Kaserne mitkriegten, daß die Kaiserliche Garde alle massakrieren wollte, die sich innerhalb der Kaserne befanden, da liefen auch die unteren Offiziere und sogar die "Grünen Käppis • (die den "Green Berets" • der US-Armee entsprechen) zu den Homafar über, um den Angriff zurückzuschlagen. Die Frauen und die Kinder, die in der Kaserne lebten, rannten zu den Panzern und verbrannten einen davon.

Wer von uns innerhalb der Basis •war, der zwang mithilfe der Zivilisten, die von den Dächern außerhalb schossen, die Kaiserlichen Garden, sich aus der Kaserne zurückzuziehen. Dann trieben wir sie weiter zurück, Hausblock für Hausblock. An jeder Straßenecke errichteten wir eine neue Barrikade, sobald sie davon zurückgewichen waren."

Sobald die Basis in Sicherheit war, wählten die Homafar neue Offiziere. Die höheren Offiziere waren während der Schlacht verschwunden - außer General Rabii, der nationale Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte. Rabii war die ganze Zeit da und beobchtete von einem Hubschrauber aus, wie seine Leute getötet wurden.

Aber die größten Verluste hatte die Kaiserliche Garde - mehr als die Hälfte der 63 im Kampf gefallenen.

Die Insurrektion breitete sich von Doshan Tappeh aus weiter aus. Die Homafar stürmten eine Polizeistation um mehr Waffen für das Volk zu kriegen. Sie nahmen an den Schlachten teil, die in der Stadt überall tobten, wenn auch in unorganisierter Weise.

Dadurch, daß sich die Armee gegenüber dem Aufstand gewissermaßen selbst auflöste; wurde der Sieg des Volkes ermöglicht. Ein wichtiger Faktor war auch die einmalige Solidarität der Zivilbevölkerung mit den Homafar, als die Kämpfe begannen.

Aus einigen Presseberichten entstand das schiefe Bild, daß die Hauptkräfte, die zusammen mit den Luftwaffensoldaten kämpften, die beiden Guerillagruppen - die Mudschahidin und die Fedayin gewesen seinen. Nun, diese Guerillas haben aktiv teilgenommen, aber ihre An. zahl war relativ gering. Wie der Homafar, den wir interviewten, sich ausdrückte: "Jeder in Teheran war ein Mudschahidin während des Aufstandes".

Auch nach dem Sturz der Monarchie blieben die Homafar aktiv. Als Premierminister Basargan den General Mehdiun zum neuen Oberbefehlshaber der Luftwaffe ernannte, brachen Proteste auf Luftwaffenbasen im ganzen Land aus. Mehdiun, der vierzig Jahre lang unter dem Schah gedient hat, wird als Verräter gegenüber der Revolution angesehen. Basargan war schließlich gezwungen, einen anderen Befehlshaber für den Posten zu ernennen. Während der Demonstration gegen Mehdiun, erhoben Luftwaffensoldaten die Forderung, daß sie befugt sein sollten, ihre Offiziere selbst zu wählen. Auch andere demokratische Forderungen wurden in den Kasernen der Luftwaffe aufgestellt.

Der Homafar erklärte uns "Wir müssen die gleichen Rechte haben wie alle anderen Bürger im Iran. Das bedeutet das Recht zu sagen und zu schreiben, was uns gefällt, und jedes Buch zu lesen, was wir wollen. Wir sollten die Möglichkeiten haben, politischen Parteien beizutreten und zu wählen.

Nach den derzeit geltenden, vom Schah erlassenen Gesetzen brauchen Homafar eine Genehmigung, um zu heiraten. Wir können nicht in Universitäten Vorlesungen hören, Offiziere dagegen können das. Diese •Gesetze müßten abgeschafft werden.

Ein weiteres Verbot lautet, daß wir nicht mit Ausländern sprechen dürfen. Damit wir keine militärischen Geheimnisse verraten. Das ist einfach lächerlich. Welche Geheimnisse könnte ein Homafar der CIA verraten? Es war doch die CIA, die in erster Linie die iranischen Streitkräfte aufgestellt hat!".. Am Schluß des Interviewa schnitten wir die Frage der einfachen Soldaten der amerikanischen Armee an. Welche Haltung haben die Homafar ihnen gegenüber?

"Wie ich schon vorher sagte, sind wir nicht gegen das amerikanische Volk. Die amerikanischen Soldaten sollten sehen, was die US-Regierung in Vietnam tat. Sie drang dort ein, um die Angelegenheiten des vietnamesischen Volkes an sich zu reißen. Wenn die Vereinigten Staaten Truppen in den Iran schicken würden, dann um unser. Öl an sich zu reißen. Wenn amerikanische Soldaten, wie wir für demokratische Rechte streiten, dann unterstützen wir sie: Wir stehen hinter jedem, dessen Rechte ihm vorenthalten werden."