DIE STALINISTISCHE FÜHRUNG VOR DEM OFFENBARUNGSEID Boumedienne übt auf die PAGS jeglichen politischen Druck aus, der not. wendig ist, damit ihre Führung dazu gebracht wird, ihre Worte und ihre Taten in völlige Übereinstimmung zu bringen. Schon seit einiger Zeit ist er darum bemüht, sich eine militante Basis zu schaffen, die es ihm ermöglicht, seine eigenen politischen Vorhaben gegenüber den 'Liberalen' aller Schattierugnen durchzusetzen. Und die wachsende Unzufriedenheit des Volkes sowie die Entwicklung von Massenmobilisierungen in den letzten beiden Jahren machen den Einsatz der Stalinisten zu diesem Zweck noch notwendiger als zuvor.
So ist es nach der letzten Welle von Arbeiterkämpfen offensichtlich geworden, daß die UGTA eine Erneuerung ihres kompromittierten Apparats nötig hatte und glaubwürdigere Bürokraten zuhilfe nehmen mußte. In diesem Sinne haben Boumedienne und Yahyaoui auf dem Gewerkschaftskongreß gegen die Benikous-Führung, die beabsichtigte, in einer krampfhaften Verteidigungshaltung ihrer Privilegien das politische Gewicht der PAGS bei der Vorbereitung und Durchführung des Kongresses zu beschränken, interveniert. Während nach den Statuten die Kandidaten zur Exekutivkommission der UGTA immer FLN-Mitglieder sein müssen, gelang es PAGS-Genossen, sich in dieses Gremium wählen zu lassen. Nun gesteht aber die Führung der PAGS selbst ein, daß sie nicht über eine genügend starke Arbeiter-Basis verfügt, um in der Lage zu sein, ihre Kandidaten durchzuboxen, und die Wahl der Gewerkschaftsführung wird von einer Kandidaten-Kommission der FLN streng kontrolliert. Die Wahl von PAGS-Genossen in die Führung der UGTA muß also von der bonapartistischen Herrschaft beschlossen worden sein, die sicher die PAGS einem politischen Test unterwerfen wollte. Nachem eine Kraftprobe vermieden worden war, bleiben der stalinistischen Führung nur die Alternativen: von ihren in die UGTA-Führung gewählten Mitgliedern verlangen, daß sie der FLN beitreten, oder daß sie ohne viel Aufhebens aus der Exekutivkommission zurücktreten. Das Dilemma war umso kniffliger, als der unerwartete Aufstieg der PAGS in die Gewerkschaftsführung ihr objektiv dung auszuweichen.
Boumedienne übt auch bei der Jugend Druck aus. Die stalinistische Führung hat es durch ihre kollaborationistische Politik ermöglicht, daß die Studentenbewegung zerstört wurde, und sie hat den Übergang der JFLN (FLN-Jugend) in die UNJA (Union Nationale de la Jeunesse Algerienne = Nationaler Bund der Algerischen Jugend) gedeckt. Aber bis jetzt kämpfte sie darum, die organisatorische Autonomie der CVRA (Comites du Volontariat Etudiant pour la Revolution Agraire = Komitees für die freiwillige Arbeit der Studenten für die Agrarrevolution), die eine legale Struktur für den wichtigsten Sektor ihrer Intervention stellen, maximal zu wahren. So hatte die Führung der PAGS im April 1977 auf die Versuche der FLN- und UNJA-Führungen, die CVRA aufzulösen und UNJA-Sektionen an der Universität zu bilden, heftig reagiert und diese Offensive als reaktionär bezeichnet. Ein Jahr später (im März 1978) wurde die gleiche Offensive immer noch im Rahmen der Vorbereitungen zum FLN-Kongreß von Boumedienne selbst durch ein Präsidentschaftsrundschreiben wieder gestartet, dessen Text keinen Raum für Zweifel läßt: Alle Strukturen für die freiwillige Arbeit der Studenten müssen unter die direkte Kontrolle der Partei gestellt werden.
Diesmal kam die Führung der PAGS um eine Entscheidung nicht herum. Es war ihr nicht mehr möglich, die Operation ihrem sonst üblichen Sündenbock, der 'Reaktion'. , in die Schuhe zu schieben. Nach kurzem Zögern beugte sie sich schließlich der Entscheidung des Präsi- Mann der 'Nationalen Volksarmee', der Nachfolgerin der glorreichen Nationalen Befreiungsarmee' ALN, gefangengehalten...
Aber wer auch seine Kerkermeister sein mögen, fest steht jedenfalls: Dieser Mann von etwa 60 Jahren hat ein Drittel seines Lebens im Gefängnis verbracht, davon mehr als 13 Jahre unter Boumedienne. Angesichts dieser empörenden Tatsache ist es dringend notwendig, die Mauer des Schweigens, die um ihn sogar von gewissen ehemaligen Freunden der algerischen Revolution aufgerichtet wurde, niederzureißen. Ist es nicht bezeichnend, daß die gesamte 'große französische Presse' ohne eine einzige Ausnahme sich weigert, den Fall Ben Bella zu erwähnen, wo sie sich doch so denten und ließ es geschehen, daß ihr wichtigstes politische Instrument zerstört wurde. Gleichzeitig beschloß sie, obwohl die Masse der Studenten gegen die FLN-Jugencorganisation war und die PAGS auf zahleichen Vollversammlungen gegenüber der Forderung nach einer autonomen Studentengewerkschaft in der Minderheit war, all ihre Kräfte in den Aufbau von Sektionen der UNJA an der Universität zu investieren. Diese kampflose Kapitulation vor der bonapartistischen Offensive in dem Sektor, wo die PAGS die bei weitem bedeutendste organisierte politische Kraft war, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Weg, den die stalinistische Führung heute gehen kann.
Denn der ganze Druck, der von Boumedienne derzeit ausgeübt wird, hat nur eines zum Ziel: die Selbstauflösung der PAGS in der FLN zu erreichen, wenn möglich schon vor dem Kongreß. Zu diesem Zweck sollen auch schon Kontakte auf höherer Ebene geknüpft worden sein, insbesondere über den Generalsekretär der französischen KP.
Die Führung der PAGS hätte es ihrerseits vorgezogen, daß eine Front aus mehreren Komponenten, die offiziell anerkannt werden, gebildet wird. Die bonapartistische Macht hält aber an ihrer un-
FÜR BEN BELLA!
zahlreicher anderer Fälle von Menschenrechtsverletzungen bemächtigt? Drängt sich da nicht die Annahme auf. daß es darum geht, dem algerischen Regime nicht zu mißfallen?
Wird die Selbstkritik' der KP Frankreichs hinsichtlich der Diktatur Boumediennes (siehe Kasten) durch ihr Schweigen zu Ben Bella nicht noch lächerlicher und empörender? Der "Fall' Ben Bella ist keineswegs eine interne Angelegenheit, die bis in die Ewigkeit zu vertuschen die algerischen Führer ein Recht hätten. Wer sich heute um das Leben von Ben Bella Sorgen macht, der identifiziert sich damit keineswegs im nachhinein mit der Politik, die dieser zwischen 1962 und 1965 führte. Aber die willkürliche Gefangenhaltung Ben Bellas symbolisiert auf ihre Art, daß die derzeitigen Führer die algerische Revolution konfisziert haben.
Der Kampf um seine Freilassung muß auch Gelegenheit sein, das Schicksal aller politischen Gefangenen des Regimes an die Öffentlichkeit zu bringen. Die 'humanitären' Organisationen müssen ihr verdächtiges Schweigen brechen! Nur durch eine internationale Kampagne kann man in dieser Sache Erfolg erringen. Die Freilassung von Ahmed Ben Bella muß wieder zur Sache aller Anti-Imperialisten werden! nachgiebigen Gegnerschaft jeglichen Ansatzes von politischem Pluralismus fest. Im übrigen hat sich ihre Festigkeit gelohnt, sie hat sich durchgesetzt und die Führung der PAGS dazu gebracht, nach und nach das Prinzip von der Einheitspartei zu akzeptieren.
Selbst die Zwischen lösung, die darin bestanden hätte, daß sie einen Teil ihrer Kräfte in die offizielle Partei investiert, aber gleichzeitig eine Eigenexistenz weitergeführt hätte, scheint heute außer Reichweite zu sein. Sie hätte unter den derzeitigen Bedingungen der Verschärfung der Klassenkämpfe zweifelsohne das geringere Übel für die stalinistische Führung bedeutet. Aber die bonapartistische Regierung will ihren Vorteil voll ausnutzen. So sollen einige bekannte Mitglieder der PAGS, die in die FLN aufgenommen werden wollten, abgewiesen worden sein. Sicher, es ist möglich, daß ein Flügel des Apparats, der die Stalinisten nicht in der offiziellen Partei haben will, mauert. Nichtsdestoweniger fügt sich das nahtlos in die derzeitige Politik Boumediennes ein, seine Verbündeten zum Offenbarungseid zu zwingen. Die Führung der PAGS schreibt in der Ausgabe vom April 1978 ihres Zentralorgans: „Die Eneuerung der FLN, ihre Umwandlung in einer ersten Phase in eine demokratisch-revolutionäre Organisationist absolut notwendig, und die Realisierung dieses Ziels wird weit über den nächsten Kongreß hinausreichen. Sie wird das gemeinsame Werk aller progressiven Kräfte sein, und jede wird dazu ihren originären Beitrag leisten. Die Kommunisten werden den ihren umso fester leisten, als diese Erneuerung eine ihrer Hauptachsen darstellt. " Diese • Position der Stalinisten ist nicht ohne Widersprüche. Sie hat den Vorteil, auf verschiedene Art und Weise interpretiert werden zu können. Sie kann zum Ziel haben, die Genossen gleich nach dem Kongreß zu schützen, indem der Kampf als ein langwieriger dargestellt wird, der also Zeit und Geduld benötigt. Aber sie kann auch Unentschlossenheit bedeuten. Denn eine Sache ist es, in geschriebenen Worten die Einheitspartei zu akzeptieren, eine andere, zu den praktischen Konsequenzen überzugehen. In Algerien haben ja die Klassenkämpfe seit 1977 sich sehr verschärft, insbesondere seit das Proletariat auf die politische Szene getreten ist, und das kann es der Basis der PAGS sehr schwer machen, die Pille der Selbstauflösung hinunterzuschlucken. Ihr seit zwei Jahren andauerndes politisches Unbehagen muß sich jedenfalls verschärfen und die Krise des Stalinismus in Algerien auf eine qualitativ höhere Ebene treiben.
Und doch deuten alle Handlungen der PAGS-Führung in den letzten Monaten darauf hin, daß sie bereit zu sein scheint, diesen Preis zu bezahlen. Höchstwahrscheinlich wird sie sich von ihrem bewährten "Realismus' leiten lassen nach dem Prinzip: Je mehr die Progressiven in der Regierung von der Reaktion bedroht werden, umso größere verantwortungsvolle Anstrengungen sind nötig, um sie zu stützen.' Und die enormen materiellen Vorteile, die ihr realistische Entscheidungen' bringen, werden ihr dies erleichtern.
Denn die Integration der stalinistischen Kader in den Apparat der FLN und der Massenorganisationen bedeutet zweifelsohne eine Quelle bürokratischer Privilegien, die in gar keinem Verhältnis zu den harten Bedingungen der derzeitigen Halb-Legalität stehen. Wenn aber die stalinistische Führung, nachdem sie maximal nachgegeben hat, jetzt anfängt zu taktieren, dann wird die bonapartistische Regierung allen Grund zu haben glauben, an deren Treuererklärungen zu zweifeln. Dann wird wahrscheinlich schnell die Peitsche das Zuckerbrot ersetzen mit umso größerer Wirksamkeit, als in den Jahren der aktiven Klassenkollaboration die PAGS sich ziemlich aufgedeckt hat.
DAS REGIME BOUMEDIEN- NE AUS DER SICHT DER KP
FRANKREICHS „Wir haben uns getäuscht im Juni 1965 in der Charakterisierung der Veränderungen, die in der Führung Algeriens abliefen. Wir gingen nur vom Augenschein aus: ein Militärputsch auf dem Hintergrund von Erdölquellen in einer strategischen Gegend der Welt, das roch nach der Hand der CIA, nach einer reaktionären Diktatur. ..
Präsident Boumedienne hat oft seinem Bemühen Ausdruck gegeben, die nationale Einheit zu wahren und zu festigen. .. Diese Sorge ist sicher der Entscheidung für ein Einparteiensystem nicht fremd. Man hat schon gesagt und geschrieben, daß diese Einheitspraxis dazu beiträgt, die wesentlichen Widersprüche verdecken und ein besonders undurchsichtiges politisches Klima zu schaffen. Dieser Vorwurf scheint nicht ohne Grundlage zu sein, aber er scheint mit ungerechtfertigt insofern, als er nicht berücksichtigt, wie die revolutionäre Macht diese - Widersprüche angeht. . .ohne gewalt- Zusammenstöße. um mit dem Patriotismus, der allen Klassen der Gesellschaft eigen ist, gemäß der sozialistischen Option zu han- Jacques de Bonis, Korrespondent der 'Humanite' in Algerien. Aus: 'Cahiers du Communisme' No 10, Oktober 1978.
Selbsten ung der Astin der FLN denunzieren, dann um zu verstehen helfen, daß das die letzte Konsequenz einer kriminellen und selbstmörderischen Politik ist, die möglicherweise morgen - für sie wie für uns in einem regelrechten Massaker enden wird."
..Die Klassenunabhängigkeit ats Proletariats, die im Kampf um die Unabhängigkeit der UGTA errungen wird, und die Bildung kommunistischer Organisationen ist eine unabdingbare Voraussetzung zur Lösung der zugunsten der Volksmassen. Krise der algerischen Gesellschaft
was ihr noch blieb, zu opfern. NATIONALE FRONT ODER EINHEITSPARTEI: Wenn wir die Gefahr der Selbstauflösung der PAGS in der FLN denun-